Lana Lux – Kukolka

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Lana Lux – Kukolka

Ein Kinderheim in Dnepropetrowsk, Ukraine. Samira und Marina kennen ihre Eltern nicht, auch kein Leben in einer Familie, nur das im Kinderheim kennen sie und immer träumen sie von einem besseren Dasein. Regelmäßig kommen Erwachsene, um sich Kinder auszusuchen, so auch Marina, die die Heimat verlassen und in Deutschland ein neues Leben beginnen darf. Ihrer Freundin zu folgen wird für die nächsten Jahre der sehnlichste Wunsch von Samira bleiben. Sie reißt aus dem Kinderheim aus und wird von Rocky aufgegriffen. Er ist jedoch nicht der freundliche Helfer, als der er zunächst scheint, sondern hat eine ganze Bande von Kindern angestellt, die für ihn klauen und betteln. Trotz aller Widrigkeiten hat Samira eine Ersatzfamilie und mit Dascha und Lydia so etwas wie große Schwestern. Doch die Zeiten ändern sich und mit zunehmendem Alter wird Samira für Männer als Sexobjekt interessant. Dima scheint die Rettung zu sein, er schafft es sogar, Samira nach Deutschland zu bringen, doch der Preis, den sie dafür zahlen muss, ist hoch.

„Kukolka“ – das Püppchen. Das ist die dunkelhaarige Samira zunächst für alle. Das ahnungslose naive Mädchen, das mit seinen 6-7 Jahren alleine davonläuft und den Weg nach Deutschland antritt. Leicht findet sie Menschen, die sich um sie kümmern, doch diese haben immer Hintergedanken und nichts ist umsonst in ihrem Leben. Bei jeder Etappe denkt man, dass es nicht mehr schlimmer kommen kann. Zum Betteln und Stehlen versklavt, verwahrlost und ohne jede Bildung – was sie bei Rocky erlebt ist der böse Alptraum eines unsäglichen Kinderlebens. In einem Haus ohne fließendes Wasser, immer wieder auch mit dem Tod und Gewalt konfrontiert – was sollte das noch überbieten können?

Dima scheint die Hoffnung zu sein. Er ist freundlich, hat eine saubere Wohnung, behandelt Samira gut – doch sein wahres Gesicht zeigt er erst später. Viel zu jung wird Samira missbraucht, verraten, verkauft. Ob all der Grausamkeiten, die das Mädchen ertragen muss, kann man gar nicht glauben, dass ein einziges Menschenleben das aushalten kann. Bei realistischer Betrachtung weiß man jedoch, dass dies auch eine Realität ist, die sich in einer Parallelgesellschaft mitten unter uns abspielt, vor unseren Augen ohne dass wir es sehen.

Lana Lux erspart ihrer Protagonistin und dem Leser nichts. Ein unbändiger Überlebenswille, getrieben von den Gedanken die Freundin wiederzusehen und ebenfalls eine gute deutsche Familie zu finden, hält sie am Leben und lässt sie all das ertragen, was man ihr zufügt. Der Roman ist ganz sicher nichts für feinbesaitete Gemüter, zu schonungslos und direkt schildert die Autorin Gewalttätigkeiten und Missbrauch. Gleichzeitig zeichnet sie das Psychogramm einer starken jungen Frau, die zwar immer wieder droht sich in ihrer Phantasiewelt zu verlieren, einem Schutzwall um das Leben zu ertragen, aber letztlich ihren Weg mutig geht und überlebt. Sie deckt Mechanismen auf, die es Menschen erlauben, sich anderer zu bemächtigen und diese auszunutzen:

„Ich wusste, dass mich das gleiche Schicksal erwartet wie Dascha und Lydia. Ich wusste, dass ich zu niemandem gehöre und nichts wert bin. Dass ich einfach da bin, so wie Kakerlaken. Niemand weiß, wo die ehrkommen. Niemand braucht sie. Sie leben, bis einer sie wegklatscht.“ (Pos. 2480)

Sie glaubt, dass sie schuld am Schicksal von Dascha und Lydia sei und nun ihre gerechte Strafe bekommt. Mit dieser Schuld muss sie leben und die Strafe ertragen, bis sie irgendwann tot ist.

Ein beeindruckender Roman, der einem als Leser nicht kalt lassen kann. Trotz oder gerade wegen einer gewissen Nüchternheit in der Erzählung geht er unter die Haut und setzt sich fest. Für mich eindeutig eins der literarischen Highlights 2017.

