Ronja von Rönne – Ende in Sicht

Ronja von Rönne – Ende in Sicht

Juli steht auf einer Autobahnbrücke, von der sie sich gleich stürzen möchte. Schon seit Jahren ist die 15-Jährige depressiv, doch nun hat sie für sich das Ende beschlossen. Doch statt aufzuknallen und von einem Auto überrollt zu werden, landet sie auf dem Seitenstreifen vor dem Wagen von Hella, einem ehemaligen Schlagersternchen, die in derselben Mission unterwegs ist, das allerdings bei Dignitas in der Schweiz hinter sich bringen möchte. Hella liest das Mädchen auf und hat mit 69 Jahren plötzlich zum ersten Mal im Leben Verantwortung. Es beginnt ein bizarrer Trip durch Deutschland von zwei Frauen, die verschiedener kaum sein könnten und sich doch sehr ähnlich sind.

Es sind die eigenen Erfahrungen der Autorin, die sie veranlasst haben, die psychische Erkrankung zum zentralen Thema in ihrem aktuellen Roman §Ende in Sicht“ zu machen. Ronja von Rönne gelingt es dabei zu zeigen, dass Juli nicht immer traurig ist, dass sie sogar lachen kann und doch kommen immer wieder auch die schwarzen Wolken, die alles verdunkeln. Die beiden Protagonistinnen sind herrliche Sparringspartnerinnen, die den Roman trotz seines belastenden Sujets – immerhin wollen beide ihrem Leben ein Ende setzen – locker wirken lassen und auch ein wenig Mut machen.

„Es war schließlich nicht ihre Schuld, dass Teenager gerade vom Himmel fielen, wenn sie selbst auf dem Weg dorthin war.“

Die Atmosphäre schwankt zwischen ernsthaft und komisch, was vor allem an der sprachlichen Versiertheit der Autorin liegt. Sie findet die passenden Worte, um die Absurdität, in die die beiden geraten sind, ironisch zu begleiten und dennoch wird der Ernsthaftigkeit des Hintergrunds der Begegnung dadurch keinen Abbruch getan.

Hella wie auch Juli sind liebevoll gezeichnet. Sie sind beide auf ihre Weise Außenseiter, haben ihre Wege gefunden, um mit ihrem Schicksal umzugehen – auf dem Schulklo vor den Kameradinnen verstecken die eine, Sorgen in Alkohol ertränken die andere – und sind keineswegs so egozentrisch, wie es zunächst erscheinen mag. Trotz der großen Altersdifferenz verbindet sie etwas und sie geben auf einander Acht und sorgen sich um die andere. Ihre Einsamkeit führt sie zusammen, dadurch ist nicht plötzlich alles gut, aber gemeinsam ist es doch irgendwie besser.

Ein kurzweiliger Roman, der für mein Empfinden sehr behutsam mit dem Thema Depression umgeht. Weder wird überdramatisiert noch die Tränendrüse bemüht. Lesenswert vor allem durch die pointierten Formulierungen und die beiden zentralen Figuren, die Ronja von Rönne wirklich hervorragend gelungen sind.

Agatha Christie – Der Tod wartet

Agatha Christie – Der Tod wartet

Eigentlich will Hercule Poirot nur das Fenster seines Hotelzimmers schließen, als er einen kurzen Dialog mitanhört, bei dem es ganz offenkundig darum geht, eine Frau zu töten. Genau das ist auch einige Tage später unweit der alten Ruinenstätte Petra der Fall: die alte Mrs Boynton, die ihre Familie tyrannisierte und für die Reisegesellschaft eine Qual darstellte, wird tot aufgefunden. Dr. Gerard, der sich zufällig am selben Ort aufhält, kommen Zweifel am natürlichen Tod, weshalb Poirot hinzugebeten wird. Dieser kündigt an, innerhalb von nur 24 Stunden das Mysterium lösen und den Mörder präsentieren zu können.

„Der Tod wartet“ ist bereits der 18. Fall für den belgischen Meisterdetektiv, den Agatha Christie dieses Mal lange Zeit nur am Rand der Handlung erscheinen lässt. Im Vordergrund steht Familie Boynton, die jedoch immer nur durch die Augen von Sarah King, einer jungen britischen Ärztin, und dem französischen Psychologen Dr. Gerard beschrieben werden, die sich zufällig in demselben Hotel in Jerusalem und später in dem Beduinenlager bei Petra aufhalten. Poirot löst den Fall, in dem er akribisch alle Beteiligten befragt und in gewohnter Manier Unstimmigkeiten offenlegt und die richtigen Schlüsse zieht.

