Mitja Vachedin – Engel sprechen Russisch

Mitja-vachedin-engel-sprechen-russisch
Mitja Vachedin – Engel sprechen Russisch

Mit Anfang 30 fragt sich Mitja Vachedin, wer er eigentlich ist. Am besten passt die Metapher der Zahnpasta, die aus drei Schichten besteht, so ist nämlich auch er: eine Schicht russischer Kommunismus der 80er Jahre. Eine Schicht russischer Kapitalismus nach dem Zusammenbruch und dann noch einmal 10 Jahre in Deutschland. Diese Erfahrungen haben ihn zu dem Mann gemacht, der er heute ist. Er lässt sein noch kurzes Leben episodenhaft Revue passieren: Die Kindheit, die aus endlos langen Sommern am See und der Datscha bestanden. Die Jugendjahre im chaotischen Leningrad, das plötzlich St. Petersburg hieß und wo alle versuchten, schnell Geld zu machen. Seine Zeit in Deutschland, zunächst umgeben von unzähligen Russen, die alle im Westen das Glück suchten und dann das Studium, das aber wiederum in ein Nichts führt.

Die Grundidee von Mitja Vachedins Buch ist nicht wirklich neu. Zahlreiche (auch anekdotische) Romane über russische Spätaussiedler sind in den letzten Jahren erschienen, am bekanntesten dürfte wohl Wladimir Kaminer sein, der inzwischen unzählige Bücher veröffentlicht hat, aber auch Alexandra Friedmanns „Besserland“ oder Sasha Marianna Salzmanns „Außer sich“ nehmen diese Thematik auf. Was macht Mitja Vachedins Geschichte dann lesenswert?

Für mich waren seine Episoden deutlich nachdenklicher und weniger auf den humorigen Aspekt abzielend als vergleichbare Romane. Auch wenn das Leben in Russland vielerlei Entbehrungen erforderte, dies kommt sehr klar raus, wird es aber nicht als negativ empfunden, auch dort konnte ein Kind oder Jugendlicher Spaß haben und ganz normal wie auch im Westen mit den Freunden die Sommer verbringen und sich ausprobieren. Auch die Ankunft in Deutschland ist nicht so sehr von den negativen Erlebnissen geprägt, was jedoch auch bei Vachedin zwischen den Zeilen herauskommt, ist der lange Zeit fehlende Kontakt tatsächlich zu Deutschen. Die ausgewanderten Russen oder Russlanddeutschen bleiben weitgehend unter sich und bilden eine ganz eigene Kultur heraus.

Vieles ist heiter und lädt zum Lachen ein ob der Absurdität, an vielen Stellen wird man jedoch auch nachdenklich, vor allem stellte sich für mich die Frage, inwieweit diese zerrissene Identität ursächlich für die wenig zielgerichtete berufliche Planung ist. Ein abgeschlossenes Studium und dann im Supermarkt Regale einräumen?

Mitja Vachedin erzählt keine außergewöhnliche Geschichte, kein besonderes Leben, das sich von allen anderen abhebt. Und darin liegt seine Stärke: er findet das Interessante im Alltag, die banalen Situationen können entscheidend werden und sind es auch wert, dass man ihnen Aufmerksamkeit schenkt. Vor allem gelingt es ihm, Stimmungen und Atmosphären zu transportieren, man kann seinen Figuren nachempfinden, wie es ihnen ergangen ist. Er hat das Buch seiner Familie gewidmet, diese ist das Band, das auch die Episoden zusammenhält und zu einem Ganzen werden lässt.

Advertisements

Jean-Luc Seigle – Ich schreibe Ihnen im Dunkeln

jean-luc-seigle-ich-schreibe-ihnen-im-dunkeln
Jean-Luc-Seigle – Ich schreibe Ihnen im Dunkeln

Pauline Dubuisson, einer der bekanntesten Kriminalfälle im Frankreich der 1950er Jahre. Jeder kennt ihre Geschichte, denn sie wurde unter dem Titel „La Vérité“ von Henri-Georges Clouzot mit Brigitte Bardot in der Hauptrolle verfilmt. Doch ist das wirklich die Geschichte der Pauline Dubuisson? Jean-Luc Seigle hat sich des Stoffes noch einmal angenommen und lässt Pauline nun selbst erzählen. Das Mädchen, in das die Eltern so hohe Erwartungen setzten, da sie überdurchschnittlich intelligent war und das Medizinstudium immer vor Augen hatte. Nach dem Tod ihrer älteren beiden Brüder im Zweiten Weltkrieg zieht sich die Mutter immer mehr zurück. Die Not ist groß im besetzten Frankreich und Paulines Vater, den sie abgöttisch verehrt und dessen Aufmerksamkeit alles für sie bedeutet, kann für das Mädchen eine Stelle als Krankenschwester bei einem deutschen Arzt finden, was der Familie Zugang zu Lebensmitteln verschafft. Nach dem Krieg fällt das Urteil hart über das Mädchen aus. Eine Deutschenhure wurde sie genannt, mehrfach vergewaltigt als Strafe dafür, dass sie mit dem Feind kollaboriert hat, und letztlich zum Tode verurteilt. Doch dieses Urteil wurde jedoch nicht vollstreckt. Hart kämpft sie sich zurück ins Leben und lernt im Studium zum ersten Mal die richtige Liebe kennen. Doch sie möchte nicht, dass ihre Vergangenheit zwischen ihnen steht und offenbart sich ihrem zukünftigen Mann. Dessen Ablehnung und Demütigung kann sie nicht ertragen. Sie will sich das Leben nehmen, doch ihre letzte Begegnung verläuft anders als geplant und am Ende ist sie eine Mörderin.

