Anders de la Motte – Sommernachtstod

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Anders de la Motte
Sommernachtstod

Als der kleine Billy vom Hof seiner Eltern in Nordschweden verschwindet, ist die Aufregung im ganzen Ort groß. Tagelang wird nach dem Jungen gesucht, doch es findet sich keine Spur. Lediglich einen Verdächtigen gibt es, der bereits wegen anderer Vorfälle aus der Dorfgemeinschaft verstoßen wurde. Das Verschwinden kann nie aufgeklärt werden und auch als Erwachsene wird seine Schwester Veronica immer wieder daran erinnert, auch wenn sie bereits direkt nach der Schule geflüchtet ist. Als in der Therapiegruppe, die sie leitet, ein junger Mann auftaucht, der berichtet, dass er immer noch unter dem spurlosen Verschwinden seines damaligen Freundes leidet, reißt die alte Wunde wieder auf, aber auch Hoffnung keimt: könnte dieser Mann vielleicht selbst Billy sein? Wird der unheilvolle Sommer von 1983 endlich zuendegehen und es Antworten auf all die offenen Fragen geben?

Anders de la Motte arbeitete selbst als Polizist, bevor er sich dem Schreiben zugewandt hat. Auch wenn die Polizeiarbeit in seinem Krimi „Sommernachtstod“ einen bedeutenden Raum einnimmt, steht sie jedoch nicht im Mittelpunkt, da die Nachforschungen hauptsächlich von Veronica wieder aufgenommen werden. Die Handlung verläuft parallel auf zwei Zeitebenen, so erfahren wir, was damals in dem unheilvollen Sommer geschah und was sich aktuell in Veronicas Leben abspielt. Dazwischen finden sich mysteriöse Liebesbriefe, deren Bedeutung sich jedoch erst ganz zu Ende enthüllt und die vieles noch einmal in einem anderen Licht erscheinen lassen.

Insgesamt ist der Krimi sauber konstruiert, bietet eine Reihe von Fährten, die man mit der Protagonistin verfolgen und wieder verwerfen kann und am Ende wird der Fall sauber und glaubwürdig gelöst. Ich fand ihn nicht übermäßig spannend, auch wenn es einige für Veronica kritische Situationen gab, war doch zu deutlich, dass sie das Rätsel wird lösen müssen und daher immer wieder einen Ausweg wird finden können. Zwar hat der Autor versucht, die Figur nicht eindimensional zu zeichnen, indem er ihr eine psychologisch relevante Vorgeschichte zu den aktuellen Ereignissen zuschrieb, jedoch wirkte diese für mich nicht nur sehr konstruiert, sondern auch völlig überflüssig. Das Enthüllen darüber, was genau zwischen ihr und ihrem Ex geschehen war, wird künstlich in die Länge gezogen, was jedoch nur begrenzt zusätzliche Spannung bietet. Hiervon abgesehen, ein runder, recht typischer skandinavischer Krimi, der sehr gut die ländlich-dörfliche Gegend und die damit verbundene Kultur der Gemeinschaft verdeutlicht und dies überzeugend in die Handlung einbaut und als leichte Sommerlektüre bestens geeignet ist.

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Russel D. McLean – Ed‘s Dead

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Russel D. McLean – Ed‘s Dead

Jen Carter führt eigentlich ein recht ruhiges Leben, gelegentlich, nein, eher meistens ist sie zwar genervt von den Kunden, die in der Glasgower Buchhandlung, in der sie arbeitet, dumme Fragen stellen, aber insgesamt passt das alles. Ihr Freund Ed hingegen hat nun endgültig das Maß überspannt als er sie in seine Drogendeals verwickelt, weshalb sie ihm unmissverständlich das Ende der Beziehung erklärt. Nur wenige Tage später überrascht sie in ihrer Wohnung einen vermeintlichen Einbrecher, mit einem Messer bewaffnet setzt sie sich zur Wehr – und bringt Ed dabei versehentlich um. Statt der Polizei ruft sie Eds Mitbewohner Dave an, der sich um die Beseitigung der Leiche kümmert. Doch was wollte Ed eigentlich in ihrer Wohnung? Die Frage ist schnell beantwortet, als Jen ihren Wandschrank genauer untersucht: dort hatte Ed seine Einkünfte und Vorräte gelagert. Im Verbrechen vereint, teilen Dave und Jen die Hinterlassenschaften, nicht ahnend, welche Folgen das für sie haben wird.