Die Schilderungen der tyrannischen Matriarchin im Hotel und auf der Reise bieten quasi allen Figuren ein Mordmotiv. Die drei Stiefkinder Raymond, Carol und Lennox nebst seiner Frau Nadine werden systematisch unterdrückt und von Fremden ferngehalten. Die Mutter verfügt über das Geld der Familie und hat den Ton, den sie sich einst als Gefängniswärterin aneignete, auch bei der Erziehung der Stiefkinder beibehalten. Ihre eigene Tochter Ginevra ist inzwischen so weit der Realität entrückt, dass sie die Unterdrückung kaum mehr wahrnimmt. Sarah King und Dr. Gerard beunruhigt, was sie beobachten, auch dem Freund der Familie, Jefferson Cope, scheint nicht wohl bei dem zu sein, was seine alte Freundin den jungen Menschen antut. Die Lage spitzt sich in dem heißen Wüstenwetter immer weiter zu, so dass der Mord nicht weiter verwunderlich ist.

Auch wenn außer Frage steht, dass es hier zu einer heimtückischen Tötung kam, wird doch auch die Frage angerissen, ob man gemessen an dem, was die Kinder und potentiellen Täter erdulden mussten, von einer klassischen Schuld reden kann oder ob das Ableben nicht notwendig war, damit viele andere Personen leben konnten.

Eine gemeinschaftliche Tat kommt ebenso infrage wie der mutige Schritt eines einzelnen, man glaubt nur noch kleine Details von der Lösung entfernt zu sein, als Agatha Christie einmal mehr überrascht. Ein kurzes Vergnügen, auch wenn man einräumen muss, dass die Erzählweise mit zahlreichen Redundanzen und Wiederholungen etwas der Mode gekommen ist. Ein typischer Poirot, der vollends die Erwartungen bedient.

Gianfranco Calligarich – Der letzte Sommer in der Stadt

Gianfranco Calligarich – Der letzte Sommer in der Stadt

Leo Gazzarra verlässt seine Heimat Mailand, um in Rom ganz in das Leben einzutauchen. Die Zeitung, bei der er arbeitet, schließt jedoch schon bald, dank eines Freundes findet er jedoch einen Aushilfsjob beim „Corriere dello Sport“. So wie das Jahr seinen Lauf nimmt, spielt sich auch sein Leben ab: mal Sonne mal Regen, mal nähern er und Arianna sich an, dann wiederum stoßen sie sich ab. Die Nächte sind lang, ausgelassen und alkoholgeschwängert, die Tage verbringt Leo auf den Plätzen der Stadt, trifft Bekannte, genießt das Dolce Vita in den Restaurants. Doch mit der großen Augusthitze kippt auch das Jahr und ein Ende ist unausweichlich.

Nach seiner Veröffentlichung 1973 wurde Gianfranco Calligarichs Roman „Der letzte Sommer in der Stadt“ mit dem Premio Inedito ausgezeichnet und genauso schnell vergessen, wie er bejubelt wurde. Auch eine Wiederentdeckung und zweite Begeisterungswelle konnte die Erzählung nicht davor retten, wieder in Vergessenheit zu geraten. Nun also der dritte Aufzug für die ungewöhnliche Liebesgeschichte und Ode an die Ewige Stadt.

„Was für ein Tag“, sagte sie, „ich bin extrem spät aufgestanden, war drei Stunden im Schwimmbad und dann wieder zwei Stunden im Bett. Ich bin fix und fertig.“ Graziano schaut sei mit angehaltenem Atem an. „Ein wahnsinnig produktiver Tag“, sagte er. „Wieso“, sagte sie, „ich habe rote Blutkörperchen produziert, reicht das nicht?“

Es ist die Geschichte des süßen Müßiggangs zu Beginn der 1970er Jahre. Leo hat eigentlich nicht das Geld dafür, mäandert sich aber geschickt durch das römische Leben. An morgen verschwendet er keinen Gedanken, auch Beziehungen oder der Job sind nichts, worauf er mehr Gedanken als erforderlich verwenden würde. Auch wenn Rom voller Leben ist und immer irgendwo etwas geschieht, merkt man doch die Leere, die in seinem Leben herrscht. Er hat nichts, woran er festhalten kann, nicht einmal seine Wohnung ist die seinige, sondern genauso vorübergehend wie alles in seinem Leben.

