Stuart Nadler – Die Unzertrennlichen

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Stuart Nadler – Die Unzertrennlichen

Eine Familie, drei Frauen, dreimal Probleme mit Männern: Henrietta Olyphant, die Großmutter, einst erfolgreiche Feminismus-Dozentin und Autorin, hat vor knapp einem Jahr ihren Mann verloren und muss nun das Haus verlassen, in dem sie über 40 Jahre gelebt haben und wo ihre Tochter zur Welt kam. Die Trauer überwiegt alles bis sie plötzlich mit Dingen konfrontiert wird, die das Bild von ihrem Mann gehörig ins Wanken bringen. Oona ist gerade wieder bei ihrer Mutter eingezogen, da sie sich von ihrem Mann Spencer trennen will. Als erfolgreiche Chirurgin kann sie nicht länger mit ansehen, wie er dauerbekifft seine Tage in Unproduktivität verbringt. Als der Paartherapeut ihr Avancen macht, scheint ein Neuanfang möglich. Die Jüngste im Bunde, Lydia, ist ebenfalls auf dem Weg nach Hause, weg aus ihren Luxusinternat, wo gerade ein Nacktbild von ihr die Runde macht, das ihr vermeintlicher Freund von ihrem Handy geklaut und verbreitet hat. So finden sie sich zusammen, jede mit ihren ganz eigenen Problemen und der Erkenntnis, dass sie einander mehr brauchen als sie dachten.

Was womöglich nach einem sehr seichten Frauenbuch klingt, ist tatsächlich ein wahrer erzählerischer Schatz, den man ob des unsäglich aussagelosen Covers leicht übersehen könnte – was vermutlich auch der Fall ist, denn mir ist der Roman bislang selten begegnet. Dabei hat der Roman wirklich viele Leser verdient, ist er doch die perfekte Symbiose aus ernsthafter Thematik, die in ihrer Komplexität auch überzeugend herausgestellt wird, und einem leichten, oftmals geradezu komischen Erzählton.

Die drei Frauenfiguren sind miteinander verwandt, damit hören die Gemeinsamkeiten aber auch schon auf. Sie zeichnen sich jeweils als recht typische Vertreterinnen ihrer Generation aus ohne dabei stereotyp zu werden. Henrietta erscheint zunächst als klassische Großmutter, die ihren Beruf und Karriereträume für den Mann und die Familie geopfert hatte, weil es die Gesellschaft so von ihr erwartete. So einfach ist der Fall jedoch nicht. Es ist ihr gar nicht so schwergefallen, New York und die Universität zu verlassen und ein ganz anderes Leben zu leben als sie geplant hatte. Die Tatsache, dass sie als junge Frau ein Buch über den weiblichen Körper mit expliziten Zeichnungen veröffentlichte, das immer noch nachgefragt wird, lässt sie in einem interessanten Licht erscheinen. Heute ist ihr das Buch peinlich, vor allem gegenüber ihrer Tochter und Enkelin.

Letztere wiederum amüsiert sich geradezu über die großmütterliche Scham, hat sie im Internet schon weitaus Eindeutigeres gesehen. Das mindert aber in keiner Weise die Scham, die sie selbst empfindet ob der von ihr verbreiteten Fotos. Auch sie steckt in einem Zwiespalt, denn eigentlich mag sie Charlie, auch jetzt noch, obwohl er sie hintergangen hat. Auch hier wieder der Fall eines Mädchens, das in eine für ihre Generation recht typische Situation gerät und doch keine 08/15-Lösung sich anbietet. Zu komplex sind ihre Gefühle und die familiäre Lage mit den sich trennenden Eltern. Sie findet Unterstützung und Rat – aber sind der kiffende Vater und die gerade fremdgehende Mutter die besten Ansprechpartner in Beziehungsfragen?

