Jens Steiner – Mein Leben als Hoffnungsträger

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Jens Steiner – Mein Leben als Hoffnungsträger

Nachdem er seine Mechatronikerlehre abgebrochen hat, taumelt Philipp etwas planlos durchs Leben. Aus seiner WG ist er ebenfalls geflogen, sein Putzfimmel hat die Mitbewohner so sehr unter Druck gesetzt, dass sie im Rauswurf den einzigen Ausweg sahen. Eines Tages spricht ihn Uwe an und zeigt ihm den städtischen Recyclinghof, den er leitet. Philipp findet wieder Erwarten in dem ernsten Uwe, der Recycling als nicht nur wichtige, sondern auch sehr ernsthafte Sache begreift, seinen Mentor und mit den beiden portugiesischen Mitarbeitern João und Arturo zwei angenehme wenn auch eigenwillige Kollegen. Sein Leben gewinnt einen neuen Rhythmus und die kleine Zweckgemeinschaft wird bald durch ein aus dem Ruder laufendes Nebengeschäft Joãos auf eine ernste Probe gestellt.

„Mein Leben als Hoffnungsträger“ ist kein Buch, das einem sofort anspringt und sich aufdrängt – was ein echter Fehler ist. Das Cover erschließt sich nicht zwingend auf den ersten Blick, das Recylingzeichen ist zwar gut erkennbar, aber schon die andere Farbwahl, orange statt grün, schafft einen Bruch. Der Titel des „Hoffnungsträgers“ bezieht sich auf Philipp: zunächst war er der Hoffnungsträger für den Vater, dessen Erwartungen er jedoch in keiner Weise erfüllen konnte oder wollte. Später sieht Uwe in ihm den Recyclingnachwuchs, der mit demselben Elan wie er selbst die Abfallwirtschaft wird vorantreiben können.

Das Buch lebt von den Figuren, die liebevoll gezeichnet wurden und echte Persönlichkeit haben und sich nicht nur auf wenige Charakterzüge beschränken. Die Mischung auf dem Recyclinghof schafft eine besondere Spannung: der ernsthaften Chef, der fast pedantisch korrekt ist und in seiner Arbeit zugleich einen Bildungsauftrag an den Bürgern sieht; João, der den Hauptberuf als günstige Quelle für seine Nebengeschäfte nutzt; Arturo, der einfältige Gehilfe, der jedoch unerwartet über künstlerische Fähigkeiten und pragmatische Lösungen verfügt; Philipp, der eher zurückgezogene Träumer, der nicht genau weiß, was er im Leben möchte und sich mehr für Dinge als für Menschen begeistern kann. Diese Zweckgemeinschaft reibt sich immer wieder, zeigt jedoch im Moment der größten Not als funktionierendes Gespann, wo das Einspringen für den anderen und die notwendige Schützenhilfe selbstverständlich sind. Durch und durch menschlich erscheinen sie, keiner ohne Macke und Fehler und gerade dadurch so sympathisch.

Daneben sind es die kleinen Beobachtungen, die im Buch zutage treten und einem durchaus innehalten lassen: die Frage danach, in welchem Überfluss wir leben und es uns erlauben, sogar noch funktionstüchtige Apparate zu entsorgen. Die selbstverständliche Erwartung, dass jeder eine Karriere anstreben muss und das Einkommen als natürlicher Maßstab für Erfolg und Glücklichsein.

Philipp als Erzähler wurden von Jens Steiner auch passende Formulierungen in den Mund gelegt, die immer wieder zu einem Schmunzeln führen. Das holprige Deutsch der Portugiesen ist herrlich ohne diese zu verunglimpfen, wenn sie beispielsweise „die Sache von die Angelegenheit“ besprechen und sie den „Wegwerf rezikeln“.  Bisweilen wird es gar philosophisch und ernsthaft, denn mit Philipp hat Steiner einen beobachtenden Protagonisten geschaffen, der mit einer innerlichen Distanz unsere Welt betrachtet und infrage stell: „Die Niedertracht der Welt, in der ich lebte, bestand darin, dass jede Generation noch ein bisschen mehr aus sich herauszuholen hatte als die vorherige“ (S. 135)

Ein unterhaltsamer Roman, der durchaus auch zum Nachdenken anregt.

Jaroslav Kalfař – Eine kurze Geschichte der böhmischen Raumfahrt

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Jaroslav Kalfař – Eine kurze Geschichte der böhmischen Raumfahrt

Die Welt steht kurz vor einer Katastrophe: die Chopra Wolke nähert sich und wie gefährlich sie wirklich ist, scheint kaum absehbar. Ein Flug mit einem Affen zu ihr war erfolgreich und nun muss eine bemannte Raumsonde sich dem Phänomen nähern und es untersuchen. Ausgerechnet Tschechien wird diese Mission unternehmen. Das kleine Land sieht seine Chance für internationalen Ruhm gekommen und Jakub Procházka soll Böhmen in dieser schwierigen Unternehmung vertreten. So richtig geeignet ist er mit seinem labilen Magen nicht, aber die Aussicht auf Berühmtheit ist verlockend. Nur wenige Wochen nach Anbruch der achtmonatigen Reise ins Ungewisse gerät jedoch Jakubs Welt aus der Ferne aus den Fugen: seine Frau Lenka verlässt ihn völlig unerwartet und verweigert den Kontakt. Einsam fern des Heimatplaneten beginnt Jakub zu phantasieren und philosophische Gespräche mit außerirdischen Wesen zu führen. Mit dem Eintritt in die Wolke scheint jedoch sein Schicksal besiegelt: das Raumschiff ist der Materie nicht gewachsen und Jakub wird wohl für sein Land sein Leben geben müssen.

