Lawrence Osborne – Denen man vergibt

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Lawrence Osborne – Denen man vergibt

David und Jo verlassen die Fähre, die gerade in Marokko angelegt hat. Sie sind auf dem Weg zu einer 3-tägigen Party bei Freunden am Rand der Wüste. Doch der Weg dorthin ist beschwerlich und David hat zu viel getrunken. Es passiert, was passieren muss: Mitten in der Nacht überfahren sie einen jungen Mann. Unentschlossen, was zu tun ist, packen sie die Leiche in ihr Auto und nehmen sie mit zum Anwesen von Richard und Dally, die sicherlich wissen, was zu tun ist. Die Polizei wird verständigt, doch auch diese hat wenig Interesse an einem Fall, in den Ausländer verwickelt sind und ein namenloser Fossilienverkäufer hat ebenfalls keine Priorität. David und Jo erholen sich dank Alkohol und Drogen schnell von dem Schreck, doch am nächsten Tag taucht die Familie des Toten auf und verlangt nach Wiedergutmachung. Während Jo sich weiter der ausgelassenen Feier hingibt, muss David den Vater des Jungen begleiten, an ein unbekanntes Ziel mit unbekanntem Ausgang.

Lawrence Osbornes Roman kommt einem vor wie aus der Zeit gefallen. Erschienen 2012 im Original unter dem Titel „The Forgiven“ und 2017 in der deutschen Übersetzung, hat man von der ersten Seite an den Eindruck, ein Werk der 1920er in den Händen zu halten. Würden die Figuren nicht immer wieder ihr Handy benutzen, ließen sie sich auch kaum in der Gegenwart verorten. Erzählstil, Setting, Themen – vieles erinnert an die Roaring Twenties und ihre großen Autoren wie F. Scott und Zelda Fitzgerald, E.M. Forster, Ernest Hemingway, Edith Wharton oder auch die später schreibende Patricia Highsmith.

Das Setting des Romans ist das zunächst augenscheinlichste Moment. Fernab des Alltags treffen sich eine Gruppe von Schönen und Reichen in dem Anwesen der beiden Homosexuellen Richard und Dally, um dort ausgelassen mehrere Tage eine rauschende Party im Stile eines Gatsby zu feiern. Es mangelt an nichts; das Personal, ausschließlich aus Marokkanern bestehend, umsorgt die Gäste rund um die Uhr und erfüllt jeden Wunsch. Der Alkohol fließt reichlich und bald schon werden die Konventionen, die man mit dem Übersetzen nach Afrika hinter sich gelassen hat, vollends vergessen. Einzig störend wirken der Wüstenwind und die Gluthitze. Hier kommt Osbornes große erzählerische Stärke zum Vorschein: die Beschreibung des aufkeimenden Windes, der den Wüstensand überall verteilt:

„Über Nacht war der Sand zu einem ernstzunehmenden Gegner geworden. Einem Gegner, der so klein, so heimtückisch war, das sie ihn nicht bekämpfen konnten. Nichts erbost mehr als ein ungleicher Kampf. Die Frauen beklagten sich, die Männer bissen auf die Zähne und baten das Personal um Hilfe.”

Keine alltagsweltlichen Probleme können die Figuren belasten, aber in der Fremde sind sie plötzlich ihrer Macht beraubt und müssen sich auf die Marokkaner verlassen. Diese beobachten mit ausdrucksloser Mine das Treiben und die Oberflächlichkeit der in ihren Augen Ungläubigen – Alkohol, Drogen, Homosexualität, Ehebruch. Erst der Unfall scheint die Verhältnisse umzukehren: die mit Verachtung gestraften Landsleute sind plötzlich an der Macht zu bestimmen, welche Strafe der Engländer bekommen soll. Und das Personal erwartet von der Familie, dass sie den Mord gerecht ahnden werden.

Hier beginnt der zweite, spannungsgeladene Aspekt des Romans. David wird nicht entführt, er begleitet die Männer freiwillig an den unbekannten Ort und weder kann er sie verstehen noch weiß er, was dort geschehen wird. Wie der Protagonist ist auch der Leser plötzlich herausgerissen aus der unbeschwerten Leichtigkeit der Feier hinein geworfen in eine lebensbedrohliche Situation. Vieles kann man sich vorstellen und hier holt einem der Autor bei der stärksten Frage des Romans ab: welche Erwartungen haben wir an das Handeln dieser nach westlicher Norm unzivilisierten Wüstenmänner und wie ausgeprägt sind auch im 21. Jahrhundert unsere Vorurteile?

