Toni Morrison – Heimkehr

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Toni Morrison – Heimkehr

USA, 1950er Jahre. Der Soldat Frank Money ist aus dem Krieg in Korea zurückgekehrt. Allein, seine Freunde, mit denen er voller Erwartung zur Army ging, hat er auf dem Schlachtfeld verloren. Die Erlebnisse des Krieges haben ihre Spuren hinterlassen und die Illusion, dass man als Schwarzer, der für das Land sein Leben riskiert hat, nun gesellschaftlich anerkannt wird, muss er schon bald ebenfalls begraben. Ziellos zieht er umher bis ihn die Nachricht erreicht, dass seine Schwester Cee schwerkrank ist. Zum ersten Mal seit Jahren wird er zurück nach Lotus in Georgia gehen, dem Ort, vor dem er einst flüchtete.

Nachdem ich mit großer Begeisterung Toni Morrisons letztes Buch „Gott, hilf dem Kind“ gehört hatte, war ich gespannt auf frühere Werke, die dieselbe Thematik zu anderen Zeitpunkten in der Geschichte der USA thematisieren. Jedoch konnte mich „Heimkehr“ nicht im selben Maße überzeugen, wie dies ihr aktueller Roman getan hat.

Die Geschichte erzählt die aktuelle Situation der beiden Geschwisterkinder parallel im steten Wechsel. Unterbrochen werden beide durch Kindheitserinnerungen, die auch wesentliche Erfahrungen, die für bestimmte Entscheidungen in ihrem Leben relevant waren, aufdecken. Franks Schwierigkeiten, die Kriegserlebnisse zu verarbeiten, die fehlende medizinische Unterstützung und dadurch ausgelöst immer wieder Zusammen- oder Ausbrüche, zeigen besonders gut, wie traumatisiert Soldaten zurückkehren und eine Integration in die Zivilgesellschaft für sie fast unmöglich ist. Cee wiederum, von der Stief-Großmutter von klein auf psychisch wie physisch gequält, wählt die erste Möglichkeit zur Flucht und sieht sich schon bald mann- und mittellos auf sich alleingestellt. Ohne Schutz wird sie als Schwarze, der auch niemand zu Hilfe kommen kann und will, Opfer böser Machenschaften, was sie beinahe ihr Leben kostet.

Die Erfahrungen, die die beiden Geschwister wie auch ihre Freunde aufgrund ihrer Hautfarbe machen, sind vielfältig. Vorurteile und Beleidigungen sind noch das geringste Übel; man versagt ihnen Wohnungen, da man sie in bestimmten Gegenden nicht wünscht. In der Armee, wenn sie ihr Leben riskieren, sind Schwarze wie Weiße gleich, aber im normalen Leben ist in den 1950er ist Segregation nach wie vor eine Realität.

Thematisch interessant mit vielen unschönen Einblicken hätte ich gerne mehr von Cee gehört; mit Frank kann man sich als Leser schwerlich identifizieren, was vermutlich zu dem nicht ganz begeisterten Eindruck beigetragen hat.

Paul Auster – Nacht des Orakels

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Paul Auster – Nacht des Orakels

Der Schriftsteller Sidney Orr erinnert sich an neun Tage im September 1982, die sein Leben nachhaltig verändern sollten. Gerade von einer sehr schweren Erkrankung genesen, erwirbt er am Vormittag des 18.9.1982 in einem wundersamen Schreibwarenladen in Brooklyn ein neues Notizheft. Sobald er dieses öffnet, fließen die Geschichten nur so aus ihm heraus, unter anderem die um Nick Bowen, einem Literaturagenten, den das Lesen des Manuskripts „Nacht des Orakels“ dazu veranlasst, sein bisheriges Leben hinter sich zu lassen. Doch Sidney Orr führt seinen Protagonisten in eine Sackgasse und eine neue Schreibblockade droht. Er möchte ein weiteres Schreibheft erwerben, doch der Laden ist nur 48 Stunden später verschwunden. Nicht nur seine beruflichen Sorgen, eng gekoppelt mit den finanziellen Nöten nach seiner langen Erkrankung, sondern auch das Verhalten seiner Frau Grace, die unvermittelt in Tränen ausbricht, dann plötzlich für einen ganzen Tag verschwindet, bereiten ihm Kopfzerbrechen. Sein alter Freund John Trause könnte ihm mentale Unterstützung bieten, doch dieser ist ebenfalls krank und der Ärger um seinen Sohn nimmt ihn gänzlich in Beschlag und plötzlich überschlagen sich die Ereignisse. Nur 10 Tage nach der Entdeckung des geheimnisvollen Schreibhefts muss Sidney feststellen, dass in seinem Leben nichts mehr ist wie am Morgen des 18. September.