Es ist das Bohème-Leben wie man es aus Romanen aus dem Paris der 20er und 60er Jahre kennt, hier jedoch sind weder Künstler noch eine desillusionierte Kriegsheimkehrergeneration, sondern junge Menschen ohne Ziel, die nur mit ausreichend Alkohol das Nichts aushalten, das ihr Leben ist. Sie bemühen sich jedoch auch nicht, ihr Leben mit Sinn zu füllen oder aktiv zu werden. Selbstreflexion fehlt ebenso wie ein kritischer Blick auf das Leben oder die Gesellschaft und die politische Situation, die durchaus genügen Stoff geboten hätten. Das muss man sich auch erst einmal leisten können.

Calligarich gelingt es, den emotionalen Ausnahmezustand seines Protagonisten glaubhaft zu transportieren, auch das Lebensgefühl Roms und der Takt des Jahres spiegeln sich hervorragend in der Erzählung wider. Mit großartigen Metaphern und vor allem dem Bild des Meeres als Sehnsuchtsort, Ort des Anfangs und des Endes zeigt der Autor seine sprachliche Stärke. Was mir jedoch etwas fehlte war das Identifikationspotenzial, die Figuren beobachtete ich aus der Ferne, sie blieben mir fremd und konnten mich leider nicht berühren. Für ihr weinerliches Drama vor dem Hintergrund der realen Probleme der damaligen wie der heutigen Zeit kann ich leider nur wenig Mitgefühl aufbringen.

Sandra Cisneros – Das Haus in der Mango Street

Sandra Cisneros – Das Haus in der Mango Street

Esperanza wohnt in der Mango Street in Chicago. Es ist nicht das, was sie als ihr „Zuhause“ betrachten würde, aber das Haus, in dem sie wohnt, befindet sich nun einmal dort. Die Mango Street ist ein wildes Sammelsurium an Menschen, die dort alle gestrandet sind und auf bessere Zeiten hoffen. Esperanza wächst zwischen ihnen und den unterschiedlichen Lebensentwürfen auf, schon früh mit der Absicht, irgendwann einmal als Schriftstellerin mit ihrem eigenen Haus erfolgreich zu sein.

Wie die mexikanisch-amerikanische Autorin Sandra Cisneros bereits im Vorwort ankündigt, handelt es sich nicht um einen Roman im eigentlichen Sinne. Zur Entstehungszeit Anfang der 80er Jahre waren kurze Texte angesagt und so finden sich in „Das Haus in der Mango Street“ 44 kurze Episoden aus dem Lebensalltag Esperanzas, die den realen Erfahrungen der Autorin entlehnt sind. Sie ermöglicht durch ihre Augen einen kurzen Blick in die Leben der Bewohner der Straße, wirft durchaus auch brisante Fragen auf, führt die Geschichten jedoch nie so ganz zu einem Ende.

„Leute, die keine Ahnung haben, kommen ganz verschreckt in unser Viertel. Sie glauben, wir sind gefährlich. Sie glauben, wir gehen mit blitzenden Messern auf sie los. Sie sind Dummköpfe, die sich verirrt haben und nur versehentlich hier gelandet sind. Wir aber haben keine Angst.“

„Das Haus in der Mango Street“ wird vielfach als wichtiges Werk sowohl der Chicano-Literatur wie auch aus feministischer Sicht interpretiert. Cisneros schildert vor allem das Leben der mexikanischen Einwanderer bzw. ihrer Nachfahren, so werden Ehefrauen aus Mexico importiert, die kein Englisch sprechen und dadurch ans Haus gebunden sind, andere hoffen mit dem Umzug in die reichen USA auf ein besseres Leben. Alte Familienstrukturen und vor allem das Verhältnis von Männern und Frauen zueinander wird nicht an die neuen, offeneren gesellschaftlichen Lebensrealitäten angepasst, sondern so wie schon immer fortgesetzt. Man kennt sich im Viertel und weiß, wann etwas zu kommentieren ist und wann auch einfach nicht.

Esperanza ist am Beginn der Pubertät, interessiert sich zunehmend für das Verhältnis zwischen Mädchen und Jungs, sucht selbst aber noch keinen Kontakt. Es steht jedoch außer Frage, dass sie irgendwann einen Freund und dann auch Mann braucht, wenn das nicht einfach so klappt, kann man immer noch zur Zauberhexe gehen, die dann Abhilfe weiß.