Oona letztlich als Frau im mittleren Alter vereinigt ebenfalls die Komplexität von Beziehung, Familienbande und Beruf in einer Figur. Weder hasst sie ihren Noch-Mann, noch kann sie mit ihm so weiterleben. Sie will sowohl ihrer Mutter wie auch ihrer Tochter beistehen und das, wo sie selbst gerade im emotionalen Chaos steckt. Da hilft nur die sachlich-nüchterne Seite der Ärztin rauskehren, aber wenn man gerade eine Umarmung braucht, ist das auch nicht so hilfreich.

Das Buch lebt von seinen Figuren und ihren Dialogen. Sie sind Familie, da wird der Ton auch mal harsch und man mutet dem anderen mehr zu als man dies bei Fremden tun würde. Und doch: sie sind für einander da und wissen, was sie gerade brauchen. Und dabei verlieren sie auch Humor und Sarkasmus nicht. Ein in jeder Hinsicht gelungener Roman.

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Faïza Guène – Millénum Blues

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Faïza Guène – Millénium Blues

À la fin des année 1990, Zouina est encore une jeune fille quand elle devient témoin comment le mariage de ses parents les épuise et trouve la fin. C’est grâce à sa copine Carmen qu’elle n’est pas perdue complètement. Zouina grandit, voit la coupe du monde en France, la chute du World Trade Center et fait partie d’un accident routière de Carmen pendant lequel une jeune femme et mère est tuée. Elle tombe amoureuse et enceinte et se rend compte que le rapport avec son conjoint n’est pas sain du tout. Carmen et Zouina – deux filles qui grandissent ensemble, qui partagent le bonheur et le malheur toujours en trouvant consolation dans les chansons d’ABBA.

J’adore les romans de Faïza Guène parce qu’elle arrive de raconter ses histoires avec un ton comme une amie avec laquelle on est assise quelque part avec un café. On s’amuse ensemble, on souffre ensemble – comme dans la vie ordinaire. Déjà son roman début « Kiffe kiffe demain » montrait qu’elle connait le langage de la rue et qu’elle ne tourne pas autour du pot pour éviter des mots indicibles.

Zouina est une jeune fille, puis une jeune femme, « moyenne » – tel le jugement de la conseillère en école. Elle n’a ni de talents extraordinaires ni de faiblesses extrêmes. Elle est une femme comme toi et moi ce qui la rend bien sympathique dès le début. Elle respecte ses parents, les adore aussi, mais quand-même et analyse critiquement leur comportement et leur relation. Son relation avec Eddy est loin d’être bonne pour elle – mais elle l’aime, alors quoi faire ? Il réduit son estime d’elle jusqu’à zéro, elle s’en rend compte, mais toujours elle reste avec lui. Il faut plus pur elle pour terminer avec lui.

Quoique tout n’aille pas de meilleure façon possible, à mon avis, « Millénium Blues » est un livre positif. Ce sont avant tout les petites phrases insérées qui motivent le protagoniste et les liseurs de faire le mieux de la vie :

Il vaut mieux regarder devant soi que se retourner sur l’endroit où l’on a trébuché.

Et

Il faudrait célébrer la vie qu’on nous donne à vivre et ne pas en faire n’importe quoi.

Une femme ordinaire qui fait le mieux de sa vie qui trouve son bonheur au moment où elle regarde sa vie de près.

Daniel Kehlmann – Tyll

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Daniel Kehlmann – Tyll

Tyll Ulenspiegel, als Junge Zeuge der Willkür der Oberen, die seinen Vater öffentlich hingerichtet haben, entschließt sich das dörfliche Leben zu verlassen und zusammen mit der Bäckerstochter Nele zu fliehen. Als Wanderer und Schausteller, später auch Hofnarr kommt er zu Berühmtheit im ganzen Land. Auf seinem Weg während des 30-jährigen Krieges führt er so manchen Gelehrten vor, trifft auf Fürsten und Könige und kann den Menschen immer wieder vorführen, wie schnalle sie sich von Gauklern hinters Licht führen lassen.

