Reni Eddo-Lodge – Warum ich nicht länger mit Weißen über Hautfarbe spreche

reni-eddo-lodge-warum
Reni Eddo-Lodge – Warum ich nicht länger mit Weißen über Hautfarbe spreche

Europa zu Jahresbeginn 2019: die Briten versuchen krampfhaft am Brexit festzuhalten und sich gegenüber dem Rest der Welt abzuschotten. In Frankreich toben Gelbwesten gegen die herrschende Elite. In weiten Teilen des Rests des Kontinents erfreuen sich Parteien mit rechten, ausländerfeindlichen und rückwärtsgewandten Parolen großer Zustimmung. Liberale, multikulturelle Ideen der 1990er und des ersten Jahrzehnts des neuen Jahrtausends haben ausgedient. Die fragile weltpolitische und prekäre ökonomische Lage vieler befördern scheinbar alte Ressentiments und Rassismus. Aber war der Rassismus jemals wirklich überwunden?

Die britische Journalistin Reni Eddo-Lodge bezieht eine deutliche Position in ihrer Streitschrift. Nicht nur war der Rassismus nie überwunden, im Gegenteil, das sogenannte White Priviledge ist immanenter, struktureller Bestanteil der britischen Gesellschaft. Nach einem historischen Abriss und der Definition dessen, was sie unter White Priviledge versteht, widmet sie sich auch der Feminismusfrage und der sozialen Klasse unter diesem Gesichtspunkt. Ihr Fazit ist ernüchternd. Und bisweilen schwierig auszuhalten.

Differenziert legt sie ihre These dar, nachvollziehbar erläutert sie, wie sie und andere persons of colour im Alltag Rassismus und Benachteiligung erleben, auf welchen Grundlagen diese basieren und wieso manchmal gut gemeinte Absichten doch unterschwellig rassistisch sind. Es ist für beide Seiten ein schmaler Grat, weder will sie allen Weißen Rassismus unterstellen, noch negiert sie die Nachteile, die auch Weiße Frauen oder Arbeiter erleben. Aber sie unterstreicht doch, wie leicht Menschen mit weißer Hautfarbe über ihr Privileg hinwegsehen, es als gegeben hinnehmen, dass die Helden in Film und Literatur selbstverständlich weiß sind, dass ihnen die Vorstellungskraft fehlt, um das nachzuvollziehen, was BME (black and minority ethnic) erleben und dass die Rassenfrage oft auf die USA begrenzt ist und die europäische Dimension ausgeblendet wird.

Es ist nicht leicht, sich beim Lesen des Buchs nicht angegriffen und ungerecht behandelt zu fühlen. Man möchte der Autorin an vielen Stellen laut widersprechen, Einhalt gebieten und ihre Thesen verwerfen. Viele der Beispiele sind jedoch auch wiederum so eindeutig, dass man reflexartig zu Scham neigt und sich fragt, wie es so weit kommen konnte. Aber letztlich ist das Paradoxon des Titels und des Inhalts ein ganz wesentlicher Punkt: wir müssen darüber reden.

John Lanchester – Die Mauer

john-lancester-die-mauer
John Lanchester – Die Mauer

Zwei Jahre Dienst hat er vor sich, zwei Mal 365 Tage Ödnis und Verzicht, die Joseph Kavanagh wie alle anderen auch hinter sich bringen muss. Es geht nicht anders, sie müssen die Mauer beschützen, dafür sorgen, dass die Anderen nicht hereinkommen und ihr Land überrennen. Das ist der Preis des großen Wandels. Der Anfang ist hart, doch bald schon gewöhnt er sich an den Dienst und die damit verbundenen verlässlichen Routinen. Ein steter Wechsel von Wachen und Ruhen, nur durch Übungseinheiten unterbrochen, die ihre Aufmerksamkeit stärken und ihre Kampfkraft für den Ernstfall erhalten sollen. Der Ernstfall, auf den man immer gefasst sein muss, der aber nie eintreten soll. Doch dann ist es plötzlich so weit.

Die Kurzbeschreibung zu John Lancasters Roman war vielversprechend. Sie erweckte für mich den Anschein als wenn der Autor die aktuellen Ereignisse um die vermeintlich unkontrollierte Zuwanderung oder auch das Abschotten der Briten gegenüber Migranten, aber auch gegenüber der EU, als Anlass für eine Dystopie genommen hätte. Leider bleibt das Buch jedoch hinter jeder politisch und auch gesellschaftlich relevanten Frage zurück, sondern beschränkt sich weitgehend auf die Figurenebene und die unmittelbaren Auswirkungen des sogenannten Wandels auf diese. Das große Ganze können sie nicht überblicken, weshalb auch der Roman für mich hinter seinen Möglichkeiten bleibt.

