Maria Adolfsson – Tiefer Fall (Doggerland 2)

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Maria Adolfsson – Tiefer Fall (Doggerland 2)

Eigentlich muss sich Karen Eiken Hornby noch von ihrem letzten Einsatz erholen, als sie der Anruf ihres Chefs mitten in den Weihnachtsfeierlichkeiten erreicht, ist sie jedoch sofort bereit, zurück in den Dienst zu kehren und in dem Mordfall auf der nördlichen Doggerland-Insel Noorö zu ermitteln. Ein alter Mann wurde tot zu Fuße der Klippen aufgefunden, die Spuren deuten allerdings klar auf ein Verbrechen hin. Als wenige Tage danach ein zweiter Mord geschieht, steht für Karen außer Frage, dass diese in Zusammenhang mit der örtlichen Whiskybrauerei stehen müssen. Während sie im eiskalten Norden ermittelt, gerät eine ihrer Freundinnen zu Hause in arge Bedrängnis und benötigt dringend ihre Hilfe.

Mit „Tiefer Fall“ setzt die schwedische Autorin Maria Adolfsson die Serie um die Kriminalinspektorin Karen Eiken Hornby und die fiktiven Doggerland Inseln in der Nordsee fort. Wie auch schon im Vorgänger gelingt es ihr, die erfundenen Inseln glaubwürdig und anschaulich zu gestalten, alles wirkt stimmig und wieder einmal stehen Natur und Mensch in einem interessanten Wettkampf miteinander. Der Kriminalfall indes kann mich in der Fortsetzung nicht überzeugen, zu lange braucht der Roman, bis endlich Spannung aufkommt.

Der Roman setzt unmittelbar da an, wo „Fehltritt. Doggerland 1“ aufhörte, die Kenntnis dieser Handlung ist zwar nicht unbedingt vonnöten, hilft aber sehr, um die Figuren und ihre Beziehungen zueinander einordnen zu können. Die traditionell eher gemächliche Weihnachtsstimmung gibt es im Haus der Kriminalinspektorin zwar nicht, aber den Roman legt sie trotzdem ziemlich lahm. Die ersten hundert Seiten schleppen sich geruhsam dahin, ohne dass sie wirklich packen können.

Erschwerend kommt hinzu, dass man bei dem Familienunternehmen um die Destillerie schnell den Überblick verliert, zu viele Namen und Figuren, die kaum auseinanderzuhalten sind und gleichzeitig dröselt die Inspektorin ihren eigenen komplexen Familienstammbaum auf der Insel auf, so dass man irgendwann vollends den Überblick verliert.

Der Fall wird immer wieder durch Nebenhandlungen in den Hintergrund gedrängt, was die Lösung nicht wirklich voranbringt. Mit dem zweiten Mord kommt zwar plötzlich Fahrt auf – die zweite Hälfte ist insgesamt nennenswert überzeugender und spannender – aber da hat das Buch leider schon viel an Punkten eingebüßt. Tatsächlich fand ich den Fall um häuslichen Missbrauch auch weitaus interessanter und überzeugender als die Ermittlungen um die Getöteten.

Nach einem überzeugenden ersten Teil nun leider nur ein mittelmäßiger Nachfolger, der vor allem durch den langatmigen Beginn einiges an Energie gezehrt hat.

Mariette Lindstein – Die Sekte. Es gibt kein Entkommen

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Mariette Lindstein – Die Sekte. Es gibt kein Entkommen

Sofia ist nach dem Ende ihres Studiums noch ratlos, wie es weitergehen soll. Auf einem Vortrag lernt sie den charismatischen Franz Oswald kennen, der sie auf die Insel Västra Dimö einlädt, wo er unter dem Begriff ViaTerra ein Programm anbietet, mit dem die Menschen wieder zu sich finden sollen. Das großzügige Anwesen und die Landschaft der Insel nehmen sie direkt gefangen. Auch die Meditationen zeigen bald schon ihre Wirkung und als Oswald ihr anbietet, die Bibliothek in seinem Zentrum zu leiten, muss Sofia nicht lange nachdenken. Die Regeln, die für die Mitarbeiter gelten, sind hart, aber nur so kann der Wandel gelingen und Oswald lebt ihnen vor, wie man mit Askese Großes erreichen kann. Doch bald schon mischen sich unter Sofias anfängliche Begeisterung auch Zweifel an dem, wie er die Gemeinschaft führt, denn die Strafen werden zunehmend drakonischer und mehr und mehr kommt sie sich eingesperrt vor und beginnt zu hinterfragen, was sich hinter den hohen Mauern abspielt.

Die Autorin Mariette Lindstein war selbst 25 Jahre lang Mitglied einer Sekte, kennt also die typischen Mechanismen und Strukturen, mit denen smarte Anführer ihre Schäfchen ruhigstellen und gefügig machen. Neben der Thrillerhandlung und der Frage, ob es Sofia gelingen wird, sich aus den Klauen der Sekte zu befreien, liegt hier die ganz große Stärke des Romans. Unterschiedliche Figuren erhalten die Gelegenheit nebenbei ihre Gründe auszubreiten, weshalb sie menschenverachtende und erniedrigende Situationen aushalten und nicht versuchen zu fliehen. Erschreckenderweise ist ihre Argumentation oft nachvollziehbar, was jedoch erklärt, weshalb es immer wieder dazu kommt, dass Menschen zum Teil Jahrzehnte eine solche Situation erdulden.

