Adriana Altaras – Die jüdische Souffleuse

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Adriana Altaras – Die jüdische Souffleuse

Die Ich-Erzählerin Adriana inszeniert in einer Kleinstadt Mozarts „Entführung aus dem Serail“, wo sie auf die Souffleuse Susanne trifft. Diese erweist sich als größte Herausforderung des Projekts, glaubt sie in Adriana eine Seelenverwandte gefunden zu haben, die ihr bei der Suche nach ihrer Familie helfen kann. Sie weiß um Adrianas Familiengeschichte und der jüdische Glaube verbindet beide. Susanne, eigentlich Sissele, lässt Adriana auch nach Ende der Spielzeit zurück in Berlin nicht los, bis sie plötzlich vor ihrer Tür steht und ihre Unterstützung einfordert. Gemeinsam machen sie sich auf die Suche und dabei erfährt die Erzählerin auch mehr über die Lebensgeschichte der ungewöhnlichen Frau: ein typisch jüdischer Irrweg über mehrere Kontinente, so aberwitzig, dass es nur wahr sein kann. Aber können sie wirklich nach all den Jahren Kontakt zu weiteren verwandten herstellen?

Adriana Altaras hat auch in früheren Büchern schon eigene Erfahrungen verarbeitet und immer wieder auch das Jüdisch-Sein zum Thema gemacht. In „Die jüdische Souffleuse“ steht zunächst die Theaterwelt im Vordergrund, das chaotisch-neurotische Treiben wird herrlich und lebendig beschrieben, dass sich zwischen all den Exzentrikern auch eine kuriose Souffleuse versteckt, verwundert nicht weiter. Im zweiten Teil rückt Susanne/Sissele mehr in den Fokus und mit ihr eine wahrlich unfassbaren Lebensgeschichte.

„Auch von Susanne habe ich ihm kurz erzählt. Eine jüdische Souffleuse in der Provinz! Er hat gelacht: »Auffangbecken Theater, der Ort für alle übrig gebliebenen Meschuggenen, neben Israel, versteht sich.«“

 Der Roman verbindet geschickt beide Geschichten miteinander, jene kunterbunte Opernwelt, in der alles nur Schein ist, und jene dunkle Zeit der deutschen Geschichte, die Leid und Elend und lebenslange Wunden geschaffen hat. Obwohl in letzterem nichts beschönigt oder relativiert wird, gelingt Altaras insgesamt doch ein heiterer Ton, gelegentlich melancholisch überlagert, aber immer wieder auch mit herrlichen Wortspielen, die ganz bewusst den typisch jüdischen Humor hervorheben, der von bitterer Selbstironie lebt: Gestrandet in Island stellen die Figuren fest, dass dies ein gar unglaublich friedfertiges Völkchen ist:

„»Island ist eines der wenigen Länder, das keinen Genozid vorzuweisen hat, sie haben noch nicht einmal Militär hier«, doziert Robbi am nächsten Morgen beim Frühstück, er hat sich weiter informiert. »Kein Genozid? Nicht einmal ein klitzekleines Pogrom?«, witzele ich. »Na, was sollen wir dann hier?«“

Trotz der eigentlich ernsthaften Thematik eine lockere Erzählung, die einem immer wieder schmunzeln lässt und dennoch tief berührt.

Elaine Feeney – As You Were

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Elaine Feeney – As You Were

Sinéad Hynes is in hospital, her family believes it is nothing serious, maybe the property developer just worked too much. But she knows better and has kept it a secret for quite some time: the cancer is terminal and now it is too late for a treatment.  Suffering severely, she shares the ward with Margaret Rose who welcomes all her family daily and thus creates an almost intolerable fuss. There is also Jane who is often confused, but at times, she remembers, e.g. that she had known the mother of another patient who shares the ward. Strangers become intimate, enclosed in such a tight environment and thus, they necessarily take part of the others’ fate and get to know their secrets.