Ohne Frage gelingt es Lancaster, die Empfindungen vor allem Joseph Kavanaghs überzeugend darzustellen. Die Figur wirkt glaubwürdig und authentisch, auch wenn ihre Vergangenheit weitgehend ausgeblendet und Kavanagh auf die unmittelbare Gegenwart beschränkt wird. Das Leben in der neuen Zweckgemeinschaft, das Überleben nach dem Überfall – all dies wirkt in sich stimmig und nachvollziehbar. Dies kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass Kavanagh und seine Weggefährten letztlich kleine Figuren in dem Spiel sind, die unbedeutend, gar verzichtbar sind und weder einen Einfluss auf die Geschehnisse nehmen, noch erkennen, was um sie herum geschieht. So austauschbar sie in dem neuen System sind, so irrelevant bleibt letztlich der Roman, der aufgrund der Reduktion auf diese beschränkte Perspektive keine großen Fragen aufwirft, keine neuen Szenarien entwirft und vor allem keine Wege für die Zukunft aufweist.

Thomas Pierce – Die Leben danach

Thomas-Pierce-die_leben-Danach
Thomas Pierce – Die Leben danach

Das Leben von Jim Byrd läuft einen regelmäßigen und gemächlichen Gang, bis eines Tages sein Herz stehen bleibt. Er wird wiederbelebt, bekommt eine zweite Chance. Auch wenn er dank moderner Medizin wieder völlig auf der Höhe ist, beschäftigt Jim das Ereignis doch nachhaltig. Dank seines Handys kann er jetzt aber seinen Herzschlag überwachen und sehen, dass er noch am Leben ist. Das Wissen darum, wie schnell das Leben vorbei sein kann, bestimmt sein Denken zunehmend. Als er mit einem seltsamen Fall in einem Restaurant konfrontiert wird, wo es scheinbar spukt und ein Geist sein Unwesen treibt, wird er immer tiefer in die Welt zwischen dem Diesseits und dem Jenseits gezogen.

Selten ist es mir so schwer gefallen wie bei Thomas Pierce Buch zu einem finalen Urteil zu kommen. Die Geschichte ist toll erzählt, ich mochte sowohl den Schreibstil des Autors wie auch den Aufbau des Buchs, aber er driftet dann doch zu weit ins Übersinnliche und wenig Glaubwürdige als dass ich so richtig viel mit der Geschichte hätte anfangen können.

Was dem Autor auf jeden Fall gelungen ist, ist der Protagonist Jim mit seinen Sorgen nach dem Herzstillstand. Die Obsession, mit der er seinem eigenen Herzschlag zuhört, die immerwährende Angst, dass das Organ ein zweites Mal einfach aufhört zu schlagen und seinem Leben ein Ende bereitet, ist leicht nachzuvollziehen und wird durch sein Handeln und seine Gedanken überzeugend transportiert. Ebenso Annies Wunsch, mit ihrem vermissten und vermutlich toten Ehemann noch einmal in Kontakt zu treten, ist leicht vorzustellen.

Das inflationäre Auftauchen von Hologrammen, die echte Menschen ersetzen, hingegen, war mir dann doch ein wenig zu abgedreht. Auch die nicht erklärbaren Phänomene im Restaurant – Einbildung einiger hochsensibler Menschen? Ich mag Geister ja in der Literatur, aber in der Realität habe ich weitaus weniger Glaube an sie und der Roman kommt insgesamt eher realitätsnah daher.

Summa summarum: vieles, was mir gut gefallen hat, aber auch so manches Stirnrunzeln. Urteil: unentschieden.

Hörbuchspannung im Kurzformat: David Baldacci – Der Komplize / Andreas Schmidt – Dein Leben gehört mir / Romy Fölck – Stumme Geliebte

baldacci-schmidt-fölck.png
David Baldacci – Der Komplize / Andreas Schmidt – Dein Leben gehört mir / Romy Fölck – Stumme Geliebte

Manchmal muss ein Hörbuch einfach kurz und in einem Durchgang zu hören sein, um zu passen. Drei Mal Spannung im Kurzformat: Baldacci mit 132 Minuten, Schmidt mit 166 Minuten und Fölck mit 170 Minuten.