Es ist unglaublich wie sehr sich Seigle in diese Figur eindenken konnte und wie glaubwürdig dieser Bericht erscheint. Er ist fiktiv, nur die Eckdaten sind belegt, und dennoch kann man sich nur vorstellen, dass dies die Gedanken und Gefühle waren, die Pauline durch den Kopf gingen, sondern entwickelt auch ein gänzlich anderes Bild der Frau als das, das in der Öffentlichkeit von ihr gezeichnet wurde. Vor allem durch die Verfilmung wurde die Vorstellung von ihr geprägt und das, wo weder sie noch ihr Umfeld daran mitgearbeitet haben. Seigle fasst dies so zusammen:

„Ein Drehbuch über meine Geschichte kam mir umso unwahrscheinlicher vor, als ich bisher überhaupt nichts von der Wahrheit gesagt hatte, nicht einmal bei meinem Prozess; niemand außer mir wusste, was in der Nacht des Verbrechens vorgegangen war.“

Symptomatisch für ihr Leben wird folgender Satz:

„Ich glaube, man kann nur daran sterben, dass man nicht mehr geliebt wird. Und das bedeutet nicht, aus Liebe zu sterben, sondern eher das Gegenteil.“

Als Kind und Jugendliche liebt sie ihren Vater und befolgt seine Befehle unhinterfragt, was ihr zum Verhängnis wird. Als Erwachsene wird sie wiederum von zwei Männern, die sie liebt, zurückgewiesen und als Konsequenz wünscht sie sich den Tod. Nur dieser kann sie erretten. Mehrfach misslingen ihre Suizide, Pauline ist zum Leben verdammt scheint es:

„am Tag vor der Eröffnung meines Prozesses, als ich zum dritten Mal versucht habe, mir das Leben zu nehmen. Alle sagten, ich sei abermals «gerettet» worden, während ich dachte, ich sei abermals am Sterben «gehindert» worden.“

Besonders bestürzend waren die Lynchjustiz und Racheakte der vorgeblichen Résistance. Erbarmungslos schildert der Autor, was man dem jungen Mädchen antut. Die Zeilen sind drastisch, kaum zu ertragen vor Brutalität und man fragt sich, ob der Krieg wirklich alles Menschliche in der Bevölkerung ausgelöscht hat und dass sie vorgefertigte Wahrheiten der tatsächlichen Realität vorziehen. Vieles im Leben von Pauline ist durch die Umstände und vor allem den Krieg bestimmt. Ihr Leben wäre ein gänzlich anderes gewesen, wäre sie in anderen Zeiten großgeworden. Aber so funktioniert nun einmal das Schicksal, es sind die Umstände, die die Menschen zu dem werden lassen, was sie letztlich sind. Und es sind die Worte, die wir gebrauchen, um sie zu beschreiben, die sie zu dem werden lassen, was wir in ihnen sehen wollen. Doch manchmal ist auch die Sprache nicht ausreichend:

„Die Vorsätzlichkeit qualifiziert das Verbrechen als Mord, als assassinat. Doch das Substantiv assassine, mit dem eine Frau zu bezeichnen wäre, die vorsätzlich gemordet hat, existiert in der französischen Sprache nicht; die Form ist nur als Adjektiv gebräuchlich. Maître Floriot und die anderen arrangierten sich mit dieser Unzulänglichkeit des Französischen.“

Aber man findet Wege, sich zu arrangieren.

Ein beeindruckend und nachhaltig wirkendes Buch über eine Frau, die so viel Hoffnung hatte und die in ihrem Leben einfach kein Glück finden konnte. Wie es wirklich war, wird sich nie herausfinden lassen. Ihr Abschiedsbrief, in dem sie sich offenbar erklärte, ist verschollen und so bleiben nur die Prozessakten, ein Film und das, was wir uns über sie zusammenreimen. Aber das ist nicht wichtig, Jen-Luc Seigle hat ihr eine Stimme gegeben, endlich ihre Version der Wahrheit zu erzählen.

