Toni Morrison – Jazz

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Toni Morrison – Jazz

Eine ausgelassene Party in Harlem, 1926. Plötzlich wird die feiernde Schar von einem Schuss aufgeschreckt, der die junge Dorcas niederstreckt und tötet. Der Täter ist bekannt: Joe Spur, ihr 50-jähriger Geliebter. Dorcas wird beerdigt, dabei kommt es zum Eklat, als Violet, Joes Frau, den Gottesdienst stört. Gerechtigkeit gibt es nicht, Polizei will man nicht und Dorcas kann eh niemand wieder lebendig machen. Das Leben in Harlem geht weiter. Doch wie soll es weitergehen für Joe, der Dorcas noch immer liebt; für Violet, die man nun Violent nennt und die sich fragt, was Joe an dem Mädchen fand; für Dorcas‘ Tante Alice Manfred, die sie großgezogen hat und für ihre Freundin, die die sich anbahnende Liebelei beobachtete. Harlem Mitte der 1920er Jahre folgt seinen eigenen Gesetzen und die führen die Menschen bisweilen auf ungeahnte Wege.

„Jazz“ ist Toni Morrisons zweiter Roman der sogenannten „Beloved“ Trilogie, für den ersten Band hatte sie 1988 den Pulitzer Preis gewonnen. Wie sich unschwer am Titel erkennen lässt, spielt die Handlung im schwarze Harlem der Jazz-Ära, jedoch erschafft Morrison eine ganz andere Atmosphäre als die der Roaring Twenties, wie sie von weißen Autoren wie F. Scott Fitzgerald oder Edith Wharton beschrieben werden. Es ist nicht die Zeit des ausgelassenen Feierns mit Frauen in exquisiten Kleidern, sondern der alltägliche Kampf ums Überleben:

„Jede Woche seit Dorcas‘ Tod, den ganzen Januar und Februar hindurch, legte irgendeine Zeitung die Knochen einer gebrochenen Frau frei. Mann tötet Frau. Acht der Vergewaltigung angeklagte Männer freigesprochen. Frau und Mädchen Opfer von. Frau begeht Selbstmord. Weiße Angreifer angeklagt. Fünf Frauen festgehalten. Frau sagt, Ehemann prügelt sie. In eifersüchtiger Wut hat ein Mann. Wehrlos wie Federvieh, dachte sie. Oder doch nicht?”

 Morrison schildert aus abwechselnden Perspektiven die Vorgänge in der Lenox Avenue. Die großen Hoffnungen, die Violet und Joe einst in die Stadt geführt haben, wo das Leben so viel einfacher sein sollte als das Dasein als Sklave auf den Feldern der Plantagenbesitzer. Die Enttäuschungen darüber, auch in New York als Schwarze nur Menschen zweiter Klasse zu sein. Die feinen Unterschiede, die durch die Nuancen der Hautfarbe bedingt sind – es ist eine eigene Welt, die nach ihren eigenen Regeln funktioniert.

„Als wir von der 140th Street in eine größere Wohnung in der Lenox zogen, da haben die hellhäutigeren Mieter versucht, uns draußen zu halten. Ich und Violet haben gegen sie gekämpft, als wenn es Weiße gewesen wären. Und wir blieben Sieger. Es waren schlechte Zeiten, und weiße wie schwarze Vermieter haben sich um die Farbigen geschlagen wegen den hohen Mieten, die für uns in Ordnung waren (…)“

Morrison legt den Finger in die Wunde und riss mit ihrem historischen Roman Anfang der 1990er Jahre nochmal vieles auf, was noch lange nicht überwunden war und heute, mehr als 50 Jahre nach dem Civil Rights Movement und dem formalen Ende der Segregation, wieder infrage gestellt wird. Neben der brisanten Thematik besticht der Roman vor allem durch die Atmosphäre und die klare, geradezu nüchterne Sprache, mit der sie grausamste Situationen zu schildern weiß. Ein Roman, der wieder mehr ins Bewusstsein gerückt werden sollte, trotz oder vielleicht gerade wegen seines Alters von nunmehr fast 30 Jahren. Einziger Kritikpunkt ist eine Übersetzungsunsitte: die Namen wurden für die deutsche Ausgabe „angepasst“, was ich nicht nur überflüssig, sondern ärgerlich finde. Die Anspielung hätte durch eine Fußnote einfach gelöst werden können.

