Haruki Murakami – Die Ermordung des Commendatore I

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Haruki Murakami – Die Ermordung des Commendatore I

Als seine Frau sich von ihm trennt, sieht der namenlose Maler darin ein Zeichen und beschließt noch mehr an seinem Leben zu ändern. Nicht nur zieht er sofort aus der gemeinsamen Wohnung aus, nein, er wird auch keine Portraits mehr malen, obwohl er damit in den vergangenen Jahren nicht nur gutes Geld verdient hat, sondern sich auch einen Namen als Künstler machen konnte. Vorübergehend zieht er in das leerstehende Haus des Vaters eines Freundes, der nun wegen Demenz in einem Pflegeheim lebt. Von seltsamen Geräuschen angelockt, findet er auf dem Dachboden ein verpacktes Gemälde mit dem Titel „Die Ermordung des Commendatore“, das ihn sofort fasziniert. Er nimmt es mit in den Wohnbereich, doch bevor er sich näher damit befassen kann, erhält er einen mysteriösen Auftrag von seinem Agenten. Ein letztes Portrait soll er anfertigen, obwohl er zunächst abgeneigt ist, hat der Auftraggeber doch einen gewissen Reiz und so setzt der Maler eine Reihe seltsamer Dinge in Gang.

Haruki Murakami bleibt seinem sehr eigenen Stil treu. Nachdem ich mehrere Bücher von ihm abgebrochen hatte, konnten mich „Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki“ als Hörbuch doch überzeugen, weshalb ich auch bei dem aktuellen zu dieser Variante gegriffen habe. Im Gegensatz zu den Pilgerjahren ist hier jedoch wieder der typische magische Realismus Murakamis vorhanden, hierauf muss man sich einlassen oder es seinlassen.

Der Untertitel suggeriert bereits („Teil 1: Eine Idee erscheint“), dass die Geschichte am Ende des Hörbuchs noch nicht erzählt ist und in der Tat hört es mit einem gemeinen Cliffhanger auf. Davor wird viel über die Malerei, vor allem die Abgrenzung der europäischen von japanischen, gesprochen – ich fand das interessant, bin mir aber nicht sicher, ob das jeden Leser in dieser Tiefe anspricht. Über den Charakter des Protagonisten lässt sich tatsächlich auch nach all den Stunden wenig sagen, er ist ein Einsiedler und die Abgeschiedenheit in dem Haus auf dem Berg scheint wie gemacht für ihn. Auch seine Maltechnik ist außergewöhnlich, unterstreicht aber nur seine sehr eigene Persönlichkeit

Erst durch die Begegnung mit seinem Modell kommt etwas mehr Handlung auf, wobei hier die magischen Elemente erscheinen. Man fragt sich, ob dies alles den Halluzinationen der Figuren zuzuschreiben ist, gleichsam könnte man sich aber auch vorstellen, dass in Japan die Dinge einfach anders gedeutet werden und „Realität“ anders aufgefasst wird als bei uns. Die rein örtliche Distanz zum Handlungsort macht es für Leser wie mich, die realistische Geschichten bevorzugen, hier leichter, diese Elemente als Teil der Handlung zu akzeptieren.

Alles in allem, eine interessante Geschichte, die natürlich jetzt auf ihre Fortsetzung wartet.

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Deborah Levy – Heiße Milch

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Deborah Levy – Heiße Milch

Sofia fliegt mit ihrer Mutter nach Spanien, um dort in einer Spezialklinik endlich die richtige Therapie für sie zu erhalten. Immer wieder kann die Mutter ihre Beine nicht spüren, benötigt permanent Hilfe und erwartet von Sofia, genau diese zu liefern. Dr. Gomez‘ Klinik scheint allerdings unkonventionelle Behandlungsmethoden zu haben, was auch ein junger Mann bestätigt, den Sofia beim Schwimmen am Strand kennenlernt. Dieser lebt, ebenso wie die Deutsche Ingrid, sein Leben nach eigenen Maßstäben und lässt sich nichts vorschreiben. In Sofia beginnen die Gedanken sich zu drehen, ist die Krankheit ihrer Mutter nur eine Reaktion auf den Vater, der sie schon vor vielen Jahren verlassen hat? Bindet die Mutter sie so an sich und verhindert, dass sie endlich ihr Leben beginnt?

