Kevin Barry – Beatlebone

Kevin Barry – Beatlebone

John Lennon begibt sich 1978 auf eine Insel westlich von Irland, um in der Einsamkeit wieder zu sich zu finden, um das, was er in einer Urschreitherapie gelernt hat, umzusetzen und sein künstlerisches Potenzial neu auszuloten. Der nahende 40. Geburtstag hat ihn in eine Sinnkrise versetzt, die ihm lähmt, abgeschieden von der Menschheit will er drei Tage mit innerer Einkehr verbringen. Doch sein Weg zur isolierten Destination ist voller Hürden, doch sein Fahrer Cornelius O‘Grady ist unerschrocken und mit dem notwendigen Stoizismus ausgestattet, das Abenteuer mit dem verzweifelten Beatle auf sich zu nehmen und diesen an sein Ziel zu führen.

Dorinish, die Insel, um die sich zunächst alles in dem Roman dreht, hatte John Lennon 1967 tatsächlich für einen lächerlich geringen Preis von 1550 Pfund erworben und ihr auch zwei kurze Stippvisiten abgestattet. Die beschwerliche Reise entwickelt sich als psychologischer Trip in die Tiefen von Lennons Seele, in der gerade viele Themen wüten:

„Was geht Ihnen durch den Kopf?

Schwer zu sagen.

Liebe, Blut, Schicksal, Tod, Sex, das Nichts, Mutter, Vater, (…)“

Lennons Zustand ist mehr als fragil, wiederholt drängt er darauf, dass er nur auf seine Insel und seine Ruhe haben will. Doch bis er dort ankommt, gilt es so einiges zu erdulden. Sein asketischer Lebensstil schützte ihn weder vor dem Nervenzusammenbruch noch vor der irischen Landbevölkerung. Doch was diese dem Sänger voraus hat, ist, dass sie die Erfahrung von Angst und Paranoia schon kennt. Cornelius ist der perfekte Konterpart, an dem Lennon sich abarbeitet, den er jedoch nicht kleinkriegt.

Das Buch hat gewisse Brüche, in einem Kapitel erläutert der Erzähler den Entstehensprozess des Romans, das Ende schildert die Entstehung des Albums „Beatlebone“, das durch Lennons mystische Inselerlebnisse inspiriert wurde, tatsächlich jedoch nie entstanden ist. Die experimentelle Struktur mag nicht jedem Leser gefallen, bei einem Avantgardisten wie Lennon als zentraler Figur, ist dies aber durchaus passend.

Kevin Barry ist ein begnadeter Autor, dem ein glaubwürdiger John Lennon kurz vor dem völligen Zusammenbruch überzeugend gelingt. Es benötigt vermutlich gerade diese Nähe zu einem gewissen Wahnsinn, um in dem Maße kreativ zu schaffen, wie es bei dem Beatle der Fall war. Sein Interesse an Esoterik und alternativen Weltsichten, ebenso wie die Experimentierfreude mit Drogen, sind hinlänglich beschrieben worden und lassen daher nicht verwundern, dass ein Mensch ebenso wie die Kunstfigur in einem regelrechten Malstrom von Gedanken gefangen ist und die Flucht aus diesem sucht.

Die Dialoge sind sprachlich brillant und oszillieren locker zwischen humorvoll und tiefgründig, ebenso die bisweilen bizarren Episoden im Pub und Hotel, die Lennon über sich ergehen lassen muss. Es ist keine biographische Erzählung, sondern eine fiktive Geschichte, die eines der ganz großen Genies der Musikgeschichte zurück auf den Boden holt, jenen der erbarmungslosen, ungezähmten irischen Küstenregion, die jedoch mit ihren Meeresrauschen und Höhlen ganz eigenes Inspirationspotenzial hat.

Ein herzlicher Dank geht an den Rowohlt Verlag für das Rezensionsexemplar. Mehr Infos zu Autor und Buch finden sich auf der Verlagsseite.

Hilmar Klute – Oberkampf

Hilmar Klute – Oberkampf

Jonas Becker hat seine Zelte in Berlin abgebaut und nichts zurückgelassen. Es zieht ihn nach Paris, wo er eine Biografie über den Autor Richard Stein schreiben möchte, der dort schon lange lebt. In der Rue Oberkampf bewohnt er ein kleines Appartement und schon an seinem ersten Tag erlebt er die Metropole in einem Ausnahmezustand, aus dem sie nicht mehr herauskommen wird: die Anschläge auf die Redaktion von Charlie Hebdo schreiben sich tief in das Gedächtnis der Stadt. Die Tage verbringt Jonas mit Interviews Steins, nachts erobert er mit seiner neuen Freundin Christine die Bistros und Bars. Zwei Unterbrechungen erlebt sein neuer Rhythmus, zum einen erhält er unerwartet Besuch von Fabian, seinem früheren Freund und Kollegen, der sich ein monatelang gehütete Geheimnis von der Seele reden muss, zum anderen reist er mit Stein in die USA, um dort dessen Sohn zu suchen. Wieder zurück in Frankreich schließt Jonas die Biografie ab, ein Abschnitt geht zu Ende. Aber dies ist nicht der womöglich fatale Endpunkt seines Paris Aufenthaltes.