Die kurzen Episoden lassen durchscheinen, dass das Leben in der Mango Street nicht einfach, vielfach auch von Gewalt geprägt ist und doch alle ihre Träume von einem besseren Leben hegen – oder sie hoffen dies zumindest für ihre Kinder. Insbesondere für die Frauen wird es aber beim Traum bleiben, denn ihre Lebenswege sind vorgezeichnet und sehr begrenzt. So sehr sich auch Esperanza wünscht ausbrechen zu können, ist ihr schon als Mädchen bewusst, dass sie nicht alles einfach wird hinter sich lassen können, sondern dass sie auch davon geprägt wird, in dem, wie sie die Welt sieht.

Durch die Stimme des jungen Mädchens kann Cisneros die sozialkritischen Themen etwas abmildern, da sie mit einer gewissen Naivität und Unwissenheit präsentiert werden. Präsent sind sie dennoch und machen den Roman dadurch durchaus auch zu einer Anklage. Dies wird allein dadurch deutlich, dass er zu den Jugendromanen zählt, die regelmäßig auf den Verbannungslisten erscheinen, die Mitglieder der weißen Oberschicht an die US-amerikanischen Schulen und Bibliotheken herantragen.

Matt Haig – Der fürsorgliche Mr Cave

Matt Haig – Der fürsorgliche Mr Cave

Der Antiquitätenhändler Terence Cave will nur seine Familie beschützen, was bislang nicht gut gelungen ist. Seine Mutter hat sich das Leben genommen und obwohl er damals noch ein Kleinkind war, suchte er die Schuld bei sich. Auch seine Frau kam ums Leben, weil er passiv war und sie nicht beschützt hat. Und nun Reuben, sein Sohn und Zwillingsbruder von Bryony, die einzige, die ihm noch geblieben ist. Doch aus dem wohlerzogenen Mädchen wird ein Teenager und ihr setzen die Verluste ebenfalls zu. Terence sieht rot, vor allem als sich seine Tochter sich mit Denny einlässt, einem Boxer, der dabei war, als eine ganze Gruppe von Jungs Reuben in den Tod betrieben haben. Die Lage spitzt sich zu zwischen Vater und Tochter, je mehr er beschützen will, desto stärker ihre Gegenwehr, bis es zu gänzlichen Eskalation kommt.

„Der fürsorgliche Mr Cave“ ist Matt Haigs dritter Roman, der im Original schon 2008 erschien, jetzt jedoch erst ins Deutsche übersetzt wurde. Haben seine hier bekannten und erfolgreichen Romane häufig spekulative und magische Elemente, wirkt dieser geradezu ernsthaft, wobei auch der Protagonist unter Halluzinationen und realistischen Träumen leidet, die sich jedoch durch seine Traumatisierung durch die Verluste, die er nicht verarbeitet hat, erklären lassen. Der Roman ist das Vermächtnis eines verzweifelten Menschen, der das Beste wollte und das Schlimmste angerichtet hat.

Zunächst weiß man nicht genau, an wen sich Terence Cave in seinem langen Brief richtet, bald schon wird jedoch klar, dass es seine Tochter sein muss, der er sich und seine Sicht erklären will. Es ist offenkundig, dass etwas Schlimmes geschehen sein muss, dass es zu dieser für den Erzähler schmerzhaften Reflexion seines eigenen Handelns gekommen ist. Er hat Fehler gemacht, viele, mit schwerwiegenden Folgen, die er nun nicht mehr leugnet. Seine Intentionen waren gut, aber ach, die Mittel, die Borniertheit, der Tunnelblick, all das hat ihn daran gehindert auf seine Schwiegermutter zu hören und anders mit Bryony umzugehen.

Immer mehr steigert sich Mr Cave in etwas hinein, obsessiv versucht er Bryony das kleine Mädchen sein zu lassen, dass Cello und Hockey spielt und auf den Vater hört. Das Mädchen, das nicht aufbegehrt und keine Probleme macht, ganz anders wie ihr Bruder. Im Unterschied der Geschwister lag der Ausgang allen Unglücks.

Mr Cave ist ein klassischer tragischer Held, der in einem Alptraum gefangen ist, aus dem er sich und seine Tochter nicht befreien kann. Eine Tragödie durch und durch, wobei man sich – bei allen nachvollziehbaren Argumenten – nicht mit Cave identifiziert und somit trotz der gewählten Perspektive immer eine Distanz zwischen Leser und Text bleibt.

Camille Kouchner – La familia grande [dt. Die große Familie]

Camille Kouchner – La familia grande

Manchmal reicht ja der Autorenname, dass man neugierig auf ein Buch wird. Camille Kouchner, klar, Tochter berühmter Eltern, die über ihre Familie schreibt. Ein wenig Sensationslust und schon öffnet man ein Buch, ohne zu ahnen, dass man die Büchse der Pandora in Händen hält. Daher eine Warnung vorweg – der deutsche Klappentext beinhaltet dies, im französische nicht einmal eine winzige Andeutung – das Buch ist die Schilderung dessen, was ein verheimlichter Missbrauchsfall in der Familie anrichtet.

