Emelie Schepp – Nebelkind

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Emelie Schepp – Nebelkind

»Keren«. Sie las weiter. »Griech. Myth. Bei den alten Griechen galten die Keren als Todesdämonen oder genauer als Dämonen der gewaltsamen Todesarten.

 

Staatsanwältin Jana Berzelius hat wieder Alpträume, schon seit ihrer Kindheit begleiten sie diese, doch sie kann sie nicht deuten. Ihr neuester Fall scheint sie noch viel stärker heraufzubeschwören – kann sie vielleicht der Ursache endlich auf die Schliche kommen und die Erinnerungslücken ihrer Kindheit schließen? Ein hoher Mitarbeiter des Amts für Migration wurde in seinem Haus erschossen, auf den Überwachungskameras sieht man nur ein Kind, das aber unmöglich der Täter sein kann. Nur kurz darauf wird auch der Junge erschossen aufgefunden und zwei Dinge stellen die Ermittler vor Rätsel: wieso vermisst niemand den 9-Jährigen und weshalb hat er das Wort „Thanatos“ in seinen Hals eingeritzt? Jana hat vielleicht eine Erklärung, die sie jedoch unmöglich teilen kann: sie selbst trägt ebenfalls den Namen einer Todesgottheit unter ihren Haaren und hält dies seit Jahrzehnten versteckt.

„Nebelkind“ ist der Auftakt der Serie um die schwedische Staatsanwältin mit ungewöhnlicher Kindheit. Der Fall verwickelt die Juristin unmittelbar in ihre eigene Geschichte und beantwortet ihr zahlreiche Fragen. Die eingeschobenen Träume sind zunächst nicht einzuordnen, im Laufe der Handlung wird das Bild jedoch zunehmend klarer und gemeinsam mit der Protagonistin lüftet man den Schleier um ihre Herkunft.

Insgesamt ein solider Thriller, der einen komplexen Fall behandelt, der zahlreiche Nebenschauplätze mit sich bringt und auch so manche tote Spur legt und damit die Spannung stetig aufrecht hält. Überzeugend hat die Autorin jedoch die Spuren gelegt und löst das komplizierte Gebilde sauber auf. Weniger als der Kriminalfall lebt der Roman jedoch von den Figuren. Jana Berzelius ist ganz sicher eine sehr außergewöhnliche Figur, die mit den inneren Rissen und ihren zwei Seiten leben muss: einerseits die korrekte Staatsanwältin, die für Recht und Ordnung sorgt, andererseits der Mensch, der nie Liebe erfahren hat und seinen Emotionen folgt, um persönliche Gerechtigkeit zu erzwingen. Auch die anderen Ermittler wurden mit individuellen Stärken und Schwächen ausgestattet, die sie menschlich und auch facettenreich erscheinen lassen.

Benedict Wells – Spinner

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Benedict Wells – Spinner

Jesper Lier ist Anfang 20 und hatte eigentlich vor nach seinem Umzug von München nach Berlin so richtig das Leben zu beginnen und als Autor zu arbeiten. Die Realität sieht jedoch anders aus: er lebt in einem Kellerloch, schreibt für eine Lokalzeitung, um sich finanziell über Wasser zu halten, die Uni hat er nur zur Immatrikulation betreten und langsam wird ihm auch bewusst, dass sein Mammutwerk von Roman, an dem er zwei Jahre lang gearbeitet hat, vermutlich nichts taugt. Der Rest seines kümmerlichen Lebens ist so beklagenswert, dass die Depression die logische Folge ist. Auch seine Freunde dringen kaum mehr zu ihm durch. Seiner Mutter hat er versprochen für den anstehenden Umzug zurückzukehren und zu helfen, aber der geplante Familienbesuch drückt ebenfalls aufs Gemüt – wofür lebt er eigentlich noch?