Daniel Kehlmann verlegt die Handlung der Sage um Till Eulenspiegel um einige Jahrhunderte und lässt den Schalk nun im 17. Jahrhundert auf seine im intellektuell unterlegenen Mitmenschen treffen. So stellt er nicht nur ihre Unzulänglichkeiten heraus, sondern kritisiert auch die Gesellschaftsstruktur und vor allem die Macht der Herrscher – gewagt in Zeiten eines der am schlimmsten Wütenden Kriege auf deutschem Boden.

Die Handlung folgt Tyll nicht chronologisch, viel mehr bleibt auch Kehlmann bei einer episodenhaften Sammlung von Ereignissen, die letztlich alle dem übergeordneten Zweck dienen, die Relevanz Till Eulenspiegels und seine bis heute gegebene Popularität zu begründen. So ist es denn auch weniger die Geschichte selbst, die mich überzeugen konnte, als die herrlichen Dialoge, die Worte und vor allem der Unsinn, den Kehlmann seinen Figuren in den Mund legt, die einem mehr als einmal zum Schmunzeln bringen. So zum Beispiel die Diskussion um die Hässlichkeit der deutschen Sprache, der man keine Zukunft voraussagt – wie auch, wird die Welt nach eingehender Berechnung ohnehin in wenigen Dekaden zugrunde gehen.

Literatur soll unterhalten und nicht zwingend Abbild der Realität sein, so gesehen ist die historische Ungenauigkeit im Roman durchaus akzeptabel und schmälert nicht das Vergnügen beim Zuhören.

Michela Murgia – Chirú

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Michela Murgia – Chirú

Viele Jahre sind vergangen seit Eleonora zuletzt einen Schüler angenommen hatte. Zu stark war der Schmerz nach dem Selbstmord Nins. Als die Chirú zum ersten Mal begegnet, sieht sie sofort, dass sie den 18-Jährigen Violinisten begleiten, ihn in das Leben der Kunst einführen muss. Unbedarft ist Chirú, aber ein gelehriger Schüler, doch seine Lehrerin unterschätzt ihn. Zunehmend und schmerzhaft muss sie erkennen, dass er nicht nur schnell lernt, sondern vor allem eine scharfe analytische Beobachtungsgabe besitzt, die er in Worte umzusetzen vermag, die nicht nur ins Schwarze treffen, sondern dort auch wie Dolche einstoßen und die Brutalität der Wahrheit geäußert durch seine Jugend umso schlimmer erscheinen lassen.

Michela Murgias Roman liest sich ausnehmend langsam. Voller leiser Töne, einzelner Sätze, die ihre Zeit einfordern aufgrund der Bedeutungsschwere, die ihnen innewohnt. Man kann nicht oberflächlich über sie hinweggehen, zu viel liegt darunter, was sich nach und nach entfalten will.

Ihre beiden Protagonisten sind ein ungewöhnliches Paar. Eleonora, erfolgreiche Theaterschauspielerin und Freigeist, lässt sich weder gedanklich einsperren noch von Konventionen begrenzen und doch lebt sie genau jene wiederum und bringt sie ihren Schützlingen bei. Chirú, der sich unweigerlich in diese attraktive und unnahbare Frau verlieben muss, bewundert sie und saugt ihre Worte regelrecht auf. Doch die Nähe, die zwischen beiden entsteht, wird durch ihre Tournee unterbrochen und ihre über Monate gepflegte Nähe erfährt nun eine plötzliche Loslösung.

