James Marrison – Stadt der Verschwundenen

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James Marrison – Stadt der Verschwundenen

Auch viele Jahre später lässt Guillermo die Erinnerung an die wenigen Tage 1981 nicht los. Hätte er etwas anders machen müssen? Hätte er sie retten können? Eine junge Frau spaziert nichts ahnend durch Buenos Aires als die Militärpolizei die Suche nach ihr startet. Weder weiß sie warum, noch nimmt sie die Sache richtig ernst. Doch Guillermo ahnt, dass dies bereits das Todesurteil sein könnte. Er macht sich auf die Suche nach Spuren und trifft auf ihre Schwester, Pilar, mit der er gemeinsam nach Soledad fahndet. Sie rekonstruieren ihre letzten Tage und stoßen auf einen seltsamen Mord an Soledads Englischlehrer. Bald schon erkennen sie, was die junge Studentin ins Fadenkreuz der militares gebracht hat. Doch dies bedeutet nur, dass sie wirklich in Lebensgefahr schwebt.

James Marrisons Thriller greift eine der dunkelsten Kapitel in der argentinischen Geschichte auf. Zwischen 1976 und 1983 verschwanden zahlreiche Menschen in Argentinien spurlos unter der Militärdiktatur. Die Madres de Plaza de Mayo, dem Platz vor dem Präsidentenpalast in Buenos Aires, trafen sich seit 1977 jeden Donnerstag dort, um stumm gegen das Regime zu protestieren und auf ihre Sorgen aufmerksam zu machen.

Ähnlich wie all diese Töchter und Söhne wird auch Soledad mitten aus dem Leben gerissen, aus einer Buchhandlung hinaus- und wegtransportiert. Die Angst vor dem unberechenbaren und brutalen Militär ist allgegenwärtig im Roman. Kaum ein Schritt können die Figuren tun, ohne überwacht zu werden oder sich unmittelbar in Gefahr zu begeben. Trauen kann man kaum jemandem, jeder könnte Feind oder Informationslieferant sein. Gründe benötigten die militares offenbar nur wenige, um Menschen verschwinden zu lassen – ein Verdacht genügte.

„Stadt der Verschwundenen“ beschreibt sehr eindrücklich das Leben unter der Militärjunta. Allerdings bleibt die Handlung weitgehend auf die Suche nach Soledad beschränkt, darüber hinaus bekommt man kaum Einblicke in das Leben in Buenos Aires der 1980er. Auch die Komplexität der Geschichte ist recht überschaubar, große Überraschung findet man ebensowenig wie verzwickte Zusammenhänge. Da nur eine kurze Zeitspanne geschildert wird, bleibt auch eine Entwicklung bei den Figuren aus. Hier hätte der Roman auf jeden Fall noch Potenzial gehabt, wäre aber etwas ganz Anderes geworden als diese sehr fokussierte und mit gut 200 Seiten auch recht knappe Erzählung. In sich ist das alles stimmig und durchaus lesenswert.

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Lana Lux – Kukolka

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Lana Lux – Kukolka

Ein Kinderheim in Dnepropetrowsk, Ukraine. Samira und Marina kennen ihre Eltern nicht, auch kein Leben in einer Familie, nur das im Kinderheim kennen sie und immer träumen sie von einem besseren Dasein. Regelmäßig kommen Erwachsene, um sich Kinder auszusuchen, so auch Marina, die die Heimat verlassen und in Deutschland ein neues Leben beginnen darf. Ihrer Freundin zu folgen wird für die nächsten Jahre der sehnlichste Wunsch von Samira bleiben. Sie reißt aus dem Kinderheim aus und wird von Rocky aufgegriffen. Er ist jedoch nicht der freundliche Helfer, als der er zunächst scheint, sondern hat eine ganze Bande von Kindern angestellt, die für ihn klauen und betteln. Trotz aller Widrigkeiten hat Samira eine Ersatzfamilie und mit Dascha und Lydia so etwas wie große Schwestern. Doch die Zeiten ändern sich und mit zunehmendem Alter wird Samira für Männer als Sexobjekt interessant. Dima scheint die Rettung zu sein, er schafft es sogar, Samira nach Deutschland zu bringen, doch der Preis, den sie dafür zahlen muss, ist hoch.