Elaine Feeney’s debut is like a theatre play: a limited place with a limited number of characters who cannot escape the narrowness of the situation they are in and who are forced into an involuntary community where they have to support each other and also, reluctantly, share intimate details of their lives. At times funny, at others very melancholy, and always showing characters exposed to this small world without any protection where also no sensitive politeness is required anymore.

What troubled me most was to which extent I could identify with Sinéad and her situation. Luckily, I have never been close to such extreme circumstances but I can completely understand why she keeps her secret from her family and prefers to consult Google and tell it to a magpie instead of seeking help and compassion from her beloved ones. As readers, we follow her thoughts and only get her point of view of the events in the ward which is limited and biased, of course, but also reveals the discrepancy between what we see and understand what really goes on behind the facade of a person.

The plot also touches a very serious topic in two very different ways: double standards and honesty. Sinéad is not really frank with her husband, they do have some topics they need to talk about and which they obviously have avoided for years. Yet, for her, it is difficult to believe that somebody could just love her unconditionally and whom she can tell anything. On the other hand, the Irish catholic church’s handling with pregnant unmarried women becomes a topic – and institution which calls itself caring and welcoming everybody unconditionally played a major role in the destruction of lives.

Surely, “As You Were” is not the light-hearted summer beach read, but a through-provoking insight in a character’s thinking and struggles which touched me deeply.

Jennifer Clement – Gun Love

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Jennifer Clement – Gun Love

Pearl weiß nicht, wie es sich anfühlt, in einem Haus zu leben. Seit ihrer Geburt wohnt sie mit ihrer Mutter auf dem Parkplatz eines Trailerparks in Florida in einem alten Auto. Viel zu früh war Margot schwanger geworden und ist dann mit ihrem Kind verschwunden. Die kleine Welt ist gut geordnet, Pearls beste Freundin April May lebt mit ihren Eltern dort, einen Kriegsveteranen, der für Ordnung sorgt und ihrer Mutter, die ihm selben Krankenhaus wie Pearls Mutter arbeitet. Daneben gibt es noch die verrückte Noelle mit ihrer Mutter und das mexikanische Pärchen Corazón und Ray. Pastor Rex sorgt sich um das Seelenheil der kleinen Gemeinschaft am Rande einer verseuchten Mülldeponie, zu deren gewohnten Gefahren die Alligatoren des nahen Flusses und die allgegenwärtigen Schusswaffen gehören. Als Eli Redmond auftaucht, gerät das fein austarierte Gleichgewicht ins Wanken, denn Margot verliebt sich in ihn und binnen kürzester Zeit hat der Unbekannte sie in seiner Hand.

Jennifer Clement greift in ihrem Roman gleich zwei ganz heiße Eisen der USA an: Obdachlosigkeit und Waffenbesitz. Beides wird in der Geschichte jedoch als so völlig normal dargestellt, dass es von den Figuren gar nicht hinterfragt wird. Dass Kinder zwischen giftigem Müll aufwachsen und den Umgang mit Waffen erlernen, scheint niemanden zu wundern. Sie haben ihr eigenes Konzept von Normalität entwickelt, aus dem sie weder versuchen zu fliehen noch es beklagen. Die Erzählperspektive durch die Augen des Mädchens, das nie etwas anderes gesehen hat, unterstützt diesen Eindruck nachhaltig.

Wenn man die letzten Seiten gelesen hat, bleibt man ratlos zurück. Die Ereignisse, die in die Katastrophe führen, hat man kommen sehen, nicht ernsthaft erwartet man, dass es anders ausgehen könnte. Es ist die Emotionslosigkeit, mit der alles hingenommen wird, die einem verzweifeln lässt. So ist der Lauf der Dinge nun einmal und hin und wieder kostet es eben auch ein Leben oder zwei. Aus westeuropäischer Sicht ist vieles, was geschildert wird, schier unglaublich, im Land der unbegrenzten Möglichkeiten hingegen ist eben auch ein solches Leben möglich.

