Wulf Dorn – Die Kinder

Die Kinder von Wulf Dorn
Wulf Dorn – Die Kinder

Nachdem sich der werdende Vater nicht so sehr über die Nachricht freute, wie Laura erhofft hatte und da ihre Nichte Mia und ihre Schwester Su ebenfalls eine Auszeit brauchen, beschließen die beiden Frauen in die Berghütte der Familie zu fahren, um ein paar Tage auszuspannen und Abstand zu gewinnen. Doch irgendetwas muss vorgefallen sein, denn als Sus Exmann Patrick sich besorgt aufmacht, um nach ihnen zu sehen, findet er Laura verunfallt auf einem Bergpass, seine Tochter Mia liegt tot im Kofferraum und im Auto befindet sich eine offenbar benutzte Waffe. Als die Polizei hinzukommt, ist Patrick verschwunden, ebenso wie alle Einwohner des Dorfes, nur Blutspuren finden sich überall. Die Geschichte, die Laura einem Psychologen erzählt, ist zu unglaublich, um wahr zu sein. Die junge Frau muss paranoide sein, denn anders lassen sich die Ereignisse nicht erklären.

Die Geschichte wird im Wesentlichen aus Sicht Lauras in Rückblenden geschildert, man weiß, dass mehrere Figuren verschwinden werden und dass unter anderem die kleine Mia ermordet werden wird – es geht um das Warum und das Wer und weshalb niemand das scheinbare Wüten stoppen konnte. Die Erzählungen Lauras werden jedoch durch scheinbar zusammenhanglose Einschübe unterbrochen, Kinderschicksale von überall auf der Welt werden berichtet, aber wie diese zu dem Rest der Handlung passen, bleibt lange mysteriös.

Ohne Frage bietet der Thriller einiges an Nervenkitzel und Grusel. Die Kinder verhalten sich seltsam und für die Erwachsenen unerklärlich, die üblichen Erklärungsversuche laufen ins Nichts und man steht auch als Leser vor einem Rätsel. Je weiter der Roman jedoch voranschritt, desto klarer wurde zwar einerseits, was sich zugetragen hat, andererseits fragte ich mich jedoch, wie der Autor dies plausibel auflösen und erklären möchte. Und hier liegt der Haken: spannend erzählt, wohldosierter Grusel und Gänsehaut, aber eine Erklärung, die in der Realität bestand haben könnte, bleibt der Autor dem Leser schuldig. Trotz all der guten Unterhaltung bleibt daher am Ende ein ganz großes Manko, das die Begeisterung für den Thriller doch entscheidend schmälert.

Juli Zeh – Nullzeit

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Juli Zeh – Nullzeit

Die Nullzeit ist bei einem Tauchgang mit einem Drucklufttauchgerät die durch die Dekompressionstabelle vorgegebene Zeitspanne, in der man ohne Dekompressionsstopp (Verharren für eine bestimmte Zeit in einer bestimmten Tiefe) an die Wasseroberfläche zurückkehren kann.

[Quelle: Wikipedia]

Jola und Theo kommen auf eine der Kanarischen Inseln, um dort das Tauchen zu lernen. Die Schauspielerin will sich so auf eine der nächsten Rollen vorbereiten, ihr Partner begleitet sie und findet vielleicht eine Inspiration für sein neues Buch. Zwei Wochen haben sie den Tauchlehrer Sven gebucht, der dort seit Jahren als Aussteiger eine Tauchschule betreibt. Normalerweise ist Sven egal, wer seine Kunden im echten Leben sind, doch dieses Mal begeht er den Fehler nach ihnen zu googlen, aber das wird nicht der einzige Fehler bleiben und nach den zwei Wochen mit den vermeintlichen Promis wird sein Leben ein Scherbenhaufen sein. Er merkt schnell, dass zwischen den beiden so einiges nicht stimmt und es dauert nicht lange, bis dies zu echten Gefahr wird. Immer mehr verunsichert ihn vor allem Jola Verhalten, diese wiederum dokumentiert die Erlebnisse in ihrem Tagebuch. Das Problem ist nur: die Schilderungen aus Svens und Jolas Sicht könnten kaum verschiedener sein. Wer von den beiden sagt die Wahrheit, was geschah wirklich auf der Insel?