„Kukolka“ – das Püppchen. Das ist die dunkelhaarige Samira zunächst für alle. Das ahnungslose naive Mädchen, das mit seinen 6-7 Jahren alleine davonläuft und den Weg nach Deutschland antritt. Leicht findet sie Menschen, die sich um sie kümmern, doch diese haben immer Hintergedanken und nichts ist umsonst in ihrem Leben. Bei jeder Etappe denkt man, dass es nicht mehr schlimmer kommen kann. Zum Betteln und Stehlen versklavt, verwahrlost und ohne jede Bildung – was sie bei Rocky erlebt ist der böse Alptraum eines unsäglichen Kinderlebens. In einem Haus ohne fließendes Wasser, immer wieder auch mit dem Tod und Gewalt konfrontiert – was sollte das noch überbieten können?

Dima scheint die Hoffnung zu sein. Er ist freundlich, hat eine saubere Wohnung, behandelt Samira gut – doch sein wahres Gesicht zeigt er erst später. Viel zu jung wird Samira missbraucht, verraten, verkauft. Ob all der Grausamkeiten, die das Mädchen ertragen muss, kann man gar nicht glauben, dass ein einziges Menschenleben das aushalten kann. Bei realistischer Betrachtung weiß man jedoch, dass dies auch eine Realität ist, die sich in einer Parallelgesellschaft mitten unter uns abspielt, vor unseren Augen ohne dass wir es sehen.

Lana Lux erspart ihrer Protagonistin und dem Leser nichts. Ein unbändiger Überlebenswille, getrieben von den Gedanken die Freundin wiederzusehen und ebenfalls eine gute deutsche Familie zu finden, hält sie am Leben und lässt sie all das ertragen, was man ihr zufügt. Der Roman ist ganz sicher nichts für feinbesaitete Gemüter, zu schonungslos und direkt schildert die Autorin Gewalttätigkeiten und Missbrauch. Gleichzeitig zeichnet sie das Psychogramm einer starken jungen Frau, die zwar immer wieder droht sich in ihrer Phantasiewelt zu verlieren, einem Schutzwall um das Leben zu ertragen, aber letztlich ihren Weg mutig geht und überlebt. Sie deckt Mechanismen auf, die es Menschen erlauben, sich anderer zu bemächtigen und diese auszunutzen:

„Ich wusste, dass mich das gleiche Schicksal erwartet wie Dascha und Lydia. Ich wusste, dass ich zu niemandem gehöre und nichts wert bin. Dass ich einfach da bin, so wie Kakerlaken. Niemand weiß, wo die ehrkommen. Niemand braucht sie. Sie leben, bis einer sie wegklatscht.“ (Pos. 2480)

Sie glaubt, dass sie schuld am Schicksal von Dascha und Lydia sei und nun ihre gerechte Strafe bekommt. Mit dieser Schuld muss sie leben und die Strafe ertragen, bis sie irgendwann tot ist.

Ein beeindruckender Roman, der einem als Leser nicht kalt lassen kann. Trotz oder gerade wegen einer gewissen Nüchternheit in der Erzählung geht er unter die Haut und setzt sich fest. Für mich eindeutig eins der literarischen Highlights 2017.

