Saphia Azzeddine – Sa mère

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Saphia Azzeddine – Sa mère

L’accouchement sous X – cette loi française permet à une femme d’accoucher et d’abandonner son bébé sans révéler son identité. Marie-Adélaïde était un tel bébé et comme elle ne connait ni ses parents ni son destin, c’est la rage qui la dirige dans la vie. Peu diplomate, elle a toujours des problèmes, avec ses camarades, ses collègues et même ses patrons. Elle ne peut ni ne veut accepter les conventions et en plus, elle ne peut pas imaginer des personnes qui ne lui veulent pas, qui l’aiment même et qui s’intéressent à elle. Le jour de son 18e anniversaire, elle a le droit de lire son dossier et d’avoir, finalement, un nom qui la mène à sa mère. Qui est cette femme qui a abandonné sa fille, qui ne s’intéresse pas à sa vie et son sort ? Y aura-t-il la chance de revivre une enfance passée ?

Marie-Adélaïde est une héroïne difficile à aimer. La colère qui règne en elle ne le rend pas facile à l’embrasser et comprendre. Le fait qu’elle se retrouve en prison n’est pas trop surprenant si on considère sa manière de traiter ses prochains. Son assistante sociale aussi met un grand effort à lui montrer comment retourner en société – mais Marie-Adélaïde a le sentiment d’être volée une enfance qu’elle aurait méritée et ainsi, elle n’est pas capable de se comporter doucement et tranquillement.

Le roman devient le plus intéressant au moment où Marie-Adélaïde commence à faire des recherches sur sa mère. Incrédule d’abord, elle ne peut pas croire ce qu’elle lit dans le dossier et ce que son détective privé révèle. La rencontre avec la mère, finalement, est aussi bien singulier et convient bien avec le caractère et la biographie de la fille. Le procès du rapprochement entre mère et fille est raconté avec une douceur éblouissante comme toutes les deux n’ont pas d’expérience avec la proximité, avec être mère ou fille, seulement des idées comment cela doit être, mais parfois cela a l’air de ne pas être correct et juste pour elles.

Encore une fois, comme dans les autres romans de Saphia Azzeddinne, l’auteur arrive à trouver un ton particulier pour sa narratrice qui reflète son état d’âme et son caractère. Marie-Adélaïde – déjà son nom signifie une rupture avec le destin attendu d’une fille adoptée – vit une vie « transitoire », entre réalité et rêve – des rêves qu’elle n’a pas. Elle a la tête sur les épaules et n’attend pas trop de sa vie ce qui la rend bien directe envers les autres. Quoique l’histoire soit pleine de chagrin et tristesse, il y beaucoup de moments à éclater de rire où au moins à sourire. Enfin, Marie-Adélaïde est aimable et on lui souhaite le meilleur – mais la vie ne fonctionne pas de cette manière.

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Jaroslav Kalfař – Eine kurze Geschichte der böhmischen Raumfahrt

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Jaroslav Kalfař – Eine kurze Geschichte der böhmischen Raumfahrt

Die Welt steht kurz vor einer Katastrophe: die Chopra Wolke nähert sich und wie gefährlich sie wirklich ist, scheint kaum absehbar. Ein Flug mit einem Affen zu ihr war erfolgreich und nun muss eine bemannte Raumsonde sich dem Phänomen nähern und es untersuchen. Ausgerechnet Tschechien wird diese Mission unternehmen. Das kleine Land sieht seine Chance für internationalen Ruhm gekommen und Jakub Procházka soll Böhmen in dieser schwierigen Unternehmung vertreten. So richtig geeignet ist er mit seinem labilen Magen nicht, aber die Aussicht auf Berühmtheit ist verlockend. Nur wenige Wochen nach Anbruch der achtmonatigen Reise ins Ungewisse gerät jedoch Jakubs Welt aus der Ferne aus den Fugen: seine Frau Lenka verlässt ihn völlig unerwartet und verweigert den Kontakt. Einsam fern des Heimatplaneten beginnt Jakub zu phantasieren und philosophische Gespräche mit außerirdischen Wesen zu führen. Mit dem Eintritt in die Wolke scheint jedoch sein Schicksal besiegelt: das Raumschiff ist der Materie nicht gewachsen und Jakub wird wohl für sein Land sein Leben geben müssen.

