Sandra Cisneros – Das Haus in der Mango Street

Sandra Cisneros – Das Haus in der Mango Street

Esperanza wohnt in der Mango Street in Chicago. Es ist nicht das, was sie als ihr „Zuhause“ betrachten würde, aber das Haus, in dem sie wohnt, befindet sich nun einmal dort. Die Mango Street ist ein wildes Sammelsurium an Menschen, die dort alle gestrandet sind und auf bessere Zeiten hoffen. Esperanza wächst zwischen ihnen und den unterschiedlichen Lebensentwürfen auf, schon früh mit der Absicht, irgendwann einmal als Schriftstellerin mit ihrem eigenen Haus erfolgreich zu sein.

Wie die mexikanisch-amerikanische Autorin Sandra Cisneros bereits im Vorwort ankündigt, handelt es sich nicht um einen Roman im eigentlichen Sinne. Zur Entstehungszeit Anfang der 80er Jahre waren kurze Texte angesagt und so finden sich in „Das Haus in der Mango Street“ 44 kurze Episoden aus dem Lebensalltag Esperanzas, die den realen Erfahrungen der Autorin entlehnt sind. Sie ermöglicht durch ihre Augen einen kurzen Blick in die Leben der Bewohner der Straße, wirft durchaus auch brisante Fragen auf, führt die Geschichten jedoch nie so ganz zu einem Ende.

„Leute, die keine Ahnung haben, kommen ganz verschreckt in unser Viertel. Sie glauben, wir sind gefährlich. Sie glauben, wir gehen mit blitzenden Messern auf sie los. Sie sind Dummköpfe, die sich verirrt haben und nur versehentlich hier gelandet sind. Wir aber haben keine Angst.“

„Das Haus in der Mango Street“ wird vielfach als wichtiges Werk sowohl der Chicano-Literatur wie auch aus feministischer Sicht interpretiert. Cisneros schildert vor allem das Leben der mexikanischen Einwanderer bzw. ihrer Nachfahren, so werden Ehefrauen aus Mexico importiert, die kein Englisch sprechen und dadurch ans Haus gebunden sind, andere hoffen mit dem Umzug in die reichen USA auf ein besseres Leben. Alte Familienstrukturen und vor allem das Verhältnis von Männern und Frauen zueinander wird nicht an die neuen, offeneren gesellschaftlichen Lebensrealitäten angepasst, sondern so wie schon immer fortgesetzt. Man kennt sich im Viertel und weiß, wann etwas zu kommentieren ist und wann auch einfach nicht.

Esperanza ist am Beginn der Pubertät, interessiert sich zunehmend für das Verhältnis zwischen Mädchen und Jungs, sucht selbst aber noch keinen Kontakt. Es steht jedoch außer Frage, dass sie irgendwann einen Freund und dann auch Mann braucht, wenn das nicht einfach so klappt, kann man immer noch zur Zauberhexe gehen, die dann Abhilfe weiß.

Die kurzen Episoden lassen durchscheinen, dass das Leben in der Mango Street nicht einfach, vielfach auch von Gewalt geprägt ist und doch alle ihre Träume von einem besseren Leben hegen – oder sie hoffen dies zumindest für ihre Kinder. Insbesondere für die Frauen wird es aber beim Traum bleiben, denn ihre Lebenswege sind vorgezeichnet und sehr begrenzt. So sehr sich auch Esperanza wünscht ausbrechen zu können, ist ihr schon als Mädchen bewusst, dass sie nicht alles einfach wird hinter sich lassen können, sondern dass sie auch davon geprägt wird, in dem, wie sie die Welt sieht.

Durch die Stimme des jungen Mädchens kann Cisneros die sozialkritischen Themen etwas abmildern, da sie mit einer gewissen Naivität und Unwissenheit präsentiert werden. Präsent sind sie dennoch und machen den Roman dadurch durchaus auch zu einer Anklage. Dies wird allein dadurch deutlich, dass er zu den Jugendromanen zählt, die regelmäßig auf den Verbannungslisten erscheinen, die Mitglieder der weißen Oberschicht an die US-amerikanischen Schulen und Bibliotheken herantragen.

Nella Larsen – Passing

Nella Larsen – Passing

Irene Redfield weiß, von wem der Brief ist, den sie sich nicht traut zu öffnen. Einige Wochen zuvor ist sie in ihrer Heimatstadt Chicago zufällig Clare Kendry begegnet, eine Kindheitsfreundin, die nach dem Tod der Eltern zu Tanten geschickt wurde. Während Irene mit ihrem Mann und den beiden Söhnen inzwischen ein gutes Leben in Harlem führt, ist Clare ganz eindeutig der Aufstieg gelungen, vor allem durch ihren Mann, der nicht ahnt, wen er geheiratet hat. Sowohl Irene wie auch Clare sind eher ein mediterraner Typ, sie wissen jedoch beide, dass sie keine Weißen sind, was in den USA des Jahres 1927 mehr als relevant ist. Doch Clares Mann ahnt nichts vom „Passing“ seiner Frau, der unerlaubten Überschreitung der Rassengrenze, seinen rassistischen Tiraden hat er deshalb freien Lauf gelassen und Irene nachhaltig verschreckt. Doch nun nicht die ehemalige Freundin Kontakt auf und bringt Irene in ungeahnte Dilemmata.