Benedict Wells zweiter Roman, der bereits 2009 erschien, im Herbst 2016 jedoch in einer überarbeiteten Fassung nochmals aufgelegt wurde, hat deutliche autobiografische Züge. Genau wie sein Protagonist verließ Wells nach Ende der Schulzeit die bayerische für die Bundeshauptstadt, um dort die Schriftstellerkarriere zu starten. Mit Nebenjobs als Redakteur schlug er sich durch, bis ihm mit „Becks letzter Sommer“ der Durchbruch als Autor gelang. „Spinner“ hat er in sehr jungen Jahren verfasst, was man dem Roman deutlich anmerkt, alles in der Geschichte dreht sich in einem sehr begrenzten Radius um den Protagonisten, der Blick über den Tellerrand und das Wahrnehmen der Welt um ihn herum gelingt ihm noch nicht.

Der Roman klingt ein wenig nach einem verspäteten Vertreter der Popliteratur. Die junge Hauptfigur auf der Suche nach dem Sinn des Lebens, das hauptsächlich von Alkohol, Zigaretten und Drogen bestimmt wird und immer wieder Referenzen zu den Größen des Literatur- und Musikbetriebs aufweist. Allerdings bleibt Wells völlig frei von Gesellschaftskritik und Jesper ist weitgehend unpolitisch, ja noch nicht einmal offen politisch desinteressiert, weshalb er dann doch hinter den bekannten Vertretern des Genres zurückbleibt. Auch die psychologische Tiefe des Charakters bleibt überschaubar, er ist nicht der intellektuelle Denker, der innerlich zerrissen ist und so tiefgründige Sinnsuche betreiben würde. Im Gegenteil: Jesper Lier ist in weiten Teilen wohlstandsverwöhnt und badet in Selbstmitleid. Auch wenn er durchaus harte Schicksalsschläge erlebt hat, eigentlich ist er in einer sehr komfortablen Lebenssituation und findet nur Gefallen an dem dandyhaften Auftritt eines Emos, der nicht erwachsen geworden ist.

Trotz der Kritik hat mir der Roman gefallen und ich würde ihn ohne Frage als lesenswert bezeichnen wollen. Auch wenn ihm die Tiefe fehlt und er nicht ganz so berühren kann wie mit „Vom Ende der Einsamkeit“, gelingt es Wells doch eine überzeugende Figur zu schaffen, die in sich stimmig ist und deren Seelenleben er glaubwürdig einfängt. Jesper Lier wirkt authentisch und meiner Einschätzung nach durchaus ein symbolischer Vertreter für seine Generation. Sprachlich lässt der Autor an einigen Stellen sein Können aufblitzen, das sich in seinen späteren Büchern dann richtig entfaltet.

Ein herzlicher Dank geht an den Diogenes Verlag für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zu Titel und Autor finden sich auf der Verlagsseite.

Un-Su Kim – Die Plotter

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Un-Su Kim – Die Plotter

Eine Wahl für sein Leben hatte er nie. Raeseng ist schon in der Bibliothek bei Old Raccoon aufgewachsen und dort ganz selbstverständlich in das Metier eines Auftragskillers eingeführt worden. Doch die Lage in Seoul verändert sich, Wahlen stehen an, die Regierung schwächelt und es scheint als wenn unter den Plottern, die seit Jahrzehnten im Land entscheiden, wessen Tage gezählt sind, ein Machtkampf ausgebrochen ist. Auch Raeseng bemerkt, dass seine Arbeit kritischer wird und dass auch er selbst ins Visier der Plotter geraten zu sein scheint – eine Bombe in seiner Wohnung ist da doch recht eindeutig. Er forscht nach und kommt einer kleinen, aber interessanten Gruppe auf die Schliche, die ihn auf ihrer Liste stehen hat.

Koreanische Literatur ist häufig etwas härter als der durchschnittliche deutsche Krimi, auch „Die Plotter“ erfüllt in dieser Hinsicht alle Erwartungen. Menschenleben sind nichts mehr als Spielfiguren in einem Schachspiel, die bisweilen an die falsche Stelle rücken und dann aus dem Spiel entfernt werden. Ein ewiger Kampf ums Überleben, der am Ende nur einen Sieger kennen kann.