Schon der Titel des Romans weckt ob der Kuriosität das Interesse, kopiert er einerseits die typischen Sachbuchtitel und ruft doch sofort ungläubiges Stutzen hervor: Böhmen? Raumfahrt? Was soll dieser Unfug denn? Und es ist ein herrlicher Unfug, den Jaroslav Kalfar da verfasst hat. Sein Protagonist Jakub ist ein etwas kauziger Astronaut, der mit der ebenfalls leicht verschrobenen Lenka eine passende Partnerin gefunden zu haben scheint. Auch das außerirdische Wesen, von Jakub Hanuš getauft und sein einziger Begleiter und Gesprächspartner, ist ein interessanter Charakter, der die Welt und ihre Bewohner mit einem herrlich neugierig-distanzierten Blick beobachtet und versucht diese Spezies zu verstehen.

Vor diesem kuriosen Hintergrund breitet Kalfar jedoch noch eine ganz andere Geschichte aus, die dem Buch eine ungeahnte Tiefe verleiht. Jakubs Vater war einst als Diener des einst kommunistischen Staates für Folterungen zahlreicher Mitmenschen verantwortlich. Nach dem Zusammenbruch des Ostblocks erlebt die Familie einen Umschwung: jahrelang haben sie finanziell von der Position profitiert, doch nun werden sie verachtet und bedroht. Der kleine Jakub wird Opfer nicht nur von verbalen Beschimpfungen, sondern auch von Angriffen, die ihn schwer verletzten. Ein auf Rache sinnender Mann vertreibt die Großeltern gar aus ihrem Haus, das sie jahrzehntelang bewohnten. Dies hinterlässt Spuren und Jakub ist vermutlich repräsentativ für eine ganze Generation von Kindern, die den Umbruch erlebten und die in unterschiedlicher Weise Verantwortung tragen müssen für Dinge, die ihre Eltern getan hatten.

Die Beziehung zwischen Lenka und Jakub ist ebenfalls interessant zu beobachten. Auch wenn hier ein extremer Ausnahmefall geschildert wird, bleibt die Grundkonstellation doch ein tagtägliches Phänomen: der Mann macht Karriere und die Frau muss alle damit verbundenen Entbehrungen ungefragt ertragen. Lenka hatte keine Wahl, sie durfte noch nicht einmal eine Meinung haben und nun steht sie allein zurückgelassen auf der Erde. Ich fand ihren Einwand im Gespräch mit Dr. Kuřák, dass eine Ehe ein Vertrag darüber sei, dass man das Leben gemeinsam meistern wolle und dann nicht einfach einer abhauen kann, durchaus nachvollziehbar und richtig. Ihre Rolle als Penelope, die als treue Ehefrau die Hände in den Schoß legen und auf die Rückkehr des Mannes warten muss, lehnt sie zurecht ab und folgt so dem Vorbild moderner Frauen.

All dies wird in einem charmanten Ton erzählt. Kalfar und die Übersetzerin Barbara Heller finden Formulierungen, die einem immer wieder schmunzeln lassen. Vor allem Hanuš werden wunderbare Beobachtungen in den Mund gelegt:

„Wenn du mich fragst, stehen die soziokulturellen Rituale deiner Gesellschaft im Widerspruch zur biologischen Realität.“ oder

„Das kardiovaskuläre Organ, das deine biologischen Funktionen steuert, löst unregelmäßige Vibrationen aus – ein schlechtes Zeichen, nehme ich an.“

Ganz nebenbei wird auch noch die Geschichte des tschechischen Nationalheiligen Jan Hus erzählt, die unerwartete parallelen mit Jakub aufweisen wird und so einem breiten Publikum auch außerhalb des kleinen Nachbarlandes bekannt wird.

Ein überraschend vielschichtiger Roman, der jedoch vor allem durch den lockeren, bisweilen fast ironischen Ton zu einer unterhaltsamen Lektüre wird.