J.D. Barker – The Fourth Monkey

The Fourth MonkeyGeboren um zu toeten von JD Barker
J.D. Barker – The Fourth Monkey

Immer dasselbe Muster: erst das Ohr des Opfers, dann die Zunge, dann die Leiche. Und immer soll ein naher Verwandter damit betraft werden, denn dieser hat etwas Böses getan. Seit Jahren jagt Sam Porter den sogenannten Four Monkey Killer, der Chicago in Angst und Schrecken versetzt. Doch nun scheint das Schicksal auf Seiten der Ermittler zu sein, denn beim Ausliefern des Ohres eines vermissten Mädchens wird der Bote überfahren; bei sich hat er auch das Tagebuch des Killers. Doch schnell müssen Porter und sein Team feststellen, dass der Tote nicht der gesuchte Serientäter sein kann. Sie ahnen jedoch nicht, dass dieser ein perfides Spiel für seine Jäger vorbereitet hat, sie sind zu sehr mit dem Fall beschäftigt, um diese Option in Betracht zu ziehen und bringen sich damit selbst in höchste Gefahr.

J.D. Barkers Thriller „The Fourth Monkey“ lässt keine Wünsche offen, die man an einen spannenden und nervenzehrenden Fall stellen könnte: Eine komplexe Story, deren Einzelteile sich erst langsam zusammenfügen und schließlich einen clever konstruierten Plot ergeben. Ein zunehmend hohes Tempo der Handlung. Teilweise grenzwertig brutale Szenen, die jedoch sehr deutlich schildern, wie weit der menschliche Abgrund reicht und wozu Psychopaten fähig sind. Dies lässt einem nur umso mehr Sorge um das bedauernswerte Opfer haben. Dazu ein vielschichtiger Ermittler, der mit seinem Privatleben zu kämpfen hat und dadurch weitere Facetten jenseits der Ermittlungsarbeit erhält.

Bereits sein erster Roman wurde begeistert aufgenommen und für den Bram Stoker Award nominiert. Der Thriller um den Four Monkey Killer ist J.D. Barkers zweiter Wurf, der den Leser sofort packt und der geschickt sie Spannung so platziert – zahlreiche Cliffhanger nicht nur zwischen den Kapiteln, sondern auch am Ende des Buchs, was geradezu nach einer Fortsetzung schreit – dass man den Roman schlichtweg nicht weglegen kann. Dass die Filmrechte bereits verkauft sind, wundert dabei auch nur wenig.

 

Ein Dank geht an das Bloggerportal für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zu Titel und Autor finden sich auf der Verlagsseite von Random House.

Gideon Samson – Der Himmel kann noch warten

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Gideon Samson – Der Himmel kann noch warten

Viel passiert nicht rund um Belle, wie auch, immerhin liegt sie im Krankenhaus und wird dort auch noch einige Wochen bleiben müssen. Aber auch in einem abgeschiedenen Ort kann man das, was sich tut, festhalten und vielleicht sogar berühmt werden, so wie Anne Frank. Deshalb schreibt sie ihre Gedanken und Erinnerungen auf. Vor allem Erinnerungen aus der Zeit als ihre Eltern noch zusammen waren, es aber schon Anzeichen dafür gab, dass es nicht mehr gut läuft. Besuch erhält sie vor allem von ihrer Mutter, die es immer noch nicht geschafft hat, das Rauchen aufzugeben und auf keinen Fall Belles Vater begegnen will. Der kommt auch regelmäßig vorbei, ein Ausbruch aus seinem neuen Leben. Als Jan zu Belle ins Zimmer gelegt wird, wird sie mit der Frage konfrontiert, was nach dem Leben auf der Erde kommt. Jan ist trotz seines jungen Alters überzeugt, dass es einen Himmel gibt – und dass er nicht mehr lange warten muss, bis er dort auch sein wird.