Eigentlich sind die Rollen klar verteilt: sie die ältere, weisere, die Lehrerin. Er der jung, vielleicht noch naive Schüler. Doch früh schon zeigt sich, dass mehr in ihm steckt. Er durchschaut sie: das äußere Bild einer Bürgerin, einer Frau, die nicht gefallen will, die im Inneren jedoch einsam ist und unglücklich. Die Maske, die sie auf der Bühne trägt, hat sie auch im Leben für sich gefunden. Sie ist verletzt von seinen Worten und muss doch die Treffsicherheit anerkennen.  Ihm kann sie nichts vormachen. So auch nicht ihre Beziehung zu Martin verheimlichen. Doch sie kann den jungen Schüler nicht einfach aufgeben, auch wenn dieser offenkundig für sie schwärmt. Zu sehr reizt sie das Gefühl der Allmacht, den Einfluss, den sie auf ihn hat. Für diesen Hochmut wird sie bezahlen, sie ahnt es und doch rennt sie sehenden Auges weiter.

Han Kang – Menschenwerk

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Han Kang – Menschenwerk

Dass Studentenbewegungen selten friedlich enden und die jungen Menschen auch meist ihre Ziele nicht erreichen, ist bekannt. Die Autorin Han Kang, weltweit 2016 mit dem Gewinn des Man Booker Prize International für ihren Roman „The Vegetarian“ bekannt geworden, greift in ihrem nunmehr 13. Roman die eskalierenden Studentendemonstrationen ihrer Heimatstadt Gwangju in Südkorea auf. Entstanden aus Protest gegen die herrschende Militärdiktatur fanden die Tage der Eskalation im Mai 1980 mit dem Massaker in Gwangju ihren traurigen Höhepunkt. Die Zahl der Toten schwankt je nach Quelle zwischen 150 und 2000, die der Verletzten geht bis an die 4000. Die Verhaftungen sind vielfach nicht nachvollziehbar, auch über 25 Jahre später vermissten viele Familien immer noch angehörige.

Hat man Han Kang schon einmal gelesen, weiß man, dass man auf vieles gefasst sein muss und dass die Autorin dem Leser nur wenig erspart. Wir erfahren vom Schicksal verschiedener Figuren, die alle irgendwie in die Tumulte geraten sind. Zuerst der junge Dong-Ho, der die Aufbahrung unzähliger Toter bestaunt und bald selbst dabei hilft, diese zu waschen und für die Identifizierung vorzubereiten. Auch Jeong-Dae berichtet von seinem Schicksal, ebenso Eun-Suk, die Verlagsmitarbeiterin, deren Folter sogar noch schlimmere seelische Wunden hinterlassen hat, als die physischen, die viele ihrer Mitbürger in dieser Zeit und auch in den Jahren danach noch erleiden mussten. Auch die Berichte der anderen sind voller Brutalität des Regimes – viel mehr als man oftmals als Leser ertragen kann.

Es sind vor allem die Gedanken der Figuren, die sich beim Lesen einbrennen, vor allem jene von Eun-Suk, die einstmals große Pläne für ein Studium hatte. Das Leben jedoch hatte einen anderen Plan für sie:

Sie jedoch will nur so schnell wie möglich alt werden. Sie wünschte, dieses verdammte Leben würde keine Sekunde länger dauern als nötig.

Den Lebenswillen hat sie längst verloren, was kann ihr dieses Dasein auch bieten?

Von Anfang an war es nicht ihre Absicht gewesen, alles zu tun, um zu überleben.

Schon während der Proteste konnten viele sehr realistisch ihre Lage einschätzen, aber was hatten sie faktisch zu verlieren?

Rückblickend war es ein idiotisches Unterfangen, aber wir wollten daran glauben. Unsere Chancen zu sterben waren ebenso hoch wie die zu überleben. Entweder wir hielten uns oder wir gingen unter.

Das Gewissen verleiht ihnen Kraft und Macht, das Gefühl keine Angst mehr zu haben, verleiht ihnen Flügel. Zum Scheitern verurteilt, können sie nicht aufgeben. Und wer überlebt, wird Zeuge der Absurdität und Willkür des Regimes.