 

C.E. Morgan – The Sport of Kings

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C.E. Morgan – The Sport of Kings

The saga of a family. A family whose life is linked to the soil on which they live and to the horses they breed. John Henry Forge raises his son Henry in the tradition of the white settlers of Kentucky. The supremacy of the white race is never questioned and on the family farm, the roles are clearly ascribed. Young Henry has a dream, already when he is just a small boy, he sees their land as the perfect place for breeding horses, but his father will hear nothing of this. When he takes over the farm, his chance arises and he becomes one of the best in the business. Yet, not only in horses is it important to take care of the blood line, he also chooses his wife with care and thus can produce the perfect white child: Henrietta. Like father like daughter does she grow up learning about the white race’s authority and rule. But times are a changing in the 20th century and creating the perfect race horse and the perfect daughter might not be enough anymore.

C.E. Morgan’s novel has been nominated for most of the important prizes for literature in 2016 and 2017: It has been shortlisted for the Baileys Women’s Prize for Fiction 2017, for the Rathbones Folio Prize 2017, for the James Tait Black Fiction Prize 2016; it was finalist for the Pulitzer Prize for Fiction 2017 and won the Kirkus fiction prize 2017 and the Windham–Campbell Literature Prize 2016. It made the second place on the BBC books of the year 2016 list. Coming with so much glory, the expectations were high and the author easily matched them.

To say what the novel is actually about, is not that easy. Quite logically considering its length, there is a lot in it. First of all, the Forge family. The way the children are raised, the relationships between the generations but also between the spouses are interesting to observe in the way not only they are at a fixed moment in time – I really pitied young Henry when he wanted to share his dreams and visions with his stubborn father – but also how they develop over the time, here Henrietta plays the most important role. Even though she is a woman and as such by nature inferior to men, she can take over the male role and successfully lead the dynasty. But there is not much affection between the characters. It is especially Henrietta who realizes that she is lacking love and warmth and since she has never learnt how to express her feelings, she seriously struggles in getting involved with somebody. It is the women who struggle most with society’s expectations and their inner feelings – not only at the beginning, but also after the year 2000:

“The irony was bare and bitter and unavoidable: she was a woman, so she was a slave to life. Never before had she understood the brutal actuality of life in a body she didn’t choose. (…) Women invited death when they let men inside their bodies! Why did they do it? Love couldn’t possibly be worth it.”

Apart from the humans, the breeding of the horses plays a major role in the plot. I am not into horses at all and know almost nothing about these animals. But it is fascinating to see how close the characters get with them, how they observe details and can communicate with and understand them Also the idea of breeding the perfect race horse is quite appealing and interesting. Admittedly, would I have been asked before if I was interested in the description of a horse race, I certainly would have disagreed, but I was wrong.

Last but not least, a major topic is also slavery, resp. the formal abolition of it but the remaining prejudices in the heads – of the whites as well as the blacks. Even in the year 2006, equally has not been established. There have been improvements, but due to inheritance, a family name and the like – unfortunately not only in literature.

Apart from the plot, it is also C. E. Morgan’s masterly writing which makes reading the novel a pleasure. To tell the stories of the different family members, she finds an individual tone for them. John Henry is reserved, unkind and rather factual. Young Henry is full of childish amazement and effervescent until he becomes the head of the family. Strongest are the women, first of all Henrietta, but also her mother Judith and the housekeeper Maryleen and Allmon’s mother. She gives them a voice and especially thoughts they share with the readers which make them really come to life. She finds metaphors as well as comments by the narrator which sometimes even addresses you directly. The tone is serious at times, funny at others, sometimes sad, rarely joyful – just as life can be.

Paul Auster – Nacht des Orakels

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Paul Auster – Nacht des Orakels

Der Schriftsteller Sidney Orr erinnert sich an neun Tage im September 1982, die sein Leben nachhaltig verändern sollten. Gerade von einer sehr schweren Erkrankung genesen, erwirbt er am Vormittag des 18.9.1982 in einem wundersamen Schreibwarenladen in Brooklyn ein neues Notizheft. Sobald er dieses öffnet, fließen die Geschichten nur so aus ihm heraus, unter anderem die um Nick Bowen, einem Literaturagenten, den das Lesen des Manuskripts „Nacht des Orakels“ dazu veranlasst, sein bisheriges Leben hinter sich zu lassen. Doch Sidney Orr führt seinen Protagonisten in eine Sackgasse und eine neue Schreibblockade droht. Er möchte ein weiteres Schreibheft erwerben, doch der Laden ist nur 48 Stunden später verschwunden. Nicht nur seine beruflichen Sorgen, eng gekoppelt mit den finanziellen Nöten nach seiner langen Erkrankung, sondern auch das Verhalten seiner Frau Grace, die unvermittelt in Tränen ausbricht, dann plötzlich für einen ganzen Tag verschwindet, bereiten ihm Kopfzerbrechen. Sein alter Freund John Trause könnte ihm mentale Unterstützung bieten, doch dieser ist ebenfalls krank und der Ärger um seinen Sohn nimmt ihn gänzlich in Beschlag und plötzlich überschlagen sich die Ereignisse. Nur 10 Tage nach der Entdeckung des geheimnisvollen Schreibhefts muss Sidney feststellen, dass in seinem Leben nichts mehr ist wie am Morgen des 18. September.

