Gianna Molinari – Hier ist noch alles möglich

gianna-molinari-hier-ist-noch-alles-möglich
Gianna Molinari – Hier ist noch alles möglich

Nachdem sie ihren Job als Bibliothekarin zu langweilig findet, übernimmt eine junge Frau die Aufgabe das Gelände einer Verpackungsfabrik als Nachtwächterin zu schützen. Da es dort auch einen leerstehenden, ungenutzten Raum gibt, zieht sie direkt an ihren Arbeitsplatz. Nacht um Nacht zieht sie ihre Runden, überwacht via Monitor das Firmengrundstück. Löcher im Zaun lassen sie stutzen: Einbrüche? Abnutzung? Ein Tier? Als der Kantinenkoch einen Wolf gesehen haben will, muss die Überwachung intensiviert und Fallen aufgestellt werden. Auch eine Fallgrube muss die Erzählerin mit ihrem Kollegen ausheben. Dabei ist alles nur temporär, denn das Ende der Fabrik ist bereits besiegelt und alle warten nur noch auf den Tag, an dem sich die Tore für immer schließen.

Gianna Molinari wurde in Basel geboren und lebt heute in Zürich. Der Roman „Hier ist noch alles möglich“ ist ihr Debüt, das bei den „Tagen der deutschen Literatur“ in Klagenfurt bereits geehrt wurde und die Autorin ist auch die diesjährige Preisträgerin des Robert-Walser-Preises. Die Nominierung auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis 2018 kommt daher wenig überraschend.

Vieles an der Geschichte ist auf den ersten Blick ungewöhnlich und auffällig: zunächst beschränkt die Autorin den Radius ihrer Erzählerin enorm. Nicht nur, dass der Arbeitsplatz fernab größerer Menschenmengen ist, die junge Frau wohnt auch noch auf dem Firmengelände und verlässt dies und die kleine Welt quasi nie. Später besucht sie zwar noch den nahegelegenen Flughafen, der aber auch nur sehr eingeschränkt menschliche Kontakte mit sich bringt. Dieser Fokus auf den engsten Raum bringt aber einen ganz anderen Blick auf die unmittelbare Umwelt, viel stärker nimmt sie Alltagsgegenstände wahr und hinterfragt diese. Das Besondere im Banalen ist es, das sie fasziniert.

Auch der Schreibstil fällt aus dem Rahmen. Es sind keine langen, vor Metaphern nur so strotzende Sätze, die vielfältige Deutungen erlauben. Keine gekünstelte Sprache oder elaborierte Wendungen erwartet den Leser, sondern eine oftmals geradezu radikal sachliche und extrem verkürzte Ausdrucksweise kennzeichnet den vorherrschenden Ton. Doch gerade diese scheinbare Eindeutigkeit eröffnet wieder Interpretationsspielräume, wie der Erzählerin auch bewusst wird, denn „Wolf“ oder „Elefant“ sind zwar eindeutige Benennungen, welches konkrete Tier man sich jedoch darunter vorstellt, kann sehr vielfältig sein.

Das Tier ist es auch, das weite Teile des Arbeitsalltags der Nachtwächterin bestimmt. Auffällig viele Wölfe und Füchse sind mir in den vergangenen Monaten in der Literatur begegnet. Woher das Faible für die wilden Vorfahren unserer heutigen tierischen Mitbewohner stammt, kann ich nur mutmaßen. Ist es das Rohe, das Wilde, das in unserer vollorganisierten und kontrollierten Welt fasziniert? Das letzte bisschen Natur, das der Mensch nicht erobert hat und das ihn nun in seinem Lebensraum bedrohen kann? Er lässt vielerlei Deutung zu, vom biblischen Wolf, der die Lämmer reißt, bis hin zu Wölfin, die Romulus und Remus säugt und so den Grundstein für ein Imperium legte.

„Hier ist noch alles möglich“ ist ein durchaus gewagter Roman, der jedoch in seiner Einzigartigkeit aus der Masse heraussticht. Sicher kein Titel, der eine breite Masse begeistern wird, aber das Potenzial hat, in einer kleinen Nische seinen Platz zu finden.