Lioba Werrelmann – Hinterhaus

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Lioba Werrelmann – Hinterhaus

Als sie vom Yoga nach Hause kommt, ist alles anders: die Wohnung ist leergeräumt, Freund Jens ist weg, nur noch sieben Kartons mit ihren Habseligkeiten sind übrig geblieben. Journalistin Carolin weiß nicht wie ihr geschieht und sucht zuerst einmal Trost bei ihrer Nachbarin und Freundin Henry. Doch dort kann sie auch nicht bleiben und weil sie so neben sich steht, ist sie tags darauf auch noch arbeitslos, denn sie hat ihre Radiosendung völlig versemmelt. Ausgerechnet die schräge Mandy aus der Erdgeschosswohnung im Hinterhaus nimmt sie auf. Doch schon die erste Nacht wird zum Desaster als Carolin beim Toilettengang im Zwischengeschoss auf die Leiche eines seit 20 Jahren vermissten Jungen stößt. Und das ist erst der Anfang für eine Reihe von unglaublichen Ereignisse.

Lioba Werrelmanns Roman spielt ein wenig mit den Genregrenzen. Es gibt eine Kriminalgeschichte, sogar eine richtig gut gestrickt, was sich aber erst spät in der Handlung wirklich offenbart; bis man dahin kommt, glaubt man sich eher in einer Räuberpistole mit Slapstickeinlagen oder gar einem parodierten Splatterroman. Wenn man sich die Rezensionen anschaut, könnten die Meinungen kaum weiter auseinanderliegen, was sich gut nachvollziehen lässt; an mancher Stelle habe ich auch gedacht, dass ein bisschen weniger gut gewesen wäre.

„Hinterhaus“ ist einer der wenigen Romane, die sich kaum als Ganzes beurteilen lassen, er zwingt zur Aufschlüsselung einzelner Aspekte. Die Krimihandlung ist vom Ende her gesehen wirklich sehr gut gestrickt und traurigerweise auch sehr glaubwürdig. Die Figuren sind – positiv formuliert – eigenwillig. Allen voran Carolin, die mehrfach als ausgesprochen weltfremd und doof bezeichnet wird und genau so auch rüberkommt. Ihr fehlt jede pragmatische Kompetenz und offenbar ist sie bislang gut damit gefahren, in ihrer eigenen Welt zu leben. So wirklich warm wird man mit ihr nicht, bisweilen haben mich ihre autistischen Züge fast wahnsinnig gemacht. Mandy ist nicht viel besser, sie ist die typische Cat-Lady, die jedoch im Gegensatz zu Carolin nur verschoben wirkt, aber offenkundig recht clever ist. Alle anderen Figuren sind ebenfalls speziell auf ihre jeweils ganz eigene Weise.

Was es bisweilen wirklich schwer machte, den Roman nicht beiseite zu legen, was die Sprache. Der Text ist gespickt mit Fäkalausdrücken und die Häufigkeit und Detailgetreue, mit der Carolins Verdauung thematisiert wird, hat meine Schmerzgrenze deutlich ausgereizt. Es mag der Versuch sein, die schnodderige Berliner Schnauze darzustellen, hat mich aber nicht erreicht und bei einer Protagonistin aus Bergisch Gladbach, die in ihrer neuen Heimat ohnehin nie angekommen ist, macht dies sowieso keinen wirklichen Sinn. So wirkt dies mehr nach sehr derber Gossensprache, die doch etwas verstört, aber kein Flair schafft.