Besonders herausfordernd bleibt dabei, dass es Zuneigung und Fürsorge zwischen den Menschen gibt und man gar nicht mal den Eindruck hat, dass die kleine Pearl wirklich vernachlässigt ist, auch wenn die Rahmenbedingungen ihres Lebens kaum ärger sein könnten.

Die Autorin erlaubt den Blick in eine Welt von Außenseitern, die am Rande der Gesellschaft stehen und die man gerne verdrängt. Sie schildert ihre Existenz aus der Innensicht und schafft es so, ganz gemischte Emotionen beim Leser hervorzurufen ohne auch nur die geringste Wertung vorzunehmen. Ein außergewöhnliches Buch, das hart in der Thematik, aber geradezu poetisch in der Sprache ist.

Marco Balzano – Ich bleibe hier

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Marco Balzano – Ich bleibe hier

Wer kennt sie nicht, die berühmte versunkene Kirche im See in Südtirol. Doch was heute so idyllisch erscheint, hat einen ernsten Hintergrund, den Marco Balzano in seinem Roman „Ich bleibe hier“ nacherzählt. In den 1930er Jahren gehört das deutschsprachige Südtirol bereits zu Italien, wo die Bewohner Bürger zweiter Klasse sind und nun soll auch noch ein Staudamm gebaut werden, der das Dörfchen Graun überfluten und auslöschen wird. Die Bauern sind verärgert, aber nicht nur das belastet sie. Der aufkommende Faschismus in Italien drängt ihre Sprache immer weiter zurück und Trina und ihre Freundinnen können nur im Untergrund heimlich auf Deutsch unterrichten. Im Norden erstarken derweil die Nationalsozialisten, können sie eine Hilfe gegen den Druck aus dem Süden sein? Welcher Seite wollen sie sich zuschlagen, wer wird den Ort retten, an dem ihre Familien schon seit Jahrhunderten von Land- und Viehwirtschaft leben? Oder sollen sie doch gleich ganz woanders hingehen? Der Krieg nimmt ihnen die Entscheidung ab, aber das letzte Wort um den Stausee ist noch nicht gesprochen.

Die Protagonistin und Erzählerin Trina ist zu Beginn der Erzählung ein lebensfrohes junges Mädchen, die sich gemeinsam mit ihren Freundinnen Barbara und Maja aufs Unterrichten freut. Doch schnell zerstört die politische Lage ihre Träume. Auch die kommenden Jahre werden für die Frau nicht einfach, insbesondere die Kriegsjahre fordern ihr alles ab. Dinge, die sie sich nie hätte vorstellen können, muss sie tun, um zu überleben. Am Ende ihres Lebens blickt sie zurück, traurig, aber nicht bitter, durchaus mögliche alternative Wege, die sie hätte gehen können, sehend, aber ob diese ihr Leben wirklich glücklicher hätten verlaufen lassen?

Der italienische Autor verknüpft so die fiktive Geschichte einer Frau mit der einer zwischen Landesgrenzen zerriebenen Region. Das bauliche Großereignis ist eine Belastungsprobe für das Dorf, aber ebenso die Frage, ob sie Mussolini oder Hitler folgen wollen oder ob es doch noch einen Ausweg irgendwo dazwischen geben könnte. Man weiß, wie die Geschichte ausgeht, das Resultat lässt sich im Italienurlaub bestaunen, der Preis jedoch, denn die Menschen vor Ort gezahlt haben, den sieht man heute nicht mehr, wenn man schöne Erinnerungsfotos knipst.

Der Roman wird von einer melancholischen Grundstimmung getragen. Balzano setzt die einfache und bescheidene Lebensweise der Bauern sprachlich ebenso reduziert ohne hochtrabende Metaphern um und spiegelt so die Lebenseinstellung überzeugend wider.