Als Leser und damit Außenstehender erkennt man recht schnell die Strategien, die Franz Oswald nutzt, um Mitglieder für ViaTerra zu gewinnen. Sofias Ankunft in der Gemeinschaft lässt sie zunächst die positiven Seiten erleben, die es ohne Frage gibt. Aus ihrer Lebenssituation heraus ist eine nachvollziehbare Entscheidung, sich den Regeln zu unterwerfen, um ein Teil der Bewegung zu werden.

Spannend wird die Geschichte ab dem Moment, ab dem das fröhlich-befreiende Gefühl einem Unbehagen weicht und sich die andere Seite des Anführers zeigt. Auch wenn man weiß, dass es sich um eine fiktive Geschichte handelt, sind die Demütigungen doch unerträglich und man verzweifelt schier dabei zuzusehen, wie niemand den Mut aufbringt zu widersprechen oder sich aufzulehnen. Psychisch zermürbt und physisch ausgelaugt sind sie irgendwann dazu auch nicht mehr in der Lage. So wie es den Mitarbeitern zunehmend schlechter geht, scheint Franz Oswald einerseits damit beschäftigt, da Schadensbegrenzung zu betreiben, wo unliebsame Informationen nach außen gedrungen sind und Kritik laut wird, andererseits scheint er an etwas Großem zu arbeiten, was er noch vor allen geheim hält.

Die Geschichte zieht einem sofort in einen Bann und kann sowohl als Thriller wie auch als abschreckendes Beispiel für die Funktionsweise von Sekten überzeugen. Mariette Lindstein hat die Story um Sofia als Trilogie angelegt, Band eins war für mich jedoch abgeschlossen und alle Fragen beantwortet.

Ein herzlicher Dank geht an das Bloggerportal für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zur Autorin und zur Trilogie finden sich auf der Random House Verlagsseite.

Melanie Raabe – Der Abgrund

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Melanie Raabe – Der Abgrund

Zufällig trifft Vincent beim Joggen seine alte Schulfreundin Bianca beim Joggen wieder. Spontan lädt sie ihn zu ihrer Geburtstagsfeier ein, wo er weitere alte Freunde trifft: neben Bianca und ihrem Mann Boris sind noch Sandra und Gatte Markus, sowie Katharina, Boris jüngere Schwester, mit dabei. Der Abend ist ausgelassen bis eine Kellnerin plötzlich verschreckt das Essen fallen lässt und aus dem Restaurant stürmt, nachdem sie die Gruppe gesehen hat. Sie lassen sich davon jedoch nur kurz irritieren und freuen sich schon auf das lange geplante gemeinsame Wochenende auf der Insel, wo sie ihre Schulzeit verbracht haben. Vincent hat den Ort seit 15 Jahren gemieden, doch jetzt scheint der Zeitpunkt der Rückkehr gekommen. Und der Abrechnung, denn er hat just mit dieser Gruppe noch etwas offen, das jetzt beglichen werden soll.

Melanie Raabe hat sich für ihren aktuellen Thriller ein neues Format ausgesucht, im Hörverlag ist die Geschichte als Serial in zehn Episoden veröffentlicht worden. Inzwischen steht aber der komplette Text zum Download und Anhören zur Verfügung. Als Freund von bislang weitgehend amerikanischen Serials, die ja seit einiger Zeit auch auf dem deutschen Markt mehr und mehr verfügbar sind, war ich natürlich neugierig, noch dazu wo mich Melanie Raabes Bücher „Der Schatten“ und „Die Wahrheit“ angesprochen hatten.

Insgesamt würde ich sagen ein guter Krimi nach bewährtem Muster. Ein abgeschiedener Ort, vermeintlich auch ohne Handys oder andere funktionierende Kommunikationsmöglichkeit, eine Gruppe von alten Freunden mit Geheimnissen, die es zu entlarven gilt, und ein kurzes Wochenende, das zu schnellem Handeln zwingt, dazu noch eine unheimliche Besucherin, die nicht spricht und entsprechend undurchschaubar in ihren Absichten bleibt. Zwar ist man recht schnell als Zuhörer auf der richtigen Fährte, nichtsdestotrotz fand ich die Story unterhaltsam und auch spannend gestaltet. Auch wenn ich viele Hörbücher konsumiere hatte ich doch etwas Schwierigkeiten manche der Figuren auseinanderzuhalten, dafür fehlten den beiden Ehepaare einfach zu lange das eindeutige Profil, was aber letztlich nicht weiter dramatisch war. Für mich ein gelungener Ansatz und die Hoffnung, dass noch mehr in dieser Richtung produziert wird.