Zwei Kulturen treffen aufeinander: einerseits die Gläubigen Marokkaner, die nur in Form von Bediensteten an der Party teilnehmen oder als Rache suchende Familie des Opfers auftreten; andererseits die Globetrotter, die das schöne Leben kennen und pflegen und ihrem Hedonismus freien Lauf lassen. Die gegenseitige Verachtung wird von Osborne nicht subtil, sondern ganz offen thematisiert und die Angst vor dem nicht abzuschätzenden Handeln der Familie weicht mehr und mehr der Empörung über das Handeln der Partygäste. Am Ende wird die Haltung sehr prägnant auf den Punkt gebracht und lässt einem als Mitglied dieser Kultur durchaus beschämt zurück:

„Aber er hatte ihm nie auch nur eine einzige Frage zu den Berbern gestellt, die für ihn offenbar ausschließlich Teil einer unveränderlichen Kulisse waren. Lebendes Inventar sozusagen. Natürlich äußerte er ihretwegen Bedenken und war wie jedermann heutzutage darauf konditioniert, ihnen zu misstrauen. Doch in Wahrheit war ihm jedes Wort über sie zu viel. Natürlich galten sie als Reservoir des Terrorismus, was sie dann wiederum doch für hitzige Diskussionen interessant machte.”

Ein wirklich beachtenswerter Roman in klassischer Tradition, der den großen Vorgängern in nichts nachsteht.

Dave Eggers – Bis an die Grenze

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Dave Eggers – Bis an die Grenze

Josie steht vor den Trümmern ihres Lebens. Eine Klage hat ihr ihre Zahnarztpraxis geraubt, von ihrem Mann ist sie getrennt und wenig hält sie mehr an der Vergangenheit und in der Heimatstadt. Kurzerhand packt sie die beiden Kinder, den 8-jährigen Paul und die 5-jährige Ana und flieht mit ihnen nach Alaska. Mit einem Camper möchte sie den Bundesstaat erkunden und in der Weite des Landes zur Ruhe kommen. Doch die Reise ist beschwerlicher als gedacht und aus dem Abenteuerurlaub wird bald schon der Kampf ums Überleben: Überleben der Erinnerungen, Überleben gegen bösartige Menschen, Überleben von Naturgewalten.

Konnte mich Dave Eggers in der Vergangenheit mit „The Circle“ und „A Hologram for the King“ begeistern, war dieser Roman auch für mich als Hörerin eine Herausforderung. Zwar ist der Plot durchaus interessant und bietet einige spannende Momente, aber die Figurenzeichnung war unsäglich. War Mae Holland in „The Circle“ bereits naiv bis dümmlich, übertrifft Josie sie noch um Welten. Die studierte Zahnärztin, von der man rationales und bedachtes Handeln erwarten sollte, bringt sich und die Kinder immer wieder in größte Gefahr durch ihr blödsinniges und gedankenloses Handeln. Man möchte sie anschreien und ihr zurufen, wie absurd dumm sie sich verhält und wünscht sich geradezu, dass Paul und Ana nicht länger in ihrer Obhut bleiben dürfen.

Was als Selbstfindungstrip angekündigt war, ist eine Tour de Farce einer kopflosen Frau, die vor dem Leben davonrennt und bei all den gestellten Aufgaben nichts lernt. Dass ihr Sohn mehr verstand zu besitzen scheint als sie, ist erschreckend. Leider leidet darunter das Hörvergnügen, denn man kann sich kaum auf die Handlung konzentrieren, ist man so damit beschäftigt, denn nächsten Ausfall dieser Mutter zu verarbeiten.

Martin Walker – The Templars‘ Last Secret

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Martin Walker – The Templars‘ Last Secret

Rural France, St Denis in the Périgord region. Police officer Bruno this time has company: the Justice Ministry has send Amélie Plessis to get insight into basic police work. Before they can really get to know each other, they are called to the Commarque castle where a young woman was found dead. She seems to have been about to write some graffiti on the wall when she fell down. But soon they detect traces of foul play. The place of the crime scene does not seem to have been chosen by coincidence and soon Bruno and Amélie have to realise that they are not dealing with a simple murder case here, killing out of love or the like, but they are in the middle of an international plot of terrorism which threatens the lovely and peaceful region.