Auch mag manche Leser das wahre Gesicht vieler Figuren eher verschrecken, als dies offenkundig wird. Es fehlt jeder Hinweis darauf, wobei hier wirklich die Gradwanderung zwischen Spoilern und Triggerwarnung schwer zu lösen ist. Auch wenn sich der Krimi über weite Strecken zum Teil fast eher humoristisch liest, ist er meines Erachtens letztlich sicher nichts für zart besaitete Gemüter.

Fazit: ein ausgesprochen eigenwilliger Roman, der jeder Erwartung trotzt und für den ich letztlich dennoch eine klare Leseempfehlung aussprechen würde.

Alex Michaelides – Die stumme Patientin

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Alex Michaelides – Die stumme Patientin

Es war ein aufsehenerregender Mord: die Künstlerin Alicia Berenson erschießt ihren Mann in ihrem Atelier und zeichnet dann ein verstörendes Bild über die Tat, bevor sie für immer schweigt. Seit Jahren sitzt sie schon in einer psychiatrischen Einrichtung und der Therapeut Theo Faber hat nun endlich die Chance, sich ihr professionell zu widmen. Der Fall fasziniert ihn, vor allem im Zusammenhang mit dem Gemälde, auf welchem sich nur der Begriff „Alkestis“ fand, der der Schlüssel zu Alicias Schweigen sein muss. Die ersten Sitzungen verlaufen schlecht, doch dann scheint es Theo zu gelingen, zu Alicia vorzudringen und ihr wieder eine Stimme zu geben. Doch nicht nur bei der geheimnissenvollen Frau liegen Mysterien verborgen, akribisch beleuchtet Theo auch ihr Umfeld und das bietet so manche interessante Figur, die mehr zu wissen scheint, als sie zugibt und über Alicias Schweigen ganz froh ist.

Alex Michaelides Debutroman merkt man an, dass der Autor in der Materie bewandert ist; bevor er zum Drehbuchschreiber wurde, hat er als Psychiater in einer geschlossenen Klinik gearbeitet. Die psychologischen Aspekte sind es auch, die im Vordergrund der Handlung stehen, die Auswirkungen der Erlebnisse und Beziehungen, die die Menschen haben, auf ihr Seelenleben und vor allem ihr Seelenheil. Daher weniger ein Psychothriller, der den Leser in Angst und Schrecken versetzt, als ein Roman, der die Grenzsituationen zwischen psychisch gesund und krank beleuchtet und damit gekonnt spielt.

Die Handlung bewegt sich stringent auf den Höhepunkt zu, hat aber zunächst ein eher gemächliches Tempo, das nur wenig Spannung bietet. Die Schilderungen der unterschiedlichen psychologischen und psychiatrischen Ansätze und die gegensätzlichen Meinungen der Disziplinen fand ich trotzdem unterhaltsam und für einen Roman perfekt dosiert. Etwas verwunderlich Theo Fabers akribische Nachforschung in Alicias Leben vor der Tat, hier wirkt der Psychologe eher wie ein Detektiv, der den Fall nochmals aufrollt, was aber der Therapiesituation eine spannende zweite Handlungsebene an die Seite stellt und durch die unerwarteten Enthüllungen nun auch deutlich mehr Richtung Thriller geht, denn langsam formen sich Bilder, die große Fragen in Bezug auf Alicia aufwerfen.

Der Autor wartet mit clever platzierten Wendungen auf, die vor allem die bestehenden Annahmen davon, wem man trauen kann und wem nicht, wer phantasiert und wer lügt, immer wieder auf die Probe stellen. Das Ende für mich ein wenig zu viel des Guten, aber in sich stimmig motiviert. Insgesamt ein nicht übermäßig spannender, aber ohne Frage lesenswerter und überzeugender Roman.