Paul Auster hat seinen Roman 2003 veröffentlicht und greift scheinbar in vielerlei Hinsicht auf biografische Elemente zurück. Die Handlung ist in Brooklyn angesiedelt, wo auch Auster lebt. Der Protagonist ist ein Autor wie Auster selbst, der nicht nur Romane veröffentlicht, sondern gelegentlich auch für den Film arbeitet; in den Figuren Trause (ein Anagramm von „Auster“) und Grace lassen sich Parallelen zu Auster selbst und zu seiner Frau Siri Hustvedt finden; Trauses Sohn ist drogenabhängig und kriminell ebenso wie Austers Sohn.

Interessant wir „Nacht des Orakels“ durch die vielfache Verschachtelung. Das Manuskript zum gleichnamigen Buch wird einer Figur überlassen, die sich der Protagonist ausdenkt – es gibt ein Buch im Buch im Buch. Auf allen drei Ebenen erleben die Figuren Zufälle, die ihr Leben tiefgreifend verändern und, noch viel bedeutender, es kommt zu ungewollten Prophezeiungen, deren Realisierung sie ins Unglück stürzt.

Austers Erzählstil hat einen hohen Wiederkennungswert, wer andere Bücher von ihm mochte, wird auch viel mit „Nacht des Orakels“ anfangen können. Es ist noch nicht so weit wie das 2017 erschienene Epos „4 3 2 1“, das sowohl in Konstruktion, Handlung und vor allem Figurenzeichnung deutlich komplexer geraten ist, kann aber gerade auch in der Hörbuchfassung von Jan-Josef Liefers vorgetragen, überzeugen und sehr gut unterhalten.

Toni Morrison – Gott, hilf dem Kind

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Toni Morrison – Gott, hilf dem Kind

Lula Ann ist unter keinem guten Stern geboren. Ihre Eltern sind Afro-Amerikaner, deren Haut jedoch fast als weiß durchgeht; als die Tochter jedoch auf die Welt kommt, sind sie entsetzt: wie kann das Kind eine so dunkle Hautfarbe haben? Die Mutter hasst das Baby, der Vater verlässt sie. Lula Ann wächst heran ohne Liebe und Zuneigung; was sie sich am meisten wünscht, ist von der Mutter beachtet oder gar berührt zu werden. Dieser Wunsch führt zu einem bösen Fehler, den sie als Erwachsene korrigieren möchte. Inzwischen ist sie eine erfolgreiche und selbstbewusste Frau, die den Namen zu Bride geändert hat, um die Vergangenheit hinter sich zu lassen. Als ihr Freund Brooker sie verlässt und ihr Versuch, den Fehler aus der Kindheit zu korrigieren, scheitert, begibt sie sich auf einen Road Trip, der zugleich in die Vergangenheit und Zukunft führt.