Schon der Titel des Romans weckt ob der Kuriosität das Interesse, kopiert er einerseits die typischen Sachbuchtitel und ruft doch sofort ungläubiges Stutzen hervor: Böhmen? Raumfahrt? Was soll dieser Unfug denn? Und es ist ein herrlicher Unfug, den Jaroslav Kalfar da verfasst hat. Sein Protagonist Jakub ist ein etwas kauziger Astronaut, der mit der ebenfalls leicht verschrobenen Lenka eine passende Partnerin gefunden zu haben scheint. Auch das außerirdische Wesen, von Jakub Hanuš getauft und sein einziger Begleiter und Gesprächspartner, ist ein interessanter Charakter, der die Welt und ihre Bewohner mit einem herrlich neugierig-distanzierten Blick beobachtet und versucht diese Spezies zu verstehen.

Vor diesem kuriosen Hintergrund breitet Kalfar jedoch noch eine ganz andere Geschichte aus, die dem Buch eine ungeahnte Tiefe verleiht. Jakubs Vater war einst als Diener des einst kommunistischen Staates für Folterungen zahlreicher Mitmenschen verantwortlich. Nach dem Zusammenbruch des Ostblocks erlebt die Familie einen Umschwung: jahrelang haben sie finanziell von der Position profitiert, doch nun werden sie verachtet und bedroht. Der kleine Jakub wird Opfer nicht nur von verbalen Beschimpfungen, sondern auch von Angriffen, die ihn schwer verletzten. Ein auf Rache sinnender Mann vertreibt die Großeltern gar aus ihrem Haus, das sie jahrzehntelang bewohnten. Dies hinterlässt Spuren und Jakub ist vermutlich repräsentativ für eine ganze Generation von Kindern, die den Umbruch erlebten und die in unterschiedlicher Weise Verantwortung tragen müssen für Dinge, die ihre Eltern getan hatten.

Die Beziehung zwischen Lenka und Jakub ist ebenfalls interessant zu beobachten. Auch wenn hier ein extremer Ausnahmefall geschildert wird, bleibt die Grundkonstellation doch ein tagtägliches Phänomen: der Mann macht Karriere und die Frau muss alle damit verbundenen Entbehrungen ungefragt ertragen. Lenka hatte keine Wahl, sie durfte noch nicht einmal eine Meinung haben und nun steht sie allein zurückgelassen auf der Erde. Ich fand ihren Einwand im Gespräch mit Dr. Kuřák, dass eine Ehe ein Vertrag darüber sei, dass man das Leben gemeinsam meistern wolle und dann nicht einfach einer abhauen kann, durchaus nachvollziehbar und richtig. Ihre Rolle als Penelope, die als treue Ehefrau die Hände in den Schoß legen und auf die Rückkehr des Mannes warten muss, lehnt sie zurecht ab und folgt so dem Vorbild moderner Frauen.

All dies wird in einem charmanten Ton erzählt. Kalfar und die Übersetzerin Barbara Heller finden Formulierungen, die einem immer wieder schmunzeln lassen. Vor allem Hanuš werden wunderbare Beobachtungen in den Mund gelegt:

„Wenn du mich fragst, stehen die soziokulturellen Rituale deiner Gesellschaft im Widerspruch zur biologischen Realität.“ oder

„Das kardiovaskuläre Organ, das deine biologischen Funktionen steuert, löst unregelmäßige Vibrationen aus – ein schlechtes Zeichen, nehme ich an.“

Ganz nebenbei wird auch noch die Geschichte des tschechischen Nationalheiligen Jan Hus erzählt, die unerwartete parallelen mit Jakub aufweisen wird und so einem breiten Publikum auch außerhalb des kleinen Nachbarlandes bekannt wird.

Ein überraschend vielschichtiger Roman, der jedoch vor allem durch den lockeren, bisweilen fast ironischen Ton zu einer unterhaltsamen Lektüre wird.

 

José Eduardo Agualusa – Eine allgemeine Theorie des Vergessens

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José Eduardo Agualusa – Eine allgemeine Theorie des Vergessens

Ludovica, eine etwas schräge und menschenscheue junge Frau, lebt mit ihrer Schwester Odete und ihrem Schwager Orlando in Angola. Als die Revolution ausbricht und der Orlando die Flucht für alle drei plant, wird sie offenbar irgendwie vergessen. Wenige Tage später bedrohen sie Männer an der Tür, Orlando habe Diamanten, die er illegal erworben habe, in der Wohnung versteckt. Im Handgemenge tötet Ludovica einen von ihnen. Die Leichte beseitigt sie kurzerhand in einem Beet auf der Dachterrasse und, um nicht weiter von unliebsamen Besuchern gestört zu werden, mauert sie auch noch die Eingangstür zu. Dreißig Jahre wird sie nun im 11. Stock eines Hauses sitzen, sich von Vorräten und kleiner Ernte, sowie Tauben, die sie gelegentlichen einfängt, ernähren. Das Leben in Angola geht derweil seinen Weg, ohne dass sie davon etwas mitbekommt. Einige kommen zu Geld, andere versuchen auf der Straße zu überleben. Doch es kommt der Tag, an dem die Welt plötzlich in Ludovicas selbstgewählte Isolation einbricht.