Obwohl die Krankheit Belles zentral in ihrem Leben ist, wird diese im Buch gar nicht thematisiert. Immer wieder geht es ihr schlecht, sie muss sich übergeben, was sie aber genau hat, bleibt ungesagt, man weiß nur, dass es eine Operation gab und es Belle eigentlich von Tag zu Tag bessergehen sollte. Sie geht tatsächlich mit ihrer Situation besser um, als die Erwachsenen, die sie besuchen kommen. Ihre Mutter ist völlig überfordert, ihre Lebenssituation gibt ihr auch wenig Halt und außer der Tochter hat sie offenbar kaum jemanden, der sie stützen kann. Der Vater scheint im Umgang mit dem langsam zum Teenager heranreifenden Mädchen insgesamt nicht entspannt umgehen zu können. Den Großeltern fällt dies noch am leichtesten, sie akzeptieren das Schicksal und was es mit sich bringt., Leben und Tod gehören nun einmal zusammen, aber man muss ja nicht gleich das Schlimmste erwarten.

Bellas Freundschaften hingegen werden durch ihre Abwesenheit fragil, ihre Freundinnen entfremden sich, die Freundschaft wird infrage gestellt. In einem Alter, in dem physische Nähe zum Erhalt der Verbindung essentiell ist, kann eine wochen- oder gar monatelange Trennung Risse und einen Bruch verursachen. Belle hat noch viel vor, die hat noch nie geliebt, noch nie geküsst, aber sie weiß auch, dass sie das möglicherweise nie erleben wird, auch wenn ihre Familie versucht Optimismus auszustrahlen.

Ein kurzes und intensives Buch, dass für mich sehr glaubwürdig die Stimme einer 12-Jährigen einfängt, mit all ihren Sorgen, Wünschen und Träumen. Immer vor dem Hintergrund, dass das junge Leben womöglich schon bald ausgelöscht wird.

Paolo Cognetti – Acht Berge

Acht Berge von Paolo Cognetti
Paolo Cognetti – Acht Berge

Die Begeisterung seiner Eltern für die Berge bekommt Pietro schon als Junge mit. Als sie sich endlich entschließen, eine eigene Hütte zu kaufen, ist klar, dass er die kommenden Sommer dort verbringen wird. Schnell freundet er sich mit Bruno an, der schon als Kind seine Eltern beim Hüten der Kühe unterstützen muss. Gemeinsam erkunden Bruno und Pietro die Wälder, Wiesen und Berge – eine Leidenschaft, die sie ihr Leben lang teilen werden und die ihr wichtigstes Verbindungsglied sein wird. Als junge Männer trennen sich zwar ihre Lebenswege, nicht jedoch die Freundschaft. Als Erwachsene teilen sie neben der Liebe zu den Bergen auch das Leid, das beide auf unterschiedliche Weise erfahren. Obwohl sie verschiedener kaum sein könnten, ist das Band, das sie als Jungen geknüpft haben, fest und reißt nie.

Man kann in Paolo Cognettis Roman in jeder Zeile seine Leidenschaft für die Walliser Alpen spüren. Ich habe selten einen Roman mit derart intensiven Landschaftsbeschreibungen gelesen, die jedoch niemals langweilen, sondern im Gegenteil durch ihre Poesie und Strahlkraft problemlos die Begeisterung des Autors vermitteln und den Leser buchstäblich miterleben lassen.

Im Zentrum der Handlung stehen Pietro und Bruno. Es ist kein ganz typischer Roman über das Erwachsenwerden. Zwar hat man ganz charakteristische Phasen – die Auseinandersetzung mit den Eltern, ihren Werten und den gewählten Lebenswegen; die beruflichen Überlegungen und Entscheidungen; die erste Liebe und die große Liebe – aber letztlich ist es die Freundschaft, die all dies überdauert und die beiden Jungen und später Männer immer wieder zueinander führt. Gemeinsame Erlebnisse können verbinden und um für einander da zu sein und sich zu unterstützen bedarf es keiner dauernden Präsenz.