Nella Larsens Roman aus dem Jahr 1929 ist ein Zeitzeuge einer der problematischsten Fragen der US-Geschichte. In Deutschland weitgehend unbekannt gehört er jedoch zu einem der wichtigsten Werke der US Literatur und wird vielfach auch als Gegenstück zu F. Scott Fitzgeralds „The Great Gatsby“ gesehen. Parallelen gibt es in der Tat einige, ebenso diametrale Gegensätze.

Zentrales Thema ist der „Seitenwechsel“, so auch der deutsche Titel des Buchs. Clare nutz die Gelegenheit ihrem Milieu zu entkommen und spielt ihre neue Rolle perfekt. Ihr altes Leben hat sie hinter sich gelassen, wie sie Irene eindrucksvoll zeigt. Es ist jedoch mitnichten so, dass sie glücklich wäre, wie sich im Laufe der Handlung zeigt. Sie wird immer mutiger und riskiert aufzufliegen, während Irene noch damit hadert, wie sie Clare schützen kann.

“It’s funny about ‚passing‘. We disapprove of it and at the same time condone it. It excites our contempt and yet we rather admire it. We shy away from it with an odd kind of revulsion, but we protect it.“

Irene verleugnet ihre Herkunft nicht, für sie verlaufen die Grenzen eher zwischen den Klassen denn entlang der Hautfarbe. Als Arztfrau hat sie selbstverständlich eine afroamerikanische Bedienstete. Ihre Söhne will sie schützen und somit wird dies zu einem Tabu- und letztlich Streitthema mit ihrem Mann, denn dieser sieht die Notwendigkeit, die Jungs auf die Welt mit ihren Vorurteilen vorzubereiten.

Ein zweites Thema legt die Autorin geschickt über die Handlung. Clare ist der Star jeder Party und im Kontrast zu ihr erkennt Irene, dass sie letztlich nur noch als Mutter wahrgenommen wird. Bis zu dem Wiedersehen mit Clare war ihr eigentlich nur die wirtschaftliche und gesellschaftliche Sicherheit wichtig, doch nun erkennt sie, dass es noch mehr gibt. Ihre Eifersucht auf Clare wächst und bald auch der Verdacht, dass ihr eigener Mann sie mit der Jugendfreundin betrügen könnte. Dabei hält sie alles in der Hand, um Clares Leben mit einem Schlag zu zerstören – eine durchaus verlockende Idee.

Clare ist das passende Gegenstück zu Jay Gatsby: sie ist bereit, alles zu tun, um ihre Ziele zu erreichen, wird ebenso reich und unglücklich wie dieser, denn das eine, das sie unbedingt will, bleibt ihr verwehrt. Man ahnt, dass es ein ähnlich dramatisches Ende nehmen muss wie bei ihrem berühmteren Pendant.

Ein kurzer Roman, der nicht nur durch die Komplexität und Vielschichtigkeit der angesprochenen Themen sondern auch durch die pointierte Sprache besticht. Die Figuren reden, wie dies zu jener Zeit üblich war, was heute umso drastischer wirkt. Besonders bemerkenswert jedoch, dass gleich zwei Frauenfiguren zentrale Fragen aufwerfen und Männer weitgehend Randnotizen bleiben – in der Literatur vor 100 Jahren wie auch heute nicht unbedingt eine Selbstverständlichkeit.

Nam-joo Cho – Kim Jiyoung, geboren 1982

Nam-joo Cho – Kim Juyoung, geboren 1982

Nach der Geburt ihrer Tochter und, aus Mangel an Betreuungsmöglichkeit, der Aufgabe ihres Berufs ist Kim Jiyoung etwas verloren. Die postnatale Depression wirft sie schließlich ganz aus der Bahn. Ihre Psyche schlüpft in den Charakter von Menschen in ihrem Umfeld, ihre eigene Persönlichkeit verschwindet dahinter. Ein Psychologe ergründet die Ursache und blickt dabei auf das typische Leben koreanischer Frauen. Schon vor der Geburt beginnt der Wettlauf mit dem anderen Geschlecht. Sollten sie überhaupt die Geburt erleben, erwartet sie ein Leben in zweiter Reihe.

Nam-joo Chos Roman ist ein globales Phänomen, das einen sehr speziellen Beitrag zur Feminismusdebatte und einen Einblick in eine aus westlicher Welt sehr befremdliche Gesellschaft liefert. Zwar ist die Geschichte als Roman angelegt, zahlreiche Fakten untermauern jedoch die Schilderungen.