Der angolanische Autor José Eduardo Agualusa hat ein fantastisches Werk geschaffen, das nicht ganz den typischen europäischen Erzählmustern folgt. Was als Drehbuch für einen Film seinen Anfang nahm, endete in einem wundersamen Roman, der 2016 auf der Shortlist des Man Booker International Prize stand und den angesehenen International Dublin Literary Award 2017 erhielt und sich dort gegen angesehene Autoren wie Margaret Atwood oder Orhan Pamuk durchsetzte.

Im Zentrum der Handlung steht Ludovica, deren Charakter zunächst seltsam bis widersprüchlich erscheint. Einerseits auf die Unterstützung von Schwester und Schwager angewiesen, zeigt sie sich doch pragmatisch-anpackend als es um ihr Überleben geht. Wie sie sich ihre eigene kleine Welt schafft, ist kurios bis bewundernswert. Einfallsreich löst sie ihr Versorgungsproblem, mit wiederkehrenden Strom- und Wasserausfällen geht sie gelassen um. Der Kontakt zur Außenwelt scheint ihr nicht weiter wichtig zu sein, erst als ein Junge in ihre Wohnung eindringt, spricht sie nach dreißig Jahren erstmals wieder mit einem Menschen. Was zu diesem Charakter geführt hat, erfährt man erst gegen Ende des Romans und ihr persönliches Schicksal erscheint nicht ganz in einem anderen Licht, aber doch erklärlich.

Um sie herum konstruiert Agualusa zahlreiche Nebenhandlungen, die ebenfalls von bunter Natur sind und bisweilen fast slapstickartige Züge haben. Ein starker Kontrast zur Isolation, der aber vermutlich das rege Treiben der Hauptstadt sehr gut darstellt. Man trifft Figuren, die Glück haben, andere haben Pech, manche sind clever, wieder andere werden Opfer des Schicksals. Es werden Lügen erzählt und wieder aufgelöst – kurz gesagt: das weltliche Treiben in allen Facetten findet Eingang, ohne dass sich die Logik und Verbindung zur Protagonistin direkt offenbaren würde. Aber hier kommt die Kunst des wahren Erzählers zum Vorschein: Agualusa führt alle noch so verschlungenen Wege zusammen und die Notwendigkeit, diese zunächst nebensächlich erscheinenden Geschichten zu erzählen, wird offenkundig. Eine ganz und gar fantastische Lösung.

Allerdings ist es nicht nur die faszinierende Persönlichkeit Ludovicas und die formvollendete Zusammenführung aller Erzählstränge, die einem beim Lesen begeistert. José Eduardo Agualusa findet treffende Formulierungen, in denen kein Wort zu viel ist und die punktgenau die Realität einfangen. Hier gehört dem Übersetzer Michael Kegler ein großes Lob. Daneben gibt es kurze Szenen, die nur wenige Sätze umfassen, die einem als Leser stocken lassen, ob der unglaublichen Grausamkeit, die sie in sich tragen. An diesem Stellen wir einem besonders bewusst, dass man sich in einem afrikanischen Land aufhält und unsere Werte und Normen vielleicht nicht anwendbar sind. Diese Brüche, die einem zum Nachdenken zwingen, machen den Unterschied zwischen einem unterhaltsamen Buch und bemerkenswerter Literatur.

Ines Geipel – Tochter des Diktators

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Ines Geipel – Tochter des Diktators

Anni Paoli will eine Geschichte erzählen. Nein, sie muss sie erzählen, damit sie nicht in Vergessenheit gerät oder wie so vieles andere einfach aus den Geschichtsbüchern gestrichen wird. Und weil alle anderen inzwischen tot sind. Es ist die Geschichte von ihrem Kindheits- und Jugendfreund Ivano Matteoli und seiner großen Liebe Bea. Ivano und Anni wachsen im italienischen Dorf Cigoli, zwischen Pisa und Florenz gelegen, auf. Wie viele der Dorfbewohner sind auch Ivanos Eltern Kommunisten und früh schon verschreibt sich der Junge ebenfalls diesen Gedanken. Anfang der 60er Jahre haben Ivano und Anni die Schule beendet und ihre Wege trennen sich. Anni geht zum Kunststudium nach Paris, Ivano nach Leningrad. Dort begegnet ihm das deutsche Mädchen Bea, eigentlich Beate, noch eigentlicher Maria und am eigentlichsten die erste Tochter der DDR: Ivano verliebt sich in die Adoptivtochter von Lotte und Walter Ulbricht. Alle kommunistisch-sozialistischen Überzeugungen reichen jedoch nicht aus, um den Vorstellungen des Landesvaters zu genügen und so ist die Liebe der beiden vom ersten Tag an zum Scheitern verurteilt.

Ines Geipels Roman „Tochter des Diktators“ mag zwar fiktiver Natur sein, die Eckdaten um Ivano und Bea sind jedoch real. Geboren als Maria Pestunowa wurde sie 1946 vom Landesvater adoptiert, um dem sozialistischen Idealbild der Familie und Stalins Wünschen zu genügen. Ihr Studium in Leningrad und die Hochzeit, sowie die spätere Geburt einer gemeinsamen Tochter und die Zwangsrückkehr in die DDR sind belegt. Ebenso das Ende dieser Verbindung, das durch den Passentzug eingeleitet wurde. Der Tod Beate Ulbrichts ist bis heute ungeklärt.