David Baldacci – Der Komplize

Will Robie bereitet sich auf seinen nächsten Fall vor als er zufällig zur Geisel bei einem Banküberfall wird. Unter den Opfern ist auch Oliver Stone, ein undurchsichtiger Mann, in dem Robie einen Gleichgesinnten erkennt: ebenfalls Auftragskiller oder steht er auf der anderen Seite des Gesetzes? Viel wichtiger ist jedoch zunächst die Frage, was es in genau dieser kleinen Bankfiliale so Wichtiges gibt, dass das Gangsterteam sie mit großem Gerät und offenbar gut vorbereitet überfällt.

Überzeugender Plot, der so manche Überraschung zu bieten hat und den längen Krimis von Baldacci in nichts nachsteht. Besonders passend ist hier, dass man den Eindruck hat, dass sich die Handlung in Echtzeit abspielt und man jede Sekunde miterlebt. Mit dem Fokus auf die Krimihandlung kommt die Figurenzeichnung etwas zu kurz, was jedoch dem zielgerichteten Hörgenuss keinen wirklichen Abbruch tut.

Andreas Schmidt – Dein Leben gehört mir

Maren liegt schon im Bett als sie ein seltsames Geräusch hochschrecken lässt. Sie bittet ihren Mann Paul auf dem Dachboden nachzusehen, doch dieser kehrt unverrichteter Dinge wieder nach unten. Aber etwas stimmt nicht mit Paul, auch am folgenden Morgen verhält er sich seltsam bevor er zur Arbeit geht. Maren hat nicht lange Zeit, sich darüber Gedanken zu machen, denn als es an der Tür klingelt und sie öffnet, wird sie gekidnappt bevor sie irgendetwas sagen kann. Während sie gefesselt in einem Verlies wieder zu sich kommt, sieht Paul sein Leben in sich zusammenfallen, irgendwer stalkt ihn online und will ihn zerstören. Dass er nicht das einzige Opfer dieser Attacke ist, ahnt er da noch nicht.

Andreas Schmidt fackelt in „Dein Leben gehört mir“ ebenfalls nicht lange und die Handlung schreitet zügig voran. Ihm gelingt es auf der emotionalen und der Spannungsebene nennenswert besser, den Nervenkitzel umzusetzen und es fällt nicht schwer, die Verzweiflung der Figuren nachzuempfinden. Dafür jedoch war die Auflösung für mich nicht ganz überzeugend und die Tatsache, dass Paul so intensiv in die Polizeiarbeit eingebunden und auch in die geheimsten Orte im Revier vorgelassen wurde, erschien mir dann doch etwas unglaubwürdig.

Romy Fölck – Stumme Geliebte

In Lars Kaufmanns Leben läuft es zur Zeit einfach nicht. Seine Spielschulden kann er nicht bezahlen und die Handlanger seines Buchmachers haben bereits deutlichgemacht, dass ihnen nicht sehr viel an seiner Gesundheit liegt. Auch in der Kanzlei seines Vaters hat er Ärger: obwohl er der natürliche Nachfolger ist, scheint es seinem Konkurrenten zu gelingen, ihn zu verdrängen. Ein einfacher Auftrag unter der Hand scheint seine Probleme lösen zu können: für den Reeder Albert Callsen soll er eine Frau finden, die dieser seit 60 Jahren nicht mehr gesehen hat. Doch kaum hat Kaufmann die Nachforschungen aufgenommen, wird dies von einem unsichtbaren Gegner sabotiert und er muss Angst um sein Leben haben.

In knapp drei Stunden ist schon etwas mehr Zeit, um Handlung und Figuren auszuführen und so wird die Geschichte auch deutlich komplexer als bei den anderen beiden Büchern. Großes Plus für die Verknüpfung unterschiedlicher Handlungsstränge, die neben der Spannung auch Abwechslung brachten und die Charaktere mit ihrem Profil deutlich mehr schärften.