Inwieweit der Roman faktisch korrekt ist bzw. das Geschilderte exakt so hätte geschehen können, kann ich nicht einschätzen. Aber es wirkt authentisch und glaubwürdig, keine Sekunde zweifelt man daran, dass sich alles genau so zugetragen haben könnte. Schließlich ist ein grausames Zeitzeugnis entstanden, das hoffentlich diejenigen trifft, die daran mitgearbeitet haben.

Virginie Despentes – Vernon Subutex

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Virginie Despentes – Vernon Subutex

QUI EST VERNON SUBUTEX ?

Une légende urbaine.

Un ange déchu.

Un disparu qui ne cesse de ressurgir.

Le détenteur d’un secret.

Le dernier témoin d’un monde disparu.

L’ultime visage de notre comédie inhumaine.

Notre fantôme à tous.

Besser als die Internetseite von Grasset kann man die Frage danach, wer Vernon Subutex, Namensgeber von Virginie Despentes achtem Roman und erstem Band einer Trilogie, nicht zusammenfassen. Eine Legende, gefallener Engel, ein Verschollener, der immer wieder auftaucht, Geheimnisträger und letzter Zeuge, das Gesicht der unmenschlichen Komödie und unser aller Phantom.

Einst war Vernon erfolgreicher DJ und Plattenladenbesitzer in Paris, jeder konnte ihn alles Mögliche zur Musik befragen, doch die Zeiten haben sich geändert und was sich seit einiger Zeit bereits abzeichnete, wird nun Realität: schon länger Sozialhilfebezieher und weitgehend passiv in seiner Wohnung verharrend, fliegt er nun aus selbiger und findet sich plötzlich als Obdachloser auf der Straße wieder. Erster Plan: seine Freunde. Nach und nach sucht er sie auf und kann für wenige Tage jeweils bei ihnen unterkommen. So lernt man auch deren Leben und Schicksal kennen.

Alex Bleach hat ihm immer aus der Patsche geholfen und Geld geliehen, doch der bekannte und erfolgreiche Sänger ist gerade verstorben und kann seinen Freund nicht mehr unterstützen. Die anderen Freunde könnten verschiedener kaum sein: ein gutbürgerlicher Familienvater, eine ehemalige Pornodarstellerin, ein prügelnder Gatte – das ganze Leben und keim Platz für Vernon.

Virginie Despentes fängt das pralle Leben ein. Nicht nur Vernon und seine Freunde, sondern auch die zahlreichen Nebenfiguren– ein Rechtsextremer, eine verschleierte Muslimin, ein Kokaindealer, ein Transsexueller – bieten die ganze Bandbreite der französischen Gesellschaft, wobei sich viele an deren Rand befinden und ausgeschlossen werden von der christlichen, in geordneten klassischen Familienverhältnissen lebenden Mehrheit. Die Autorin ist bekannt für ihre pointierten und direkten Angriffe auf genau diese Masse, die die Augen verschließt vor dem Leid um sie herum und die andere Lebensentwürfe ablehnt und aburteilt.

„Vernon Subutex 1“ wurde unter anderem mit den Prix Anaïs-Nin ausgezeichnet, der Werke für ihre außergewöhnliche Stimme und Originalität sowie der Infragestellung der moralischen Ordnung ehrt. Das ist Virginie Despentes ganz sicher gelungen. Der Roman hat erwartungsgemäß polarisiert, er will gar nicht erst irgendetwas beschönigen und so steht die grausame Realität, vor der man gerne die Augen verschließen möchte, plötzlich vor dem inneren Auge auf. Nicht immer schön zu lesen, manchmal brutal und abstoßend, aber: so ist das Leben nun einmal.

