Oyinkan Braithwaite – My Sister, the Serial Killer

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Oyinkan Braithwaite  – My Sister, the Serial Killer

Korede and her sister Ayoola live in Lagos together with their mother since their father dies. Korede, who works at a hospital as a nurse, is a decent, but rather plain young woman whereas Ayoola always has all the looks on her. Even though the sisters couldn’t hardly be more different, they are sister after all so when Ayoola calls her, it is without any question that Korede shows up with some bleach to wipe away the mess of another murder. They have done it before and will also succeed this time. Why does she have to kill all her boyfriends? Korede wonders but since none of the was really important to her, she remains secret and the sister she is supposed to be. But when Ayoola starts dating to one man Korede really likes, things become a bit more complicated.

Oyinkan Braithwaite’s debut novel is a hilarious read full of absurd situations and fantastic characters. The author, who graduated in Creative Writing and was a 2016 finalist for the Commonwealth Short Story Prize, surely knows how to create outstanding characters and how to combine humour with an actually very serious topic. What I appreciated most is how she, on the surface, wrote a funny story that, beneath, offers so much crucial and grave issues. What it all comes down to after all is the well-known fact that blood is thicker than water and that without any question, you know which side you have to be on.

Ayoola is a serial killer – absurd as it may sound, the title is absolutely clear about it and after the opening scene, you know all about her killings. Yet, this is one of the least interesting aspects, much more remarkable is the sisters’ relationship: jealousy, love, anger, hatred, support – the full spectrum of emotions. Of course, it is Korede that the reader commiserates, she is obviously the good girls that nobody notices, neither their parents nor the men. I wondered if Ayoola suffered from some kind of mental illness, she somehow does not really seem to realise what she does, but she definitely is rather egocentric and not very considerate when it comes to other people’s feelings.

“My sister, the Serial Killer” is a black comedy that should not be taken too seriously I guess. It is a great read that I utterly enjoyed. I am absolutely looking forward to reading more from the author.

Mick Herron – The Drop

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Mick Herron – The Drop

Solomon Dortmund knows his business; he’s been doing this for so many decades that nothing can surprise him anymore. But observing a classic drop in a café is something that rarely ever happens these days. He is sure about what he has seen and reports it back to Regent’s Park. There, this is not a total surprise since the woman involved is a double agent whom the Germans believe to be their mole with the British. But Hannah Weiss has her own agenda and she knows whom she is working for. When service analyst Lech Wicinski is doing a favour for an old acquaintance, he sets in motion a chain of events that will make himself one of the tragic victims.

Mick Herron’s The Slough House series has won several awards and was shortlisted for many more, among them the Ian Fleming Steel Dagger Award, the British Book Award and the Gold Dagger. “The Drop” – a rather short novella only slightly liked to the series – is the latest instalment of it. Yet, it is much more a classic spy novel than the rest of the series since it has in my humble view a much more traditional setting with double and triple agents and members of the service operating in the field.

There is not much to say about the plot, it is quite straight forwards without any side lines or too much detail about the characters. As a reader, you dispose of information from both sides, i.e. the English as well as the Germans, and thus can observe both services operating. It is common in those kinds of operations that innocent bystanders become necessary victims and thus, also in “The Drop” we see people fall without having made the slightest mistake. The novella mainly serves as a backstory for the latest member of the Slough House team and I liked the quick read a lot for its atmosphere of old-times spy novels.

Stefan Ahnhem – Victim without a Face [Und morgen du]

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Stefan Ahnhem – Victim without a Face 

Kommissar Fabian Risk zieht mit seiner Familie von Stockholm zurück in seine Heimatstadt Helsingborg. Gemeinsam wollen sie noch einige Wochen Urlaub machen, bevor er seinen Dienst antreten muss. Doch seine Chefin kontaktiert ihn schon am Umzugstag wegen einem mysteriösen Doppelmord: zwei ehemalige Klassenkameraden Fabians wurden bestialisch getötet. Schnell ist klar, dass sich jemand rächen will und ein lange zurückliegendes Mobbing scheint das Motiv. Fabian ist dem vermeintlichen Täter unmittelbar auf den Fersen – bis auch dieser tot aufgefunden wird. Offenbar haben sie den falschen im Visier und irgendwen der alten Klasse übersehen. Unterdessen geht das Morden unaufhaltsam weiter.