Øistein Borge – Hinterhalt

oistein-borge-hinterhalt
Øistein Borge – Hinterhalt

Vier Jahre ist es her, dass Bogart Bull zuletzt bei seinem Großvater in Nordirland war, doch diesen Sommer ist es so weit, denn dem alten Mann geht es nicht gut und zudem will Bogart mit seinem Vater und Großvater der verstorbenen Mutter und Großmutter gedenken. Doch kaum ist Bull in Belfast angekommen, wird er zu einem Fall mit zwei ermordeten Norwegern hinzugezogen. Als Europol-Kommissar für auswärtige Angelegenheiten hat er keine große Wahl und muss statt zu urlauben mit den lokalen Ermittlern zusammenarbeiten. Der Fall ist mysteriös, denn neben dem älteren norwegischen Ehepaar wurde auch noch eine dritte Leiche in unmittelbarer Nähe gefunden und diese Leichen weist deutliche Parallelen zu alten Fällen auf: zwei leere Augenhöhlen und darin eine Lilie. Das unverkennbare Zeichen der IRA. Hat die kriminelle Organisation sich neuformiert und den bewaffneten Kampf wieder aufgenommen?

Fall zwei für den skandinavischen Kommissar mit dem außergewöhnlichen Namen. „Kreuzschnitt“ hatte mich bereits begeistert, weshalb die Erwartungen an diesen Band der Reihe ebenfalls hoch waren. Wieder eine spannende und vor allem politisch-komplexe und interessante Geschichte, die jedoch aufgrund der nicht ganz überzeugenden persönlichen Verwicklungen Bulls nicht ganz an den Serienauftakt heranreicht.

Mit Belfast als Handlungsort ist die Nordirlandfrage quasi zwingend als Aspekt gesetzt und dies wird auch überzeugend und glaubwürdig von Øistein Borge umgesetzt.

» (…) Er stirbt niemals.«

»Was stirbt niemals?«

»Der Hass«, seufzte McKenna. »Der Frieden ist in erster Linie dem Umstand geschuldet, dass beide Seiten in diesem Konflikt müde geworden waren. Es gibt alte IRA-Kämpfer, die meinen, dass Sinn Féin – also der politische Flügel der IRA mit Gerry Adams an der Spitze – den Traum verraten hat, für den Tausende von irischen Katholiken ihr Leben gegeben haben: den Bruch mit England und eine Wiedervereinigung mit der Republik im Süden.

 

Dieser Hass ist es, der Generationen überdauert und auch Jahrzehnte später noch Grundlage für Morde und Vergeltung ist. Borge greift die 2016er Brexit-Abstimmung als Ausgangspunkt auf. Was damals wie auch heute noch gleichermaßen ungewiss ist, ist der Status des geteilten Irland und die Grenze, die dank der EU-Zugehörigkeit quasi der Vergangenheit angehörte und nun mit dem Ausscheiden aus dem Bündnis wieder hochaktuell wurde. Ohne zu sehr ins Detail zu gehen wird der Konflikt am Beispiel der persönlichen Betroffenheit der Figuren deutlich und verständlich.

Bulls Familiengeschichte wird hier weitergesponnen und vor allem nun die zurückliegenden Ereignisse etwas mehr ins Licht gerückt. Es bleiben jedoch noch einige Fragen, die hoffentlich in den Folgebänden etwas klarer werden. Insgesamt ein anspruchsvoller Krimi, der überzeugt.

Dominic Selwood – Das Feuer der Apokalypse

dominic-selwood-das-feuer-der-apokalypse
Dominic Selwood – Das Feuer der Apokalypse

Eigentlich will Ava Curzon, nachdem sie der Geheimdienstarbeit den Rücken gekehrt hat, in Ruhe ihrer archäologischen Arbeit nachgehen. Als man sie jedoch um Mitarbeit in einem komplexen Fall bittet, wird ihr Jagdinstinkt geweckt. Ein russischer Oligarch scheint auf der Suche nach einer mysteriösen Ikone zu sein und eine Prophezeiung von Rasputin wirft mehr Fragen auf als sie Antworten gibt. Haben sie es mit religiösen Fanatikern zu tun oder sind die Männer auf der Spur einer Jahrtausende alten Offenbarung?  Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt, der Ava mehr als einmal ins Fadenkreuz ihrer mächtigen Gegner bringt.

Dominic Selwoods Roman bietet all das, was man von einem Verschwörungs- und Geheimdienstthriller erster Güte erwarten kann: unerschrockene Ermittler, sich gegenseitig misstrauende und bekämpfende Dienste, Verschwörungen biblischen Ausmaßes, Geheimbünde und Orden, sowie alte Weissagungen und Mysterien, die nur darauf warten endlich entschlüsselt zu werden. Das alles wird in hohem Tempo erzählt und kulmuniert in einem furiosen Finale.