In his tenth case, we meet Bruno as we already know him from former novels: down to earth, a weakness for good food and the landscape and in order to solve his cases, he relies on his knowledge of the human nature and his good contacts in the region. Another woman enters the bachelor’s life, but this time she does not immediately win his heart, they have a rather professional relationship which turns over to some kind of friendship and liking. Both protagonists seem to be quite authentic and drawn from life.

The case is much more complicated than most of the others before. This time, the cause does not lie within the region or the people from the Périgord, but Martin Walker constructs a complex case of well-known Templar legends which are always attractive to a lot of people due to the mysteries around the order and any unanswered questions – not to talk of the Holy Grail – combined with international terrorism and threats as we, sadly, have witnessed in the last few years in Europe. I especially liked the development of the plot which made absolutely sense from an investigative point of view and was in no way farfetched in its extent.

All in all, exactly what I would expect in a novel from the Bruno series: an interesting case of murder embedded in the beautiful French countryside with hints at its food and culture.

Carolin Hagebölling – Der Brief

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Carolin Hagebölling – Der Brief

Ein seltsamer Brief stellt Marie vor ein Rätsel: ihre ehemals beste Freundin Christine schreibt ihr, jedoch stimmt so einiges nicht. Marie lebt nicht in Paris, sondern in Hamburg. Und sie arbeitet auch nicht im Kunstbereich, sondern ist Journalistin. Mit Johanna lebt sie in einer glücklichen Beziehung, wer soll dieser Victor sein? Und welches schreckliche Ereignis liegt hinter ihr? Zahlreiche Fragen, denen sie auf den Grund gehen will. Aber auch im Leben ihrer Freundin ist einiges anders als in diesem Brief beschrieben, denn sei wohnt immer noch im Heimatort, nicht in Berlin, und hat nur einen Sohn und nicht zwei Kinder. Erlaubt sich jemand einen Scherz mit ihr? Nach weiteren Briefen und einem Zusammenbruch beschließt Marie, sich in Paris auf Spurensuche zu begeben und taucht dort unerwartet in ein ganz anderes Leben ein, das ebenfalls ihres hätte sein können. Wieder zurück in Hamburg bleibt die Frage: was ist real?

Der Roman beginnt mysteriös mit diesem unerklärlichen Brief und zahlreichen Zeichen, die man rational nicht verstehen kann. Sowohl in Hamburg wie auch in Paris ereignen sich für die Protagonistin Dinge, die sich der einfachen Logik entziehen und nicht begreif- und erklärbar sind. Sie scheint zwei Leben zu haben, in denen sie zu Hause und glücklich ist. Aber welches ist das richtige und wie kann dies sein? Schnell schon kommt der Verdacht auf, dass ihre Erkrankung verantwortlich dafür ist, aber reicht dies wirklich als Erklärung? Die Autorin spielt hier mit dem Leser und lässt einem rätseln und Spuren verfolgen, schnelle und offenkundige Lösungen gibt es nicht.

Die Figuren haben mir gut gefallen, sehr authentisch wirkende normale Menschen, die mitten im Leben stehen und in jeder Situation glaubwürdig menschlich agieren. Besonders gelungen war für mich der Abschnitt über Paris, der die Stadt wunderschön porträtiert und dadurch einen bezaubernden Rahmen für die Handlung bietet. Auch der Schreibstil kann überzeugen, Carolin Hagebölling gelingt es gleichermaßen Spannung und Atmosphäre aufzubauen, so dass man das Buch eigentlich kaum weglegen mag.

Der einzige Kritikpunkt ist für mich das Ende. Hier wurden die vorher eher subtil platzierten Anspielung etwas zu vorhersehbar und durchschaubar. Die Auflösung der Geschichte ist zwar durchaus akzeptabel und passend, aber sie wird sicherlich einige Leser unzufrieden zurücklassen. Man würde zu viel verraten, wenn man hier näher ins Detail ginge. Alles in allem aber ein gelungener Roman, der insgesamt überzeugen kann.