Juli Zeh ist mir als Erzählerin von Gegenwartsromanen bekannt, dass sie auch Krimis schreibt, hatte ich vor „Nullzeit“ nicht registriert. Aber auch in diesem Genre kann sie überzeugen, was ihr vor allem durch zwei Dinge gelingt: interessante Protagonisten, die auf Augenhöhe miteinander ringen und die Konstruktion der Geschichte, die verunsichert und Zweifel sät.

Jola ist zunächst das recht typische Serien-Sternchen, das auf den ganz großen Durchbruch hofft. Ihre schauspielerischen Fähigkeiten zeigen sich gegenüber Sven erst im Laufe der Handlung, wenn sie diese manipulativ einsetzt, denn sie hat ganz offensichtlich ihr eigenes Drehbuch mit auf die Insel gebracht und für den Tauchlehrer eine Hauptrolle vorgesehen. Ihre Inszenierung ist gut durchdacht und sauber geplant. Aus kleinen Neckereien des Pärchens werden schnell lebensbedrohliche Situationen und Sven beschleicht zunehmend die Angst, dass Theo tatsächlich in großer Gefahr sein könnte.

Man ist geneigt den Schilderungen Svens zu glauben, erscheint er doch nicht nur sympathisch, sondern es fehlt ihm auch an Motiv einem anderen Schaden zufügen zu wollen. Jolas Tagebucheinträge indes sind überdreht und emotional, für eine Frau mit 30 eher unpassend. Aber heißt das auch direkt, dass sie unwahr sind und kann diese Frau auch die sein, die einen gemeinen, hinterhältigen aber sehr cleveren Plan eines Mordes aushecken und durchziehen kann?

Insgesamt beste Unterhaltung, ein Krimi, der alles bietet, was man sich wünschen kann: klassisches Krimisetting, ebenbürtige Gegner und lange Unklarheit darüber, was eigentlich geschieht.

Jo Nesbø – Macbeth

Macbeth von Jo Nesbo
Jo Nesbø – Macbeth

Schottland, 1970. In Fife herrscht Krieg, die Motorradgang der Norse Riders hat das Drogengeschäft gut im Griff, hinter ihnen steht der unheimliche Hecate, die dunkle Macht, die aus dem verborgenen heraus über die Stadt herrscht. Es gibt nur einen Mann, der sie wird aufhalten können: Inspector Macbeth und sein SWAT Team. Doch Macbeth ist selbst drogenabhängig und hat wenig eigenen Antrieb, seine Frau Lady ist es, die ihn pusht und der ihr eigener Erfolg mit ihrem Hotel und Casino nicht genügt. Sie beansprucht den Platz der Königin der Stadt und Macbeth soll zuerst den obersten Posten bei der Polizei übernehmen und dann Bürgermeister werden. Macbeth schafft seine Gegner nach einander aus dem Weg, clever befehligt er die Menschen um sich wie Spielfiguren – doch er hat sich verkalkuliert und im Geheimen baut sich eine Gegenwehr auf.

„Macbeth“ ist der siebte von den insgesamt acht geplanten Neuauflagen von Shakespeares Werken in der Hogarth Reihe. Wieder bekam ein großer Autor den Auftrag, den Klassiker in die Neuzeit zu transferieren und wie auch Tracy Chevalier hat Jo Nesbø sich für die 1970er entschieden, wenn er auch den Handlungsort in Schottland beibehielt. Dem norwegischen Krimimeister ist es dennoch gelungen, dem bekannten Stoff seine unverkennbare Marke aufzudrücken und es ist nicht leicht zu sagen, ob am Ende Shakespeare oder Jo Nesbø überwiegt.