Interessanterweise habe ich gestern ein Feature über „Erfundene Wahrheiten“ in der Fiktion gehört. Es scheint seit einiger Zeit einen Trend auf dem Buchmarkt zu geben, dass sich Bücher, die auf realen Begebenheit beruhen, besonders gut verkaufen. Welche Gefahren darin liegen, wird dabei sehr schön auch aufgezeigt. Letztlich ist aber doch Realität eine Konstruktion, die sich jeder selbst macht. Wir kreieren unsere Welt und darin ist glücklicherweise auch Platz für lesenswerte Geschichten.

Sonja Heiss – Rimini

sonja-heiss-rimini
Sonja Heiss – Rimini

Eine ganz normale Familie. Barbara und Alexander, seit über 40 Jahren verheiratet, eine Ehe nach klassischem Muster. Ihr Sohn Hans erfolgreicher Anwalt und ebenfalls mit Vorzeigefamilie gesegnet, Gattin Ellen plus zwei Kinder, nur Tochter Masha scheint das mit der Familie nicht ganz so hinzubekommen, dabei ist sie auch schon fast 40. Doch hinter der schönen Fassade knirscht es. Barbara und Alexander haben sich schon lange nichts mehr zu sagen und ihre Interessen könnten kaum weiter auseinander liegen. Auch Hans unterhält sich mehr mit seiner Analytikerin als mit Ellen, als er dann glaubt sich in erstere verliebt zu haben, werden nicht mehr nur seine Obsessionen zum Problem. Und Probleme hat er eigentlich schon genug in der Kanzlei. Auch Masha ist frustriert. Sie wünscht sich ein Kind, aber ist ihr Partner Georg der Richtige? Oder doch ein anderer? Aber wo soll der so schnell herkommen?

Sonja Heiss‘ Roman sprüht nur so vor Witz und Situationskomik zu Beginn. Das unsägliche Weihnachtsfest – das vermutlich jeder in ähnlicher Weise schon erlebt hat – wird zu einem Krampf für alle Beteiligten und nicht nur Ellen hat Kopfschmerzen, nachdem Hans ihr in nächtlicher Verbrecherjagd ordentlich eins übergebraten hatte. Man muss schon an sich halten nicht laut loszulachen. Doch eigentlich ist es nicht komisch, sondern eher tragisch, wie die Menschen miteinander umgehen und sich kaum mehr ertragen können.

Fast verhält es sich wie im richtigen Leben. Je besser man die Figuren kennenlernt, desto mehr blickt man hinter das Bild der perfekten Familien. Aus feinen Rissen werden unüberbrückbare Spalte. Und es gibt Geheimnisse, die alle in der Familie mit sich rumtragen und nicht teilen. Dort, wo man sie am wenigsten erwartet, sind sie am schwerwiegendsten. Die Figuren vertrauen sich dem Leser an, denn er ist der einzige, der wirklich zuhört. Miteinander sprechen sie kaum und wenn, dann nur oberflächliches Alltagsgedöns. Sie nehmen einander auch kaum mehr wahr und sehen nicht, wie die engsten Familienmitglieder langsam immer weiter abbauen.

Der Roman hat etwas von einer Realsatire. Vieles, was Sonja Heiss schildert, wird so genau so in vielen Familien landauf, landab so zutragen. Nichtsdestotrotz ist die Häufung an Tragik in einer einzelnen Familie schon grenzwertig hoch, passt aber zu den Figuren und stört das Gesamtbild nicht. Man fühlt mit ihnen, hat Mitleid, verabscheut sie dann wieder für ihr egoistisches Verhalten – nein, diese Armins lassen einem nicht kalt und genau das erwarte ich von einem guten Roman. Er soll mich mitreißen und einspannen und nicht einfach an mir vorbeigehen. Das ist der Autorin auf jeden Fall geglückt und an so mancher Stell hält man doch inne, um zu reflektieren, was da gerade im Buch und bei einem selbst vorgeht.

Torsten Seifert – Wer ist B. Traven?

tosten-seifert-wer-ist-btraven
Torsten Seifert – Wer ist B. Traven?

Hollywood, Ende der 1940er Jahre. Leon Borenstein hat ein gutes Händchen für die großen Storys und weiß zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Er hofft auf eine Gehaltserhöhung als sein Chef ihn zum Gespräch bittet, stattdessen bekommt er einen ungeahnten Auftrag: Er soll die Identität von B. Traven aufdecken. Dessen Roman bricht in Europa gerade alle Rekorde und wird in Mexiko mit Humphrey Bogart verfilmt. Leon wird an das Filmset geschickt, um zu ermitteln. Doch mehr als die Vermutung, dass Hal Croves, ein beauftragter Vertreter Travens, der Autor selbst ist, kann er nicht in Erfahrung bringen. Eine Reise nach Wien scheint der Durchbruch zu sein, Traven hat seine Wurzeln im deutschsprachigen Raum, aber auch von dort kommt Leon mit leeren Händen zurück. Abermals macht er sich auf nach Mexiko und sein Gespür für Geschichten scheint ihm dieses Mal hold zu sein.