Brit Bennett – The Vanishing Half

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Brit Bennett – The Vanishing Half

Everybody in the small Louisiana town of Mallard has always just called them the twins. That’s what Desiree and Stella Vignes are, just like some inseparable unit. Together they grow up, together they ran away to find a better life. A big dream for two black girls in the middle of the 20th century when segregation is a fact and opportunities for girls are limited. But then, Stella finds a job as a secretary, due to her relatively fair skin, they mistake her for white and with her diligence, she suddenly sees the chance to reinvent herself. After years of playing the role of the white secretary, she is ready to turn the role into her new self, but this requires leaving everything behind, also her twin sister. The girls take different roads, but they can never forget each other completely. It will take years until their paths will cross again and until they will need to ask themselves who they are and who they only pretend to be.

Brit Bennett’s novel covers the time span from the 1950s when the twins are only teenagers until the end of the 20th century when they have grown-up daughters. It is a tale of two young girls who are connected by their looks but quite different in character, girls with hopes and dreams living in a time when chances in life are determined by the skin colour. One of them accepts things as they are, the other decides to make the best for herself of it, but the price she has to pay is high and it is also a price her daughter will have to pay, ignorant of her mother’s story. Beautifully written the author not only follows the fate of the two individuals, but she also mirrors in their fate a society in which some alleged truths are deeply rooted.

When starting reading, you have the impression of being thrown in at the deep end. Somehow, you are in the middle of the story and first need to sort out the characters and circumstances. The author sticks to the backwards and forwards kind of narration which only little by little reveals what happened to the sisters. Just as both of them are ill-informed about the other’s fate, you as a reader, too, have to put the bits and pieces together to make it a complete story. I totally adored that way of gradually revealing what happened to them.

The narrative also quite convincingly shows that you can never just make a decision for your own life, it will always have an impact on other people, too, and even if you imagine having left all behind you and buried it deep inside your head, one day, the truth will come out and you’ll have to explain yourself. Brit Bennett similarly demonstrates how fragile our concepts of race, gender, class and even identity can be. We might easily be misled because quite often we only see what we want to see and prefer looking away over confronting our stereotypical thinking.

A must read drama with strong characters but also a lot of food for thought.

Salman Rushdie – Quichotte

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Salman Rushdie – Quichotte

Sam DuChamp, author of spy novels still waiting for any to succeed, attempts to write the book that has never been written before and which centres around Ismail Smile, sales executive with Smile Pharmaceuticals Inc. When Smile discovers Salma R, a highly popular TV show host – surely some pun must be intended here -, he immediately falls for her and decides to make her fall in love with him, too. First, he writes letters, then, he goes on the long journey to New York, accompanied by his teenage son Sancho, whom he only imagines. Just like Cervantes’ Quichotte, he has a quest in front of him that he is willing to complete. Sam DuChamp also has to travel, however, not to find love but to find answers for questions concerning his very own family.

“Maybe this was the human condition, to live inside fictions created by untruths or the withholding of actual truths. Maybe human life was truly fictional (…)”

In his 14th novel, Salman Rushdie is playing with fact and fiction within a fictional novel and cleverly demonstrates what we do in our so called real life to re-narrate reality, to shape it according to our needs and longings to make it take the form we would like it to have. Especially when it comes to the author’s family, we get a typical example of a family history which is told in a certain way and shaped by omission and half-truths, something that is all but unusual. Pop-culture in the form of TV has for many years created another variety of reality, everybody knows how easy it is to edit film material to get a certain message across and how easily nowadays pictures can be photoshoped to have somebody appear in a desired way. Fake news and alternative news have become a widely accepted accessory phenomenon of factual news, thus, our assumed reality is full of fiction and we are simply a part of it.