André Georgi – Die letzte Terroristin

andre-georgi-die-letzte-terroristin
André Georgi – Die letzte Terroristin

Der deutsche Herbst ist längst vergangen, die großen Ikonen der RAF tot und Deutschland frisch wiedervereinigt. Aber der Untergrundkampf ist noch lange nicht beendet, denn es gibt neue Ziele, neue Opfer, denen die dritte Generation Terroristen sich zuwendet: der Chef der Deutschen Bank, ermordet im Frühjahr 1991 und das nächste Ziel ist auch schon im Visier: Hans-Georg Dahlmann, der Treuhandchef. Geschickt hat man eine Frau bei im platziert, die bislang völlig unter dem Radar von BKA und anderen Sicherheitsbehörden war: Sandra Wellmann, ehemals beste Freundin seiner Tochter erscheint Dahlmann vertrauenswürdig und geeignet als Assistentin. Doch das BKA ist der RAF auf der Spur, ein V-Mann kann wichtige Informationen liefern und die Nerven liegen blank bei den Terroristen – so geschehen Fehler. Wer wird am Ende die Oberhand haben?

Wie schon in „Tribunal“ greift André Georgi auf die Realität als Vorlage für seinen Thriller zurück und zeigt, dass das Leben selbst genügend Spannung bietet und es gar keiner ausgedachten Geschichte bedarf, um auf höchstem Niveau zu unterhalten. Auch wenn die Namen der Opfer und Täter erfunden sind, benötigt man als Leser nur wenige Seiten um die Ermordungen von Alfred Herrhausen und Detlev Karsten Rohwedder wiederzuerkennen. Zwei aufsehenerregende Fälle, deren genaue Tathergänge bis heute nicht restlos geklärt sind.

Die ganz klar spannendsten Aspekte sind nicht der Ausgang der Geschichte, der ist bekannt, sondern die von Georgi konstruierten Hintergründe und die Figuren der Täter mit ihren Emotionen, aber auch den Strukturen der RAF. Bringt man den Fall Rohwedder nur mit dem Terror in Verbindung, vergisst man mögliche andere Motive, die in Anbetracht seiner Funktion eigentlich naheliegen und es ist gut vorstellbar, dass hinter dem Mord ein ganz anderer Antrieb steckte, der bis heute unentdeckt ist und es womöglich immer bleiben wird. Auch die Rücksichtslosigkeit, mit der die Terroristen mit den eigenen Leuten umgehen, wie Sandra im Roman benutzt und belogen wird, steigert das abscheuliche Bild der Gruppe nochmals.

So bleiben Handlung und Spannung trotz der erkennbaren Parallelen zur Realität und den vielfach bekannten Aspekten auf durchgängig hohem Niveau. Ein Politthriller, der restlos überzeugt und durch die Verbindung von Terror, Politik und Wirtschaft zudem anspruchsvoll die jüngere deutsche Geschichte darstellt, die komplex geworden ist und keine einfachen Zuordnungen und Zuschreibungen mehr zulässt.

Dale Peck – Night Soil

dael-peck-night-soil
Dale Peck — Night Soil

Judas Stammers lives a peaceful life with his mother. He does not know anything about his father; only when he dies and leaves him masses of books and money does he actually notice this person. His mother is a potter and to their astonishment, her pots sell for an unbelievable amount of money that they actually do not need since their ancestors were coal magnates and founders of the Academy, a private school that also Judas attends. His mother often leaves him alone and the fact of being an outsider makes Judas ruminate a lot about life, his personality and also the history of the place he lives in.

I admittedly did not really get into the novel. Somehow for me, the narration did not completely make sense. I guess this was due to the fact that Judas narrates the long history of his family with masses of enumerations which made me lose the red threat. I found his personality quite interesting, but whenever I had the impression that the novel gets more fascinating and focuses on his development, the plot turned to something different. The end of the novel what highly noteworthy, the philosophical treatise about the parable – but how does this connect to the rest? To finish with something positive: I found many parts hilarious, I liked Judas style of narration, the way he puts his words, the comparisons, but this unfortunately could not counterbalance the weaknesses of the plot that I perceived.

Jane Gardam – Weit weg von Verona

jane-gardam-weit-weg-von-verona
Jane Gardam – Weit weg von Verona

Jessica Vye nimmt kein Blatt vor den Mund und sich anzupassen ist auch nicht ihre große Stärke. Unweigerlich gerät die Zwölfjährige immer wieder in heikle Situationen, aus denen sie kaum einen Ausweg findet. Freunde hat sie kaum, erst mögen die anderen Kinder sie, aber bald schon wenden sie sich von ihr ab. Auch ihre Lehrerinnen scheinen sie nicht zu verstehen und vor allem ihr literarisches Talent nicht zu entdecken. Während draußen in der Welt der Zweite Weltkrieg tobt, wird Jessicas Leben in dem englischen Dörfchen von Alltagssorgen und ersten literarischen Entdeckungen geprägt.

