Éric Faye – Zimmer frei in Nagasaki

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Éric Faye – Zimmer frei in Nagasaki

Erst stutzt er nur. Dann wundert er sich. Dann wird er aufmerksam. Etwas ist falsch in seiner Wohnung, als wenn in seiner Abwesenheit jemand heimlich eingedrungen wäre. Es sind nur kleine Anzeichen, aber zunehmend beschleicht Shimura Kobo doch ein ungutes Gefühl. Ok, er schließt nie ab, es wäre ein leichtes bei ihm einzudringen, aber das macht doch niemand, vor allem nicht, ohne etwas zu entwenden. Er notiert seine Beobachtungen und bringt schließlich eine Überwachungskamera an, um vom Büro aus seine Küche zu observieren. Da, plötzlich, eine Gestalt. Tatsächlich. Er informiert die Polizei und staunt nicht schlecht über das, was sie ihm berichten: schon fast ein Jahr war die Frau sein heimlicher Untermieter.

Éric Fayes Roman basiert auf einer realen Geschichte, die sich 2008 in Japan zugetragen hat. Zunächst kennt man als Leser nur die Perspektive des Meteorologen Kobo, der eigenbrötlerisch und etwas seltsam ist. Mit festen Routinen gestaltet er seinen Tag und weicht nie davon ab. Man kann sich gut vorstellen, dass er sich seltsame Vorgänge nur einbildet, doch bald schon wird offenbar, dass dem nicht so ist.

Die Geschichte beginnt schon fast am Ende des Zusammenlebens und es ist gar nichts so sehr selbiges, das thematisiert wird. Interessant ist zum einen, was mit dem Protagonisten passiert, nachdem er den Eindringling entdeckt hat: er fühlt sich nicht mehr wohl zu Hause. Die Wohnung ist geradezu leer, es fehlt ihm etwas, von dem er zuvor gar nicht wusste, dass es da war. Und so entwickelt er regelrecht Gewissensbisse und macht sich Vorwürfe:

„Wenn ein Mensch in diesem Augenblick hinter Gittern war, dann wegen dieses Auges Anm. der Kamera]! Als ich verstand, dass ich meinen Fehler auf ein Ding abschieben wollte, wurde ich wütend auf mich und schimpfte laut.“

Immer mehr spitzt sich seine Situation zu, denn in dem Kokon, in dem er es sich emotional so schön eingerichtet hatte und der ihm ermöglichte, die Augen vor der Realität als einsamer Single ohne Freunde zu verschließen, sind Risse entstanden und er stellt irgendwann seine komplette Existenz in Frage:

„Nein, vergessen. Ich wollte nicht diese arme Frau vergessen, die mir nichts bedeutete, sondern meine ganze Existenz, deren Armseligkeit und Dürre sich mit einem Mal offenbarte. Da spross seit langem kein Ehrgeiz mehr, Erwartungen auch keine mehr. Verwünschen sollte ich diese Frau. Ihretwegen hatte sich der Nebel über meinem Leben verflüchtigt.”

Doch auch die Frau kommt zu Wort, im Gefängnis lässt sie den Leser daran teilhaben, wie sie in die unsägliche Situation kam, ihre Wohnung zu verlieren und schließlich bei Kobo einzuziehen. Geschickt hat sie beobachtet und ihr Leben um seins organisiert. So entsteht ein unsichtbares Band, das auch sie spürt, auch wenn es sicher keine Liebe war, die sie für ihn empfand. Doch es gab noch mehr Gründe für sie, genau diese Wohnung wieder zu besuchen und ihr Schreck ist groß, als sie wieder in Freiheit den Ort der Tat erneut aufsucht.

Ein Roman der leisen Töne, der zwei recht isolierte Figuren zusammenführt, ohne die reale Nähe als solche zu erleben. Die kurze Zeitungsmeldung wurde so mit sehr viel Leben gefüllt.