Erzählt wird ihre Lebensgeschichte ohne dass Bea jemals persönlich in Erscheinung tritt. Dies ermöglicht Lücken und Unklarheiten zu schließen bzw. erhebt dadurch auch nie den Anspruch auf vollständige Rekonstruktion. Ebenso müssen wir nicht spekulieren über Gedanken und Gefühle, die die junge Frau durch die Repressionen des Staates, der zugleich ihre Eltern waren, ausgesetzt war. Eine literarische Form, die sehr passend gewählt wurde.

Allerdings verschiebt sich hierdurch auch der Fokus der Handlung. Er liegt viel mehr auf dem Italien der kleinen Gemeinschaften. Dem Italien der Nachkriegszeit, das durch Korruption und eine ganz eigene Art des Terrorismus geprägt war. Für Anni ist die Flucht in ein fremdes Land und in die Kunst der Weg des Ausbruchs, Ivano sucht im Kommunismus und dem Traum einer Revolution den Ausweg. Ironischerweise ist es dann Anni, die 1968 in Paris eine echte Revolution miterlebt.

Mit Anni, einer Figur, die sowohl Außen- wie auch Innensicht vertreten kann, ist eine passende Erzählerin gefunden. Der Roman kann vor allem durch ironische und oftmals zweideutige Formulierungen Punkten, die besonders die im Zusammenhang mit Familie Ulbricht entstehenden Absurditäten und der festgeschriebenen Normen des italienischen Dorfes angemessen in Worte fasst:

„Beate Matteoli (…), die Tochter des Berliner Mauerbauers Walter Ulbricht“ oder

„Hätte Cigoli einen Beichtkatalog im Hinblick auf Niedertracht, Obsession und Verrat, er wäre bunt und schillernd wie ein Pfau.“

In sehr bildhafter Sprache wird das Leben einer öffentlichen Person rekonstruiert, die nie öffentlich sein wollte:

„Nur der Geheimdienst führte Buch. Über das harte Ringen einer Staatstochter, etwas außerhalb dessen zu leben, was die Staatseltern ihr zubilligten. (…) Man hatte sie zu zwei Marionetten gemacht, die an Fäden hingen, von unsichtbaren Händen weitergereicht, ein Puppenpaar ohne Boden und in Dauergefahr.“

Heute ist sie aus dem Bewusstsein weitgehend verschwunden, ebenso wie der Staat, in dem sie aufwuchs. Fast ironisch, eher aber tragisch, dass ihr Ende ungeklärt bleibt, wo all ihre Handlungen zu Lebzeiten minutiös überwacht wurden. Immerhin bleibt ihr mit Ines Geipels Roman wenigstens ein lesenswertes literarisches Vermächtnis.

Der Roman erscheint am 5. August 2017 bei Klett-Cotta.

Mascha Dabić – Reibungsverluste

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Mascha Dabić – Reibungsverluste

Ein normaler Morgen und schon wieder ist Nora zu spät dran. Sie wird wieder nicht pünktlich zur Arbeit erscheinen, einmal mehr. Dabei geht ohne sie nichts, denn sie ist die Dolmetscherin, die den Geflüchteten eine Stimme bei den Therapeuten verleiht, ihre Geschichten in verstehbare Worte verwandelt. Dabei versteht sie manchmal ihr eigenes Leben nicht. Ihre Zeit in Russland, die überstürzte Flucht nach Wien. Sie muss neutral bleiben, auch wenn sie von schlimmen Gräueltaten hört. Sie darf nicht kommentieren, auch wenn sie die Methoden der Therapeutin seltsam findet. Sie muss die Balance finden zwischen dem wörtlich Gesagten und dem Gemeinten. Und nebenbei das Chaos in ihrem eigenen Leben ordnen. Den ganzen Tag spricht sie, aber es sind nicht ihre Worte, denn das, was sie bewegt, bleibt in ihr und findet keinen Weg, in Worte gefasst zu werden.

Die Flüchtingsthematik ist nach wie vor aktuell und bestimmt die Nachrichtenlage. Zunehmend wird das Thema auch literarisch aufgegriffen und verarbeitet. Meist stehen die Geflüchteten selbst im Zentrum, wie etwa in Jenny Erpenbecks „Gehen, Ging, Gegangen“, Shida Bazyar „Nachts ist es leise in Teheran“, Mohsin Hamids „Exit West“ oder in Abbas Khiders „Ohrfeige“. Diejenigen, die Mitten in diesem Prozess sind, aber hinter den Kulissen arbeiten, bleiben weitgehend auch literarisch im Hintergrund. Mascha Dabić verleiht einer Dolmetscherin eine Stimme und schildert in ähnlicher Weise die seltsame Zwischenstellung, die diese einnehmen, wie auch Shumona Sinha in „Erschlagt die Armen“.

Nora ist keine Heldin und kein Mensch, der sich der guten Sache wegen aufopfert. Das Dolmetschen hat sie nach der Rückkehr zu ihrem Beruf gemacht. Was ich sehr gelungen fand, war, dass innerhalb des Romans nebenbei mit gängigen Fehlern aufgeräumt wird, wie etwa der Tatsache, dass übersetzen und dolmetschen keine Synonyme sind, sondern zwei unterschiedliche Tätigkeiten und dass es unmöglich ist, wörtlich zu übersetzen, da dies oftmals keinen Sinn ergeben würde. Sie beschreibt das Dolmetschen als einen

„alchemischen Prozess, im Zuge dessen das Gesagte in einer bestimmten Wortkombination durch den Gehörgang in ihren Kopf eindrang und in einer anderen Form, möglichst unbeschadet und so wenig wie möglich durch Reibungsverluste in Mitleidenschaft gezogen, durch den Mund wieder verließ. Der etwaige Schaden, den der Kanal, also Noras Kopf, durch diese Transaktion möglicherweise nahm, interessierte nicht. Reibungslos sollte die Kommunikation ablaufen,”

An den russischen Beispielen zeigen sich immer wieder die Problematiken der Translationswissenschaft und wie viel kulturelles und gesellschaftliches Wissen es erfordert, das Gesagte tatsächlich zu verstehen und angemessen in der anderen Sprache wiederzugeben. Allein für diese Leistung hat der Roman schon eine Beachtung verdient.