Toni Morrison lässt ihre drei Protagonisten aus ihrer eigenen Perspektive erzählen. Sweetness, Lula Anns Mutter, die unter dem Aussehen des Kindes leidet und es nicht so lieben kann, wie sie eigentlich möchte und die weiß, was es bedeutet in den USA eine Schwarze zu sein. Sie erzieht die Tochter zu unbedingtem Gehorsam: nicht auffallen, immer schön anpassen, um unter dem Radar zu bleiben, und wegzusehen, wenn erforderlich. Aus dem so verschüchterten Mädchen wird langsam eine Frau, die ihre Vorzüge erkennt und sich aus dem engen Korsett lösen kann. Ganz kann sie die Dämonen ihrer Vergangenheit jedoch nicht ablegen und der Wunsch, ihren Fehler wiedergutzumachen, verfolgt sie über viele Jahre. Brooker, der Bride ohne Erklärung verlässt, wird ebenfalls von seiner Kindheit geplagt, die er nie hinter sich lassen konnte und die noch sein Leben als Erwachsener bestimmt.

Die Suche Brides nach Brookers Aufenthaltsort wird zu einer Reise zu sich selbst, mit Zwischenstopps in ganz anderen Lebensentwürfen und Rückblicken, die langsam ein Licht auf das werfen, was unzählige Jahre zuvor geschah.

Toni Morrison, die 1993 mit dem Literaturnobelpreis geehrt wurde, ist für ihre literarische Auseinandersetzung mit dem Rassismus in den USA bekannt. In „Gott, hilf dem Kind“ ist dieses Thema als Ausgangspunkt des ganzen Übels ebenfalls wieder präsent jedoch nicht so prägend wie die Frage nach Schuld und Wiedergutmachung. Das Kind Lula Ann lädt Schuld auf sich ohne sich der Dimensionen des eigenen Handelns bewusst zu sein und wird von dieser Schuld über viele Jahre geplagt.

Mir hat die Geschichte über weite Strecken sehr gut gefallen, jedoch bleiben die Figuren recht eindimensional. Sweetness, Bride und Brooker werden letztlich durch ein Ereignis bestimmt, das den ganzen Charakter überlagert und sie etwas flach erscheinen lassen. Die haben keine Facetten oder gar Widersprüche. Sehr unglücklich war ich mit dem Ende, das zu jeder Soap Opera gehört, aber für anspruchsvolle Literatur zu banal ist.

Orhan Pamuk – Schnee

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Orhan Pamuk – Schnee

Nach dem Tod seiner Mutter kehrt der Dichter Ka zum ersten Mal seit vielen Jahren in seine türkische Heimat zurück. Den eigentlich privaten Anlass will er auch nutzen, um über eine seltsame Serie von jungen Selbstmörderinnen zu recherchieren und über die aktuellen Bürgermeisterwahlen in Kars zu berichten. Aber auch seine ehemalige Mitstudentin Ipek möchte er gerne wieder treffen, nach der Trennung von ihrem Mann sieht Ka eine Chance für eine gemeinsame Zukunft für sie beiden. Allerdings hat Ka seine Rechnung ohne die Politik und den Geheimdienst gemacht, die ihm schnell vermitteln, dass seine Art der Arbeit nicht erwünscht ist. Ein Putsch, der seinen Ursprung im Theater nimmt, verschärft die bereits kritische Situation.

Wenn man nicht weiß, dass der Roman, auf dem das Hörspiel basiert, bereits 2002 erschienen ist – die deutsche Übersetzung folgte 2006 – könnte man „Schnee“ für tagesaktuell halten. Die Kontrolle der Medien (hier besonders hervorzuheben die Tatsache, dass manche Meldungen bereits geschrieben sind, bevor sie sich ereignen); der Kampf zwischen säkularen und zwischen konservativen Türken; die undurchsichtige Lage nach dem Militärputsch, der als solcher zunächst gar nicht erkannt wird und wie ein Teil der Inszenierung erscheint; das brutale Vorgehen gegen alle, die potenziell eine andere Meinung vertreten könnten – all dies ist uns auch 2017 bekannt. Diese politisch gefärbten Aspekte werden mit der persönlichen Geschichte des Autors, seinem Versuch, Ipek für sich zu gewinnen, und der späten Erkenntnis, dass er sich womöglich in der Frau getäuscht hat, geschickt verbunden.