Ich hatte große Erwartungen an Deborah Levys neuesten Roman. Zum einen konnten mich ihre vorherigen Romane „Was ich nicht wissen will“ und „Heim schwimmen“ vollends überzeugen, zum anderen war „Heiße Milch“ 2016 auf der Shortlist des Man Booker Prize, wo ich normalerweise immer mich ansprechende Literatur finde. Dieses Mal jedoch empfand ich die Geschichte etwas zäh und langatmig.

Aus psychologischer Siecht hat der Roman einiges zu bieten, was interessante Figuren und Konflikte verspricht: die Erkrankung der Mutter, die offenkundig nicht rein physischer Natur ist und maßgeblich die Mutter-Tochter-Beziehung bestimmt. Die junge Frau, die planlos durch ihr Leben irrt und trotz Hochschulabschluss ihren eigenen Weg nicht findet, sich schnell zu extremen hingezogen fühlt, aber doch weitgehend passiv verharrt. Ihr Vater, zu dem sie seit über 10 Jahren keinen Kontakt mehr hat, der ihr als Grieche in England die zweite Sprache verwehrt hat so dass sie zwar einen griechischen Namen trägt, aber offenbar keine Verbindung zu diesem Land hat. Dann noch die Randfigur Ingrid, die Sofia fasziniert, die selbst jedoch auch eine Vorgeschichte hat, die wiederum ihr eigenes Leben maßgeblich prägte.

Die Atmosphäre des Romans ist dauergespannt. Die Figuren haben keine angemessene und lockere Art gefunden, um miteinander umzugehen. Sie beobachten sich, ja taxieren sich geradezu. Dieses Spannungsverhältnis wird zu einem beängstigenden Höhepunkt geführt, der jedoch endlich alles löst. Das Setting – einerseits im krisengeplagten Andalusien, wo die Gebäude wegen der Krise halbfertig verlassen wurden, später bei einem kurzen Intermezzo in Griechenland, wo die Lage sich noch schlimmer darstellt – ist passend gewählt zur Stimmung der Figuren.

Ohne Frage ist vieles in diesem Roman sehr stimmig und interessant, aber der Funke ist bei mir nicht übergesprungen. Ob es allein an der Form als Hörbuch lag, vermag ich nicht zu sagen. Svenja Pages hatte ich bislang nicht als Sprecherin gehört, sie war ein bisschen zu wenig moduliert, aber nicht in dem Maße, dass es sich beim Hören als störend gezeigt hätte.

Sophie Bonnet – Provenzalische Intrige

Provenzalische Intrige von Sophie Bonnet
Sophie Bonnet – Provenzalische Intrige

Pierre Durand hat es sich inzwischen in dem kleinen provenzalischen Dorf Sainte-Valérie eingerichtet. Doch mit dem Erwerb des Hofes ist seine finanzielle Situation etwas kritisch geworden, weshalb er sich auf den Posten als Commissaire in Cavaillon bewirbt. In einem Mordfall sollen er und sein Mitbewerber beweisen, wer für den Posten besser geeignet ist. Die Unternehmerin Paulette Simonet wird in der Seiferei ihrer Kosmetikfirma tot aufgefunden. Verdächtige gibt es viele: ihr Exmann, von dem die Scheidung kurz bevorsteht; die Konkurrenz, die ihre Forderungen nach Umweltschutz für überzogen und geschäftsschädigend hält; aber auch ihr eigener Sohn gerät schnell ins Visier der Ermittler. Für Pierre kein leichtes Unterfangen, arbeitet er doch gerne alleine und folgt seiner Intuition, nun ist er Mitglied eines Ermittlungsteams und schnell schon auf Konfrontationskurs mit den Kollegen.