Aber auch die Figurenzeichnung ist für mich sehr überzeugend. Nora ist nicht eindimensional, sondern gebrochen und vielschichtig. Manchmal genügt ihr auch nicht eine Sprache, um ihren emotionalen Zustand zu erfassen. Dabei verharrt sie nicht passiv und liefert sich aus, sondern unternimmt durchaus Versuche, ihr Leben emotional und organisatorisch zu sortieren. Sie ist in mancherlei Beziehung sehr typisch für ihre Generation, die Menschen um die 30, die kosmopolitisch denken und leben und sich dadurch verlieren.

Daneben die Geschichten der Geflüchteten, kleine Einblicke in ihr Leben vor der Ankunft in Deutschland, in Denkstrukturen und Ordnungsmuster, die uns völlig fremd sind und in die Schwierigkeit, sich in einem fremden Land ein Leben aufzubauen, das immer droht durch einen ablehnenden Asylbescheid von heute auf morgen beendet zu werden.

Ein beachtenswerter Roman, der einen anderen Blick auf das vorherrschende Thema der Jahre 2015 bis 2017 wirft.

Yasmina Reza – Babylone

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Yasmina Reza – Babylone

Elisabeth, eine 62-jährige Wissenschaftlerin, ist nervös, sie will am Abend eine kleine Soirée für Freunde und Bekannte geben und hofft, dass alles perfekt ist. Sie hat zu viele Gäste eingeladen, achtzehn an der Zahl, und muss noch Gläser beschaffen und bei der Nachbarin Stühle ausleihen. So kommt sie zum ersten Mal in die Wohnung von Lydia und Jean-Lino Manoscrivi, zu denen sie bisher ein freundschaftliches, wenn auch distanziert-nachbarschaftliches Verhältnis hatte. Sie ahnt nicht, dass sie sich am selben Tag nochmals in ganz anderer Angelegenheit dort wiederfinden wird. Der Abend beginnt schleppend, nach und nach treffen die Gäste ein, aber die Unterhaltung braucht etwas, bis sie in Gang kommt, zu unterschiedlich sind die Charaktere, aber mit der ausreichenden Menge an Alkohol finden sich Gesprächspartner. Aus Sicht von Elisabeth und ihrem Ehemann Pierre ist die kleine Feier ein Erfolg, erschöpft sinken sie ins Bett ohne das Chaos zu beseitigen. Doch nur wenig später werden sie durch ein hartnäckiges Klopfen an der Wohnungstür geweckt. Der Nachbar Jean-Lino steht vor ihnen und erklärt, dass er gerade seine Frau Lydia getötet hat.

Yasmina Rezas Roman wurde 2016 mit dem ehrwürdigen Prix Renaudot ausgezeichnet, neben dem Prix Goncourt der wichtigste Literaturpreis Frankreichs. Ähnlich wie in anderen Werken der Autorin stehen bürgerliche Figuren im Zentrum der Handlung. Elisabeth und Pierre ebenso wie ihre Gäste entstammen der Pariser Mittel- und Oberschicht und pflegen deren Verhaltensweisen. Daher ganz typisch das Setting der Handlung, eine Soirée ohne richtigen Anlass. Man ist freundlich zueinander, kleine verbale Ausrutscher werden mit Missbilligung bedacht. Doch wie beispielsweise im „Gott des Gemetzels“ erfolgt irgendwann der Ausbruch aus den Konventionen und die Figuren verlieren ihre Fassade und zeigen sich von einer gänzlich anderen Seite.

Der Roman beginnt recht langsam, fast schleppend möchte man sagen, denn Elisabeths Vorbereitungen ziehen sich etwas in die Länge und werden immer wieder durch Erinnerungen an ihre Kindheit und vor allem ihre kürzlich verstorbene Mutter unterbrochen. Das Verhältnis zwischen Mutter und Tochter war von Beginn an angespannt und voller Groll denkt Elisabeth an sie zurück. Ihre Mutter machte sie „hübsch“ – weil sie das von Natur aus nicht war? Und sie denkt an die Verlogenheit der Menschen, die sich oftmals bei Beerdigungen gegenüber dem Verstorbenen zeigt:

« Ma mère était tout sauf gentille. On ne pouvait en aucun cas parler d’elle en ces termes. Sous prétexte de mort on fait perdre aux gens leur consistance élémentaire. »

Zunächst scheint hier der wesentliche Aspekt der Handlung zu liegen, denn mit dem Erscheinen von Elisabeths Schwester Jeanne wird dieser Konflikt fortgeführt. Doch dann die unerwartete Wendung durch den Mord. Elisabeth und Pierre eilen zum Tatort und sind ebenso wie Jean-Lino sichtlich mit der Situation überfordert. Die Irrationalität des Handels der drei Figuren, ausgelöst durch den extremen Stress des Moments, liefert das eigentlich Zentrum der Handlung und hier wird der Roman lebendig und regelrecht zu einem Bühnenstück, das man vor sich sieht. In dieser Situation kommt auch Jean-Lino die Erinnerung an seinen Vater, der stets denselben Psalm vortrug:

« Aux rives des fleuves de Babylone nous nous sommes assis et nous avons pleuré, nous souvenant de Sion. »

Dieser erinnert im ersten Teil an die Sehnsucht nach Rückkehr nach Hause, wo das Leben wieder geordnet ist, keine Sünden begangen sind und Gott dem Volk gnädig ist. Im nicht zitierten Teil wird die Drohung der Rache für die Verfehlung folgen, die auch Jean-Lino und seinen Nachbarn bevorsteht, die zu Komplizen der Tat werden.

Der Roman wird im Laufe der Handlung fast zu einem Krimi. Man weiß zwar um die Umstände der Tat, ist jedoch gespannt, wie das Problem gelöst werden kann und ob die drei Figuren davonkommen. Abgesehen vom ersten Fünftel, bleibt jedoch eher der Eindruck, dass er als Stück auf die Bühne gehört.

Yasmina Reza bringt die übliche Ordnung der Dinge im Leben ihrer Figuren durcheinander und lässt so ein unterhaltsames Szenario entstehen, das jedoch im Leser die ungute Frage zurücklässt, wie lange man selbst die öffentliche Fassade aufrechterhalten könnte.

Julie Buntin – Marlena

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Julie Buntin – Marlena

Sal hat sich gemeldet und katapultiert Cat zurück in ihre Zeit in Silver Lake, Michigan, wohin ihre Mutter sie und den Bruder Jimmy nach der Trennung vom Vater zwangsverpflanz hatte. In Marlena hat Cat direkt eine neue Freundin gefunden. Das Nachbarsmädchen war zwei Jahre älter und all das, was Cat gerne gewesen wäre: hübsch, von Jungs bewundert, mutig, selbstbewusst. Doch bald schon kommt Cat hinter Marlenas Geheimnis: es sind Drogen, die sie am Leben halten und sie so erscheinen lassen, wie sie ist. Drogen, die bereits ihre Mutter zerstört hatten und die auch die Einnahmequelle ihres Vaters und ihres Freundes sind. Aus der schüchternen und strebsamen Cat wird in Silver Lake ein neuer Mensch: sie schwänzt die Schule, trinkt zu viel und versucht Marlena immer ähnlicher zu werden. Eine gefährliche Spirale abwärts, die für Marlena im Unglück enden wird.

Julie Buntins Debutroman hat es bereits auf die Longlist des First Novel Prize 2017 der US-amerikanischen nonprofit Organisation Center for Fiction geschafft, die New York Times hat sie gar mit Elena Ferrante, einer der global erfolgreichsten Autorinnen der vergangenen Jahre, verglichen. Warum ist recht leicht zu erkennen: wie die zwei Pole eines Magneten ziehen sich die beiden konträren Charaktere von Marlena und Cat geradezu magisch an. Zwei unterschiedliche Mädchen, die schicksalhaft durch ihre Nachbarschaft zusammengebracht werden und gemeinsam ins Verderben rennen. Schon früh weiß man, dass Marlena jung sterben wird, aber ist Cats Überleben tatsächlich das größere Glück?

„Manchmal leide ich unter meinem Leben, allein weil es meins ist, weil es diesen Lauf genommen hat und keinen anderen, weil ich nicht in die Vergangenheit zurückreisen kann, um die Zukunft zu ändern. Um zu verhindern, was ihr zugestoßen ist.“

Cat leidet unter dem, was sie erlebt hat und nicht verhindern konnte, obwohl ihr bewusst war, wie abhängig Marlena war und weil sie Schuld daran trägt, was an dem schicksalhaften Tag im November und auch schon in den Woche zuvor passiert war. Mit dieser Schuld muss sie leben und diese verbirgt sie in New York vor ihrem neuen Leben und ihrem Freund.

„Wahrscheinlich habe ich mich schuldig gefühlt. Ich hatte hundert Gelegenheiten, sie aufzuhalten. Mehr als hundert. Ich tauschte Silver Lake und eine Form der Realitätsflucht gegen eine andere ein. Das schlechte Gewissen der Überlebenden quälte mich, es bestimmte mein Leben“

Die Autorin verleiht ihrer Erzählerin eine starke Stimme und diese kann sowohl die Gefühlswelt der 15-jährigen versetzen, der die Empathie noch fehlt, um sich die Lage der eigenen Mutter oder des Vaters zu begreifen, wie auch in die erwachsene Cat, die ein vorgeblich bürgerliches Leben als Bibliothekarin führt und doch ihre Süchte kaum unter Kontrolle hat und die 15-Jährige, die sie einmal war, nicht ganz aufgeben kann und will. Diese ausdrucksstarke, intensive Erinnerung an die Zeit, die sie doch meist im Rausch gar nicht wahrgenommen hat, überträgt sie gekonnt auf den Leser, dem die lebenszerstörende Verbindung zwischen den Mädchen nicht kalt lassen kann.