Torsten Seiferts Roman basiert auf der Legende des deutschen Schriftstellers, dessen echter Name, Geburtsdatum und weite Teile seines Lebens auch heute noch mysteriös sind. Bekannt hingegen sind seine Romane, allen voran Der Schatz der Sierra Madre, heute ein Klassiker des Westerns und mit drei Oscars und drei Golden Globes geehrt. Der Roman um den geheimnisvollen Autor wurde durch den Gewinn des Blogbuster Preises ermöglicht. Torsten Seifert konnte sich in der ersten Vergabe gegen 250 andere Nachwuchsautoren durchsetzen und hat einen Vertrag mit Klett-Cotta erhalten.

Weshalb dieser Roman die Jury überzeugen konnte, ist nicht schwer nachzuvollziehen. Ein reales Mysterium, dem seit Jahrzehnten viele Journalisten nachforschen, ist ein reizvolles Thema. Der Protagonist Leon Borenstein ist ebenfalls ein Gewinn für die Geschichte: er ist hartnäckig und clever, wie es für seinen Berufsstand gehört, doch er zeigt auch Schwächen und Brüche, die jüdische Herkunft und die Flucht aus dem Nazideutschland bleiben nicht ohne Spuren. Seine größte Stärke ist jedoch sein Gespür für Menschen und die Fähigkeit, ins Gespräch zu kommen. Ein gänzlich durchdachter Charakter, dem man gerne folgt.

Die Handlung lebt nicht nur von der Jagd nach dem großen Geheimnis, ganz im Gegenteil, immer wieder verzögert der Autor das Fortschreiten und verlangsamt die Geschehnisse. Er lässt Leon und Bogart Schach spielen und das Dasein unter mexikanischer Sonne genießen. Dann plötzlich überschlagen sich die Ereignisse. Der schnelle und oft unerwartete Wechsel lässt die Handlung lebendig werden und das Zeitgefühl wirkt authentisch, ganz ähnlich wie im realen Leben, wenn sie mal stillzustehen scheint und dann wiederum fliegt.

Am stärksten waren für mich jedoch die Episoden mit den Mexikanern, vor allem im letzten Drittel des Buches. Auch wenn Leon ihre Sprache beherrscht, ihre Kultur ist ihm fremd und er muss erst in die Gepflogenheiten eingeführt werden. Auch hierfür hat Seifert sich kuriose, aber überzeugende Figuren ausgedacht, die beim Lesen eine herrliche Freude bereiten.

Ob die Lösung, die uns Seifert für den Hintergrund Travens liefert, nun stimmt, ist letztlich egal. In seinem Roman gibt es wichtigere Figuren und Geschehnisse und letztlich soll Fiktion unterhalten und nicht unbedingt Wahrheiten liefern. Und unterhaltsam ist die Suche nach B. Travens Identität allemal.

Sarah Perry – Die Schlange von Essex

sarah-perry-die-schlange-von-essex
Sarah Perry – Die Schlange von Essex

Man erinnert sich 1893 im kleinen Dorf Aldwinter in Essex, dass dieses schon einmal von einem unheimlichen Seemonster heimgesucht wurde und nun scheint dieses zurückgekehrt und versetzt die Bewohner in Angst und Schrecken. Weit über die Dorfgrenzen hinaus verbreitet sich die Geschichte und lockt auch Cora Seaborne an. Die Witwe, die sich für Naturwissenschaften und die Erkenntnisse von Darwin begeistert, will die Fossilien erforschen und einen Blick auf das Seemonster werfen. Gemeinsame Freunde machen sie mit dem örtlichen Pfarrer William Ransome und dessen Familie bekannt. Dieser ist besorgt über den Aberglauben seiner Gemeinde, die mehr und mehr vom guten Glauben abzufallen scheint. Die Suche nach der Lösung des Mysteriums bringen William und Cora näher, eine Liebe, die nicht sein kann, weil sie nicht sein darf.

Sarah Perrys Roman war einer der großen britischen Erfolge 2016 und nominiert für zahlreiche namhafte Literaturpreise. Der Grund mag darin liegen, dass es der Autorin gelingt, eine längst vergangene Zeit zu Ende des 19. Jahrhundert einzufangen und einen Schreibstil zu finden, der an die bekannten Autoren der damaligen Zeit erinnert.