It is not just this intelligent and highly entertaining interplay between fact and fiction that makes the novel an outstanding read, it is also the masses of references to classic literature, pup culture, film, music, current issues like racism or the opioid crisis that turn the read into a roller coaster ride. His letter writing protagonist on his quest through seven valleys compulsorily seems to have fallen out of time completely – yet, that’s exactly what makes Salma R become interested in him.

Rushdie does not show the slightest respect for any limits of genre, his Quichotte is a road novel as well as a chivalric romance, popular literature and documentary of current America, philosophical essay and modern version of a great classic novel. He is most certainly known for finding literary ways of criticising the world around him in which he also succeeds with his latest novel. Apart from the plot, his witty and playful narrator adds to the humorous tone and earned him a well-deserved place on the shortlist of the 2019 Man Booker Prize.

Jonathan Galassi – Die Muse

jonathan galassi die muse
Jonathan Galassi – Die Muse

Homer Stern ist in den 1960er Jahren in New York eine feste Größe im Verlagswesen, mehrere Nobelpreisträger nennt er sein „Eigentum“ (als solches empfindet er sie nämlich) und schon seit vielen Jahren pflegt er eine intensive Hass-Freundschaft mit Sterling Wainwright, seinem größten Rivalen, der ausgerechnet Ida Perkins, unangefochtene Nummer 1 unter den Poeten, unter Vertrag hat. Diese hat auch Paul Dukach, Lektor bei Homer Stern, seit seiner Jugend fasziniert und es gibt nichts, das er nicht über die Frau weiß. Die Jahre gehen ins Land und irgendwann erhält Paul endlich die Chance, Miss Perkins persönlich in einem venezianischen Palazzo zu treffen. Mit Scheu und Respekt tritt er der Frau gegenüber, die ihm unglaubliche Dinge erzählen wird, die all das übertreffen, was es an Gerüchten und Mutmaßungen über sie gibt.

Immer, wenn man ein neues Buch aufschlägt, geht damit die Hoffnung einher, einen großen Roman in den Händen zu halten, eine Geschichte, die einem so überwältigt, dass man nicht mehr aufhören möchte zu lesen und gleichzeitig nichts mehr fürchtet, als die letzte Seite zu erreichen, die diesem großen Vergnügen ein Ende bereitet. Jonathan Galassi hat einen solchen Roman erschaffen. Viele Jahre bei Farrar, Straus & Giroux haben den Autor jedes Detail des Verlagswesens kennenlernen lassen, er hat Jeffrey Eugenides und Jonathan Franzen entdeckt, aber auch ohne diese Referenzen merkt man dem Roman an, dass er weiß, wovon er schreibt. Seine Protagonisten tragen eindeutige Züge von Roger W. Straus Jr. und James Laughlin, die wie Patriarchen über ihre Verlage herrschten. Einzig Ida Perkins, die unnahbare und elektrisierende Autorin, ist reine Fiktion.

„Homer in seinem Büro hatte mehr als nur ein wenig Ähnlichkeit mit Heinrich dem Achten. Oder mit Josef Stalin. »Zeit, dass sich was ändert«, gehörte zu Homers häufigen und gefürchteten Ansagen;“

Mit ganz viel Liebe zeichnet Galassi seine Figuren und ebenso entspringt jeder Zeile über Idas Gedichte ein überschwängliches Loblied, das nur von einem wahrhaftigen Literatur Aficionado in dieser Weise aufs Papier gebracht werden kann. Nach nur wenigen Zeilen steckt man mitten im Geschehen, verliert sich in der Arena der Verlagswelt und amüsiert sich zugleich köstlich dank des herausragenden Erzähltalents und vor allem dem trefflichen Formulierungen Galassis.

