Jenny Erpenbeck – Kairos

Jenny Erpenbeck – Kairos

Zwei Kisten sind es, die Katharina von ihrer Zeit mit Hans geblieben sind. Hans, den sie als Neunzehnjährige zufällig an einem regnerischen Nachmittag im Bus traf und der sofort ihr Herz eroberte, obwohl er 34 Jahre älter war als sie. Jetzt ist Hans tot und Katharina erinnert sich beim Durchsehen der Kisten an die Zeit, die sie miteinander hatten. Es begann 1986 als heimliche Liebe des verheirateten Autors und der jungen Frau, deren Zukunft noch ungewiss war. Er, der erfahrene Liebhaber, hat eindeutig die Oberhand und kann die Grenzen ihrer Beziehung Bestimmung, sie folgt ihm blind. Doch Katharina wird älter, erfahrener und mit ihrer Entdeckung der Welt wird sie unabhängiger, was zur Herausforderung für beide wird. Aus der unbeschwerten Liebe wird Obsession mit Gewalt und Hass.

Jenny Erpenbeck wählt einen vielsagenden Titel für ihren aktuellen Roman. „Kairos“, die griechische mythologische Gottheit des günstigen Zeitpunkts, in der Theologie die „Gelegenheit zur Sünde“ ist bezeichnend für die Handlung. Hans trifft Katharina im richtigen Moment, er muss sie an jenem ersten Nachmittag für sich gewinnen, sonst entschwindet ihm die junge Frau wieder. Sein Vorhaben gelingt. Danach jedoch verpassen sie die Momente, Momente, die ihre Beziehung in die eine oder die andere Richtung hätten lenken können. Stattdessen halten sie fest an etwas, das destruktiv wird, sie leiden lässt und bald schon nicht mehr die verliebte Leichtigkeit des Anfangs hat.

Die ersten Kapitel sind geprägt von der jugendlichen Liebe, der große Altersunterschied lässt Hans verjüngen, leidenschaftlich genießen sie ihr heimliches Beisammensein, was einen besonderen Reiz ausmacht. Für Hans scheint es kein Problem zu sein, dass er noch eine Ehefrau hat und mit dieser ganz selbstverständlich zusammenlebt und auch Zeit verbringt. Katharina hingegen will er exklusiv für sich. Unsterblich verliebt nimmt sie dieses Arrangement hin, doch als sie Berlin für ein Praktikum verlässt und die Trennung mehr als nur wenige Tage beträgt, beginnt ihr Lösungsprozess. Sie ist sich dessen noch nicht bewusst, glaubt immer noch Hans in derselben Weise zu lieben wie zu Beginn. Doch der Liebhaber wie auch der Leser bemerkt die feinen Risse.

„Sie sind im Einverständnis miteinander, sie haben ihre ersten Geheimnisse vor der Welt, sie wissen, woran nur sie sich erinnern, wenn sie sich ansehen. Gerade deshalb muss er die Bedingungen klarstellen, bevor es dazu zu spät ist.“

Die Handlung spiegelt das Große im Kleinen. Es ist Ende der 1980er Jahre. Hans und Katharina sind in Ostberlin eingesperrt, der Himmel ist nicht unendlich, aber weit genug für sie beide. Doch wie auch das Land langsam zerfällt, wird für Katharina die Beziehung zu eng. Wie das alte Regime will Hans die Oberhand behalten, den Weg diktieren, straft, wenn ihr Verhalten nicht seinen Erwartungen entspricht. Er verfolgt und bespitzelt sie und macht ihr bitterböse Vorwürfe. Doch das Ende der Diktatur ist am Horizont bereits zu sehen.

Es ist eine toxische Beziehung in einer zerfallenden Welt. Ein historischer Moment, der sich langsam ankündigt und dann mit einem Male da und überwältigen ist, überzeugend mit pointierten Sprachbildern und einem fast nüchternen Ton eingefangen, der jedoch perfekt zum Setting passt.

Ein herzlicher Dank geht an das Bloggerportal der Penguin Random House Verlagsgruppe. Mehr Informationen zu Buch und Autorin finden sich auf der Verlagsseite.