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Paolo Cognetti – Acht Berge

Acht Berge von Paolo Cognetti
Paolo Cognetti – Acht Berge

Die Begeisterung seiner Eltern für die Berge bekommt Pietro schon als Junge mit. Als sie sich endlich entschließen, eine eigene Hütte zu kaufen, ist klar, dass er die kommenden Sommer dort verbringen wird. Schnell freundet er sich mit Bruno an, der schon als Kind seine Eltern beim Hüten der Kühe unterstützen muss. Gemeinsam erkunden Bruno und Pietro die Wälder, Wiesen und Berge – eine Leidenschaft, die sie ihr Leben lang teilen werden und die ihr wichtigstes Verbindungsglied sein wird. Als junge Männer trennen sich zwar ihre Lebenswege, nicht jedoch die Freundschaft. Als Erwachsene teilen sie neben der Liebe zu den Bergen auch das Leid, das beide auf unterschiedliche Weise erfahren. Obwohl sie verschiedener kaum sein könnten, ist das Band, das sie als Jungen geknüpft haben, fest und reißt nie.

Man kann in Paolo Cognettis Roman in jeder Zeile seine Leidenschaft für die Walliser Alpen spüren. Ich habe selten einen Roman mit derart intensiven Landschaftsbeschreibungen gelesen, die jedoch niemals langweilen, sondern im Gegenteil durch ihre Poesie und Strahlkraft problemlos die Begeisterung des Autors vermitteln und den Leser buchstäblich miterleben lassen.

Im Zentrum der Handlung stehen Pietro und Bruno. Es ist kein ganz typischer Roman über das Erwachsenwerden. Zwar hat man ganz charakteristische Phasen – die Auseinandersetzung mit den Eltern, ihren Werten und den gewählten Lebenswegen; die beruflichen Überlegungen und Entscheidungen; die erste Liebe und die große Liebe – aber letztlich ist es die Freundschaft, die all dies überdauert und die beiden Jungen und später Männer immer wieder zueinander führt. Gemeinsame Erlebnisse können verbinden und um für einander da zu sein und sich zu unterstützen bedarf es keiner dauernden Präsenz.

Auch wenn der Roman auf der Handlungsebene viele interessante und beachtenswerte Aspekte bietet, sind es letztlich die Landschaftsbeschreibungen, die Erlebnisse in der Natur und die Gewalt selbiger, die bisweilen keine Gnade kennt, die hervorstechen und in Erinnerung bleiben. Manch ein Leser man diese überfliegen, lässt man sich auf sie ein, nimmt das Lesen einen anderen Rhythmus ein, wird langsamer und intensiver.

Juli Zeh – Leere Herzen

Leere Herzen von Juli Zeh
Juli Zeh – Leere Herzen

Terrorismus als buchbare Dienstleistung. Kann es so etwas geben? Natürlich, denn wie „Brücke“, das Projekt von Britta Söldner und ihrem Geschäftspartner Babak beweist, ist dies eine Marktlücke, mit der man sehr viel Geld verdienen kann. Was umfasst das Angebot der beiden? Rekrutierung und Training der Anwärter. Gezielte Auswahl und Überprüfung in einem 12-stufigen Verfahren. Garantierte Dienstleistung mit 100%-iger Erfolgsquote. Davon lässt sich gut leben, auch wenn weder Brittas Mann noch ihre Freunde genau wissen, was sie tut. Expandieren wäre zu gefährlich, den Ball flach halten und nicht auffallen ist die Devise. Doch irgendjemand hat ein Auge auf das erfolgreiche Geschäft mit den Attentaten geworfen und mischt sich ein. Britta und Babak bekommen Angst. Wer ist ihr Gegner, der offenbar nicht nur mächtig, sondern vor allem skrupellos ist?

Juli Zehs aktueller Roman ist eine Art dystopische Gesellschaftskritik. Die Handlung ist in der nahen Zukunft angesiedelt, jedoch in der Post-Merkelschen Ära, wenn eine neue Partei das Ruder übernommen hat und langsam die Demokratie und den Glauben an Europa zerstört. Mehr und mehr werden die Freiheiten der Bürger beschnitten, die dies jedoch als träge Masse hinnehmen und sich in ihrem Wohlstand ausruhen. Das Refugium des Privaten, wo man möglichst wenig Gedanken an die Politik verschwendet, ist das neue Lieblingsziel der Mittelschicht. Gestört wird dieses Idyll nur durch gelegentliche wohl platzierte und kontrollierte Anschläge, die kurz aufpoppen, dank geringer Personen- und Sachschäden jedoch genauso schnell wieder verpuffen.