Zunächst erscheint der Auftragskiller als Protagonist eher unnahbar in seiner Abgeklärtheit und Kühle. Aber im Laufe der Handlung entwickelt Raeseng immer mehr Profil und vor allem zeigt sich seine menschliche Seite. Er ist keineswegs so gefühllos, als dass er unhinterfragt jeden Auftrag nach Vorgabe ausführt und sich keine weiteren Gedanken um seine Opfer macht. Gerade dieser humane Zug wird ihm schließlich zum Verhängnis, zeigt aber auch, dass man zwar in ein Milieu hineingeboren werden, aber trotzdem so etwas wie Mitgefühl entwickeln kann. Seine Neigung zur Literatur ist glaubwürdig motiviert, aber doch so außergewöhnlich für seinen Berufsstand, dass es die Figur umso interessanter macht.

Die Handlung ist in gewissen Maße abzusehen, die Erinnerungen Raesengs bringen diese auch weniger voran als dass sie zur Profilschärfung des Protagonisten dienen. Das Trio, das Raeseng letztlich ausmacht, hat auch eine recht unerwartete Note, in diesem Punkt kann der Roman sich wahrlich aus der Masse hervorheben: ein Mangel an Überraschungsmomenten kann man Un-Su Kim sicher nicht vorwerfen und derart eigene, ausgefeilte Charaktere findet man auch eher selten. Insgesamt ein stimmiger und außergewöhnlicher Thriller.

David Owen – All The Lonely People

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David Owen  – All The Lonely People

The last strike by the anonymous bullying group really hit Kat hard. She was never the popular girl with many friends, but at least online she could be the person she saw in herself, but now, that is taken away from her and she just wants to vanish, fade away. Her wish is granted, slowly her body becomes translucent, only Safa, sharing the same fate can see her. She quickly finds out that there are others, not just people who would like to be someone different and forget their old life and be forgotten, but people who actually faded away. However, there is still one thing she needs to do on earth: the bullies have found another target and she must stop them and therefore collaborate with one of them.

Admittedly, I wasn’t really thinking that the act of vanishing in the novel was meant “real”, yet, this unrealistic aspect is the only thing I wasn’t completely happy with. Apart from this, David Owen has really captured the emotions of teenager who feel like they don’t fit in, that they cannot lead the life they would like to have and the hardship of going to school and being exposed to the attacks of bullies.

I found both protagonists – Kat as the good, pitiable girl and Wesley who first seems to be her enemy but then turns out to be in a comparable situation – strong characters for the novel. They are easy to relate to and the problems they face are things most pupils might know from their everyday life. The novel also had some suspense that kept you read on and it surely made you think of how you treat your family members and how attentive you are concerning the people around you that you never really see.

All in all, I liked it and would surely recommend it to young people who are searching for their identity and place in the world.

Arnaldur Indriðason – Graue Nächte

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Arnaldur Indriðason – Graue Nächte

Im Frühjahr 1943 ist Island besetzt und es wimmelt nur so von amerikanischen und britischen Soldaten. Die Bevölkerung hält sich von ihnen fern, so manches Mädchen findet jedoch Gefallen und die eine oder andere Liebesnacht lässt sich auch in Zeiten des Krieges nicht verhindern. Kommissar Flóvent hat dennoch eine Menge zu tun. Eine Wasserleiche sieht zunächst nach einem Selbstmord aus, wirft jedoch nach der Obduktion große Fragen auf. Der Mord an einem jungen Soldaten vor einer bekannten Kneipe bringt ihn wieder einmal mit seinem kanadischen Kollegen Thorson von der Militärpolizei zusammen. Seltsam ist allerdings, dass bei den Truppen niemand vermisst wird und dass die Ermittlungen von allen Seiten behindert werden und versucht wird, sie im Keim zu ersticken. Die beiden Ermittler haben schwere Wochen vor sich, die auch sie beiden in höchste Gefahr bringen werden.

Seit vielen Jahren ist Arnaldur Indriðason eine verlässliche Größe im Krimi Genre, auch ich bin seit Langem Fan seiner Island Romane, die immer einen Kriminalfall beinhalten, aber weniger durch die Nerven zerreißende Spannung als durch eine genaue Studie der Menschen und ihres Verhaltens und den oftmals widersprüchlichen Emotionen geprägt sind. Schon „Der Reisende“ aus dieser Reihe hatte mir gut gefallen, in „Graue Nächte“ steigert sich der Autor jedoch nochmals deutlich und so entsteht ein rundum überzeugender Krimi, der alle Erwartungen erfüllt.