Es gibt Bücher, bei denen man schon nach wenigen Seiten merkt, dass das einer der Romane ist, in die man unmittelbar versinkt und gefühlt Teil der Geschichte wird. Hilmar Klute war mir bislang nicht als Autor bekannt, aber unabhängig von der Thematik hat mich sein Schreibstil restlos überzeugen können. Mit versierten, starken Bildern erweckt er nicht die Figuren zum Leben, sondern auch Paris und die Schockstarre, in der sich die Metropole nach den Anschlägen befand, wird immer wieder greifbar.

„Jonas lief dicht an den Hauswänden entlang, so als müsste er sich nah an die Stadt schmiegen, der nun jemand ins Herz geschossen hatte.“

Die Geschichte um den Autor, der interviewt wird, liefert den Anlass für den Umzug und die Handlung, für mich jedoch tritt dies tatsächlich zunehmend zurück. Es sind andere Aspekte, die mich bei der Lektüre gepackt hatten. Den Rahmen setzen die Anschläge, man ahnt schnell, dass Charlie Hebdo der Anfangspunkt war und es ist bekannt, was nur den Endpunkt setzen kann. Zwischen diesen verstörenden Ereignissen liegt eine Sinnsuche, die sich auch im Protagonisten wiederfindet, der vermeintlich alles hinter sich gelassen hat, aber kann man sich wirklich von der eigenen Vergangenheit lösen? Schmerzlich wird Jonas bewusst, dass dem nicht so ist. Das Vakuum, in dem er sich befindet, ist auch nicht sein Leben, er sucht nach selbigen und bis er es gefunden hat, füllt er es mit jenem von Stein, der ihm vorhält, zu ängstlich zu sein, um wirklich zu leben.

Daneben dreht sich der Roman immer wieder um Literatur und Sprache. Der Spruch an einer Hauswand – „Il faut se méfier des mots“ – wird zu einem Leitspruch, der ihn verfolgt. Welche Worte, welche Zeichen benutzt er? Welche hatten die Karikaturisten von Charlie Hebdo verwendet, die so sehr den Hass ihrer Mörder provozierten und mit welchen wird die Trauer um sie öffentlich bekundet? Wie konnten ihn Bücher als Jugendlicher so faszinieren, dass er tagelang gedanklich aus der realen Welt ausbrach und weshalb kann er das als Erwachsener nicht mehr so intensiv erleben? Woraus sich wiederum die Frage ergibt, weshalb er scheinbar permanent auf der Suche nach einem Ausweg, einer Flucht aus dem eigenen, selbst gestaltet oder eher: selbst verschuldeten Leben ist. Er gehört zu einer Generation, der alles möglich, aber nichts perfekt genug ist. Nie festlegen, immer noch ein Türchen offenhalten, weil es noch etwas Besseres geben könnte. Die Jagd nach dem Ultimativen ist letztlich der einzige Sinn des Daseins, der wenig Freude und Befriedigung gibt.

Die Straße im 11. Arrondissement wirkt als Titelgeber, die zugehörige Metro-Station gestaltet das Cover des Buchs. In engem Radius um diese spielt sich die Handlung ab, die auch thematisch kaum ausbricht. Es ist jedoch kein Treten auf der Stelle, sondern eher ein Innehalten, wie dies nach extremen Ereignissen eintritt. Ein in seinen Bildern und der Gesamtkonstruktion stimmiger Roman, der durch eine pointierte Sprache besticht und mit einem interessanten Protagonisten überzeugt.