Auch wenn der Roman auf der Handlungsebene viele interessante und beachtenswerte Aspekte bietet, sind es letztlich die Landschaftsbeschreibungen, die Erlebnisse in der Natur und die Gewalt selbiger, die bisweilen keine Gnade kennt, die hervorstechen und in Erinnerung bleiben. Manch ein Leser man diese überfliegen, lässt man sich auf sie ein, nimmt das Lesen einen anderen Rhythmus ein, wird langsamer und intensiver.

Martin Krist – Böses Kind

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Martin Krist – Böses Kind

Eine Art Ritualmord an einem Hund. Kriminalkommissar Henry Frei schüttelt den Kopf über den neuen Kollegen, sie sind die Mordkommission, aber nur bei Mord an Menschen, nicht an Tieren. Als am darauffolgenden Tag an derselben Stelle ein junger Mann böse zugerichtet gefunden wird, sind Frei und sein Team aber zuständig und dass es kein Zufall war, sondern einen Zusammenhang gibt, ist ebenfalls recht schnell klar. Doch etwas Anderes ergibt sich auch zwingend aus den ersten Erkenntnissen: wenn ihre Annahmen stimmen, schwebt ein junges Mädchen in Lebensgefahr: Jacqueline wird seit zwei Tagen vermisst und war scheinbar die Freundin des Ermordeten. Ihre Mutter ist völlig durch den Wind, der Vater auf Geschäftsreise und die Presse bereits aufgescheucht. Ein entführtes Mädchen? Gab es so etwas nicht schon einmal?

Seit Jahren bereits ist Martin Krist eine feste Größe in der deutschen Thriller Landschaft. Mit seinen Romanen z.B. um Kommissar Kalbrenner konnte er viele Leser für sich gewinnen. Mit Henry Frei hat er nun einen neuen Protagonisten geschaffen, dem offenbar noch weitere Fälle folgen werden.

Der Ermittler hat ein recht eigenes Profil. Seine Familie ist – eher untypisch für den durchschnittlichen Kommissar – noch intakt und mit geradezu idealtypischer Konstellation: Vater, Mutter, Tochter, Sohn. Allerdings kommt eine eher außergewöhnliche Facette ins Spiel: Freis 8-jähriger Sohn ist Autist und auch bei dem Ermittler sind eindeutig autistische Züge erkennbar. Sein Ordnungsdrang oder der Zwang, immer wieder den Anzug glattzustreichen sind nur zwei Facetten, die recht deutlich in diese Richtung weisen. Daneben wirkt seine Kollegin fast etwas blass, auch wenn sie als frischgebackener Mutter sicherlich auch einiges an Potenzial hat.

Der Fall lebt von der Doppeldeutigkeit der immer wieder eingeschobenen Intermezzi um eine Frau, die in einem Verlies gefangen gehalten wird. Recht schnell entwickelt man eine Vorstellung davon, um wen es sich handeln muss und man erwartet, dass die Befreiung der Höhepunkt der Handlung sein wird. Doch man muss seine Erklärungen anpassen und schnelle Schlüsse erweisen sich bisweilen als Trugschlüsse. Hier bietet Martin Krist wirklich gute Unterhaltung, da er nicht nach Schema F die Erwartungen erfüllt. Viele Spuren weisen in unterschiedliche Richtungen und erlauben dem Leser eine ganze Reihe von Spekulationen. Die Figuren erscheinen dabei glaubwürdig und authentisch, wenn auch nicht unbedingt sympathisch – aber das müssen sie nicht sein. Viel eher hat es eine eigene Note, wenn man sie nicht ganz so sehr mag und doch ihr Schicksal einem berührt.

Alles in allem ein überzeugender Thriller, der sich rasant liest und die Spannung so geschickt dosiert, dass man ihn nur ungern weglegen mag.