Stefan Ahnhems Debüt ist ein Psychothriller, der gleich mehrere urmenschliche Themen aufgreift: zentral ist das Motiv der Morde, die Auswirkungen, die schulisches Mobbing auch noch Jahre später haben kann und von dem sich manche unter Umständen nie erholen. Aber auch in den ermittelnden Teams spielen psychologische Fragen wesentliche Rollen: wie gut ist man als Teamplayer bzw. wer kann sich nicht integrieren, wie geht man mit Schwächen und Fehlern um, wie wirkt sich Machtbesessenheit aus und wie weit sind Menschen bereit zu gehen, um den äußeren Schein aufrecht zu halten? Daneben kann die clevere Konstruktion durch viele falsche Fährten und immer wieder unerwartete Wendungen punkten.

Die Charaktere konnten mich überzeugen, vor allem, da auch die private und menschliche Seite der Ermittler zum Tragen kommt. Auch wenn sie einen Mord zu lösen haben, findet beispielsweise ihr geplantes gemeinsames Grillen statt. Fabian Risk ist mir persönlich zwar etwas zu sehr Einzelkämpfer, was ich auch nicht immer ganz glaubwürdig finde – ebenso wie seine Heldentaten kurz nach schweren Verletzungen – aber dafür fand ich die Frauenfiguren sehr differenziert und überzeugend. Vor allem ihre Reaktionen, nachdem sie verletzt oder misshandelt wurden, wirken authentisch.

Alles in allem ein recht typischer Schwedenkrimi, der auf der ganzen Linie überzeugen kann.

Nathalie Boegel – Berlin – Hauptstadt des Verbrechens

Berlin - Hauptstadt des Verbrechens von Nathalie Boegel
Nathalie Boegel – Berlin – Hauptstadt des Verbrechens

Dank Buch- und Filmreihen wie Babylon Berlin sind die 20er und 30er Jahre der Hauptstadt seit geraumer Zeit wieder in aller Munde und ausgesprochenes Lieblingsthema von Autoren und Filmemachern. Doch was ist dran am Mythos „Goldener Zwanziger“ und wie gefährlich war es im damaligen Berlin wirklich? Nathalie Boegel blickt auf die aufsehenerregenden Kriminalfälle der Stadt, die Herrscher der Unterwelt und die politischen Entwicklungen, die zum Scheitern der Weimarer Republik geführt haben.

Das erste Kapitel um die Betrüger und Mörder fand ich besonders unterhaltsam geschrieben. Obwohl die Autorin auch Kapitalverbrechen wiedergibt, gelingt ihr hier ein ausgeglichener Ton zwischen sachlichem Bericht und erzählerischer Unterhaltung, so dass die Geschichten fast Romanqualität haben. Besonders jedoch haben es mir die Schilderungen um die sogenannten „Ringvereine“ angetan, man mag kaum glauben, dass es diese wirklich gegebene haben soll. Mitglied konnte nicht jeder werden, die Statuten regeln den Zugang eindeutig:

Die Männer müssen allerdings »ehrenwerte« Verbrechen begangen haben – wie Einbruch, Diebstahl, Schutzgelderpressung, Schmuggel, Hehlerei oder Drogenhandel. Viele Vereinsmitglieder sind nebenher als Luden, Zuhälter, tätig, eine sichere Bank, wenn’s mit den Eigentumsdelikten gerade mal nicht so läuft. Ihre »Pferdchen« genannten Prostituierten sorgen für den Lebensunterhalt der feinen Herren Ringvereinsmitglieder.