Michel Bussi – Beim Leben meiner Tochter

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Michel Bussi – Beim Leben meiner Tochter

Ein Hotel am idyllischen Strand, wie gemacht für die junge Familie Bellion mit der bezaubernden Tochter Josapha. Doch dann beginnt der Alptraum: Mutter Liane wollte sich nur kurz auf das Zimmer zurückziehen; als Vater Martial eine Stunde später nach ihr sieht, ist sie verschwunden und im Zimmer eindeutig Spuren eines Verbrechens. Niemand hat die hübsche Französin weggehen sehen. Der Ehemann steht unter Verdacht, obwohl er selbst die Polizei informiert hat. Ein weiterer Mord auf der Insel La Réunion zieht die Schlinge um Martials Hals enger. Als die Polizei ihn verhaften will, flüchtet er mit dem Kind. Eine Hetzjagd beginnt. Was hat der Mann vor und wo ist der Leichnam seiner Frau?

Mein dritter Roman von Michel Bussi konnte leider nicht das halten, was ich mir von ihm versprochen hatte. Waren die beiden Vorgänger – „Die Frau mit dem roten Schal“ und „Das verlorene Kind“ – geprägt von Hochspannung, fehlte mir diese hier etwas. Auch wenn durch schnelle Wechsel und parallel verlaufende Handlungsstränge versucht wird, das Tempo der Handlung hoch zu halten und die Verfolgungsjagd durchaus immer wieder Spielraum für vielerlei Ausgänge lässt, konnten mich vor allem die Figuren nicht überzeugen.

Zunächst die Tochter Josapha. Immer wieder übernimmt schlüpft an als Leser in ihren Kopf und erfährt eine verstörende Diskrepanz zwischen der Innen- und Außensicht. Ein kleines Mädchen, das gerne spielt wird plötzlich zur scharf analysierenden Tochter, die kleinste Details beobachtet und die richtigen Schlüsse zieht. Dies passte für mich in keiner Weise zusammen. Der Perspektivenwechsel war meines Erachtens insgesamt völlig überflüssig für die Handlung. Auch Martial konnte bei mir nur wenig Sympathiepunkte erreichen. Es ist offenkundig, dass er nicht der Mörder ist und mehr hinter der Geschichte steckt, aber dadurch, dass Bussi uns als Leser zu lange von der Auflösung fernhält, kann man für sein Agieren und sein Leid nicht wirklich Mitgefühl aufbringen. So erscheint vieles, was er tut, irrational. Auch die Polizisten sind mir dieses Mal zu eindimensional, um authentisch zu wirken. Gelungen hingegen war die Einbettung der Insel im Indischen Ozean in die Handlung. Sehr viele spezifische Eigenarte der Bewohner und der Topographie fließen mit ein, wodurch der Roman eine ganz eigene Atmosphäre erhält und die Handlung nicht beliebig an einen anderen Ort verlegt we5rden könnte.

Zwar lösen sich am Ende alle Fragen und das Konstrukt der Geschichte war tatsächlich recht interessant ausgedacht, aber insgesamt packt der Roman zu wenig, um wirklich zu überzeugen.

 

Naja Marie Aidt – Schere, Stein, Papier

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Naja Marie Aidt – Schere, Stein, Papier

Thomas und Jennys Vater ist gestorben. Eigentlich sind sie erleichtert, das Verhältnis war schlecht, gekümmert hat er sich nie und ein Verbrecher war er dazu, die letzte Zeit seines Lebens saß er im Knast. Doch die erhoffte Erleichterung stellt sich nicht ein. Ein letztes Mal gehen sie in die elterliche Wohnung, Jenny will unbedingt den Toaster mitnehmen, der sie an die guten Zeiten der Kindheit erinnert. Doch das Gerät ist scheinbar kaputt. Als Thomas ihn auseinanderbaut, findet er die Beute des letzten Raubzugs seines Vaters. Er behält das Geld und verschweigt seiner Schwester und seiner Freundin Patricia den Fund. Doch an dem unverhofften Geldsegen klebt Pech und Thomas muss mit ansehen, wie sein geordnetes bürgerliches Leben, in das er sich als dem Sumpf gerettet hat, nach und nach bedroht wird und schließlich zusammenbricht.

