Marieke Nijkamp – Before I let go

marieke-niejkamp-before-i-let-go
Marieke Nijkamp – Before I let Go

For sixteen years, Corey and Kyra have been friends. Together they roamed the forests of Lost Creek, Alaska, went to school together and spent their free time together. Then, six months ago, Corey moved away with her mother and younger brother and left Kyra alone. Alone in a town who hated the girl because she was different. Her maniac-depressive behaviour irritated the 250 inhabitants of the small city; she was at best invisible, at worst an outsider. Two days before Corey is due to visit, Kyra is found dead. Beneath the ice of a lake in mid-winter. For Corey this is not only a shock, but unbelievable. Kyra cannot be dead and she would never have killed herself so shortly before her arrival. Her suspicion grows the closer she comes to her former hometown and finally there, she is not greeted with unanimous joy.

Marieke Nijkamp’s novel is set against the Alaskan winter which perfectly reflects the mood of the novel. The atmosphere is gloomy and often spooky throughout the story and at times it actually gave me the creeps. It is a wonderful merge of a young adult novel and a thriller.

Yet, first of all, it is a novel about friendship. Corey remembers her time with Kyra, the good ones and the bad ones and she is ruminating about the question if she has left her friend, left her alone with the ill-natured people of Lost Creek who resented her with her escapades. Could she have prevented a possible suicide or even murder of her friend? A tough question for a sixteen-year-old girl alone and face to face with a whole hostile town.

On the other hand, it is a novel about life in a reclusive community who considers people who moved away outsiders after only a short time and who are hard to anybody who does not fit in their world-view. Where people do not talk much to somebody who does not belong to the inner circle. And a community who lives to its own laws and values. After only a couple of months, Corey does not understand them anymore, does not recognise the people she once loved anymore.

Looming above all this is the question what happened to Kyra. Did she really change after Corey left? Did the people actually change in the last couple of weeks? Or is this just the story Corey is told to hide the truth.

The author has a great talent in making you feel with the protagonist, I experienced this when I read her novel “This is where it ends” about a school shooting, too. “Before I let go” is a quick read that I enjoyed a lot.

Advertisements

Joy Ellis – Beware the Past

joy-ellis-beware-the-past
Joy Ellis – Beware the Past

It was his most important case, 25 years ago, and now it all seems to be coming back to him. Detective Matt Ballard was still young when a series of murders of three boys hit the remote area of Gibbet Fens. The killing suddenly stopped when their main suspects was killed in an accident, but nevertheless, doubts remained and now the killers seems to have resumed his series. The team is working around the clock and soon they have to realise that this is not just a normal murder case, it is a cat and mouse play with Matt Ballard at the centre. The killer wants his full attention and he want to hurt the detective – therefore everybody close to him is in the highest danger.

Joy Ellis’ thriller is just want I’d suspect from a crime novel: full of suspense, many clues and leads that only lead to dead-ends. Interesting characters with a past and buried secrets. A fast paced story with twists and turns and quite a surprising motive of the predator.

For me, the strongest aspect of the novel was actually the plot and the motivation of the killer. It is hard not to tell too much since it really comes as a surprise, but the way Joy Ellis drafted the novel, the killer’s procedure and the solution of the case was just brilliant. I was kept in the dark about who is behind it all for such a long time – ok, one might have guessed, but actually, the fact that I was totally taken by surprise makes it an outstanding thriller for me.

Natascha Wodin – Sie kam aus Mariupol

Natascha-Wodin-sie-kam-aus-mariupol
Natascha Wodin – Sie kam aus Mariupol

Natascha Wodin wurde 1945 als Kind russischer Zwangsarbeiter in Deutschland geboren. Schon jung hat sie ihre Mutter verloren, die offenbar aufgrund von Depressionen den Freitod wählte. Jahrzehnte lang hat sie sich gefragt, was hinter der Geschichte der eigenen Mutter steckt, doch erst im fortgeschrittenen Alter begibt sie sich auf die Suche nach den Ursprüngen. Diese Suche nach der Familie und der Vergangenheit hat sie in ihrem Roman „Sie kam aus Mariupol“ festgehalten.