Interessant ist, dass es unter den Verbrechern offenbar wirklich einen Ehrenkodex gab und nicht nur die Kontaktpflege angesagt war, sondern man sich tatsächlich gegenseitig unterstützte:

Erleidet ein Vereinsmitglied einen »besonderen Notfall«, landet er also im Knast, erhalten die Hinterbliebenen aus der stets gut gefüllten Vereinskasse Geld zum Überleben. Allerdings müssen die Ehefrauen und Verlobten einen gesitteten Lebenswandel nachweisen und ihrem eingesperrten Mann treu bleiben.

Der Blutmai im Jahre 1929 leitet das Ende der Weimarer Republik ein, neben der Polizei hat die ehrenwerte Gesellschaft es nun auch vermehrt mit den Nationalsozialisten und vor allem der SA zu tun. Besonders die Rolle Erich Mielkes Ende der 20er Jahre war mir bis dato völlig unbekannt, für mich ist er historisch einzig mit der DDR verbunden gewesen.

Ein unterhaltsam zu lesendes Sachbuch, das sowohl informativ ist und gleichermaßen durch den Plauderton locker und kurzweilig zu lesen ist.

Meine literarischen Empfehlungen zu den Berliner 1920ern:

Selim Özdogan – Es ist so einsam im Sattel, seit das Pferd tot ist

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Selim Özdogan – Es ist so einsam im Sattel, seit das Pferd tot ist

Alex ist vom Leben frustriert: seit ihn seine Freundin verlassen hat, hat er kaum mehr Vertrauen zu anderen Menschen; sein Studium verfolgt er auch eher ziel- und begeisterungslos und außer seinen beiden Freunden Henry und Kai hat er eigentlich auch keine Sozialkontakte, so werden Alkohol und Drogen zu guten Wegbegleitern. Als er die Tramperin Esther mitnimmt, scheint plötzlich wieder die Sonne und der triste Frühling geht in einen traumhaften Sommer über. Sie belebt seine Sinne und das ganze Leben fühlt sich anders an und er sich selbst Energiegeladen. Doch es ist riskant alles auf eine Person auszurichten und so tritt ein, was eintreten muss: Esther fühlt sich bedrängt und zieht sich zurück. Für Alex bricht die Welt zusammen.

Selim Özdogans Roman bringt die typische Quarter-Life-Crisis auf den Punkt: eine Generation, die alle Möglichkeiten der Welt hat, sie aber nicht nutzen kann. Die Pubertät überlebt, nur um dann mit Anfang zwanzig in eine Depression zu stürzen, aus der man alleine nicht wieder herauskommt. Viele der Figuren haben keinen einzigen Lebensbereich wirklich im Griff und flüchten unentwegt vor der Realität, komatöse Ausfälle sind ebenso normal wie berauschende Trips.

Auch wenn das Buch mit viel Humor und Wortwitz geschrieben ist, lastet doch eine mal melancholische bis depressive Stimmung auf ihm – genau passend für den Protagonisten, dem jede Lebensenergie fehlt und der sich für nichts zu begeistern mag. Genau diese endlose Traurigkeit macht es auch für sein Umfeld unheimlich schwer, denn sie müssen ihm immer wieder animieren aktiv zu werden. Vor allem Esther überfordert diese Aufgabe und mit ihrem Rückzug stürzt sie Alex immer tiefer in den Abwärtsstrudel. Die Erwartungen der Umwelt sind hoch bzw. werden als solche wahrgenommen und man kann daran eigentlich nur scheitern:

Ich fühlte mich dem Druck ausgesetzt, etwas Besonderes geben zu müssen, von dem ich nicht genau sagen konnte, was es war. Ich war einfach unfähig, ich fühlte mich nicht ganz wohl in meiner Haut, mir schien es oft so, als gehörte ich gar nicht wirklich auf diesen Planeten, als sei hier nirgendwo ein Platz für mich reserviert, ich konnte keinerlei Erwartungen erfüllen.