Man kann vor Entsetzen nur staunen über die Ungerechtigkeit, die mit Tradition begründet und immer weiter verfestigt wird. Bei den Kindern schon werden die Jungen bevorzugt: erhalten die besseren Zimmer, mehr Essen und Bildung, die ihnen die Schwestern finanzieren müssen, auch wenn diese intelligenter sind. In der Schule genießen sie mehr Freiheiten, die Mädchen erleben frühzeitig schon sexuelle Grenzüberschreitungen, die jedoch abgetan werden – sie gehören halt einfach dazu. Auch im Alltag erlebt Jiyoung zahlreiche Übergriffe, wobei man ihr dafür meist die Schuld zuschreibt, was muss sie auch abends noch draußen rumlaufen oder einen Rock tragen?

Auch der Start ins Berufsleben ist beschwerlich, die Universitäten unterstützen nur die männlichen Studierenden bei der Jobsuche und Frauen werden auf Einstiegspositionen nicht nur schlechter bezahlt, sondern wiederum schlechter behandelt und wie Freiwild behandelt. Peinliche Situationen wechseln sich mit Demütigungen ab, aber nur wenige stellen sich dagegen; der Kampf für mehr Gerechtigkeit ist hart und beschwerlich und endet in der Regel dann doch mit der Resignation der Frauen. Spätestens mit der Frage nach der Familiengründung – genauestens beäugt von den Familien, die für sich das natürliche recht der Einmischung beanspruchen – ist unweigerlich der Abschied angesagt. Infrastruktur und Verständnis für arbeitende Mütter sind nicht vorhanden.

Man fühlt sich nicht um Jahrzehnte, sondern um Jahrhunderte zurückversetzt. Gleichberechtigung ist eine Fehlanzeige und selbst junge Männer mit progressiver Haltung fallen doch immer wieder in klassische Muster zurück oder merken gar nicht, dass ihr vermeintliches Entgegenkommen unter der Oberfläche ebenso diskriminierend ist wie das Verhalten der vorherigen Generationen.

Ein bemerkenswertes Buch, das nicht so sehr durch sprachliche Finesse oder Figurenentwicklung, sondern durch die Darstellung der koreanischen Gesellschaft beeindruckt. Dass Frauen weniger berufliche Chancen haben, trotz besser Leistungen in Schule und Universität, ist dabei nicht so sehr verwunderlich, das verhält sich ja bei uns nicht grundlegend anders, es ist viel mehr die Grundhaltung, die in der nicht nur patriarchalen, sondern offen misogynen Gesellschaft als völlig normal angesehen wird.

Margaret Atwood – Die Zeuginnen

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Margaret Atwood – Die Zeuginnen

Fünfzehn Jahre nach dem ungewissen Ende von Desfred ist in Gilead wieder Ordnung eingekehrt. Doch immer noch wirkt das Ereignis nach, denn die Suche nach der Tochter Desfreds ist aktiv wie eh und je. Man vermutet sie in Kanada, wo sie bei Mitgliedern der Geheimorganisation Mayday untergekommen sein könnte. In Gilead folgen die Dinge derweil dem regulären Gang, junge Mädchen werden zu Ehefrauen oder Mägden, einige, wie Agnes und Becka stellen die nächste Generation der Tanten. Die Richterinnen, Ärztinnen und andere Frauen, die einst glaubten, sich ihrer natürlichen Pflicht entziehen zu können und dann erkennen mussten, dass die göttliche Ordnung Gileads nur zu ihrem Vorteil ist und dass sie es sind, die dafür sorgen müssen, dass der weibliche Teil der Bevölkerung dies auch versteht, führen die Mädchen und Frauen mit eiserner Hand. Doch es gibt einen Maulwurf, das System wird von innen heraus bedroht und wird dieses Mal einen herben Schlag erleben.

Fast 35 Jahre sind vergangen seit Margaret Atwood ihre feministische Dystopie „Der Report der Magd“/„The Handmaid’s Tale“ veröffentlichte und damit DAS Werk des Genres geschaffen hat. Vor allem das offene Ende hat viele Leser*innen etwas unzufrieden das Buch zuklappen lassen. Mit „Die Zeuginnen“/ „The Testaments“ wird diese Lücke nun geschlossen. Erzählt wird im Wechsel aus drei Perspektiven: Desfreds Tochter Agnes, die in Gilead adoptiert wurde und nun auf die Ehe vorbereitet werden soll; Daisy, die aus Gilead geschmuggelt wurde und in Kanada aufwuchs und Tante Lydia, die einst eine unabhängige Richterin war, sich dann aber ergeben hat und Gilead in seinen Grundzügen mit aufbaute.

Ist die Atmosphäre im Report der Magd geprägt von düsterner Aussichtslosigkeit, hat man bei den Zeuginnen viel mehr den Eindruck, dass es den Frauen gelingt, sich zu emanzipieren und das System für ihre Zwecke zu nutzen und zu unterwandern. Auch wenn es Figuren gibt, die den Glauben an die schlechte Natur der Frau verinnerlicht haben und sich durch und durch als Sünderinnen begreifen, wird nun ein Gegenpol aufgebaut, der Hoffnung gibt.