Camille Kouchner ist die Tochter von Bernard Kouchner, Gründer der Médecins sans Frontières und ehemaliger Außenminister, und Évelyne Pisier, ehemalige Geliebte von Fidel Castro, erste Professorin für Öffentliches Recht an der Sorbonne und hohe Beamtin im Kulturministerium. Ihre Tante, Marie-France Pisier war eine bekannte und vielfach ausgezeichnete Schauspielerin und immer präsent in ihrem Leben, da die beiden Schwestern unzertrennbar waren. Nach der Trennung der Eltern heiratet ihre Mutter Olivier Duhamel, ebenfalls angesehener Jura-Professor aus einer bekannten Intellektuellenfamilie.

Die Autorin wächst mit ihrem Zwillingsbruder Victor und dem 4 Jahre ältere Colin unbeschwert auf, der Vater war zwar überwiegend abwesend und die Mutter und Großmutter hatten sehr eigene Ansichten von Freiheit und Erziehung, doch ihre Erinnerungen sind positiv. Auch als Duhanel zu der Familie stößt, erweitert dies nur den illustren Kreis und vor allem im Sommerhaus in Südfrankreich kommen unzählige Freunde der Eltern zusammen und die Sommermonate werden von der „großen Familie“ mit viel Alkohol exzessiv ausgelebt, Kinder sind dabei immer ein natürlicher Teil des Geschehens.

Was dort auch geschah, beichtet Victor seiner Schwester erst Jahre später als sie beide 14 sind. Diese ist entsetzt, hat den Stiefvater immer vergöttert. Victor bittet sie zu schweigen, denn sie wissen, dass ihre Mutter damit nicht umgehen könnte. Nach dem Selbstmord ihrer Eltern war sie in ein tiefes Loch gefallen, aus dem sie sich nur schwer befreien konnte. Der Vater ist ebenso wenig als Ansprechpartner geeignet und so tragen die beiden ein Geheimnis mit sich, das sie zerstört.

Psychisch und physisch hinterlässt der Missbrauch Spuren bei beiden, erst als sie selbst Eltern werden, drängt Camille darauf zu handeln, um ihre eigenen Kinder zu schützen. Es geschieht das, was Victor immer befürchtet hat: die Tat wird nicht bestritten, aber die Schuld wird den Kindern zugeschoben. Camille, weil sie geschwiegen hat, beiden, weil sie jetzt alles zerstören und so eine Ungeheuerlichkeit ausbreiten. Die große Familie wendet sich ab, nicht aber, um den Täter zu ächten, sondern weil Camille und Victor nicht geschwiegen haben. Nur ihre Tante hält zu ihnen, nimmt den Bruch mit ihrer geliebten Schwester in Kauf, kann mit der Situation in der Familie jedoch auch nicht leben.

Seit einiger Zeit gibt es auffällig viele Berichte von französischen Frauen um die 40, die ihre Kindheitserlebnisse schildern. Gemeinsam haben sie, dass sie im Umfeld von gefeierten Persönlichkeiten aufgewachsen und oftmals durch die Hölle gegangen sind. Vanessa Springora, die ähnlich wie Victor Kouchner missbraucht wurde und man ihr jedoch einredete, dass das alles so richtig sei. Sarah Biasini, die als Tochter von Romy Schneider nach deren Tod zwar familiär behütet aufwuchs, aber von klein auf von der Presse verfolgt wurde. Das jahrelange Schweigen gehörte offenbar in den 70er bis 90er Jahren dazu, wurde von früh auf gelernt, ebenso wie das „stell dich nicht so an“ und eine Umkehr der Schuld. Jedes einzelne Buch erschreckend zu lesen und doch wichtig, für die Autorinnen, die sich damit befreien können, aber auch um eine andere Zukunft für ihre Kinder zu gestalten.