 

Özdogan bringt die Gefühlslage seines Protagonisten sehr gut rüber, bietet aber keine Lösungsansätze. Natürlich empfindet man ein Stück weit Mitleid mit ihm, aber ernsthafte Bemühungen, etwas an der Lage zu ändern., bleiben ebenso aus wie die Reflexion des eigenen Zustands. So wirkt Alex letztlich doch etwas spätpubertär und er kann eigentlich nur zum Anithelden werden, der als abschreckendes Beispiel dient.

Mons Kallentoft/Markus Lutteman – Das Blut der Hirsche

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Mons Kallentoft/Markus Lutteman – Das Blut der Hirsche

Eine ausgelassene Midsommar-Party endet für eine Gruppe von Jugendlichen auf einer Schäreninsel im Tod. Aber damit nicht genug: alle weisen grauenvolle Verstümmelungen auf und scheinen sich nicht gegen den Angriff gewehrt zu haben. Schnell wird klar, dass eine neue Party-Droge in Stockholm im Umlauf ist: Bambi. Das Team um Zack Herry steht unter Druck, vor allem als eine weitere Gruppe von Mädchen tot aufgefunden wird. Wer kommt auf die Idee eine solche Droge zu entwickeln? Der Fall nimmt Zack voll in Beschlag und er hat kaum Zeit für seine Verlobte Mera – etwas, das er bitter bereut als er sie verblutend in den Armen hält. Aus nächster Nähe erschossen, aber die Schüsse galten doch ihm, oder?

„Das Blut der Hirsche“ ist der dritte Band aus der Reihe um den schwedischen Polizisten Zack Herry, den Mons Kallentoft zusammen mit Markus Lutteman geschrieben hat. Der Thriller spielt mit einem hohen Tempo und einer komplizierten Geschichte, die gleich mehrere Stränge miteinander kombiniert, in erster Linie auch das Privatleben von Zack Herry, das einige blinde Flecken bietet. Auch wenn ich die beiden Vorgänger der Reihe nicht gelesen habe, viel es mir leicht den Einstieg zu finden – und jetzt auch ganz sicher noch zu den anderen beiden zu greifen.

Es braucht nur wenige Kapitel, bis man tief in die Handlung eingetaucht ist und diese einem nicht mehr loslässt. Der Thriller hat einen ungemein fesselnden Stil, so dass man ihn schlichtweg nicht mehr aus der Hand legen will und innerhalb kürzester Zeit gelesen hat. Die Todesfälle der Jugendlichen sind zunächst mysteriös und es dauert einige Zeit, bis die Ursache gefunden wurde. Dass einer der Ermittler selbst unmittelbare Verbindungen in die Drogenszene hat, ermöglicht zwar einerseits Insiderinformationen, bringt ihn aber auch in Gefahr. Auch die Figuren haben mir gut gefallen – individuell gezeichnet und trotz ihrer extreme wirken sie authentisch und überzeugend.

Es sind kurze Einschübe, die zunächst scheinbar ohne Bezug zur restlichen Handlung sind, die aber schnell erkennen lassen, dass es im Hintergrund noch eine ganz andere Geschichte gibt, die viel größer ist und die offenbar über den Einzelband der Reihe hinaus gespannt wird. Die Autoren haben dies geschickt eingebunden, ohne zu aufdringlich offensiv zu sein und um dennoch eine vage Ahnung der eigentlichen Story zu geben. Häufig entwickelt sich das Privatleben der Kommissare im Laufe der Bände einfach weiter, hier scheint etwas gänzlich Anderes angelegt zu sein, was mein Interesse an den anderen Bänden und vor allem auch an dem vierten Teil immens geweckt hat.

Fazit: ein Thriller, der den Titel wirklich verdient hat.