Patricia Highsmith – A Suspension of Mercy

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Patricia Highsmith – A Suspension of Mercy

Natürlich hat er schon darüber nachgedacht seine Frau zu ermorden, mehrfach sogar, auf vielfältige Weise, aber letztlich ist das ja sein Job. Sydney Bartleby ist Drehbuchautor für Mystery Serien und muss sich daher schon von Beruf wegen mit dem Ableben der Menschen beschäftigen. Als Alicia sich entschließt, kurzfristig auf eine längere Reise zu gehen, nutzt er die Chance, den perfekten Mord zu inszenieren und seine Schreibblockade zu lösen. Am Tag nach dem Verschwinden Alicias beseitigt er frühmorgens unter genauer Beobachtung seiner Nachbarin einen Teppich und auch ansonsten bemüht er sich möglichst auffällig unauffällig zu sein, was die Polizei, Freunde und seine Schwiegereltern auf den Plan ruft und ihn zum Verdächtigen Nummer 1 macht.

Patricia Highsmith ist ohne Frage eine der begnadetsten Krimiautorinnen des 20. Jahrhunderts – und das funktioniert sogar gänzlich ohne Mord. Leider ist sie über ihren Ripley Roman hinaus dem breiten Publikum nur wenig bekannt, dabei schafft sie es immer wieder hochinteressante Figuren zu konstruieren, die über das Spannungsmoment hinaus ihre Romane bereichern, wie sie eindrucksvoll in „Carol oder Salz und sein Preis“ oder auch in „Der Schrei der Eule“ beweist. Auch Sydney Bartleby ist faszinierend in seinem Spiel mit den Mitmenschen zu beobachten.

Die gescheiterte Ehe der beiden Künstler ist der Ausgangspunkt des fatalen Treibens. Bartlebys Manipulationen zeigen wahrlich, dass er das Zeug zum Krimiautor hat, nicht nur ist er kreativ im Erfinden möglicher Tode, nein, jeder Schritt ist geplant, das vergessene Manuskript, das leichtfertig als Tagebuch gedeutet werden könnte, ebenso wie die Besuche bei der neugierigen Nachbarin oder die falschen und widersprüchlichen Aussagen zu Alicias Verbleib. Das Katz-und-Maus-Spiel steigert sich immer weiter, bis es zu dem unweigerlichen Unglück kommen muss – das jedoch völlig anders ausgeht als erwartet. Hier zeigt sich die Patricia Highsmith’s wahres Talent, wenn sie auch mit ihrem Leser spielt.

Heute vermutlich eher als cosy crime klassifiziert, hat der inzwischen über 40 Jahre alte Text jedoch nichts an Unterhaltungswert verloren.

Caroline Mitchell – Silent Victim

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Caroline Mitchell – Silent Victim

Eigentlich ist das Leben von Emma und Alex perfekt, beide sind in ihrem Job erfolgreich und mit Jamie haben sie einen bezaubernden Sohn. Als Alex die Chance erhält beruflich aufzusteigen und dafür in seine Heimatstadt Leeds zurückzukehren, können sie auch endlich Emmas gruseliges Haus loswerden. Doch bevor sie das Anwesen verkaufen können, muss Emma im wahrsten Sinne des Wortes noch eine Leiche ausgraben, denn vor Jahren hat sie ihren Stalker erschlagen und heimlich begraben. Doch als sie jetzt zur Stelle zurückkehrt, ist kein Leichnam zu finden – wie auch, Luke ist ausgesprochen lebendig und sinnt auf Rache.

Caroline Mitchell erzählt die Geschichte auf mehreren Zeitebenen, so dass sich dem Leser erst langsam enthüllt, was geschehen ist. Die Spannung liegt jedoch hauptsächlich darin, inwieweit die Figuren sich gegenseitig täuschen und wem sie Glauben schenken wollen, vor allem Emmas Ehemann gerät in die Mühle von Lügen und Geheimnissenund weiß bald nicht mehr, wem er noch trauen kann.