Zülfü Livaneli – Schwarze Liebe, Schwarzes Meer

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Zülfü Livaneli – Schwarze Liebe, Schwarzes Meer

In Podima, einem kleinen Dorf an der türkischen Schwarzmeerküste, kommt es zu einem bestialischen Mord nach einer privaten Feier: die hübsche Arzu Kahrman wird in ihrem eigenen Haus brutal zugerichtet. Der Ehemann kann schnell als Täter ausgeschlossen werden, die Aufregung im Dorf ist groß und der Fall zieht sogar die Presse aus Istanbul an. So kommt eine junge Journalistin auch zu Ahmet Arslan, einem ehemaligen Bauingenieur, der sich an der Küste zur Ruhe gesetzt hat. Er war mit Arzu befreundet und könnte sicherlich etwas über das Opfer berichten. Allerdings verläuft die Begegnung nicht so wie von der Redakteurin gedacht. Mehr und mehr zieht der ältere Herr sie mit seinen Geschichten in den Bann und aus dem kurzen Interview wird plötzlich ein mehrtägiger Aufenthalt. Wird sich in den Erzählungen auch der Schlüssel zur Aufklärung des Mordes finden?

Zülfü Livaneli spielt mit seinen Lesern und das macht er meisterlich. Das Buch beginnt mit einem interessanten Mord und dem Versuch, diesen aufzuklären. Schon in der ersten Begegnung der beiden Protagonisten wird dem aufmerksamen Leser klar, dass er sich in Acht nehmen muss vor dem Ich-Erzähler Ahmet Arslan, der sich zu gerne seiner Bücher bedient und aus einzelnen Fakten eine Geschichte strickt, die die Wahrheit sein könnte – oder aber auch etwas ganz Anderes. So wie er der Journalistin eine Geschichte nach der anderen auftischt, führt er auch uns an der Nase herum. Völlig im Einklang mit allen Details wird uns ein Leben präsentiert, das in sich stimmig und glaubwürdig erscheint. Doch der Schein trügt, das gemeine Spiel mit dem Leser hat längst begonnen, ohne dass dieser sich dessen bewusst gewesen wäre.

Auf der Handlungsebene kann der Roman allerdings auch überzeugen. Es werden zwar weder der ältere Herr noch die junge Frau über die Begegnungen hinaus charakterisiert; von ihr erfährt man ohnehin kaum etwas, selbst ihr Name wird uns erst auf einer der letzten Seiten genannt, denn sie dient nur als Anlass zum Geschichtenerzählen, als Zuhörerin einer phantastischen Erzählung, die noch ganz zu Unrecht vom Protagonisten selbst mit den Märchen aus Tausend und einer Nacht verglichen werden.  Von dem anfänglich im Zentrum stehenden Mord entfernt sich das Geschehen jedoch zunehmen, es rückt eine zweite Geschichte in den Fokus, eine Liebe über die Kulturen hinweg, die trotz der Sprachbarrieren entstehen kann und letztlich für ein furchtbares Unglück verantwortlich ist. Ein langsamer Wandel, der völlig fließend verläuft, ohne dass einem bewusst ist, dass man sich gerade mehr und mehr von der ursprünglichen Handlung fortbewegt.

Besonders interessant fand ich die Ausführungen des Erzählers Ahmet Arslan zur Rolle der Literatur und wie sich in dieser nicht nur Parallelen, sondern Hilfen für das reale Leben finden lassen. Letztlich ist alles eine Geschichte, wir schreiben unser Leben selbst und bestimmen, welchen Weg die Handlung nehmen soll. Wie exzellent es ihm gelingt, diesen Ansatz in seinem Roman umzusetzen, erkennt man jedoch erst in dem Moment, indem die Geschichte fertig erzählt ist.

Ein herzlicher Dank geht an das Blogger Portal für die Überlassung eines Rezensionsexemplars. Mehr Informationen zum Titel finden sich auf der Internetseite der Verlagsgruppe Random House.

Jane Gardam – Letzte Freunde

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Jane Gardam – Letzte Freunde

Der abschließende Teil von Jane Gardams Trilogie beschließt die Geschichte um Edward Feathers, genannt „Old Filth“ – Failed in London, Try in Hong-Kong, und Terry Veneering, einst hervorragende Anwälte im Königreich, dann im fernen Honkong zu erbitternden Gegnern geworden, gehen sie sich Jahre lang aus dem Weg, bis sie sich in ihren letzten Tagen im heimatlichen England wieder begegnen. Nach dem Tod beider erfahren wir nun von einem jugendlichen Weggefährten Veneerings, Fiscal-Smith, dessen Familiengeschichte, die wenig von dem Glanz hat, wie sie Edwards Herkunft zu bieten hatte. Als Spross eines verunglückten russischen Zirkusartisten muss er früh lernen sich zu behaupten und hart für das arbeiten, was er erreichen will.