Paul Auster hat seinen Roman 2003 veröffentlicht und greift scheinbar in vielerlei Hinsicht auf biografische Elemente zurück. Die Handlung ist in Brooklyn angesiedelt, wo auch Auster lebt. Der Protagonist ist ein Autor wie Auster selbst, der nicht nur Romane veröffentlicht, sondern gelegentlich auch für den Film arbeitet; in den Figuren Trause (ein Anagramm von „Auster“) und Grace lassen sich Parallelen zu Auster selbst und zu seiner Frau Siri Hustvedt finden; Trauses Sohn ist drogenabhängig und kriminell ebenso wie Austers Sohn.

Interessant wir „Nacht des Orakels“ durch die vielfache Verschachtelung. Das Manuskript zum gleichnamigen Buch wird einer Figur überlassen, die sich der Protagonist ausdenkt – es gibt ein Buch im Buch im Buch. Auf allen drei Ebenen erleben die Figuren Zufälle, die ihr Leben tiefgreifend verändern und, noch viel bedeutender, es kommt zu ungewollten Prophezeiungen, deren Realisierung sie ins Unglück stürzt.

Austers Erzählstil hat einen hohen Wiederkennungswert, wer andere Bücher von ihm mochte, wird auch viel mit „Nacht des Orakels“ anfangen können. Es ist noch nicht so weit wie das 2017 erschienene Epos „4 3 2 1“, das sowohl in Konstruktion, Handlung und vor allem Figurenzeichnung deutlich komplexer geraten ist, kann aber gerade auch in der Hörbuchfassung von Jan-Josef Liefers vorgetragen, überzeugen und sehr gut unterhalten.

Olivier Adam – Die Summe aller Möglichkeiten

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Olivier Adam – Die Summe aller Möglichkeiten

Zweiundzwanzig Figuren, deren Wege sich im L’Estérel im Hinterland der Côte d’Azur kreuzen. Antoine, großes Fussballtalent, der jedoch an seinem unkontrollierten Temperament immer wieder scheitert und beruflich sowie im Privatleben nicht auf einen grünen Zweig kommt. Mit Baseballschlägern niedergeknüppelt und beinahe tot wird er ins Krankenhaus eingeliefert. Sein Freund Jeff scheint etwas zu wissen, ist aber selbst vor Angst wie gelähmt. Antoines Schwester Louise hat andere Sorgen, sie will nicht mehr länger die Ersatzmutter für ihn spielen. Die Mutter seines Sohnes Nino, Marion, ist zwar in einer neuen Partnerschaft, kann jedoch die noch vorhandenen Gefühle für ihren Ex nicht leugnen. Im Krankenhaus liegt auch Paul, der gerade seine geliebte Hélène verloren hat, dabei wollte er doch mit ihr in den Tod gehen. Ebenso wie Léa, deren Eltern sie seit Monaten vergeblich suchten. Die Polizei hat viel zu tun, nicht nur der Überfall auf Antoine wirft Fragen auch, auch ein Einbruch und das mysteriöse Verschwinden gleich mehrerer Bewohner stellt sie vor Rätsel.

Die Figuren geben sich buchstäblich den Staffelstab in die Hand. Nacheinander begegnen sie sich und erzählen ihre Geschichten und Sichtweisen. Antoine beginnt, bevor er an Marion übergibt, die bei ihrem Job im Hotel dem alten Ehepaar Paul und Hélène begegnet. So setzt sich die Geschichte fort, bis sie wieder mit Antoine beschlossen wird. Durch die unterschiedlichen Perspektiven ergeben die einzelnen Kapitel erst zusammen eine vollständige Geschichte.