Orhan Pamuk schafft ein interessantes Bild der Türkei, dass die Zerrissenheit und Zerstrittenheit der unterschiedlichen Strömungen im Land herausstellt und dabei keine Wertung vornimmt. Er lässt bewusst einen quasi Fremden auf die Zustände blicken – Ka war seit so langer Zeit nicht mehr in der Heimat, dass ganz als Europäer durchgeht, zwar noch die gemeinsame Sprache spricht, aber doch so anders denkt, dass er aus der distanzierten Perspektive die Geschehnisse beurteilen kann. Das Motiv des Schnees erscheint zunächst nicht in die Thematik zu passen, es ist auch nichts, was man unmittelbar mit der Türkei in Verbindung bringen würde. Aber von so kurzer Dauer, wie eine einzelne Schneeflocke ist, ist auch das Individuum nicht nur vergänglich, sondern eins unter vielen, von kurzer Zeit auf Erden, zunächst unschuldig und rein in seiner Form, in der Masse – Schneesturm, gefroren am Boden – jedoch mitunter brandgefährlich.

Ein aktuell immer noch beachtenswerter Roman, der 2004 von der New York Times als bestes ausländisches Buch und dem Autor 2005 zum Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verhalf und im Jahr darauf zum Literatur-Nobelpreis.

Francis Durbridge – Paul Temple and the Conrad Case

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Francis Durbridge – Paul Temple and the Conrad Case

Betty, Tochter des englischen Arztes Dr. Conrad verschwindet spurlos aus ihrem bayerischen Internat. Die örtliche Polizei kommt mit den Ermittlungen nicht weiter und bittet Scotland Yard und Paul Temple, sie zu unterstützen. Zunächst unwillig nimmt der Privatdetektiv mit seiner Frau Steve sich des Falls an. Im Zimmer des Mädchens entdecken sie ein seltsames Cocktailstäbchen, das ihnen noch häufiger begegnen wird. Die erste Spur führt zu dem Autor Elliot France, der häufiger Gast im Internat war und scheinbar Mädchen zu sich nach Hause einlud. Auch der englische Banker Denis Harper, mit dem Betty befreundet war, verhält sich eher verdächtig, ebenso wie das Personal einer Schneiderei, bei der Betty scheinbar einen Mantel in Auftrag gegeben hatte. Nachdem Betty plötzlich in London wieder auftaucht, scheint der Fall gelöst, doch ein Mord in Bayern und wiederholte Anschläge auf Paul und Steve lassen die beiden den Fall nicht beiseitelegen.

Das Hörspiel 1959 für die BBC als Serie produziert ist bereits der 19. Fall für das britische Ermittlerehepaar. Eigentlich ist Paul Temple Schriftsteller, der die Ermittlungen als Inspiration für seine Romane nutzen möchte, findet aber gefallen an der Detektivarbeit und kann etwas unkonventioneller als Scotland Yard arbeiten.

Der Fall Conrad ist bezogen auf Aufbau und Lösung ein typischer Paul Temple Fall, nur dieses Mal mit Ausflug nach Bayern und Österreich. Leider hatte man offenbar keine deutschen Sprecher, so dass alle Figuren lupenreines britisches Englisch sprechen, was ich etwas schade für die Atmosphäre fand. Der Fall selbst bietet einige unerwartete Wendungen, die jedoch für mich nicht ganz logisch in ihrer Auflösung erscheinen, was vor allem darauf zurückzuführen ist, dass Paul Temple auch Ermittlungen unternimmt, von denen man als Hörer nichts weiß und die nur gegen Ende etwas plötzlich berichtet werden. In der Reihe nicht unbedingt der spannendste Fall, aber durchaus unterhaltsam.