Zwar ist Jane Gardams Erzählstil recht unverkennbar und mit Felix von Manteuffel ist ein ausgesprochen guter Erzähler am Werk, dennoch bleibt der dritte Band weiter hinter den ersten beiden zurück und kann mich nicht recht packen. Vielleicht ist es der Schwerpunkt weg von Edward und Betty, die die ersten beiden beherrscht hatten und im Zentrum standen, und die Tatsache, dass nun eine gänzlich andere Geschichte erzählt wird, was mich nicht zu recht glücklich mit ihr werden lässt. Es fehlt mir das Persönliche, das Verletzliche, das mich bei den Vorgängern überzeugen konnte. Auch die raffinierte Deutungsvielfalt fehlt, die durch die Spiegelung in den beiden Bänden entstanden ist, die erst zusammen ein ganzes Bild ergeben. Die dritte Perspektive kann hier kaum etwas hinzufügen und bleibt somit außen vor.

Ada Dorian – Betrunkene Bäume

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Ada Dorian – Betrunkene Bäume

Nicht einmal volljährig läuft Katharina von zu Hause weg, als ihr Vater sich entschließt, einen Auftrag in Sibirien anzunehmen. Ihr Dealer vermittelt ihr eine Bleibe in einem weitgehend unbewohnten Haus. Nur nebenan lebt noch ein älterer Herr, Erich, genaugenommen Professor Erich Warendorf, ein Experte für betrunkene Bäume, wie man sie im Permafrost, im ewig Eis Sibiriens finden kann. Aber nicht nur Bäume hat er dort gefunden, sondern auch seine Frau Dascha, die er unheimlich vermisst, vor allem jetzt, wo er älter wird und ihm seine Tochter Irina zunehmend seine Freiheiten beschneidet. Eine ungewöhnliche Freundschaft entsteht, Katharina hilft dem älteren Mann sich ein wenig Unabhängigkeit zu erhalten und seine Forschung fortzusetzen; er erzählt ihr von Sibirien, wohin er einst zu Forschungszwecken aufbrach und wo jetzt Katharinas Vater ist.

Ein ungewöhnliches Buch, das einem jedoch sofort als Leser gewinnen kann. Man hat häufiger Bücher über Freundschaften zwischen jüngeren und älteren Figuren gelesen, Betrunkene Bäume würde ich hier nicht unbedingt einordnen, es ist keine wirkliche Freundschaft, die Katharina und Erich verbindet, eher eine Zweckgemeinschaft und der Wille, dem anderen nicht durch aufdringliche Fragen zu nahe zu kommen, sondern ihm bzw. ihr die notwendigen Freiheiten zu gewähren. So stellen sie sich nicht viele Fragen, können aber beide durch scharfe Beobachtung die Lage des anderen erschließen. Freundschaft ist nicht das zentrale Element des Romans, ich würde es eher in der Liebe verorten, der Liebe zur Natur vor allem. Erich liebt seine Bäume, er spricht mit ihnen, hegt und pflegt sie, wie man Kinder aufzieht und behütet. Durch diese Liebe zur Natur kann die Liebe zu einem Menschen, Daria, entstehen, nur so lernt er sie überhaupt kenne, aber auch nur hierdurch verliert er sie. Die Frage bleibt nicht offen, welche der beiden Lieben am Ende des Lebens mehr zählt.

Auch wenn das Buch oftmals melancholisch ist, die harte Wirklichkeit des Älterwerdens und den damit verbundenen Einschränkungen, der Verlust eines geliebten Menschen, Katharinas Verlorenheit in ihrem eigenen Leben, erdrückt einem diese Stimmung jedoch nicht. Die Wechsel zwischen den Figuren und den Zeiten, viele Jahrzehnte zuvor in Sibirien, dagegen Deutschland heute, lockern den Erzählfluss immer wieder auf. Komische Momente, insbesondere durch Erichs nachlassende Souveränität im Alltag, lassen einem manchmal sogar schmunzeln. So entsteht eine durchaus tiefgründige, wenn auch langsame und gediegen dahinfließende Geschichte.