Russel D. McLean arbeitete mehrere Jahre als Buchhändler im schottischen Dundee, bevor er zu schreiben begann. In seiner Reihe um den Ermittler McNee sind bereits fünf Bände erschienen, darüber hinaus gibt es mehrere Standalones, die alle in seiner Heimat spielen und sehr viel Lokalkolorit aufweisen, wie auch die Geschichte um Jen Carter.

Die Protagonistin trägt die Handlung locker. Jen ist nicht auf den Mund gefallen, was der Geschichte neben der Krimihandlung auch immer wieder eine Menge Komik verleiht. Dass sie sich von der braven Buchhändlerin zur meist gesuchten Mörderin Schottlands entwickelt, ist zwar etwas ungewöhnlich und sicher nicht ganz glaubwürdig, aber durchaus nachvollziehbar durch den Plot motiviert. Jen plant ihr Handeln nicht, sondern schlittert tatsächlich von einer Katastrophe in die nächste. Schmankerl am Rande sind ihre wiederholten Vergleiche mit literarischen Figuren und bekannten Romanen, die auch die Kapitelüberschriften liefern und so ihr Profil als Leseratte unterstreichen.

Neben der toughen Hauptfigur konnte mich der Autor vor allem mit seinem lockeren und ironischen Ton schnell packen. Viel Situationskomik und Wortwitz lassen einem immer wieder schmunzeln und gerade die weniger repräsentativen Ecken Glasgows hat McLean clever mit eingebaut und verleiht dem Roman so ein eigenes Flair. Gelungene Mischung aus Krimi und Komik, die nicht ganz ernstzunehmen ist.

Turhan Boydak – Die Janus Protokolle

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Turhan Boydak -Die Janus Protokolle

Als er von Tod seines ehemals besten Freundes und Kollegen hört, meldet sich Jason Bradley zum ersten Mal wieder. Ein Skandalartikel, der das Land zum Wanken gebracht hätte, hatte die beiden Journalisten auseinandergebracht, denn er wurde in letzter Sekunde verhindert. Jason hat daraufhin die Times frustriert verlassen. Nun ist Matt tot, doch seine Frau hat Zweifel, denn in letzter Zeit hat er sich seltsam verhalten, hat er wieder an der alten Geschichte gearbeitet? Eine kryptische Nachricht an Jason weist darauf hin und als Michael zu ihm Kontakt aufnimmt, verhärtet sich der Verdacht, denn der junge Mann hat arbeitet bei just dem Unternehmen, das Jason und Matt schon vor Jahren im Visier hatten. Stimmte ihre Vermutung also doch: überwacht die Regierung ihre Bürger durch die großen Internetunternehmen, die allesamt direkt aus Washington gesteuert werden? Noch bevor sie ihre Recherchen wirklich starten können, schweben Jason und Michael in Lebensgefahr.

Der Thriller beginnt rasant und die kurzen Kapitel führen dazu, dass das Tempo hoch bleibt und man als Leser eine Weile braucht, bis man die einzelnen Handlungsstränge miteinander in Verbindung bringen kann. Was zunächst nach zusammenhangslosen Einzelereignissen aussieht, lässt er nach und nach ein Muster erkennen und sich sinnbringend zusammenfügen. Bis zum Schluss hält der Autor das Tempo durch und gönnt einem kaum eine Sekunde zum Durchatmen.