Agatha Christie – Hercule Poirot in Murder on the Orient Express

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Agatha Christie – Hercule Poirot in Murder on the Orient Express

Nachdem er gerade erst in Istanbul angekommen ist, wird Hercule Poirot durch ein Telegramm nach London zurückverlangt. Am schnellsten ist der Simplon-Orient-Express, doch unerwarteter Weise ist dieser ausgebucht. Als ein Passagier nicht erscheint, kann er gerade noch den letzten Platz bekommen. An Bord wird er bald schon von Samuel Ratchett angesprochen, der ihn gerne als Privatbeschützer anstellen würde, da er fürchtet, dass sein Leben bedroht ist. Da ihm der Mann unsympathisch ist, lehnt Poirot ab. Ein plötzlicher Schneesturm zwingt den Zug in Jugoslawien mitten in der Nacht zum Halten. Am nächsten Morgen erfahren die Passagiere, dass Ratchett tot ist. Der Mörder kann wegen des ungeplanten Zwischenstopp den Zug nicht verlassen haben. Wohl oder übel muss Poirot die Ermittlungen übernehmen.

Ohne Frage hat mich die aktuelle Verfilmung dazu animiert, den Klassiker von Agatha Christie auszupacken und mir eine etwas ältere britische Hörspielversion zu gönnen. In der Hauptrolle Albert John Moffatt, der für die BBC in insgesamt 25 Radio-Produktionen den belgischen Detektiv mimte und interessanterweise auch in der 1974er Verfilmung des Orient Express mitspielte, wenn hier auch nicht in der Hauptrolle.

Das Setting ist recht typisch für die Krimis von Agatha Christie, ein abgeschotteter Ort, an dem eine größere Anzahl von Verdächtigen auf engstem Raum gefangen sind und unter denen sich auch der Mörder befindet. Zwischen den Passagieren des Zuges scheint es keine näheren Verbindungen zu geben, zu unterschiedlich sind sie: Count und Countess Andrenyi, eine deutsche Zugehfrau, schwedische Missionarin, ein ehemaliger Colonel, der Sekretär des Getöteten, eine britische Gouvernante und weitere offenbaren keine naheliegenden Lösungen für den Mordfall. Systematisch befragt Poirot die Reisenden und nähert sich so zielsicher dem Täter. Erwartungsgemäß auch das Ende: alle werden im Speisewagen versammelt und der belgischer Meisterermittler löst Motiv und Mordvorgang auf. Allerdings kann uns die große Agatha Christie dieses Mal mit einem ungewöhnlichen Ende überraschen.

Für mich einer der besten Plots von Agatha Christies Hercule Poirot Reihe. Ein besonderer Charme macht auch der Zug aus, den ich mir von einiger Zeit einmal live anschauen konnte und der heute noch genauso aussieht wie vor gut 80 Jahren als der Krimi entstand.

Stephan Orth – Couchsurfing in Russland

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Stephan Orth – Couchsurfing in Russland

Stephan Orth macht sich auf, das östlichste Land Europas per Couchsurfing zu erkunden. Ziel ist nicht das klassische Touristen-Programm Moskau-Sankt Petersburg-Goldener Ring, sondern es sind die normalen Bürger des Landes, bei denen er wohnt und die ihm einen Einblick in ihren Alltag geben. Westliche Großstädte, südliche Provinzen und der ferne Osten – die Wege sind weit und beschwerlich, aber dafür wird er mit interessanten und skurrilen Einblicken belohnt. Wie wohnt es sich auf der annektierten Krim? Was sucht eine Hippie Gemeinde mit eigenem Jesus in der sibirischen Einöde? Kann man sich in Grosny überhaupt sicher fühlen? Fragen über Fragen nimmt er mit auf seine Reise und er findet Antworten, auf diese und auch auf noch ganz andere Fragen.

Das Russlandbild in Deutschland ist geprägt von zwei Dingen: ersten, der großen Weltpolitik, sprich Putin und all das, was man in hiesigen Breitengraden nicht gut findet, und zweitens irgendwelchen negativen Erfahrungen, die mit russischen Einwanderern gemacht wurden. Wenn man einmal selbst in dem Land war, ändert sich der Blick sehr schnell und Stephan Orth schafft es ebenfalls, eine ganz andere Perspektive auf das heutige Russland zu werfen und einiges zurechtzurücken.