Die Handlung ist komplex angelegt, folgt jedoch relativ stringent der Tragödie, so dass man, da die Namen der Figuren ebenfalls übernommen wurden, bereits weiß, wie es ausgeht, hier ist ganz eindeutig der Weg das Ziel. Überzeugend gelungen ist die Übertragung in die Stadt der Neuzeit, die von einer Rockerbande kontrolliert wird, in der der Drogenhandel floriert und seine eigenen Könige hervorbringt. Es sind immer noch die gleichen Laster wie schon zu Beginn der Menschheit an, die die Figuren antreiben: Hochmut, Zorn und Neid leiten ihr Handeln und bestimmen den Verlauf. Was vor 500 Jahren bei Shakespeare stimmte, ist heute noch genauso zutreffend.

Als Thriller hat der Roman alle wesentlichen Zutaten, die es braucht, um spannend zu sein: ebenbürtige Gegner, verstecke Doppelagenten, Sex und Liebe, alte Verbindungen, jede Menge Mord und Totschlag. Allerdings ist für mein Geschmack Nesbøs Macbeth ein wenig zu lang geraten, grade weil man den Ausgang kennt, wäre ein etwas stringenterer Zug Richtung Showdown wünschenswert gewesen, denn so entstehen doch vor allem im letzten Drittel einige Längen und bei den unzähligen detailliert ausgeführten Blutbädern hätten vielleicht auch auf das eine oder andere verzichtet werden können. Alles in allem, aber eine gelungene Umsetzung der Tragödie in einen Thriller.

Mehr Informationen zur Hogarth Shakespeare Reihe und Links zu den vorherigen Werken finden sich auf dieser Seite.

Ein herzlicher Dank geht an das Bloggerportal und die Verlagsgruppe Random House für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zu Titel und Autor finden sich auf der Verlagsseite.

Bruno Varese – Intrigen am Lago Maggiore

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Bruno Varese – Intrigen am Lago Maggiore

Matteo Basso, ehemaliger Mailänder Polizeipsychologe und nun Inhaber einer Macelleria am Lago Maggiore, beliefert die Feier eines Freundes auf der Isola dei Pescatori. Während der alkoholreichen Feier will einer der Gäste gesehen haben, wie ein Mann von einem Boot über Bord geworfen wird, was jedoch niemand so richtig glauben will, zu beschaulich ist die Lage am See. Als Matteo am folgenden Morgen noch verkatert aufwacht, traut er seinen Augen kaum: auf dem Einhorn-Denkmal der Isola Bella ist ein Toter aufgespießt. Die Kommissarin Nina Zanetti ist bereits auf dem Weg. Das Opfer, Vittorio Ferretti, arbeitete als Fotograf, doch auf seinem Computer finden sich quasi keine Bilder und die, die Matteo und Nina sehen, haben eher die Qualität eines Amateurfotografen, wer könnte etwas gegen diesen Mann gehabt haben? Und wieso wurde dem Opfer eine symbolische Rippe entfernt? Als wenige Tage später eine weitere Leiche auf der Insel geborgen wird, der ebenfalls eine Rippe fehlt, sind die beiden Ermittler ratlos, denn offenkundige Spuren gibt es keine.

Bruno Vareses Krimi arbeitet mit den typischen Versatzstücken, die einen cosy crime Roman ausmachen: ein malerischer Schauplatz an einer beliebten Urlaubsgegend; eine Menge an kauzigen Einheimischen, die immer wieder auftauchen; ein Ermittlerpaar, bei dem es nur eine Frage der Zeit ist, bis sie sich verlieben und/oder im Bett landen. Auf innovative Ideen hofft man leider auch bei ihm vergeblich.

Der Mordfall ist allerdings ungewöhnlich komplex für das Untergenre und holt nennenswert weiter aus, als man dies zu Beginn vermuten würde. Die Spurensuche gestaltet sich daher zunächst schleppend bis irgendwann die Puzzleteile mit hoher Geschwindigkeit zueinanderfinden und ein Gesamtbild ergeben. Kommissar Zufalls unterstützt die beiden Protagonisten ebenfalls tatkräftig, so dass sie das Verbrechen schließlich sauber und erfolgreich lösen können.