Jane Gardams Debütroman wurde bereits 1971 geschrieben und auch hier zeigt sie schon ihr Talent für außergewöhnliche Charaktere und einen unheimlich sympathischen Erzählton, der den Leser mitnimmt und der dank der lockeren und heiteren Art begeistern kann. Allerdings bleibt sie in „Weit weg von Verona“ in der Figurenzeichnung noch hinter ihren späteren Romanen, vor allem der Trilogie um Old Filth Edward Feathers, zurück, was aber auch dem Alter der Protagonistin geschuldet sein könnte.

Jessicas Welt ist klein und überschaubar. Die Außenwelt dringt zwar am Rande zu ihr durch – der Krieg, die nächtlichen Bombardements, die Gasmasken – kann aber nicht wirklich ihr Bewusstsein durchdingen und so konzentriert sich die Handlung auf ihren kleinen Radius von Zuhause und Schule. Immer wieder bringen sie vermeintlich gute Ideen in Schwierigkeiten, dies ist einerseits völlig abzusehen, dennoch aber amüsant und herzlich mitzuerleben.

Vanessa Loibl findet im Hörbuch auch die passende Stimme für das vorlaute und aufgeweckte Mädchen und transportiert ihre etwas altkluge, aber doch herzliche Art überzeugend.

Ottessa Moshfegh – My Year of Rest and Relaxation

otessa-moshfegh-my-year-of-rest-and-relaxation
Ottessa Moshfegh – My Year of Rest and Relaxation

Looking at her from the outside, she has everything one could wish for: she is blond, pretty, thin, a Columbia graduate, stylish without effort and she has a job at a gallery. Due to her inheritance, she can afford an apartment on the Upper East Side of Manhattan. But that’s just one side of the medal, her relationship with Trevor has been all but healthy, her parents never showed any affection and thus losing them both when she was in college was a minor affair. What she is lacking is an aim in life, something that gives her a reason for being alive. She feels exhausted and just wants to sleep until everything is over. She slowly extends her time in bed, she even falls asleep at work and then, finally, she decides to hibernate. A crazy therapist provides her with medication that allows more and more hours of sleep at a time. She hopes that after a year of rest, she will awake as somebody new.

Ottessa Moshfegh is a US-American writer who earned a degree in Creative Writing from Brown University and whose short stories were received with positive reviews. After her novella “McGLue”, her first novel “Eileen” was published in 2015 and made it on the shortlist for the 2016 Man Booker Prize. Having chosen a mostly unsympathetic protagonist for her former novel, I found it much easier so sympathise with her narrator in “My Year of Rest and Relaxation”.

The young woman who is portrayed is quite typical in a certain way. She is the modern New Yorker who takes part in the glittery art circus, is a part of a subculture of believes itself to be highly reflective and innovative. At a certain point, the superficiality becomes exhausting and the aimless tittle-tattle and prattle don’t provide any deeper insight.

“The art at Ducat was supposed to be subversive irreverent, shocking, but was all just canned counterculture crap, “punk, but with money”.

Also her relationship does not go beyond superficial sex and one-night-stands that lead to nothing. Added to this is the easy availability of all kinds of drugs, of therapists who themselves are too crazy to detect any serious illness in their clients and therefore just fill in any prescription they are asked for. Even though the plot starts in 2000, the characters are quite typical for the 1990s and they need a major event to wake them up and bring them back to real life.

The narrator tries to flee the world and takes more and more pills mixed with each other, as a result she is sleepwalking, even gets a new haircuts and orders masses of lingerie without knowing. Her radius is limited to her blog, her only human contacts are the Egyptians at the bodega at the corner where she buys coffee, the doorman of her apartment house and Reva, her best friend who still cares about her. Even though she is bothered by the things she does when she is not awake, she has become that addicted that she cannot let go anymore.