Naja Marie Aidts Roman beschreibt den Niedergang in aller Eindringlichkeit und facettenreich. Es sind nicht die Handlungen, das Geschehen, die ihren Roman bestimmen, sondern die Menschen mit ihren Wesenszügen und Schwächen. Im Zentrum Thomas. Mit seinem Freund hat er einen Schreibwarenladen. Er hat den sozialen Aufstieg geschafft, es zu etwas gebracht, sich von seinem Vater und der Kriminalität seiner Kindheit distanziert. Der Fund des Geldes weckt jedoch eine Gier in ihm und bringt das zum Vorschein, was er hinter sich lassen wollte. Nicht kalkuliert hatte er, was dieses kleine Verbrechen mit ihm und seiner Umwelt macht. Er wird misstrauisch, vermutet Betrug hinter allen Handlungen seiner Mitmenschen, vertraut nicht mehr. So zerstört er nach und nach alle Beziehungen und gefährdet sich und andere. Vor allem seine Freundin Patricia. Ist die Beziehung zu Beginn des Romans fragil, werden die Risse im Laufe der Geschichte immer deutlicher. Leidet Thomas eher unbewusst, wird sie physisch wie psychisch zum Opfer.

Auch das Verhältnis der Geschwister zueinander ist nicht geprägt durch Verbundenheit ob des gemeinsam erlebten Leidens. Mit leichter Verachtung straft Thomas Jenny immer wieder, diese ist schwach, hat den Aufstieg nicht im selben Maße geschafft wie ihr Bruder und zudem in der Kindererziehung versagt. Doch mehr und mehr kehrt sich dieses Verhältnis um, Jenny findet ihren Weg, wirkt zunehmend selbstsicher und autonomer und kann sogar eine funktionierende Beziehung aufbauen während Thomas dazu immer weniger in der Lage scheint.

„Schere, Stein, Papier“ – ein passender Titel. Immer wieder stehen sich im Roman zwei Figuren gegenüber, die vor eine Entscheidung gestellt werden und deren Kampf ein scheinbar offenes Ende hat. Beide können gewinnen, sie taktieren, versuchen das Gegenüber zu durchschauen, um so die Oberhand zu gewinnen. Jede Handlung beeinflusst unbewusst jedoch die darauf folgende – wie auch jede Erfahrung das weitere Agieren eines Menschen bewusst oder unbewusst beeinflusst. Nichts ist völlig willkürlich im Leben und daher kann man sich auch nicht von dem lossagen, was man gerne ablegen möchte. Am Ende der Handlung muss Thomas sehen, dass er wieder zurückkehrt zu dem, was er verdrängt hatte und schließt so den Kreis.

Ein herzlicher Dank geht an das Bloggerportal für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zum Titel finden sich auf der Verlagsseite von Random House.

Margaret Atwood – The Handmaid’s Tale

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Margaret Atwood – The Handmaid’s Tale

Irgendwann in einer unbestimmten Zukunft, in der Republik Gilead. Offred kommt in das Haus des Commanders Fred und seiner Frau Serena Joy. Offred ist eine sogenannte „Handmaid“, ihre einzige Chance zu überleben nachdem ihre Hochzeit mit Luke für ungültig erklärt wurde und ihre einzige Alternative die Kolonien gewesen wären. Die Aufgaben der Handmaids sind ebenso wie die der anderen Gruppen, etwa der Marthas oder Aunts, genau definiert und ihre Kleidung lässt sie schon von weitem als zugehörig erkennen: ein roter Mantel, der alle weiblichen Formen verhüllt, dazu eine weiße Haube, die verhindert, dass man den Handmaids, die den Blick nach unten zu richten haben, ins Gesicht sehen kann. Wie ihre Namen bereits andeuten sind die Besitztum eines Kommandanten und erfüllen die wesentlichen Aufgaben, denen die Ehefrauen nicht nachkommen können oder wollen: Geliebte und Mutter der Kinder.