Naira Gelaschwili – Ich bin sie

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Naira Gelaschwili – Ich bin sie

Nia ist verliebt. In den jungen Studenten von gegenüber. Sie weiß nicht, wie er heißt oder was er studiert. Aber sie liebt ihn. Zum ersten Mal in ihrem Leben erlebt sie große Gefühle. Noch Jahrzehnte später wird sie zurückdenken an die zwei Jahre ab 1959, als sie am Fenster von ihrem Zimmer aus heimlich beobachtete, morgens seinem Bus folgte und mittags von der Schule nach Hause eilte, um ihn bei der Ankunft gleich wieder zu sehen. Ihr Tagebuch zeichnet die Zeit nach, die Sehnsucht des jungen Mädchens, die erste Verliebtheit, die doch so tiefe Spuren hinterlassen hat, dass diese nie ganz verheilten.

Naira Gelaschwili lehrte lange Zeit an der Universität von Tbilissi Germanistik und war als Übersetzerin und Lektorin tätig. In deutscher Sprache ist dies der erste Roman der Georgierin, der 2013 in ihrer Heimat den renommierten Saba Preis als bester Roman des Jahres gewonnen hat. Bücher aus diesen Teilen der Erde sind bei uns eher selten anzutreffen und vieles entführt einem in eine unbekannte Welt. Die Straßennamen tragen ungewöhnliche Namen, die Familienstrukturen sind unvertraut. Doch Naira Gelaschwilis Protagonistin ist hingegen sehr greifbar. Glaubwürdig und authentisch schildert sie das Empfinden des jungen Mädchens. Die heimliche Sehnsucht nach dem Geliebten, den sie nur aus der Ferne beobachten kann und über den sie nichts weiß, der aber in ihrem Herzen ganz ihr gehört.  Universell ist das Gefühl, das sie schildert und wunderbar unschuldig zugleich. Das Mädchen bleibt in seiner Rolle und ist geradezu überwältigt von der ersten realen Begegnung. Man kann sich vorstellen, dass diese Geschichte wirklich in einem Tagebuch einer 13-Jährigen niedergeschrieben und viele Jahre später wiederentdeckt wurde.

Bemerkenswert fand ich wie das Mädchen sich von klassischer Dichtung angesprochen fühlt und Zugang zur Poesie findet, die sie später als Dozentin auch ihren Studenten vermittelt. Es setzt intensive Emotionen ähnlich der Art, wie Nia sie erlebt, voraus, um dies nachempfinden zu können und in den Worten den Zauber, den sie transportieren sollen, auch finden zu können. So entsteht eine ungewöhnliche Mischung einer unschuldigen Liebe und der Poesie, die man in dieser Form eher selten findet.

Philippe Dijan – Oh…

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Philippe Dijan – Oh…

Dezember ist der Monat, in dem die Menschen sich betrinken, verletzten, zusammenkommen, Kinder anerkennen, die nicht die ihren sind, flüchten, vor Schmerz wimmern, Sterben. – Michèles Feststellung gegen Ende des Buchs umschreibt so ziemlich die komplette Handlung des Romans. Einen Monat begleitet man als Leser die Ich-Erzählerin, die ihren Sohn ins Unglück stürzen sieht, lernen muss, ihren Exmann mit einer neuen Frau zu sehen, eine alte Affäre beendet und eine rein sexuelle Beziehung zu ihrem Nachbarn beginnt. Währenddessen sterben ihre Eltern, doch der Verlust wird ihr nicht gleich klar. Nach 30 langen Tagen ist in ihrem Leben nichts mehr so, wie es zuvor war.

Philippe Dijans Roman wurde 2012 mit dem renommierten Prix interallié ausgezeichnet. Warum ist leicht nachzuvollziehen: erzählerisch fordert der Roman den Leser heraus, die Szenen fließen ineinander über, man springt von einer Episode direkt in die nächste. Durch die Erzählperspektive dauert es einige Zeit, bis man sich zurechtfindet, die Figuren einordnen und mit einander in Verbindung bringen kann. Daneben gibt es ungeschönte, verstörende Szenen – Michèles Vergewaltigung oder ein Überfall, man weiß nicht genau, was eigentlich passiert ist, denn die Perspektive verhindert eine Beschreibung von außen, so muss man sich mit der diffusen gedanken- und Gefühlswelt der Protagonistin genügen und abwarten.