Dave Eggers – Bis an die Grenze

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Dave Eggers – Bis an die Grenze

Josie steht vor den Trümmern ihres Lebens. Eine Klage hat ihr ihre Zahnarztpraxis geraubt, von ihrem Mann ist sie getrennt und wenig hält sie mehr an der Vergangenheit und in der Heimatstadt. Kurzerhand packt sie die beiden Kinder, den 8-jährigen Paul und die 5-jährige Ana und flieht mit ihnen nach Alaska. Mit einem Camper möchte sie den Bundesstaat erkunden und in der Weite des Landes zur Ruhe kommen. Doch die Reise ist beschwerlicher als gedacht und aus dem Abenteuerurlaub wird bald schon der Kampf ums Überleben: Überleben der Erinnerungen, Überleben gegen bösartige Menschen, Überleben von Naturgewalten.

Konnte mich Dave Eggers in der Vergangenheit mit „The Circle“ und „A Hologram for the King“ begeistern, war dieser Roman auch für mich als Hörerin eine Herausforderung. Zwar ist der Plot durchaus interessant und bietet einige spannende Momente, aber die Figurenzeichnung war unsäglich. War Mae Holland in „The Circle“ bereits naiv bis dümmlich, übertrifft Josie sie noch um Welten. Die studierte Zahnärztin, von der man rationales und bedachtes Handeln erwarten sollte, bringt sich und die Kinder immer wieder in größte Gefahr durch ihr blödsinniges und gedankenloses Handeln. Man möchte sie anschreien und ihr zurufen, wie absurd dumm sie sich verhält und wünscht sich geradezu, dass Paul und Ana nicht länger in ihrer Obhut bleiben dürfen.

Was als Selbstfindungstrip angekündigt war, ist eine Tour de Farce einer kopflosen Frau, die vor dem Leben davonrennt und bei all den gestellten Aufgaben nichts lernt. Dass ihr Sohn mehr verstand zu besitzen scheint als sie, ist erschreckend. Leider leidet darunter das Hörvergnügen, denn man kann sich kaum auf die Handlung konzentrieren, ist man so damit beschäftigt, denn nächsten Ausfall dieser Mutter zu verarbeiten.

Adi Alsaid – Let’s Get Lost

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Adi Alsaid – Let’s Get Lost

Ein Road Trip der etwas anderen Art. Leila lässt in einer amerikanischen Kleinstadt ihren Wagen testen und lernt so Hudson kennen, der sofort von dem Mädchen fasziniert ist. Es wird die schönste Nacht seines Lebens, die jedoch auch einen jahrelang gehegten Traum zerstören wird. Leilas Reise geht weiter und unterwegs sammelt sie Bree auf. Die Mädchen finden sich sofort sympathisch, doch die kleine Ausreißerin Bree kann vom Diebstahl nicht lassen und so landen beide im Gefängnis. Für Elliot wird die Begegnung mit Leila zur Realisierung einer nur dem Fernsehen gekannten Geschichte und Sonia hatte schon aufgegeben, ihr Leben in Trümmern, aber Leila kommt ihr zu Hilfe. Vier Menschen, vier Geschichten und vier Begegnungen, die das Leben verändern. Doch wer ist Leila eigentlich und warum hat sie sich auf den Weg nach Alaska zu den Polarlichtern? Auch Leilas Leben wird durch diese Reise verändert werden.

Eine überzeugende Geschichte über das Erwachsenwerden. Die vier Figuren, denen die Protagonistin begegnet sind sehr verschieden, was immer wieder neue Aspekte in den Roman bringt und vier letztlich eigenständige Geschichten entstehen lässt. Alle vier sind an einem wichtigen Punkt ihres Lebens und benötigen genau den einen Impuls benötigen, um weiterzugehen und ein Kapitel abzuschließen. So auch die Protagonistin, die jedoch lange Zeit erstaunlich blass bleibt. Man erfährt sehr viel über die Figuren, mit denen sie interagiert, von sich selbst gibt sie jedoch nichts preis und mehr und mehr fragt man sich, was es mit ihr auf sich hat. Dieses Mysterium wird im letzten Kapitel recht überraschend, aber überzeugend gelöst.