Tito Topin – Casablanca im Fieber

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Tito Topin – Casablanca im Fieber

Die Stimmung in der marokkanischen Hafenstadt ist 1955 kurz vor dem Abzug der französischen Besatzer erhitzt, die Fronten zwischen Arabern und Franzosen verhärtet, der Hass wird offen zutage getragen und man schenkt sich nichts. Als Georges Bellanger die junge Spanierin Ginette vergewaltigt und beinahe tötet, versteht sich von selbst, dass man dies den Arabern unterschiebt, vor allem, da Bellangers Mutter, Ärztin im Krankenhaus, in dem Ginette behandelt wird, ein Verhältnis mit dem Zivilgouverneur hat, der jede Ermittlung sofort unterbinden wird. Als Ginettes Verlobter Manu aus dem Krieg zurückkehrt, sinnt er auf Rache und will Georges stellen. Dieser zieht derweil eine Spur der Verwüstung hinter sich her: rücksichtslos nimmt er sich, was er möchte, sicher, dass er unter mächtigem Schutz steht. Die ohnehin hitzige Stimmung spitzt sich immer weiter zu und Casablanca rast auf eine Katastrophe zu.

Tito Topin ist ein französischer Autor, Illustrator und Drehbuchschreiber, der 1932 in Casablanca geboren wurde. „Casablanca im Fieber“, sein dritter Roman, erschien bereits 1983 in Gallimards Série noire unter dem Titel „55 de fièvre“ und wurde mit dem Prix Mystère de la Critique ausgezeichnet. Seine Romane, denen der Filmcharakter deutlich anzumerken ist, sind häufig in Nordafrika angesiedelt und haben neben dem Fall auch immer eine sozialkritische Komponente, weshalb sie trotz des späten Erscheinens geradezu idealtypisch für den Roman noir sind.

Die Handlung spielt sich vor dem Hintergrund der hochproblematischen politischen Lage ab, diese wird jedoch nicht offen thematisiert, sondern die beiden verfeindeten Parteien durch das Agieren der Figuren gegenüber gestellt. Bemerkenswert ist, dass die Zuordnung von „gut“ und „böse“ schlichtweg nicht möglich ist, sowohl bei den Franzosen, insbesondere bei der Polizei, wie auch bei den Arabern findet man beides und die Grenzen zwischen Ordnungsmacht und Milieu vermischen zunehmend.

Aber nicht nur die arabisch-stämmige Bevölkerung wird verachtet, Georges Mutter findet auch klare Worte bezüglich Ginette:

«Vergewaltigt! Du Dummkopf, du hast dich reinlegen lassen … Vergewaltigt! Als ob man diese Mädchen vergewaltigen könnte … Sie spreizen die Beine breit wie ein Arc de Triomphe und werfen sich in die Arme von Söhnen aus gutem Hause, und danach schreien sie Vergewaltigung!»

Damit auch nichts schief läuft, erhält Ginette die passenden Medikamente, die ihre Erinnerung leiden lassen. Das Vorgehen der Polizei wird auch schon früh deutlich charakterisiert:

«Ich bestehe darauf, Guglielmi. Ich will einen Schuldigen! Wen auch immer, Hauptsache Araber! Da wird kein Europäer rein verwickelt.»

Die Suche nach dem Schuldigen beginnt gar nicht erst, er steht bereits fest ohne dass auch nur klar ist, was überhaupt geschehen war. Es gibt aber auch nachdenkliche Stimmen, beispielsweise von Manu, der die Gesamtsituation zwischen Franzosen und Arabern bedenklich findet:

«Was mich schockiert, ist, dass ich in diesem Land geboren bin und nicht in der Lage bin, mich mit zwei Kindern zu verständigen, weil ich nicht einmal die Sprache dieses Landes spreche! Ich bin ein Krüppel, verstehst du … ein Krüppel! Sie müssen mich für einen Marsmenschen halten.»

«Nein, einfach nur für einen Franzosen. Frankreich ist für sie schon so weit weg, dass sie sich keinen anderen Planeten vorzustellen brauchen. »

Tito Topins Roman überzeugt in jeder Hinsicht: ein Ermittlungsfall in hardboiled Qualität eines Raymond Chandler oder Léo Malet, der sich nur aufgrund der spezifisch gesellschaftspolitischen Lage Marokkos in dieser Weise entwickeln kann. Mit gerade einmal 220 Seiten kurz und auf den Punkt – für langatmige Ausschweifungen bleibt dabei keine Zeit.