Natürlich ist die riesige Verschwörung nicht ganz glaubwürdig und auch die Anzahl der Schutzengel, die die Protagonistin Ava benötigt, und das Tempo, mit dem sie sich von einem ins nächste Land bewegt und sofort auf die nächste Spur stößt, kratzen bisweilen an der Grenze der Glaubwürdigkeit. Aber dies sollte nicht der Maßstab sein, denn es ist nun einmal ein Buch, das unterhalten will und das gelingt dem Autor ohne Frage. Ava trägt die Handlung und begleitet den Leser durch ihre Schatzsuche. Besonders gut gefallen hat mir die ausgewogene Mischung zwischen biblisch-historischen Exkursen, die die aktuellen Geschehnisse einordnen und ihnen Plausibilität verleihen, und dem rasanten Tempo der Verfolgungsjagd bzw. dem Wettlauf zwischen Ava und dem Oligarchen. Nie kommt ein Moment des Durchatmens und Sacken-Lassens, immer weiter peitsch Selwood die Handlung voran und liefert ein Puzzleteilchen nach dem nächsten.

Mir war der Autor bis dato nicht bekannt, der Roman hat mich aber neugierig gemacht, dass ich den zweiten Teil einer Reihe gelesen habe, war mir gar nicht aufgefallen, denn er hat auch so wunderbar funktioniert. Thematisch und vom Genre kann sich Selwood direkt neben Dan Brown und Steve Berry einordnen und mit „Das Feuer der Apokalypse“ steht er den ganz großen Erfolgen der beiden Megaseller in gar nichts nach.

Emelie Schepp – Nebelkind

9783734100697_cover
Emelie Schepp – Nebelkind

»Keren«. Sie las weiter. »Griech. Myth. Bei den alten Griechen galten die Keren als Todesdämonen oder genauer als Dämonen der gewaltsamen Todesarten.

 

Staatsanwältin Jana Berzelius hat wieder Alpträume, schon seit ihrer Kindheit begleiten sie diese, doch sie kann sie nicht deuten. Ihr neuester Fall scheint sie noch viel stärker heraufzubeschwören – kann sie vielleicht der Ursache endlich auf die Schliche kommen und die Erinnerungslücken ihrer Kindheit schließen? Ein hoher Mitarbeiter des Amts für Migration wurde in seinem Haus erschossen, auf den Überwachungskameras sieht man nur ein Kind, das aber unmöglich der Täter sein kann. Nur kurz darauf wird auch der Junge erschossen aufgefunden und zwei Dinge stellen die Ermittler vor Rätsel: wieso vermisst niemand den 9-Jährigen und weshalb hat er das Wort „Thanatos“ in seinen Hals eingeritzt? Jana hat vielleicht eine Erklärung, die sie jedoch unmöglich teilen kann: sie selbst trägt ebenfalls den Namen einer Todesgottheit unter ihren Haaren und hält dies seit Jahrzehnten versteckt.

„Nebelkind“ ist der Auftakt der Serie um die schwedische Staatsanwältin mit ungewöhnlicher Kindheit. Der Fall verwickelt die Juristin unmittelbar in ihre eigene Geschichte und beantwortet ihr zahlreiche Fragen. Die eingeschobenen Träume sind zunächst nicht einzuordnen, im Laufe der Handlung wird das Bild jedoch zunehmend klarer und gemeinsam mit der Protagonistin lüftet man den Schleier um ihre Herkunft.

Insgesamt ein solider Thriller, der einen komplexen Fall behandelt, der zahlreiche Nebenschauplätze mit sich bringt und auch so manche tote Spur legt und damit die Spannung stetig aufrecht hält. Überzeugend hat die Autorin jedoch die Spuren gelegt und löst das komplizierte Gebilde sauber auf. Weniger als der Kriminalfall lebt der Roman jedoch von den Figuren. Jana Berzelius ist ganz sicher eine sehr außergewöhnliche Figur, die mit den inneren Rissen und ihren zwei Seiten leben muss: einerseits die korrekte Staatsanwältin, die für Recht und Ordnung sorgt, andererseits der Mensch, der nie Liebe erfahren hat und seinen Emotionen folgt, um persönliche Gerechtigkeit zu erzwingen. Auch die anderen Ermittler wurden mit individuellen Stärken und Schwächen ausgestattet, die sie menschlich und auch facettenreich erscheinen lassen.