Nella Larsen – Passing

Nella Larsen – Passing

Irene Redfield weiß, von wem der Brief ist, den sie sich nicht traut zu öffnen. Einige Wochen zuvor ist sie in ihrer Heimatstadt Chicago zufällig Clare Kendry begegnet, eine Kindheitsfreundin, die nach dem Tod der Eltern zu Tanten geschickt wurde. Während Irene mit ihrem Mann und den beiden Söhnen inzwischen ein gutes Leben in Harlem führt, ist Clare ganz eindeutig der Aufstieg gelungen, vor allem durch ihren Mann, der nicht ahnt, wen er geheiratet hat. Sowohl Irene wie auch Clare sind eher ein mediterraner Typ, sie wissen jedoch beide, dass sie keine Weißen sind, was in den USA des Jahres 1927 mehr als relevant ist. Doch Clares Mann ahnt nichts vom „Passing“ seiner Frau, der unerlaubten Überschreitung der Rassengrenze, seinen rassistischen Tiraden hat er deshalb freien Lauf gelassen und Irene nachhaltig verschreckt. Doch nun nicht die ehemalige Freundin Kontakt auf und bringt Irene in ungeahnte Dilemmata.

Nella Larsens Roman aus dem Jahr 1929 ist ein Zeitzeuge einer der problematischsten Fragen der US-Geschichte. In Deutschland weitgehend unbekannt gehört er jedoch zu einem der wichtigsten Werke der US Literatur und wird vielfach auch als Gegenstück zu F. Scott Fitzgeralds „The Great Gatsby“ gesehen. Parallelen gibt es in der Tat einige, ebenso diametrale Gegensätze.

Zentrales Thema ist der „Seitenwechsel“, so auch der deutsche Titel des Buchs. Clare nutz die Gelegenheit ihrem Milieu zu entkommen und spielt ihre neue Rolle perfekt. Ihr altes Leben hat sie hinter sich gelassen, wie sie Irene eindrucksvoll zeigt. Es ist jedoch mitnichten so, dass sie glücklich wäre, wie sich im Laufe der Handlung zeigt. Sie wird immer mutiger und riskiert aufzufliegen, während Irene noch damit hadert, wie sie Clare schützen kann.

“It’s funny about ‚passing‘. We disapprove of it and at the same time condone it. It excites our contempt and yet we rather admire it. We shy away from it with an odd kind of revulsion, but we protect it.“

Irene verleugnet ihre Herkunft nicht, für sie verlaufen die Grenzen eher zwischen den Klassen denn entlang der Hautfarbe. Als Arztfrau hat sie selbstverständlich eine afroamerikanische Bedienstete. Ihre Söhne will sie schützen und somit wird dies zu einem Tabu- und letztlich Streitthema mit ihrem Mann, denn dieser sieht die Notwendigkeit, die Jungs auf die Welt mit ihren Vorurteilen vorzubereiten.

Ein zweites Thema legt die Autorin geschickt über die Handlung. Clare ist der Star jeder Party und im Kontrast zu ihr erkennt Irene, dass sie letztlich nur noch als Mutter wahrgenommen wird. Bis zu dem Wiedersehen mit Clare war ihr eigentlich nur die wirtschaftliche und gesellschaftliche Sicherheit wichtig, doch nun erkennt sie, dass es noch mehr gibt. Ihre Eifersucht auf Clare wächst und bald auch der Verdacht, dass ihr eigener Mann sie mit der Jugendfreundin betrügen könnte. Dabei hält sie alles in der Hand, um Clares Leben mit einem Schlag zu zerstören – eine durchaus verlockende Idee.

Clare ist das passende Gegenstück zu Jay Gatsby: sie ist bereit, alles zu tun, um ihre Ziele zu erreichen, wird ebenso reich und unglücklich wie dieser, denn das eine, das sie unbedingt will, bleibt ihr verwehrt. Man ahnt, dass es ein ähnlich dramatisches Ende nehmen muss wie bei ihrem berühmteren Pendant.

Ein kurzer Roman, der nicht nur durch die Komplexität und Vielschichtigkeit der angesprochenen Themen sondern auch durch die pointierte Sprache besticht. Die Figuren reden, wie dies zu jener Zeit üblich war, was heute umso drastischer wirkt. Besonders bemerkenswert jedoch, dass gleich zwei Frauenfiguren zentrale Fragen aufwerfen und Männer weitgehend Randnotizen bleiben – in der Literatur vor 100 Jahren wie auch heute nicht unbedingt eine Selbstverständlichkeit.