Paula Hawkins – Into the Water

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Paula Hawkins – Into the Water

Welcher böse Fluch lastet auf dem Fluss nahe Beckford, der bereits mehrere Frauenleben zu verantworten hat? Erst im Frühling fand die erst 15-jährige Katie dort den Tod, nun auch Nel, die Mutter von Katies bester Freundin Lena. Nel war besessen von dem sogenannten „Drowning Pool“, der immer wieder Frauen angezogen hat. Allerdings ist dieses Mal die Lage etwas anders, Nel hat mehrfach vor ihrem Tod versucht ihre Schwester Jules zu erreichen, die beiden hatten seit Jahren keinen Kontakt mehr. Jules hat die Anrufe registriert, aber nie entgegengenommen. Sie ist sich allerdings sicher, dass Nel niemals Selbstmord begangen hätte. Vieles passt in dem Ort nicht zusammen und je tiefer Jules und die beiden Polizisten Sean Townsend und Erin Morgan nachforschen, desto mehr Verbrechen kommen sie auf die Spur.

Dieses Buch ist in der Hörversion eine echte Herausforderung. Gelungen sind die unterschiedlichen Sprecher, die den einzelnen Charakteren, die jeweils abwechseln aus ihrer Sicht die Geschehnisse erzählen, ihre Stimme verleihen und so ein wenig helfen, den Überblick zu behalten. Insgesamt erschienen es mir aber viel zu viele Figuren, die gerade zu Beginn nicht einfach zu unterschieden waren und deren Verhältnis zueinander ebenfalls nicht immer ganz klar war. Leider leiden sie fast aller unter Charakterzügen, die sie nicht gerade besonders liebenswert machen, was ich ebenfalls nicht einfach finde, man möchte ja doch so etwas wie Empathie gegenüber den Figuren empfinden.

Die Geschichte an sich ist komplex und immer mehr Nebenstränge entwickeln sich, die jedoch nicht alle besonders glaubwürdig sind und für mich zum Teil sehr konstruiert wirken. Insbesondere Jules Verhalten erscheint mir absurd, steht aber vielen anderen diesbezüglich in nichts nach. So richtige Spannung kam leider nie auf, dafür war die Erzählung oftmals zu sprunghaft und konfus und kaum auf das Wesentliche fokussiert. Auch wenn am Ende alle Zusammenhänge aufgeklärt und der Fall quasi gelöst ist, stellt sich kein befriedigendes Gefühl bei der Story ein.

„The Girl on The Train“ konnte mich insgesamt überzeugen, Paula Hawkins aktueller Roman jedoch ist mir zu schwach, um mit dem Vorgänger mithalten zu können.

Thomas Brussig – Beste Absichten

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Thomas Brussig – Beste Absichten

Frühjahr 1989, bei seinem Streifzug durch Ostberlin trifft der Erzähler zufällig auf eine Kellerband, die Seuche. Er kann den Jungs und der Sängerin Silke mit ihrem Türproblem aus der Patsche helfen und wird fortan zu ihrem Manager ernannt. In Anlehnung an den großen Beatles Erfinder wird er fortan nur noch Ebstein genannt. Bald schon kann er der Band Auftritte vermitteln, was ohne Spielerlaubnis in der DDR nicht ganz einfach ist, aber in den Fresswürfeln geht immer was. Es läuft gut für die Band, doch zunehmend verwandelt sich die Welt um sie herum und mehr und mehr Menschen ergreifen die Flucht. Mit einer kühnen Idee machen sie sich ebenfalls auf nach Prag zur deutsche Botschaft. Jedoch nicht, um in den Westen auszureisen, sondern um den Flüchtlingen ihre Autos billig aufzukaufen diese mit Gewinn in der Heimat zu verscherbeln. Der Plan geht auf und bald schon hat Ebstein eine Masse Geld angehäuft – doch mit dem Zusammenbruch des Landes bricht auch die Band auseinander und es dauert Jahre, bis sie wieder alle zusammen auf der Bühne stehen – jedoch nicht mehr in einem DDR Fresswürfel, sondern auf einer wirklich großen Bühne.