Keine einfache Protagonistin, kein einfacher Roman, den Dijan uns hier vorlegt. Mir fiel die Gedankenwelt Michèles oft schwer, sie hat einen Hang zu depressiven Stimmungen, immerzu misstrauisch, selten das Positive erkennend und mit wenig Vertrauen zu ihren Mitmenschen. Sie kann nicht als Sympathieträger fungieren, aber ganz sicher ist ihre Sicht auf die Welt nicht so singulär, dass es nicht in der Realität unzählige Menschen gäbe, denen es ebenso geht wie ihr und denen ein wenig mehr Zuneigung guttun würde.

Robert Harris – Konklave

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Robert Harris – Konklave

Der Papst ist tot – es lebe der Papst. Die Vakanz führt die Kardinäle aus allen Ecken der Welt in den Vatikan zum heiligen Konklave. Kardinal Lomeli muss das jahrhundertalte Verfahren leiten, obwohl er selbst seit Monaten von einer großen Glaubenskrise geplagt wird. Kurz vor Verschließen der Tore hastet noch ein unbekannter Kardinal herbei, Benitez, der Bischof von Bagdad, vom verschiedenen Papst in pectore ernannt und daher nicht auf den offiziellen Listen. Schnell bilden sich Koalitionen, die Italiener bevorzugen einen Kandidaten aus ihren Reihen, die Afrikaner hoffen auf einen Vertreter ihres Kontinents, ebenso wie die spanischsprachigen Hirten.  Doch bald schon zeigen sich die Abgründe der Kirche: kaum bildet sich ein Kandidat heraus, sieht dieser sich mit seinen sorgsam vertuschten Fehltritten konfrontiert. Die Kongregation steht vor einer immer schwierigeren Aufgabe, der heikle Stand der Kirche im 21. Jahrhundert spiegelt sich auch hinter den heiligen Mauern wieder, während die Gläubigen auf die erlösenden Worte „Habemus papam“ warten.

Dass Robert Harris aus geschichtlichen Stoffen einen spannenden Krimi schrieben kann, ist bekannt. Nun wagt er sich an dir Kirche und den heiligsten aller Prozesse, die Wahl des Papstes. Sein Protagonist, dessen Gedanken und Sorgen wir begleiten, trägt durch die Handlung, nicht aufgrund seiner tiefen religiösen Überzeugung, sondern wegen seiner Zweifel und bodenständigen, weltlichen Denkweise. Der Reiz des Themas besteht natürlich darin, hinter die verschlossenen Türen der Sixtinischen Kapelle zu blicken, Mäuschen zu spielen bei den Intrigen der Kirchenvertreter. Harris erfüllt hier die Erwartungen vollends: keineswegs sind sie die vorbildlichen Gläubigen, die nie zweifeln, ihr Leben für die Kirche und Gott hingeben und sich desinteressiert zeigen an weltlichen Gütern. Nein, sie horten Reichtümer an, gieren nach Macht, haben heimliche Liebschaften, gar Kinder, und auch ansonsten weisen sie alle Laster auf, denen auch der Normalsterbliche nur schwer entkommen kann.

Der Handlungs- und Spannungsbogen ist recht klar umrissen: von Beginn bis Ende des Konklaves. Der Ausgang ist wenig überraschend, dafür war er von den ersten Minuten an zu klar vorausgeplant, aber hier ist – wie auch schon in seinen anderen historischen Romanen, die der Realität angelehnt waren und deren Ausgang ohnehin bekannt war – weniger das Ergebnis als der Weg dorthin das Ziel. Immer wieder neue Ränke und Enthüllungen verzögern die Wahl, durchaus vielfältig und überzeugend vom Autor angelegt, so dass das vermeintlich langweilige Procedere von knapp 120 älteren Herren, die gemeinsam in einem Raum eingesperrt werden, um aus ihren Reihen einen Führer zu wählen, zu einer unterhaltsamen und spannenden Angelegenheit wird.