Allerdings muss man auch über so manches hinwegsehen, um den Roman als entspannende Urlaubslektüre genießen zu können. Matteo hat einen eigenen Laden, den er einfach so geschlossen lässt, die verderbliche Ware, mit der er handelt, scheint kein Problem für ihn zu sein. Als ihm aufgeht, dass das nicht so ideal ist, überlässt er ihn einfach einer Gruppe von Rentnern, die eigentlich Autos reparieren – kein Problem, Wurstwaren und Fahrzeuge sind ja nicht so verschiedene Dinge. Es scheint auch keinen zu stören, dass er Zugang zu Ermittlungsinformationen hat und als Privatperson an der Seite der Kommissarin Nachforschungen anstellt. Er gibt auch Beweismittel an Bekannte weiter, die ebenfalls die Untersuchung unterstützen wollen – machen auch alle auf Freundschaftsbasis, niemand scheint ernsthaft Geld verdienen zu müssen oder einen geregelten Arbeitsalltag zu haben. Von seinen Superkräften – verprügelt und über Bord geworfen kann er im kalten nächtlichen See mehrere hundert Meter zügig schwimmen ohne sich auch nur einen Schnupfen zu holen oder einen einzigen blauen Fleck zu haben – mal ganz zu schweigen. Leider sind diese Dinge auch nur allzu typisch für die cosy crime Romane, denen etwas mehr Realismus guttun würde; mich als Leser verärgert so etwas und raubt den Spaß am Lesen.

Sofie Sarenbrant – Die Tote und der Polizist

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Sofie Sarenbrant – Die Tote und der Polizist

Emma Sköld ist tot, die Stockholmer Mordkommission und ihre Familie trauern um die Polizistin. Die Ex-Frau ihres Mannes hat sie getötet und ist jetzt auf der Flucht. Emmas Kollege will alles daransetzen, sie zu finden. Doch er ahnt nicht, dass er auf der falschen Spur ist, denn es ist nicht eine Frau, die für die schlimmsten Morde in der schwedischen Hauptstadt verantwortlich ist, sondern der Polizeichef Gunnar Olausson höchst persönlich. Auch für den Mord an Emma Sköld – der gar keiner war, denn Emma lebt und will ihm und seinen Gehilfen das Handwerk legen. Doch dafür darf niemand wissen, dass sie seinen Anschlag überlebt hat und weiß, dass er der Drahtzieher ist.

Sofie Sarenbrants dritter Teil der Reihe um die schwedische Kommissarin findet unter kuriosen Vorzeichen statt. Eine Ermittlerin, die sich verstecken und aus dem Hinterhalt ohne die übliche Hilfe agieren muss, ist ein recht außergewöhnliches Setting. Ob dies real so umsetzbar wäre, ist zwar für mein Empfinden eher zweifelhaft, dem Krimi tut dies jedoch keinen Abbruch, denn dieser ist rasant erzählt und spannend aufgebaut.

Durch die vielen Perspektivenwechsel zwischen den einzelnen Kapiteln benötigt man etwas Zeit sich zu orientieren, auch die Situation um Emma ist nicht unmittelbar offenkundig. Hat man jedoch das clevere Manöver durchschaut, wird der Thriller erst richtig spannend, denn die Figuren spielen auf Augenhöhe und so steigert sich die Spannung und die Frage, wer am Ende siegen wird. Mit zahlreichen Nebenkriegsschauplätzen wird der psychische und emotionale Druck stetig erhöht und man fiebert gebannt mit der Protagonistin.

Insgesamt vielleicht ein bisschen viel von allem, weshalb manche durchaus interessante Nebenhandlung schnell wieder im Sand verläuft und die Figuren in ihrer emotionalen Ausnahmesituation nicht ganz so deutlich rauskommen, wie dies hätte sein können. Nichtsdestotrotz für mich ein runder Roman, der sich spannend liest.