Shumona Sinha – Das russische Testament

Shumona Sinha – Das russische testament

In der College Street von Kalkutta betreibt Tanias Vater in den 1980er Jahren eine kleine Buchhandlung. Aufgrund seiner Liebe zur Literatur besteht er für seine Tochter auf einen russischen Namen. Von der zu Liebe unfähigen Mutter vom ersten Tag an abgelehnt flieht Tania schon bald in die Welt der Bücher, während die andere Mädchen beginnen sich zu schminken, versinkt sie in den Erzählungen, bald schon haben es ihr ebenfalls die russischen Autoren angetan. Über eine Notiz zu Maxim Gorki stößt sie auf den kleinen Verlag Raduga, in dem in den 1920er Jahren außergewöhnliche Bücher erschienen waren, die auch man auch in Indien lesen konnte. Das Schicksal des Verlagsgründers Kljatschko fasziniert sie und so beginnt sie nachzuforschen und stößt schließlich auf seine Tochter, die immer noch in Sankt Peterburg lebt und zu der sie Kontakt aufnimmt.

Shumona Sinha stammt aus Kalkutta, lebt aber bereits seit zwanzig Jahren in Paris und schreibt in französischer Sprache. Ihre Romane wurden mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, da sie oft mal literarisch den Finger in die Wunde legt und erfolgreich Literatur mit Sozialkritik verbindet. „Das russische Testament“ ist ein eher persönlicher Roman über die Kraft der Literatur, auch wenn hier der Umgang autoritärer Regimes mit Verlagen und Autoren sehr deutlich thematisiert und angeprangert wird. Tanias abweisendes Elternhaus und die rückständigen Sitten bieten im heimischen Kontext den Kontrast zu der öffentlichen Diktatur. Insgesamt vielleicht nicht ganz so drastisch und ausdrucksstark wie „Staatenlos“ oder „Erschlagt die Armen!“, dennoch einmal mehr ein Roman, den man in der Masse der Neuerscheinungen nicht übersehen sollte.

Es ist vor allem der Gegensatz zwischen den beiden Erzählsträngen um einerseits die in Kalkutta in ärmlichen Verhältnissen aufwachsende Tania und andererseits den längst verstorbenen Verleger in Russland, der den Roman bestimmt. Die beiden Figuren und ihr Leben könnte vordergründig unterschiedlicher kaum sein und doch weisen sie Parallelen auf, werden verbunden, habe über die Grenzen von Zeit und Raum einen gemeinsamen Nenner.

Die gnadenlose stalinistische Diktatur, die Bücher und Poeten verbannte, findet Tania in den Kommunisten ihr indischen Gegenwart wieder, die sich auch gegen sie wenden und begrenzt in ihrer Weltsicht sind, auch wenn sie zunächst als Türöffner heraus aus den familiären und gesellschaftlichen Traditionen und dem Denken in Kasten und fixen Geschlechterrollen erschienen. Auch bei ihnen bleibt sie ein Mensch zweiter Klasse, der nicht anerkannt und wertgeschätzt wird.

Shumona Sinha schreibt an gegen die Ungerechtigkeit in der Welt, gegen Unterdrückung und verquere Weltbilder. Hier im doppelten Sinne zeigt sie hingegen die Kraft der Literatur, die einen Weg findet zu überdauern, gelesen zu werden und die auch jenseits ihres eigenen Zeitgeistes noch Gehör finden und Kraft spenden kann. Die Autorin dürfte den Titel nicht zufällig gewählt haben, zu offenkundig ist die Parallele zu Andreï Makines „Das französische Testament“, den mit dem Prix Goncourt und dem Prix Médicis ausgezeichneten Roman, dessen Figuren ebenfalls zwischen zwei Ländern und Zeiten eine Verbindung über die Sprache schaffen, die das tagtägliche Elend verblassen lässt.

Virginia Feito – Mrs March

Virginia Feito – Mrs March

Mrs March leads the classic life of a New York upper class housewife and mother. Her husband George is a successful writer whose latest novel has catapulted him to the top of the bestseller list. Mrs March was raised to this life, from her childhood on, she has learnt how to behave in society and how to present herself and her family in an adequate way. Yet, her whole life has somehow become only a scenery of a life and she has lost herself. When a young woman’s body is found, she is intrigued and soon she finds more and more evidence that her husband’s inspiration might not just come out of himself and his imagination but might actually stem from actual experience. Is she sharing her bed with a murderer?

Virginia Feito’s debut novel “Mrs March” is an intense psychological study of a woman who has lost connection to reality and is gradually plummeting into an abyss. Brilliantly the author shows how a strongly self-controlled character more and more loses power over her life and in the end can hardly distinguish between what is real and what is only imagined.

It is quite clever how the protagonist is presented to the reader, she is only ever referred to as “Mrs March” thus defined by her status as a married woman and without a first name. She is not given anything that she brings into the marriage from her childhood. From her flashbacks you learn that her parents treated her rather coolly and that she has always felt like not doing anything right, not being the daughter they had hoped for, not fulfilling the expectations, until, finally, they can hand her over to her husband. The only persons she could bond with was her – rather malicious – imagined friend Kiki and a household help, yet, she couldn’t cope with positive feelings since this concept was totally alien to her.

Behind the facade of the impeccable woman is a troubled mind. First, it is just the assumption that people talk behind her back, compare her to her husband’s latest novel’s protagonist – not very flattering since this is a prostitute who is paid out of pity instead of for good service rendered – then she sees cockroaches and finds more and more signs which link George with the murder of the young woman the whole country is talking about. From her point of view, it a fits together perfectly, but she does not see how she herself increasingly fractures. Most of the plot happens behind closed doors, she does not have friends or family she is close to, thus, there is nobody to help her.

As readers, we know exactly where she is headed to and then, Virginia Feito confronts us with an unexpected twist which lets you reassess what you have just read. The distinction between reality and paranoia sometimes isn’t that clear at all.

A wonderfully written, suspenseful kind of gothic novel set in New York’s upper class whose signs of class affiliation are repeatedly mocked while also showing that not all is well just because you live in a posh apartment and can wear expensive clothes.

Husch Josten – Eine redliche Lüge

Die Autorin Elise kehrt zurück in die Normandie, wo sie in dem Jahr, bevor die Pandemie alles veränderte, vier Monate auf der Domaine de Tourgéville von Margaux und Philippe Leclerc verbrachte. Nach Abschluss ihres Literaturstudiums noch ohne berufliche Ziele arbeitete sie als Haushaltshilfe für das schillernde Paar, das regelmäßig illustre Gäste auf das Anwesen einlud und rauschende Soireen gab. Von der ersten Begegnung ist Elise fasziniert von den beiden; obwohl schon Jahrzehnte verheiratet scheinen sie immer noch innig miteinander verbunden und haben nicht aufgehört tiefsinnige Gespräche zu führen. Gebildet und weltoffen diskutieren sie mit ihren Gästen – von hohen Bankchefs bis zum Gärtner findet sich das komplette Panoptikum der Gesellschaft – ebenso über Literatur wie über Politik oder ganz persönliche Dinge. Ein Sommer, der für Elise nie zu Ende gehen müsste, dann aber einen unerwartet dramatischen Ausgang nimmt.

„Ich möchte, hatte Margaux bei einem unserer Abendessen theatralisch bekundet, am letzten Tag eines Sommers sterben. Nun. Sie ist nicht tot.“

Husch Josten konnte mich mit ihren beiden letzten Romanen „Hier sind Drachen“ und „Land sehen“ bereits restlos begeistern, lange musste ich mich auf den nächste gedulden, doch es hat sich gelohnt. Nicht nur ist „Eine redliche Lüge“ der perfekte Begleiter für den ausklingenden Spätsommer, der sich ideal im Garten genießen lässt, sondern er lädt mit einer Vielzahl an Themen zum Nachdenken ein und begleitet einem so auch über die letzte Seite hinaus noch weiter. Die Erzählerin beobachtet als Außenstehende das Treiben, saugt das Leben und die Erfahrungen der extravaganten Gästeschar auf, die so anders sind als das biedere Elternhaus, in dem sie großgeworden ist und muss am Ende des Sommers doch erkennen, dass sie – trotz intensiven Beobachtens und Zuhörens – das Wesentliche übersehen hat.

Es wird viel geredet in dem Roman, detailliert werden die abendlichen Konversationen von Elise wiedergegeben. Sie empfindet es als vollkommenes Glück, bei der Schriftstellerin und dem Geschäftsmann verweilen zu dürfen, ahnt jedoch noch nicht, dass diese Unbeschwertheit ein jähes Ende finden wird.  Thematisch wandern die Gespräche von Untreue, der Rolle der Literatur, dem Klimawandel und Traumdeutung, über die sich in Europa ausbreitende Fremdenfeindlichkeit bis hin zu #metoo und Femiziden. Doch all dies verschwindet hinter Margaux und Philippe, die Elise auch nach Wochen noch nicht wirklich fassen kann:

„(…) wurde ich skeptisch. Warum das alles? Worüber redeten die Leute eigentlich? Und vor allem: Warum holten sich ausgerechnet Margaux und Philippe, zwei kluge, nicht oberflächliche Menschen, ein solches Panoptikum ins Haus?“

Die Gäste wollen gefallen, präsentieren sich, lechzen nach Anerkennung und Bewunderung, dabei geht unter, dass Margaux und Philippe diejenigen sind, die ihnen etwas vorspielen. Bis zum 25. August, dem letzten heißen Tag des Sommers. Langsam baut sich die Spannung auf, der Titel verrät schon, dass es ein Geheimnis gibt, das sich den Weg ans Licht bahnen wird. Es kommt jedoch nicht langsam, sondern mit einem Paukenschlag zum Vorschein.

So wie die Erzählerin von ihren Gastgebern in einen Bann gezogen wird, fesselt einem auch das Buch. Man will mehr von diesem Paar wissen, vor allem, was es mit dieser Lüge auf sich hat und welches unheilvolle Schicksal am Ende des Sommers wartet. Trotz der Spannung lässt es sich leicht in den Abendgesellschaften versinken, man hat geradezu das Gefühl, mit am Tisch zu sitzen und neben den geistvollen Gesprächen auch die verführerischen französischen Speisen zu genießen.

Was kann man mehr von einem Roman erwarten, als der Eindruck, ebenfalls Gast zu sein und die Figuren nicht nur aus der Ferne zu beobachten?

Norbert Gstrein – Der zweite Jakob

Norbert Gstrein – Der zweite Jakob

Kurz vor seinem sechzigsten Geburtstag soll eine Biografie des Schauspielers Jakob Thurner erscheinen. Weder hat er Lust auf die Feierlichkeiten, noch auf die Termine mit seinem Biografen. Im Zuge der Auseinandersetzung mit seiner Vergangenheit stellt ihm seine Tochter Luzie eine Frage, die die Beziehung der beiden nachhaltig erschüttern wird: was ist das Schlimmste, dass er je getan hat? Es gibt etwas, das er seit Jahrzehnten für sich behalten hat: beim Filmdreh nahe der mexikanischen Grenze bei El Paso war er in einen Unfall verwickelt, bei dem eine Frau ums Leben kam. Er und seine Begleiterin, die Hauptdarstellerin des Films und Partnerin seines besten Freundes, haben sie nach dem Aufprall in der Wüste zurückgelassen, sind einfach weggefahren, sie konnten ja auch nichts mehr für sie tun. Doch war das wirklich so?

Norbert Gstreins Roman über das Älterwerden und die Beschäftigung mit dem eigenen Dasein und dem Erreichten hat es auf die Longlist des Deutschen Buchpreises geschafft. Er erzählt die Geschichte eines alternden Mannes, der Herr bleiben will über seine eigene Biographie, die er über Jahrzehnte selbst gestaltet hat, ausblendete, was nicht so hübsch und vorzeigbar war, hervorhob, was mehr schillerte und für Glanz im biederen Österreich sorgte. Sein eigenes Gewissen hat er damit ebenso versucht zu täuschen wie das öffentliche Bild.

Die Handlung springt zwischen dem Jetzt, kurz vor dem runden Geburtstag und den Kontroversen mit dem bohrenden und hartnäckigen Biographen, sowie dem daraus resultierenden Auseinanderdriften mit der Tochter und der Erinnerungen an die Ereignisse in New Mexico hin und her. Thurner macht sich selbst zum passiven Teilhaber des fatalen Unfalls, der von ihm als Höhepunkt eines unter schlechtem Stern stehenden Filmdrehs stilisiert wird. Doch die Flucht vor der Schuld gelingt nicht, ebenso wenig wie jene vor der Herkunft, die er geflissentlich versucht zu verleugnen, die ihm jedoch erst die Schauspielerei ermöglichte. Mit einem großzügigen Erbe gesegnet kennt er keine finanziellen Sorgen, konnte immer vor Frauen und Kindern und Sonstigem zu fliehen, um ja, zu sich zu finden, eine Auszeit von seinem Leben zu nehmen, schlichtweg wegzulaufen.

Bekanntgeworden ist er mit der Darstellung des Fieslings, eine Rolle, von der er sich als Mensch natürlich distanzieren will, einzig, es gelingt nicht; seine Tochter spiegelt ihm in aller Brutalität, was er ist und leugnet zu sein. Die Geschichte seines Lebens, die er Genre geschrieben gesehen hätte, kann es nicht geben, denn sie existiert in der gewünschten Form nicht, sondern ist nur in seinem Kopf und seiner Vorstellung vorhanden.

Voller interessanter Dynamiken zwischen den Figuren entsteht ein vielschichtiges Bild des Protagonisten, der sich Stück für Stück seine Identität erschaffen will und damit scheitert. Nicht nur für sich scheitert, sondern auch in seinen Beziehungen zu anderen Menschen – den Ehefrauen, den Freunden, der Tochter – scheitert, denn er kann nicht im Beruf und im wahren Leben nur Schauspieler sein, der sich seine Rolle je nach Gusto gestaltet. Und dabei ist er nie ein Original, sondern immer nur der zweite Jakob.

Benjamin Myers – Der perfekte Kreis

Benjamin Myers – Der perfekte Kreis

Es müssen wohl Außerirdische sein, die den Süden Englands im Sommer 1989 mit wundersamen Mustern überziehen. Anders kann sich die Presse nicht erklären, was plötzlich morgens auf den Feldern erscheint. Es sind Kunstwerke, perfekt ausgearbeitete, harmonische Figuren, die selbst Wissenschaftler zum Staunen bringen. Doch die Erklärung ist viel schlichter, denn dies sind die Taten von zwei Männern, die darin ihre Aufgabe gefunden haben. Sorgfältig wählen die beiden Außenseiter Redbone und Calvert die Orte aus, an denen sie das, was in Redbones Kopf entsteht, künstlerisch umsetzen. Sie zerstören dabei nicht, sondern achten penibel darauf, weder das Korn noch die Tiere zu stören. Bei ihrer Arbeit in den Feldern fühlen sie das, was vielen Menschen bereits verloren ist: eine tiefe Verbundenheit und Demut vor der Natur und dem, was diese erschaffen hat. Sie werden ein Teil davon. Es geht ihnen nicht um Ruhm, sie bleiben im Verborgenen, namenlos, glücklich sind sie, wenn sie das Ergebnis betrachten können und erleben, was dies mit den Menschen macht, die plötzlich wieder den Blick auf die Natur richten.

„(…) sowohl Redbone als auch Calvert spüren, dass sie Teil einer langen Ahnenreihe von Männern und Frauen sind, die über Tausende Jahre hinweg in verzücktem Staunen auf just diesen Feldern gestanden haben, betört und fasziniert von der Magie des Nachthimmels, und die Kleinheit ihres Lebens und die Kostbarkeit ihres Heimatplaneten wird ihnen immer bewusster.“

Benjamin Myers gelingt es meisterlich in seinem Roman, die Motive der beiden Kornkreiskünstler greifbar zu machen und die Leidenschaft der Protagonisten auf den Leser überspringen zu lassen. Es genügen schon wenige Zeilen, um in den Bann gezogen zu werden, der die beiden Männer erfasst hat und obwohl beide nur wenig von sich preisgeben, fühl man sich doch schnell mit ihnen und ihrer Mission verbunden.

Redbone und Calvert schaffen ihren eigenen Mythos, der viel größer ist als sie, deshalb sind ihre Namen auch irrelevant, und sie arbeiten akribisch und diszipliniert und folgen ihrem ungeschriebenen Kodex, der nicht nur Sicherheit vor Entdeckung gibt, sondern auch den sorgsamen Umgang mit der Natur regelt. Verschwörungstheoretiker, Esoteriker, Wissenschaftler – sie alle analysieren und kommentieren, was sich morgens im Schein der Sonne offenbart und doch entgeht ihnen der Kern der Nachricht: die schlichte Perfektion der Natur zu erkennen, die die beiden ungleichen Freunde erreichen, weil sie auf ihr Innerstes hören und nicht über dem stehen, was die Welt um sie herum bietet.

„Alle Lebewesen haben eine ureigene Aufgabe, und das ist ihre, genau wie es Redbones und Calverts Aufgabe ist, Kornkreise zu machen und sonst nichts.“

Die Geschichte spielt nicht zufällig im Jahr 1989, die Protagonisten haben den Schatz erkannt, der ihnen geschenkt wurde und sehen, wie die Menschheit ihren Lebensraum zupflastert. Der Sommer ist heiß, erste Zeichen des Klimawandels werden ersichtlich. Handeln ist erforderlich, sie denken, dass sie noch Zeit haben, weil man erkennt, was man gerade zerstört und die Folgen abwenden oder zumindest abmildern kann. Wir wissen es heute besser, die Menschheit hat nicht nur nichts getan, sondern die Lage noch verschlimmert, so wie die beiden die Folgen der Veränderung bereits zu spüren bekommen, rennen auch wir sehenden Auges in unseren Untergang.

Der Roman, der lange Zeit die Faszination des Planeten zelebriert, streut schließlich gnadenlos Salz in die Wunde der Sorglosigkeit und Verantwortungslosigkeit, mit der der Mensch nicht wertschätzt, sondern zerstört, was ihm geschenkt wurde. Eine Einladung zum Nachdenken und Handeln.

Heinrich Steinfest – Amsterdamer Novelle

Heinrich Steinfest – Amsterdamer Novelle

Es ist ein zufälliger Schnappschuss seines Sohnes, der den Visagisten Roy Paulsen nach Amsterdam führt. Ein Radfahrer, der ihm wie aus dem Gesicht geschnitten ist, vor einem typischen Amsterdamer Gebäude. Nach kurzer Wanderung durch die Grachten-Stadt findet er das gesuchte Haus im Hintergrund und zu seiner Verblüffung ist die Haustür der Familie van Dongen offen. Was er nicht ahnt, ist, dass er Mitten in einen Mord gerät und sein Leben eine dramatische Wendung nehmen wird: entweder als Leiche ein vorzeitiges Ende oder einen anderen gänzlich unerwarteten Ausgang.

„Zudem verspürte Roy kein geringes Glück darüber, in diese Situation geraten zu sein. Denn das war das mit Abstand Aufregendste und Extremste, was er je erlebt hatte. Es war genau die Sache, die man einmal in seinem Leben durchmachen möchte, aber unter der Bedingung, sie zu überleben.“

Heinrich Steinfests „Amsterdamer Novelle“ ist ein kurzer aber herrlicher Spaß, der vor allem durch die lakonische Sprache des Erzählers begeistert. Es ist die Geschichte eines mysteriösen Fotos, das es gab oder eher: geben wird, wie die eines Buchs, das es nicht gab und das doch da ist und eine ganz entscheidende Rolle spielen wird. Zufälle oder Fügungen des Schicksals – es ist letztlich egal, denn die Geschichte trägt sich zu, wie sie sich nun einmal zuträgt und man amüsiert sich köstlich.

Kein Satz ist zu viel und doch reißt der Autor ganz essentielle Fragen an: kann man Fotos und dem, was sie zeigen, heutzutage noch trauen? Zeigen Fotos die Realität oder doch nur eine Interpretation dieser – von bewussten Manipulationen ganz zu schweigen. Wie können Zufälle plötzliche ganze Leben umleiten, ihnen eine neue Richtung geben? Und: kann ein Commissaris als literarische Figur einem klassischen Gemälde entsprungen sein?

Die Novelle füllt nicht einmal einen Abend, erfüllt aber fraglos den Zweck hervorragend zu unterhalten.

Sarah Gilmartin – Dinner Party

Sarah Gilmartin – Dinner Party

It’s the anniversary the siblings spend together like every year. Kate has neatly prepared everything in her small apartment for her oldest brother Peter and the younger one Ray with his wife Liz. 16 years were not enough to get over the loss of her twin sister Elaine whom she remembers like yesterday. The atmosphere is tense and soon after dinner the guests leave, but Ray returns with a special present which sends Kate back in the time when she and Elaine were just kids, then teenagers and the fateful day of her death. Yet, it was not just this tragic event that made the family unhappy, even long time before, none of them did real lead the life they wanted and, seemingly, neither do they in the present.

I was a bit astonished about the novel, even though the title is “Dinner Party”, Sarah Gilmartin grants this only a brief chapter in the novel, however, it is the event that triggers the memories in Kate and explains how she became the lonely, highly obsessive woman we meet at the beginning. The author added a subtitle, “A Tragedy”, which is totally adequate in terms of the suffering and the sorrowful event the protagonist has to go through. Yet, I am not sure if the reader can feel something like a catharsis while reading. For me, it was a very sad novel showing the impact parents and the family constitution can have on a child and the adult he or she becomes.

Quite naturally, the young twin sisters have a strong bond and can understand each other without words. On their farm, they are far away from other kids and exposed to their mother’s moods. She comes from one of the best families and expects her kids to excel in their ascribed fields, Kate play the piano, for Elaine it is horse-riding. The older brothers have long been a disappointment for the mother, especially Peter with his plans to emigrate to the US. Becoming teenagers does not help the situation and the tensions between mother and father, but also between the two sisters become more and more obvious.

The protagonist is naturally the most striking character. Even as kids, she and Elaine have never been really equal. Elaine was to more extrovert and outgoing twin, she dictated for both of them what to do. From fear of her mother’s frequent outbursts, Kate quickly tries to become the diligent and obedient girl who does everything right. Also as a teenager, she does not rebel but she cannot get over the feeling of being the less loved daughter, the one who does not achieve what is expected from her, the one who can never do anything right. Controlling her feelings and emotions ultimately leads to an obsessive behaviour and when she has found something that is totally controllable, she quite naturally develops an eating disorder.

Dysfunctional relationships, a lack of love and positive support – the best ingredients to hinder a girl from becoming an emotionally stable and self-confident adult. The experiences of the young Kate reflect the problems she shows as an adult. She isn’t able to have a good relationship, she is much too insecure and, on the other hand, she never could get free of her mother and her impact on her feelings. A great character development which gives you also a lot of food for thought.

Khuê Pham – Wo auch immer ihr seid

Khuê Pham – Wo auch immer ihr seid

Schon früh als kleines Mädchen hat Kiều gemerkt, dass ihre Familie anders ist als die der anderen Kinder. Nicht nur dass sie und ihre Geschwister dunkle Haare und mandelförmige Augen haben, die Gepflogenheiten, das Essen, einfach alles unterscheidet sich. Umso mehr versucht sie, wie eine Deutsche zu sein, nicht aufzufallen, sich anzupassen. Als ihre Großmutter stirbt, fliegt sie – inzwischen 30 aber immer noch unverheiratet – mit den Eltern nach Kalifornien, wo der Rest der Verwandtschaft lebt. Nie hat sie sich wirklich gefragt, wie es kommt, dass ihre Eltern in Deutschland sind und die anderen in den USA oder warum sie ihre vietnamesische Heimat verlassen haben. Mit dem Verlust der Großmutter, die sie kaum kannte und von der sie noch nicht einmal den Namen weiß, beginnt ihre Reise in die Geschichte ihrer Familie.

Die Journalistin Khuê Phạm thematisiert schon lange die Situation von Einwandererkindern in Deutschland, die zwischen zwei Kulturen aufwachsen und immer das Gefühl haben, weder zur einen noch zur anderen so richtig zu gehören. Dies ist auch das zentrale Thema in ihrem Debütroman, der von ihrer eigenen Familiengeschichte beeinflusst ist. Es ist jedoch nicht nur die Geschichte von jungen Menschen, die ihre Identität suchen, sondern auch von Schuldgefühlen, nicht Ausgesprochenem, dem, was nicht mehr gesagt und zurechtgerückt werden kann, wenn plötzlich jemand nicht mehr da ist.

Kiềus Geschichte bildet den Rahmen, die Reise mit den Eltern, die für sie auch vor der Frage steht, was sie selbst mit ihrem Leben anfangen will. Ein Schwangerschaftstest bestätigt ihre Vermutung, aber ihre Beziehung ist fragil, ihr Freund bereitet gerade den Umzug nach Japan vor und Familie und Sesshaftigkeit gehörten nicht zu den aktuellen Plänen. So unsicher ihre Zukunft, so klar wird ihr, dass sie auch von der Vergangenheit kaum etwas weiß und nicht einmal die Geschichte ihrer Eltern kennt, die sich während des Studiums in Deutschland kennengelernt haben.

Auf ihrem Vater lasteten als Erstgeborenem große Erwartungen; dass er hervorragende Schulleitungen zu erbringen hatte, um Zugang zum Medizinstudium zu erhalten, stand nie infrage. Statt Frankreich reichte es jedoch nur zu Deutschland und während er sich versuchte in diesem seltsamen Land, in dem sich Ende der 60er Jahre viele seiner Kommilitonen für sein Heimatland interessierten, zurechtzufinden, versank Vietnam im Chaos. Ein Heimatbesuch gegen Ende seiner Ausbildung war eher verstörend, nichts war mehr so, wie er es in Erinnerung hatte und auch von seiner Familie hatte er sich entfremdet.

Sein jüngerer Bruder konnte nicht rechtzeitig fliehen und erlebte die Wiedervereinigung und Übernahme durch die Kommunisten. Er musste sich den harten Weg in die Freiheit erkämpfen, hatte dafür aber in den USA stets eine große vietnamesische Community, die die Traditionen weiterleben ließ. Für die Erzählerin eine neue Welt, ein anderes Zusammenleben als sie es aus Deutschland kennt. Auch ihre Eltern lernt sie noch einmal von einer ganz anderen Seite kennen.