Die Grundidee hinter der Geschichte ist dank der Skandale und Enthüllungen der letzten Jahre absolut glaubwürdig, niemand dürfte auch noch die geringsten Zweifel daran hegen, dass selbst die Regierungen demokratischer Staaten alle Mittel nutzen, um die Menschen zu überwachen und durch das Internet für sie relevante Informationen auch auf illegalem Wege beziehen. Dass entsprechende Konsequenzen folgen, die auch mal in dem zufälligen Verunfallen oder Verschwinden von Personen enden, kann man sich leicht vorstellen. Ein Skandal des Ausmaßes wie im Thriller skizziert, ist vielleicht nicht ganz glaubwürdig, aber vielleicht reicht einfach meine Vorstellungskraft nicht, diese Größenordnung für realistisch zu halten.

Die Figuren haben mich weitgehend überzeugen können, vor allem der Journalist Bradley war glaubwürdig gezeichnet und hat nachvollziehbar und menschlich agiert. Michael war vielleicht etwas naiv und gutgläubig, aber er hatte bis dato auch wenig Grund, an den Mitgliedern seiner Familie ernsthaft zu zweifeln. Dass es eine Figur wie den Hacker Veritas für diese Geschichte benötigt, ergibt sich von selbst, dass die Motivation letztlich rein privat begründet war, war ok, es hätte auch gerne etwas idealistischer sein dürfen. Einziger Schwachpunkt waren die längeren Phasen des Dozierens über die Geschichte des Internets und die technischen Zusammenhänge. So viel Wissen kann man m.E. bei einem Leser eines solchen Thrillers voraussetzen, auch haben sich für mich nicht alle Morde und Erpressungen wirklich nachvollziehbar erklärt, so blieben sie dann doch weitgehend nur Mittel zum Zweck. Alles in allem aber gelungene Unterhaltung.

Alfred Bodenheimer – Ihr sollt den Fremden lieben

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Alfred Bodenheimer – Ihr sollt den Fremden lieben

Der Züricher Rabbi Gabriel Klein ist zu einer Fernsehsendung eingeladen. Da all der Trubel zu viel Aufregung ist, lässt er versehentlich sein Handy liegen. Spät in der Nacht bemerkt er das Missgeschick und eilt erneut zum Sender; wer rund um die Uhr sendet, wird ihm ja auch zu später Stunde noch sein Handy zurückgeben können. Gerade als das Taxi ihn vor dem Studio absetzt, schießt ein Auto aus der Ausfahrt. Als sich Klein nähert, sieht er den bekannten Moderator Kim Nufener schwerverletzt am Boden liegen. Ungewöhnlicherweise ist auch unmittelbar ein Krankenwagen zugegen, doch das nutzt nichts, Nufener verstirbt. Als sich kurz darauf Lajser Morgenroth, ein jüdischer junger Mann, den Gabriel viele Jahre auf seinem Weg begleitete, bei ihm meldet, ahnt dieser, dass er erneut in einen Mordfall verwickelt wird. Lajser war Kims Partner, doch Kim hatte die Beziehung medienwirksam kurz zuvor aufgelöst – und Lajser ist nun der Hauptverdächtige. Als er Gabriel beichtet, dass er am Tatort war und vermutete, dass Kim einen neuen Partner hat, gerät der Rabbi in einen Konflikt.

Der unorthodoxe Rabbi kann mich auch in diesem vierten Band mit seiner charmanten und eigenwilligen Art überzeugen. Zum Leidwesen der Polizei ermittelt er einmal mehr auf eigene Faust und wie auch schon zuvor hilft ihm sein Wissen um das jüdische Leben im entscheidenden Moment. Überzeugender ist der Protagonist jedoch dadurch, dass er nicht zu schnellen Schlüssen neigt und zwar göttlichen Beistand sucht, jedoch menschlich agiert und seinem Herzen folgt und so auch schon einmal geltende Vorschriften lebensnah auslegt.

Der Fall erweckt zunächst den Anschein sehr einfach konstruiert zu sein. Dass es kein Mord aus Eifersucht war, liegt auf der Hand, das wäre nun doch arg zu schlicht. Aber die Liste mit Namen, die Lajser bei Kim findet, weist schnell in eine sehr eindeutige Richtung, die wahrlich ausreichend Motiv für einen Mord liefert. Doch weit gefehlt, Bodenheimer hat sich etwas gänzlich Anderes ausgedacht und kann damit wirklich überraschen. Das Agieren der Figuren ist glaubwürdig motiviert und der Fall wird durch die Komplexität zunehmend authentischer.