Even though the protagonist is highly depressive and seeing how badly she copes with her life is hard to endure in a way, the novel is also hilarious. I especially liked her meetings with her therapist since Dr. Tuttle is riotous in her eccentric ways and their dialogues are highly comical – despite the earnestness of their actual topics. Ottessa Moshfegh most certainly earns a place among to most relevant authors of today.

Nico Walker – Cherry

nico-walker-cherry
Nico Walker – Cherry 

2003, Cleveland. He has just arrived at uni when he meets Emily and falls for her immediately. They love each other passionately, just as they love Ecstasy. When Emily moves back home to Elba and splits up, he loses control and is expelled from college soon after. The army promises an interesting future – or better: a future at all. As a medic he is briefly trained before they send him to Iraq. A year in the Middle East, a year in the war. What he sees is unimaginable and to avoid the pictures in his head and to deal with the everyday loss of comrades, he needs more and more pills. When he returns, he cannot find a way back in life. With Emily, he’s got an on-and-off relationship which is mainly marked by their common use of heroin. A normal life seems possible, but the constant need of money for more drugs and the fact of passing out frequently hinders them from actually having it.

“Cherry” is the story of an average young man whose life spirals down into the abyss. It’s not the one big event that throws him off course, it’s a bit here and there, a relationship that breaks up, not getting enough credits at college, simply losing the aim in life. Of course, the experiences made in the war are a major event and it is hard to imagine that anybody can live through this without serious psychological disturbances or PTSD. The novel brings out the worst that drugs can do to somebody and it underlines how long this can go on without people around noticing anything, how long they can keep up appearances before wreaking havoc.

Yet, it is not only the topic, the narrator’s life that is shown bluntly by Nico Walker. What he does masterly, too, is to adapt the language to the situation:

The car bomb did what car bombs do and four were dead in the market. It would have been more but the sheep took most of the blast. So you had flesh and blood and wool on the pavement. You had bloodstains on the pavement, little lakes of blood.

There is no reason to embellish anything, it’s just the blunt reality that Walker describes in the most brutal and direct way. Most of the soldiers were “Cherries” which gives the novel its title: soldiers who have never been in a fight and whose behaviour is unpredictable and therefore a danger to the whole platoon. They were ill prepared in every possible way, but the worst is that they were ill prepared to return to a life in the civilian society. Walker doesn’t beat about the bush, his novel accuses their treatment, as well as the way drug addicts are taken care of, or rather: not taken care of. He shows a reality that nobody wants to see but which exists among us. The style of writing might not be for everybody, but it is perfect for this novel.

Mick Herron – Slow Horses

mick-herron-slow-horses
Mick Herron – Slow Horses

Slough House, das Abschiebegleis der Geheimdienste. In diesem unscheinbaren Haus sammeln sich all diejenigen, die ihren Vorgesetzen auf die Füße getreten sind, wie der Abteilungsleiter Jackson Lamb, oder die eine Operation grandios vermasselt haben, wie River Cartwright. Wobei sich letzterer sicher ist, dass er von seinem Ex-Kollegen reingelegt wurde, damit dieser karrieretechnisch freie Fahrt hat. Als ein pakistanischer Junge entführt wird und die Geiselnehmer drohen, ihm innerhalb von 48 Stunden den Kopf abzuschneiden, um Rache an den Attentaten zu nehmen, die Islamisten im Königreich verübt haben, bleibt das Team zunächst unbeteiligt. Mit solchen Fällen haben sie nichts mehr zu tun. Jackson Lamb war immer ein unbequemer Agent, aber einer der besten und er kommt mit seinen Slow Horses, wie man seine Mitarbeiter scherzhaft wegen ihres Arbeitsplatzes und ihrer Vergangenheit getauft hat, schnell darauf, dass hinter dem inzwischen angelaufenen Medienspektakel eine unglaubliche Verschwörung steckt.

Mick Herrons Spionagethriller „Slow Horses“ ist der erste Band der Serie um Jackson Lamb, die inzwischen bereits aus sieben Bänden besteht. Sie gilt als die aktuell stärkste Agentenserie Großbritanniens und „Slow Horses“ war unter anderem für den Steel Dagger Award nominiert, den Herron dann mit dem zweiten Band „Dead Lions“ auch gewann.