Auch wenn ich das Grundkonzept mit einer Agentur für Attentäter eine recht innovative Idee finde, bleibt vieles doch so abgehoben unrealistisch, dass es mir nicht authentisch genug erscheint, um mich gänzlich zu überzeugen. Vor allem die Bekämpfung des politischen Systems, an sich spannend und interessant, verliert an Brisanz durch die geringe Konkretheit der politischen Verhältnisse. Das Private der Figuren dominiert so stark, dass man sich nur schemenhaft ein Bild der Gesamtgesellschaft machen kann. Die einzelnen Aspekte sind zu vage, um wirklich eine angreifbare Vorstellung zu schaffen.

Wo das personenübergreifende, gesellschaftliche Ganze zu schemenhaft bleibt, bekommt man einen sehr intensiven Eindruck der Figuren. Diese, allen voran Britta und Janina, sind vielschichtig gezeichnet und wirken lebendig und authentisch. Für mich war Juli Zeh auch vor allem in der Eingangsszene mit dem Abendessen der befreundeten Familien am stärksten, sie ist eine begnadete Erzählerin, der es immer wieder gelingt Atmosphären zu schaffen und den Leser in die Handlung eintauchen zu lassen. Je kritischer die Situation für die Agentur wird, desto höher wird das Tempo und desto passender verlieren die Figuren ihre Selbstsicherheit und Ruhe. Das ist alles sehr stimmig, auch die Spannung steigt kontinuierlich Richtung Ende. Hier wiederum war ich etwas irritiert, so ganz passend und überzeugend war die Lösung für mich nicht. Auch waren mir die Namen eher zu platt – die Söldnerin für das Heer der Attentäter und Babak, der kleine Vater des Supercomputers – hier hätte man kreativer sein können.

Alles in allem daher eine unterhaltsame Geschichte, die zwar erzählerisch gelungen ist, bei der sich aber auch gewisse Schwächen nicht verleugnen lassen.

Jabbour Douaihy – Morgen des Zorns

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Jabbour Douaihy – Morgen des Zorns

Viele Jahre schon war Elija nicht mehr in seiner libanesischen Heimat, 20 Jahre sind vergangen seit ihn seine Mutter wegschickte. Doch nun als Erwachsener will er wissen, was damals geschah, wie sein Vater ums Leben kam und weshalb seine Kindheit so verlief, wie sie war. In dem Dorf erkennt man ihn sofort wieder, doch die Menschen sind verhalten, sie wollen nur ungern über die Ereignisse jener Zeit sprechen, die von einer Blutfehde gekennzeichnet war und Freunde zu Feinden machte, Familien auseinanderriss und Eltern von ihren Kindern trennte. Doch Elija bleibt hartnäckig, er will endlich die Wahrheit erfahren.

Jabbour Douaihy nimmt den Leser mit in eine fremde Welt, die von anderen Gesetzen bestimmt wird als denen, die uns in der westlichen Welt bekannt sind. Massaker waren im Libanon lange Zeit an der Tagesordnung, kaum eine Familie hatte nicht Söhne im blutigen Bürgerkrieg verloren oder in der Libanonkrise der 50er Jahre, auf die der Roman Bezug nimmt. Ein Land mit unzähligen Religionen, Familienclans und Minderheiten, in unmittelbarer Nähe zu den großen Konfliktherden auch unserer Zeit, ein permanentes Pulverfass, das zu explodieren droht.

Was dem Autor unglaublich gut gelingt, ist die Atmosphäre in dem kleinen Dorf einzufangen. Zwar gehört Elija eigentlich zur Bevölkerung, seine lange Abwesenheit lässt jedoch Mauern entstehen, die ihn ausschließen. Er ist keiner mehr von ihnen, genaugenommen war er das nie, denn seine Geburt stand unter keinem guten Stern. Sein Vater war schon nicht mehr am Leben und ob er wirklich der Erzeuger war, wurde schnell infrage gestellt nachdem seine Mutter zuvor 15 Jahre lang kinderlos geblieben war. Auch wenn augenscheinlich inzwischen Friede eingekehrt ist, sind die Verläufe der Grenzlinien doch klar und Misstrauen und Hass noch immer greifbar. Ein Toter auf einer Seite erforderte zwei Opfer auf der anderen, um angemessene Rache zu verüben. Die Rollen von Männern und Frauen waren klar verteilt und jetzt erst versteht Elija, weshalb seine Mutter ihn damals aus dieser Umgebung wegschickte. Nicht weil sie ihn nicht wollte, sondern um ihn zu schützen, vor davor so zu enden wie einst sein Vater.