Ebenso gelingt es dem Autor einmal mehr theologische Auslegungen mit einem Krimi zu verquicken ohne dass dies an irgendeiner Stelle dröge oder gar gezwungen wirken würde. Als Professor für Jüdische Literatur- und Religionsgeschichte an der Universität Basel, ist er fachlich versiert, als Krimiautor weiß er dies zu nutzen und gekonnt einzusetzen, um seine Roman so aus der Masse der Erscheinungen hervorzuheben. Wie auch in „Kains Opfer“ bleibt für mich nur das Fazit eines rundherum gelungenen Romans.

Amélie Nothomb – Barbe Bleue [dt. Blaubart]

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Amélie Nothomb – Barbe Bleue 

Saturnine Puissant, Lehrerin an der École du Louvre, stößt auf eine Anzeige für eine Mitbewohnerin, die nur allzu verlockend klingt. In einem wunderschönen Altbau im Zentrum von Paris wird zu kleinem Preis ein Zimmer angeboten. Die luxuriöse Unterkunft im 7. Arrondissement gehört dem Spanier Don Elemirio Nibal y Milcar, der auf die junge Belgierin gleichermaßen faszinierend wie auch verängstigend wirkt. Er hat nur eine einzige Bedingung für ihr Zusammenleben: sie darf seine Dunkelkammer, in der er Fotos entwickelt, nicht betreten. Sollte sie es doch tun, wird sie ein ähnliches Schicksal erleiden wie ihre acht Vorgängerinnen – diese sind spurlos verschwunden. Saturnine ist gewarnt und begegnet dem Mann mit forscher Selbstbehauptung, nach und nach jedoch erliegt sie seinem Charme und schießt die Warnungen ihrer Freundin Corinne in den Wind.

Die belgische Erfolgsautorin Amélie Nothomb hat sich für ihren Roman aus dem Jahr 2012 des Märchens „Blaubart“ von Charles Perrault bedient, der als reicher Mann geachtet war und als dunkles Geheimnis zahlreiche Frauenmorde mit sich trug. Die Autorin versucht gar nicht erst subtil ihre Figuren zu charakterisieren, schon mit den Namen wird vieles offen dargelegt: Saturnine Puissant tritt ernsthaft und stark ihrem Antipoden entgegen; dieser ist über seine Nachnamen mit dem Wunsch nach Unabhängigkeit, aber auch einer hohen Sensibilität, die bei harschen Worten schnell in Überreaktionen endet (Nibal), sowie einer besonderen schöpferischen Kraft (Milcar), ausgezeichnet.

Das Spiel der beiden um die Herrschaft über den anderen beginnt sogleich mit dem ersten Dialog. Fortan werden sie miteinander kämpfen, um einander werben, sich im Kreis drehen und sich langsam Elemirios dunklem Geheimnis nähern, das Saturnine jedoch nicht verschreckt, sondern vielmehr fasziniert und sie immer näher zu ihm bringt. Ein Duell, das unweigerlich auf einen finalen Kampf hinausläuft, dessen Ende jedoch gänzlich offen ist.

Neben diesem raffiniert ausgetragenen Kampf um Macht und Überleben begeistert Amélie Nothomb mit wunderbaren Details, die verdeutlichen, dass hier nicht nur ein altes Märchen neu aufgelegt wird, sondern dass sie eine Meisterin für die Zwischentöne ist und viel mehr in ihrem Text steckt, als an der Oberfläche womöglich erkennbar. Die metaphysische Diskussion der Farben, das Gelb, das Saturnine zugeschrieben und sogleich mit Gold assoziiert wird; der Stoff des Rocks, den Elemirio für sie näht und der in unglaublicher Weise sich ihrem Körper anpasst; aber auch der Genuss der Speisen und vor allem des Champagners – nichts überlässt die Autorin dem Zufall, jedes kleinste Detail hat seinen Platz und seine Bedeutung.