Die Stärke des ersten Bandes lag unter anderem darin, dass man die enge Perspektive Desfreds einnehmen musste als Leser, dass man unmittelbar ihre Erfahrungen teilte und keinen Überblick über das große Ganze hatte. Dies trug maßgeblich zu dem unbehaglichen Gefühl bei, das einem bei der Lektüre begleitete. Dieser Faktor fehlt nun, zwar wird vieles etwas klarer, aber dafür opfert Atwood ein Stück der Empathie, die man für die Figuren empfinden könnte. Durch die Aufteilung auf drei verschiedene Sichtweisen wird auch die Bindung nicht in dem Maße aufgebaut, wie es bei Desfred war und vieles an Gilead verliert seinen Schrecken. Es gibt zwar wieder furchtbare Vorkommnisse – Vergewaltigung, Missbrauch, Mord und deren Bestrafung ist nicht minder grausam – aber alles wird mit einem Schritt mehr Abstand betrachtet.

„Die Zeuginnen“ punktet auf einer anderen Ebene: man hat mehr Einblick in die Strukturen Gileads und auch wie diese unterwandert werden. Und trotz aller Fiktion sind wiederum auch Parallelen zu unserer Realität auszumachen. Wenn es für mich auch nicht an das große Werk Atwoods heranreicht, dennoch ein überzeugender und lesenswerter Roman, der keineswegs zu spät kam, sondern im Gegenteil heute bitter nötig war denn je.

Sheila Heti – Mutterschaft

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Sheila Heti – Mutterschaft

„Ich wusste, das Einzige, womit man mit vierzig noch anfangen konnte, war die Literatur. Da ging man mit vierzig noch als jung durch. Aber in jeder anderen Hinsicht war ich alt, alle Boote waren längst abgefahren und auf hoher See, während ich erst auf die Küste zusteuerte und mein Boot noch nicht mal gefunden hatte.”

Die Autorin Sheila Heti sieht sich mit Ende 30 plötzlich mit einer Frage konfrontiert, die sich viele Frauen in diesem Alter stellen: kinderlos bleiben oder doch noch kurz vor Ablaufen der biologischen Uhr schwanger werden? Immer schneller kreisen ihre Gedanken nur noch um dieses Thema, nehmen allen Raum in Kopf ein und verhindern jeden rationalen Blick auf ihr Leben. Ihr Mann ist zufrieden mit dem Leben, wie sie es führen, aber er hat ja auch bereits eine Tochter aus erster Ehe! Heti beginnt nicht nur an ihrem Lebensentwurf zu zweifeln, sondern stellt plötzlich auch ihre Partnerschaft in Frage und ihre depressive Denkweise grenzt sie immer mehr ein und drängt sie in die Ecke, einen Ausweg aus dem Gedankenstrudel sieht sie kaum mehr. Was ist der richtige Weg im Leben, der, den man später einmal nicht bereuen wird?

Die Autorin versucht das Thema Mutterschaft mit den modernen Erwartungen der Gesellschaft an eine Frau, aber auch mit den Wünschen und Erwartungen der Frauen selbst unter einen Hut zu bringen. Hinzu kommen bei ihr als Jüdin noch die religiösen Aspekte, der Druck, die Gemeinde auch in Zukunft zu erhalten und fortzuführen, ebenso wie die Erfahrungen aus ihrer Kindheit, als sie bereits mit jungen Jahren den Eindruck hatte, den Erwartungen ihrer Mutter nicht gerecht zu werden und nun enthält sie dieser auch noch den Enkel vor. So weitet sich die Frage nach dem Kinderwunsch zu einer Lebenskrise unglaublichen Ausmaßes aus, dem man dennoch interessiert folgt.

Viele Aspekte, die Heti anführt, lassen sich leicht nachvollziehen. Karriere und Mutterschaft lassen sich selten erfüllend miteinander verbinden, unweigerlich muss frau sich für eins von beiden entscheiden. Das große, interessante Leben, dass da draußen aus einen wartet, kann auch nur gelebt werden, wenn nicht zu Hause Mäuler gestopft, Tränen getrocknet und Entwicklungsfortschritte bewundert werden müssen. Natürlich ist ihre Unterstellung ihr Mann wolle ihr nur das interessante Leben vorenthalten durch die Fessel Kinder und Küche ihrer Depression geschuldet, so ganz ist der Gedanke jedoch nicht von der Hand zu weisen, dass eine Hausfrau nun einmal leichter zu kontrollieren ist als eine freiheitsliebende Künstlerin.