Was mich insbesondere angesprochen hat, war, dass in diesem Band die Atmosphäre der Kriegsjahre und der Besetzung noch deutlich überzeugender dargestellt waren. Die schwierige Zusammenarbeit von Militär und Zivilpolizei, aber auch die Angst der Bevölkerung vor den Soldaten und auch der eigenen Schutzkräfte kommt im Handeln der Figuren sehr gut rüber – vor allem, wie weit manche bereit sind zu gehen, um an Schmuggelware zu kommen oder wenigstens kleine Vorteile zu genießen.

Die beiden Fälle, die Flóvent lösen muss, sind kompositorisch ebenfalls geschickt verwebt. Ein Handlungsstrang liegt zeitlich vor dem eigentlichen Geschehen, was sich aber erst im Laufe des Lesens erschließt und was dann auch erst die Brisanz erkennen lässt. Beide Fälle waren aber völlig glaubwürdig motiviert und durch die Figuren der Täter stimmig und nachvollziehbar.

Volle Punktzahl für eine Kriminalgeschichte, der man die isländische Kälte spürt: das Tempo ist etwas gemächlicher, dafür menschelt es viel mehr und so vielschichtig und komplex das Leben ist, so erscheinen auch Arnaldur Indriðasons Figuren.

Marie Benedict – The Only Woman in the Room

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Marie Benedict – The Only Woman in the Room

Hedy Lamarr – Hollywood Star of the glorious 1940s with an unknown past. She grew up in Vienna where she had her first successful performances which attracted the attention of Fritz Mandl, an influential military arms manufacturer. Being Jewish wasn’t that big a problem at the time, but her father already felt that refusing a man like Mandl added to their religion wasn’t a good idea and thus, she first accepted the invitation to dinner and finally married him. But soon after their honeymoon, things changed drastically and the only role she was allowed to play was that of the silent wife who was nice to look at. What her husband did underestimate was her quick wit and her capacity of listening. And listen she did when he met the big players who prepared for a new world order with the help of her husband’s weapons. After her successful escape to the US, she used her intelligence and her knowledge for revenge: she developed a radio guidance system for torpedoes.

Admittedly, I had never heard of Hedy Lamarr before starting to read the novel. And even at the beginning I supposed the protagonist was simply a fictional character. When I became aware of the actual background, the woman’s life felt even more impressive than just the narration which I already liked a lot.

The actress is the narrator and centre of the novel and it does not take too long for the reader to figure out that she isn’t just the nice face and talented actress but a smart woman interested in everyday politics with a sharp and alert mind. She follows her father’s line of thoughts about Mandl’s advances and understands that she isn’t in a position to freely decide. The way she planned her escape shows not only how clever she can plot but also her courage. In America she is first reduced to the beautiful actress and it surely hit her hard when her invention was refused by the navy. If it rally was because she was a woman as the novel suggests or if there were other motives doesn’t really matter – she wasn’t recognised for what she was, but only for what people saw in her. Hopefully narratives of these kind of women help to change the mind of those who still believe that the looks go hand in hand with a simple mind.

Milena Michiko Flašar – Herr Katō spielt Familie

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Milena Michiko Flašar – Herr Katō spielt Familie

„Er gibt sich den Anschein, ein Ziel zu haben. Mit großen Schritten geht er los, als ob dort, wohin er geht, jemand warten würde und es von höchster Dringlichkeit wäre, rechtzeitig hinzugelangen. Müßig spazieren zu gehen, einfach so, um des Gehens willen, hat er probiert – kann er nicht.“

Frisch im lange ersehnten Ruhestand wird er nicht mehr gebraucht, hat kein Ziel mehr, keine Eile mehr. Schmerzlich wird ihm auch bewusst, dass ihn nichts mehr mit seiner Frau verbindet, schon lange schlafen sie in getrennten Zimmern und Interesse am Alltag des anderen können sie auch kaum mehr aufbringen. Eine zufällige Begegnung auf dem Friedhof jedoch ändert die Leere der Tage: Mie, Chefin einer Agentur, die Schauspieler vermittelt, die im privaten Bereich Lücken füllen, wird auf ihn aufmerksam und verhilft ihm zu seinem ersten Job: er soll Herrn Katō spielen und seine vermeintliche Tochter und ihren Sohn besuchen. Er soll Familie spielen und die Personen ersetzen, die, warum auch immer, nicht da sind. Ein ganz neuer Blick auf Familie, vor allem auch seine eigene, eröffnet sich ihm.