Um die Geschichte der ominösen Schlange herum reißt sie eine Vielzahl an Themen an: von der Rolle der Frau, über Gesellschaft- und sozialkritische Themen wie die Wohnsituation der Arbeiter in London bis hin zum Streit zwischen Naturwissenschaften und Religion um die Vorherrschaft. Das ganze vor dem Hintergrund einer recht modernen und resoluten Protagonistin, die ihren Weg geht und dafür auch Rückschläge und Niederlagen in Kauf nimmt.

Trotz der gewaltigen Bilder, die Sarah Perry mit ihrer poetischen Sprache erweckt, konnte mich der Roman nur zum Teil überzeugen. Die Liebesgeschichte zwischen Cora und William nahm mir zu viel Raum ein, der für die wirklich relevanten Themen hätte verwendet werden könne. Das Mysterium um die Schlange wird zwar glaubwürdig und überzeugend gelöst, hätte aber gerade wegen der düsteren Nebelumgebung, die Perry immer wieder schafft und die ihre Kunst, eine besondere Atmosphäre zu erzeugen, deutlich belegt, spannender werden können. So bleibt eine nette Geschichte, die leider ihr inhaltliches Potenzial nicht ausschöpft.

Birgit Müller-Wieland – Flugschnee

birgit-müller-wieland-flugschnee
Birgit Müller-Wieland – Flugschnee

Eine Familie voller Geheimnisse, die alle an einem Tag zwanzig Jahre zuvor plötzlich offenlagen, einem Tag mit Schneefall, ein Tag voller Freude für die Kinder und voller Schrecken für die Erwachsenen. Das Verschwinden ihres Bruders Simon lässt Lucy zurückdenken an jenen Tag, an dem seltsame Besucher das Haus ihrer Großeltern aufsuchten. Helene, die Großmutter, schon von Demenz gezeichnet, aber in manchen Momenten doch klar in der Erinnerung an das, was in den Kriegstagen geschah, als sie noch ein Kind war. Lorenz, der seine Frau mit Sorge beobachtet und immer wieder in seinem eigenen Haus an der Galerie der Bilder vorbeigeht und so manches nicht versteht, was er und Helene damals erlebten. Arnold, Lucys und Simons Vater, der beruflich hadert und eine Entscheidung bezüglich eines Geheimnisses treffen muss, von dem er zufällig Kenntnis erlangte. Vera, die Mutter, die wegen anhaltender Übelkeit nicht direkt mitkam zu den Großeltern, doch sie hat sich nicht nur den Magen verstimmt. Was sie an diesem Tag wirklich bewegte, wird sie erst Jahre später offenbaren. Und dann kommen die Besucher mit einem Erinnerungsstück.

Es schneit an dem unheilvollen Tag, sogenannter Flugschnee, der besonders fein ist und dadurch auch ins Haus eindringen kann. Ähnlich wie dieser feine Schnee, der nicht durch seine Masse unmittelbar erdrückt, sondern leicht ist und hübsch anzusehen, in seiner Konsequenz aber schwere Folgen haben kann, so sind auch die Geheimnisse und Erinnerungen der Figuren. Sie können sie über Jahre verdrängen, ignorieren, doch sie sind da und beharrlich dringen sie ein, bis der Schaden offenkundig wird. Schnee ist kalt, bietet keine Wärme, ist man ihm schutzlos ausgeliefert, kann er töten. Dieses Bild begleitet den Roman, ebenso wie Lucys Erinnerungen an ihren Bruder, ihre Familie und ähnlich wie beim Schneetreiben ist auch ihr Blick noch getrübt und erlaubt keine klare Sicht auf die Vergangenheit und die Zukunft:

„Diese Weihnachten, damals.

Ich weiß vom Schnee, und daß danach nichts mehr war wie zuvor.

Weiß ich das wirklich? Oder haben sich Gefühle von anderen – deine oder die unserer Eltern, Großeltern – in meinen Kopf gelegt und geben sich als meine aus?

Oder werde ich einfach ein bißchen wahnsinnig?“

Der Roman ist nicht mit einem großen Spannungsbogen aufgebaut, auch wenn zu Beginn schon das Verschwinden Simons thematisiert wird und man sich fragt, was geschehen sein mag, lebt er nicht von dieser übergreifenden Frage. Dennoch schafft die Autorin einen Sog, der einem weiterlesen lässt; je mehr man von den Figuren erfährt, desto mehr will man über sie und ihre Vergangenheit und ihre Geheimnisse wissen. Trotz des unaufgeregten Tons, der fehlenden dramatischen Ereignisse, die die Handlung voranpeitschen würden, wird man mitgerissen von dieser Familiengeschichte. Doch ebenso wie Lucy muss sich auch der Leser fragen, ob er, trotz der Kenntnis um viele ihrer Geheimnisse, wirklich hinter ihre Fassaden blicken kann:

„Aber das Bohrende blieb: Die Frage, wer du eigentlich bist.