Die Neuverfilmung des Stoffes war Anlass nun endlich zu dem Klassiker des Dystopien zu greifen. Wie auch andere bekannte Werke des Genres, etwas George Orwells „1984“ oder Aldous Huxleys „Brave New World“ liegt über dem gesamten Roman eine bedrückende Atmosphäre, die die Verzweiflung und Aussichtslosigkeit der Menschen in diesem Staat verdeutlicht. In Gilead gibt es eine klare Rangordnung, die vorgeblich auf biblischen Grundlagen herrscht: Frauen sind Besitztum der Männer und weitgehend frei von Rechten. Wertvoll sind sie dann, wenn sie gebärfähig sind. Allen sozialen Gruppen sind Farben zugeordnet, die leicht erkennen lassen, wer zu welcher Klasse gehört. Individualität gibt es nicht mehr, viele Frauen verlieren sogar ihren Namen und werden nur noch über ihre Funktion benannt: Martha oder Of-Fred/Of-Glen, die Frau, die Fred/Glen gehört.

Die Geschichte Offreds ist geprägt auch von Rückblicken, sie kann sich noch an die Zeit vor Errichtung der Republik erinnern, als sie mit Luke verheiratete war und mit ihm auch eine Tochter hatte. Dann ihre Zeit der Umerziehung und Vorbereitung auf die Rolle der Handmaid. So kontrastiert und charakterisiert Atwood den neuen Staat, der vor allem für Frauen ein herber Rückschritt bedeutet. Viele Szenen lesen sich nur mit Schrecken, etwa Offreds erste Begegnung mit dem Commander oder die öffentlichen Hinrichtungen. Es gibt Versuche, das System zu unterwandern, diese sind jedoch gefährlich und nicht immer erfolgreich, lediglich der Epilog macht Hoffnung, spielt dieser in der Nach-Gilead Zeit, zu der die Republik offenbar schon nicht mehr existiert.

Viel kann man zu diesem Roman schreiben, viel ist geschrieben worden. Unzählige Anspielungen auf die Realität der 1980er Jahre – nicht nur in den USA, sondern auch in Ländern, in denen islamistische Herrscher die Frauen aus der Öffentlichkeit verbannten wie dem Iran – lassen sich in dem Text finden, der jedoch auch 2017 kein bisschen von seinem Schrecken verloren hat. Für mich aufgrund der spezifisch feministischen Perspektive ein besonders beachtenswerter Roman des Genres.

Jonas Lüscher – Kraft

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Jonas Lüscher – Kraft

„Theodicy and Technodicy: Optimism for a Young Millennium“ – diese Fragestellung ist es, die den Rhetorikprofessor Richard Kraft aus seiner finanziellen Not retten soll. In einer guten Viertelstunde soll in der ehrwürdigen Stanford Universität von den Bewerbern die Frage erörtert werden, dem Sieger winkt eine Million Dollar gestiftet von einem Internet Milliardär. Da er sich in seinem Tübinger Zuhause nicht in der Lage sieht, angemessen konzentriert an die Arbeit zu gehen, fliegt Kraft schon zwei Wochen vor der Veranstaltung nach Kalifornien und wohnt dort bei seinem Freund István, mit dem er einst in der Westberliner Enklave das Leben studierte und die Politik diskutierte. Bei der Suche nach der Frage, weshalb alles, das ist auch notwendigerweise gut ist, kehrt Kraft gedanklich auch immer wieder in seine Vergangenheit zurück und lässt seine Zeit mit István ebenso Revue passieren, wie die Zeit mit den drei Frauen, die sein Leben geprägt haben. Je näher der Tag der Präsentation rückt, desto weiter entfernt sich Kraft von der Überzeugung, dass in seinem Leben und in der Welt alles zum Besten steht.

Der Roman des Schweizer Autors Jonas Lüschers ist vom Feuilleton direkt nach Erscheinen begeistert aufgenommen worden. Es ist vermutlich die erstaunliche Verbindung, die Lüscher in „Kraft“ schafft zwischen der philosophischen Frage nach der Gerechtigkeit Gottes, der politischen Lage eines geteilten Deutschlands, das dem angloamerikanischen Neoliberalismus zu Beginn der 80er Jahre nur Helmut Kohl entgegensetzen kann, den weltbeherrschenden Internetgiganten des Silicon Valley und dem Leben eines einzelnen Mannes, der immer dann beruflich auf der Karriereleiter emporsteigt, wenn gleichzeitig die Frau an seiner Seite den Abstieg hinnehmen muss. Hierin Sinn zu finden und zu begründen, dass dies die bestmögliche aller Welten ist – kein leichtes Unterfangen, wie der Protagonist zunehmend verzweifelt feststellen muss.