Martin Mosebach – Mogador

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Martin Mosebach – Mogador

Patrick Elff hat sich hochgearbeitet. Von unbedeutendem familiären Hintergrund schafft er es in einer Bank Karriere zu machen und das entsprechende Einkommen zu erzielen. Dazu seine Frau, selbst aus wohlhabenden Verhältnisse – wie könnte es besser kommen? Doch Unregelmäßigkeiten in der Bank und ein zweifelhaftes Geschäft mit einem marokkanischen Investor rufen die Behörden auf den Plan und so flieht Elff nach Nordafrika, zunächst auf der Suche nach dem Marokkaner, der ihm aus der misslichen Lage helfen soll. Um möglichst unbehelligt seine Recherche fortzusetzen, steigt er in einem Privathaus ab. Die Patronin Khadija führt dort ihr eigenes kleines Unternehmen: auch sie kommt auch ärmlichen Verhältnissen, dank ihrer Cleverness ist sie aber nun als Bordellbetreiberin, Geldleiherin und gar Prophetin am lokalen Leben beteiligt. Patrick ahnt nicht, woraus er sich in diesem Hause eingelassen hat.

Nur kurz verweilt der Autor im kapitalismusgeprägten Europa mit korrupten Bankern und dem unbedingten Willen nach Ruhm und Geld. Der wesentliche Teil der Handlung spielt im heutigen Essaouira, wo der vordergründige Protagonist Patrick Elff hinter der schillernden Figur der Khadija zurücktreten muss. Als Leser taucht man ab in diese fremde Welt der Märkte, des Lebens auf der Straße und wo Tauschhandel und Mundpropaganda den Takt bestimmen. Geradezu märchenhaft erleben wir das Mädchen Khadija, das sich geschickt zu verstellen weiß, um seinen Aufstieg langsam aber stetig zu verfolgen. Als geschickte Geschäftsfrau stellt sie sich heraus, die das richtige Händchen hat, um lukrative Situationen zu erkennen und ihre eigene Rolle geschickt im Hintergrund zu halten.

Martin Mosebachs hat mich durch zweierlei Dinge beeindruckt: zum einen seine Darstellung des Lebens in Marokko, das durch unterschiedlichste kleine Details Einblicke erlaubt; nicht das große Ganze steht im Vordergrund, sondern der Alltag, das Zurechtkommen mit den Gegebenheiten, insbesondere als Frau sich in der Männer-dominierten Gesellschaft einen Weg zu bahnen. Die Feste sind bunt und schillernd, das Leben oft hart und fernab der Farbenfrohe. Daneben ist natürlich die Kontrastierung der beiden Aufsteiger Khadija und Patrick das bestimmende Element. Er klassisch universitär gebildet, sie Analphabetin. Er im modernen Europa, sie im etwas rückständigen Marokko. Er als Mann mit einer dominanten Frau aus einer höheren Schicht an seiner Seite, sie mit dominanten Ehemännern, die sie jedoch überlebt und letztlich ohne Partner erst erfolgreich wird. Der Aufstieg in den beiden Systemen, die unterschiedlicher kaum sein könnten, beide im Wissen um ihr nicht ganz legales Handeln. Sind am Ende all die Unterschiede doch nicht so groß, wie man zunächst vermuten mag?

 

Sibylle Lewitscharoff – Das Pfingswunder

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Sibylle Lewitscharoff – Das Pfingswunder

Pfingsten, eines der Hochfeste der Christenheit, der Empfang des Heiligen Geistes, der alle Menschen beseelte und sie in fremden Sprachen reden lies. Zu eben jenem Fest im Jahre 2013 versammeln sich international renommierte Wissenschaftler in Rom – man bedauert fast nicht in Jerusalem zu sein – um das Hauptwerk Dantes, die Divina Commedia, zu diskutieren. Doch auch dieser nahezu heilige Ort im ehrwürdigen Saal der Malteser auf dem Aventin scheint die Gelehrten in Ekstase versetzen zu können und ein regelrechter Pfingstwunder geschieht, denn plötzlich sind alle verschwunden. Bis auf einen einzigen, der gehalten ist, der Nachwelt von den ereignisreichen Tagen zu berichten.