Der Spannungsaufbau hat mir gut gefallen, die Handlung löuft stetig auf einen Höhepunkt zu, der die finale Entscheidung herbeiführen wird. Am meisten hat mich Emmas Geschichte als Schülerin, die von ihrem Lehrer heimtückisch verführt wird, gefallen, leider erscheint mir auch sehr glaubwürdig, wie ihr als Opfer nicht geglaubt wird und sie dadurch gleich doppelt gestraft wird und ihr Peiniger sie in der Hand hat. Auch Lukes Rückkehr ist insgesamt überzeugend gestaltet.

Die Figurenzeichnung war jedoch nicht ganz stimmig für meinen Geschmack. Emma ist überzeugend, aber Alex war für mich nicht ganz glaubwürdig, zum einen scheint er ein knallharter Geschäftsmann, als Ehemann wirkt er aber schwächlich bis dümmlich und kann seine Position in keine Hinsicht vertreten. Mal sorgt er sich vorgeblich um seine Frau, dann handelt er aber völlig widersinnig. Auch Emmas Schwester hatte so manche Unstimmigkeit aufzuweisen. Hinzu kommt leider auch die manchmal unglückliche Übersetzung, die den Text etwas holpern lässt, weil die Wortwahl sich einfach undeutsch anhört. Insgesamt lesenswert und spannend, aber mit kleinen Schwächen.

Claire McGowan – Blackwater

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Zehn Jahre sind vergangen, seit Zoe tot aufgefunden wurde. Ihr Vater ist daran zerbrochen, ihre Mutter hat Blackwater verlassen und Paul hat seine Strafe für den Mord abgesessen. Doch jetzt taucht plötzlich eine junge Frau an Zoes Elternhaus auf und behauptet ebendiese Zoe zu sein. Wie kann das sein? Ihr Onkel und ehemaliger Polizist Phil hatte sie eindeutig identifiziert, ihr glitzerndes Partykleid, das sie zum Feiern an ihrem letzten Abend trug, war auch sehr ausgefallen, so dass eine Verwechslung ausgeschlossen war. Es dauert nicht lange, bis Zweifel an den damaligen Ermittlungen aufkommen, hatte man Paul zu schnell verurteilt und er unschuldig Jahre im Gefängnis gesessen? Stellt sich die Frage, wer die tote Frau dann war und wo Zoe in den letzten Jahren war.

Claire McGowan hat die Geschichte exklusiv für das Radioprogramm der BBC geschrieben, die bereits auch mehrere ihrer Romane für das Radio adaptiert hat. Die Handlung ist ausgesprochen kompakt und damit perfekt als Hörbuch, die Anzahl der Figuren bleibt überschaubar und auf Nebenhandlungen wird weitgehend verzichtet. Nichtsdestotrotz bietet die Story einiges an Spannung und kann durch eine clevere Konstruktion, die sauber aufgelöst wird, überzeugen.

Aktuell unter BBC Sounds noch zum Nachhören verfügbar.

Rafik Schami – Die geheime Mission des Kardinals

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Rafik Schami – Die geheime Mission des Kardinals

Die italienische Botschaft in Damaskus erhält eine widerliche Lieferung: in einem Ölfass findet sich die Leiche des Kardinals Cornaro. Er war vorgeblich zur Einweihung einer Kirche in Syrien, doch schnell schon hat Kommissar Zakaria Barudi Zweifel daran. Zudem wirft der Tote weitere Fragen auf: warum wurde sie nicht an die vatikanische Botschaft geliefert, schließlich war der Kardinal Mitglied der Kurie? Und weshalb hat man ihn zudem entehrt, indem man seinen Ring an den falschen Finger aufzog? Barudi erhält Schützenhilfe aus Italien, Kommissar Mancini wird heimlich mit ihm die Ermittlungen leiten, denn offenbar war der Kardinal noch in einer geheimen Mission unterwegs, die man in Rom unbedingt vertuschen möchte. Kurz vor seiner Pensionierung steht Barudi nochmals ein komplizierter Fall ins Haus und das in einem Land, in dem sich gerade alle Kräfte formieren für die Geschehnisse, die bald die Weltnachrichten beherrschen werden.