So entsteht ein mehrschichtiger Roman, der durchaus nicht eines gewissen Grusels entbehrt und die Figuren maximal herausfordert und an ihre persönlichen Schmerzgrenzen gehen und diese überschreiten lässt.

Claire Douglas – Missing

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Claire Douglas – Missing

Eine unheimliche Entdeckung führt Francesca, genannt Frankie, aus London zurück in ihre Heimatstadt Oldcliffe-on-Sea in Cornwall: offenbar wurden die Reste einer Frauenleiche an Land gespült und Daniel vermutet, dass es seine Schwester Sophie war, Frankie ehemals beste Freundin, die 18 Jahre zuvor spurlos verschwunden ist. Er bittet Frankie zurückzukehren und mit ihm gemeinsam die Leiche zu identifizieren. Widerwillig reist sie zurück, keine guten Erinnerungen hat sie an die Stadt und das trübe kalte Wetter empfängt sie passend zu ihrer Stimmung. Der Aufenthalt wird nicht einfach werden, mit jeder Begegnung alter Bekannter kommen mehr Dinge in Frankies Bewusstsein zurück, die sie fast zwei Jahrzehnte verdrängt hatte. Aber sie und Daniel müssen endlich herausfinden, was damals mit Sophie geschah und dafür auch unangenehme Gespräche führen. Doch schon kurz nach der Ankunft beschleicht Frankie das ungute Gefühlt, dass irgendetwas nicht stimmt und sie verfolgt und bedrängt wird.

Claire Douglas Thriller spielt mit dem Leser, indem wesentliche Informationslücken erst nach und nach geschlossen werden. „Niemand sagt die ganze Wahrheit“ lautet der deutsche Untertitel, der sehr passend gewählt wurde. Das verzögernde Moment ist es, das die Spannung aufrechterhält. Passend dazu wird abwechselnd zur Handlung um Frankie eine zweite Geschichte erzählt: die von Sophie, 18 Jahre zuvor.

Zunächst hat es den Anschein, als wenn man die typische Protagonistin hätte, der jemand Böses will. Man fühlt mit Frankie, die in einer anonymen Ferienwohnung unterkommt, in der seltsame Dinge vor sich gehen, die sie mehr und mehr verängstigen. Komische Geräusche werden ergänzt durch direkte Drohungen, eine seltsame Nachbarin tut ihr Weiteres, um den Aufenthalt möglichst unangenehm zu gestalten. Allerdings zeigen sich auch bald Risse in der glatten Fassade. Das darunterliegende Bild setzt sich aus immer weiteren Mosaiksteinchen zusammen, bis es am Ende etwas gänzlich anderes präsentiert, als man erwartet hatte.

Die Grundidee des Thrillers ist recht gelungen, auch die Anlage der Protagonistin kann überzeugen. Allerdings fand ich die Handlung ab einem gewissen Punkt doch leider sehr vorhersehbar, was die Spannung etwas hat leiden lassen. Auch das Ende oder der eigentliche Ausgangspunkt konnte mich nur bedingt überzeugen. Der Schreibstil und die Konstruktion des Romans erzeugen jedoch den notwendigen Reiz, dass man als Leser das Buch nicht aus der Hand legen mag, da man unbedingt herausfinden möchte, was genau mit den Mädchen geschah.

Ein Dank geht an das Bloggerportal für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zu Autorin und Titel finden sich auf der Seite der Verlagsgruppe Random House.

Alfred Bodenheimer – Kains Opfer

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Alfred Bodenheimer – Kains Opfer