Jami Attenberg – Ehemänner

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Jami Attenberg – Ehemänner

Sechs Jahre schon liegt Martin im Koma. Sechs lange Jahre steht auch das Leben seiner Frau Jarvis still. Zwischen dem New Yorker Loft und dem Pflegeheim pendelt sie, darüber hinaus hat sie eigentlich kein Leben mehr, keine Bekanntschaften, die sie pflegt, keine Freundschaften. Als sie dank einer defekten Waschmaschine in einem Waschsalon auf Tony, Mal und Scott trifft, wird plötzlich der Lebensmut wieder in Jarvis geweckt. Sie findet die drei Haus- und Ehemänner spontan sympathisch und fiebert jedem Treffen entgegen. Langsam hinterfragt sie ihr gegenwärtiges Lebenskonstrukt und als sie beginnt sich um Martins künstlerische Hinterlassenschaften zu kümmern, lernt sie zu ihrem Leidwesen auch eine Seite ihres Ehemanns kennen, die ihr bis dato nicht bekannt war. Sie muss sich entscheiden: weitermachen wie bisher oder eine lebenswichtige Entscheidung treffen.

Jami Attenbergs Roman „Ehemänner“ ist bereits vor zehn Jahren erschienen, wurde jedoch jetzt erst in deutscher Übersetzung aufgelegt. Meiner Meinung nach merkt man, dass dies ihr erster Roman nach der Veröffentlichung von Kurzgeschichten war, ihr späterer Durchbruch und Erfolgsroman „The Middlesteins“ ist schon deutlich ausgereifter und im Humor subtiler. Nichtsdestotrotz erkennt man schon in diesem Roman das Potenzial der Autorin.

Dies zeigt sich vor allem in der Figurenzeichnung. Jarvis ist ein sehr eigenwilliger Charakter, der jedoch nichtsdestotrotz authentisch und lebendig wirkt. Ihre Situation ist fern von alltäglich, aber die grundsätzliche Frage, ob man in seinem Leben gefangen ist und sich ob der eigenen Passivität dem Schicksal hingibt oder den Mut besitzt, aktiv zu werden und auszubrechen, ist wiederum eine sehr weit verbreitete Problematik, der sich viele Menschen gegenübersehen. Eine kleine Begegnung, zufällig, ungeplant und kurz, bringt schließlich den Stein ins Rollen und das sorgsam aufgebaute Lebensgerüst ins Wanken. Dass dies schmerzlich sein kann, muss auch Jarvis erfahren. Jami Attenberg erspart ihrer Protagonistin nichts, der Ausbruch geht nicht ohne Leiden und Schrammen vonstatten – aber so ist das Leben und das hat die Autorin eingefangen.

Einmal mehr konnte sie mich Jami Attenberg jedoch vor allem mit der Atmosphäre überzeugen, die sie in ihrem Roman schafft. Man taucht in New York bzw. Williamsburg ein, spürt den Puls der Stadt, die jüdische und von Künstlern geprägte Umgebung, die ihren ganz eigenen Rhythmus lebt. Überhaupt hat sie für mein Empfinden speziell die kleine und recht überschaubare Artistenszene sehr glaubwürdig dargestellt: der Neid und Egoismus, mit dem die Karrieren verfolgt werden; Freundschaften und Beziehungen, die dem Erfolg untergeordnet werden. Auf der anderen Seite aber auch die noch erfolglosen Tingler wie die Ehemänner aus dem Waschsalon, die sich dank des Einkommens der Partnerinnen oder kleinerer Jobs über Wasser halten, bis vielleicht irgendwann der Durchbruch kommt – oder auch nicht. Das alles lebt von Jami Attenbergs Ausdruckstalent, bemerkenswert wie sie immer wieder kuriose Vergleiche und treffende Formulierungen findet, um die Dinge auf den Punkt zu bringen.

Auch wenn für mich das Ende nicht ganz überzeugend ist, ein lesenswerter Roman über eine Frau am Scheideweg ihres Lebens.