Rafik Schami ist ein begnadeter Erzähler und enttäuscht auch in seinem aktuellen Roman nicht. Der christliche Syrer, der vor nunmehr fast 40 Jahren aus seiner Heimat fliehen musste, lässt auch in „Die geheime Mission des Kardinals“ kritische Töne gegenüber dem noch herrschenden System anklingen und die Melancholie, mit der er offenkundig sehnsüchtig auf seine Heimatstadt blickt, fließt ebenso aus jeder Zeile. Ein komplexer Kriminalfall wird von seinem cleveren Kommissar gelöst, aber dieser ist müde geworden ob der unsäglichen Lage. Man hofft, dass es dem Autor nicht ebenso geht und er stetig weiterhin öffentlich das Wort ergreift.

Mit Barudi hat Rafik Schami einen liebenswerten, kauzigen Kommissar geschaffen, der über genügend Erfahrung verfügt, sich nicht mehr in jeden Kampf zu stürzen und mit einer gewissen stoischen Haltung das syrische System von Geheimdienst und Polizeiapparat betrachtet. Er verzweifelt nicht mehr an den Machenschaften und ist mit sich und seinem Leben im Reinen, was ihn konzentriert an dem Fall arbeiten lässt. Sein italienischer Amtsgenosse ist noch weitaus impulsiver, auch wenn diesen ebenfalls Jahrzehnte unermüdlichen und vergeblichen Kampfs gegen die Mafia realistisch haben werden lassen.

Neben diesen beiden Figuren, die alleine die Geschichte schon lesenswert machen, lässt Schami die komplexe politische und religiöse Lage in Syrien einfließen und liefert ein erhellendes Bild über die sich zuspitzende Situation im Jahr 2010 kurz vor Ausbruch des Bürgerkriegs. Bewundernswerterweise vereinfacht er nicht, sondern zeigt genau die Zweischneidigkeit auf, denen die Menschen immer wieder ausgesetzt sind und die Facetten der Konfliktparteien, aus schwarz und weiß werden so Grauschattierungen, die jedoch leichtgängig in die Handlung einfließen und vieles an Barudis Arbeit nur verdeutlichen, ohne jedoch der Geschichte den Platz zu stehlen.

Man freut sich als Leser immer besonders, wenn Sprachfertigkeit und eine gute Story aufeinandertreffen und dies zudem meisterhaft in den komplizierten Alltag eingebettet werden. So bleibt neben der Unterhaltung noch viel mehr und lässt ein Buch aus der Masse der jährlichen Neuerscheinungen deutlich hervortreten.

Dror Mishani – Die schwere Hand

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Dror Mishani – Die schwere Hand

Der Mord an Lea Jäger wird zur Zerreißprobe für die Polizei in Cholon. Die Frau war einige Jahre zuvor vergewaltigt worden und hatte ihren Peiniger angezeigt und ins Gefängnis gebracht. Dessen Familie schwor Rache. Ein Nachbar will einen Streit gehört haben und danach habe ein Polizist das Haus des Opfers verlassen. Für Avi Avraham eine eindeutige Spur, bei seinen Kollegen jedoch stößt dies auf erheblichen Widerstand, gegen die Kollegen ermittelt man nicht und so stürzten sie sich auf den Sohn der Ermordeten, dessen Alibi nach und nach immer größere Löcher aufweist. Sein neuer Job als Leiter der Ermittlungen fordert alles von Avi, doch er hat verbündete und so kommen sie bald einer noch ganz anderen Spur auf die Fährte.