Malin Persson Giolito – Im Traum kannst du nicht lügen

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Malin Persson Giolito – Im Traum kannst du nicht lügen

Ein Schulmassaker, der schlimmste Albtraum, Stockholm unter Schock. Doch es gibt eine Person, auf die sich der ganze Hass fokussieren kann: Maria Norberg, genannt Maja, 18 Jahre alt, Haupttäterin gemeinsam mit ihrem Freund Sebastian Fagerman, Sohn eines der reichsten Schweden. Zusammen haben sie erst Claes Fagerman getötet, bevor sie in die Schule gefahren sind, um dort Lehrer und Mitschüler umzubringen. Der Fall schein glasklar und einfach. Aber war es wirklich so? Maja sitzt in Isolationshaft im Gefängnis und lässt ihre Gedanken zurückschweifen, sie geht gedanklich nochmal alles durch, von dem Moment an, als sie Sebastian kennenlernte und die ein Paar wurden, bis zu den unheilvollen Monaten vor der Tat und den Abend bevor ihr Leben eine schreckliche Wendung nahm. Sie hat den Tod von mindestens einem Menschen verschuldet, aber hätte sie alles verhindern können? Der Prozess muss Klarheit bringen.

Malin Persson Giolitos Roman wurde in ihrem Heimatland Schweden zum besten Kriminalroman des Jahres 2016 gewählt. Eigentlich ist es kein wirklicher Krimi, schon zu Beginn weiß man, wer die Toten sind und letztlich auch, wer für ihren Tod verantwortlich ist. Für mein Empfinden ist der Roman viel mehr eine psychologische Studie über Familienbeziehungen und Abhängigkeiten. Auf jeden Fall eine emotional schwerwiegende Geschichte, die einem nicht kalt lässt.

Auch wenn der Amoklauf in der Schule das zentrale Element ist, spielt dies für den Roman nur eine untergeordnete Rolle. Es ist das Ergebnis all dessen, was sich zuvor zugetragen hat. Da wir nur Majas Perspektive haben und sie sehr lange nicht zu dem Leser spricht über die unmittelbaren Ereignisse, weiß man auch lange Zeit nicht, ob man ihr trauen kann und wohin ihre Gedanken einem führen werden. Interessant fand ihre fast emotionslose Reaktion auf all das, was geschehen ist. Sie wirkt geradezu ausgelaugt und leer, als wenn sie keine Gefühle mehr haben könnte und teilnahmslos auf ihr Leben und die Vorgänge blicken würde. Erst spät erklärt sich, weshalb sie wirklich in diesem Zustand ist und dass sie durch die Erlebnisse vorher weit über ihre Grenzen hinausgegangen war.

Immer wieder lenkt uns die Autorin auch auf falsche Fährten, plötzlich wird der soziale Hintergrund der Clique relevant; konnte alles nur passieren, weil den Oberschichtenkindern langweilig war und sie schon lange den Bezug zur Realität verloren hatten? Oder will sie auf das Thema Drogen und deren zerstörerische Wirkung hinaus? Womöglich sind es aber doch sogar politisch Motive; weshalb war der syrische Mitschüler nicht akzeptiert und wurde vorgeführt, nur geduldet, weil er intelligent war, aber niemals als Gleicher behandelt? Auf komplexe Vorgänge gibt es keine einfachen Antworten oder simple Erklärungen, das macht die Autorin klar. Das Leben, die Menschen sind vielschichtig und die von außen so naheliegende Deutung greift oftmals zu kurz.

Eine schwierige Thematik, die hinter der Geschichte steckt, die jedoch clever aufgebaut und geschickt entfaltet wird. Ein bemerkenswerter Roman, der unerwartete Tiefe bietet und eine detaillierte Charakterstudie darstellt.