Paolo Cognetti – Acht Berge

Acht Berge von Paolo Cognetti
Paolo Cognetti – Acht Berge

Die Begeisterung seiner Eltern für die Berge bekommt Pietro schon als Junge mit. Als sie sich endlich entschließen, eine eigene Hütte zu kaufen, ist klar, dass er die kommenden Sommer dort verbringen wird. Schnell freundet er sich mit Bruno an, der schon als Kind seine Eltern beim Hüten der Kühe unterstützen muss. Gemeinsam erkunden Bruno und Pietro die Wälder, Wiesen und Berge – eine Leidenschaft, die sie ihr Leben lang teilen werden und die ihr wichtigstes Verbindungsglied sein wird. Als junge Männer trennen sich zwar ihre Lebenswege, nicht jedoch die Freundschaft. Als Erwachsene teilen sie neben der Liebe zu den Bergen auch das Leid, das beide auf unterschiedliche Weise erfahren. Obwohl sie verschiedener kaum sein könnten, ist das Band, das sie als Jungen geknüpft haben, fest und reißt nie.

Man kann in Paolo Cognettis Roman in jeder Zeile seine Leidenschaft für die Walliser Alpen spüren. Ich habe selten einen Roman mit derart intensiven Landschaftsbeschreibungen gelesen, die jedoch niemals langweilen, sondern im Gegenteil durch ihre Poesie und Strahlkraft problemlos die Begeisterung des Autors vermitteln und den Leser buchstäblich miterleben lassen.

Im Zentrum der Handlung stehen Pietro und Bruno. Es ist kein ganz typischer Roman über das Erwachsenwerden. Zwar hat man ganz charakteristische Phasen – die Auseinandersetzung mit den Eltern, ihren Werten und den gewählten Lebenswegen; die beruflichen Überlegungen und Entscheidungen; die erste Liebe und die große Liebe – aber letztlich ist es die Freundschaft, die all dies überdauert und die beiden Jungen und später Männer immer wieder zueinander führt. Gemeinsame Erlebnisse können verbinden und um für einander da zu sein und sich zu unterstützen bedarf es keiner dauernden Präsenz.

Auch wenn der Roman auf der Handlungsebene viele interessante und beachtenswerte Aspekte bietet, sind es letztlich die Landschaftsbeschreibungen, die Erlebnisse in der Natur und die Gewalt selbiger, die bisweilen keine Gnade kennt, die hervorstechen und in Erinnerung bleiben. Manch ein Leser man diese überfliegen, lässt man sich auf sie ein, nimmt das Lesen einen anderen Rhythmus ein, wird langsamer und intensiver.

Jabbour Douaihy – Morgen des Zorns

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Jabbour Douaihy – Morgen des Zorns

Viele Jahre schon war Elija nicht mehr in seiner libanesischen Heimat, 20 Jahre sind vergangen seit ihn seine Mutter wegschickte. Doch nun als Erwachsener will er wissen, was damals geschah, wie sein Vater ums Leben kam und weshalb seine Kindheit so verlief, wie sie war. In dem Dorf erkennt man ihn sofort wieder, doch die Menschen sind verhalten, sie wollen nur ungern über die Ereignisse jener Zeit sprechen, die von einer Blutfehde gekennzeichnet war und Freunde zu Feinden machte, Familien auseinanderriss und Eltern von ihren Kindern trennte. Doch Elija bleibt hartnäckig, er will endlich die Wahrheit erfahren.

Jabbour Douaihy nimmt den Leser mit in eine fremde Welt, die von anderen Gesetzen bestimmt wird als denen, die uns in der westlichen Welt bekannt sind. Massaker waren im Libanon lange Zeit an der Tagesordnung, kaum eine Familie hatte nicht Söhne im blutigen Bürgerkrieg verloren oder in der Libanonkrise der 50er Jahre, auf die der Roman Bezug nimmt. Ein Land mit unzähligen Religionen, Familienclans und Minderheiten, in unmittelbarer Nähe zu den großen Konfliktherden auch unserer Zeit, ein permanentes Pulverfass, das zu explodieren droht.