Entstanden ist eine recht typische Geschichte einer Familie, die einst unter den Zaren zur gebildeten Oberschicht gehörte, sogar recht vermögend war, aber durch den Übergang zum Stalinismus nicht nur an sozialem Rang verlor, sondern einem Leben ausgesetzt war, auf das sie nicht vorbereitet war. Aber umgekehrt gab es in Natascha Wodins Familie auch starke Frauen, die sich den Obrigkeiten widersetzt haben und ihren Weg gingen, die clevere Entscheidungen getroffen haben, die sie im Leben voranbrachten.

Eine Geschichte einer Familie, wie man sie in Europa tausendfach findet. Geprägt von Verlust und Vertreibung, vom Neuanfang in der Fremde, der in jeder Generation aufs Neue begangen werden muss. Auch das Schicksal der Vertriebenen aus dem Osten, die oftmals hinter den jüdischen Opfern zurückstehen und deren Leid kaum Beachtung gefunden hat.

Auch wenn die Geschichte keine wirkliche Spannung hat, bleibt das Hörbuch doch über viele Stunden hinweg fesselnd und interessant. Natascha Wodin ermöglicht sehr persönliche und private Einblicke in das Leben ihrer Vorfahren, die auf so manche Randnotiz der Geschichte ein anderes Licht werfen.

Virginie Despentes – Vernon Subutex

virginie-despentes-vernon-subutex
Virginie Despentes – Vernon Subutex

QUI EST VERNON SUBUTEX ?

Une légende urbaine.

Un ange déchu.

Un disparu qui ne cesse de ressurgir.

Le détenteur d’un secret.

Le dernier témoin d’un monde disparu.

L’ultime visage de notre comédie inhumaine.

Notre fantôme à tous.

Besser als die Internetseite von Grasset kann man die Frage danach, wer Vernon Subutex, Namensgeber von Virginie Despentes achtem Roman und erstem Band einer Trilogie, nicht zusammenfassen. Eine Legende, gefallener Engel, ein Verschollener, der immer wieder auftaucht, Geheimnisträger und letzter Zeuge, das Gesicht der unmenschlichen Komödie und unser aller Phantom.

Einst war Vernon erfolgreicher DJ und Plattenladenbesitzer in Paris, jeder konnte ihn alles Mögliche zur Musik befragen, doch die Zeiten haben sich geändert und was sich seit einiger Zeit bereits abzeichnete, wird nun Realität: schon länger Sozialhilfebezieher und weitgehend passiv in seiner Wohnung verharrend, fliegt er nun aus selbiger und findet sich plötzlich als Obdachloser auf der Straße wieder. Erster Plan: seine Freunde. Nach und nach sucht er sie auf und kann für wenige Tage jeweils bei ihnen unterkommen. So lernt man auch deren Leben und Schicksal kennen.

Alex Bleach hat ihm immer aus der Patsche geholfen und Geld geliehen, doch der bekannte und erfolgreiche Sänger ist gerade verstorben und kann seinen Freund nicht mehr unterstützen. Die anderen Freunde könnten verschiedener kaum sein: ein gutbürgerlicher Familienvater, eine ehemalige Pornodarstellerin, ein prügelnder Gatte – das ganze Leben und keim Platz für Vernon.

Virginie Despentes fängt das pralle Leben ein. Nicht nur Vernon und seine Freunde, sondern auch die zahlreichen Nebenfiguren– ein Rechtsextremer, eine verschleierte Muslimin, ein Kokaindealer, ein Transsexueller – bieten die ganze Bandbreite der französischen Gesellschaft, wobei sich viele an deren Rand befinden und ausgeschlossen werden von der christlichen, in geordneten klassischen Familienverhältnissen lebenden Mehrheit. Die Autorin ist bekannt für ihre pointierten und direkten Angriffe auf genau diese Masse, die die Augen verschließt vor dem Leid um sie herum und die andere Lebensentwürfe ablehnt und aburteilt.