Viele der Episoden leben vom lockeren Plauderton des Autors. Die gemachten Erfahrungen sind sicherlich auf seine Persönlichkeit zurückzuführen: weltoffen, wagemutig bis riskant, auf der Suche nach dem Ungewöhnlichen. So gelingt es ihm auch ganz besondere Menschen zu entdecken, die etwas zu erzählen haben und über die zu lesen nicht nur interessant, sondern auch sehr unterhaltsam ist.

Natürlich lässt sich Politik nicht völlig ausblenden, immer wieder wird sie auch mit den Menschen thematisiert, was halten sie von Putin, wie wird der „einfache Bürger“ dort aber auch hier durch die Medien manipuliert, wie ist das Verhältnis von Russland zu Europa? Die Gastgeber haben unterschiedliche Antworten, manche Ansichten überraschen, andere erlauben einen ganz anderen Blick auf ein vermeintlich klares Thema wie die Krim-Annexion.

Was bleibt hängen am Ende des Buches? Russland ist groß. Viele Teilrepubliken mit ganz unterschiedlichen Bewohnern, die sich kaum ernsthaft unter einem Oberbegriff zusammenfassen lassen. Eine beschwerliche Art der Fortbewegung – auch wenn die Berichte über die Autotouren wirklich köstlich sind. Die russische Seele zu ergründen ist kein einfaches Unterfangen, sie ticken einfach anders als wir.

Øistein Borge – Kreuzschnitt

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Øistein Borge – Kreuzschnitt

Der Mord an einem schwerreichen norwegischen Unternehmer bringt den Osloer Kommissar Bogart Bull an die Côte d’Azur. Der alte Axel Krogh wurde jedoch nicht nur einfach ermordet, sondern seine Leiche auch noch mit einem Kreuz geschändet. Ein einfacher Raubüberfall war es offenkundig nicht, denn aus der Villa wurde nur ein kleines, scheinbar unbedeutendes Gemälde gestohlen. Bull und sein französischer Kollege Moulin tappen im Dunkeln, spätestens als wenige Tage später die Tochter des Millionärs ebenfalls ermordet wird, steigt der Druck auf die beiden Ermittler durch die Behörden und die Öffentlichkeit ins Unermessliche. Es gibt keine Spuren, aber die Kreuze auf den Rücken der Toten lassen Bull ahnen, dass mehr als Geldgier hinter den Morden steckt.

Øistein Borge ist die neue Entdeckung am skandinavischen Krimiautorenhimmel. Sein Debüt, das bereits im vergangenen Jahr in Norwegen begeistert aufgenommen wurde, lässt noch einiges von dem Regisseur und Texter erwarten. Er kann hier mit einer cleveren Geschichte, die viele unerwartete Wendungen nimmt und am Ende sauber gelöst wird, überzeugen. Auch sein Protagonist Bogart Bull hat einiges an Potenzial für noch folgende Romane.

Was dem Roman gänzlich fehlt, ist das nordische Flair, was aber im Wesentlichen durch den Handlungsort in Südfrankreich bedingt ist. Erfreulicherweise werden wir nicht mit ausgiebigen Diners gelangweilt und die Landschaftsbeschreibungen sind ebenfalls kein seitenfüllendes Accessoire der Handlung. Hier schon einmal ein großer Pluspunkt gegenüber der überbordenden Masse an Frankreich-Krimis der letzten Jahre. Kommissar Zufall hat nur eine winzige Rolle bei der Lösung des Falls, wenn leider auch entscheidend für die Aufklärung, aber irgendwoher müssen die Impulse ja kommen und es hat hier zumindest die Glaubwürdigkeit des Plots nicht nachhaltig geschädigt. Einziger Makel waren für mich die langen Erzählungen in der Kriegszeit. Zwar waren sie für die Motivation des Mörders essentiell, aber leider für meinen Geschmack etwas zu ausführlich und nur begrenzt spannend und interessant.