Immer wieder ist mir im letzten Jahr Milena Michiko Flašars kurzer Roman begegnet. Die österreichische Autorin mit japanischer Mutter, die für ihren Debüt Roman „Ich nannte ihn Krawatte“ mehrfach ausgezeichnet wurde, schafft hier einen sehr typisch fernöstlichen Roman, der jedoch im Kern ein Thema hat, das auch hierzulande wichtig ist und nachdenklich macht. Was kommt nach der Arbeit, wenn man nicht mehr gebraucht wird; wie verändern sich unsere Beziehungen unbemerkt und was bleibt von einem Paar, wenn über Jahre Arbeit, Hausbau und Kinder die Zweierbeziehung immer mehr in den Hintergrund schieben?

Die Idee einer Agentur, die mietbare Familienmitglieder anbietet, klingt zunächst abstrus. Auch der Protagonist hat seine Zweifel, die sich jedoch schon mit dem ersten Auftrag und der Begegnung mit dem kleinen Jordan verflüchtigen. Er merkt, dass er nicht nur eine Lücke füllt, sondern tatsächlich ein emotionales Loch stopfen kann. Dies macht nicht nur etwas mit den Menschen, die er besucht, sondern auch mit ihm. Vor allem die Hochzeit, bei der alle Gäste gemietet sind, stimmt ihn nachdenklich. Kein Familienmitglied wollte die Feierlichkeit der todkranken Frau unterstützen.  Als unerwartet seine hochschwangere Tochter vor der Tür steht, ist das für Herrn Katō die Chance, auch in seinen realen Beziehungen etwas zu ändern. Doch so schnell kann er nicht aus seiner Haut, er würde gerne, aber noch ist er nicht so weit.

Ein leiser Roman, dessen Erzählstimme hervorragend mit dem Protagonisten harmoniert, der so gerne etwas sagen würde, aus sicher herausgehen würde. Aber der Schatten, über den er springen müsste, ist zu groß. ER traut sich nicht einmal, eine Grußkarte mit seinem Namen zu dem Blumenstrauß zu geben, den er seiner Frau zukommen lässt. Die Diskretion und Angepasstheit des Herrn Katō lässt ihn Schweigen, in sich zurückziehen und das Leben beobachten statt es zu leben. Erst in seinen Rollen kommt er aus seinen Haut heraus, die er liebend gerne abstreifen würde. Mit Schreckend erkennt man sich oftmals selbst und muss sich die Frage stellen: verharren im Ist oder mutig weitergehen?

Michael Molsner – Die verbrannte Quelle

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Michael Molsner – Die verbrannte Quelle

Auf den deutschen Außenminister wird kurz nach der Wende ein Anschlag verübt, der erstaunliche Ähnlichkeiten zum Entführungsfall von Hanns Martin Schleyer hat. Doch das Ziel war tatsächlich nicht der Minister, sondern Paul Purr, Handelsattachée in Tel Aviv, der bei ihm im Auto saß. Aus Sicherheitsgründen darf dieser nun eine Reise nach Israel mit dem Abgeordneten Dr. Schwenkert nicht antreten, dieser wird daher von dem Regisseur und Journalisten Jan Ziel begleitet, dessen Vater als einer der obersten Chefs im BKA den Fall um Purr untersucht. Dank Ziels Beobachtungen und zwei weiteren Anschlägen auf Attachées, die mit Purr an einem Treffen zur Vorbereitung von Waffenlieferungen nach Saudi-Arabien teilgenommen hatten, ergibt sich bald eine konkrete Spur, in die die lokalen Geheimdienste unmittelbar verwickelt sind.