Mons Kallentoft – Verschollen in Palma

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Mons Kallentoft – Verschollen in Palma

Tim Blanck konnte es nicht ertragen. Spurlos ist seine Tochter Emme auf Mallorca verschwunden und die Polizei scheint nicht gerade bemüht nach dem 16-jährigen Mädchen zu suchen. Also kündigt er seinen Job und reist selbst auf die Balearen-Insel. Drei Jahre sind inzwischen vergangen und Spuren gibt es keine. Als Privatermittler verdient er inzwischen sein Geld, sein neuer Fall schein einfach: der deutsche Unternehmer Peter Kant hat ein anonymes Schreiben erhalten, demzufolge ihn seine Frau Natascha betrügt. Es dauert nur wenige Stunden, bis Tim den Beweis dafür hat. Als er dem Auftraggeber die Fotos vorlegt, scheint dieser relativ gefasst, gewillt, mit Natascha wieder alles ins Reine zu bringen. Doch nur kurze Zeit später wird Kant verhaftet: seine Frau ist spurlos verschwunden und ihr Liebhaber tot. Ein klassischer Fall von Eifersuchtsmord. Doch Kant beteuert glaubhaft seine Unschuld und Tim will diese beweisen, vor allem nachdem Kant in der Zelle scheinbar Selbstmord begangen und einen Abschiedsbrief mit Geständnis hinterlassen hat. Doch die Schrift ist sicher nicht seine. Tim beginnt zu wühlen und ahnt nicht, mit wem er sich anlegt.

Mons Kallentoft ist seit vielen Jahren eine bekannte und vielfach ausgezeichnete Größe unter den schwedischen Krimiautoren, mich konnte er vor allem mit seinen Malin Fors und Zack Herry Reihen begeistern, die beide mit starken Figuren und komplexen Handlungen überzeugen. „Verschollen in Palma“ ist der Beginn einer womöglich neuen Reihe um den schwedischen Privatermittler auf der Mittelmeer-Insel.

Zunächst scheint völlig klar, worum es bei der Handlung geht: ein verzweifelter Vater ist auf der Suche nach seiner Tochter, hofft auch nach Jahren noch auf ein Lebenszeichen und will diese nicht aufgeben, solange es keine Gewissheit über ihren Tod gibt. Sein Job als Privatermittler scheint nur ein Nebenschauplatz, der sich dann jedoch rasant zu einem komplexen Fall ausweitete, der schlichtweg nichts auslässt: Korruption in allen Bereichen der Verwaltung und Polizei, Vetternwirtschaft schlimmster Sorte, Drogen, zwielichtige Partys, bei denen die High Society der Insel nicht nur alle Arten von Drogen konsumiert, sondern vor allem auch sehr junge Mädchen misshandelt. Es ist ein wahrer Sumpf, in den der Protagonist förmlich hineinfällt. Glaubwürdig wird das Ausmaß der Verstrickungen und des Abgrunds immer weiter ausgedehnt, bis es zu dem notwendigen Showdown kommt.

Geschickt hat der Autor den Kriminalfall aufgezogen und vor allem völlig unerwartet in eine gänzlich andere Richtung entwickelt. Das Tempo nimmt in der Erzählung stetig zu und die Geschichte wird routiniert zu einem passenden Ende geführt. Einzig, es fehlt der Schlusspunkt. Ein interessanter Aspekt, der offen lässt, was an dieser Stelle gesagt wird – auch wenn man es sich denken kann – aber auch, ob die Handlung fortgeführt werden wird. Gewohnt routiniert erzählt, aber im Vergleich zu den beiden Reihen um Malin Fors und Zack Herry für mich nicht ganz so stark.

Adriana Altaras – Die jüdische Souffleuse

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Adriana Altaras – Die jüdische Souffleuse

Die Ich-Erzählerin Adriana inszeniert in einer Kleinstadt Mozarts „Entführung aus dem Serail“, wo sie auf die Souffleuse Susanne trifft. Diese erweist sich als größte Herausforderung des Projekts, glaubt sie in Adriana eine Seelenverwandte gefunden zu haben, die ihr bei der Suche nach ihrer Familie helfen kann. Sie weiß um Adrianas Familiengeschichte und der jüdische Glaube verbindet beide. Susanne, eigentlich Sissele, lässt Adriana auch nach Ende der Spielzeit zurück in Berlin nicht los, bis sie plötzlich vor ihrer Tür steht und ihre Unterstützung einfordert. Gemeinsam machen sie sich auf die Suche und dabei erfährt die Erzählerin auch mehr über die Lebensgeschichte der ungewöhnlichen Frau: ein typisch jüdischer Irrweg über mehrere Kontinente, so aberwitzig, dass es nur wahr sein kann. Aber können sie wirklich nach all den Jahren Kontakt zu weiteren verwandten herstellen?

Adriana Altaras hat auch in früheren Büchern schon eigene Erfahrungen verarbeitet und immer wieder auch das Jüdisch-Sein zum Thema gemacht. In „Die jüdische Souffleuse“ steht zunächst die Theaterwelt im Vordergrund, das chaotisch-neurotische Treiben wird herrlich und lebendig beschrieben, dass sich zwischen all den Exzentrikern auch eine kuriose Souffleuse versteckt, verwundert nicht weiter. Im zweiten Teil rückt Susanne/Sissele mehr in den Fokus und mit ihr eine wahrlich unfassbaren Lebensgeschichte.