André Georgi – Die letzte Terroristin

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André Georgi – Die letzte Terroristin

Der deutsche Herbst ist längst vergangen, die großen Ikonen der RAF tot und Deutschland frisch wiedervereinigt. Aber der Untergrundkampf ist noch lange nicht beendet, denn es gibt neue Ziele, neue Opfer, denen die dritte Generation Terroristen sich zuwendet: der Chef der Deutschen Bank, ermordet im Frühjahr 1991 und das nächste Ziel ist auch schon im Visier: Hans-Georg Dahlmann, der Treuhandchef. Geschickt hat man eine Frau bei im platziert, die bislang völlig unter dem Radar von BKA und anderen Sicherheitsbehörden war: Sandra Wellmann, ehemals beste Freundin seiner Tochter erscheint Dahlmann vertrauenswürdig und geeignet als Assistentin. Doch das BKA ist der RAF auf der Spur, ein V-Mann kann wichtige Informationen liefern und die Nerven liegen blank bei den Terroristen – so geschehen Fehler. Wer wird am Ende die Oberhand haben?

Wie schon in „Tribunal“ greift André Georgi auf die Realität als Vorlage für seinen Thriller zurück und zeigt, dass das Leben selbst genügend Spannung bietet und es gar keiner ausgedachten Geschichte bedarf, um auf höchstem Niveau zu unterhalten. Auch wenn die Namen der Opfer und Täter erfunden sind, benötigt man als Leser nur wenige Seiten um die Ermordungen von Alfred Herrhausen und Detlev Karsten Rohwedder wiederzuerkennen. Zwei aufsehenerregende Fälle, deren genaue Tathergänge bis heute nicht restlos geklärt sind.

Die ganz klar spannendsten Aspekte sind nicht der Ausgang der Geschichte, der ist bekannt, sondern die von Georgi konstruierten Hintergründe und die Figuren der Täter mit ihren Emotionen, aber auch den Strukturen der RAF. Bringt man den Fall Rohwedder nur mit dem Terror in Verbindung, vergisst man mögliche andere Motive, die in Anbetracht seiner Funktion eigentlich naheliegen und es ist gut vorstellbar, dass hinter dem Mord ein ganz anderer Antrieb steckte, der bis heute unentdeckt ist und es womöglich immer bleiben wird. Auch die Rücksichtslosigkeit, mit der die Terroristen mit den eigenen Leuten umgehen, wie Sandra im Roman benutzt und belogen wird, steigert das abscheuliche Bild der Gruppe nochmals.

So bleiben Handlung und Spannung trotz der erkennbaren Parallelen zur Realität und den vielfach bekannten Aspekten auf durchgängig hohem Niveau. Ein Politthriller, der restlos überzeugt und durch die Verbindung von Terror, Politik und Wirtschaft zudem anspruchsvoll die jüngere deutsche Geschichte darstellt, die komplex geworden ist und keine einfachen Zuordnungen und Zuschreibungen mehr zulässt.

T.A. Cotterell – Was Alice wusste [Kurzrezension]

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T.A. Cotterell – Was Alice wusste

Als Alice eines abends spät auf dem Weg nach Hause einen Anruf ihrer Tochter erhält mit der Frage, wo der Vater bleibt, ist sie besorgt, aber sicher, dass es eine Erklärung dafür geben wird. Ed ist ein fürsorglicher Mann und Vater, auf den sie sich stets verlassen kann. Doch dann kommt alles anders als erwartet: Ed war auf einer Party, betrunken, bei einer jungen Künstlerin – und die ist nun tot. Ed kann sich an nichts mehr erinnern, außer, dass er wohl mit ihr geschlafen hat. Die Zweifel beginnen zu nagen und auch die Polizei steht schon kurz darauf vor ihrer Tür.

T.A. Cotterells Roman wird als Psychothriller klassifiziert. An Psychothrill konnte ich nicht viel erkennen. Kurz gefasst: vorhersehbar, langwierige Schleifen und schwache Ablenkungsmanöver, die keine Spannung erzeugten, sondern nur langweilten und die Handlung verzögerten. Insgesamt zu banal in tausendfach gelaufenen Bahnen, um ansatzweise zu überzeugen.