Beka Adamaschwili – Bestseller

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Beka Adamaschwili – Bestseller

Pierre Sonnage ist ein mäßig erfolgreicher Autor. Er weiß, dass um seine Aura zu vergrößern, ein großes Ereignis erforderlich ist. Suizid erscheint ihm eine passable Lösung und der 33. Geburtstag ein passender Termin. Nach reiflicher Überlegung, welche Art des Selbstmords die erstrebte Wirkung erzielen könnte, beschließt er, sich in Dubai von einem Hochhaus zu stürzen. Als er wieder zu sich kommt, ist er jedoch weder gerettet in einem Krankenhaus noch im Himmel, sondern direkt in der Literaturhölle gelandet. Dort wird jeder gemäß seiner literarischen Sünden bestraft, d.h. er wird dieselben Qualen erleben müssen, die er auch seinen Lesern zufügte. Doch immerhin ist er in bester Gesellschaft: Camus, Beckett, Saint-Exupéry, Hemingway, Poe, Conan Doyle – you name it. Pierres erste Aufgabe ist das Lösen einen Rätsels, das jedoch deutlich kniffliger gestaltet ist, als zunächst geahnt. Aber die illustre Runde der Literaturhölle kann ihm sicher hilfreich zur Seite stehen.

Beka Adamaschwili hat einen unglaublich unterhaltsamen Roman geschrieben, der Kennern der klassischen Literatur eine große Freude bereitet. Nicht nur das Auftreten unzähliger Größen der Schriftstellerwelt ist per se schon spannend, vor allem lebt das Buch durch die kleinen Anspielungen, die der Autor en passant einzufügen weiß, bspw. wenn er Camus‘ illustre Vereinigung vorstellt:

In den Club traten Schriftsteller ein, die sich im Stillen, von der Welt unbeachtet, umgebracht hatten und deren Selbstmord als natürlicher Tod eingestuft worden war. Vorsitzender war Albert Camus. Er hasste es wie die Pest, wenn sich Fremde im Club sehen ließen.

Bisweilen gibt es auch deutlich weniger subtile Anspielungen, wie etwa das Wettbüro „MacBet“, das von keinem geringeren als William Shakespeare persönlich geleitet wird.

Zur Unterhaltung gibt es in dieser Hölle einen einzigen Fernsehsender: BBC – Big Brother’s Channel, dessen erfolgreichste Show nach folgendem Schema abläuft:

Jeder konnte sich einen Schriftsteller aussuchen, den er überwachen wollte, und im Fernseher liefen dann automatisch Ausschnitte aus dessen Leben. Anders ausgedrückt war es der erste Fernsehsender überhaupt, der seinen Zuschauern selbst zuschaute und gegebenenfalls die Zuschauer wiederum anderen Zuschauern zeigte.

Pierre arbeitet sich gemeinsam mit Arthur Conan Doyle durch sein Rätsel und die Handlung, wird dabei jedoch auch immer vom Autor begleitet, der kontinuierlich nebenbei mit Einschüben kommentiert:

Hier entschuldigt sich der Autor für den Gebrauch eines so sinnlosen Phraseologismus wie »er hatte einen Geistesblitz«, rechtfertigt dies aber damit, dass Pierre das für die Fortsetzung der Geschichte benötigte Passwort partout nicht ohne Hilfe herausfinden sollte. Auch standen dem Autor nicht genug Zeilen zur Verfügung.

Dem Autor selbst unterlaufen gelegentlich jedoch auch böse Fehler:

»Woher kommt denn das Telefon?«, fragte Claude verwundert. »Ich hatte noch nie eins …«

[Hier schlägt sich der Autor an die Stirn, und ihm fällt ein, dass er vergessen hat, das vor Kurzem ausgedachte Telefon wieder wegzudenken, deshalb verlässt er, von seinem unverantwortlichen Verhalten beschämt, schnellstens das Zimmer und lässt im Herausgehen noch die Gardine herunter – für alle Fälle.]

Neben der Handlung rund im Pierre Sonnage in der Hölle findet sich jedoch noch eine weitere einer gewissen Lucy, mit der Pierre einst noch lebendig korrespondierte und die nun die beiden Realitäten langsam vermischt.

Ein Roman mit mehreren Ebenen, viel Wortwitz und cleveren Anspielungen – ein herrliches Spiel mit Literatur, um Literatur und über Literatur. Alles nicht ganz ernst zu nehmen und dadurch ein amüsantes Zwischenspiel, das einem in der Masse der Neuerscheinungen leicht durchgehen könnte.