„Paul (…) schwebte auf Wolken der Verzückung, gepeitscht von den wechselnden Winden der Ansprüche und Selbstverliebtheiten seiner überlebensgroßen Autoren, aber besänftigt von dem Privileg, ihre Bücher ans Licht der Welt bringen zu dürfen.“

Die schäbigen Räumlichkeiten der Verlage – herrlich beschrieben: das altersschwache Linoleum, das regelmäßig samt seiner Dreckschicht poliert wurde, so dass die Besucher und Mitarbeiter auf einem Gemisch aus Glanz und Schmiere liefen – stehen der tiefgründigen Literatur diametral gegenüber. Ebenso wollen die literarischen Verleger, die noch echte Literatur machen, nichts mit den großen Massen-Ramsch-Verlagshäusern zu tun haben. Ganz besonders hat mich jedoch das Kapitel über die Frankfurter Buchmesse begeistert, die er schlicht grandios beschreibt.

Es liegt vermutlich an der Thematik, die einem sofort dem Buch verfallen lässt. Und wenn sich dann Seite um Seite Galassis Wortgewalt entfaltet, ist es völlig um einen geschehen. Wäre mir nur ansatzweise so viel Talent in die Wiege gelegt worden, würde ich noch hunderte Seiten von dem Roman schwärmen.

Agnete Friis – Der Sommer mit Ellen

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Agnete Friis – Der Sommer mit Ellen

Vierzig Jahre ist es her, dass Jakob Errbo den Sommer in Ostjütland auf dem Bauernhof seines Onkel Anton und dessen seltsamen Bruder Anders verbracht hat. Als Fünfzehnjähriger entdeckten er und sein Freund Sten die Mädchen, waren fasziniert von den Freigeistern der kleinen Kommune und bewunderten vor allem Ellen. Die ungewöhnliche Frau, die zur Kommune gehörte, aber dann bei den Onkeln einzog und so anders war als all die Mädchen, die sie kannten. Doch dann geschieht ein Mord im kleinen Ort und das Gleichgewicht der Bewohner gerät aus der Balance. Verdächtigungen, Vorurteile – nicht ist mehr wie zuvor und wird es auch nicht mehr sein. Jetzt, vier Dekaden danach, will Jakob für sich und die Onkel Gewissheit haben und Ellen wiederfinden, sie scheint der Schlüssel zur Antwort vieler Fragen zu sein.

Agnete Friis verbindet in ihrem Roman unterschiedliche Genre zu einer ungewöhnlichen Geschichte. Diese ist ebenso Kriminalfall – ein Mädchen tot, eine junge Frau verschwunden – wie sie dem sozialen Realismus zugeordnet werden kann, schildert sie doch die harten Arbeits- und Lebensbedingungen der Landwirte in den 70er Jahren sehr eindringlich und ungeschönt, insbesondere die Dynamiken der Dorfgemeinschaft, als der Druck groß wird, sind leicht nachvollziehbar. Auf zwei Zeitebenen nähert man sich der Wahrheit, mit dem jungen Jakob erlebt man die Zeit 1978 durch die Augen des verliebten und verunsicherten Teenagers, in der Gegenwart begleitet man einen Mann, der gerade eine schmerzliche Trennung hinter sich hat und sich lange verdrängten Erlebnissen stellen muss.

„Der Sommer mit Ellen“ ist kein Wohlfühlroman, ganz im Gegenteil, es liegt eine unangenehme, unbehagliche Grundstimmung über der Geschichte, ebenso wie Jakob sich in seiner Haut und auf dem Hof selten wohl fühlt, bleibt auch bei dem Leser eine gewisse Distanz, da man sich gar nicht zu nah herantrauen möchte. Eben dieses kaum zu fassende, aber doch störende Gefühl zeigt, wie gut es Friis gelingt, die Atmosphäre literarisch zu erschaffen und die unausgesprochenen Dissonanzen zwischen den Figuren spürbar zu machen. Sie bleiben zum Teil vage, was aber an Jakobs Alter liegen mag und gut zu seiner noch vorhandenen Naivität passt. Besonders stark wirkt jedoch das Entsetzen des Jungen, als er förmlich am eigenen Leib erlebt, wozu ein Mensch in der Lage ist und sich selbst nicht wiedererkennt.