Zülfü Livaneli – Unruhe

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Zülfü Livaneli – Unruhe

Ibrahim hat seine südostanatolische Heimat schon lange verlassen, um in Istanbul als Journalist zu arbeiten. Als er auf eine Todesmeldung stößt, wird er stutzig: kann es sich bei dem in Amerika getöteten Türken um seinen alten Schulfreund handeln? Alles spricht dafür und so reist er nach Mardin, um die Hintergründe zu erforschen. Was er dort erfährt, wird sein Leben nachhaltig verändern. Hüseyin war verliebt in eine Frau, doch es war eine Liebe, die nicht sein durfte. Er Muslim, sie Jesidin aus einem der stadtnahen Flüchtlingslagern. Ibrahims Spurensuchte führt ihn zu diesen Geflüchteten und die Geschichten, die er hört, lassen ihn nicht mehr los.

Zülfü Livaneli ist neben Orhan Pamuk eine der bedeutendsten Stimmen der Türkei, vor allem, weil er in seinen Romanen gesellschaftskritische Themen verarbeitet und unbequeme Wahrheiten anspricht. So auch in „Unruhe“, das den Umgang mit Jesiden, die Verachtung dieser Religion und die Ablehnung der Menschen offen anspricht und am Beispiel von Hüseyin und Meleknaz die Absurdität auf die Spitze treibt.

„Im Nahen Osten ist es seit jeher üblich, dass man sich gegenseitig umbringt und nicht merkt, wie man sich dabei selbst tötet.“

Es sind solche Sätze, die wie Nadelstiche auf diejenigen wirken müssen, an die sie gerichtet sind. Es ist nicht nur das unsägliche Treiben des IS, das im Namen einer Religion legitimiert wird und weltweit für Entsetzen sorgt, das Livaneli kritisiert. Dies ist einfach, denn kaum jemand wird ihm da widersprechen. Schwerer wiegt jedoch der Umgang der Bewohner im Grenzland mit den geflüchteten Jesiden. In einem Lager dürfen sie hausen, man kümmert sich auch dort um sie, aber sie sollen bitte auch dort bleiben und auf keinen Fall Beziehungen mit Muslimen eingehen. Meleknaz erfährt kein Mitleid für ihr Schicksal, statt Verständnis schlägt ihr Hass von Hüseyins Familie entgegen.

Aber auch Ibrahim muss erkennen, dass sein Verhalten zweifelhaft ist. Beobachtet er zunächst die Haltung von Hüseyins Familie, ist hierdurch geradezu verstört und sucht fieberhaft nach der jungen Frau, so muss er sich doch irgendwann eingestehen, dass auch er mehr aus Eigennutz handelt als aus Nächstenliebe: er will sich selbst und anderen beweisen, dass er ein guter Mensch ist, seinem Leben Sinn geben. Dass er dabei die Bedürfnisse der Frau ignoriert, wird ihm erst spät bewusst.

„Unruhe“ ist ein kurzer, schonungsloser Roman, der das Schicksal einer Glaubensgemeinschaft ins Zentrum stellt, deren Geschichte von Verfolgung und Hass gekennzeichnet ist. Er wirft kein gutes Bild auf die Welt, die zusieht, im besten Fall schweigt, im schlimmsten für zusätzliches Leid sorgt.

 

Petros Markaris – Drei Grazien

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Petros Markaris – Drei Grazien