Ob wir je etwas von dir gewußt haben.

Was das für ein Mensch war, der neben uns gelebt und so viel vor uns verborgen hatte.“

Diese Frage muss man sich auch in der eigenen Welt stellen. Was weiß an von den Menschen der eigenen Familie? Welche Dinge tragen sie in sich, verborgen vor den anderen? Die sie bewegten und immer noch bewegen und die lange unter der Oberfläche verborgen bleiben. Birgit Mülle-Wielands Roman stand auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis 2017, was diese Geschichte mit dem unscheinbaren Cover, das doch ganz hervorragend gewählt ist, sowohl aufgrund der Konstruktion wie auch der sprachlichen Umsetzung vollends verdient hat.

Lea-Lina Oppermann – Was wir dachten, was wir taten

lea-lina-oppermann-was-wir-dachten
Lea-Lina Oppermann – Was wir dachten, was wir taten

Mitten in die Mathearbeit platzt die Durchsage, dass es einen Vorfall gäbe und die Klassen die Türen verschließen und auf weitere Anweisungen warten sollen. Was ist los? Doch nicht etwas ein Amoklauf? An die Klausur ist nicht mehr zu denken. Herr Filler, selbst mir 32 noch recht jung, weiß auch nicht, was zu tun ist. Auf so etwas wurde er nicht vorbereitet. Mark ist froh, dass wenigstens die Arbeit ausfällt, wohingegen Fiona durch die Situation mehr als irritiert ist. Als es an der Tür klopft und offenbar ein junges Mädchen Hilfe sucht, öffnen sie und müssen schnell ihren Fehler erkennen: nun ist der Amokläufer mit ihnen im Raum und er hat ein perfides Spiel vorbereitet, damit dieser Tag für alle zum unvergesslichen Trauma wird.

Lea-Lina Oppermann greift in ihrem Debütroman auf ein immer noch aktuelles Thema zurück, das viele Schüler bewegt und vor dem sie eine schwer greifbare Angst empfinden: einen Angriff auf die Schule, dem Ort, wo sie Schutz finden und in Ruhe lernen sollten und der sich schlagartig in einen Tatort der schlimmsten Sorte verwandeln kann. Reale Vorbilder geben genügend Ideen, was alles geschehen kann.

Erzählt wird die Geschichte abwechselnd aus den Perspektiven des Lehrers und der beiden Schüler. Alle anderen Figuren lernen wir nur durch ihre Augen und Kommentare kennen. Diese Konstruktion bietet zwar eine gewisse Abwechslung und erhöht auch das Tempo, allerdings blieben mir beim Lesen die Figuren fremd. Dies lang vor allem daran, dass sie für mein Empfinden überhaupt nicht adäquat auf die Situation reagiert haben. Eigentlich müssten sie voller Angst und Panik sein, bleiben aber erstaunlich gelassen und gar mutig. Die Bedrohung, die sie an den Rand der Handlungsfähigkeit bringen und im Normalfall klares Denken verhindern müsste, hindert diese drei nicht daran, ganz normal weiterzumachen. Schnell wird die Gesamtlage auf von dem vermeintlichen „Spiel“ des Täters überlagert und auch die anderen Figuren sind mehr auf sich konzentriert und die Aufgaben als auf die Gefahr, die von dem Menschen mit den Schusswaffen ausgeht.

Die Emotionen, die bei diesem Setting das wichtigste sind, verlagern sich auf alltägliche Schulkinkerlitzlichen, den üblichen Streitigkeiten unter Jugendlichen, den Sorgen darum, wer am hübschesten und am schlanksten ist.  Diese haben zwar in Jugendbüchern auch ihre Berechtigung sind hier aber völlig deplatziert. Der Lehrer ist ebenfalls gänzlich überzeichnet in seinem egoistischen Streben nach akademischen Weihen und seiner Verachtung für und Belustigung über alle Schüler.

Es gibt viele Vorbilder in der Jugendliteratur, die dieses Thema ebenfalls behandelt haben und die ich allesamt deutlich gelungener finde. Anna Seidl hat in „Es wird keine Helden geben“ sehr eindrücklich die Situation aus der Sicht einer Überlebenden geschildert, die das Erlebte kaum verarbeiten kann. Marieke Nijkamp wählt in „This is where it ends“ eine minutiöse Beschreibung eines Überfalls, der unmittelbar die Angst der Betroffenen einfängt, ähnlich wie auch Heather Gudenkauf in „One Breath Away“, die mich beide viel betroffener machten als Lea-Lina Oppermanns kurzer Roman.