Éric Faye – Zimmer frei in Nagasaki

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Éric Faye – Zimmer frei in Nagasaki

Erst stutzt er nur. Dann wundert er sich. Dann wird er aufmerksam. Etwas ist falsch in seiner Wohnung, als wenn in seiner Abwesenheit jemand heimlich eingedrungen wäre. Es sind nur kleine Anzeichen, aber zunehmend beschleicht Shimura Kobo doch ein ungutes Gefühl. Ok, er schließt nie ab, es wäre ein leichtes bei ihm einzudringen, aber das macht doch niemand, vor allem nicht, ohne etwas zu entwenden. Er notiert seine Beobachtungen und bringt schließlich eine Überwachungskamera an, um vom Büro aus seine Küche zu observieren. Da, plötzlich, eine Gestalt. Tatsächlich. Er informiert die Polizei und staunt nicht schlecht über das, was sie ihm berichten: schon fast ein Jahr war die Frau sein heimlicher Untermieter.

Éric Fayes Roman basiert auf einer realen Geschichte, die sich 2008 in Japan zugetragen hat. Zunächst kennt man als Leser nur die Perspektive des Meteorologen Kobo, der eigenbrötlerisch und etwas seltsam ist. Mit festen Routinen gestaltet er seinen Tag und weicht nie davon ab. Man kann sich gut vorstellen, dass er sich seltsame Vorgänge nur einbildet, doch bald schon wird offenbar, dass dem nicht so ist.

Die Geschichte beginnt schon fast am Ende des Zusammenlebens und es ist gar nichts so sehr selbiges, das thematisiert wird. Interessant ist zum einen, was mit dem Protagonisten passiert, nachdem er den Eindringling entdeckt hat: er fühlt sich nicht mehr wohl zu Hause. Die Wohnung ist geradezu leer, es fehlt ihm etwas, von dem er zuvor gar nicht wusste, dass es da war. Und so entwickelt er regelrecht Gewissensbisse und macht sich Vorwürfe:

„Wenn ein Mensch in diesem Augenblick hinter Gittern war, dann wegen dieses Auges Anm. der Kamera]! Als ich verstand, dass ich meinen Fehler auf ein Ding abschieben wollte, wurde ich wütend auf mich und schimpfte laut.“

Immer mehr spitzt sich seine Situation zu, denn in dem Kokon, in dem er es sich emotional so schön eingerichtet hatte und der ihm ermöglichte, die Augen vor der Realität als einsamer Single ohne Freunde zu verschließen, sind Risse entstanden und er stellt irgendwann seine komplette Existenz in Frage:

„Nein, vergessen. Ich wollte nicht diese arme Frau vergessen, die mir nichts bedeutete, sondern meine ganze Existenz, deren Armseligkeit und Dürre sich mit einem Mal offenbarte. Da spross seit langem kein Ehrgeiz mehr, Erwartungen auch keine mehr. Verwünschen sollte ich diese Frau. Ihretwegen hatte sich der Nebel über meinem Leben verflüchtigt.”

Doch auch die Frau kommt zu Wort, im Gefängnis lässt sie den Leser daran teilhaben, wie sie in die unsägliche Situation kam, ihre Wohnung zu verlieren und schließlich bei Kobo einzuziehen. Geschickt hat sie beobachtet und ihr Leben um seins organisiert. So entsteht ein unsichtbares Band, das auch sie spürt, auch wenn es sicher keine Liebe war, die sie für ihn empfand. Doch es gab noch mehr Gründe für sie, genau diese Wohnung wieder zu besuchen und ihr Schreck ist groß, als sie wieder in Freiheit den Ort der Tat erneut aufsucht.

Ein Roman der leisen Töne, der zwei recht isolierte Figuren zusammenführt, ohne die reale Nähe als solche zu erleben. Die kurze Zeitungsmeldung wurde so mit sehr viel Leben gefüllt.

Mathieu Riboulet – Und dazwischen nichts

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Mathieu Riboulet – Und dazwischen nichts

„Im Krieg sterben in einem Land in Frieden. Denn es herrscht Frieden. Kein einziger militärischer Krieg am europäischen Horizont, nicht einmal ein Bürgerkrieg, um solcherlei Töne wiederzuhören, wird man sich noch neunzehn Jahre gedulden müssen“

Im Europa der 60er, 70er und 80er Jahre herrscht Frieden und dennoch sterben Menschen. Mathieu Riboulet weigert sich, sich

„mit der Rede vom offiziellen Frieden abzufinden, dieser Lüge ungekannten Ausmaßes: Kalter Krieg für alle, heißer von 54 bis 62 für die Algerier, 53 für die Koreaner, von 54 bis 73 für die Vietnamesen und so weiter“

und schreibt seine sehr eigenwillige Biographie und Chronologie dieser Zeit. Er ist zu spät geboren, 1960, um an den Protesten von 1967/68 teilzuhaben, die 10 Jahre andauern sollten und von ihm als ein Ausbruch der Gewalt beschrieben werden,

„der auf den Straßen die Leichen hunderter Männer und Frauen hinterließ, wie Hunde abgeknallt.“

Auch 1972, als Pierre Overneys Tod durch einen Polizisten zu einer Großdemonstration in Pairs führte und in München die Olympischen Spiele durch die Geiselnahme der israelischen Mannschaft durch palästinensische Terroristen jäh ihren friedvollen Charakter verloren, ist er zu jung, um aktiv zu werden. Ebenso ist er nur Zaungast des deutschen Herbstes 1977 und die italienischen Studentenproteste im selben Jahr. Sein Kampf wird im Jahrzehnt danach kommen, als eine unheimliche Krankheit die Homosexuellen und Drogenabhängigen reihenweise dahinrafft:

„Wir hatten den Mut, unsere Körper aufs Spiel zu setzen, sie den Armen von Männern anzubieten, von Männern, die niemand wollte, doch den Mut, ausgetüftelte Anschläge durchzuführen, hätten wir auf keinen Fall gehabt. Es fehlte uns also die tragende Welle, die, in einer ungedachten Flut, alle Kräfte des Körpers in ein kollektives Bad schwemmt oder schleudert, in welchem die erzeugte Kraft immer größer ist als die Summe der eingebrachten Einzelkräfte”

Mathieu Riboulets autobiografisch gefärbter Roman ist ein sehr eigener Blick auf die Geschichte. Seine uneingeschränkte Befürwortung linksradikaler Ideen – nach den Erfahrungen in Hamburg beim G20 Gipfel vielleicht auch: Terroristen – ist das gute Recht des Autors. Die Ereignisse in Frankreich, Italien und Deutschland zwischen 67 und 78 in einen gemeinsamen Kontext zu stellen und die offizielle Redensart der friedlichen Zeit in Frage zu stellen, scheinen mir allerdings durchaus legitim.

Doch der abschließende Versuch, seinen privaten Kampf gegen die Diskriminierung, der er als Homosexueller ausgesetzt war, und gegen AIDS in diesen politischen Kontext zu rücken, finde ich eher ungewöhnlich, um nicht zu sagen: falsch. Hier werden völlig verschiedene Ebenen und Denkweisen vermischt. Natürlich wird Politik von Menschen gemacht, von denjenigen, die in der Gesellschaft oftmals die Meinung maßgeblich bestimmen. So gesehen ist durchaus eine Überschneidung gegeben. Die Grenze zwischen Öffentlichkeit und Privatheit, zwischen der Gesellschaft als Ganzem und dem Individuum, scheint er einreißen zu wollen.

Vorherrschende Meinungen zu hinterfragen ist richtig und wichtig. Auf Missstände hinzuweisen ebenfalls. Dies in literarischer Form zu tun ist allemal besser als mit Pflastersteinen. Aber wenn es Mathieu Riboulet vorrangig um die Anerkennung der Homosexuellen und vor allem ihrer langen Geschichte an Unterdrückung und Verachtung ging, da hat es ein anderer Franzose vor ihm eindrücklicher geschafft, dies ins kollektive Bewusstsein zu rufen. Édouard Louis Roman „En finir avec Eddy Bellegueule“ war für mich sprachlich wie inhaltlich weniger aggressiv gegenüber dem Leser und daher in seiner Wirkung und Aussage stärker.

Shannon McCrimmon – The Summer I Learned to Dive

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Shannon McCrimmon – The Summer I Learned to Dive

Was sind die typischen Versatzstücke von Young Adult Romanen?

  1. die Protagonistin:

– sehr strebsam und intelligent

– sehr hübsch, ohne sich dessen bewusst zu sein

– lebt fernab der Realität und ist sich des Lebens eines Teenagers nicht bewusst

– keinerlei Erfahrung mit Alkohol, Jungs, Sex, Partys etc.

  1. Der Protagonist:

– schüchterner Junge, auf den alle Mädchen stehen, der aber auf „die Eine“ wartet

– makelloser Charakter

– würde nie Alkohol anrühren

– absolut selbstlos gegenüber seiner Familie

  1. die Handlung:

– Protagonistin kommt an fremden Ort, wo Protagonist lebt

– gerät zunächst an die falschen Freunde, Protagonist muss sie retten

– macht erste Erfahrungen im echten Leben, lernt: Alkohol ist böse

– durchlebt Familienkrise, Protagonist steht zu ihr

– Krise war eigentlich nur ein Missverständnis und wird so schnell erfolgreich gemeistert

– am Ende: alles Friede, Freude, Eierkuchen

Prüft man Shannon McCrimmons Roman „The Summer I Learned to Dive“ auf diese Punkte, erhält sie vollen Zuschlag. Die 18-jähige Finn erfährt zufällig von einem lange gehüteten Familiengeheimnis. Sie reist nachts heimlich ab, um ihre unbekannten Großeltern zu besuchen. Dort verliebt sie sich in den wunderbaren Jesse und erlebt im Schnelldurchlauf alles, was Teenager sonst in ein paar Jahren durchmachen. Gegen Ende noch großes Familiendrama, lange Aussprache, alles gut.

Da es ein amerikanischer Roman war noch die üblichen Moralpredigten: Alkohol ist böse, vergib Deinen Liebsten auch wenn sie dich jahrelang belogen haben, kein Sex im Teenagerroman.

Der Roman bietet wenig Überraschungen und ist so locker geschrieben, dass er sich entspannt an einem Nachmittag lesen lässt. Wie er zu 900 3-5 Sterne Bewertungen auf Goodreads kommt, bleibt für mich jedoch schleierhaft. Überbordende Lobeshymnen über das Buch, das so anders ist als all die anderen im Genre (?!?).

Berechtigte Frage: warum liest jemand ein YA Roman, wenn er das Genre offenbar doof findet? Kurz vorm Zubettgehen habe ich gestern einen neuen Roman benötigt und lustlos meinen Kindle nach etwas Leichtem und Sommertauglichen durchblättert. Das Cover war hübsch (und so passend zum Sommer) und wenn ich schon mal angefangen habe, lese ich ein Buch auch fertig, noch dazu wenn es so kurz ist. Fazit: manche Prinzipien sollte man vielleicht über Bord werfen.