Romy Hausmann – Perfect Day

Romy Hausmann – Perfect Day

Als man ihren Vater, einen angesehenen Philosophie Professor, verhaftet und beschuldigt, der brutale Schleifenmörder zu sein, der zehn Mädchen entführt und getötet hat, kann Ann das nicht glauben. Nach dem Tod ihrer Mutter hat er sich liebevoll um die Tochter gekümmert, war immer für sie da. Außerdem hätte sie ja etwas davon merken müssen! Die Polizei scheint sich sicher zu sein, andere Spuren verfolgen sie erst gar nicht und auch Ludwig, Anwalt und Freund des Vaters, kümmert sich nur halbherzig um dessen Verteidigung. Als Ann zufällig die Mutter eines der Mädchen kennenlernt, führt sie dies auf eine andere Spur, die die Ermittler schon vor Jahren ignorierten, dabei sind die Indizien eindeutig. Als es in einem bayerischen Dorf zu einer Entführung eines Mädchens kommt, macht sich an mit dem befreundeten Journalisten Jakob auf dorthin. Ihr Vater im Gefängnis kommt nun unmöglich als Täter infrage.

Romy Hausmann erzählt ihren Roman aus Sicht der verzweifelten Tochter, die offenbar alleine an die Unschuld ihres liebenswerten Vaters glaubt. Unterbrochen wird die Handlung durch Protokolle, in denen der Mörder offenbar Jahre später in Interviews über seine Beweggründe berichtet sowie eine Innenschau in diesen, wenn es zu den Taten kommt. Man erhält so Einblick in die Gedankenwelt ohne dass schon viel offengelegt wird.

Sowohl das Szenario wie auch die zusätzlichen Informationen des Täters sind spannend angelegt. Durch die persönliche und vor allem emotionale Involvierung der Protagonistin weiß man, dass ihr Blick getrübt und verfälscht sein kann, dass sie nur sieht, was sie sehen will, da sie nicht objektiv nach einem Schuldigen sucht, sondern sich rasch in ihr Gedankenkonstrukt verbeißt. Aber man hat ja noch einen zweiten Blick, dem man als Leser versucht, weitere Details, kleine Anhaltspunkte zu entlocken, um den Mörder zu entlarven.

Leider wurde für mich vieles davon durch für mich gänzlich unglaubwürdige Zufälle und eine doch stark überzogene Hauptfigur verleidet. Die Handlung kommt eigentlich immer nur durch unerwartete Glücksfälle voran, selten ist etwas glaubwürdig motiviert; im passenden Moment geschieht immer etwas, das den nächsten Schritt auslöst. Auch dass sich genau jene Figuren immer begegnen, die sich zwingend begegnen müssen, wirkt nicht authentisch – mal davon abgesehen, dass die Polizei offenbar keine Veranlassung sieht, sie ernsthaft in die Schranken zu weisen, wenn sie überall rumplatscht und sich einmischt. Natürlich haben wir es mit einer Superheldin zu tun, die schlimmste Situationen und Verletzungen meistert, um sich drei Minuten später in den nächsten Kampf zu begeben. Was ich bei James Bond augenzwinkernd hinnehmen kann, wirkt hier einfach überzogen.

Guter Ansatz, leider für mich nicht überzeugend ausgearbeitet. Auch das letztliche Motiv, das am Ende aus dem Hut gezaubert wird, kann nur halbherzig die Taten erklären. Fazit: durchaus spannend erzählt, aber auf der Plotebene doch auch mit großen Schwächen.

Tess Sharpe – The Girls I’ve Been

Tess Sharpe – The Girls I’ve Been

Nora O’Malley will eigentlich nur mit ihrer aktuellen Freundin Iris und ihrem Ex Wes Geld auf einer Bank einzahlen, als sich zwei weitere Kunden als Bankräumer zu erkennen geben. Sie wollen nicht an Geld, sondern an etwas, das sich in den Schließfächern befindet; dafür benötigen sie den Filialleiter, der jedoch an diesem Morgen noch nicht da ist. Wo andere in Panik ausbrechen würden, bleibt Nora ruhig, sie hat schon Schlimmeres durchlebt. Sie ist die Tochter einer notorischen Betrügerin und hat ihre Kindheit damit verbracht, Männer auszunehmen. Bis sie an Raymond gerieten, der noch gerissener als die beiden Frauen war. Aber auch er hatte Nora oder Ashley oder Samantha oder Rebecca oder wie auch immer sie gerade hieß unterschätzt. Jetzt muss sie auf das zurückgreifen, was sie schon als kleines Mädchen verinnerlicht hatte.

Tess Sharpe lässt in ihrem Jugendbuch-Krimi die Gegenwart der Geiselnahme in der Bank mit Noras Erinnerungen an die Zeit mit ihrer Mutter abwechseln. Seit fünf Jahren schon lebt die Jugendliche ein undercover Dasein als quasi normales Mädchen, ihre Halbschwester hat ihr eine neue Identität ermöglicht, die nun durch die unheilvollen Ereignisse droht aufzufliegen. Nur langsam bekommt man einen Eindruck davon, was in ihrem früheren Leben geschehen ist, während vor Ort die Zeit davonläuft und die Lage immer weiter eskaliert.