Auf der anderen Seite bekommen die Freundinnen Kinder, scheinen glücklich in dieser Situation zu sein – wie soll man dies beurteilen wollen, ohne es selbst zu kennen? Die Entscheidung dafür oder dagegen ist zeitlich begrenzt, es gibt irgendwann kein Zurück mehr und der eingeschlagene Weg kann nicht mehr umgekehrt werden. Kommt die Einsicht, einen Fehler gemacht zu haben, zu spät, muss man damit unter Umständen Jahrzehnte leben.

Vor allem der Druck von außen macht ihr zu schaffen, obwohl ihr Mann überzeugend darlegt, dass jede Gesellschaft schon immer auch einen besonderen Platz für die Kinderlosen hatte, die sich insbesondere um das geistige und künstlerische Wohl bemühten.

„Du kannst nicht jemanden auf die Welt bringen, bloß um eine Diskussion in deinem Kopf zu beenden oder weil du neugierig auf jedwede menschliche Erfahrung bist oder damit du dich deinen Freundinnen anpasst.”

Am Ende erkennt Heti, dass die ganze Diskussion für sie eigentlich nur eine Scheindebatte war, das eigentliche Problem ist, dass sie sich ihr Leben betreffend immer wieder damit konfrontiert sah, sich Alternativen auszumalen, wie es sein könnte und darüber vergaß, das Jetzt und Hier zu genießen.

Ein sehr persönliches Buch, das die Gedankenwelt der Autorin schonungslos offenlegt und einem an ihrem Selbstfindungsprozess teilhaben lässt. Mutig lässt sie auch unpopuläre Gedanken stehen und bringt für mich insgesamt überzeugend und sprachlich ansprechend durch ihren plaudernden, aber dennoch sehr metaphorischen Stil eine der großen Fragen auf den Punkt.

Reni Eddo-Lodge – Warum ich nicht länger mit Weißen über Hautfarbe spreche

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Reni Eddo-Lodge – Warum ich nicht länger mit Weißen über Hautfarbe spreche

Europa zu Jahresbeginn 2019: die Briten versuchen krampfhaft am Brexit festzuhalten und sich gegenüber dem Rest der Welt abzuschotten. In Frankreich toben Gelbwesten gegen die herrschende Elite. In weiten Teilen des Rests des Kontinents erfreuen sich Parteien mit rechten, ausländerfeindlichen und rückwärtsgewandten Parolen großer Zustimmung. Liberale, multikulturelle Ideen der 1990er und des ersten Jahrzehnts des neuen Jahrtausends haben ausgedient. Die fragile weltpolitische und prekäre ökonomische Lage vieler befördern scheinbar alte Ressentiments und Rassismus. Aber war der Rassismus jemals wirklich überwunden?

Die britische Journalistin Reni Eddo-Lodge bezieht eine deutliche Position in ihrer Streitschrift. Nicht nur war der Rassismus nie überwunden, im Gegenteil, das sogenannte White Priviledge ist immanenter, struktureller Bestanteil der britischen Gesellschaft. Nach einem historischen Abriss und der Definition dessen, was sie unter White Priviledge versteht, widmet sie sich auch der Feminismusfrage und der sozialen Klasse unter diesem Gesichtspunkt. Ihr Fazit ist ernüchternd. Und bisweilen schwierig auszuhalten.

Differenziert legt sie ihre These dar, nachvollziehbar erläutert sie, wie sie und andere persons of colour im Alltag Rassismus und Benachteiligung erleben, auf welchen Grundlagen diese basieren und wieso manchmal gut gemeinte Absichten doch unterschwellig rassistisch sind. Es ist für beide Seiten ein schmaler Grat, weder will sie allen Weißen Rassismus unterstellen, noch negiert sie die Nachteile, die auch Weiße Frauen oder Arbeiter erleben. Aber sie unterstreicht doch, wie leicht Menschen mit weißer Hautfarbe über ihr Privileg hinwegsehen, es als gegeben hinnehmen, dass die Helden in Film und Literatur selbstverständlich weiß sind, dass ihnen die Vorstellungskraft fehlt, um das nachzuvollziehen, was BME (black and minority ethnic) erleben und dass die Rassenfrage oft auf die USA begrenzt ist und die europäische Dimension ausgeblendet wird.

Es ist nicht leicht, sich beim Lesen des Buchs nicht angegriffen und ungerecht behandelt zu fühlen. Man möchte der Autorin an vielen Stellen laut widersprechen, Einhalt gebieten und ihre Thesen verwerfen. Viele der Beispiele sind jedoch auch wiederum so eindeutig, dass man reflexartig zu Scham neigt und sich fragt, wie es so weit kommen konnte. Aber letztlich ist das Paradoxon des Titels und des Inhalts ein ganz wesentlicher Punkt: wir müssen darüber reden.