Die Journalistin und Autorin stand mit dem Roman 2018 auf der Shortlist für den dänischen Literaturpreis für den besten Roman des Jahres. Ohne Frage eine herausfordernde Erzählung, die in vielerlei Hinsicht viel Stoff zum Nachdenken liefert.

Tom Kummer – Von schlechten Eltern

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Tom Kummer – Von schlechten Eltern

Mit seinem Sohn Vincent ist Tom in die Schweiz zurückgekehrt. Nach dem Tod seiner Frau Nina war es in den USA für ihn unerträglich geworden, nur der ältere Sohn Frank blieb in L.A. zurück. Den Tag erträgt er nicht, am liebsten schläft er, nur in der Nacht traut er sich hinaus und als Chauffeur bei einem VIP Service bringt er die Gäste von A nach B quer durch sein Heimatland. So manches tiefgründige Gespräch entspannt sich auf der Fahrt, aber die Dämonen verlassen ihn nicht, der Geist von Nina ist immer bei ihm. Loslassen kann und will er aber ebenfalls nicht, denn dann wäre sie weg, wie ausgelöscht und nie dagewesen. Die Menschen sind ihm fremd geworden, dafür spricht die Natur immer intensiver zu ihm, einzig die Verbindung zu seinen Söhnen hält ihn noch am Leben – aber wie lange noch?

In seinem Roman „Nina & Tom“ beschreibt Tom Kummer die Liebe zwischen ihm und seiner Frau, die nach 30 Jahren Beziehung an Krebs gestorben ist. „Von schlechten Eltern“ setzt die Erzählung fort und thematisiert die Trauer, die die Überlebenden, die zurückbleiben, überwältigt und geradezu vom Leben abhält. Stehen zunächst noch die Fahrten mit den zum Teil dubios erscheinenden Passagieren im Zentrum, übernimmt dann doch immer mehr Toms Innenleben und der Kampf um die Erinnerung an seine Frau.

Es ist kein philosophisches Buch, das sich mit dem Leben und Sterben und dem Dasein als solches auseinandersetzt. Es ist auch kein Wegweiser zum Umgang mit Trauer, es bietet geradezu wenig Hoffnung darauf, dass diese jemals in ihrer Intensität nachlassen könnte. Für mich war es ein authentisch wirkender Bericht eines Menschen, der seinen Zustand, der sich emotional zwischen Sein und Nichtsein befand, sehr gut nachvollziehbar schildert. Lebendig wirkt er immer in der Interaktion mit dem Sohn; die grenzenlose Liebe, die er ihm entgegenzubringen vermag, steht in diametralem Gegensatz zu seinem eigenen Lebenswillen. Hilfe anzunehmen ist keine Option, allein will er sein mit seinem Kummer.

Die Außensicht auf den Protagonisten erfolgt nur durch die Spiegelung der anderen Figuren, die offenkundig besorgt sind und den Ernst der Lage erkennen, den er leugnet. Man hat bisweilen den Drang ihm gut zuzureden, ihn aufzumuntern, wieder zum Leben zu erwecken, so nah geht einem die Erzählung.

So wie die Limousine leise über die Schweizer Straßen gleitet, fließt auch der Roman, der gewaltig in der Bildsprache ist und sich oft im emotionalen Extrem bewegt. Die Nähe zwischen Vater und Sohn wirkt bisweilen fast grenzwertig, zeigt aber auch, wie viel Stärke von den Kindern ausgehen kann und wie sie hier noch mehr denn je für eine doch mögliche Zukunft stehen.