Götz Otto liest das Hörbuch mit einem angenehmen Timbre, das Ruhe und Gelassenheit ausstrahlt und somit die Atmosphäre der ländlichen Provence hervorragend widerspiegelt. Der Fall bietet allerlei Spuren und Verdächtige, wird aber dadurch bisweilen etwas langatmig, was sich beim Hörbuch noch stärker auswirkt als dies bei einem gedruckten Buch der Fall sein dürfte. Zu häufig dreht sich alles im Kreis und bewegt sich nicht vorwärts. Dass Regionalkrimis, die im ländlichen Frankreich angesiedelt sind, tendenziell eher ein moderates Tempo haben, mag dem Setting geschuldet sein, lässt aber dadurch die Spannung etwas leiden.

Der Fall wird letztlich glaubwürdig gelöst, auch die Figurenzeichnung ist gelungen, wenn mir auch der Protagonist nicht wirklich sympathisch wird, seine permanenten Egotrips und sein Verhalten gegenüber seiner Partnerin sprechen nicht gerade für ihn. Als Hörbuch für zwischendurch gelungen, aber als Krimi doch etwas zu lau.

Fernando Aramburu – Patria

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Fernando Aramburu – Patria

Patria – Heimat. Doch was bedeutet Heimat und wie weit darf man für seine Überzeugung von Heimat gehen? Txato wurde vor über zwanzig Jahren von ETA Terroristen getötet, seine Frau Bittori trauert bis heute. Doch ihre Tage sind gezählt und bevor die Krankheit sie dahinrafft, will sie wissen, was damals genau geschah und wer Schuld hat an dem Tod ihres Mannes. Sie kehrt zurück in das Haus, in dem sie gemeinsam gelebt hatten, sehr zum Ärger der ansässigen Dorfbevölkerung. Vor allem ihre älteste Freundin Miren beäugt sie argwöhnisch. Liegt es daran, dass ihr Sohn wegen Verbrechen für die ETA in Haft sitzt? Hat er vielleicht sogar damals Txato getötet?

Fernando Aramburu greift mit „Patria“ eine der schwierigsten Episoden der spanischen Geschichte auf: den Terror durch die baskische Untergrundorganisation ETA. Geboren in der Hauptstadt der autonomen Region Baskenland kennt er seit Kindestagen die Situation um die Bevölkerungsgruppe, die für die Unabhängigkeit streitet. Sein Roman hierzu wurde mit dem Premio Nacional de Narrativa, dem Premio de la Crítica sowie dem Premio Francisco Umbral al Libro del Año ausgezeichnet.

Der Autor verlegt den blutigen Konflikt auf eine persönliche Ebene zwischen den beiden Familien, die durch das Attentat an Txato auf Distanz gehen und ihre Freundschaft beenden müssen. Es zeigt auch, wie ein junger Mann, Joxe Mari, in die Fängen der Separatisten gerät und gar nicht anders kann als sich dem bewaffneten Kampf anzuschließen. Langsam nähert man sich dem, was an dem schicksalsvollen Tag geschehen ist und man blickt in die Seelen der Figuren, die keine eindeutigen, keine eindimensionalen Überzeugungen haben, sondern zerrissen sind zwischen den sich widersprechenden Empfinden und den Zwängen, denen sie sich ausgeliefert sehen.

Die Suche Bittoris nach Antworten ist leicht nachvollziehbar, gerade unter dem Druck der sie bedrohenden Krankheit will sie mit den wichtigen Fragen in ihrem Leben abschließen. Schwererer zu fassen ist der Stand von Miren und ihrem Mann im Dorf, wie sie geschützt und unterstützt werden, weil ihr Sohn fernab der Heimat im Gefängnis sitzt – jedem ist zugleich klar, dass er den Tod von Menschen zu verantworten hat. Aber es war für die gerechte Sache. Auch die Frage, ob es so etwas wie göttliche oder übernatürliche Gerechtigkeit gibt, wird mit dem Schlaganfall Arantxas, der Schwester Joxe Maris, gestellt. Sie wirft ihrem Bruder vor, dass er gefangen in seiner Zelle sitzt, aber weiß, weshalb er sich dort befindet. Sie selbst wiederum ist gefangen in einem Körper, der ihr nicht mehr gehorcht, ohne Aussicht jemals wieder herauszukommen – warum sie bestraft wurde, kann jedoch niemand sagen.