September in Athen, endlich Urlaubszeit für Kostas Charitos und seine Frau Adriani. In Epirus lernen sie im Hotel drei Rentnerinnen kennen, die sie die „Drei Grazien“ taufen und mit denen sie sich prächtig verstehen. Zurück Zuhause halten sie Kontakt mit den Damen und treffen sich regelmäßig zum gemeinsamen Essen, auch weil Kostas an einem aufsehenerregenden Fall arbeitet und sie wie das ganze Land neugierig sind, was dahintersteckt. Zuerst wird der Minister Klearchos Rapsanis mit einer vergifteten Torte getötet, kurz danach der Staatssekretär Archontidis beim Joggen überfallen und erschlagen und zuletzt wird Professor Stelios Kostopoulos tödliche Blausäure injiziert. Nach allen drei Morden gehen Bekennerschreiben ein, die eine eindeutige Verbindung schaffen: all drei waren politisch aktiv und haben dafür ihre Posten an der Universität ruhen lassen. Leidtragend waren einzig die Studenten, denen die Lehrer fehlten, wohingegen die Herren bequem nach Ende des Ausflugs ins politische Haifischbecken zurückkehren konnten. Für den Mangel an Anstand und Rücksicht auf die nachfolgende Generation sollten sie bezahlen. Dass dahinter keine Einzelperson stecken kann, ist offenkundig, aber welche Organisation ist zu gleich drei Morden fähig?

Bereits seit 1995 lässt Petros Markaris seinen charismatischen Kommissar Charitos in Athen ermitteln, die „Drei Grazien“ sind sein nunmehr 12. Fall, der wie gewohnt aktuelle politisch-soziale Entwicklungen in Griechenland thematisiert und dabei auch das Privatleben des Ermittlers, der erfreulicherweise so gar nicht den gängigen Klischees entspricht, weiterverfolgt. Im aktuellen Roman greift er die prekäre Situation der Universitäten auf, die wie alle öffentlichen Institutionen wegen der anhaltenden Krise unter Geldmangel leiden, was sich bei ihnen dadurch verschärft, dass zahlreiche Dozenten sich als Politiker versuchen und dafür ihre universitären Aufgaben ruhen lassen ohne dass es für sie einen Ersatz gäbe. Scheitern ihre politischen Ambitionen, kehren sie zurück in den Schoß der Alma Mater und machen weiter, als wenn nichts geschehen wäre.

Der aktuelle Fall lässt den Kommissar lange Zeit im Dunkeln tappen, da sein Vorgesetzter sich gerade in den Ruhestand verabschiedet hat, lastet eine zusätzliche Bürde auf Charitos, da er direkt dem Polizeipräsidenten und Minister berichten muss. Viele Ermittlungsrichtungen und zugleich keine wirklich heiße Spur bei höchstem politischem Druck erhöhen sie Spannung. Diese ist jedoch einmal mehr nicht das, was die Kriminalromane von Petros Markaris auszeichnen. Für mich liegt seine Stärke in der impliziten Gesellschaftskritik, die auch deutlich macht, wie sehr er seine Heimat liebt und wie es ihn offenkundig schmerzt, die Entwicklungen der vergangenen Jahre mitanzusehen.

Auch wenn in Deutschland die Vermischung von Hochschule und Politik nicht im gleichen Maße vorhanden ist wie in Griechenland, hat mich doch eine Aussage einer Figur aufhorchen lassen. Als Charitos den emeritierten Professor Seferoglou zu den universitären Strukturen befragt, erläutert dieser:

 

„Heutzutage gibt es aber gar keine Gelehrten mehr, sondern nur noch Intellektuelle, Herr Kommissar.“

„Und worin liegt der Unterschied?“, frage ich verblüfft.

„Gelehrte sind Menschen, die ihr Leben in Bibliotheken, mit Studien und wissenschaftlicher Arbeit verbringen. Intellektuelle sind Spezialisten für alles und jedes. Gelehrte verfügen über Wissen, Intellektuelle über eine Meinung, die sie gerne und bei jeder sich bietenden Gelegenheit kundtun. (…) Die Hochschullehrer sind zu Universitätspersonal verkommen, und die Gelehrten zu Intellektuellen.“ (S. 205f).

Wie sieht es also aus um unsere geistige Elite? Nur noch Menschen mit Meinungen, aber keine belesenen und gebildeten Gelehrten mehr? Sicherlich überspitzt formuliert, aber in einer immer schnelllebigeren Welt, in der Fakten von heute morgen schon veraltet sind, wo nicht das Wissen selbst, sondern nur noch die Kenntnis, wo man es nachlesen kann, zählt, erfährt der Mensch mit klassischer Bildung und umfangreichem Wissen im besten Fall gefälliges Lächeln, im schlechtesten Ignoranz und Verachtung. Und dabei hat man noch nicht die Frage gestreift, was man der nächsten Generation mitgibt und welches Vorbild man ist.