Der sprechende Name des Protagonisten dient hervorragend als Ausgangspunkt zur Dekonstruktion des Romans. Richard Kraft – steht der Vorname für die Eigenschaften reich, mächtig und stark, fügt der Nachname diesen Einfluss, Wirkungsfähigkeit und Veränderungsfähigkeit hinzu. Sieht man sich die Figur an, so ist Kraft zunächst einmal finanziell abgebrannt. Zwei Ehen und vier Kinder haben ihn ruiniert, er ist dringend auf eine Geldspritze angewiesen. Macht und Stärke hat er eigentlich qua Profession, er war im frisch vereinten Deutschland eine Größe auf seinem Gebiet, scheint aber seine große Zeit hinter sich zu haben und nur wenige ergiebige Gedanken produzieren zu können. Mit dem Vortrag in Stanford erhält er die Chance seinen Einfluss geltend zu machen, eine positive Wirkung auszuüben und etwas an den bestehenden Verhältnissen zu ändern. Doch statt in der Ferne neue Gedanken zu kultivieren, sinkt er Grübelei und hängt der Vergangenheit nach. Eine Lücke klafft zwischen dem, was ist und dem, was sein könnte; ein Riss, der den Protagonisten selbst durchläuft und sehr passend auch auf dem Cover stilisiert ist.

Der eigentlich leistungsstarke und intelligente Mann wird überrollt – so wie in seinen Gedanken San Francisco von einer mörderischen und zerstörerischen Welle erfasst und zerstört wird, kann auch er den globalen Trends gesteuert durch die Ökonomie der Internetfirmen nichts entgegensetzen. Hat Gott den Menschen nach seinem Bild erschaffen, so erschafft nun der Mensch den Roboter, der alsbald droht die Macht zu übernehmen und als das bessere Wesen zu regieren. An dieser Stelle wird Kraft zum Sinnbild des modernen Menschen, der sich machtlos ausgeliefert fühlt und für den sich nicht erschließt, weshalb diese Welt, die bestmögliche sein soll.

Ein starker Roman, der sich nicht einfach nebenbei weglesen lässt, sondern immer wieder komplexe Diskurse mit dem Leser führt und ihn so mit der Ausgangsfrage konfrontiert.

Ein herzlicher Dank geht an den C.H. Beck Verlag für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zum Buch finden sich auf der Seite des Verlags.

Thomas Brussig – Beste Absichten

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Thomas Brussig – Beste Absichten

Frühjahr 1989, bei seinem Streifzug durch Ostberlin trifft der Erzähler zufällig auf eine Kellerband, die Seuche. Er kann den Jungs und der Sängerin Silke mit ihrem Türproblem aus der Patsche helfen und wird fortan zu ihrem Manager ernannt. In Anlehnung an den großen Beatles Erfinder wird er fortan nur noch Ebstein genannt. Bald schon kann er der Band Auftritte vermitteln, was ohne Spielerlaubnis in der DDR nicht ganz einfach ist, aber in den Fresswürfeln geht immer was. Es läuft gut für die Band, doch zunehmend verwandelt sich die Welt um sie herum und mehr und mehr Menschen ergreifen die Flucht. Mit einer kühnen Idee machen sie sich ebenfalls auf nach Prag zur deutsche Botschaft. Jedoch nicht, um in den Westen auszureisen, sondern um den Flüchtlingen ihre Autos billig aufzukaufen diese mit Gewinn in der Heimat zu verscherbeln. Der Plan geht auf und bald schon hat Ebstein eine Masse Geld angehäuft – doch mit dem Zusammenbruch des Landes bricht auch die Band auseinander und es dauert Jahre, bis sie wieder alle zusammen auf der Bühne stehen – jedoch nicht mehr in einem DDR Fresswürfel, sondern auf einer wirklich großen Bühne.

Thomas Brussig bedient einmal mehr sein Lieblingsthema: das Ende der DDR. Es ist erstaunlich wie es dem Autor gelingt, dieses immer wieder zu variieren und einen ganz neuen Roman zu schaffen. Der leicht wiederzuerkennende lockere Ton, der von Stefan Kaminski wie auch schon in „Das gibts in keinem Russenfilm“ gekonnt umgesetzt wird, kann auch in diesem Roman überzeugen.