Leon De Winter – SuperTex

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Leon De Winter – SuperTex

Weil seine unfähige Sekretärin eine Akte vertauscht hat, kann Max Breslauer jetzt den wichtigen Anruf nicht tätigen und muss am Samstagmorgen ins Büro. In seinem Porsche rast er mit viel zu hoher Geschwindigkeit durch Amsterdam und fährt prompt einen chassidischen Jungen an. Wie kann er als Jude überhaupt zu dieser Zeit in einem Auto sitzen, noch dazu in einem Porsche? Plötzlich bricht alles über ihn herein und er ruft Dr. Jansen an, eine Psychologin, bei der er schon einmal in Behandlung war. Er drängt sie, den ganzen Tag für ihn zu reservieren und auf der Couch kommt er tatsächlich nicht nur ins Reden, sondern muss sich seinem ganzen Leben stellen: der komplizierten Beziehung zu seinem Vater, der das SuperText Imperium aufgebaut hatte, das er jetzt leitet; seine gescheiterte Beziehung zu Esther und das Verhältnis zu seinem jüngeren Bruder Boy. Was steckt hinter der Fassade Max Breslauer, dem erfolgreichen Unternehmer?

Leon de Winters Roman erschien bereits Anfang der 1990er Jahre auf Niederländisch, doch der Text hat nichts von seiner Aussagekraft verloren. Ganz im Gegenteil, für mich zeigt sich gerade in diesem Buch de Winters die besondere Stäke des Welt-Literatur- und Buber-Rosenzweig-Medaillen-Preisträgers: er lässt die großen Fragen des Lebens in einem einzigen Augenblick kulminieren und führt vor allem die Spannung zwischen weltlichem und religiösem Leben und der Bedeutung der Wurzeln zu einem grandiosen Höhepunkt. Interessant, wenn auch unbeantwortet, bleibt dabei die Frage, wie viel von de Winter selbst in seinem Protagonisten steckt. Ganz sicher jedoch steckt in dem Roman sehr viel jüdischer Humor und Ironie, die hervorragend mit der Melodramatik der Handlung austariert sind.

Max Breslauer ist – genau wie sein Vater – fast schon eine Karikatur des wohlhabenden Juden: wirtschaftlich erfolgreich, selbstherrlich; arrogant und jähzornig gegenüber anderen und rücksichtslos, wenn es ums Geschäft geht. Doppelmoral wird von beiden entspannt gelebt: geheiratet wird nur ein jüdisches Mädchen, mit wem man daneben noch das Bett teilt, ist weniger relevant; Regeln des Kashrut werden eher nach Bedarf ausgelegt denn befolgt; wenn es der Sache jedoch dient, kann man sich auch zügig wieder seiner jüdischen Herkunft besinnen und die Erlebnisse des Holocaust als Argumentationsschleuder verwenden. Dies entlässt Max jedoch nicht aus dem schwierigen Verhältnis zu dem Familienoberhaupt, das einst als einziger das Konzentrationslager überlebt hat. Sind es zunächst typisch pubertäre Streitigkeiten, führen die Auseinandersetzungen jedoch schließlich so weit, dass der Sohn beinahe zum Vatermörder wird.

Über den Bruder erfährt man zunächst nur, dass dieser in Casablanca sitzt, die ehemalige Partnerin ist nach Israel geflohen. Es scheint als wenn Max ein Händchen für komplizierte Beziehungen hätte, die sich vor allem dadurch lösen lassen, dass die anderen davonlaufen. Doch der Tag der Läuterung ist bereits angebrochen und auch wenn weitere Rückschläge noch an selbigem drohen, ist der Wandlungsprozess nicht mehr aufzuhalten.

Ganz herrliche Szenen hat de Winter in seinem Roman geschaffen – allein das Essen beim ersten Besuch der Freundin erinnert fast einen Sketsch aus Loriots Hand – auch die Erkenntnis des Protagonisten führt über eine gehörige Portion Selbstironie. So wird das analytische Gespräch zu einer unterhaltsamen Angelegenheit und bleibt trotz der Tragik leicht im Ton.