Alles in allem jedoch ein überzeugender Krimi, den man in einem Zug durchliest und der die Erwartungen weitgehend erfüllen kann.

Daniel Silva – Die Attentäterin

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Daniel Silva – Die Attentäterin

Eigentlich wollte Gabriel Allon ja seine Freizeit nach dem vorgeblichen Tod hauptsächlich mit seiner Frau und den beiden kleinen Zwillingen verbringen und dann bei gegebener Zeit die Leitung des Dienstes übernehmen. Ein verheerendes Attentat in Paris, bei dem auch zahlreiche jüdische Opfer zu beklagen waren, zwingt ihn jedoch wieder aktiv in die Spionagearbeit zurückzukehren. Der IS ist unter seinem neuen Führer Saladin offenbar nicht nur erstarkt, sondern auch so potent geworden, dass es ihnen leicht gelingt in Europa Mitstreiter zu finden, die die westliche Welt angreifen und damit auch Israel unmittelbar bedrohen. Sie müssen jemanden in das Netzwerk einschleusen und den IS direkt von innen heraus angreifen. Mit der Ärztin Natalie Mizrahi haben sie auch eine geeignete Kandidatin – diese weiß nur noch nichts von der Aufgabe, für die man sie vorgesehen hat und muss erst noch davon überzeugt werden, diesen lebensgefährlichen Schritt zu gehen.

Band 16 in Daniel Silvas Reihe um den israelischen Superagenten Gabriel Allon erfüllt die Erwartungen völlig. Das Thema wurde zum Erschrecken des Autors von der Realität überholt, sein bereits aufgebautes Szenario dieses Romans hat ihn schier fassungslos gemacht, als in Paris im November 2015 einer der bisher verheerendsten Angriffe aus den Reihen des IS auf europäischem Boden stattfand. Derart realitätsnah und aktuell wollte Silva offenbar gar nicht sein. Es hat dem Roman jedoch in keiner Weise geschadet, das Attentat ist etwas anders gelagert, aber man hat nach den Entwicklungen der vergangenen zwei Jahre kaum mehr Schwierigkeiten, dieses nachzuvollziehen.

Überhaupt liegt hierin für mich die größte Stärke in „Die Attentäterin“ – die Aktualität ist eine Seite, aber die glaubwürdige und authentische Darstellung vor allem der IS Schergen konnte mich packen. Ich kann nicht beurteilen, ob dies wirklich genau so stattfinden könnte, aber die Beschreibungen Syriens und des Irak im Kriegszustand sind für mich plausibel, ebenso wie die Charakterzeichnungen und die Motive. Insbesondere die Absurdität, die sich in der enttäuschten Französin, die sich aus schlichtem Frust und ohne religiöse oder politische Überzeugung dem IS angeschlossen hat, wird sehr anschaulich geschildert.

Die Handlung ist passend variabel im Tempo, wird zum Höhepunkt hin immer rasanter und schließt letztlich mit einem echten Showdown, der in so einem Roman einen stimmigen Abschluss schafft. Von Silvas eigentlichem Protagonisten Allon sieht man dieses Mal recht wenig, ist aber mit der Geschichte stimmig.

Das Thema Geheimdienste wird gerne in Krimis und Thrillern aufgegriffen. Daniel Silva hat für mein Empfinden seinen eigenen Stil gefunden und mit Gabriel Allon einen Langzeit-tragfähigen Charakter geschaffen. Da meine Lektüre von John Le Carrés aktuellem Roman „Das Vermächtnis der Spione“ noch recht frisch ist, drängt sich der Vergleich auf, auch wenn ich die beiden Autoren grundverschieden sind. In Sachen Unterhaltung liegt dieses Mal Silva aber ganz klar vorne.