Ein großer Gegenwartsroman, den man auf keinen Fall verpassen sollte und der auch in der Hörbuchversion gelesen von Eva Mattes trotz der Komplexität ein echtes Highlight ist.

Matt Haig – How to Stop Time

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Matt Haig – How to Stop Time

Er sieht zwar aus wie ein durchschnittlicher 41-Jähriger, aber Tom Hazard ist älter. Viel älter- mehr so 400 Jahre alt. Geboren gegen Ende des 16. Jahrhunderts auf einem französischen Schloss wurde seine Mutter schon früh der Hexerei beschuldigt und zum Tode verurteilt. Seither ist Tom vorsichtig. Nur ein einziges Mal hat er sich verliebt, in Rose, und mit ihr hat er eine Tochter bekommen, die dasselbe Schicksal erlitten hat wie er. Doch schon seit ewigen Zeiten hat er sie nicht mehr gesehen, weiß auch nicht, ob sie noch lebt. Alle paar Jahre muss sich Tom von seinem gewohnten Leben verabschieden, um nicht aufzufallen. Gerade hat er wieder eine neue Identität angenommen und arbeitet als Lehrer für Geschichte – was auch sonst. Doch am Himmel ziehen dunkle Wolken auf, denn Tom droht etwas zu tun, was er nicht darf: sich verlieben.

Ich bin nun wahrlich kein Fan von übernatürlichen Vorkommnissen und Untoten, aber zugegebenermaßen konnte mich Matt Haig mit seiner Geschichte fesseln. Auch wenn das Grundkonzept völlig absurd ist, sein Protagonist trägt durch die Handlung, die immer wieder Episoden seiner Vergangenheit evoziert und so sein Leben nicht nur interessant, sondern auch spannend werden lässt. Wen hat er alles getroffen, den großen Shakespeare ebenso wie Scott F. und Zelda Fitzgerald. Aber es sind nicht die großen Namen und die Begegnungen, die die Geschichte so außergewöhnlich machen, es ist die Figur Tom selbst.

Weder ist er verbittert ob all der schlimmen Dinge, die er erleben musste – die Pest ebenso wie zwei Weltkriege neben all den kleinen Katastrophen – noch wird er zynisch. Er ist im positiven Sinne weise und melancholisch. Er mag die Menschen, auch wenn er weiß, dass er jeweils nur eine kurze Zeit mit ihnen teilen kann. Und er ist treu. Obwohl seine Beziehung mit Rose 400 Jahre zurückliegt, hat doch nie eine andere sein Herz in dem Maße erobern können wie diese einfache Verkäuferin. Auch wenn sich die Zeiten gewaltig verändert haben, die Menschen sind geblieben wie sie immer waren und er kann noch so viel Geschichte unterrichten – sie werden nicht aus ihr lernen, da ihr Blick in der Gegenwart verhaftet ist.

Eine geradezu bittersüße Geschichte, ideal, um den Alltag zu vergessen.

Daniel Kehlmann – Tyll

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Daniel Kehlmann – Tyll

Tyll Ulenspiegel, als Junge Zeuge der Willkür der Oberen, die seinen Vater öffentlich hingerichtet haben, entschließt sich das dörfliche Leben zu verlassen und zusammen mit der Bäckerstochter Nele zu fliehen. Als Wanderer und Schausteller, später auch Hofnarr kommt er zu Berühmtheit im ganzen Land. Auf seinem Weg während des 30-jährigen Krieges führt er so manchen Gelehrten vor, trifft auf Fürsten und Könige und kann den Menschen immer wieder vorführen, wie schnalle sie sich von Gauklern hinters Licht führen lassen.

Daniel Kehlmann verlegt die Handlung der Sage um Till Eulenspiegel um einige Jahrhunderte und lässt den Schalk nun im 17. Jahrhundert auf seine im intellektuell unterlegenen Mitmenschen treffen. So stellt er nicht nur ihre Unzulänglichkeiten heraus, sondern kritisiert auch die Gesellschaftsstruktur und vor allem die Macht der Herrscher – gewagt in Zeiten eines der am schlimmsten Wütenden Kriege auf deutschem Boden.