„Auch von Susanne habe ich ihm kurz erzählt. Eine jüdische Souffleuse in der Provinz! Er hat gelacht: »Auffangbecken Theater, der Ort für alle übrig gebliebenen Meschuggenen, neben Israel, versteht sich.«“

 Der Roman verbindet geschickt beide Geschichten miteinander, jene kunterbunte Opernwelt, in der alles nur Schein ist, und jene dunkle Zeit der deutschen Geschichte, die Leid und Elend und lebenslange Wunden geschaffen hat. Obwohl in letzterem nichts beschönigt oder relativiert wird, gelingt Altaras insgesamt doch ein heiterer Ton, gelegentlich melancholisch überlagert, aber immer wieder auch mit herrlichen Wortspielen, die ganz bewusst den typisch jüdischen Humor hervorheben, der von bitterer Selbstironie lebt: Gestrandet in Island stellen die Figuren fest, dass dies ein gar unglaublich friedfertiges Völkchen ist:

„»Island ist eines der wenigen Länder, das keinen Genozid vorzuweisen hat, sie haben noch nicht einmal Militär hier«, doziert Robbi am nächsten Morgen beim Frühstück, er hat sich weiter informiert. »Kein Genozid? Nicht einmal ein klitzekleines Pogrom?«, witzele ich. »Na, was sollen wir dann hier?«“

Trotz der eigentlich ernsthaften Thematik eine lockere Erzählung, die einem immer wieder schmunzeln lässt und dennoch tief berührt.

Hubert Achleitner – flüchtig

hubert achleitner flüchtig
Hubert Achleitner – flüchtig

Nach über dreißig Jahren Ehe ist Maria einfach verschwunden, doch nun meldet sich eine junge Frau, die einen Brief von ihr für Herwig hat. Er lädt sie ein in der Hoffnung zu erfahren, was geschehen war und wo Maria sich aufhält, offenbar lebt sie noch. Doch bevor aufgelöst wird, wo sich die flüchtige Gattin aufhält, folgt zunächst der Blick zurück auf ihr Leben, das schon turbulent begann mit der Geburt in der Seilbahn. Zwischen österreichischen Bergen hat sie gemeinsam mit Herwig ein Leben aufgebaut, das jedoch nach einer Fehlgeburt eine jähe Zäsur erlebte, die sich nicht mehr kitten ließ. Auf unterschiedliche Weise versuchten beide mit der Trauer umzugehen, flüchteten sich in allerlei Ersatzhandlungen, die jedoch die Wunde nicht heilen konnte, die der Verlust verursacht hatte. So flüchtig dieses kurze Glück war, so flüchtig ist letztlich auch das Leben, das einem jederzeit genommen werden kann und in dem jede flüchtige Begegnung zu einer Wegänderung und einem ganz anderen Verlauf führen kann, wie das Beispiel von Maria und Herwig zeigt.

Hubert Achleitner ist ein unter dem Namen „Hubert von Goisern“ bekannter Liedermacher und Komponist, der auch als Erfinder des Alpenrock gilt und dessen Musik und künstlerisches und sonstiges Engagement oft auch politisch ist. „flüchtig“ ist sein erster Roman, der sich kaum in wenigen Worten fassen lässt. Man merkt in jeder Zeile, wie stark die Natur mit all ihrer Gewalt auf ihn gewirkt haben muss, denn nicht wirklich die Figuren, sondern andere Kräfte treiben die Handlung, die mit einer ungemein poetischen Sprache wiedergegeben wird.

Zufälle treiben scheinbar die Handlung an und doch ist nichts zufällig in diesem Roman. Es beginnt bei den Namen: Eva Maria Magdalena – alle traditionellen Vorstellungen von Frauen vereinigt Maria in sich und diese zeigt sie auch. Herwig – die Verbindung von Heer und Kampf, der einerseits um seine Frau kämpft und doch zur Eroberung anderer Frauen zieht. Spiralförmig werden ihre Leben, auch jene der Eltern, sowie die Ereignisse der vergangenen Monate skizziert, die überkreuzen sich immer wieder, schneiden sich sogar ganz scharf und bewegen sich alle wie in einem Strudel auf ein Ziel hin.  Immer wieder kommen ihnen Naturgewalten dabei in die Quere und treffen Entscheidungen, die Außenwelt wird oftmals zur Gefahr, sei es in den Bergen oder auf dem Wasser.