Isabella Straub – Wer hier schlief

isabella-straub-wer-hier-schlief
Isabella Straub – Wer hier schlief

Philipp Kuhn hat eigentlich ein wunderbares Leben mit Vera in der Villa und der Job als Assistent der Geschäftsführung in Veras Firma ist genaugenommen auch nur Vorwand fürs Nichtstun. Als er Myriam kennenlernt, ist es um ihn geschehen und nach Monaten der Affäre wird er sich nun endlich von Vera trennen und ein neues Leben beginnen. Erfolgreich den Plan umgesetzt, findet er sich erwartungsvoll ob der Zukunft vor Myriams Wohnung wieder. Doch von der ist nichts zu sehen, die Wohnung ausgeräumt, alle Spuren verwischt, als wenn es sie nie gegeben hätte. Wie kann das sein? Philipp geht zu dem Hotel, wo sie gearbeitet hat; auch dort sucht man sie, wegen Betrugs und Unterschlagung. An was für eine Frau war er da geraten? Schnell wird klar, dass sie auch bei ihm einen Plan verfolgte: sie hat seinen Laptop mit wichtigen Firmendaten mitgenommen. Doch das interessiert ihn schon nicht mehr, denn den Job ist er mit der Trennung von Vera eh losgeworden. Und was hat er jetzt? Nichts. Keine Arbeit. Keine Bleibe. Keine Zukunft. In seiner Not schließt er sich den alternativen SUHOS an – den Suddenly Homeless.

Der dritte Roman der österreichischen Autorin Isabella Straub ist eine kuriose Mischung aus Tragik und Komik. Einerseits erlebt man, wie sich innerhalb kürzester Zeit das ganze geregelte Leben eines Menschen schier auflöst, alle Grundpfeiler zusammenbrechen und nichts mehr Halt bietet. Natürlich hat der Protagonist einiges selbst dazu beigetragen, letztlich wurde er jedoch Opfer einer recht perfiden Masche und gnadenlos ausgenutzt. Nun steht er obdachlos und hilflos auf der Straße. Philipp Kuhn hat schon etwas von einem tragischen Helden, der einem durchaus ein wenig Leid tut. Und seine Naivität hat durchaus etwas Bestechendes:

„Lange dachte er auch, er könne sie beide behalten, Vera und Myriam. Es war ihm doch auch möglich, einen guten Rotwein und einen exzellenten Weißwein zugleich im Schrank zu haben.“ (Pos. 238)

Andererseits sprüht der Text voller Situationskomik und Absurditäten, die beim Lesen schlichtweg unheimlichen Spaß machen. Kuhns Notunterkunft im Fitnessstudio, das alle Klischees vollends bedient, die man über eine solche Einrichtung nur haben kann. Die Gruppe der alternativen SOHOs ist zunächst völlig überzeichnet in ihrer Antikapitalismuskritik, so dass sie schon wieder charmant wirken. Ihre Ideen sind auch nicht ganz unclever und kritisieren zum Teil auch berechtigterweise. Doch gerade als man beginnt mit ihnen zu sympathisieren, kippt die Beschreibung durch den einen Schritt, den sie zu weit gehen. Diese Spannung und die schnellen Wechsel zwischen den Extremen machen den Reiz des Buches aus. Man kann sich nie zu sicher sein.

Besonders gelungen sind ihre Figuren, nicht so sehr der Protagonist Philipp Kuhn, der eigentlich eher passiv sein Schicksal erträgt und mehr getrieben wird, bis er irgendwo landet, dafür aber die vermeintlichen Randfiguren, die man dank ihrer liebevoll gezeichneten Marotten gerne immer wieder trifft. Philipps Mutter, seine Schwester, mehr aber noch Friedrich Solkar, der schrullige alte Mann, der Stunden im Hotel im Sessel sitzt und Philipp Kuhn so manche Weisheit mit auf den Lebensweg geben kann.

Insgesamt ein unterhaltsamer Roman, der zweifelsohne an vielen Punkten aktuelle gesellschaftliche Tendenzen kritisch präsentiert, darüber hinaus aber auch einfach dank der pointierten Formulierungen der Autorin Spaß macht zu lesen.

Monika Helfer — Schau mich an, wenn ich mit dir rede!

monika-helfer-schau-mich-an-wenn-cih-mit-dir-rede
Monika Helfer – Schau mich an, wenn ich mit dir rede!

Vev gerät zwischen die Fronten ihrer Eltern. Ihr Vater Milan will eigentlich gar nichts mit Menschen zu tun haben. Sein Erbe erlaubt ihm glücklicherweise eine großzügige Freiheit, die das Leben nennenswert erleichtert. Vevs Mutter hingegen kommt von den Drogen nicht los und treibt ebenfalls mehr im Meer des Lebens als dass sie planvoll irgendeinen Weg einschlagen würde. Beide finden neue Partner, die ihnen ein geregeltes Leben ermöglichen könnten. Nati und ihre Töchter könnten mit Milan und Vev eine glückliche Patchworkfamilie bilden, auch der neue Freund der Mutter, The Dude, würde Vev und ihr ein gutes Leben bieten.

