Andreas Acker – Castingshow

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Andreas Acker – Castingshow

Nach einem Bestseller hat der Autor Arne nicht mehr viel aufs Papier gebracht. Zwischenzeitlich sind auch Ehefrau und Sohn ausgezogen und er vegetiert mehr vor sich hin als dass er kreativ schaffend werden würde. Sein Agent sieht die letzte Chance in der Teilnahme an einer Fernsehshow: im Big Brother Stil ziehen zehn Autoren in ein Hotel, liefern täglich eine bestimmte Wortanzahl ihres neuen Romans ab und die Zuschauer entscheiden zusammen mit einer Expertenjury, wer am Abend rausfliegt. Arne ist wenig begeistert und bemüht sich auch gar nicht erst, seinen Unmut zu verstecken. Es dauert nicht lange, bis die Reibereien zwischen den Kandidaten starten und bis sich im Hotel mysteriöse Begebenheiten zutragen. Offenbar geht so einiges nicht mit rechten Dingen zu und Arne richtet sich jedoch zunehmend in seiner Außenseiter- und Nörglerrolle ein. Aber so ganz kann er den Stress, der der Wettbewerb und die gegenseitigen Anfeindungen verursacht, auch nicht von sich schieben und es dauert einige Zeit, bis er merkt, dass er nicht nur in einer Castingshow ist, sondern sich der Hotelaufenthalt zu einem wahren Thriller entwickelt.

Zugegebenermaßen klang das Szenario von Andreas Ackers Thriller zunächst eher nach seichtem Privatfernsehen der Voyeurismus-Kategorie, was mich an sich nur wenig begeistern kann. Ich wurde jedoch positiv überrascht, entwickelt der Roman eine ungeahnte Spannung und kann mit unerwarteten Wendungen und Überraschungen punkten. Besonders überzeugend ist dem Autor die Darstellung des ganzen Castingshow Firlefanz gelungen, Trash TV in Höchstform, was jedoch dank der distanziert abgeklärten Erzählperspektive des Protagonisten und der dokumentarischen Einschübe einen ungeahnten Unterhaltungswert erhält.

Natürlich werden viele Klischees bedient, why not, für das Setting ist es passend und hat zumindest meine Erwartungen damit vollends erfüllt. Es sind andere Punkte, die mich tatsächlich viel mehr gereizt haben. Besonders die Figureninteraktion und ihre Entwicklung unter diesen Laborbedingungen können überzeugen. Schnell bleibt die Höflichkeit auf der Strecke, wenn der Konkurrenzkampf beginnt. Arne ist dabei nicht unbedingt Sympathieträger, kann aber mit seiner distanzierten Haltung die Geschehnisse unterhaltsam wiedergeben und kommentieren. Seine kleinen Gemeinheiten laden ein, bösartige Schadenfreude zu empfinden und entspannt über bisweilen überzogene und fast schon karikaturhafte Darstellungen hinwegzusehen und den Text einfach auf einen wirken zu lassen.

Alain Claude Sulzer – Unhaltbare Zustände

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Alain Claude Sulzer – Unhaltbare Zustände

Alles ist schon immer seinen geregelten Gang gegangen, doch im Jahre 1968 ist plötzliches vieles nicht mehr so eindeutig und die Jugend rebelliert gegen die Verhältnisse. Der Schaufensterdekorateur Stettler kann das alles nicht nachvollziehen, aber was hat es denn schon mit ihm zu tun? Sehr viel als plötzlich die Leitung des Berner Kaufhauses „Quatre Saisons“ entscheidet einem Jüngeren die Dekoration des wichtigen Weihnachtsfensters zu übergeben. Statt des erhofften Scheiterns muss Stettler den großen Erfolg des Konkurrenten miterleben und heimlich dessen überzeugende Wirkung anerkennen. Auch in der Liebe läuft es nicht, hatte er sich auf den Auftritt und ein anschließendes Treffen mit der Pianistin Lotte Zerbst gefreut, wird diese plötzlich aus politischen Gründen ausgeladen. Alles scheint aus den Fugen geraten in seinem bis dato so klar geordneten Leben. Doch Stettler gibt so schnell nicht auf.

Damit, einen Schaufensterdekorateur ins Zentrum einer Geschichte zu stellen ist Alain Claude Sulzer ein wahrlich außergewöhnlicher Coup gelungen. Die Tatsache, dass es nicht nur bei der Nennung des Berufs bleibt, sondern die Profession mit ihren Facetten tatsächlich zentral für die Handlung wird, hat mich zunächst stutzen und zögern lassen. Aber hierin zeigt sich der wahrlich brillante Autor: er hat das Auge für das Besondere im nahezu Banalen und kann im Alltäglichen etwas Außergewöhnliches entdecken und dies zu einer ganz überragenden Erzählung machen.

Bemerkenswert gelungen ist Sulzer die Verbindung des globalen Großereignisses „1968“ mit dem Leben des kleinen Schaufensterdekorateurs in der Schweizer Großstadt, die ja aber doch eher als provinziell und wenig bedeutend auf dem internationalen Parkett anzusehen ist. Sahen sich Regierungen und ganze Länder von der aufmüpfigen Jugend bedroht, wird auch Stettler in seiner Rolle als erster Dekorateur am Ort plötzlich von einem Jüngeren bedroht. Seine ästhetischen Vorstellungen sind ebenso wenig mehr gefragt wie die Werte und Ansichten seiner Generation. Das schlimmste jedoch ist, dass er alldem nichts entgegenzusetzen hat. Er muss einem Untergang beiwohnen bis hin zur völligen Demütigung.

Man kann dem Protagonisten leicht nachempfinden, hat einerseits Mitleid mit ihm und doch möchte man sich von dem alten, konservativen und gestrigen Mann lieber distanzieren. Er kann nicht aus seiner Haut, die neue Welt überfordert ihn und hat auch augenscheinlich keinen Platz für ihn mehr. Niemand wird ihn vermissen, wenn er nicht mehr zur Arbeit kommt, zu Hause wartet ebenfalls keiner.

Bildlich verdeutlicht Stettler und somit Sulzer, wie es den Menschen mit diesem Gefühl geht und wie sie keinen Ausweg mehr für sich sehen. Konkurrenzdruck, wandelnde Ansichten – entweder der Mensch passt sich an oder er muss weichen. Ein Roman, der bisweilen zum Schmunzeln einlädt, aber doch von einer wenn auch leichten Ernsthaftigkeit im Sujet getragen wird. Der Verlegung der Handlung 50 Jahre in die Vergangenheit suggeriert ein längst überholtes Problem, dabei ist es aber heute aktueller denn je. Vielleicht ermöglicht aber gerade die historische Distanz den Beginn des Nachdenkens über die Zeit, in der wir leben. Für mich einer der stärksten und gesellschaftlich relevantesten Romane bislang in 2019.

Ein herzlicher Dank geht an den Verlag Galiani für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zu Autor und Buch finden sich auf der Verlagsseite.