Benedict Wells – Spinner

benedict-wells-spinner
Benedict Wells – Spinner

Jesper Lier ist Anfang 20 und hatte eigentlich vor nach seinem Umzug von München nach Berlin so richtig das Leben zu beginnen und als Autor zu arbeiten. Die Realität sieht jedoch anders aus: er lebt in einem Kellerloch, schreibt für eine Lokalzeitung, um sich finanziell über Wasser zu halten, die Uni hat er nur zur Immatrikulation betreten und langsam wird ihm auch bewusst, dass sein Mammutwerk von Roman, an dem er zwei Jahre lang gearbeitet hat, vermutlich nichts taugt. Der Rest seines kümmerlichen Lebens ist so beklagenswert, dass die Depression die logische Folge ist. Auch seine Freunde dringen kaum mehr zu ihm durch. Seiner Mutter hat er versprochen für den anstehenden Umzug zurückzukehren und zu helfen, aber der geplante Familienbesuch drückt ebenfalls aufs Gemüt – wofür lebt er eigentlich noch?

Benedict Wells zweiter Roman, der bereits 2009 erschien, im Herbst 2016 jedoch in einer überarbeiteten Fassung nochmals aufgelegt wurde, hat deutliche autobiografische Züge. Genau wie sein Protagonist verließ Wells nach Ende der Schulzeit die bayerische für die Bundeshauptstadt, um dort die Schriftstellerkarriere zu starten. Mit Nebenjobs als Redakteur schlug er sich durch, bis ihm mit „Becks letzter Sommer“ der Durchbruch als Autor gelang. „Spinner“ hat er in sehr jungen Jahren verfasst, was man dem Roman deutlich anmerkt, alles in der Geschichte dreht sich in einem sehr begrenzten Radius um den Protagonisten, der Blick über den Tellerrand und das Wahrnehmen der Welt um ihn herum gelingt ihm noch nicht.

Der Roman klingt ein wenig nach einem verspäteten Vertreter der Popliteratur. Die junge Hauptfigur auf der Suche nach dem Sinn des Lebens, das hauptsächlich von Alkohol, Zigaretten und Drogen bestimmt wird und immer wieder Referenzen zu den Größen des Literatur- und Musikbetriebs aufweist. Allerdings bleibt Wells völlig frei von Gesellschaftskritik und Jesper ist weitgehend unpolitisch, ja noch nicht einmal offen politisch desinteressiert, weshalb er dann doch hinter den bekannten Vertretern des Genres zurückbleibt. Auch die psychologische Tiefe des Charakters bleibt überschaubar, er ist nicht der intellektuelle Denker, der innerlich zerrissen ist und so tiefgründige Sinnsuche betreiben würde. Im Gegenteil: Jesper Lier ist in weiten Teilen wohlstandsverwöhnt und badet in Selbstmitleid. Auch wenn er durchaus harte Schicksalsschläge erlebt hat, eigentlich ist er in einer sehr komfortablen Lebenssituation und findet nur Gefallen an dem dandyhaften Auftritt eines Emos, der nicht erwachsen geworden ist.

Trotz der Kritik hat mir der Roman gefallen und ich würde ihn ohne Frage als lesenswert bezeichnen wollen. Auch wenn ihm die Tiefe fehlt und er nicht ganz so berühren kann wie mit „Vom Ende der Einsamkeit“, gelingt es Wells doch eine überzeugende Figur zu schaffen, die in sich stimmig ist und deren Seelenleben er glaubwürdig einfängt. Jesper Lier wirkt authentisch und meiner Einschätzung nach durchaus ein symbolischer Vertreter für seine Generation. Sprachlich lässt der Autor an einigen Stellen sein Können aufblitzen, das sich in seinen späteren Büchern dann richtig entfaltet.

Ein herzlicher Dank geht an den Diogenes Verlag für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zu Titel und Autor finden sich auf der Verlagsseite.

Milena Michiko Flašar – Herr Katō spielt Familie

milena michiko flašar herr kato spielt familie
Milena Michiko Flašar – Herr Katō spielt Familie

„Er gibt sich den Anschein, ein Ziel zu haben. Mit großen Schritten geht er los, als ob dort, wohin er geht, jemand warten würde und es von höchster Dringlichkeit wäre, rechtzeitig hinzugelangen. Müßig spazieren zu gehen, einfach so, um des Gehens willen, hat er probiert – kann er nicht.“

Frisch im lange ersehnten Ruhestand wird er nicht mehr gebraucht, hat kein Ziel mehr, keine Eile mehr. Schmerzlich wird ihm auch bewusst, dass ihn nichts mehr mit seiner Frau verbindet, schon lange schlafen sie in getrennten Zimmern und Interesse am Alltag des anderen können sie auch kaum mehr aufbringen. Eine zufällige Begegnung auf dem Friedhof jedoch ändert die Leere der Tage: Mie, Chefin einer Agentur, die Schauspieler vermittelt, die im privaten Bereich Lücken füllen, wird auf ihn aufmerksam und verhilft ihm zu seinem ersten Job: er soll Herrn Katō spielen und seine vermeintliche Tochter und ihren Sohn besuchen. Er soll Familie spielen und die Personen ersetzen, die, warum auch immer, nicht da sind. Ein ganz neuer Blick auf Familie, vor allem auch seine eigene, eröffnet sich ihm.