„Das ist das Problem mit dem Leben, dachte Antoine. Dasjenige, das man hat, ist immer zu eng, und das, das man gerne hätte, ist zu groß, um es sich auch nur vorzustellen. Die Summe aller Möglichkeiten ist das Unendliche, das gegen null tendiert.“ Alle Figuren haben in ihrem Leben ihre Träume nicht verwirklichen könne. Sie haben Entscheidungen für und gegen etwas getroffen und sinnieren darüber nach, wie es auch, womöglich besser hätte sei. können. Zum Beispiel als erfolgreicher Fußballer, oder mit einem anderen Partner, oder ohne einen Schicksalsschlag. Das Leben, das sie ihres nennen, führt zu Frustration, Langeweile, Verzweiflung. Doch einen Ausweg gibt es nicht, sie haben nur das eine. Und andere Möglichkeiten bieten sich nicht mehr, dafür ist zu viel passiert.

Neben einer Sozialstudie des gesellschaftlichen Randes, der Kriminellen, der Gescheiterten, derjenigen mit mehreren Jobs, um zu überleben, bleibt auch eine gewisse Spannung nicht aus, denn die Frage, was mit Antoine geschehen ist, wer ihn aus welchem Grund beinahe ermordet hätte, zieht sich durch das Buch, wenn sie auch nicht stringent verfolgt wird. Die Auflösung ist symptomatisch für das Leben der Figuren und daher ausgesprochen passend und logisch.

Der Roman überzeugt aufgrund zweierlei Aspekte: die Form der Konstruktion ist ungewöhnlich und erfordert einen exakten Plan, um am Ende in dieser Weise aufzugehen und stimmig zu werden. Die Figurenzeichnung schafft die Balance, den einzelnen Charakteren eine Stimme zu verleihen ohne Mitleid zu erregen, obwohl die meisten in irgendeiner Form Verlierer sind, und ohne sie für ihr Leben zu verachten, auch wenn sie für vieles an ihrer aktuellen Situation selbst Verantwortung tragen. Alles in allem hat Olivier Adam erneut die hohen Erwartungen erfüllen können.

Kristina Pfister – Die Kunst, einen Dinosaurier zu falten

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Kristina Pfister – Die Kunst, einen Dinosaurier zu falten

Endlich das Studium beginnen, dann kann das richtige Leben nun losgehen. Doch Das Leben lässt auf Annika noch warten. Sie hangelt sich von Praktikum zu Praktikum, sitzt in fremden Städten in kleinen Wohnungen und die prekäre finanzielle Lage erlaubt ihr auch nicht einmal kleine Sprünge. Wochenlang beobachtet sie in einem Appartement auf der anderen Straßenseite eine junge Frau, die offenbar viele Freunde hat und das Leben ausgelassen genießt. So lernt sie Marie-Louise kennen, ein Freigeist, der nicht danach strebt, irgendwelche Erwartungen oder Normen zu erfüllen. Wieder in der Heimat wird Annika in die Zeit ihrer Kindheit zurückversetzt, wie damals lebt sie bei ihrer Mutter während die ehemaligen Schulfreunde scheinbar Karriere machen. Doch auch bei diesen ist der äußere Schein eine wacklige Fassade.

Kristina Pfister gelingt es überzeugend das Lebensgefühl der Generation Praktikum einzufangen. Einerseits die Erwartung, dass das Leben voller Abenteuer und Chancen ist, die man nur ergreifen muss; andererseits der Erfüllungs- und Leistungsdruck, die unsichere Zeit zwischen Studium und festem Arbeitsplatz und das Gefühl, noch gar nicht erwachsen genug für das Leben zu sein, das man führen soll. Sehr schön wird dies mit folgendem Satz von dem Freigeist Marie-Louise auf den Punkt gebracht:

„man muss aufpassen, dass freihändig Fahrrad fahren nicht das einzige Abenteuer bleibt, das man je erlebt hat“ (Pos. 320)

Dem entgegen stehen die weisen Sprüche des Therapeuten Öztürk, der Annika helfen soll, Struktur und Sinn in ihr Leben zu bringen:

„kleine Schritte. Jemanden ansprechen zum Beispiel.“ (Pos. 1958) oder

„manchmal müsse man sich überwinden, etwas zu tun, was man nicht tun wollte, damit die Dinge besser würden.“ (Pos. 2319)

Sie wirken geradezu absurd für eine junge Frau, die offenbar verloren im eigenen Dasein ist und zwischen den Extremen der Erwartungserfüller und den scheinbar völlig Freien hin und her schwankt und doch ihren Platz nicht findet.