Michael Molsners Polit-Thriller klingt nach einer spannenden Lektüre, die auch trotz der fast 30 Jahre seit der Erstveröffentlichung noch brisant und aktuell erscheint. Die Konflikte im Nahen Osten haben sich verschoben, die Bündnisse sind andere, aber nach wie vor ist die Lage fragil. Doch der Roman ist ein herrliches Beispiel für ein grandios auf ganzer Linie gescheitertes Buch, bei dem der einzige Reiz darin besteht, wie bei einem schlimmen Unfall nicht hinschauen zu wollen, aber durch eine unbestimmte Macht doch fasziniert von dem Grauen zu sein und den Blick nicht abwenden zu können.

Zunächst gibt es einige Mysterien, die sich für mich nie gelöst haben: wieso haben Vater und Sohn unterschiedliche Namen? Das war zur damaligen Zeit eher ungewöhnlich. Bei dem jungen Journalisten wird stets betont, dass er im polnischen Krakau aufgewachsen sei und daher Leid und Armut kennt. Und wie kann sein Vater da unmittelbar nach der Wende als oberster Personenschützer im BKA arbeiten? Die Zentrale des BKA wurde auch kurzerhand von Wiesbaden nach Bonn verlegt und die Mitarbeiter dort ermitteln ganz entspannt auch mal im Ausland. Ziels Vater bekommt auch direkt einen Termin in der Knesset beim israelischen Außenminister und plaudert entspannt mit diesem – warum auch nicht, in dieser Position hat der Israeli für einen deutschen Beamten, der eigentlich auch nichts weiter von ihm will, natürlich immer Zeit. Dazu passt auch, dass sie dann bei Eilat ins Tote Meer steigen wollen. Israel ist ja nicht groß, dass wird allerdings sportlich.

Wahrscheinlich soll das dem Leser aber gar nicht auffallen, denn der Autor hat einen Ton, der einem schnell vermittelt, dass er einem für völlig bescheuert und noch dazu ungebildet hält. Quasi jeder Handlungsfortschitt wird mit einer belehrenden Erläuterung versehen: in Israel sprechen zwei Frauen eine fremde Sprache: das ist Ivrit, Neuhebräisch. Im Radio laufen im Dezember keine Weihnachtslieder: Die Israelis sind Juden oder Moslems und feiern deshalb die Geburt Jesu nicht. Bei einer Hausdurchsuchung erklären die Polizisten: „Wir suchen Abhörgeräte, sogenannte Wanzen“. Seite um Seite fragt man sich: meint er das ernst oder will er nur die Sendung mit der Maus kopieren?

Ein besonderes Highlight auch die Frauenfiguren. Hier treten zwei besonders in den Vordergrund, zum einen eine Ermittlerin des BKA, zum anderen eine ehemalige deutsche Nonne, die mit einem saudischen Prinzen verheiratete ist und vor diesem mit Hilfe des Attachées flieht. Die BKA Frau tritt zum ersten Mal bei einem Verhör auf, wo sie nur geifert und rumschreit und keine einzige sinnvolle Frage zustande bringt. Als sie den Raum verlässt, können die Herren endlich ordentlich die Arbeit machen. Beim Feldeinsatz in Israel ist sie es dann auch, die mit dem Dietrich die Tür nicht aufbekommt und etwas belämmert den Einsatz verpasst:

»Also, ich weiß nicht, wie ihr das immer mit euern Dietrichen macht. Meiner hat überhaupt nicht gegriffen!«

Viel unglaubwürdiger kann jemand in dieser Position kaum sein, es sei denn man wollte bewusst erkennen lassen, dass Frauen grundsätzlich hierfür nicht geeignet sind. Dass die endlich erlöste Ehefrau sich weiterhin in Palästina aufhält und wild mit allen ermittelt und sich in keiner Weise vor dem ach so brutalen Ehemann und seiner Kavallerie schützt, erscheint auch nur wenig plausibel.