„Vernon Subutex 1“ wurde unter anderem mit den Prix Anaïs-Nin ausgezeichnet, der Werke für ihre außergewöhnliche Stimme und Originalität sowie der Infragestellung der moralischen Ordnung ehrt. Das ist Virginie Despentes ganz sicher gelungen. Der Roman hat erwartungsgemäß polarisiert, er will gar nicht erst irgendetwas beschönigen und so steht die grausame Realität, vor der man gerne die Augen verschließen möchte, plötzlich vor dem inneren Auge auf. Nicht immer schön zu lesen, manchmal brutal und abstoßend, aber: so ist das Leben nun einmal.

James Marrison – Stadt der Verschwundenen

james-marrison-stadt-der-verschwundene
James Marrison – Stadt der Verschwundenen

Auch viele Jahre später lässt Guillermo die Erinnerung an die wenigen Tage 1981 nicht los. Hätte er etwas anders machen müssen? Hätte er sie retten können? Eine junge Frau spaziert nichts ahnend durch Buenos Aires als die Militärpolizei die Suche nach ihr startet. Weder weiß sie warum, noch nimmt sie die Sache richtig ernst. Doch Guillermo ahnt, dass dies bereits das Todesurteil sein könnte. Er macht sich auf die Suche nach Spuren und trifft auf ihre Schwester, Pilar, mit der er gemeinsam nach Soledad fahndet. Sie rekonstruieren ihre letzten Tage und stoßen auf einen seltsamen Mord an Soledads Englischlehrer. Bald schon erkennen sie, was die junge Studentin ins Fadenkreuz der militares gebracht hat. Doch dies bedeutet nur, dass sie wirklich in Lebensgefahr schwebt.

James Marrisons Thriller greift eine der dunkelsten Kapitel in der argentinischen Geschichte auf. Zwischen 1976 und 1983 verschwanden zahlreiche Menschen in Argentinien spurlos unter der Militärdiktatur. Die Madres de Plaza de Mayo, dem Platz vor dem Präsidentenpalast in Buenos Aires, trafen sich seit 1977 jeden Donnerstag dort, um stumm gegen das Regime zu protestieren und auf ihre Sorgen aufmerksam zu machen.

Ähnlich wie all diese Töchter und Söhne wird auch Soledad mitten aus dem Leben gerissen, aus einer Buchhandlung hinaus- und wegtransportiert. Die Angst vor dem unberechenbaren und brutalen Militär ist allgegenwärtig im Roman. Kaum ein Schritt können die Figuren tun, ohne überwacht zu werden oder sich unmittelbar in Gefahr zu begeben. Trauen kann man kaum jemandem, jeder könnte Feind oder Informationslieferant sein. Gründe benötigten die militares offenbar nur wenige, um Menschen verschwinden zu lassen – ein Verdacht genügte.

„Stadt der Verschwundenen“ beschreibt sehr eindrücklich das Leben unter der Militärjunta. Allerdings bleibt die Handlung weitgehend auf die Suche nach Soledad beschränkt, darüber hinaus bekommt man kaum Einblicke in das Leben in Buenos Aires der 1980er. Auch die Komplexität der Geschichte ist recht überschaubar, große Überraschung findet man ebensowenig wie verzwickte Zusammenhänge. Da nur eine kurze Zeitspanne geschildert wird, bleibt auch eine Entwicklung bei den Figuren aus. Hier hätte der Roman auf jeden Fall noch Potenzial gehabt, wäre aber etwas ganz Anderes geworden als diese sehr fokussierte und mit gut 200 Seiten auch recht knappe Erzählung. In sich ist das alles stimmig und durchaus lesenswert.