Alexa Hennig von Lange – Kampfsterne

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Alexa Hennig von Lange – Kampfsterne

Mitte der 1980er Jahre, irgendwo im Westen der Republik. Die Welt ist in Ordnung in der Neubausiedlung, wo die Familien friedlich nebeneinander wohnen, sich gelegentlich treffen und die Kinder wohlgeraten sind und widerspruchslos den Musikunterricht besuchen, weil dies zur Talentförderung dazugehört. Doch hinter den Fassaden brodelt es, pubertierende Töchter begehren gegen die Eltern auf, Söhne nehmen sie schon gar nicht mehr ernst, Kinder leiden still und unbemerkt und die Ehepartner haben sich nur noch wenig zu sagen. Sex gibt es schon lange keinen mehr und alle befinden sich in einem Leben, das sie sich so nicht vorgestellt hatten.

Alexa Hennig von Lange hat das normale, geradezu durchschnittliche Leben eingefangen und lässt Figuren zu Wort kommen, die überall in deutschen Kleinstädten leben könnten und die uns tagtäglich überall begegnen. Die raschen Wechsel zwischen den einzelnen Erzählern lockern die Geschichte auf, die trotz der vielen Perspektiven doch sehr deutlich einem roten Faden folgt und unweigerlich auf eine Katastrophe hinsteuert.

„Kampfsterne“ greift dabei Themen auf, die auch 30 Jahre später noch aktuell sind und somit einen recht hohen Wiederkennungswert haben. Besonders interessant fand ich dabei den feministischen Aspekt. Die Mütter haben alle die Zeit der sexuellen Revolution und der Kämpfe für die Rechte der Frauen miterlebt. Sie haben Simone de Beauvoir gelesen, bewundern Susan Sontag und erkennen Alice Schwarzers Haltung an. Aber was haben sie daraus gemacht? Sie befinden sich in der Vorstadthölle, reduziert aufs Hausfrauendasein und unterwerfen sich den Wünschen ihrer Männer, wenn sie sich nicht gerade von ebendiesen verprügeln lassen und dies auch noch widerspruchslos aushalten. Ein Vorbild für die Töchter sind sie nicht, weshalb diese sie mit Verachtung strafen. Mit spitzer Zunge könnte man die Frage stellen, ob nicht ebendiese Töchter als Latte-Macchiato-Mütter Jahre später in dieselbe Falle getappt sind.

Die Männer haben es nicht leichter, haben sie selbst als Kindern der Kriegsgeneration Gewalt in der Erziehung erlebt, reproduzieren sie diese oder verkommen zu weichen Ja-Sagern. Wie soll der moderne Mann sein? Egal, was er tut, es wird falsch sein und schnell gerät er unter Generalverdacht, nur, weil er Kind auch niedlich findet, dies aber niemals sagen darf. Er soll nicht sein wie die Vätergeneration, aber doch wie einst der Steinzeitmensch seine Familie vor Feinden schützen, gelingt ihm das nicht, ist er ein Versager.

Es ist noch nicht die Zeit der Einzelkinder, deren Bedürfnisse über alles gestellt werden. So stehen sie oftmals hintenan und finden selbst nach schlimmsten Erlebnissen in ihren Eltern nicht diejenigen, die Trost spenden und für sie kämpfen. Im Gegenteil, die müssen sogar sehr viel aushalten, um dem Wunschbild zu entsprechen. Die Familien sind Kampfsterne, die sich gegenseitig bekriegen und die private Idylle zerstören, wo doch gleichzeitig der Welt dank Umweltzerstörung und Kaltem Krieg von außen die globale Katastrophe droht.

Glückliche Menschen sucht man vergeblich in der kleinen Siedlung und das, wo nie so viel persönliche Freiheit herrschte wie zu dieser Zeit. Aber Glück ist auch etwas, das nicht unbedingt von alleine kommt, sondern das man sich erarbeitet und für das man aktiv werden muss. Ein Buch, das ernsthafte Themen lebensnah und authentisch präsentiert, dabei aber auch unterhaltsam und komisch ist, was eine in sich stimmige und überzeugende Mischung ergibt.

Karine Lambert – Das Haus ohne Männer

Das Haus ohne Maenner von Karine Lambert
Karine Lambert – Das Haus ohne Männer

Eine Bekannte aus der Universität überlässt Juliette ihre Wohnung in einem wundersamen Haus in Paris während sie selbst durch Indien reist. Schon beim ersten Betreten wird der Filmemacherin klar, dass dieses Gebäude etwas ganz Besonderes ist und seine Bewohnerinnen erst! Es herrscht die Königin im obersten Stockwerk, ehemalige Primaballerina und diejenige, die das eiserne Gesetz verkündet und überwacht: keine Männer im Haus. Einzig Kater Jean-Pierre darf als männliches Wesen die heiligen Hallen betreten. Die anderen Bewohnerinnen haben aus unterschiedlichen Gründen dem anderen Geschlecht abgeschworen: Giuseppa, weil sie zwangsverheiratet wurde und immer unter der Dominanz der sizilianischen Männer litt; Simone, weil sie den Vater ihres Sohnes mit einer Jüngeren in flagranti erwischte; Rosalie, weil ihr Traummann sie verließ, als sie ihm ihren Kinderwunsch offenbarte. Wird Juliette sich an die einzige Regel im Haus halten können?