Maria ist auf der Flucht vor sich selbst und ihrem Leben, doch die Reise kann keine Antworten liefern, diese findet sie nur in der inneren Einkehr. Flüchtige Begegnungen sind es dabei, die die entscheidenden Akzente setzen und die Gedanken ins Rollen bringen. Vieles, was die Figuren umtreibt, lässt sich leicht nachvollziehen und nimmt einem so mit auf die Reise, die dem Autor vor allem sprachlich überzeugend gelungen ist.

Cihan Acar – Hawaii

cihan acar hawaii
Cihan Acar – Hawaii

Eine brütende Hitze, die die Menschen langsam zermürbt, liegt über Heilbronn. Auch Kemal Arslan leidet unter den unerträglichen Temperaturen, doch nicht nur diese machen ihm zu schaffen. Einst stand ihm die große weite Welt offen, das junge Fußball-Talent, dass es zu den renommierten Vereinen schaffen würde, doch ein Unfall hat all diese Hoffnungen zunichtegemacht und nun streift er durch seine Heimatstadt ohne zu wissen, was er sucht oder wohin er will. Er trifft ehemalige Freunde, verabschiedet sich von seinen Eltern, die auf dem Weg in die Türkei sind, landet in einem Striplokal und einem Spielcasino. Er sucht seine Ex-Freundin Sina auf, doch die will auch nichts mehr von ihm wissen. Während Kemal den Sinn im eigenen Dasein sucht, bricht derweil in dem Problemstadtteil Hawaii der Krieg aus. Neonazi wollen ihren Lebensraum zurück und Kemal sieht sich zwischen allen Fronten.

Cihan Acars reflektiert die Frage nach dem Dazugehören gleich auf mehreren Ebenen. Er lässt seinen Protagonisten drei Tage und einen Morgen durch die schwäbische Stadt streifen und in unterschiedlichsten Begegnungen wird diesem immer klarer, dass er weder weiß, wer er ist, noch wohin er gehört. Je mehr Menschen ihn vereinnahmen wollen, desto stärker wehrt er sich gegen eine Zuordnung und muss letztlich feststellen, dass er nirgendwo so richtig hineinpasst. Er muss seine Heimat vermutlich ganz woanders suchen. Die Grenzen verlaufen auf ganz unterschiedlichen Ebenen, es gibt Türken, Deutsche und Deutschtürken, es gibt Reiche, Arme und die Dazwischen, man spricht Deutsch und Schwäbisch und Türkisch und irgendwas aus allem. Jedes kleine Merkmal kann die Gemeinschaft definieren oder zur Abgrenzung dienen, ein andauernder Tanz auf dem Vulkan, der jederzeit auszubrechen droht.

„Manche meinen, die Amis hätten den Namen eingeführt, also die Soldaten, die hier früher stationiert waren. Andere sagen, dass es ironisch gemeint ist, nach dem Motto: Was für eine miese Gegend, sind wir doch mal witzig und benennen sie nach einem Paradies.“

Hawaii, Heilbronn. Nicht die Inseln mit den Traumstränden, sondern das Problemviertel, das der Autor selbst gut kennt, stammt er doch aus Heilbronn. Eine Zukunft ist dort nicht zu erwarten, dies teilt der noch junge Protagonist mit der Stadt. Wo sich einst große Träume hinter den Augen abspielten – die zugewanderten Arbeiter, die in Deutschland gutes Geld für ein besseres Leben verdienen wollten, und Kemal Arslan, der davon träumte Fußballstar zu werden – ist nun nur noch Verfall. Am Ende ist die Hälfte niedergebrannt und lediglich Ruinen lassen erahnen, dass es einmal hoffnungsvolle Zeiten gab. Der Trümmerhaufen der Stadt spiegelt den Trümmerhaufen wieder, den Kemal empfindet. Doch um sich selbst wieder aufzubauen, müsste er wissen, nach welchem Plan er vorgehen muss.

Die Identitätsfrage wird das leitende Motiv in der Suche. Er ist nicht mehr der Fußballstar, der bei einem türkischen Club spielt und echte Fans hat. Doch er kann auch nicht mehr nur der Sohn eines türkischen Gastarbeiters sein, der in einer Reinigungsfirma sein bescheidenes Geld verdient. Um von der türkischen Community anerkannt zu werden, muss er deren Codes und Sichtweisen übernehmen, doch diese sind ihm fremd geworden. Von der Exfreundin und deren Familie und Freunden wird er als Sportler und damit Leistungsträger akzeptiert, sobald jedoch aus dem Star nur noch der verletzte Türke wird, sieht es mit der Akzeptanz dünn aus. In der ultimativen Konfrontation mit den Nazis und der Frage, zu welcher Seite er mit seinem untypischen, nicht unmittelbar zu identifizierenden Aussehen gehört, erkennt er, dass genau da der Knackpunkt liegt: er gehört nirgendwohin.