Lana Lux – Kukolka

lana-lux-kukolka
Lana Lux – Kukolka

Ein Kinderheim in Dnepropetrowsk, Ukraine. Samira und Marina kennen ihre Eltern nicht, auch kein Leben in einer Familie, nur das im Kinderheim kennen sie und immer träumen sie von einem besseren Dasein. Regelmäßig kommen Erwachsene, um sich Kinder auszusuchen, so auch Marina, die die Heimat verlassen und in Deutschland ein neues Leben beginnen darf. Ihrer Freundin zu folgen wird für die nächsten Jahre der sehnlichste Wunsch von Samira bleiben. Sie reißt aus dem Kinderheim aus und wird von Rocky aufgegriffen. Er ist jedoch nicht der freundliche Helfer, als der er zunächst scheint, sondern hat eine ganze Bande von Kindern angestellt, die für ihn klauen und betteln. Trotz aller Widrigkeiten hat Samira eine Ersatzfamilie und mit Dascha und Lydia so etwas wie große Schwestern. Doch die Zeiten ändern sich und mit zunehmendem Alter wird Samira für Männer als Sexobjekt interessant. Dima scheint die Rettung zu sein, er schafft es sogar, Samira nach Deutschland zu bringen, doch der Preis, den sie dafür zahlen muss, ist hoch.

„Kukolka“ – das Püppchen. Das ist die dunkelhaarige Samira zunächst für alle. Das ahnungslose naive Mädchen, das mit seinen 6-7 Jahren alleine davonläuft und den Weg nach Deutschland antritt. Leicht findet sie Menschen, die sich um sie kümmern, doch diese haben immer Hintergedanken und nichts ist umsonst in ihrem Leben. Bei jeder Etappe denkt man, dass es nicht mehr schlimmer kommen kann. Zum Betteln und Stehlen versklavt, verwahrlost und ohne jede Bildung – was sie bei Rocky erlebt ist der böse Alptraum eines unsäglichen Kinderlebens. In einem Haus ohne fließendes Wasser, immer wieder auch mit dem Tod und Gewalt konfrontiert – was sollte das noch überbieten können?

Dima scheint die Hoffnung zu sein. Er ist freundlich, hat eine saubere Wohnung, behandelt Samira gut – doch sein wahres Gesicht zeigt er erst später. Viel zu jung wird Samira missbraucht, verraten, verkauft. Ob all der Grausamkeiten, die das Mädchen ertragen muss, kann man gar nicht glauben, dass ein einziges Menschenleben das aushalten kann. Bei realistischer Betrachtung weiß man jedoch, dass dies auch eine Realität ist, die sich in einer Parallelgesellschaft mitten unter uns abspielt, vor unseren Augen ohne dass wir es sehen.

Lana Lux erspart ihrer Protagonistin und dem Leser nichts. Ein unbändiger Überlebenswille, getrieben von den Gedanken die Freundin wiederzusehen und ebenfalls eine gute deutsche Familie zu finden, hält sie am Leben und lässt sie all das ertragen, was man ihr zufügt. Der Roman ist ganz sicher nichts für feinbesaitete Gemüter, zu schonungslos und direkt schildert die Autorin Gewalttätigkeiten und Missbrauch. Gleichzeitig zeichnet sie das Psychogramm einer starken jungen Frau, die zwar immer wieder droht sich in ihrer Phantasiewelt zu verlieren, einem Schutzwall um das Leben zu ertragen, aber letztlich ihren Weg mutig geht und überlebt. Sie deckt Mechanismen auf, die es Menschen erlauben, sich anderer zu bemächtigen und diese auszunutzen:

„Ich wusste, dass mich das gleiche Schicksal erwartet wie Dascha und Lydia. Ich wusste, dass ich zu niemandem gehöre und nichts wert bin. Dass ich einfach da bin, so wie Kakerlaken. Niemand weiß, wo die ehrkommen. Niemand braucht sie. Sie leben, bis einer sie wegklatscht.“ (Pos. 2480)

Sie glaubt, dass sie schuld am Schicksal von Dascha und Lydia sei und nun ihre gerechte Strafe bekommt. Mit dieser Schuld muss sie leben und die Strafe ertragen, bis sie irgendwann tot ist.