Karine Lambert konnte mich schon mit „Und jetzt lass uns tanzen“ und „Un arbre, un jour…“ begeistern, zwei Bücher, in denen sie die leisen Töne der Figuren eingefangen hat und ihnen mit präziser und feinfühliger Sprache eine Stimme verlieh. Dabei war sie nie oberflächlich oder gar kitschig, sondern schlichtweg sensibel und nachsichtig mit den Unzulänglichkeiten. „Das Haus ohne Männer“, ihr erster Roman, kann dies noch nicht ganz so sehr erreichen wie die beiden folgenden.

Es ist weniger die Handlung als die Figuren selbst, die die Geschichte ausmachen. Alle fünf Frauen haben Enttäuschung erlebt und aus unterschiedlichem Grund nicht unbedingt der Liebe entsagt, aber doch der Zweisamkeit, an die sie nicht mehr glauben. Gänzlich verschieden sind sie und doch in der Konsequenz vereint. Aber es waren nicht nur die Partner, die sie enttäuscht haben, auch die Väter, deren Erwartungen sie nicht erfüllen konnten oder die ihnen schlichtweg keinerlei Aufmerksamkeit entgegenbringen wollten. Die Frauenfiguren können überzeugen, sind glaubwürdig und interessant gestaltet. Nichtsdestotrotz fehlt dem Roman noch das gewisse Etwas, das ihn zauberhaft werden lässt wie die anderen Werke der Autorin – oder kämpferisch, denn das sind die Frauen nicht. Vordergründig vertreten sie ihre Ablehnung, aber insgeheim wollen sie eigentlich doch nicht ohne Männer sein.

Alles in allem ein kurzer Roman für zwischendurch, der seine amüsanten Stellen hat, einen gewissen Charme versprüht und in dem sich auch Karine Lamberts Sprachgewalt schon andeutet.

Meg Wolitzer – The Female Persuasion [Das weibliche Prinzip]

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Meg Wolitzer – The Female Persuasion

Greer Kadetsky hätte eigentlich auf eine der Ivy-League-Universitäten gehen sollen, aber es scheiterte am Geld, da ihre Eltern die Anträge auf ein Stipendium vermasselten. Also bleibt sie zu Hause wohnen und geht auf das Ryland College in Connecticut. Dort macht sie bei einer der typischen Partys Bekanntschaft mit Darren Tinzler, der sich gleich reihenweise den jungen Studentinnen aufdrängt und sich das nimmt, was er möchte. Die Universität versucht den Skandal zu verhindern und lässt ihn trotz zahlreicher Aussagen weiblicher Studierender davonkommen. Als kurze Zeit später die charismatische Frauenrechtlerin Faith Frank einen Vortrag hält, bittet Greer sie um einen Ratschlag, was man den tun könne, um sich in einer so offenkundig Männer-dominierten Welt durchzusetzen. Diese Begegnung wird ihr weiteres Leben bestimmen, da ihr Faith nach dem Abschluss einen Job in ihrer Organisation Loci, die sich für benachteiligte Frauen einsetzt, anbietet. Voller Enthusiasmus startet Greer in ihr neues Leben in New York. Ihr Freund, den sie schon aus Schultagen kennt, verfolgt derweil gleichermaßen seine Karriere. Was so vielversprechend beginnt, bekommt jedoch bald Risse und beide müssen sich fragen, was im Leben letztlich wirklich zählt und wie ehrlich sie gegenüber sich selbst waren.

Einmal mehr kann Meg Wolitzer restlos überzeugen. Wieder einmal, wie auch in „The Interestings“ und „Belzhar“ wählt sie junge Figuren auf dem Weg zum Erwachsenwerden als Protagonisten. Sie passen nicht wirklich in die Welt, in der sie leben, haben große Erwartungen an ihre eigene Zukunft und dank der Talente, die ihnen in die Wiege gelegt wurden, scheint es auch so, als wenn sich diese realisieren ließen. Doch das Leben verläuft nicht geradlinig und bald schon kommen Hürden, die die Figuren erst einmal überwinden müssen.

In ihrem aktuellen Buch dominiert neben diesem typischen coming-of-age-Thema jedoch noch ein weiterer Aspekt, der im Kontext der vergangenen Monate noch eine höhere Relevanz erhält. Auch wenn die schillernde Faith Frank eine Vorreiterin der Frauenrechte ist und sich ihr Organisation dem Kampf für die unterdrückten Geschlechtsgenossinnen widmet, auch wenn Greer schon zu Beginn belästigt wird und die Studentinnen versuchen sich gegen das ungerecht milde Urteil gegen den Täter zu wehren, ist das Buch keine feministische Kampfansage.