Bisweilen komisch, manchmal bizarr schildert Acar die Rastlosigkeit Kemals und erlaubt in seinen Konfrontationen einen Einblick in das komplexe Innenleben des Protagonisten, das man zu Beginn nicht erwartet hätte.

Jessie Burton – Die Geheimnisse meiner Mutter

jessie burton die geheimnisse meiner Mutter
Jessie Burton – Die Geheimnisse meiner Mutter

Rose ist ohne Mutter aufgewachsen, als Kind phantasierte sie sich alle möglichen Szenarien zusammen, wo die sein könnte und weshalb sie ihre Tochter einfach verlassen hat. Auch ihr Vater erzählt nicht über die Zeit Anfang der 80er Jahre, wie es dazu kam, dass die Dinge so gelaufen sind. 34 Jahre später jedoch gibt er Rose zwei Bücher von Constance Holden mit der Info, dass diese ihre Mutter gekannt hatte und die letzte war, die Elise gesehen hat, bevor sie verschwand. Rose merkt schnell, dass es nicht einfach ist an die Autorin heranzukommen, durch einen Trick schleicht sie sich als Assistentin in das Leben der älteren Dame, die nach drei Jahrzehnten zum ersten Mal wieder schreibt. Vielleicht findet sie in diesem neuen Roman Antworten auf die vielen Fragen, die sie sich ihr Leben lang schon gestellt hat.

Jessie Burtons Geschichte schildert nicht nur die Suche nach den unbekannten Wurzeln, sondern auch die Suche nach sich selbst und der Frage, wer man eigentlich ist. Rose ist ganz typisch für ihre Generation, die zwar erwachsen ist und einen Studienabschluss hat, aber auch jenseits der 30 noch suchend durch das eigene Leben irrt und nicht weiß, was sie eigentlich von diesem erwartet: eine Beziehung, ein Kind, berufliche Erfüllung? Alles befindet sich in einem fragilen Zustand, weshalb sie sich umso mehr an die Vergangenheit klammert und hofft, durch das Finden ihrer Mutter auch die Antworten zu bekommen, die sie selbst nicht zu geben vermag.

Auf zwei Zeitebenen erleben wir einerseits die Gegenwart Roses und ihre Annäherung an Constance. Je enger die Verbindung zu der Autorin wird, desto weiter entfernt sie sich jedoch auch von ihrem Freund. Was vorher feine Risse in der Beziehung waren, werden plötzlich unüberwindbare Gräben. Der neue Roman scheint biografische Elemente zu enthalten, doch so richtig bringt auch er Rose in ihrer Suche nicht weiter und offen kann sie Constance nicht mit ihren Anliegen konfrontieren, immerhin hat sie sich unter falscher Identität in ihr Haus eingeschlichen. Ebenso wie viele Jahre später ihre Tochter ist auch die junge Elise ist von der Schriftstellerin fasziniert und bereit, alles für diese aufzugeben. Doch das Ungleichgewicht in ihrer Beziehung wird in der Ferne nicht durch die neuen Erfahrungen kompensiert, sondern nur noch offenkundiger und führt unweigerlich in die Katastrophe.

Erzählerisch überzeugt Jessie Burton, beide Handlungsstränge sind sauber gearbeitet und können jeder für sich durchaus begeistern. Allerdings ist bei mir der Funken nicht ganz übergesprungen. Die Faszination, die Constance Holden auf die beiden Frauen ausübt, hat sich mir nicht im gleichen Maße offenbart. Ich fand sie als jüngere und noch mehr als ältere Frau kalt und abweisend, eigentlich kein Mensch, der andere für sich gewinnt, denn an Zuneigung bietet sie wenig und Interesse scheint sie nur für sich selbst zu haben. Elise verfällt ihr als unbedarftes Mädchen, Rose ist eigentlich schon viel weiter im Leben, macht aber eher den Eindruck einer vielleicht 20-Jährigen, die noch keine Vorstellung davon hat, wo ihre Reise hingehen soll. Zwar hat Rose für sich am Ende den Eindruck deutlich weitergekommen zu sein, ich empfinde sie jedoch ähnlich planlos wie zu Beginn und kann nicht wirklich eine Entwicklung erkennen. Für diese Rückkehr zum Ausgangspunkt waren leider ein paar Schleifen zu viel erforderlich, die Geschichte hätte stringenter erzählt werden dürfen.