Beim zweiten Roman nach „Vermisst“, den ich von Dror Mishani gelesen habe, kann mich der Protagonist deutlich mehr begeistern. Avi Avraham tritt als entschiedener Polizist auf, der sich nicht von der konzentrierten und akribischen Arbeit abbringen lässt und auch die zunehmenden Widerstände aushält. Einmal mehr ist der Fall jedoch ausgesprochen komplex konstruiert und bietet gänzlich unerwartete Entwicklungen, die erkennen lassen, dass der Autor als Professor für Kriminalliteratur nicht nur Versatzbausteine verwendet, sondern etwas Neues schaffen kann.

„Die schwere Hand“ überzeugt vor allem durch die psychologischen Aspekte. Die vergewaltigten Frauen leiden seit Jahren unter den Traumata, die das Erlebte bei ihnen hinterlassen hat. Mishani lässt dies geschickt in die Handlung einfließen, um ihr Verhalten glaubwürdig zu motivieren und zugleich bricht er sie nicht auf Eindimensionalität herunter, sondern schildert gerade die Vielschichtigkeit, die hierdurch entsteht. Aber nicht nur die Frauen leiden darunter, auch an ihren Partnern geht das Ereignis nicht spurlos vorbei und kann zu dramatischen Reaktionen führen. Eine runde Geschichte, die restlos überzeugt.

Jenna van Berke – Weiße Nacht/Moa Graven – Die Puppenstube

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Jenna van Berke – Weiße Nacht/Moa Graven – Die Puppenstube

Doppelrezension, da zwei glücklicherweise kurze Krimis. Eigentlich haben sie beide nicht die Zeit für eine Rezension verdient, aber da es nun mal auch diese Bücher gibt, hier die nicht-amtliche Warnung.

Zuerst mit Jenna van Berke in die USA, wo sich Litza von ihrem gewalttätigen Mann trennt und dann die absolut naheliegende Idee ergreift, in einem ostfinnischen Dorf eine seltene Robbe zu erforschen, die nur dort in einem See vorkommt. Also Sachen packen und auf Nach good old Europe. Dort sind Jan und Lisa schon, als Ermittler lösen sie sie Fälle im gefährlichen Ostfriesland und gerade haben sie sich ebenfalls entschieden, sich doch lieber zu trennen und wegen akuter Einsamkeit melden sich beide unabhängig voneinander bei Dating Plattformen an – man ahnt schlimmstes…

Kaum in Finnland, stolpert Litza über den hochattraktiven Parkranger Niilo, der sie mit auf seine einsame Insel nimmt und ihr von dem mysteriösen Robbensterben berichtet, das die Region erschüttert. Bald ist außer dem Ranger nicht mehr viel zu erforschen…. Unterdessen häufen sich bei Lisa und Ja komische Vorkommnisse: eine Frau, die scheinbar verwirrt ist und nicht spricht, eine andere wird tot auf dem Friedhof abgelegt und dann auch noch ein Mann ermordet – und niemand vermisst sie. Naja, mal abwarten, am einfachsten zu Hause, also packen sie die Überlebende einfach ein und nehmen sie mit zu Jan.

Während man in Ostfriesland halbherzig ermittelt, kämpft Litza mit finnischen Gepflogenheiten wie Nacktbaden und Saunieren, was natürlich der attraktive Mann erleichtert. Warum war sie eigentlich dort? Ach, ist auch egal, oder nö, einfach mal nachts allein mit dem Kanu auf dem nebligen See rumschippern, was sollte man sonst auch tun in der Einsamkeit? Oh oh …. Gefahr! Und in Ostfriesland wird dann die stumme Frau entführt und mal eben noch ein Bauernpaar erschlagen, ach so, ja danke, da liegt ja dann auch die Lösung auf dem Präsentierteller, was die Ermittlung deutlich vereinfacht.