Ein Krimi, der über die Mordermittlung hinaus wie erwartet große Fragen aufwirft und dem Leser nicht nur einen Blick in das aktuelle Griechenland gewährt, sondern auch so manche Denkanstöße mitgibt.

 

Ein herzlicher Dank geht an den Diogenes Verlag für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zu Autor und Roman finden sich auf der Verlagsseite.

Melanie Raabe – Der Schatten

Der Schatten von Melanie Raabe
Melanie Raabe – Der Schatten

Nach der Trennung von ihrem Freund sucht sich Norah nicht nur eine neue Wohnung, sondern nimmt auch ein Jobangebot in Wien, weit entfernt von Berlin, an. An einem ihrer ersten Tage begegnet der Journalistin eine Bettlerin, die ihr prophezeit, am 11. Februar einen Mann namens Arthur Grimm töten zu werden. Dies an sich wäre schon verstörend genug, aber der 11.2. ist zudem just der Tag, an dem ihre beste Freundin Valerie Selbstmord begangen hatte. Norah ist bestürzt und als in ihrer neuen Wohnung ominöse Dinge vor sich gehen – Gegenstände verschwinden, dafür tauchen andere auf – und sie sich zudem von Arthur Grimm, den sie zwischenzeitlich ausfindig gemacht hat, latent bedroht fühlt, kommt sie mehr und mehr zu der Überzeugung, dass die Bettlerin nicht gesponnen hat, sondern etwas Wahres an der Geschichte sein muss. Der Countdown läuft und das Datum nähert sich unheilvoll – würde sie wirklich einen Mord begehen können? Aber warum?

Melanie Raabes dritter Thriller spielt einmal mehr mit Wahrheit und Fiktion und vermischt geschickt Wirklichkeit und Einbildung. Was deuten wir nur in einer bestimmten Weise, weil wir regelrecht darauf konditioniert sind, alles in ein passendes Schema zu packen, und was ist eigentlich in der Realität ganz als wir es uns erklären? Ihre Protagonistin Norah läuft genau in diese Falle und wir als Leser rennen ihr hinterher.

Die Spannung des Romans wird vor allem durch zwei Aspekte befeuert: zum einen ist offenkundig, dass jemand Norah bedroht, jedoch bleibt bis zum Ende im Dunkeln, woher diese Bedrohung kommt und welche Motivation die Person hierfür hat. Auch zu welchen drastischen Taten sie bereit sein wird, ist nicht klar; sind die Unfälle wirklich nur Unglücke oder steckt doch mehr dahinter? Der zweite Faktor ist die Zeit. Die Handlung spielt innerhalb weniger Tage und läuft zielgerichtet auf das unheilvolle Datum zu. Man weiß, dass etwas geschehen wird, nur was genau bleibt unklar.

Die Lösung des Falls kam für mich mit einiger Überraschung, war jedoch nachvollziehbar motiviert und konstruiert. Insgesamt eine stimmige Geschichte, die zahlreiche Gedankenspiele zulässt, wie sich alles in ein stimmiges Bild fügen könnte und es schafft, lange mit der tatsächlichen Auflösung zu warten. Vermutlich wäre ich noch einen Tacken mehr gepackt gewesen, wäre die Protagonistin mir sympathischer gewesen, leider fand ich sie von Beginn an ziemlich überheblich und egoistisch, was mein Mitgefühl mit ihrer Lage nicht allzu groß werden ließ. Melanie Raabe gelingt eine deutliche Steigerung zum Vorgänger und lässt die Erwartungen an weitere Roman steigen.

Ein herzlicher Dank geht an das Bloggerportal für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zu Titel und Autorin finden sich auf der Seite der Verlagsgruppe Random House.