Der Thriller beginnt rasant mitten in einem Einsatz, der jedoch sensationell scheitert und River Cartwright in das Slough Hosue befördert. Slough – das Sumpfloch – macht seinem Namen alle Ehre, betrachtet man die Vorgeschichten der dorthin versetzten MI5 Agenten; überhaupt sind die Namen von Herron hervorragend gewählt: Lamb, das unscheinbare Lamm, das zur Schlachtbank geführt und geopfert werden soll; James Webb, genannt Spider, der am Regent’s Park sein Netzt spinnt, um seine Karriere voranzutreiben; Standish, die keineswegs nur Garnitur ist und die zu unterschätzen ein böser Fehler wäre.

Herron gelingt es vor allem durch das Agieren seiner Figuren einen guten Eindruck nicht nur ihrer grenzwertigen psychischen Verfassung, sondern auch der Lage beim MI5 zu vermitteln. Er muss nicht langatmig beschreiben, sondern zeigt implizit, was schief läuft und wo sich der eigentliche Sumpf befindet. Seine Serie wurde schnell mit jener um George Smiley verglichen, die den Dienst auch so manches Mal eher zweifelhaft aussehen ließ. Der Fall wird sehr clever aufgebaut, man weiß schnell, was im Zentrum der Ermittlungen stehen wird, aber die Rolle, die die Slow Horses darin haben werden, bleibt zunächst unklar. Insgesamt lebt der Roman hauptsächlich von den eigenwilligen Figuren, die Herron interessant und überzeugend geschaffen hat und die mit viel Cleverness, aber ohne Zufälle, die Verschwörung aufdecken. Ein überzeugender Auftakt, der auch in den weitern Bänden viel Spannung verspricht.

Donat Blum – Opoe

donat-blum-opoe
Donat Blum – Opoe

Wer war eigentlich die Frau, die familientechnisch seine Großmutter ist, die er aber kaum kannte, die auch seiner Mutter Antonia ein Leben lang fremd blieb? Nur ab und an besuchten sie sie, aber erst als sie nicht mehr da ist, wird ihre Bedeutung offenkundig. Donat reist ihr nach, in die Niederlande, die sie einst für ihren Mann Max verließ, um mit ihm in der Schweiz ein neues Leben zu beginnen. In den Alpen, wo sie stets eine Fremde geblieben war. Ein Lebensentwurf, der heute undenkbar wäre und das, wo so viel mehr Lebensentwürfe gesellschaftlich toleriert sind – stellt sich die Frage, wie will er selbst leben, welche Art von Partnerschaft haben, Kinder trotz der Homosexualität? Eine Reise zurück und nach vorne.

Donat Blum, ein Schweizer Literat, der bislang eher kürzere Texte verfasste und als Moderator tätig ist, vermischt in seinem kurzen Roman die Geschichte von Opoe mit jener des Erzählers, wobei offen bleibt, inwieweit diese autobiografisch geprägt und beeinflusst sind. Aufgrund der völlig verschiedenen Themen und Lebensfragen, ist es nicht ganz einfach, beides unter einen Hut zu bringen.

Ausgangspunkt ist Opoe, die Niederländerin, die nach dem Krieg einen großen Schritt wagte: mit einem jüngeren Mann eine Beziehung einzugehen, noch dazu einem Schweizer, sich mit ihm in dessen Heimat niederzulassen und mutig ein Geschäft zu eröffnen. Der Preis war hoch, denn die gemeinsame Tochter blieb in den ersten Lebensjahren in den Niederlanden, fern der Eltern. Sowohl geschäftlich wie auch privat laufen die Unternehmungen nicht wie geplant, der Blumenladen schließt und sowohl die Dorfbewohner wie auch die Schwiegereltern sehen in ihr nur die Fremde. Sie wird Jahre brauchen sich zu etwas freizuschwimmen, doch der Geist der Zeit will es, dass sie abhängig bleibt, finanziell wie auch als Ehefrau: ihren Lohn als Verkäuferin gibt sie ihrem Mann ab und seine regelmäßigen Besuche bei einer anderen Frau nimmt sie kommentarlos hin.

Der Enkel führt hingegen eine Partnerschaft, die von Offenheit und Unabhängigkeit geprägt ist – doch auch hier ist der Preis hoch, denn die Exklusivität der Paarbeziehung fehlt. Die Sicherheit und das Versprechen zueinanderzustehen, in guten wie in schlechten Zeiten, sie werden dem Hedonismus geopfert. Die Bitte eines befreundeten lesbischen Pärchens nicht nur biologischer, sondern auch teilhabender Vater eines Kindes zu werde, wirft neue Fragen auf: gibt es noch definierte Familienrollen? Können die auch anders und dennoch gut sein?