Der Roman lebt nicht von der Handlung, diese ist passenderweise sehr überschaubar, denn Annikas Lebens ist zum Stillstand gekommen. Sie steckt fest und sieht keinen Weg heraus aus ihrem Dilemma. Es ist das Gefühl, das sie in dieser Situation begleitet und das den Roman trägt. Es passieren kleine, unwichtige Dinge. Ein Treffen mit Freunden, ein Konzertbesuch, aber die großen Ereignisse bleiben aus. Auch die Arbeit bietet kein mentales Futter, um den Gedankenkreislauf zu durchbrechen, stupide und uninspirierend werden dieselben Handgriffe Stunde um Stunde wiederholt.

Das Buch bietet keine Lösung, wie man aus diesem Strudel ausbrechen könnte – aber dies wäre auch absurd, die Ratschläge Öztürks verdeutlichen dies, es kann nur aus dem einzelnen selbst kommen, sich sein Leben zu gestalten, der Rat von außen bleibt weitgehend hohl.

Yves Petry – In Paradisum

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Yves Petry – In Paradisum

Man kennt die Geschichte aus den Nachrichten: ein Mann, Marino, tötet einen anderen, Bruno, auf Verlangen. Der Mörder wird verurteilt und muss ins Gefängnis. Dabei hat er doch lediglich einen Wunsch seines Geliebten erfüllt. Dieser steht ihm aus dem Jenseits bei uns erzählt, wie sich alles zugetragen hat. Marinos Kindheit, das Leben mit der Mutter, die Einsamkeit in seinem Computerladen, ein unscheinbares Leben. Anders dagegen Bruno, als Literaturprofessor eigentlich intellektuell am beruflichen Olymp, immer auf der Suche nach neuen Herausforderungen. Als sie sich begegnen, hat Bruno seinen Gehilfen gefunden. Zunächst als eine Art Liebesbeziehung – oder doch nur eine sexuelle Vereinigung – die nur die höchste Lust zum Ziel hat, ausgelebt im Moment des Todes.

Yves Petry zeichnet den Fall des Kannibalen von Rothenburg nach, verlegt die Handlung jedoch nach Belgien und verzichtet auf jede Form von reißerischem Gaffen. Dadurch, dass er dem Getöteten eine Stimme verleiht und nicht dem Mörder, schafft er eine völlig unerwartete Perspektive, die den Täter nahe an eine Opferrrolle heranrückt – die aus dieser Perspektive durchaus gerechtfertigt zu sein scheint. Die Tat selbst ist sekundär. Zwar wird geschildert, in welcher Weise Bruno letztlich den Tod findet, aber es geht hier nicht um Sensationsgier und Geheische um möglichste grausame Detailschilderung. Auch hat man mit der Stimme des gebildeten Literaturdozenten einen unerwarteten Erzähler, kein primitiver Mörder beichtet uns sein Leben, sondern ein eloquent und analytisch versierter Beobachter.

An manchen Stellen empfand ich den Roman als grenzwertig. Insbesondere die Schilderungen der Sexualität der beiden Männer, die schnell von Gewalt geprägt ist und ihre unverblümte Darstellung, war mir persönlich etwas zu viel. Auch die Wahl der Perspektive, die eine deutliche Absicht des Getöteten nahelegt, geradezu Nötigung des Mörders, bleibt für mich als Leserin problematisch. Man fühlt sich dahingedrängt, den Ausführenden zu bemitleiden – ist er aber wirklich so frei von Schuld? Konnte er wirklich nicht anders und mit freiem Willen handeln? Darf die problematische Kindheit und Jugend alles rechtfertigen, was danach geschieht?

Ein interessanter Roman, der nicht auf ausgetretenen Pfaden wandelt. Sicherlich nicht für das breite Publikum gemacht und mit sehr viel Verstörungspotenzial.