Liane Moriarty – Nine Perfect Strangers

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Liane Moriarty – Nine Perfect Strangers

Tranquillum House, ein Gesundheits- und Wellness Resort in der australischen Pampa, verspricht die völlige Transformation. Genau das, was Frances Welty jetzt braucht. Gerade hat ihr Verlag ihr aktuelles Buch abgelehnt und auch ansonsten läuft es nicht so gut. Zehn Tage ohne Handy, Internet und nur auf ihr Wohlbefinden ausgerichtet, scheinen perfekt. Auch die anderen Gäste haben Erholung nötig: der Lehrer Napoleon, der mit seiner Frau Heather und der Tochter Zoe den Tod des Sohnes verarbeiten will; Carmel, die mit vier Töchter plötzlich alleingelassen dasteht; der Scheidungsanwalt Lars, der nicht weiß, ob er mit seinem Partner wirklich ein Kind will und grundsätzlich nur Frauen vertritt; Ben und Jessica, die schon nach kurzer Ehe vor einem Scherbenhaufen stehen und Tony, ex Football Star, der seinem Hund nachtrauert. Sie alle begeben sich in die heilenden Hände von Masha und ihrem Team, auf der Suche nach der ultimativen Heilung. Doch der Trip wird zum bösen Erwachen führen.

Nachdem mich das letzte Buch von Liane Moriarty – „Truly, Madly, Guilty“ – nur mäßig begeistern konnte, hat sie nun mit „Nine Perfect Strangers“ wieder genau meinen Nerv getroffen. Nicht nur, weil sie bösartige Charaktere geschaffen hat, denen man mit größter Freude zusieht, sondern auch, weil sie perfekte Spannung aufbaut durch Andeutungen („NIEMAND verlässt uns vorzeitig…“), die die Vorfreude auf die Handlung nur steigen lassen.

Das Setting ist perfekt gewählt: fernab der Welt, ohne Zugang zu Telefon und Internet und mit lauter Figuren, die alle ihre Geschichte mitbringen, von der die anderen nichts ahnen und die sich erst nach und nach einander offenbaren. Dass die Chefin des Resorts völlig gestört ist, merkt man recht schnell und dass die Transformation ihrer Gäste sicherlich aus dem Ruder läuft, ist auch absehbar. Natürlich ist vieles völlig überzogen – die Gesundheitssmoothies, die Noble Silence während der jede Form von Gespräch verboten ist – wobei man sich durchaus vorstellen kann, dass es so etwas in der Realität auch gibt.

Beste Unterhaltung durch eine virtuose Verbindung von Spannung und ironischem Humor, genau das, was ich bei Liane Moriarty schätzen gelernt habe.

Caroline Kepnes – Providence

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Caroline Kepnes – Providence

13-year-old Jon Bronson only has one friend: Chloe. She is the only one he confides in and shares his dreams with. The other kids torture him that’s why he takes the long way to school. Until one morning when he is kidnapped in the woods. With Jon gone, the world seems to stop for Chloe. She knows that one day he will return. Four years later, Jon wakes up in a mall. He doesn’t remember what happened in the time he was gone, only that his former teacher Roger Blair was to one to kidnap him. But something has changed, even though Jon cannot really say what it is. In his presence, strange things start to happen: spontaneous nose bleeds and people passing out. Since he has become a serious threat to others, Jon withdraws from to world to figure out what this evil teacher did to him in those ominous four years of absence.

“Providence” is labelled a thriller, unfortunately, I didn’t really find any thrill in it. For me, it was first and foremost a kind of love story and some supernatural or sci-fi added that did not really make sense to me.