Der Roman reißt viele interessanten und relevanten Fragen an, bisweilen habe ich mich jedoch etwas verloren gefühlt, zu sprunghaft und wenig stringent erschien mir die Erzählung. Auch wenn die Großmutter als Namensgebering fungierte, verliert der Erzähler sie immer wieder aus den Augen und fokussiert auf seinen eigenen Sorgen. Der Roman hat für mein Empfinden einen stark essayistischen Charakter, der gut zu den modernen Abschnitten passt, deren Lebensentwürfe sich in kein Schema pressen lassen und so auch literarisch in passender Weise wiedergegeben werden. Dahinter tritt die Geschichte der mutigen Frau jedoch leider stark in den Hintergrund.

Sprachlich hat mir der Roman gut gefallen, mit klaren und schnörkellosen Worten erzählt Donat Blum, lässt Raum für eigene Gedanken und so ist der Roman vielleicht unmittelbar nach dem Lesen noch nicht ganz zu erfassen, da er noch Zeit zum Nachwirken braucht.

Ein herzlicher Dank geht an die Ullstein Buchverlag für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zu Autor und Roman finden sich auf der Verlagsseite.

Julia von Lucadou – Die Hochhausspringerin

julia-von-lucadou-die-hochhausspringerin
Julia von Locadou – Die Hochhausspringerin

Fitness-Tracker, Echtzeit-Kommunikation mit der ganzen Welt, maßgeschneiderte Unterstützungen zur Selbstoptimierung – was heute schon ansatzweise zum Alltag gehört, wird in naher Zukunft perfektioniert sein, um die Menschen zu optimieren und ihnen zu ermöglichen, Höchstleistungen zu zeigen. So auch Riva, ein Internetstar, als Hochhausspringerin ist sie berühmt geworden, Millionen von Follower begleiten gebannt ihren Alltag, der virtuos abgestimmt wird auf die Bedürfnisse der Zielgruppe der Fans. Riva ist eine Marke mit perfektem Marketing und rundum-Betreuung, die ihre körperliche und mentale Fitness überwacht und für optimale Leistungen sorgt. Doch plötzlich will Riva nicht mehr, apathisch zieht sie sich in ihre Wohnung zurück, verweigert Nahrung und vor allem das Hochhausspringen. Eine finanzielle Katastrophe, weshalb die Psychologin Hitomi Yoshida sie coachen soll und zurück in die Spur bringen muss. Kein leichtes Unterfangen, denn auch für Hitomi steht einiges auf dem Spiel.

Julia Lucadous Roman versetzt einem in eine nicht allzu ferne Zukunft, die einem auf den ersten Seiten auch eher fremd vorkommt. Das durchgetaktete und durchgeplante Leben der Figuren, das vor allem die monetären Bedürfnisse von Investoren zu befriedigen hat und nur in zweiter Linie zur Erfüllung der Figuren selbst dient, erscheint doch eher sehr utopisch – genaugenommen wohl dystopisch. Doch je weiter die Handlung voranschreitet, desto deutlicher werden die Bezüge zu unserer heutigen Realität und der Kluft zwischen beiden verringert sich zusehend auf erschreckende Weise.

Man erfährt nicht viel über die Gesellschaft, in der Riva und Hitomi leben, die klassische Familie wurde ersetzt durch eine zielgerichtete Reproduktion und Erziehung, die einer gewissen Planwirtschaft zu folgen scheint und vor allen Dingen durch die Abwesenheit von Zuneigung und Geborgenheit geprägt ist. Hinzu kommen offenkundige Klassenzugehörigkeiten, die über Lebenschancen entscheiden. Dies ist ein relativ typisches Setting für dystopische Romane. Allerdings bleibt die Gesamtbevölkerung stets in der Peripherie, die beiden jungen Frauen und ihr ganz persönliches Schicksal stehen im Vordergrund.