Antoine Laurain – Liebe mit zwei Unbekannten

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Antoine Laurain – Liebe mit zwei Unbekannten

Als der Buchhändler Laurent eines Morgens eine verlassene Handtasche auf der Straße findet, ist seien Neugier geweckt. Wem mag sie gehören? Der Inhalt verrät viel über die Unbekannte, aber nur wenig Greifbares. Ihrem Notizbuch kann er ihren Vornamen entnehmen: Laure. Offenbar besitzt sie auch eine Katze und hat ein Kleid in einer Reinigung. Fasziniert von dieser mysteriösen Frau begibt er sich auf die Suche. Laure liegt unterdessen im Koma, sie ist überfallen worden und ein Schlag auf den Hinterkopf hat sie temporär außer Gefecht gesetzt. Zwei Fremde in Paris, die plötzlich miteinander verbunden werden, doch das Band ist unsichtbar, lässt sie aber nicht mehr los.

Einen Roman von Antoine Laurain zu lesen ist wie an einem nasskalten Herbsttag ein wohlig warmes Haus betreten und einen dampfenden Kaffee oder Tee gereicht zu bekommen. Man lässt sich niedersinken und die ungemütliche Welt draußen ist vergessen. Man weiß, dass alles gut ausgehen wird und genießt das Eintauchen in diese pastellfarbene Zuckerwelt.

„Die Tasche hatte viele Innenfächer, mit Reißverschluss oder ohne. Laurent hätte niemals gedacht, dass eine Frauentasche so viele Ecken und Winkel haben konnte. Es war noch komplizierter als das Sezieren eines Tintenfischs auf dem Küchentisch.“

Mit viel Liebe zeichnet der Autor einmal mehr seine Protagonisten, die einerseits völlige Durchschnittsmenschen sind, andererseits aber das bisschen an Zauber und Magie, das der Alltag zu bieten hat, in ihrem Leben zulassen. Es sind nicht die Lauten, Extrovertierten, sondern die eher Schüchternen, die einen Anstoß von außen brauchen. Ob die Geschichte dabei realistisch ist, die Figuren authentisch und facettenreich wirken – egal, Antoine Laurain schenkt einem ein paar wundervolle Lesestunden, die man einfach genießen sollte, ganz ohne literarische Analyse und nach tiefgründigen Aussagen zu suchen.

Jakuta Alikavazovic – Das Fortschreiten der Nacht

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Jakuta Alikavazovic – Das Fortschreiten der Nacht

Das Architekturstudium in Paris bringt ihn in eine ganz neue Welt. Paul ist fasziniert und genauso wie er an der Universität alles aufsaugt, verliert er sich auch in der mysteriösen Amélia. Gerüchte umgeben sie, sie würde in einem Hotel leben und genau dort sieht er sie auch bei seinem Job als Nachtportier, der ihm das Studieren erst ermöglicht. Eine blinde Amour fou beginnt, die beide aus der irdischen Welt entfernt und nur noch den Blick aufeinander richten lässt. Einzig ihre Professorin Albers hat Zugang zu beiden, die Stararchitektin war bereits mit Amélias Mutter befreundet, die das Mädchen und ihren Vater schon vor langer Zeit verlassen hat und eine Lücke riss. Genau diese ist es auch, die Amélia schließlich von Paul wegtreibt. Es fehlt ihr etwas Unbestimmtes, das sie suchen muss, es treibt sie auch wieder zurück, denn das Band, das sie beide verbindet, lässt sich nicht so einfach kappen.

„Sie, Amélia Dehr, war eine Romanfigur und offensichtlich auch entschlossen, es zu bleiben. Und ob sie diese Figur selbst erschaffen hatte oder ob sie das Werk von jemand Anderem war, war nicht ganz sicher, blieb noch herauszufinden.“

Amélia ist eine schwer zu greifende Figur, die mich stark an André Bretons Nadja erinnert, die ebenfalls eine undefinierte Faszination ausübt und immer wieder aus dem Nichts auftaucht, nur um dann doch wieder zu verschwinden. Genauso wie die surrealistische Liebe Bretons, der klassischen Amour fou, kann in „Das Fortschreiten der Nacht“ nur exzessiv und intensiv gelebt werden, eine Art, die nicht alltagstauglich ist und von einer Frau ausgeht, die Menschen bezaubert und in ihren Bann zieht, die selbst aber nur begrenzt liebensfähig ist.

„(…) was sie schließlich später, viel zu spät, verstehen würde: Paul hatte sie geliebt und er hatte nur sie geliebt, und selbst als er sagte, dass er sie nicht liebte, als er sie nicht lieben wollte, liebte er sie immer noch. Sie war das Herz, das in seiner Brust schlug, dieses kräftige Herz, scheinbar unermüdlich, während sie, Amélia, so erschöpft war.“

Beide sind Kinder ihrer Eltern und tragen das in sich, was ihnen wissentlich oder unwissend mitgegeben wurde. Pauls einfach Herkunft, die er in jungen Jahren verschämt verbirgt, wird er später als Geschenk erkennen und in seinem Vater einen Fixpunkt sehen, der ihm viele Jahre fehlte. Amélia ist durch die Abwesenheit der Mutter geprägt, so wie diese von der Grausamkeit des Krieges angezogen wurde, sucht auch die Tochter das Unheil und nimmt es in sich auf.