Monika Helfers Roman zeigt das typische Leben vieler freiheitsliebender Menschen: sie wollen sich nicht fest binden, keine langfristigen Verpflichtungen eingehen, frei bleiben und genau dadurch fehlt ihnen der Halt und die Sicherheit, die sie auch zugleich suchen. Aber das scheint sie nicht weiter zu stören:

„So kam Milan sein Alltag ziemlich sorgenfrei vor. Er genoss das. Er nahm in Kauf, dass er Nati nicht liebte, ebenso wenig wie ihre Kinder. Die er nicht nur nicht liebte, sondern geradezu hasste.“

Vevs Eltern sind dermaßen auf sich konzentriert, dass das Mädchen nur eine Nebenrolle in ihrem Leben spielt. Zärtlichkeit und Herzlichkeit finden keinen Platz, Zuneigung wird gespielt, weil es so halt sein muss. Geradezu erschreckend, mit welchem Egoismus sie ihr eigenes Leben verfolgen dabei die Tochter immer wieder beiseiteschieben und vergessen.

„Schau mich an, wenn ich mit dir rede!“ war nominiert auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2017. Als Begründung wird der gnadenlose Blick auf den Alltag genannt, der die fragilen Konstrukte von Familie entlarvt, die überall zu finden sind und aus der viele auch gerne ausbrechen würden, es aber nicht tun. Dies ist sicherlich richtig, jedoch blieb für mich der Roman insgesamt hinter den Erwartungen für einen Buchpreis-Kandidaten zurück. Weder konnte ich besondere sprachliche Finesse ausmachen, noch hat der Roman Lösungen angeboten. Alle Figuren sind schwach, bisweilen geradezu erbärmlich oder wie „The Dude“ gänzlich überzeichnet und dadurch unauthentisch.

Michael Wildenhain – Das Singen der Sirenen

michael-Wildenhaim-das-singen-der-sirenen
Michael Wildenhain – Das Singen der Sirenen

Der Literaturwissenschaftler Jörg Krippen wird als Gastdozent nach London eingeladen. Schon bei der Ankunft in seiner Bleibe begegnet er einer jungen Frau, die zugleich etwas Bekanntes wie auch etwas Faszinierendes hat. Als sie in seinem Seminar auftaucht und ihn dann auch noch auf Deutsch anspricht, ist er mehr als verwundert, lässt sich aber auf eine Affäre ein. Bald schon muss er jedoch feststellen, dass sie sich nicht zufällig über den Weg gelaufen sind, sondern dass Mae dies alles geplant hat und ihn tatsächlich schon aus Berlin kannte. Berlin, seiner Heimat, wo auch seine Frau Sabrina und sein Sohn Leon sind und eigentlich das gemeinsame Leben stattfindet, aus dem sich Jörg gerade mehr und mehr flüchtet. Schnell entfremdet er sich von seinem alten Leben, doch die Vergangenheit holt ihn ein, eine Vergangenheit, die noch vor der mit Sabrina lag.

Sirene, die, ein weibliches Fabelwesen der griechischen Mythologie, das mit seinem Gesang die Männer betört und schließlich tötet.  Auch bei Michael Wildenhain singen die Sirenen und locken Jörg Krippen an, der scheinbar den Verlockungen der Frauen nichts entgegenzusetzen hat und sich wehrlos ausgeliefert sieht. Sabrina lockt ihn und kann ihn für ihre Ideale einnehmen, auch Mae ergibt er sich unmittelbar. Was in der Mythologie einen gewissen Reiz hat, weil immer die Hoffnung besteht, dass eines dieser Fabelwesen seinen Willen nicht bekommt, wird bei Wildenhain jedoch zu einem lahmen Männerbild, das mich nur teilweise überzeugen kann.

Jörg Krippen als Figur ist schwach. Beruflich weitgehend gescheiter, privat auch nur wenig vorzuweisen, als Vater versagt. Statt sich der Realität zu stellen, flüchtet er: in ein anderes Land, in eine andere Beziehung. Immer wenn es gilt, Verantwortung zu tragen, läuft er weg. Was soll mir diese Figur sagen? Dass es schwache Menschen gibt? Ja, natürlich. Dass es feige Menschen gibt? Sowieso. Aber wo bleibt die Lösung? Der Roman liest sich sehr gut, sprachlich tadellos und überzeugend. Aber auch ein wenig zu glatt, zu smooth, um Reibungspunkte zu erzeugen. Er kann an einigen Stellen überraschen, aber insgesamt für mich der Roman, der bezogen auf Handlung, Figuren, Thema und auch Sprache von den Nominierten der Longlist zum Deutschen Buchpreis der blasseste und am wenigsten überzeugende Roman ist.