Bei der Begegnung Jan Ziels mit einer Gruppe von Nonnen fällt dann auch ein sprachliches Highlight, bei dem sich der Mageninhalt sehr drängend in die falsche Richtung bewegt:

„Gleich zu Beginn verliebte er sich in die Regionaloberin, Schwester Candida. Es entzückte ihn, daß sie so hübsch war!“

Der Klappentext war ansprechend. Viel mehr Positives findet sich leider nicht. Allerdings bot es viel Gesprächsstoff, da ich beim Lesen meinem Mann immer wieder vom neuesten Knaller berichtete, wobei er die entscheidende Frage wiederholt aufgeworfen hat: warum liest du das überhaupt?

Caroline Kepnes – YOU – Du wirst mich lieben

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Caroline Kepnes – YOU – Du wirst mich lieben

Als sie seine Buchhandlung betritt, ist es um Joe Goldberg geschehen. Doch Guinevere Beck, die alle nur mit ihrem Nachnamen anreden, hat Amors Pfeil nicht so tief getroffen, weshalb er ein wenig nachhelfen muss. Erst beobachtet er die Studentin nur, dann nutzt er eine Gelegenheit, um mit ihr wieder in Kontakt zu treten. Nun sitzt sie in der Falle. Beck entwickelt tatsächlich Gefühle für ihn, aber andere Dinge, vor allem andere Männer, beschäftigen sie ebenfalls. Also muss Joe diese nach und nach aus dem Weg räumen. Den anderen Typen, die Freundin, den Therapeuten. Da er ihre Mails mitliest, ist er ihr immer einen Schritt voraus und er ist sich sicher, sie wird am Ende schon erkennen, was gut für sie ist.

Die Geschichte um den besessenen Bücherfreak, der eine junge Frau stalkt, um sie für sich zu gewinnen, klingt in der Grundanlage spannend. Tatsächlich fand ich den Anfang auch sehr überzeugend, die Dialoge sind hier lebendig und Joes Verhalten zwar übergriffig, aber doch nachvollziehbar. Es ist offenkundig, dass er sich zum Psychopaten entwickeln wird und die Situation sich zuspitzen muss, aber dies geschieht nur mit sehr vielen Schleifen und Längen, was leider der Spannung nicht zuträglich ist.

Natürlich ist Joe besessen und krank, die Leichtigkeit, mit der er mordet, ist ohne Frage auch jenseits des normalen Verhaltensrahmens. Allerdings sind die anderen Figuren auch weit davon entfernt, was zum Teil aber auch an der nicht ganz stimmigen Figurenzeichnung liegt. Vor allem Beck ist in sich nicht glaubwürdig, von der talentierten und ehrgeizigen Studentin, die ein Stipendium für eine der besten Universitäten erhalten hat, ist gar nichts zu spüren. Sie ist dümmlich, naiv, völlig desinteressiert an ihrem Studium und scheint außer für den nächsten Mann, den sie aufreißen kann, keine Gedanken zu haben. Auch ihren Freundinnen rangieren in jeder Hinsicht auf dem geistigen Niveau von 13-Jährigen Dorfproletinnen, was den wohlhabenden und intellektuellen Hintergrund, den sie angeblich haben, in keiner Weise widerspiegelt.

Das ewige Hin und Her zwischen Joe und Beck, die ja irgendwie mag, aber dann doch nicht, soll vermeintlich das große Finale hinauszögern und die Spannung steigern. Allerdings wird es irgendwann sehr müßig herauszufinden, warum Beck jetzt gerade doch wieder nicht will oder was ihre Freundin ihr nun serviert. Die Schleife ist leider auch so wiederholend und vorhersehbar, dass keinerlei Überraschung kommt. Joes Informationsbeschaffung und Überwachungssystem ist clever, auch sein Charakter in sich völlig stimmig – aber das ist zu wenig, um den ganzen Roman durch zu tragen.