Ein beeindruckender Roman, der einem als Leser nicht kalt lassen kann. Trotz oder gerade wegen einer gewissen Nüchternheit in der Erzählung geht er unter die Haut und setzt sich fest. Für mich eindeutig eins der literarischen Highlights 2017.

Lisa Jewell – Then She Was Gone

Lisa Jewell – Then She Was Gone

Ellie just wants to go to the library to study for her GCSEs. But she never arrives there and is never seen again. Her mother Laurel is sure that her daughter is still alive, but where? Ten years pass by, the family splits up and Laurel is alone with her grief. When she meets Floyd, she experiences happiness for the first time in many years. Can this be true? Finding love at the age of 55? But why is the famous writer in love with her, this old, nondescript woman? When she meets Floyd’s daughter Poppy for the first time, a vile thought is planted in her head. Was their encounter really a coincidence? Who is that man in reality?

Lisa Jewell tells the story of the vanished girl from different perspectives at different points of time. Thus, the full picture is only revealed bit by bit throughout the story and the tension is constantly kept high. You never know whom you can really trust, what is true and what isn’t, you can guess, but at times, you might be completely wrong.

I especially liked the mystery about Floyd and his daughter. At the first glance, they appear to be a bit too perfect, too lovely and likeable to be real. Just because of this you become suspicious. Is Floyd the nice loving man or is he simply evil? What might happen to Laurel when she keeps on dating him? From the experience of reading thrillers you are convinced that sooner or later something really wicked will happen, you simply wait for it to happen all the time – of course you still hope that by some miracle the nice and decent woman is spared another nightmare in her life.

“Then she was gone” is not a too bloody thriller, but it is creepy due to the characters and you always teeter on a knife edge about what is going to happen next. So, Lisa Jewell successfully plays on the reader’s nerves – just what I would expect from a good thriller.

Keith Nixon – Totengrab

keith-nixon-totengrab.png
Keith Nixon – Totengrab

In dem englischen Provinzstädtchen Margate stürzt sich ein Teenager von einem Balkon. Selbstmord, so die erste Erkenntnis der Polizei. Doch Detective Sergeant Solomon Gray hat ein ungutes Gefühl, könnte der Jugendliche sein seit 10 Jahren vermisster Sohn sein? Noch immer ist er auf der Suche nach dem Jungen, von dem seither jede Spur fehlt und der noch irgendwo da draußen sein muss. Vor allem ist es seltsam, dass der Tote auf seinem Handy die Nummer Grays gespeichert hatte. Was hat dies zu bedeuten? Bei der Suche nach Angehörigen stößt Gray bald auf einen alten Bekannten, der den Fall in einem anderen Licht erscheinen lässt. Doch die Entwicklungen fordern ihren Tribut und mehr und mehr versinkt Gray wieder in der Depression, die ihn schon seit Jahren im Griff hat.

Der Ansatz des Krimis klingt fesselnd und hat viel Potenzial. Leider wurde dieses für meinen Geschmack in der Umsetzung verspielt, so dass nur ein durchschnittlicher Roman mit überschaubarere Spannung entstanden ist. Die Parallelen zwischen dem toten Jugendlichen und dem vermissten Sohn des Polizisten bieten eigentlich viel Raum für Spekulation und nervenzerreißende Ermittlungen, aber dies wird zu schnell aufgegeben.