Die Handlung folgt Tyll nicht chronologisch, viel mehr bleibt auch Kehlmann bei einer episodenhaften Sammlung von Ereignissen, die letztlich alle dem übergeordneten Zweck dienen, die Relevanz Till Eulenspiegels und seine bis heute gegebene Popularität zu begründen. So ist es denn auch weniger die Geschichte selbst, die mich überzeugen konnte, als die herrlichen Dialoge, die Worte und vor allem der Unsinn, den Kehlmann seinen Figuren in den Mund legt, die einem mehr als einmal zum Schmunzeln bringen. So zum Beispiel die Diskussion um die Hässlichkeit der deutschen Sprache, der man keine Zukunft voraussagt – wie auch, wird die Welt nach eingehender Berechnung ohnehin in wenigen Dekaden zugrunde gehen.

Literatur soll unterhalten und nicht zwingend Abbild der Realität sein, so gesehen ist die historische Ungenauigkeit im Roman durchaus akzeptabel und schmälert nicht das Vergnügen beim Zuhören.

Natascha Wodin – Sie kam aus Mariupol

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Natascha Wodin – Sie kam aus Mariupol

Natascha Wodin wurde 1945 als Kind russischer Zwangsarbeiter in Deutschland geboren. Schon jung hat sie ihre Mutter verloren, die offenbar aufgrund von Depressionen den Freitod wählte. Jahrzehnte lang hat sie sich gefragt, was hinter der Geschichte der eigenen Mutter steckt, doch erst im fortgeschrittenen Alter begibt sie sich auf die Suche nach den Ursprüngen. Diese Suche nach der Familie und der Vergangenheit hat sie in ihrem Roman „Sie kam aus Mariupol“ festgehalten.

Entstanden ist eine recht typische Geschichte einer Familie, die einst unter den Zaren zur gebildeten Oberschicht gehörte, sogar recht vermögend war, aber durch den Übergang zum Stalinismus nicht nur an sozialem Rang verlor, sondern einem Leben ausgesetzt war, auf das sie nicht vorbereitet war. Aber umgekehrt gab es in Natascha Wodins Familie auch starke Frauen, die sich den Obrigkeiten widersetzt haben und ihren Weg gingen, die clevere Entscheidungen getroffen haben, die sie im Leben voranbrachten.

Eine Geschichte einer Familie, wie man sie in Europa tausendfach findet. Geprägt von Verlust und Vertreibung, vom Neuanfang in der Fremde, der in jeder Generation aufs Neue begangen werden muss. Auch das Schicksal der Vertriebenen aus dem Osten, die oftmals hinter den jüdischen Opfern zurückstehen und deren Leid kaum Beachtung gefunden hat.

Auch wenn die Geschichte keine wirkliche Spannung hat, bleibt das Hörbuch doch über viele Stunden hinweg fesselnd und interessant. Natascha Wodin ermöglicht sehr persönliche und private Einblicke in das Leben ihrer Vorfahren, die auf so manche Randnotiz der Geschichte ein anderes Licht werfen.

Jane Harper – The Dry

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Jane Harper – The Dry

Zwanzig Jahre lang war Aaron Falk nicht mehr in Kiewarra, den kleinen Ort im australischen Outback, in dem er aufgewachsen ist. Doch nun wurde sein Jugendfreund Luke, dessen Frau und ihr Sohn erschossen aufgefunden. Alles deutet auf einen erweiterten Suizid hin. Doch nicht nur diese schreckliche Tragödie beschäftigt die Menschen; als sie Aaron sehen, kocht auch wieder die Gerüchteküche um den Mord an einem Mädchen zwanzig Jahre zuvor hoch. Luke war damals Aarons Alibi und beide wussten, dass ihre gegenseitigen Entlastungen Lügen waren. Offenbar weiß davon aber noch jemand etwas. Aaron hat Zweifel an Lukes Selbstmord und beginnt Fragen zu stellen, was nicht von allen gerne gesehen wird.