Riva kommt wohl dem, was man heute als Influencer und Internet-Berühmtheit kennt am nächsten. Ihr ganzes Leben wird unmittelbar sichtbar übers Netz veröffentlicht und ihre Anhänger nehmen so an ihrem Leben teil. Dies geht auf Kosten gewisser Freiheiten, Branding und Werbung diktieren das Verhalten und die persönliche Freiheit wird durch den Marktwert bestimmt. Dass Riva eine Art Burnout erlebt und sich völlig in sich zurückzieht, ist eine verständliche Folge. Die permanente Öffentlichkeit des Daseins strengt nicht nur an, es lässt sie auch sich selbst verlieren.

Hitomi wiederum war schon als Kind angepasst und konnte den vorgefertigten Normen, dem festen Rahmen positive Seiten abgewinnen. Das System und ihr Charakter waren wie für einander gemacht, ihre Fähigkeit Menschen zu lesen scheint sie ideal für den Beruf der Psychologin zu machen. Ihr Arbeitsalltag unterscheidet sich nur in einem Punkt deutlich von unserem: jeder Handgriff wird unmittelbar mit Credits bewertet, Fehler sind nicht verzeihlich, sondern können zum Verlust von Ansehen und Wohnung führen. Sie wird ebenso wie Riva 24/7 überwacht und erfüllt sie die Vorgaben des Arbeitgebers nicht, die sich nebenbei auf Schlafpensum, Ernährung und sportliche Aktivität ausdehnen, riskiert sie wegen Vertragsbruches die Kündigung. Der Druck wirkt zunächst motivierend und spornt sie an, doch zunehmend lastet er auf ihr und sie beginnt zu straucheln.

Der moderne Mensch, der nicht mehr lebt, sondern performt, seine Freizeit auf den Social Media Kanälen teilt und Likes oder Herzchen als neue Währung versteht, den gibt es schon. Julia von Lucadou hat ihn eine Stufe weitergedacht. Was kommt nach der Optimierung, wenn perfekt das neue Normmaß ist? Ein erschreckendes Gedankenexperiment, das zum Nachdenken bringt. Die Sprache passt die Autorin perfekt der neuen Welt an: Trademarks überall, technische Begrifflichkeiten, die zum Alltag gehören und diesen bestimmen, fehlende Emotion und Empathie zwischen den Figuren, auf Austausch von Informationen reduzierte Dialoge – kalt, nüchtern, menschenfeindlich. Der Mensch wird zu funktionierenden Maschine reduziert – ein Szenario, dem wir immer noch freudig entgegenlaufen. Ein Roman, der kaum aktueller und relevanter sein könnte.

Ein herzlicher Dank geht an den Hanser Verlag für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zum Roman und zur Autorin finden sich auf der Verlagsseite.

Claire Douglas – Do not Disturb

claire-douglas-do-not-disturb
Claire Douglas – Do Not Disturb

After her husband’s breakdown, Kirsty and her family move from London to Hywelphilly, a small village in Wales where they buy a guesthouse. After weeks of refurbishing, they look forward to welcoming the first guests, among them to Kirsty’s dislike her cousin Selena whom she hasn’t seen for more than sixteen years. They had been like sisters, but Selena’s constant lying lead to the inevitable break. Kirsty’s two daughters Evie and Amelia struggle with the move at first, but when Selena and her daughter Ruby arrive, the house awakes. The cousins manage to sort out their quarrels; yet, Kirsty cannot get rid of the feeling that Selena still does not tell her the complete truth. When Selena’s former boyfriend shows up to rent a room, the atmosphere gets tense and with the arrival of Kirsty’s brother and his wife, trouble is in the air. And then, the worst fears come true: Selena gets murdered.

I really liked the novel because Claire Douglas has well dosed the revelation of secrets the characters keep – and there are many of them. Everybody has something to hide, buried down in his or her mind, even the nice ones are not what they seem at the first glance. There is something mysterious about the house, the whispers of the village inhabitants add to this and many of the incidents are hard to make sense of.

The novel is told from Kirsty’s perspective, quite normally, you are biased in what she tells as you only get her limited point of view. On the other hand, this adds to the suspense and you can easily share her feeling of unease. To me, Kirsty is authentic in her action and in the way she tries to protect her family. Since it is not clear where the threat comes from, you suspiciously eye all the other characters simply to learn in the end that you were completely wrong. I absolutely liked that especially since the whole mystery is solved convincingly.

“Do not disturb” triggers the biggest fear: having evil in your own home, the place where you want to feel safe and secure and where you assume that also your children are protected. Many twists and turns and unexpected revelations keep suspense high throughout the novel, a mystery thriller just as it should be.