Die Ermittlungen verlaufen insgesamt nicht sehr zielstrebig und wenig überzeugend. Steht zunächst vor allem für seine Vorgesetzten die Frage im Raum, welche Verbindung es zwischen dem Jungen und Gray gibt, wird dies irgendwann einfach nicht mehr verfolgt und letztlich ignoriert. Auch wird ein großer Skandal angelegt, der jedoch ebenfalls auf der Strecke bleibt und nicht den vermuteten und erhofften großen Knall bringt. Aus dem Nichts taucht derweil ein zweiter Fall und zahlreiche Ermordetet auf – hier fehlt mir die Plausibilität, das Handeln der Figuren ist nicht überzeugend motiviert und zu zufällig, um gerade zu diesem Zeitpunkt wirklich diesen Verlauf zu nehmen.

Der Protagonist hat zwar mit der Anlage seiner Vorgeschichte einige Facetten, die mit in die Handlung einspielen, aber mir bleibt er zu eindimensional und schablonenhaft. Zu oft hat man von dem vom Schicksal schwer getroffenen Ermittler gelesen, der depressiv wird und sich mit Alkohol derart zudröhnt, dass er sich an seine eigenen Handlungen nicht mehr erinnern kann und in geistiger Umnebelung schwere Straftaten begeht – was ihn aber nicht daran hindert im Alleingang dennoch den Fall aufzuklären. Solomon Gray kann mich nicht als Fan gewinnen.

Alles in allem durchaus lesbar, aber kein Krimi, der für mich so überzeugend ist, dass ich weitere Bände aus der Reihe lesen wollen würde.

J.D. Barker – The Fourth Monkey

The Fourth MonkeyGeboren um zu toeten von JD Barker
J.D. Barker – The Fourth Monkey

Immer dasselbe Muster: erst das Ohr des Opfers, dann die Zunge, dann die Leiche. Und immer soll ein naher Verwandter damit betraft werden, denn dieser hat etwas Böses getan. Seit Jahren jagt Sam Porter den sogenannten Four Monkey Killer, der Chicago in Angst und Schrecken versetzt. Doch nun scheint das Schicksal auf Seiten der Ermittler zu sein, denn beim Ausliefern des Ohres eines vermissten Mädchens wird der Bote überfahren; bei sich hat er auch das Tagebuch des Killers. Doch schnell müssen Porter und sein Team feststellen, dass der Tote nicht der gesuchte Serientäter sein kann. Sie ahnen jedoch nicht, dass dieser ein perfides Spiel für seine Jäger vorbereitet hat, sie sind zu sehr mit dem Fall beschäftigt, um diese Option in Betracht zu ziehen und bringen sich damit selbst in höchste Gefahr.

J.D. Barkers Thriller „The Fourth Monkey“ lässt keine Wünsche offen, die man an einen spannenden und nervenzehrenden Fall stellen könnte: Eine komplexe Story, deren Einzelteile sich erst langsam zusammenfügen und schließlich einen clever konstruierten Plot ergeben. Ein zunehmend hohes Tempo der Handlung. Teilweise grenzwertig brutale Szenen, die jedoch sehr deutlich schildern, wie weit der menschliche Abgrund reicht und wozu Psychopaten fähig sind. Dies lässt einem nur umso mehr Sorge um das bedauernswerte Opfer haben. Dazu ein vielschichtiger Ermittler, der mit seinem Privatleben zu kämpfen hat und dadurch weitere Facetten jenseits der Ermittlungsarbeit erhält.

Bereits sein erster Roman wurde begeistert aufgenommen und für den Bram Stoker Award nominiert. Der Thriller um den Four Monkey Killer ist J.D. Barkers zweiter Wurf, der den Leser sofort packt und der geschickt sie Spannung so platziert – zahlreiche Cliffhanger nicht nur zwischen den Kapiteln, sondern auch am Ende des Buchs, was geradezu nach einer Fortsetzung schreit – dass man den Roman schlichtweg nicht weglegen kann. Dass die Filmrechte bereits verkauft sind, wundert dabei auch nur wenig.

 

Ein Dank geht an das Bloggerportal für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zu Titel und Autor finden sich auf der Verlagsseite von Random House.