Jane Harpers Debüt „The Dry“ (unter demselben Titel inzwischen auch auf Deutsch erschienen), ist ein atmosphärisch düsterer Thriller im australischen Nirgendwo zur Zeit einer Jahrhundertdürre, der den Menschen bereits an den Nerven zehrt. Hier liegt für mich die größte Stärke des Romans, man spürt förmlich, wie die Stimmung am Zerreißen ist und kurz vorm Kippen steht. Geradezu wartet man auf ein furchtbares Gemetzel, dem noch mehr Menschen zum Opfer fallen.

Der Kriminalfall lässt einem lange auf falschen Spuren wandern und die Tatsache, dass man auch nicht weiß, ob man Aaron Falk trauen kann oder ob er selbst an einem Mord beteiligt war, erhöht die Spannung zudem. Erst langsam nähert man sich der Wahrheit, die dann ganz andere Aspekte zu bieten hat als man zunächst vermuten sollte und mit diesen Überraschungen kann die Autorin bei mir wirklich punkten.

Ein Thriller, wie man ihn sich wünscht. Aufgrund Harpers gelungenem Setting finde ich hier auch die Hörbuch-Version besonders empfehlenswert, da man das Flirren der Hitze und die Anspannung der Figuren geradezu greifen kann.

Graham Swift – Ein Festtag

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Graham Swift – Ein Festtag

Wie alle Hausmädchen hat auch Jane Fairchild am Muttertag des Jahres 1924 frei. Nur hat sie keine Mutter, zu der sie fahren könnte; als Kind ausgesetzt, wuchs sie in einem Heim auf, bevor sie ihre erste Anstellung aus Hausmädchen annahm. Doch an diesem Tag hat sie etwas vor, sie wird sich mit Paul Sheringham treffen, dem Sohn eines befreundeten Ehepaares ihrer Arbeitsgeber, den Nivens. Es wird vermutlich eines der letzten Treffen mit Paul sein, denn in zwei Wochen wird er Emma Hobday heiraten, ein Mädchen, das aus denselben Kreisen stammt und eine angemessene Gattin sein wird. Paul hat sie gebeten zu ihm zu kommen, ganz offiziell auch den Vordereingang zu benutzen. Ihr Treffen wird etwas Besonderes werden, das spürt Jane und ahnt noch nicht, dass sie diesen Tag in ihrem ganzen Leben nicht mehr vergessen wird.

Graham Swift zählt zu den bedeutendsten britischen Gegenwartsautoren, seine Romane erhielten zahlreiche Literaturpreise, unter anderem den Booker Prize, den James Tait Black Memorial Prize und „Ein Festtag“ (Im Original „Mothering Sunday“) wurde mit dem Hawthornden Prize, einem der ältesten britischen Literaturpreise, ausgezeichnet.

Bemerkenswert an der Erzählung fand ich vor allem den Stil, den Swift findet. Der ganze Text erscheint sprachlich geradezu aus der Zeit gefallen und passt ganz hervorragend in das Jahr 1924, in dem die Handlung angesiedelt ist. Dabei gelingt ihm eine stilistisch bemerkenswerte Vermischung zwischen Introspektion der Protagonistin und zeitlichen Brüchen, die immer wieder in eine ferne Zukunft springen und ein Licht auf das werfen, was Jane erwarten wird, wenn dieser Tag vorbei und diese Episode ihres Lebens abgeschlossen ist.

Trotz zahlreicher Wiederholungen und Schleifen, minutiösen Detailbeschreibungen und bei realistischer Betrachtung sehr wenig Handlung bleibt der Roman immer lebendig und wird nie langatmig. Es ist dieser eine entscheidende Moment im Leben von Jane, der sich einbrennt und eine Wendung herbeiführt. Noch ist für sie alles wie gehabt, die Welt draußen ist jedoch schon einen Schritt weitergegangen, was sie noch nicht weiß. Der Leser ahnt schon, was sich zugetragen haben muss, gönnt Jane aber diese kurze Pause, die die Standesunterschiede aufhebt und ihr einen Vorgeschmack auf ihr späteres Leben gibt. Ein Leben, in dem sie viel von sich offenbaren wird, aber nicht diesen Tag im März 1924.