I really liked the beginning of the novel. Jon is a bit strange, but a likeable, intelligent boy. The fact that he is bullied by his classmates just raises more compassion for him. When he is abducted and we only get Chloe’s grief for the loss, the novel even becomes quite gloomy and admittedly, I really despised the adults who were absolutely ignorant about the girl’s loss. Jon’s return is a real mystery, there is an inexplicable aura surrounding him which is hard to grab and explain. Then, unfortunately, the novel becomes quite lengthy. It’s a kind of hunt for the kidnapper without real progress. Added to Jon and Chloe is an elderly detective with a “gut-feeling” who is chasing ghosts, too. In the end, there was some kind of solution that I couldn’t really believe.

Chris Kraus – Sommerfrauen, Winterfrauen

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Chris Kraus – Sommerfrauen, Winterfrauen

Jonas Rosen ist Filmstudent und zusammen mit fünf Kommilitonen und dem Professor Lila von Dornbusch will er im New York der 1990er Jahre einen Film über Sex drehen. Jonas fährt schon früher los, um für den Rest der Gruppe Unterkunft und eine Veranstaltung im örtlichen Goethe-Institut zu organisieren. Er kommt bei von Dornbuschs amerikanischem Kollegen Jeremiah Fulton unter, der nicht nur ein begnadeter Regisseur, sondern auch ein Messie schlimmster Sorte ist. Jonas hat noch eine zweite Mission im Big Apple: seine Tante Paula aufsuchen, die zwar nicht seine echte Tante, aber eng mit seiner Familie verbunden ist. Was als Abenteuer beginnt, artet in Jonas‘ härteste Prüfung aus: er wird überfallen, seine Freundin in Berlin versteht nicht, weshalb sie nicht nachreisen darf, er trifft auf die unkonventionelle Nele, die so ganz anders als seine Freundin ist, seine Untermiete bei Jeremiah stellt ihn täglich vor neue Herausforderungen. Und dann soll er ja auch noch einen Film über Sex drehen.

Chris Kraus‘ biografisch geprägter Roman basiert auf seinen realen Erlebnissen als Student von Rosa von Praunheim an der Deutschen Film- und Fernsehakademie. Auch sein vorhergehender Roman ist inspiriert von realen Begebenheiten, schildert es die SS-Vergangenheit seines Großvaters, die in „Sommerfrauen, Winterfrauen“ über Tante Paula ebenfalls wieder aufgegriffen wird. Der Roman ist als Tagebuch angelegt, was natürlich eine gewisse Perspektiveneinschränkung mit sich bringt, aber den Unterhaltungswert in keiner Weise schmälert, im Gegenteil: der subjektive Blick erlaubt Zynismus und Ironie, die beim Lesen unheimlichen Spaß machen.

Auch wenn der Roman viel von der Situationskomik und vor allem dem etwas naiven und unsicheren Jonas lebt, bietet er doch auch einige durchaus ernsthafte Themen. Die Gewalt, die die 90er Jahre in New York geprägt haben und ganze Zonen zu No-Go Areas werden ließ; die Auseinandersetzung mit der Nazi-Vergangenheit der eigenen Familie und der Umgang mit den überlebenden Opfern dieser Zeit; die Ausbeutung und der Missbrauch von Praktikanten, die sich nicht wehren können; und vor allem auch das Erwachsenwerden und über den eigenen Schatten springen, seine Grenzen überschreiten und Herausforderungen als junger Mensch annehmen.

Jonas Rosen ist kein Holden Caulfield, der verloren durch New York stromert und am Ende geläutert und erwachsen ist. Aber auch er durchlebt einen Prozess, der ihn am Ende ein anderer Mensch sein lässt. Er stellt sich nicht nur der unangenehmen Geschichte seines Großvaters, sondern muss auch seine Frauenbeziehungen in Frage stellen. Das Konzept von „Sommerfrauen“ und „Winterfrauen“, das seine aktuelle Freundin erfunden hat, dient dabei als Orientierungslinie.

Insgesamt ein lebendiger und vor allem sprachlich sehr gelungener Roman, der einem vielfach schmunzeln und das New York zum Ende des letzten Jahrhunderts wieder auferstehen lässt.

Ein herzlicher Dank geht an den Diogenes Verlag für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zu Autor und Buch finden sich auf der Verlagsseite.