Insgesamt eine unterhaltsame Geschichte mit einem sympathischen Protagonisten und Erzähler, der durch die Handlung trägt und glaubwürdig sowohl in der DDR wie später auch in der wiedervereinigten Bundesrepublik agiert. Das notwendige Quäntchen Cleverness ermöglicht ihm den Erfolg, eine gute Beobachtungs- und Analysegabe lassen ihn die Veränderungen vom Sozialismus zur Demokratie passend beschreiben. Daher insgesamt: kurzweilige Unterhaltung, die gerade in der Hörbuchform besonders gut wirkt.

Amos Oz – Judas

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Amos Oz – Judas

Shmuel Ashs Eltern können dem Sohn wegen wirtschaftlicher Schwierigkeiten das Studium nicht länger finanzieren. So richtig kommt er auch gerade mit seiner Abschlussarbeit über Judas und die Juden nicht voran. Eine Anzeige in der Jerusalemer Universität bringt ihn so im Herbst 1959 in das Haus des kranken Gershom Wald, dem er nachmittags Gesellschaft leisten soll. Ebenfalls im Haushalt lebt Atalja Abrabanel, die zwar deutlich älter ist als er, Shmuel aber sogleich fasziniert. In den kommenden Monaten wird der junge Student nicht nur das Verhältnis von Wald und Atalja ergründen, sondern sich auch politisch und philosophisch mit der Staatsgründung Israels auseinandersetzen und seiner selbstgewählten Frage, ob Judas wirklich der Verräter, zu dem ihn die Geschichte gemacht hat, oder ob er doch der erste Christ war, der Jesus erst in die Position gebracht hat, die Grundlage für eine neue Religion zu schaffen.

Amos Oz, einer der großen Erzähler Israels hat einmal mehr ein monumentales Werk geschaffen, das Christian Brückner erwartungsgemäß überzeugend in elf Stunden Lesezeit umsetzt. Die Länge weist schon daraufhin, dass es nicht nur die Geschichte eines Studenten ist, der sich als Gesellschafter seinen Unterhalt verdienen muss. Wie immer bei Amos Oz findet sich hier sehr viel mehr. Vordergründig eine Liebesgeschichte: Shmuel will Atalja für sich gewinnen, doch sie ist zunächst abweisend, waren schon so viele junge Männer vor ihm im Haushalt und begehrten sie. Der alte Wald hingegen diskutiert die politische Lage des Landes, die Staatsgründung durch Ben Gurion, die Frage nach der Ein- oder Zweistaatenlösung, der Umgang mit den Arabern, die verschiedenen, sich zum Teil widersprechenden Strömungen im noch jungen Land. Und natürlich die Frage nach der Rolle Judas für das Christentum. Immer wieder arbeitet Shmuel an seiner Arbeit, die den Moment der Aufspaltung von Judentum und Christentum behandelt und sich in der Person des Judas Iskariot realisiert.

Mit nur drei Figuren ist der Roman einerseits sehr konzentriert gehalten, auch die Beschränkung auf nur den einen Winter 59/60 als Handlungszeit, der zwar durch Rückblenden in Shmuels Kindheit ergänzt wird, im Wesentlichen jedoch auf diesen Ausschnitt fokussiert, stützt dies. Auf der anderen Seite holt Amos Oz jedoch sehr weit aus und schafft so extreme Gegensätze, zwischen denen die drei Figuren und der Leser hin und hergerissen werden. Judas – ist er der Verräter, der dem Christen den Messias genommen hat oder sollte er als wesentlicher Gründer der Religion eher verehrt werden? Ist eine Aussöhnung zwischen jüdischen und arabischen Israelis möglich, ein friedliches Leben in einem Land oder doch eher die klare Trennung in zwei autonomen Staaten?

Der Roman findet sich auf der Shortlist des Man Booker International Prize 2017, Mirjam Pressler erhielt 2015 den Leipziger Buchpreis in der Kategorie Übersetzung mit der Begründung, dass die deutsche Ausgabe nämlich gerade nicht nach einer Übersetzung klingt. Weitere Auszeichnungen wie der Internationale Literaturpreis – Haus der Kulturen der Welt 2015 unterstreichen die literarische Relevanz des Romans und des Autors, dem es immer wieder gelingt Fakten und Fiktion überzeugend in seinen Romanen zu verbinden.