Jami Attenberg – Ehemänner

jami-attenberg-ehemänner
Jami Attenberg – Ehemänner

Sechs Jahre schon liegt Martin im Koma. Sechs lange Jahre steht auch das Leben seiner Frau Jarvis still. Zwischen dem New Yorker Loft und dem Pflegeheim pendelt sie, darüber hinaus hat sie eigentlich kein Leben mehr, keine Bekanntschaften, die sie pflegt, keine Freundschaften. Als sie dank einer defekten Waschmaschine in einem Waschsalon auf Tony, Mal und Scott trifft, wird plötzlich der Lebensmut wieder in Jarvis geweckt. Sie findet die drei Haus- und Ehemänner spontan sympathisch und fiebert jedem Treffen entgegen. Langsam hinterfragt sie ihr gegenwärtiges Lebenskonstrukt und als sie beginnt sich um Martins künstlerische Hinterlassenschaften zu kümmern, lernt sie zu ihrem Leidwesen auch eine Seite ihres Ehemanns kennen, die ihr bis dato nicht bekannt war. Sie muss sich entscheiden: weitermachen wie bisher oder eine lebenswichtige Entscheidung treffen.

Jami Attenbergs Roman „Ehemänner“ ist bereits vor zehn Jahren erschienen, wurde jedoch jetzt erst in deutscher Übersetzung aufgelegt. Meiner Meinung nach merkt man, dass dies ihr erster Roman nach der Veröffentlichung von Kurzgeschichten war, ihr späterer Durchbruch und Erfolgsroman „The Middlesteins“ ist schon deutlich ausgereifter und im Humor subtiler. Nichtsdestotrotz erkennt man schon in diesem Roman das Potenzial der Autorin.

Dies zeigt sich vor allem in der Figurenzeichnung. Jarvis ist ein sehr eigenwilliger Charakter, der jedoch nichtsdestotrotz authentisch und lebendig wirkt. Ihre Situation ist fern von alltäglich, aber die grundsätzliche Frage, ob man in seinem Leben gefangen ist und sich ob der eigenen Passivität dem Schicksal hingibt oder den Mut besitzt, aktiv zu werden und auszubrechen, ist wiederum eine sehr weit verbreitete Problematik, der sich viele Menschen gegenübersehen. Eine kleine Begegnung, zufällig, ungeplant und kurz, bringt schließlich den Stein ins Rollen und das sorgsam aufgebaute Lebensgerüst ins Wanken. Dass dies schmerzlich sein kann, muss auch Jarvis erfahren. Jami Attenberg erspart ihrer Protagonistin nichts, der Ausbruch geht nicht ohne Leiden und Schrammen vonstatten – aber so ist das Leben und das hat die Autorin eingefangen.

Einmal mehr konnte sie mich Jami Attenberg jedoch vor allem mit der Atmosphäre überzeugen, die sie in ihrem Roman schafft. Man taucht in New York bzw. Williamsburg ein, spürt den Puls der Stadt, die jüdische und von Künstlern geprägte Umgebung, die ihren ganz eigenen Rhythmus lebt. Überhaupt hat sie für mein Empfinden speziell die kleine und recht überschaubare Artistenszene sehr glaubwürdig dargestellt: der Neid und Egoismus, mit dem die Karrieren verfolgt werden; Freundschaften und Beziehungen, die dem Erfolg untergeordnet werden. Auf der anderen Seite aber auch die noch erfolglosen Tingler wie die Ehemänner aus dem Waschsalon, die sich dank des Einkommens der Partnerinnen oder kleinerer Jobs über Wasser halten, bis vielleicht irgendwann der Durchbruch kommt – oder auch nicht. Das alles lebt von Jami Attenbergs Ausdruckstalent, bemerkenswert wie sie immer wieder kuriose Vergleiche und treffende Formulierungen findet, um die Dinge auf den Punkt zu bringen.

Auch wenn für mich das Ende nicht ganz überzeugend ist, ein lesenswerter Roman über eine Frau am Scheideweg ihres Lebens.