Was dem Autor unglaublich gut gelingt, ist die Atmosphäre in dem kleinen Dorf einzufangen. Zwar gehört Elija eigentlich zur Bevölkerung, seine lange Abwesenheit lässt jedoch Mauern entstehen, die ihn ausschließen. Er ist keiner mehr von ihnen, genaugenommen war er das nie, denn seine Geburt stand unter keinem guten Stern. Sein Vater war schon nicht mehr am Leben und ob er wirklich der Erzeuger war, wurde schnell infrage gestellt nachdem seine Mutter zuvor 15 Jahre lang kinderlos geblieben war. Auch wenn augenscheinlich inzwischen Friede eingekehrt ist, sind die Verläufe der Grenzlinien doch klar und Misstrauen und Hass noch immer greifbar. Ein Toter auf einer Seite erforderte zwei Opfer auf der anderen, um angemessene Rache zu verüben. Die Rollen von Männern und Frauen waren klar verteilt und jetzt erst versteht Elija, weshalb seine Mutter ihn damals aus dieser Umgebung wegschickte. Nicht weil sie ihn nicht wollte, sondern um ihn zu schützen, vor davor so zu enden wie einst sein Vater.

Eliza Robertson – Demi-Gods

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Eliza Robertson – Demi-Gods

Summertime in the early 1950s. Willa and her older sister Joan would like to have a relaxing time at their summer home together with their mom. But the mother has a new lover, Eugene, and to the girls‘ surprise, Eugene has invited his two sons to spend the summer with them. Kenneth and Patrick are slightly older than the girls immediately attract their attention. No, they definitely are not like brothers and sisters, Joan and Kenneth quickly fall for each other. For Willa and Patrick things are not that easy. Over the next years, they regularly meet and between Willa and Patrick a strange connection is formed. On the one hand, the boy can arouse feelings in her, but on the other, what he is doing to her repels her and she senses that his behaviour is far from being normal and acceptable. But what is there she can to about it? It will take years until she can free herself.

“Demi-God” – according to the Merriam-Webster definition, it is a mythological being with more power than a mortal but less than a god or a person so outstanding as to seem to approach the divine. For all female members of the family, the male counterparts are somehow demi-gods, at least in so far as they cannot refrain from their attraction. The mother is charmed by Eugene, Joan falls for Kenneth and also Willa has a special liking for Patrick. It is not quite clear what makes those three that outstanding, but their appeal is obvious. They can exert power over the women in different ways, but it is only Patrick how openly abuses this.

Before coming to this, what I liked especially about the novel was the atmosphere. You can sense immediately that Eliza Robertson is great at creating certain moods and you actually can feel this carefree time of being young during summer holidays when the days seem endless, when the sun is shining and when there are no worries and fears. I also appreciated her characters, first of all the mother who is neither completely stereotypical but nevertheless clearly represents a certain kind of woman of her time. In the focus of the novel are the girls and their relationship. It is not always easy to be sisters, at times they can confide in each other, at others they can’t. Yet, there is something like unconditional love between them, if one needs the other, she can surely count on her.

In this nice and loving ambiance now enters the evil that can be found in human beings. To name it openly, the novel is about sexual abuse, about menacing and exerting power over a weaker person. Willa is first too young, then unsure of how to react and how to qualify what happens to her. It is not the all bad and awful situation – this is what makes the novel especially impressive. It only happens at single instances, partly, she isn’t even sure if she did actually refuse it or even contributed to it happening. This makes it even more awful, because the girl is left alone with her feelings and worries. She plays normal and hides what has happened. It does not take much to imagine that there might be millions of girls out there suffering from the same abuse and feeling helpless and powerless.

Thus, the novel takes up a very serious topic and hopefully some readers might recognize that what Willa is going through is far from acceptable and can find a way of seeking help if they are in need.