Der Mord an einem Mitglied seiner Gemeinde bestürzt Rabbi Klein. Der sympathische Lehrer war doch überall beliebt! Zwar hat man sich gewundert, dass er ledig war, aber nie gab es schlechte Worte über ihn. Auch die Polizei ist etwas ratlos. In seinem Computer findet die Polizei E-Mails in hebräischer Sprache, da ihre übliche Übersetzerin ausgefallen ist, bittet die Kommissarin Bäzinger Rabbi Klein diese zu übersetzen. Schnell wird er fündig, offenbar hatte Nachum Berger eine Affäre mit einer verheirateten Frau – war es also ein Mord eines Ehemanns aus Rache an seinem Widersacher? Bei der Vorbereitung auf die Trauerrede stößt Rabbi Klein jedoch auf noch mehr Ungereimtheiten: warum verließ Berger seine Stelle in Chicago schon nach kurzer Zeit wieder, obwohl er beste Zeugnisse erhielt? Und weshalb wurde er dort als „verheiratet“ geführt, in Zürich gab er jedoch an ledig zu sein? Offenbar kannte der Rabbi sein Gemeindemitglied bei weitem nicht so gut wie er dachte.

„Kains Opfer“ ist der erste von inzwischen vier Romanen um den schweizer Rabbi Klein, der gerne auf unorthodoxe Weise eigene Ermittlungen durchführt. Der Autor Alfred Bodenheimer weiß, worüber er schreibt, als Professor für Jüdische Literatur- und Religionsgeschichte an der Universität Basel ist er bestens vertraut mit dem jüdischen Leben, das sich auch im Krimi niederschlägt.

Dies war für mich auch der interessanteste Aspekt an dem Roman. Wie der Titel schon suggeriert, wird in der Handlung immer wieder auf die Geschichte von Kain und Abel zurückgegriffen, dem ersten Mord in der Bibel. Jedoch zeigt der Rabbi auch, dass sich vieles nicht auf ein einfaches schwarz-weiß Schema reduzieren lässt und unser Leben und Handeln komplexer ist. Die Kränkung, die Kain durch die Nichtannahme seines Opfers durch Gott erfährt, gepaart mit dem Neid und Zorn auf seinen Bruder, lässt ihn schließlich den Brudermord begehen und so Sünde auf die Erde bringen. Rabbi Klein selbst gerät ebenfalls in die Situation, zu wissen, was gut und richtig wäre und dennoch auch nachvollziehbaren Motiven anders zu handeln.

Der Mordfall als solches ist überschaubar komplex, bietet jedoch, nachdem der Fall anfangs schon fast zu offenkundig erscheint, unerwartet weitere Facetten, die tief mit den jüdischen Gepflogenheiten verbunden sind und erst durch diese ihren tieferen Sinn erhalten und das Mordmotiv erklären. Insgesamt ein anspruchsvoller Kriminalroman, der nicht nur einen Mordfall schildert, sondern diesen überzeugend mit dem jüdischen Leben und Denken verzahnt.

Matthias Wittekindt – Die Tankstelle von Courcelles

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Matthias Wittekindt – Die Tankstelle von Courcelles

Ein Provinznest im Osten Frankreichs. In den 1970ern wachsen die Kinder in der dörflichen Gemeinschaft auf, befreunden sich, zerstreiten sich, raufen sich wieder zusammen. Gemeinsam gehen sie zur Schule, gemeinsam werden sie das Abitur meistern, um dann in Paris die große weite Welt kennenzulernen. Lou ist eine von ihnen, immer schon etwas mutiger als andere Mädchen, immer schon etwas abgebrühter. Kurz bevor die letzten Prüfungen anstehen, arbeitet sie in der Tankstelle ihres Stiefvaters in der Nachtschicht. Zwei LKW-Fahrer kommen ihr seltsam vor, doch die beiden sind so schnell wieder verschwunden, wie sie gekommen waren. Ein kurz darauf ankommender PKW mit zwei Männern wird dann aber deutlich ungemütlicher; da einer der beiden bereits betrunken ist, will sie ihm keinen weiteren Alkohol verkaufen. Als sie beginnen zu randalieren, zieht sich Lou in den hinteren Raum der Tankstelle zurück. Kurz darauf sind beide Männer tot. Brutal ermordet. Und sie werden nicht die letzten Leichen in dem französischen Dörfchen bleiben.

Matthias Wittekindt war mir bislang als Autor nicht bekannt, allerdings habe ich einige seiner Hörspiele gehört, die mich eigentlich immer begeistern konnten. Dass „Die Tankstelle von Courcelles“ auf der Krimibestenliste vom Mai 2018 gelandet war, bot dann genügend Anlass, den Roman zu lesen. Leider jedoch konnte er die Erwartungen nicht ganz erfüllen.