Immer wieder ist mir im letzten Jahr Milena Michiko Flašars kurzer Roman begegnet. Die österreichische Autorin mit japanischer Mutter, die für ihren Debüt Roman „Ich nannte ihn Krawatte“ mehrfach ausgezeichnet wurde, schafft hier einen sehr typisch fernöstlichen Roman, der jedoch im Kern ein Thema hat, das auch hierzulande wichtig ist und nachdenklich macht. Was kommt nach der Arbeit, wenn man nicht mehr gebraucht wird; wie verändern sich unsere Beziehungen unbemerkt und was bleibt von einem Paar, wenn über Jahre Arbeit, Hausbau und Kinder die Zweierbeziehung immer mehr in den Hintergrund schieben?

Die Idee einer Agentur, die mietbare Familienmitglieder anbietet, klingt zunächst abstrus. Auch der Protagonist hat seine Zweifel, die sich jedoch schon mit dem ersten Auftrag und der Begegnung mit dem kleinen Jordan verflüchtigen. Er merkt, dass er nicht nur eine Lücke füllt, sondern tatsächlich ein emotionales Loch stopfen kann. Dies macht nicht nur etwas mit den Menschen, die er besucht, sondern auch mit ihm. Vor allem die Hochzeit, bei der alle Gäste gemietet sind, stimmt ihn nachdenklich. Kein Familienmitglied wollte die Feierlichkeit der todkranken Frau unterstützen.  Als unerwartet seine hochschwangere Tochter vor der Tür steht, ist das für Herrn Katō die Chance, auch in seinen realen Beziehungen etwas zu ändern. Doch so schnell kann er nicht aus seiner Haut, er würde gerne, aber noch ist er nicht so weit.

Ein leiser Roman, dessen Erzählstimme hervorragend mit dem Protagonisten harmoniert, der so gerne etwas sagen würde, aus sicher herausgehen würde. Aber der Schatten, über den er springen müsste, ist zu groß. ER traut sich nicht einmal, eine Grußkarte mit seinem Namen zu dem Blumenstrauß zu geben, den er seiner Frau zukommen lässt. Die Diskretion und Angepasstheit des Herrn Katō lässt ihn Schweigen, in sich zurückziehen und das Leben beobachten statt es zu leben. Erst in seinen Rollen kommt er aus seinen Haut heraus, die er liebend gerne abstreifen würde. Mit Schreckend erkennt man sich oftmals selbst und muss sich die Frage stellen: verharren im Ist oder mutig weitergehen?

Michael Molsner – Die verbrannte Quelle

michael-molsner-die-verbrannte-quelle
Michael Molsner – Die verbrannte Quelle

Auf den deutschen Außenminister wird kurz nach der Wende ein Anschlag verübt, der erstaunliche Ähnlichkeiten zum Entführungsfall von Hanns Martin Schleyer hat. Doch das Ziel war tatsächlich nicht der Minister, sondern Paul Purr, Handelsattachée in Tel Aviv, der bei ihm im Auto saß. Aus Sicherheitsgründen darf dieser nun eine Reise nach Israel mit dem Abgeordneten Dr. Schwenkert nicht antreten, dieser wird daher von dem Regisseur und Journalisten Jan Ziel begleitet, dessen Vater als einer der obersten Chefs im BKA den Fall um Purr untersucht. Dank Ziels Beobachtungen und zwei weiteren Anschlägen auf Attachées, die mit Purr an einem Treffen zur Vorbereitung von Waffenlieferungen nach Saudi-Arabien teilgenommen hatten, ergibt sich bald eine konkrete Spur, in die die lokalen Geheimdienste unmittelbar verwickelt sind.