Die Missglückte Liebe zwischen Paul und Amélia steht im Zentrum der Handlung, dieses singuläre Beispiel ist aber letztlich nur der Spiegel einer Gesellschaft von zerrissenen Menschen, die Kriege und Flucht erleben und sich auch ihrer Vergangenheit und jener ihrer Eltern nicht entziehen können. Wie kann mit dem, was heutige Generationen in sich tragen, überhaupt noch eine Beziehung auf Augenhöhe und frei von all diesem Ballast gelingen? Ein intensiver Roman, der vor allem durch die überzeugende sprachliche Umsetzung der Emotionen und die zirkuläre Struktur überzeugt.

Stina Jackson – Dunkelsommer

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Stina Jackson – Dunkelsommer

Norrland, weit oben im schwedischen Norden. Zwei Menschen sind auf der Suche. Lehrer Lelle such Lina, seine Tochter, die vor drei Jahren spurlos von der Bushaltestelle verschwunden ist, an der er sie morgens abgesetzt hatte. Die 17-jährige Meja sucht nur nach einem normalen Leben. Mehr als 30 Mal ist sie mit ihrer Mutter Silje bereits umgezogen, von einem Liebhaber zum nächsten, jetzt also in den Norden zu Torbjörn. Die dunklen Wälder machen dem Mädchen aus dem Süden Angst, auch Torbjörn kann sie nur schwer einschätzen, doch bald schon findet sie in den Brüdern Carl-Johan, Göran und Pär Freunde, mit denen sie die langen Sommertage verbringt. Sie sind anders, ihre Eltern leben abgeschieden auf einem Hof und versorgen sich selbst, meiden die Gesellschaft. Als von einem Campingplatz ein Mädchen verschwindet, wird Meja zum ersten Mal mit der dunklen Seite der Gegend konfrontiert. Wieder ein 17-jähriges Mädchen, wieder gibt es keine Spuren, ist sie auch in Gefahr?

Das Debut der gebürtigen Schwedin Stina Jackson, die seit zehn Jahren jedoch bereits in den USA lebt, ist geprägt von der düsteren Stimmung des wenig besiedelten schwedischen Nordens. Entweder die Figuren leben völlig im Einklang mit der Natur oder diese breitet ihre Düsterheit und ihren Schrecken über ihnen aus. Atmosphärisch überzeugend hat die Autorin ihre Story in die wenig idyllische Umgebung eingebaut und erzeugt selbst in friedlichen Situationen ein gewisses Unbehagen.

Die beiden Handlungsstränge um Lelle und Meja werden parallel erzählt. Jede Nacht macht sich der trauernde Vater auf, um die Gegend nach Spuren von Lina abzusuchen, jede Nacht aufs Neue begegnet er potenziellen Tätern, jede Nacht kehrt er mit leeren Händen zurück. Seine Trauer ist überwältigend, fordert ihn völlig bis zur absoluten Belastungsgrenze, doch er gibt nicht auf. Man fühlt sein Leid und wünscht ihm so sehr, dass er endlich Frieden findet. Meja bemitleidet man gleichermaßen, ihre familiäre Situation ist mehr als prekär und man erhofft für das Mädchen, endlich entfliehen zu können. Mit der Begegnung mit den drei Jungs scheint zum ersten Mal so etwas wie Normalität in ihr Leben zu treten, auch wenn der Familie sehr seltsame Prepper zu sein scheinen und sich täglich mit Verschwörungstheorien beschäftigen.

Beide Figuren sind authentisch gezeichnet, vor allem ihr Schmerz bzw. die Einsamkeit der beidem wird deutlich. Dass sich ihre Wege kreuzen müssen, liegt auf der Hand. Die Auflösung des Falles wird ebenfalls überzeugend angebahnt und zu einem sauberen Schluss gebracht. Die Geschichte lebt nicht von nervenzerreißender Hochspannung, sondern wird von den Emotionen der Figuren getragen und besticht durch die düstere Atmosphäre, die sich mit Eintritt des Herbstes noch deutlich verstärkt. Eine rundherum stimmige Erzählung, die die Erwartungen an weitere Romane der Autorin hochschraubt.

Ein herzlicher Dank geht an das Bloggerportal für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zu Autorin und Buch finden sich auf der Seite der Verlagsgruppe Random House.