Die kurzen Kapitel und der rasche Wechsel zwischen den beiden Zeitebenen sorgen für ein hohes Tempo der Handlung und für Spannung, da man gerne beide Handlungsstränge mitverfolgen möchte. Weiß man anfangs noch wenig über Nora und hält ihre Überzeugung zwei bewaffneten Bankräubern etwas entgegensetzen zu können für etwas übertrieben, zeigt sich bald, dass deren Planung mehr so semi-optimal war und sie über weitaus mehr Cleverness verfügt als die beiden Männer.

Auch wenn die Krimi-Handlung und Noras eigene kriminelle Vergangenheit im Vordergrund stehen, so hat das Jugendbuch doch auch durchaus sehr ernste und kritische Untertöne. Nora hat all dies, was sie als Kind verbrochen hat, nicht freiwillig getan, ihre Mutter hat sie gezwungen, mal subtiler Mal offener. Sie musste psychische wie physische Gewalt erleiden, um das Spiel ihrer Mutter mitzuspielen. Auch ihre beiden Freunde haben familiäre Gewalterfahrungen gemacht, das verbindet sie einerseits, ist aber auch das, worüber nicht offen gesprochen wird, was Kinder und Jugendliche stumm erdulden, weil man ihnen droht und sie keinen Ausweg sehen.

Ein auch für Erwachsene unterhaltsames Jugendbuch, dessen Verfilmung und Besetzung von Netflix schon angekündigt war, sich aber scheinbar unbestimmt verzögert.

Ragnar Jónasson – Insel

Ragnar Jónasson – Insel

Hulda Hermannsdóttir muss von der isländischen Hauptstadt auf die zerklüftete Insel Elliðaey reisen, denn dort wirft der Tod einer jungen Frau Fragen auf. Gemeinsam mit drei Freunden verbrachte sie einige Tage in einem Sommerhaus. Nachts scheint Klara alleine die Hütte verlassen zu haben und an einem steilen Felsen abgestürzt zu sein. Doch die Obduktion legt anderes nahe. Bei der Befragung der Freunde zeigt sich auch schnell, dass Alexandra, Benedikt und Dagur etwas verheimlichen und dass sie schon einmal mit einem Todesfall verbunden wurden: Katla, Dagurs ältere Schwester und ebenfalls mit der Clique befreundet, wurde genau 10 Jahre zuvor ermordet aufgefunden. Ihr Vater wurde der Tat beschuldigt und beging im Gefängnis Selbstmord, ein klares Schuldeingeständnis wie Huldas Vorgesetzter erkannte. Je näher die Kommissarin der Wahrheit kommt, desto offenkundiger wird ihr auch, dass es auch in dem alten Fall noch Fragen gibt. Doch diese zu stellen wird dramatische Folgen haben.

„Insel“ ist der zweite Band von Ragnar Jónassons Hulda Trilogie, die chronologisch rückwärts erzählt wird und nun die Kommissarin auf den Höhepunkt ihrer Karriere zeigt. Der Autor arbeitet auch wieder mit der Überlagerung verschiedener Zeitebenen und konstruiert so eine spannende und undurchschaubare Geschichte, in der alle Figuren ihre Geheimnisse und Motive haben. Besonders stark wirkt wieder einmal die Natur, die einerseits als geradezu berauschend schön dargestellt wird, aber auch ihre rauen und abweisenden Seiten hat. Wie schon in „Dunkel“ herrscht eine düstere Atmosphäre, die perfekt zu dem Fall und den gleich bei mehreren Personen vorhandenen Schuldgefühlen passt.

Eigentlich wollen die vier Freunde sich nur nach vielen Jahren wiedersehen und gemeinsam der verstorbenen Katla gedenken. Doch die Stimmung ist von Beginn an vergiftet, es hängt etwas in der Luft und Karlas Alpträume in der Hütte führen auch nicht unbedingt zu einer Verbesserung. Man wundert sich, weshalb sie den Anlass ihres Aufenthalts nicht preisgeben wollen, als Leser hat man aber jedoch recht schnell einen Wissensvorsprung und beobachtet gebannt, ob es Hulda gelingen wird, hinter die Fassade zu blicken und für Gerechtigkeit zu sorgen.

Ein überzeugender Krimi, der jedoch nicht ganz an den ersten Band heranreicht, der mit ungeahnten Wendungen und noch stärkerem Fokus auf Hulda wirklich überraschen konnte.