Lange hält sich Wittekind mit der Kindheit Lous und ihrer Freunde in den 70er Jahren auf, ohne dass tatsächlich etwas Berichtenswertes geschieht. Es gibt Unfälle, wie sie überall geschehen, auch ein verlassenes mysteriöses Zelt sorgt für eine Menge Gesprächsstoff im Ort. Die Freundschaften der Kinder und später Jugendlichen entwickeln sich in diese und jene Richtung, mal sind sie enger, mal lockerer. Das Erwachsenwerden und die dazugehörigen Theorien um die Welt, befeuert vom neuen Lehrer des Dorfes, entzweit auch so manche alte Verbindung. Der Roman schleppt sich so dahin, kündigt jedoch stetig ein großes Ereignis an, das jedoch auf sich warten lässt.

Der Doppelmord selbst wird tatsächlich recht unspektakulär geschildert und schnell von den Ermittlungen abgelöst, die jedoch auch keine wirkliche Zielgerichtetheit erkennen lassen. Es kommt zu keiner Auflösung, der Täter wird nicht gefunden, die Spekulationen bleiben. Und schon bewegt sich die Handlung weiter, sprungartig bis in die Gegenwart. Dazwischen noch schnell ein weiterer nicht ganz eindeutiger Tod eines der Jugendlichen und Lous ungeklärtes 10-tägiges Verschwinden.

Hätte es nicht zwischendurch ein paar Tote gegeben, hätte ich die Genrezuordnung „Krimi“ gänzlich angezweifelt. Die normalerweise unabdingbare Spannung fehlte mir gänzlich, auch war oft nicht klar, wer eigentlich die Rolle des Protagonisten übernehmen soll, einerseits Lou, das ist recht offenkundig, dann wiederum rückt der örtliche Gendarm Ohayon in den Fokus, nur um sich kurze Zeit später wieder zurückzuziehen.

Zusätzlich erschwert wurde die Geschichte durch einen Erzählton, der wohl mit „lakonisch“ am besten beschrieben ist. Knappe Sätze, kaum Ausschmückung, bisweilen fast lustlos schildert der Erzähler die Ereignisse. Man hört regelrecht die Seufzer, ach ja, doch, da wird noch was passieren. Das etwas einsilbige Erzählen ermüdet bisweilen, hat jedenfalls keine spannungserzeugende Wirkung, ganz im Gegenteil.

Ich kann den begeisterten Stimmen nicht beipflichten. Ein vor allem sprachlich ungewöhnlicher Roman, der vielleicht ein wenig zu viel wollte, um zu überzeugen.

Jule Gölsdorf – Mörderisches Monaco

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Jule Gölsdorf – Mörderisches Monaco

Coco Dupont freut sich auf ihre Rückkehr nach Monaco, wo sie ihre neue Stelle als Kommissarin und Partnerin des etwas eigenbrötlerischen Henri Valeri antreten wird. Doch kaum ist sie gelandet, geschieht auch schon ein Mord, noch dazu ein recht grausamer, der auch das Interesse der Presse wecken dürfte: am Rennwochenende der Formel 1 wird die Frau eines erfolgreichen Fahrers überfallen, das gemeinsame Kind ist tot und sie schwebt in Lebensgefahr. Neider gab es viele, der Erfolg und das Geld ziehen zwielichtige Menschen geradezu an, aber dennoch können sich die beiden Ermittler kein wirkliches Bild vom Mord machen. Ins Visier gerät schnell ein IT Girl, die offenbar eine Affäre mit dem Rennfahrer hatte, aber wäre sie auch in der Lage, ein Kind zu töten und eine Frau lebensgefährlich zu verletzen?