Amy Waldman – Der amerikanische Architekt

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Amy Waldman – Der amerikanische Architekt

Den Opfern des Angriffs auf die Türme des World Trade Centers soll eine Gedenkstätte gebaut werden. Eine Jury aus Experten und Vertretern der Hinterbliebenen hat monatelang getagt und ist nun dabei, die finale Entscheidung zu treffen. 5000 Entwürfe haben sie gesichtet, alle anonym eingereicht, um jede Form der Beeinflussung auszuschließen. Ein Garten wird der Sieger sein, doch als der Umschlag mit dem Namen des Architekten geöffnet wird, gefriert der Jury das Blut in den Adern: Mohammad Khan. Offensichtlich Muslim. Einer von denen. Man beschließt, das Ergebnis noch nicht zu veröffentlichen und sich selbst Bedenkzeit zu geben – doch jemand hält nicht dicht und schon kurz danach ist die Öffentlichkeit informiert und erwartungsgemäß empört. An dem unlösbaren Dilemma müssen nun die Grundfesten der amerikanischen Gesellschaft erprobt werden.

Amy Waldman hat in ihrem Debütroman eine Situation geschaffen, die nicht nur die involvierten Individuen herausfordert, sondern eine gesamte Bevölkerung betrifft und die keinen offenkundigen Ausweg erlaubt, der sowohl individuellen wie auch emotionalen Bedürfnissen gerecht wird.

Die Jury ist gefangen zwischen den Optionen, den selbstgewählten Weg weiterzuverfolgen und die Person des Architekten hinter den Entwurf zustellen. Für diesen haben sie sich mehrheitlich entschieden und nicht ohne Grund war das Verfahren anonym. Auch die Zusammensetzung der Experten war mit Bedacht gewählt, nicht die Emotionen der Hinterbliebenen sollten dominieren, sondern fachkundige architektonisch-künstlerische Argumente. Ihre Entscheidung, die Wahl letztlich in die öffentliche Meinung zu legen und eine landesweite und sogar globale Diskussion zu erlauben, ist eine Kapitulation vor der eigenen Aufgabe und den selbstgesetzten Idealen.

Mohammad Khan ist als Sohn indischer Einwanderer typisch amerikanisch aufgewachsen, hätte sich selbst nie über seine Religion definiert und gilt als begabter junger Architekt mit großer Zukunft. Er wird verhaftet für eine Tat, die er nicht begangen hat, mit der er sich nicht identifiziert und die noch nicht einmal im Zusammenhang mit seinem persönlichen Familienhintergrund steht. Je mehr er in die Enge gedrängt wird, desto mehr übernimmt er auch eine Rolle, die er gar nicht haben will. Resigniert stellt er irgendwann fest: er wollte mit seinem Entwurf Amerika einen. Das ist ihm gelungen, sie sind irgendwann alle gegen ihn, Muslime und Nicht-Muslime vereint gegen diesen Architekten.

Auch die Nebenfiguren haben vielschichtige Meinungen und bieten eine Reihe von differenzierten Perspektiven in dieser Thematik. So wird das zugrundeliegende Dilemma auch in der Breite offenkundig: ein Einwanderungsland, das sich immer über Vielfalt definiert hat und offen war für neue Einflüsse, das sich der vorbildlichen Integration aller rühmt, muss erkennen, dass es keineswegs das Land ist, das es glaubte zu sein. Hinzu kommen individuelle Verfehlungen und Schwächen, die jedoch den öffentlichen Raum einnehmen und die Diskussion befeuern: wer laut ist, wird gehört. Welche Motive die Person antreiben wird dabei von der Lautstärke übertönt und übersehen.

Unweigerlich erinnert einem die Geschichte an Shakespeares berühmten Ausspruch in „Romeo and Juliet“:

„What’s in a name? that which we call a rose

By any other name would smell as sweet“.

Der Name des Architekten macht ihn zu dem, was die Leute in ihm sehen wollen. Doch egal wie er heißt, er ist ein amerikanischer Architekt, der die Ideale seiner Generation lebt und sowohl Herkunft seiner Eltern wie auch vorgebliche Religion wenig Bedeutung zumisst. Doch das Volk will das sehen, was es in den Namen hineinprojiziert: der Vorname Mohammad macht ihn zum Vorzeige Muslim und damit zum Feind des Landes und Mörder. Dadurch ist er nicht mehr der Mohammad Khan, der er immer war, der eigentlich kaum amerikanischer hätte sein können: als Kind von Einwanderern hart gearbeitet, auf dem Weg zum beruflichen Erfolg und nun der Gewinn dieser Ausschreibung. Der amerikanische Traum, der an seinem Namen scheitert.