Philip Roth – Indignation

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Philip Roth – Indignation

Marcus Messner begins his sophomore year at Winesburg College. He is happy to finally leave his family, his father, a butcher, and his mother, always afraid. The college is quite conservative and from the start Marcus has problems adapting. For him, as a Jew, life is especially difficult. First, rather unsatisfying experiences with girls, the strict rules of the college and the Korean War looming – Marcus feels his life has already ended before it really began.

Philip Roth’s way of writing always catapults you into the life and head of his characters. Now, a small college in a rural area in 1951. It is not too easy this time to get a feeling of the setting, especially since “Indignation” is a rather short novel. The family structures, Marcus feeling of dependence and obligation towards his parents was understandable but it all remained a bit too distant from me as a reader. Also the development of the relationships – this is surely due to the fact that our lives are completely different today. A more in depth description and analysis might have revealed more about Marcus’ struggles here. His desperation and longing for a life to be lived nevertheless becomes clear and shows, eventually, that for some people this world has nothing to offer.

Nils Honne – Corporate Anarchy

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Nils Honne – Corporate Anarchy

Marvin hat einen durchschnittlichen Job bei einer Werbeagentur, führt ein durchschnittliches Leben und fällt auch sonst nicht weiter in der Masse auf. Mehr und mehr beschleicht ihn jedoch der Eindruck, dass die da oben alles bestimmen und Leute wie er, am unteren Ende, nur da sind, um deren Reichtum und Macht zu erhalten. Er widersetzt sich im Kleinen, geht auf Demos, schreibt Beschwerdemails, startet Internetkampagnen – ohne Erfolg. Dann gerät sein Leben plötzlich durcheinander, er schmeißt seinen Job hin und schließt sich einer autonomen Gruppe an, die nicht nur reden will, sondern etwas tut, um diese Gesellschaft zu retten. Lennard, der Anführer führt ihn ein in die Arbeitsweisen, er zeigt ihm, wie man Molotow-Cocktails baut und erfolgreich einsetzt. Mit ihm und den anderen kämpft Marvin fortan für eine bessere Welt – koste es, was es wolle.

Das Thema finde ich ungemein spannend: wie ticken Menschen, die sich in der Gesellschaft machtlos fühlen und daher beschließen, sich außerhalb der Normen und des Rechts zu bewegen, um ihre Interessen sichtbar zu machen und ihren Willen durchzusetzen. Man kennt diese Gruppierungen nur aus den Schlagzeilen, mal sind es vermummte Steinewerfer auf Demonstrationen, mal gelingt es Splittergruppen eine aufmerksamkeitserregende Aktion zu Ende zu führen. Aber Einblick erhält man selten.

Leider wurden meine Erwartungen nicht erfüllt. Marvin bleibt als Figur zu blass. Zu Beginn kommen seine Motive und das Gefühl der Machtlosigkeit noch ganz gut zum Tragen und motivieren glaubhaft seine Aktionen. Doch dann wird er zum Mitläufer, der nichts hinterfragt, zum Teil liebestoll hinterherläuft und nur noch Befehle ausführt, ohne von seinem Verstand Gebrauch zu machen. Zum einen finde ich solche Figuren langweilig, zum anderen erscheint es mir nicht stimmig, dass jemand, der zuvor ohne fremde Hilfe Strukturen und Missstände erkennen konnte, nun zum kopflosen Mitmacher avanciert. Auch die Motive der anderen Figuren der Gruppierung stellen sich schon bald als weit weniger gesellschaftskritisch heraus als man vermuten könnte, im Gegenteil, ganz persönliche Beweggründe sowie eine offenkundige psychische Erkrankung des Anführers begründen ihr Handeln.  Das ist mir zu wenig für einen relevanten Roman.

Eine stimmige Sicht auf die Lage der Nation, fundierte Argumentationen hätten über die begrenzt glaubwürdigen Aktionen (problemlos können sie an höchste Wirtschaftsbosse herankommen etc.) hinwegtrösten können, aber gerade hier liegt die große Schwäche des Romans, weil sie sich einer wirklichen Aussage entzieht. Es sei denn, Ziel war es alle anders oder linksautonom denkenden sollten pauschal als Irre dargestellt werden, die eben nichts Relevantes zu sagen haben.