Graham Swift konnte mich mit diesem Roman, eher eine Novelle, vollends überzeugen. Sein Schreibstil erinnert an Ian McEwan, ebenso unaufgeregt kann er intensiv beschreiben, was seine Figur bewegt. Das Hörbuch wird von Iris Berben gelesen, was sehr gut zur reifen rückblickenden Jane passt, die die notwendige Lebenserfahrung und Weitsicht hat zu wissen, was man offenbart und was man besser als Gemeinsinns für sich bewahrt.

Zsuzsa Bánk – Schlafen werden wir später

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Zsuzsa Bánk – Schlafen werden wir später

Johanna und Marta sind erwachsen geworden. Die beiden Kindheitsfreundinnen, die so viele Pläne und Ideen hatten, müssen feststellen, dass die Realität nicht das hält, was sie erwartet hatten. In E-Mails meist zu nächtlicher Zeit tauschen sie sich aus über die Sorgen und Nöte des Alltags, spenden Trost und geben Halt. Johanna, die Lehrerhin im Schwarzwald, die nebenbei seit Jahren über Annette von Droste-Hülshoff promoviert und Markus nachtrauert, der sie für eine andere verlassen hat, worüber sie nicht hinwegkommt. Marta ist Schriftstellerin, doch für das Schreiben bleibt ihr bei drei Kindern, fehlender Betreuung und einem Mann, der sich mehr um seine Theaterprojekte kümmert als um die Familie, kaum Zeit. Der Alltag droht beide immer wieder zu zerreiben und scheitern zu lassen. Doch die kleinen Lichtblicke und der Zuspruch der Freundin halten sie am Leben.

Zsuzsa Bánks Protagonistinnen sind keine großen Heldinnen mit außergewöhnlichen Lebensläufen. Sie sind Frauen, wie es sie zu Tausenden in Deutschland gibt mit Sorgen, wie sie tagtäglich zwischen Nordsee und Alpen auftauchen und drohen die fragilen Gebilde von Beziehungen und Alltag zerbrechen zu lassen. Der Schmerz nach einer Trennung, die Sinnfrage ob des gewählten Berufs, eine Krebserkrankung, die immer wieder aus der Ferne droht das Leben erneut zu beenden, die Ambitionen, für die kaum Zeit und Raum ist. Die Kinder, einerseits eine große Freude, andererseits bei schlechter Infrastruktur der entscheidende Faktor, der das berufliche Vorankommen verhindert. Das Leben verlangt viel, Durchhaltevermögen und Kraft, und so bleibt nicht einmal Zeit zum Schlafen, aber das können sie ja auch später noch.

Anna Thalbach und Ulrike Hübschmann leihen den beiden Frauen abwechselnd ihre Stimme im Hörbuch, was nicht nur eine angenehme Abwechslung schafft, sondern auch den Figuren noch mehr Charakter verleiht. Unaufgeregt und nicht überdramatisch inszenieren sie die beiden Protagonistinnen, was zu den oftmals geradezu banalen Problemen sehr gut passt und insbesondere herausstreicht, dass es Menschen wie du und ich sind, die hier erzählen. Gerade im Hörbuch hat man immer wieder den Eindruck selbst Teil der Geschichte zu werden, man hört sich die Sorgen der Frauen an, wie auch eine gute Freundin sie einem selbst berichten könnte.

Es ist nicht nur die Frage danach, ob die Entscheidungen, die die beiden Frauen mit Anfang 40 bislang in ihrem Leben getroffen haben, die richtigen waren. Es ist auch die Frage, was noch kommt, ob ein radikaler Wechsel noch möglich wäre, nochmal von vorne anfangen zu können. Ein Thema, mit dem Zsuzsa Bánk vielen Lesern oder Hörern aus der Seele sprechen dürfte und für das sie keine schnellen und unerwartete Antwort hat. Aber so funktioniert das Leben auch nicht und das ist es, was die Autorin überzeugend eingefangen hat.