Michael Molsners Polit-Thriller klingt nach einer spannenden Lektüre, die auch trotz der fast 30 Jahre seit der Erstveröffentlichung noch brisant und aktuell erscheint. Die Konflikte im Nahen Osten haben sich verschoben, die Bündnisse sind andere, aber nach wie vor ist die Lage fragil. Doch der Roman ist ein herrliches Beispiel für ein grandios auf ganzer Linie gescheitertes Buch, bei dem der einzige Reiz darin besteht, wie bei einem schlimmen Unfall nicht hinschauen zu wollen, aber durch eine unbestimmte Macht doch fasziniert von dem Grauen zu sein und den Blick nicht abwenden zu können.

Zunächst gibt es einige Mysterien, die sich für mich nie gelöst haben: wieso haben Vater und Sohn unterschiedliche Namen? Das war zur damaligen Zeit eher ungewöhnlich. Bei dem jungen Journalisten wird stets betont, dass er im polnischen Krakau aufgewachsen sei und daher Leid und Armut kennt. Und wie kann sein Vater da unmittelbar nach der Wende als oberster Personenschützer im BKA arbeiten? Die Zentrale des BKA wurde auch kurzerhand von Wiesbaden nach Bonn verlegt und die Mitarbeiter dort ermitteln ganz entspannt auch mal im Ausland. Ziels Vater bekommt auch direkt einen Termin in der Knesset beim israelischen Außenminister und plaudert entspannt mit diesem – warum auch nicht, in dieser Position hat der Israeli für einen deutschen Beamten, der eigentlich auch nichts weiter von ihm will, natürlich immer Zeit. Dazu passt auch, dass sie dann bei Eilat ins Tote Meer steigen wollen. Israel ist ja nicht groß, dass wird allerdings sportlich.

Wahrscheinlich soll das dem Leser aber gar nicht auffallen, denn der Autor hat einen Ton, der einem schnell vermittelt, dass er einem für völlig bescheuert und noch dazu ungebildet hält. Quasi jeder Handlungsfortschitt wird mit einer belehrenden Erläuterung versehen: in Israel sprechen zwei Frauen eine fremde Sprache: das ist Ivrit, Neuhebräisch. Im Radio laufen im Dezember keine Weihnachtslieder: Die Israelis sind Juden oder Moslems und feiern deshalb die Geburt Jesu nicht. Bei einer Hausdurchsuchung erklären die Polizisten: „Wir suchen Abhörgeräte, sogenannte Wanzen“. Seite um Seite fragt man sich: meint er das ernst oder will er nur die Sendung mit der Maus kopieren?

Ein besonderes Highlight auch die Frauenfiguren. Hier treten zwei besonders in den Vordergrund, zum einen eine Ermittlerin des BKA, zum anderen eine ehemalige deutsche Nonne, die mit einem saudischen Prinzen verheiratete ist und vor diesem mit Hilfe des Attachées flieht. Die BKA Frau tritt zum ersten Mal bei einem Verhör auf, wo sie nur geifert und rumschreit und keine einzige sinnvolle Frage zustande bringt. Als sie den Raum verlässt, können die Herren endlich ordentlich die Arbeit machen. Beim Feldeinsatz in Israel ist sie es dann auch, die mit dem Dietrich die Tür nicht aufbekommt und etwas belämmert den Einsatz verpasst:

»Also, ich weiß nicht, wie ihr das immer mit euern Dietrichen macht. Meiner hat überhaupt nicht gegriffen!«

Viel unglaubwürdiger kann jemand in dieser Position kaum sein, es sei denn man wollte bewusst erkennen lassen, dass Frauen grundsätzlich hierfür nicht geeignet sind. Dass die endlich erlöste Ehefrau sich weiterhin in Palästina aufhält und wild mit allen ermittelt und sich in keiner Weise vor dem ach so brutalen Ehemann und seiner Kavallerie schützt, erscheint auch nur wenig plausibel.

Bei der Begegnung Jan Ziels mit einer Gruppe von Nonnen fällt dann auch ein sprachliches Highlight, bei dem sich der Mageninhalt sehr drängend in die falsche Richtung bewegt:

„Gleich zu Beginn verliebte er sich in die Regionaloberin, Schwester Candida. Es entzückte ihn, daß sie so hübsch war!“

Der Klappentext war ansprechend. Viel mehr Positives findet sich leider nicht. Allerdings bot es viel Gesprächsstoff, da ich beim Lesen meinem Mann immer wieder vom neuesten Knaller berichtete, wobei er die entscheidende Frage wiederholt aufgeworfen hat: warum liest du das überhaupt?