Thomas Brussig bedient einmal mehr sein Lieblingsthema: das Ende der DDR. Es ist erstaunlich wie es dem Autor gelingt, dieses immer wieder zu variieren und einen ganz neuen Roman zu schaffen. Der leicht wiederzuerkennende lockere Ton, der von Stefan Kaminski wie auch schon in „Das gibts in keinem Russenfilm“ gekonnt umgesetzt wird, kann auch in diesem Roman überzeugen.

Insgesamt eine unterhaltsame Geschichte mit einem sympathischen Protagonisten und Erzähler, der durch die Handlung trägt und glaubwürdig sowohl in der DDR wie später auch in der wiedervereinigten Bundesrepublik agiert. Das notwendige Quäntchen Cleverness ermöglicht ihm den Erfolg, eine gute Beobachtungs- und Analysegabe lassen ihn die Veränderungen vom Sozialismus zur Demokratie passend beschreiben. Daher insgesamt: kurzweilige Unterhaltung, die gerade in der Hörbuchform besonders gut wirkt.

Albert Camus – Die Pest

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Albert Camus – Die Pest

Oran, Algerien, 1940er Jahre. Die Stadt versinkt immer mehr im Chaos, denn täglich werden mehr tote Ratten gesichtet. Dr. Rieux ist beunruhigt ob der Plage, aber mehr noch beschäftigt ihn die Krankheit seiner Frau. Eine Kur soll Abhilfe schaffen, so verabschiedet er sich von ihr, nicht ahnend, was ihn in den nächsten Wochen erwartet. Eine unbekannte Krankheit greift immer mehr um sich, die Anzahl der Erkrankten, die nur wenige Stunden nach der Diagnose sterben, steigt rasant an. Die Behörden sind noch zögerlich, doch die Zeichen sind eindeutig: Oran wurde von der Pest heimgesucht. Die Stadt wird abgeriegelt, niemand kann mehr rein oder raus, bis die Plage vorüber ist. Unermüdlich kämpft Rieux um das Leben seiner Patienten, während andere die Flucht versuchen oder religiöse Erklärungen für das Schicksal der Stadt anbieten.

Ein Klassiker der französischen Literatur, basierend auf Camus‘ Erfahrungen im Zweiten Weltkrieg wurde das Werk als Sinnbild für die Résistance gedeutet. Die Sinnlosigkeit, mit der die Plage scheinbar willkürlich wütet, die Absurdität im menschlichen Handeln, die sich an vielen Stellen offenbart und die Gewissheit, dass das Böse nie ganz ausgerottet werden kann, sondern nur schlummert, bis es zum nächsten Ausbruch kommt – und dennoch lohnt es sich, zu kämpfen und sich solidarisch zu zeigen.

Der Umgang der Figuren mit der Pest und der Situation in der abgeriegelten Stadt, machen den Reiz des Roman aus, das in der Hörspielversion ausgesprochen lebendig wirkt. Rieux, der sich aufopfernde Arzt, der sein persönliches Schicksal nicht verdrängt, aber auch nicht in den Fokus stellt. Rambert, der Journalist, der nach Wegen sucht, Oran zu entkommen und im Laufe der Handlung erkennt, worauf es im Leben wirklich ankommt. Jesuitenpater Paneloux, der göttliche Erklärungen liefert und den Menschen zuruft, dass sie ihr Schicksal verdient habe, die Pest als Rache des Herren für ihr Fehlverhalten. Cottard, der aus der neuen Situation Profit zu schlagen weiß.

Für mich die beiden zentralen Stellen sind die Reden des Paters Paneloux, der die ohnehin gebeutelte Gemeinde noch verantwortlich für ihr Los macht und einfache Erklärungen in der Bibel findet, aber keinen Trost spendet. Zum anderen die Sitzung der Verantwortlichen, die davor zurückschrecken, richtige Maßnahmen zu ergreifen, weil sie den Ausbruch der Pest nicht beim Namen nennen wollen, Feigheit regiert hier den gesunden Menschenverstand.