Sibylle Lewitscharoff hat einen wortgewaltigen Roman geschaffen, der von Frank Arnold in der Hörbuchversion ein einziger Genuss wird. Es erzählt der zurück gebliebene deutsche Forscher Gottlieb Elsheimer, der mühsam die Erlebnisse rekonstruiert und dabei auch noch seine eigenen Gedanken und Kommentare zu den Kollegen zum Besten gibt. Ein herrlicher Spaß, wie er sich über die wissenschaftlichen Meriten oder auch überschaubaren Leistungen der anderen Teilnehmer auslässt. Für interessanter jedoch die vermeintlich vorgetragenen Referate zur Göttlichen Komödie, das Sezieren der einzelnen Canti, die ihre Parallelen im Jetzt und Hier problemlos finden und sich in den Kongressteilnehmern spiegeln. Das fulminante Ende, das die biblische Erzählung zu Pfingsten mit einem Augenzwinkern aufnimmt und überträgt, bildet den krönen Abschluss einer doch recht anspruchsvollen Lektüre, die vermutlich denjenigen, die mit Dantes Werk zumindest rudimentär vertraut sind, deutlich besser gefallen dürfte als an literaturwissenschaftliche n Auslegungen weniger interessierten Lesern.

Dir Hörbuchversion des Buches ist ganz unbedingt zu empfehlen. Frank Arnold ist ein begnadeter Vorleser, der stimmungsvoll moduliert und bei diesem Buch insbesondere wichtig: er beherrscht mehrere Sprachen und kann so die Teilnehmer in ihren Muttersprachen zu Wort kommen lassen. Ich weiß nicht, wie die Druckversion gestaltet ist, es hilft auf jeden Fall, wenn man problemlos Italienisch versteht, denn sonst ist die finale Pointe schlichtweg nicht zu verstehen. Mir hat das Stimmengewirr voller verschiedener Idiome hervorragend gefallen, aber ich fürchte, dass dies nicht wenige Leser vor erhebliche Probleme stellen könnte.

Jean-Philippe Blondel – Zweiundzwanzig

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Jean-Philippe Blondel – Zweiundzwanzig

1986. Mit gerade einmal zweiundzwanzig hat der Erzähler schon den Glauben ans Leben verloren. Vier Jahre zuvor sind seine Mutter und sein Bruder bei einem Autounfall ums Leben gekommen und nun ereilt dieses Schicksal auch seinen Vater. Was kann man da noch erwarten? Eine kleine Erbschaft ermöglicht es ihm, Frankreich hinter sich zu lassen und sein einziges Ziel im Leben anzusteuern: Morro Bay in Kalifornien, besungen in einem Lied von Lloyd Cole. Seine Ex-Freundin Laure und sein bester Freund Samuel begleiten ihn auf dem Roadtrip durch den Westen der USA. Von San Francisco aus über die Wüste und Las Vegas bis nach Mexico und schließlich zum Zielort nördlich von Los Angeles. Doch was soll er an diesem Ort?

Jean-Philippe Blondel hat sich das Schicksal seines Erzählers nicht ausgedacht, es ist seine eigene Geschichte, die er erst mit über 20 Jahren Abstand zu Papier bringen kann. Es ist aber nicht nur ein Reisebericht eines ungewöhnlichen Trips, sondern auch die Verarbeitung seiner Erinnerungen an die Kindheit, an Episoden mit Mutter und Bruder und die Trauer nach deren Unfall. Erinnerungen an seinen Vater, den das Ereignis völlig gebrochen hat. Auch die Freundschaft und Liebe zu Laure und Samuel muss neu geordnet werden und findet auf dieser Reise sowohl Ende wie auch Neuanfang. Es ist keine erleuchtende Tour, die durch eine göttliche oder sonstwie geartete Eingebung plötzlich den Lebensmut zurückbringt und alles gut macht. Viel mehr bringt sie die Erkenntnis, dass Flucht ebenfalls keine Lösung ist und dass er selbst sein Leben gestalten muss.

Ein Coming-of-Age Roman, der gar kein echter Roman ist. Auch wenn ich den Bericht und die Gedanken interessant fand und es leicht ist, dem Autor Blondel zu folgen, so ist er für mich in seinen echten Romanen doch sprachlich stärker und eindrucksvoller als hier.