François-Henri Désérable – Un certain M. Piekielny

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F.-H- Désérable – Un certain M. Piekielny

François-Henri Désérable begibt sich auf Spurensuche. Anlass ist ein gewisser Herr Piekelny, der in Hausnummer 16, der Grande-Pohulanka in Vilnius gelebt haben soll als dort auch ein gewisser Roman Kacew, später Romain Gary, wohnte. In seinen Bemühungen etwas über diesen Mann herauszufinden wälzt er unzählige Archive und durchforstet auch das Werk Garys, fährt wiederholt nach Vilnius und an die anderen Lebensorte Garys. Doch irgendwie scheint der Mann ein Phantom zu sein oder er ist schlichtweg einer der unzähligen Juden, die im Ghetto während des Zweiten Weltkrieges den Tod gefunden haben. Womöglich hat er aber auch nie existiert, sondern bleibt eine Erfindung von Romain Gary alias Roman Kacew alias Émile Ajar alias Fosco Sinibaldi etc. etc. etc.

„Un certain M. Piekielny“, der dritte Roman von François-Henri Désérable ist literarisch schwer zu fassen. In einer Weise ist es eine Art Biographie Romain Garys, und auch jede des ominösen Herr Piekielny. Zugleich ist es die Lebensgeschichte des Autors selbst, der eigentlich eine Karriere als Eishockeyspieler geplant hatte und darin auch recht erfolgreich war. Und es ist die Geschichte der litauischen Juden, des Landes zwischen Nazireich und Sowjetunion. Nicht zuletzt auch die große Frage, was ist Realität, was ist Literatur und inwieweit erfinden wir unsere Realität. Es verwundert nicht, dass der Roman daher den sogenannten „Grand Chelem“ 2017 macht, d.h. er ist für alle sechs großen französischen Literaturpreise nominiert: Prix Renaudot, Prix Goncourt, Prix Médicis, Prix Femina, Prix Interallié und Grand Prix du roman de l’Académie Française.

Der Roman entbehrt nicht einer gewissen Situationskomik, die Désérable in wahrlich unterhaltsamer Weise umzusetzen vermag. Sein erster Aufenthalt in Vilnius, bei dem eine Katastrophe die nächste jagt, ist voller Selbstironie und trockener Schicksalsergebenheit ob der chaotischen Umstände. Das allein lässt den Roman schon all die Beachtung verdienen, die man ihm im Literaturbetrieb schenkt. Viel interessanter wird das Buch jedoch bei den Überlegungen dazu, wie das Leben Piekielnys und auch Garys hätte sein können, was sie womöglich zugetragen hat. Désérable legt ihnen Wörter in den Mund, die vermutlich nie so gesprochen wurden – aber sie hätten so gesagt werden können. Die Vermischung von Wahrheit und Fiktion gelingt ihm auf ganz selbstverständliche Weise als wäre dies das Normalste überhaupt. Genau so war auch Gary der Schöpfer von Figuren und von Menschen – unvergessen das Drama um den doppelt erhalten Prix Goncourt – laut Statuten unmöglich. Es bleibt am Ende zu sagen:

Voilà, dis-je, on est réduit à le croire, ou non. Il se peut qu’il l’ait fait, mais il ne se peut aussi qu’il ait inventé cette histoire. (Pos. 1936)

Désérable müht sich selbst um die Beantwortung der Frage, was real ist und was fiktiv und was man als Schriftsteller darf oder nicht. Sind Lügen nicht auch nur subjektive Varianten der Realität? Wer hat das Recht, darüber zu bestimmen, was die wirkliche Wahrheit und Realität ist? Im Falle des M. Piekielny, den es gab oder auch nicht, ist es vielleicht auch alles ganz anders. Womöglich ist er einfach ein Symbol für all die Juden, die in Vilnius unter der Schreckensherrschaft ums Leben kamen. Und dann ist es letztlich auch egal, ob die Details sich auf diese oder jene Weise zugetragen haben.

Ein in jeder Hinsicht beachtenswerter und außergewöhnlicher Roman, von dem man sich nur wünschen kann, dass er dem deutschen Publikum auch zugänglich gemacht wird.

Mitja Vachedin – Engel sprechen Russisch

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Mitja Vachedin – Engel sprechen Russisch

Mit Anfang 30 fragt sich Mitja Vachedin, wer er eigentlich ist. Am besten passt die Metapher der Zahnpasta, die aus drei Schichten besteht, so ist nämlich auch er: eine Schicht russischer Kommunismus der 80er Jahre. Eine Schicht russischer Kapitalismus nach dem Zusammenbruch und dann noch einmal 10 Jahre in Deutschland. