Selim Özdogan – Es ist so einsam im Sattel, seit das Pferd tot ist

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Selim Özdogan – Es ist so einsam im Sattel, seit das Pferd tot ist

Alex ist vom Leben frustriert: seit ihn seine Freundin verlassen hat, hat er kaum mehr Vertrauen zu anderen Menschen; sein Studium verfolgt er auch eher ziel- und begeisterungslos und außer seinen beiden Freunden Henry und Kai hat er eigentlich auch keine Sozialkontakte, so werden Alkohol und Drogen zu guten Wegbegleitern. Als er die Tramperin Esther mitnimmt, scheint plötzlich wieder die Sonne und der triste Frühling geht in einen traumhaften Sommer über. Sie belebt seine Sinne und das ganze Leben fühlt sich anders an und er sich selbst Energiegeladen. Doch es ist riskant alles auf eine Person auszurichten und so tritt ein, was eintreten muss: Esther fühlt sich bedrängt und zieht sich zurück. Für Alex bricht die Welt zusammen.

Selim Özdogans Roman bringt die typische Quarter-Life-Crisis auf den Punkt: eine Generation, die alle Möglichkeiten der Welt hat, sie aber nicht nutzen kann. Die Pubertät überlebt, nur um dann mit Anfang zwanzig in eine Depression zu stürzen, aus der man alleine nicht wieder herauskommt. Viele der Figuren haben keinen einzigen Lebensbereich wirklich im Griff und flüchten unentwegt vor der Realität, komatöse Ausfälle sind ebenso normal wie berauschende Trips.

Auch wenn das Buch mit viel Humor und Wortwitz geschrieben ist, lastet doch eine mal melancholische bis depressive Stimmung auf ihm – genau passend für den Protagonisten, dem jede Lebensenergie fehlt und der sich für nichts zu begeistern mag. Genau diese endlose Traurigkeit macht es auch für sein Umfeld unheimlich schwer, denn sie müssen ihm immer wieder animieren aktiv zu werden. Vor allem Esther überfordert diese Aufgabe und mit ihrem Rückzug stürzt sie Alex immer tiefer in den Abwärtsstrudel. Die Erwartungen der Umwelt sind hoch bzw. werden als solche wahrgenommen und man kann daran eigentlich nur scheitern:

Ich fühlte mich dem Druck ausgesetzt, etwas Besonderes geben zu müssen, von dem ich nicht genau sagen konnte, was es war. Ich war einfach unfähig, ich fühlte mich nicht ganz wohl in meiner Haut, mir schien es oft so, als gehörte ich gar nicht wirklich auf diesen Planeten, als sei hier nirgendwo ein Platz für mich reserviert, ich konnte keinerlei Erwartungen erfüllen.

 

Özdogan bringt die Gefühlslage seines Protagonisten sehr gut rüber, bietet aber keine Lösungsansätze. Natürlich empfindet man ein Stück weit Mitleid mit ihm, aber ernsthafte Bemühungen, etwas an der Lage zu ändern., bleiben ebenso aus wie die Reflexion des eigenen Zustands. So wirkt Alex letztlich doch etwas spätpubertär und er kann eigentlich nur zum Anithelden werden, der als abschreckendes Beispiel dient.

Andreas Eschbach – NSA

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Andreas Eschbach – NSA

Helene Bodenkamp ist in den 1930er Jahren eine gute Schülerin, nur in den Haushaltsfächern zeigt sie sich nicht nur unwillig, sondern auch völlig talentfrei. Daher entscheidet sie sich für das Fach Programmieren, eine typische Frauenarbeit, ist das Erstellen von Programmen doch direkt vergleichbar mit dem Stricken nach Muster. Sie ist begabt und so bietet man ihr zum Ende der Schulzeit einen Job im NSA an, wo sie für die Analysten Abfragen erstellt und Daten aufbereitet. Bei der Entwicklung der Komputertechnik ist Deutschland führend und täglich werden Unmengen an Informationen über die Einwohner gesammelt – wenn diese ihr Handy benutzen oder bargeldlos bezahlen – die ausgewertet und für die Planungen und Sicherheit benutzt werden können. Lange Zeit sieht Helene ihre Arbeit unkritisch, bis ihr während des Zweiten Weltkrieges klar wird, dass die Statistiken, die sie erstellt, direkte Auswirkungen auf die Menschen haben und diese sogar in Lebensgefahr bringen können.

Andreas Eschbach hat ein heute realistisches Szenario – die globale Vernetzung und die quasi totale Überwachung der Menschen über das Internet und elektronische Geräte – in die Zeit der Nazi-Herrschaft verlegt. Ein interessantes Konstrukt, da er sich so von den gängigen Dystopien in diesem Themenrahmen unterscheidet und zudem noch viel realistischer die Auswirkungen der technischen Möglichkeiten herausstellen kann. Sehr überraschend für mich das Ende, das einen völlig unerwarteten Ausgang nimmt, der mich gänzlich unvorbereitet getroffen hat, wenn dieser auch im Rückblick konsequent angelegt war.

Die Figur Helenes kann den Roman leicht tragen. Dank ihrer Herkunft hat sie nicht nur Zugang zu höherer Bildung, sondern auch zu Wissen, das den Durchschnittsbürgern vorenthalten bleibt. Ihre zunächst eher unkritische Haltung wird durch persönliche Erfahrungen plötzlich auf die Probe gestellt und so mutiert sie zur Widerstandskämpferin im Kleinen, die das System unterwandert und doch zugleich stützt. Ihr Gegenspieler Eugen Lettke weist wenig positive Eigenschaften auf, kleinlich und rachsüchtig geht er seinen Weg und so hat man auch wenig Mitleid mit ihm als der Sturz droht.

Trotz der Länge des Romans bleibt die Handlung durchgängig spannend und wird wohldosiert mit neuen Ereignissen angetrieben. Eschbach hat die technischen Neuerungen, die historisch nicht existierten, überzeugend in den geschichtlichen Kontext integriert, so dass diese sich reibungslos einfügen und die Handlung authentisch wirkt. Es kann im Nazi-Regime keine Mächte-Gleichgewicht geben und doch sieht man, wie ein einziger Mensch einen Einfluss auf Entwicklungen haben und durchaus innerhalb seines Rahmens eine Gegenwehr erzeugen kann. Für mich ein runder Roman mit einer ausgewogenen Balance zwischen Spannung, Figurenentwicklung und dystopischen Elementen.

Julia Rothenburg – Koslik ist krank

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Julia Rothenburg – Koslik ist krank

Was war passiert? So genau kann sich René Koslik nicht erinnern und jetzt ist er in einem Freiburger Krankenhaus. Es muss wohl eine Art Anfall gewesen sein, aber das werden die Ärzte herausfinden. Wohl fühlt er sich nicht in dieser Parallelwelt, in der ihm auch alles so fremd vorkommt. Vom Akademiker, der in seinen Kursen das Heft fest in der Hand hat, wird er zum Objekt, an dem verschiedenste Ärzte und Pfleger irgendwelche Messungen vornehmen; er wird eingepackt in ein Auto, in eine andere Abteilung gebracht; wartet – Minuten, Stunden, Tage. Worauf? Das muss er den Arzt fragen, wenn dieser Mal kommt. Was man untersucht? Auch das weiß nur der Arzt. Und die Ergebnisse? Wieder den Arzt fragen. Doch wann kommt dieser? Und die anderen Patienten, müde sehen sie aus, krank und bald schon bewegt sich auch Koslik mit schleichendem Schritt und hängendem Kopf. Er wartet eigentlich nur noch auf das Ende, das einzige, was noch kommen kann, wenn man hier gelandet ist.

Julia Rothenburg wirf den Leser in ihrem Debüt direkt in die Handlung. So wie der Protagonist plötzlich wieder zu sich kommt, erblickt man mit ihm die fiktive Welt des Krankenhauses. Er muss sich orientieren, was nicht leicht fällt, ebenso wie dem Leser. Was folgt ist zum einen ein Blick auf die Realität deutscher Kliniken, zum anderen aber auch, was ein Aufenthalt dort mit den Menschen macht und wie sie zunehmend ihre Autonomie verlieren.

Zunächst sind Kosliks Gedanken geprägt von Fragen nach dem Wo und Was geschehen ist, hinzu kommt die Angst davor, dass er ernsthaft krank sein könnte, womöglich einen Schlaganfall hatte. Schnell merkt man jedoch, dass man es mit einem scharfen Beobachter zu tun hat, der zwar seine Gedanken erst wieder sammeln muss, seine Umwelt aber detailliert wahrnimmt und deutet. Er beobachtet die Haltungen der Menschen, ihr Ausgeliefertsein und kann selbiges auch bei sich rasch feststellen. Die Transformation vom autonomen Lebewesen zum abhängigen Objekt verläuft fließend, Koslik stemmt sich immer wieder dagegen, wenn ihm dies bewusst wird. Die fehlenden Informationen zu seinem Gesundheitszustand oder den weiteren Abläufen erschweren zudem das Aufrechterhalten der Selbstständigkeit und Freiheit. Er kommt sich bald wie ein Gefangener vor, die Tatsache, dass er das Klinikgelände auch nicht verlassen soll, spiegelt dies deutlich wieder:

„Herr Koslik, sagt sie. Wo wollen Sie denn hin?

Mal raus, sagt Koslik. Spazieren gehen oder so. Mir wurde gesagt, dass die Untersuchung …

Nein, das geht nicht, sagt Schwester Inge. Wir haben hier die Pflicht der Patientenüberwachung. Sie können nicht einfach rausgehen, dann können wir nicht mehr für Ihre Sicherheit garantieren. Denken Sie nur daran, was passieren könnte. Das ist versicherungstechnisch nicht möglich.”

 

Alles ist geregelt und läuft, nur ist dies für Koslik nicht durchschaubar. Es fällt nicht schwer, sich in den Protagonisten hineinzuversetzen und seine Hilf- und Ausweglosigkeit nachzuvollziehen. Krankheit ist als solches schon schlimm genug, sich damit auseinandersetzen und umgehen lernen, aber in einem solchen System, das einem degradiert, wird dies umso schwieriger. Koslik könnte sich auflehnen, dagegen kämpfen und protestieren. Aber ach, er war in seinem Leben immer schon mit so wenig zufrieden und lässt mit ihm machen, was die Organisationsabläufe nun einmal vorsehen.

Als er am Ende plötzlich mit gepackter Tasche vor der Klinik steht, weiß er nicht wohin. Vielleicht war es doch nicht so schlecht, wenn andere einem die Entscheidungen abnehmen und man sich einfach nur leiten lassen muss. Das ungute Gefühl der Fremdbestimmtheit verwandelt sich zum Sehnsuchtsgefühl: ist es das, was man als Mensch will? Keine Schonkost dieser Roman, aber Anlass zum Nachdenken.

Adolf Muschg – Heimkehr nach Fukushima

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Adolf Muschg – Heimkehr nach Fukushima

Der Architekt und Schriftsteller Paul Neuhaus wird von japanischen Freunden eingeladen. Er war 2011 schon einmal dort, gerade als das Unglück passierte und jetzt möchten sie, dass er mit ihnen in die verstrahlte Region rund um den Reaktor fährt, um zu schildern, wie langsam das Leben zurückkehrt. Als er in Japan ankommt, eröffnen sie ihm, dass Ken sie nicht begleitet, ein Krebs zwingt ihn zu unaufschiebbaren Untersuchungen, so begibt sich Paul mit Mitsu alleine gen Fukushima. den Geigerzähler und Schutzkleidung im Gepäck, um die Menschen vor Ort zu besuchen, die ihre Heimat zurückerobern wollen.

Adolf Muschg hat ein Thema aufgegriffen, das auf verschiedenen Ebenen Diskussionsstoff bietet und zum Nachdenken anregt. In erster Linie natürlich der Umgang des Menschen mit der Natur, wobei sich hier nicht nur die Frage nach der nuklearen Verstrahlung stellt, sondern Bebauung und auch Tiernutzung angerissen werden. Als zweites wird sehr deutlich, dass die japanische Gesellschaft gänzlich anderen Konventionen und Zwängen unterliegt, als die deutsche und so manches hier in einem solchen Katastrophenfall anders gelaufen wäre. Muschg schafft es gleichermaßen auf dieser Reise globale, partikular-gesellschaftliche und individuelle Fragen zu stellen und die Relevanz des Romans so zu unterstreichen.

Je weiter der Roman voranschreitet, desto bedrückender wird er. Die Begegnung mit den Heimkehrern bleibt nicht ohne Spuren, die Begründungen für ihr Handeln sind absurd und doch nachvollziehbar: nirgendwo ist man sicher, schon gar nicht in Japan; das Genom kann sich anpassen; der Wohnraum wird gebraucht; sie kümmern sich um die Wiederherstellung der Landschaft, eine ehrenvolle gesellschaftliche Aufgabe. Woher kommen die Arbeiter im Unglückswerk? Arbeitslose, die keine Alternativen haben und so gutes Geld verdienen können. Es regt sich kein

Widerstand, schon gar nicht gegen die Atomenergie, denn ein solches Verhalten ist in Japan nicht vorgesehen.

„Wer oder was hätte eines solchen Einsatzes, verlorene Grundlagen zu befestigen, spotten dürfen? Diese Menschen arbeiteten unermüdlich an der Herstellung der erwünschten Optik und beglaubigten sie mit Schweiß und Tränen. Fukushima war kein Potemkinsches Dorf, kein abgeschriebener Posten wie Tschernobyl, sondern eine glückliche Landschaft. Oder würde es in zwanzig Jahren wieder sein.”

Der Glaube an die Bezwingbarkeit der Natur und an die Menschheit ist groß, doch dabei wird eines vergessen:

„Aus der Geschichte nichts lernen, heißt, sie wiederholen.

Heißt es das? Geschichte wiederholt sich nie oder immer. Ganz sicher ist nur: wir lernen nichts daraus.”

Unermüdlich schafft sich der Mensch die Welt, wie sie ihm gefällt, und begeht dabei ebenso unermüdlich immer wieder den Fehler, seinen eigenen Lebensraum zu zerstören. Dann passt man sich an die neuen Gegebenheiten an, bis zur nächsten Katastrophe. Hierin unterscheiden sich die Gesellschaften kaum, das ist das globale gemeinsame Phänomen, das unseren gemeinschaftlichen Untergang vorantreibt.

Christine Mangan – Nacht über Tanger

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Christine Mangan – Nacht über Tanger

Es ist ihr Mann John, der darauf drängt nach Tanger zu ziehen, Alice Shipley ist wenig begeistert davon und fühlt sich in Marokko sichtlich unwohl. Sie wurde auf ihrem Mädchen-College in Neuengland auch nicht auf ein solches Leben vorbereitet, überhaupt sollte eine junge Frau in den 1950ern in geordneten Verhältnissen leben. Alice ist einsam und unglücklich als plötzlich ihre ehemalige Zimmergenossin Lucy vor ihr steht. Schnell blüht sie auf, verlässt das Haus, doch mit Lucy sind auch die bösen Erinnerungen zurückgekehrt und Alice weiß, dass sie ihrer vermeintlichen Freundin nicht trauen darf. Die Vergangenheit hat sie eigentlich gelehrt, möglichst viel Abstand zwischen sich und Lucy zu bringen – doch nun sind sie auf engstem Raum und Alices schlimmste Befürchtungen sollen sich bewahrheiten.

Christine Mangan hat mit „Nacht über Tanger“ einen Roman geschrieben, der unerwartete Züge eines Psychothrillers entwickelt. Atmosphärisch überzeugt er auf jeder Seite und man hat von Beginn an den Eindruck, zurückversetzt in die 50er Jahre zu sein und kann die Hitze Afrikas regelrecht spüren. Neben den psychologisch interessant gezeichneten Figuren war es vor mich vor allem Tanger in Mangans Darstellung, das nicht nur glaubwürdig, sondern nahezu greifbar erscheint.

Der Reiz der Geschichte liegt im psychologisch geführten Kampf zwischen den beiden Frauen. Zunächst erscheinen sie als Freundinnen, doch bald wird durch ihre Erinnerungen klar, dass dem nur bedingt während der Studienzeit so war und dass es ein dramatisches Ende gegeben haben musste, dass sie entzweite. Diese Wissenslücke an sich sorgt schon für Spannung, viel raffinierter und eindrucksvoller jedoch ist das Vorgehen Lucys bei dem man sich letztlich nur noch fragt, wie weit sie bereit ist tatsächlich zu gehen. Und dann geht sie noch einen Schritt weiter.

Tanger war einer der Sehnsuchtsorte von Amerikanern und Europäern gleichermaßen in der Zeit nach dem 2. Weltkrieg, doch die Flucht nach Afrika hat nicht alle Probleme beseitigt, die es zuvor gab und so stellt Youssef fest:

„Ein Dummkopf (…) bleibt ein Dummkopf, ob zu Hause oder hier. Gerät man zu Hause in Schwierigkeiten, sollte man sich nicht wundern, wenn man auch hier in Schwierigkeiten gerät. Man bleibt ja überall derselbe Mensch. Tanger mag zwar etwas Magisches an sich haben, aber Zauberkräfte besitzt diese Stadt auch nicht.“

Es ist etwas Magisches, das bei der Beschreibung der Kasbah durchscheint, aber auch dies kann nicht überdecken, was die Figuren mit sich bringen und wovor sie versuchen zu fliehen. Auch wenn Tanger im Roman für fast alle zum Alptraum wird, selten konnte ein Handlungsort einen solchen Reiz verströmen wie bei Christine Mangan. Ganz sicher neben der Figurenzeichnung und dem Handlungsaufbau die größte Stärke der Autorin.

Ein herzlicher Dank geht an das Bloggerportal und die Verlagsgruppe RandomHouse für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zu Titel und Autor finden sich auf der Verlagsseite.

Samuel Park – The Caregiver

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Samuel Park – The Caregiver

In the 1990s, Mara Alcenar is living in California and working as a caregiver for a woman who suffers from cancer. She has been in the US for many years, illegally like so many others and always struggling to survive and hoping not to be caught. Yet, going back to Brazil is not an option; it is just her thoughts that frequently return to her native country. She remembers the time when she was six and living with her mother Ana who worked in the film industry and dubbed foreign productions. She was also a great actor which lead her to a fatal decision: being offered a “role” by leftist rebels, Ana Alcenar couldn’t refuse. She needed the money for herself and Mara. But then, something went completely wrong at the Police Chief’s office. Years later, Mara is a teenager and gets the chance to revenge her mother – but is the episode as she remembers is actually the truth?

Samuel Park’s novel “The caregiver” focuses on two completely different aspects: on the one hand, he addresses political questions such as the military rulers of South America in the 20th century and the precarious situation of immigrants from these countries in the US. On the other hand, he has a very personal topic that the novel makes you think about: what do loving and caring mean and how far would you go for the ones you love?

For me, the parts of the novel that are set in Rio de Janeiro were the most impressive. The author really gives you a good idea of how life was like under those political circumstances and how important your personal bonds were to survive. The neighbour becomes crucial for survival, you find yourself quickly caught between the lines and even if you want to keep away from politics, this isn’t always possible. And there is not just black and white, but many shades of grey.

The question of what loving somebody means is also crucial in the novel. Not the love between lovers, but much more the compassion you feel towards family members and those close to you, how much you are willing to endure and even more importantly: how much you are willing to forgive and to forget.

A novel full of food for thought and at the same time wonderfully written.

Kate Atkinson – Transcription

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Kate Atkinson – Transcriptions

London 1940. Juliet Armstrong wird für den Geheimdienst MI5 rekrutiert, obwohl sie eigentlich andere Pläne hatte. Sie soll Sympathisanten des Nazi Regimes beobachten und als Sekretärin arbeiten und geheime Gesprächsmitschnitte transkribieren. Trotz der anfänglichen Skepsis gewöhnt sie sich schnell an die Welt der Spionage und wird zunehmend mutiger. Sie wird auf Godfrey Toby angesetzt, den man als Geheimagent der Gestapo vermutet, doch eigentlich überwacht dieser nur die britischen Informanten. In einer Welt der Agenten und Doppelagenten verliert die junge Frau schnell den Überblick… 10 Jahre später arbeitet Juliet für die BBC und glaubt ihre Tätigkeit während der Kriegsjahre hinter sich gelassen zu haben, als diese sie plötzlich wieder einholen und vor allem ihre eigenen Lügen plötzlich doch noch drohen aufgedeckt zu werden.

Kate Atkinson erzählt die Geschichte im Wechsel zwischen Juliets Arbeit für den Secret Service und den Ereignissen der Aufarbeitung nach Ende des Krieges sowie ihrer Sicht aus dem Jahr 1981. Als Leser ist man hin- und her gerissen, denn man mag das junge Mädchen zunächst und beobachtet ihre ersten Schritte in der Agentenwelt. Doch irgendwann bekommt man Zweifel und fragt sich, wer nun zu den Guten gehört und wer nicht und vor allem: wo steht Juliet?

Am spannendsten waren ohne Frage Juliet Feldeinsätze, als Iris Carter-Jenkins mit einer Waffe in der Handtasche näher sie sich Mrs Scaife, einer angesehenen Frau der Gesellschaft, die ihren Antisemitismus offen zur Schau trägt. Dass ein solcher Einsatz nicht ohne Risiko ist und Juliet schon auch mal genötigt ist, aus dem Fenster zu fliehen, steigert aber eigentlich nur den Reiz.

Alle Figuren haben so mehrere Rollen im Roman, was es nicht einfach macht, ihre echte Persönlichkeit, sofern sie überhaupt eine haben, zu erkennen. Dieses Spiel erlaubt ihnen aber auch, einiges, was sie während der Kriegszeit getan haben, mit den falschen Identitäten abzulegen und zu vergessen. „You will pay for what you did“ – so die Nachricht, die Julie Jahre nach dem Krieg erhält. Sie kann nicht einfach alles Unangenehme begraben und auf der geschichtlichen Müllhalde abladen.

„Transcription“ passt in keine wirkliche literarische Kategorie, er ist weder reiner Krimi, noch echter historischer Roman. Auch die Vielschichtigkeit der Rollen und Wahrheiten durchbrechen bekannte Grenzen. Unterhaltsam zu lesen ist dies jedoch ohne Frage.

Juli Zeh – Neujahr

Neujahr von Juli Zeh
Juli Zeh – Neujahr

Henning und Theresa haben mit den Kindern zwei Wochen Urlaub auf Lanzarote gebucht; ideal, um der kalten Jahreszeit in Deutschland zu entfliehen. Dass auf den Kanarischen Inseln Weihnachten und Neujahr wenig feierlich ausfallen wird als sie es gewohnt sind und dass eine Ferienwohnung weniger Spielraum bietet als das eigene Heim, hatten sie jedoch nicht bedacht und so ist die Stimmung am ersten Januar ziemlich am Boden. Henning beschließt einen der guten Vorsätze in die Tat umzusetzen, was ihm zudem eine Auszeit von der Familie ermöglicht. Er steigt auf das Leihfahrrad und stemmt sich gegen den Wind den Berg hinauf. Alleine dem Wetter ausgesetzt kommen plötzlich auch die Gedanken auf Touren und je mehr er gegen den schweren Anstieg kämpft, desto mehr beginnt er sein Leben zu hassen: der Job, mit dem er nicht zufrieden ist und der ihn überfordert, die Kinder, die permanent etwas von ihm wollen, auch Theresa, die offenbar alle anderen Männer attraktiver findet als ihren eigenen. Ausgelaugt und mental am Ende erreicht er das Ziel, doch was ihn dort erwartet, wird sein Leben in einem anderen Licht erscheinen lassen.

Juli Zeh hat einen weiteren Lanzarote Roman geschrieben, der sich nicht so ganz in ein literarisches Genre pressen lässt. Er beginnt als typischer Gesellschaftsroman mit einem Protagonisten, der stellvertretend für viele sein Leben in Frage stellt und kurz davor steht, vor dem überwältigenden Alltag zu kapitulieren. Seit einiger Zeit schon leidet er unter Panikattacken, die er jedoch vor seiner Frau verheimlichen muss, da sie dafür nur Verachtung übrig hat. Seine Ankunft auf der Bergspitze und die physische Erschöpfung scheinen zunächst eine gewisse Ruhe in ihm auszulösen, doch das abgeschiedene Haus löst plötzlich eine Erinnerung, von der er nicht wusste, dass er sie hatte, und der Roman entwickelt sich zu einem beklemmenden Thriller.

Die Konzentration auf Henning bringt die Zwänge unserer Tage ungehindert auf den Punkt: der Mensch muss funktionieren, pflichtbewusst seine Rollen in Beruf, Familie und Gesellschaft erfüllen und dabei Kritik wegstecken, oder besser: weglächeln, können. Ist die Autorin für ihre gesellschaftskritischen Romane bekannt, so zeigt sich dieses Mal die Kritik im Nukleus der Familie. Es beginnt schon bei der Frage, was eigentlich eine „echte“ Familie ist und gnadenlos lässt Zeh den Schein der Bilderbuchfamilie mit zwei liebreizenden Kindern mit Hennings Wahrnehmung und seiner Rolle als Vater kollidieren. Er schreit das hinaus, was ihm eigentlich verboten ist: er hasst sein Leben und seine Kinder. Sein eigenes Dasein, seine Panikattacken werden nicht ernstgenommen und er muss zurückstecken – immer und immer wieder.

Die Episode im abgeschiedenen Haus lässt sich zunächst schwer einordnen, phantasiert Henning, hat sich dies wirklich zugetragen und vor allem so zugetragen? Waren er und seine Schwester über Tage als Kleinkinder alleingelassen? Er scheint eine Erklärung für seine psychischen Probleme gefunden zu haben – wie schön, denn endlich gibt es einen Schuldigen und es ist nicht sein Alltag. Doch genau diesem müsste er sich eigentlich stellen und das in Ordnung bringen, was im Argen liegt.

Der Roman braucht einige Zeit, bis er einem als Leser packt, doch dann zeigt sich das Könnend r Autorin. Als Ganzes betrachtet ist er dramaturgisch überzeugend aufgebaut, nichtsdestotrotz bleibt aber ein Bruch zwischen den Ereignissen des Neujahrstages und den Erinnerungen. Dies tut dem Gesamturteil aber keinen Abbruch.

Ein herzlicher Dank geht an das Bloggerportal für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zum Buch und der Autorin finden sich auf der Seite der Verlgasgruppe Random House.

Philippe Dijan – Marlène

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Philippe Dijan – Marlène

Wer ist Marlène? Und hat sie wirklich so eine böse Aura, wie Richard vermutet? Schwanger flüchtet Marlène zu ihrer Schwester Nath, die sie aus Pflichtgefühl aufnimmt, auch wenn die Situation gerade schwierig ist. Mit ihrer 18-jähirgen Tochter Mona liegt sie im Clinch, so dass diese zu Dan zieht, dem besten Freund ihres Vaters Richard. Dieser saß drei Monate im Gefängnis und steht kurz vor der Entlassung. Dan versucht in das bürgerliche Leben zurückzukehren, was nach den Erfahrungen im Jemen und Afghanistan nicht einfach ist, doch im Gegensatz zu Richard scheint es ihm zu gelingen. Er ist bemüht seinem Job regelmäßig nachzugehen, die Nachbarn zu grüßen und seine Hilfe anzubieten, um wieder aufgenommen zu werden in die Gesellschaft. Doch dann kommt Marlène und macht ihm eindeutige Avancen. Er wehrt sich und ahnt noch nicht, dass er besser die Flucht ergreifen sollte, denn Marlène zieht eine Spur der Verwüstung hinter sich her.

Philippe Dijan ist als Autor in der französischen Literaturszene seit Jahrzehnten eine feste Größe. Vor allem die komplizierten zwischenmenschlichen Beziehungen haben es ihm angetan, seinen Durchbruch hatte er 1985 mit „37°2 le matin“ (dt. „Betty Blue – 37,2 Grad am Morgen“), in dem er die obsessive Liebe zwischen Betty und Zorg schildert. Sein Roman „Oh…“ aus dem Jahr 2012 wurde mit dem Prix Interallié ausgezeichnet und beschreibt die verstörende Anziehung zwischen einer Frau und ihrem Vergewaltiger.

Die Protagonistin, die dem aktuellen Roman den Titel verleiht, bleibt über weite Teile der Handlung erstaunlich blass. Es wird mehr über sie gesprochen als dass man sie selbst erleben würde und man fragt sich, wie die anderen Figuren zu ihrer Einschätzung kommen und inwieweit sie mit dieser richtig liegen. Richard hasst Marlène und macht keinen Hehl daraus. Die Probleme, die Richard und Dan haben, wieder festen Boden unter den Füßen zu finden, nehmen viel mehr Raum ein und man fragt sich fast, wie Marlène zu ihrer Ehre kommt, kann sie Dan vielleicht doch von seinem Trauma befreien?

„Er kannte nicht nur Angst, Blut und Schmerz, aber er konnte sich schrubben, so viel er wollte, es ging nicht ab, es kam immer wieder, und jedes Mal färbte es auf den Rest ab (…) Er hatte sich daran gewöhnt. In gewisser Weise war er schon tot, dachte er. Weder Marlène noch sonst jemand konnte etwas dafür. Wer einmal in der Hölle gewesen war, kam nicht wieder zurück.“

Die zarte Verbindung scheint jedoch eine Zukunft zu haben, zumindest in Dans Augen. Er ist bereit sich dafür auch gegen seinen Freund zu stellen und Marlène zu verteidigen. Doch dann folgt unweigerlich der Moment des Schreckens und Grauens. Völlig unvorbereitet trifft es einem als Leser und Dijan legt sofort nach, kaum ein Herzschlag vergeht zwischen den Schlägen, die er uns zumutet.

In kurzen Sequenzen erzählt Dijan seine Geschichte, wechselnd zwischen den Figuren erlaubt er Innen- und Außensicht, was ein komplexes Bild entstehen lässt und die Zwänge, denen sie ausgesetzt sind, anschaulich verdeutlicht. Dialoge und Beschreibungen gehen fließend ineinander über und entwickeln so die Figuren und die Handlung unentwegt fort. Kaum scheint man sie greifen zu können, entweichen sie wieder.

Dijan ist keine leichte Kost, aber ein sprachlicher Virtuose, der ein Auge für die Vielschichtigkeit der menschlichen Seele hat.

Ein herzlicher Dank geht an den Diogenes Verlag für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zu Autor und Buch finden sich auf der Verlagsseite.

Dennis Lehane – Der Abgrund in dir

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Dennis Lehane – Der Abgrund in dir

Rachel Childs wächst mit ihrer Mutter auf, die mit Ratgebern ein Vermögen gemacht hat. Ein Vater fehlt ihr nicht wirklich, dennoch würde sie gerne wissen, wer sie Erzeugt hat. Die Mutter verspricht das Geheimnis zu lüften, schiebt dies jedoch immer weiter hinaus, bis sie schließlich bei einem Unfall. Rachel engagiert den Privatdetektiv Brian Delacroix, der auch den einen oder anderen potenziellen Kandidaten auftut, die sich jedoch alle als falsche Spur herausstellen. Nachdem ihre Karriere als Journalistin ein jähes Ende nimmt und ihre Ehe mit Sebastian geschieden wird, trifft sie nach Jahren wieder auf Brian und die beiden verlieben sich. Er scheint der Mann ihres Lebens zu sein und steht Rachel in ihren schwersten Stunden, in denen sie von Panikattacken überfallen wird, bei. Doch irgendetwas kommt ihr komisch vor, ein unbestimmtes Gefühl nagt an ihr und bald schon mehren sich die Zeichen, die darauf hindeuten, dass Brian nicht der Mann ist, den sie glaubt geheiratet zu haben.

Dennis Lehane, international ausgezeichneter Autor, der seit rund 25 Jahren eine feste Größe im Krimigenre ist. zahlreiche seiner Romane wurden verfilmt und er selbst hat auch mehrere Drehbücher für die Serie „The Wire“ geschrieben. „Der Abgrund in dir“ unterstreicht einmal mehr seinen Platz unter den ganz Großen, denn wenn dem Roman eine Sache gelingt, dann ist es immer wieder zu überraschen und Fahrt in eine völlig neue Richtung aufzunehmen.

Langsam und gemächlich beginnt die Geschichte um Rachel und ihre Suche nach dem Vater. Dies scheint das zentrale Element des Romans zu sein und mit jedem vermeintlichen Kandidaten, der sich wieder als der nicht Richtige herausstellt, steigt die Spannung auf den echten. Doch dann steht plötzlich Rachels Karriere als Journalistin und erfolgreiche Reporterin im Zentrum der Handlung. Was wird sie in dem völlig zerstörten Haiti aufdecken, in welche Gefahr begibt sie sich? Nun ja, hier endet auch schon dieses Kapitel und ihr Privatleben rückt in den Fokus. Vor allem ihre Ängste, die sie ans Haus fesseln, bestimmen wesentlich den weiteren Fortgang. Glücklicherweise findet sie in ihrem zweiten Ehemann Brian einen zugewandten und verständnisvollen Partner. Als man denkt, dass alle Kämpfe entschieden sind und Rachels Leben sich auf die Befreiung der Dämonen, die sie in Ketten legen, konzentrieren wird, packt Lehane erst richtig aus und der Roman verwandelt sich zu einem regelrechten Psychothriller, mit einem Tempo, das einem den Atem stocken lässt.

Erst wenn man den Roman ausgelesen hat, wird deutlich, wie clever dieser konstruiert ist und wie die einzelnen Teile ineinandergreifen, die zuvor mehr lose und episodenhaft nebeneinanderstanden. Vor allem Rachels Charakter und psychisches Befinden wird maßgeblich durch die Ereignisse beeinflusst und hier zeigt sie Lehanes professioneller Hintergrund als Therapeut. Man merkt auch, dass er beim Schreiben schon den Film vor Augen sieht, stark sind die Bilder, die er hervorruft und es fällt einem nicht schwer, die Handlung zu visualisieren. Eine entschlossene Frauenfigur, die auch schwach sein kann, sich immer wieder aufrafft, selbst am Schopf packt und weitergeht – nur wohin, ist noch die Frage.

Ein herzlicher Dank geht an den Diogenes Verlag für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zu Autor und Buch finden sich auf der Verlagsseite.