Eine beeindruckende Familiengeschichte voller Brüche und verschiedenen Wahrheiten, die alle aus ihrer Perspektive gerechtfertigt und richtig sind. Eine Geschichte, die auch zeigt, wie sich Kultur und Identität konstruieren und immer wieder neu entwickeln und ausgehandelt werden müssen vor dem Hintergrund der Spannungen von familiären und gesellschaftlichen Erwartungen und eigenen Träumen. Ein Einblick in eine fremde Welt, die vor unseren Augen und doch hinter verborgenen Türen stattfindet.

Ein herzlicher Dank geht an den btb Verlag für das Rezensionsexemplar. Weiter Informationen zu Autorin und Buch finden sich auf der Verlagsseite.

Sasha Marianna Salzmann – Im Menschen muss alles herrlich sein

Sasha Marianna Salzmann – Im Menschen muss alles herrlich sein

Lena wächst im ukrainischen Teil der Sowjetunion auf. Die Sommer darf sie bei der Großmutter in Sotschi verbringen, doch als sie zur Schule kommt, beginnt der Ernst des Lebens und die Eltern wissen, wie wichtig Leistung in der UDSSR ist. Das ganze Jahr über pauken, bevor dann das Pionier-Lager die langen Ferien füllt. Früh schon ist ihre Mutter krank, die Ärzte scheinen nicht helfen zu können, was bei der kleinen Lena den Wunsch nach einem Medizinstudium weckt. Doch gute Leistungen allein genügen nicht, das Land ist korrupt und ohne die richtigen Menschen und entsprechende Zahlungen sind auch Bestnoten nichts wert. Sie kann sich den Traum erfüllen, ist erfolgreich, doch als das Land zusammenbricht, steht sie vor dem nichts und muss mit ihrer Familie in der Ferne neu beginnen.

Sasha Marianna Salzmanns Roman „Im Menschen muss alles herrlich sein“ springt über Generationen und Grenzen, der rote Faden bildet die Sprachlosigkeit der Töchter und Mütter. So wie Lenas Mutter und Großmutter in der beengten Wohnung in Gorlowka in der Oblast Donezk nicht zu einander finden, die eine schwerkrank, die andere die Freiheit am Schwarzen Meer vermissend, sind es später Lena und ihre Tochter Edi, die einander nicht verstehen, ebenso wie Lenas Freundin Tatjana und deren Tochter Nina. Sie habe allen Vorstellungen und Vermutungen über die anderen, der Mangel an Kommunikation jedoch führt sie immer wieder aneinander vorbei statt zueinander hin.

Dramaturgisch dreht sich die Geschichte im Kreis, beginnt in der Gegenwart in Deutschland, kehrt in Lenas sowjetische Kindheit zurück und nähert sich wieder an. Von Kindern mit großen Träumen, die ihre Realität jedoch nicht erfüllen kann, von Sprachlosigkeit in der Familie und dem Wunsch, sich in die Umwelt möglichst geräuschlos einzufügen, um nicht aufzufallen und dazuzugehören, was jedoch keiner der Frauenfiguren gelingt.

Für mich fügen sich zwar die Teile zu einem Gesamtbild, aber Lenas Lebensgeschichte über die drei letzten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts ist deutlich stärker als die nachfolgenden Handlungsteile. Sie wird als Charakter am greifbarsten, bekommt jedoch im Vergleich zu Edi, Tatjana und Nina auch den größten Raum, um sich zu entfalten. Es bleibt am Ende etwas Ratlosigkeit, wäre nicht mit der Flucht nach Deutschland schon der richtige Endpunkt gesetzt gewesen? Insbesondere Tatjanas Geschichte konnte mich kaum mehr erreichen, war auch zu wenig verbunden mit Lenas Vergangenheit, als dass sie für mich logische Handlungskonsequenz gewesen wäre.

Die Autorin hat ein Händchen für Dramaturgie und kann begeisternd erzählen, wie auch ihr Roman „Außer sich“ empfinde ich den aktuellen jedoch etwas zu sperrig, alles andere als ein geschmeidiger Lesegenuss, was ihn jedoch auch wiederum interessant und zu einem würdigen Kandidaten für die Longlist des diesjährigen Deutschen Buchpreises macht.