„Mörderisches Monaco“ bietet genau das, was man von einem cosy crime Roman in der französischen Mittelmeerküste erwarten würde: ausufernde Landschafts- und Essensbeschreibungen, ein etwas gemächliches Tempo, jeder kennt jeden schon immer und ein nicht ganz so komplexer Fall, der auf den einfachen niederen Instinkten basiert und so auch recht zügig ohne größere Mühen gelöst werden kann. Mit den Details darf man es nicht so genau nehmen, da wird zugunsten der schönen „Bilder“ auch einmal auf sachliche Korrektheit verzichtet.

Wenn man einen leichten, unkomplizierten Fall wünscht, der einem als Leser nicht allzu sehr fordert beim Mitdenken, ist man hier ganz gut aufgehoben. Die Figuren sind eher eindimensional und verhalten sich genau so, wie in allen vergleichbaren Romanen: der männliche Ermittler vernachlässigt wie erwartet seine Frau und interessiert sich eigentlich eh nur fürs Essen; die weibliche Ermittlerin handelt völlig kopflos und unüberlegt und riskiert im sinnlosen Alleingang ihr Leben. Man würde sich einen leichten Krimi ohne das Ausschlachten aller Stereotypen wünschen, dieser hier setzt jedoch auch genau darauf. Erwartungen erfüllt, mehr aber auch nicht.

Keigo Higashino – Unter der Mitternachtssonne

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Keigo Higashino – Unter der Mitternachtssonne

Der Mord an einem Pfandleiher wirft im Osaka des Jahres 1973 Fragen auf. Kirihara wird in einem verlassenen Gebäude gefunden, der Polizist Sasagaki und seine Kollegen finden jedoch keine wirklich verwertbare Spur, einzig zu einer bescheidenen Frau und deren Tochter, doch es scheint zu abwegig, dass diese etwas mit dem Mord zu tun haben. Die Jahre vergehen, immer wieder gibt es Vorfälle in Osaka, die nicht wirklich geklärt werden können: Überfälle auf junge Frauen, Menschen verschwinden. Sasagaki lässt der alte Fall keine Ruhe und stetig verfolgt er die Spuren, bis er irgendwann eine Verbindung erkennt, die sich immer wieder auf ein Pärchen zurückführen lässt: der Sohn des Pfandleihers und die Tochter der verdächtigen Frau. Aber es ist doch undenkbar, dass die beiden über Jahrzehnte eine Spur der Verwüstung hinter sich herziehen, oder?

Keigo Higashino ist ein auch in Deutschland seit vielen Jahren sehr populärer japanischer Krimi- und Thriller Autor, „Unter der Mitternachtssonne“ ist inzwischen mein dritter Roman von ihm und wieder einmal kann er mich mit dem sehr eigenen japanischen Flair und einer psychologisch reizvollen Geschichte überzeugen.

Zunächst tappt man ganz wie die Polizei im Dunkeln, der Mord am Pfandleiher steht im Zentrum, wird aber dann scheinbar aufgegeben. Erst langsam erschließt sich dem Leser, worum es eigentlich geht. Die Geschichte zieht immer weitere Kreise, mehr und mehr Figuren kommen hinzu, verwirren zunächst das Konstrukt, nur um dann umso klarer ein Bild der beiden rücksichtslosen Menschen zu ergeben. Dass sie hinter den zahlreichen Taten stecken, ist recht schnell durchschaut, spannender wird nun die Frage: gelingt es dem Ermittler, ihnen auf die Spur gekommen und was genau geschah beim Mord an dem Pfandleiher und vor allem: warum musste er sterben?

Der Thriller weicht gewagt vom klassischen Szenario ab, was ihm jedoch kein bisschen an Spannung nimmt. Im Gegenteil, das hochriskante Spiel wird in immer neuen Varianten ausgetragen und erhält so seinen Reiz. Genaugenommen handelt es sich nicht um einen einzigen Mordfall, sondern um viele, die miteinander verbunden sind und sich nach und nach spiralförmig dem Showdown nähern.

Eine ausgesprochen komplexe Handlung, die durch die vielen Figuren mit ihren japanischen und damit doch eher ungewöhnlichen Namen eine Herausforderung darstellen. Diese sollte man jedoch unbedingt annehmen, denn „Unter der Mitternachtssonne“ ist ein kleines Meisterwerk.