Fälle gelöst, Liebe gefunden – Friede, Freude, Eierkuchen. Spannung ist eher nicht so angesagt, in Finnland fehlt vor lauter Ranger-Anschmachten schlichtweg die Zeit dafür, in Ostfriesland soll sie durch die Vorkommnisse auf dem Hof aufgebaut werden, doch hier beschränkt sich die Autorin auf ziemlich platte Gewalt, die nicht für Kribbeln sorgt, sondern schlichtweg abstoßend ist und nicht überzeugt, vor allem, da einem die Figuren nicht wirklich packen und man so wenig Empathie für sie entwickelt. Daneben so viel unlogische Details und eine wenig plausible Handlung – zwei Mal Daumen runter.

Su Turhan – Die Siedlung: Sicher bist du nie

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Su Turhan – Die Siedlung: Sicher bist du nie

Der Wohnraum der Zukunft: „Himmelhof“ könnte Vorbild für die durch Technik optimierte Wohnform werden. Von überall aus der Welt kommen Besuchergruppen, um sich ein Bild von der Siedlung bei Augsburg zu machen, wo selbstfahrende Fahrzeuge, per Spracheingabe agierende Smarthomes und ausgeklügelte Überwachungssysteme das Leben nicht nur angenehmer, sondern auch sicherer machen. Helen Jagdt und ihr Kollege Walter Fromm wollen sich als Gäste ebenfalls ein Bild vom Leben im Idyll machen. Aber eigentlich sind sie in geheimer Mission für die Kreuzer Holding unterwegs, die Adam Heise, dem Herrscher über die Siedlung, durch großzügige Geldgabe das Projekt erst ermöglichte. Neben den Meldungen über die fantastischen Errungenschaften treten nämlich auch eine Reihe von Gerüchten über seltsame Machenschaften, medizinische Experimente und das unerklärliche Verschwinden von Bewohnern an die Öffentlichkeit außerhalb von Himmelhof.

Su Turhan, erfolgreicher Regisseur und Autor, hat das klassische Science-Fiction Setting gewählt: eine von Technik gesteuerte Umgebung, die von einem größenwahnsinnigen Individuum überwacht und gelenkt wird. Neben den positiven Absichten wirken auch dunkle Abgründe, die jedoch tief im Untergrund verborgen sind und nie für die Öffentlichkeit gedacht waren. Eine vielversprechende Konzeption, die jedoch in der Umsetzung nicht ganz überzeugend gelungen ist.

Als Antagonisten stehen Adam Heise und Helen Jagdt – für meinen Geschmack eine etwas zu plakative telling name Anlage, aber das ist sicher Geschmackssache – im Zentrum der Handlung. Er der geniale Kopf hinter Himmelhof, sie die attraktive Verführerin, die ihm die Geheimnisse entlocken soll. Beide sind mir aber etwas zu wenig konsequent und unscharf angelegt; vor allem hätte ich mir von einer starken weiblichen Figur gewünscht, dass sie nicht ganz so dümmlich daherkommt, wie es bei Helen oft der Fall ist. Die anderen Figuren blieben leider völlig blass, weshalb man auch nur wenig Verbindung zu ihnen aufbauen konnte und ihr mysteriöses Verschwinden einem nicht so getroffen hat, wie es vermutlich intendiert war. Gut gefallen haben mir allerdings die Ideen für die Ausgestaltung der Smarthomes, vor allem die selbstputzenden Roboter hatten einen gewissen Charme. Die medizinische Forschung, die im Tunnelsystem unter der Siedlung durchgeführt wird, konnte mich leider gar nicht überzeugen, was vor allem daran lag, dass sie irgendwie nicht richtig zum Rest der Geschichte passen wollte. Sie blieb als Einzelaspekt immer etwas diffus und unmotiviert.

Der Plot hat durchaus Potenzial, aber irgendwie ist der Roman für mich holprig geblieben und nur teilweise plausibel und fesselnd.