Faith Greer ist nur in den Augen der jungen Mitarbeiterinnen, als deren Mentorin sie viel eher fungiert denn als Chefin, die idealistische Kämpferin. Die Realität sieht anders aus und Greer wird bald schon vor einen Gewissenskonflikt gestellt. Gleichzeitig erfährt auch die Geschichte um Greers Freund Cory eine feministische Umkehr, ist dieser bereit alle maskulinen Attribute zu opfern und sein Leben nach einem Schicksalsschlag völlig neu auszurichten.

Meg Wolitzer beginnt ihre Geschichte im Jahr 2006, am Ende sind wir 2019 und Greer hat doch noch ihre Ideale verfolgen können und ist dabei auch überaus erfolgreich. Die Autorin wurde in ihrer Heimat von den Kritikern vielfach mit dem Vorwurf kritisiert, einem Zeitgeist hinterherzurennen und sich zu sehr von dem aktuellen politischen Geschehen der USA beeinflussen zu lassen. Dies ist mir jedoch zu einfach, denn Wolitzers Frauen kommen keineswegs als die unschuldigen Opfer daher: Faith wie auch Greer haben betrogen, andere Frauen betrogen, auf deren Rücken ihre Karrieren verfolgt und damit ziemlich genau das getan, was die Feministinnen bei den Männern kritisieren. Und die Rollenmuster werden gleichermaßen in Frage gestellt. Auch liefert das Buch keine einfachen Antworten, denn die gibt es auch 2019 noch nicht, außer vielleicht Greers Erkenntnis, dass sie ihre „Outer Voice“ benutzen muss, wenn sie in dieser Welt gehört werden will.

Ein vielschichtiger Roman, der durchaus mehr als aktuell ist, aber sicherlich auch diese Zeit überdauern wird.

Meg Wolitzer – Die Ehefrau

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Meg Wolitzer – Die Ehefrau

Endlich kam der Anruf, nachdem er ihn schon seit Jahren sehnsüchtig erwartet hat: Autor Joe Castelman wird mit dem Helsinki-Preis für Literatur ausgezeichnet. Nicht ganz der Nobel-Preis, aber knapp dahinter. Also begeben er und seine Frau Joan sich in die finnische Hauptstadt. Joan begleitet ihn wie immer, seit über 40 Jahren steht sie an seiner Seite und ermöglicht ihm das Leben als Autor. Ihre eigenen Ambitionen hat sie aufgegeben, ihr Leben, das im College vielversprechend begann, für den Mann und die Kinder geopfert. Doch jetzt soll Schluss sein, sie will endlich wieder frei sein. Sie wird es ihm sagen, sobald die Veranstaltung vorbei ist, wird sie ihm mitteilen, dass sie die Trennung will. In den Stunden bis dahin denkt sie zurück an ihr Kennenlernen, die Reaktionen ihrer Familie auf diese Affäre, die ersten Erfolge, ihre Kinder, Joes unzähligen Seitensprünge, die sie kommentarlos hingenommen hat. Aber das wird jetzt alles ein Ende haben – nur wird dieses Ende anders aussehen als Joan es geplant hatte.

Meg Wolitzers Figuren entstammen einmal mehr dem intellektuellen Ostküstenmilieu, was ihnen die banalen Alltagssorgen erspart und ihnen erlaubt, sich auf die zwischenmenschlichen Probleme zu konzentrieren. In „Die Ehefrau“ wählt sie nun ein zunächst sehr typisches Frauenthema, das jedoch breiter angelegt ist und nicht auf die Rolle in der zweiten Reihe beschränkt wird.

Trotz ihres resoluten Auftretens als Frau jenseits der 60 ist Joan klar, dass sie in jungen Jahren, Ende der 50er und 60er nur sehr begrenzt Möglichkeiten gehabt hätte, selbst literarische Erfolge zu feiern. Alles Talent nutzt nichts, wenn die Gesellschaft eine starke Frau ablehnt und so widerstandsfähig war sie zu diesem Zeitpunkt nicht, dass sie diese Rolle hätte durchhalten können. Ihre Vorwürfe, alles für Joe geopfert zu haben, laufen daher ein wenig ins nichts, was ihr aber auch klar ist. Noch dazu hat sie dieses Leben durchaus freiwillig gewählt und über viele Jahre auch keine Einwände gegen ihren Platz an seiner Seite gehabt. Doch, wann wäre denn tatsächlich der richtige Zeitpunkt gewesen, um aus diesem Leben zu fliehen?

Joans Zwickmühle wird leichtfüßig und mit viel Witz dargestellt und obwohl dies nach einem ehr deprimierenden Rückblick klingt, ist es das Buch so gar nicht, womit Meg Wolitzer die Crux auch recht gut einfängt. Die Frage nach verpassten Chancen und dem was-wäre-gewesen-wenn ist keine spezifisch feminine, aber sehr menschliche. Auch wenn „Die Ehefrau“ nicht ganz an andere Romane von ihr heranreicht, zeigt der Roman doch bereits das enorme Potenzial der Autorin.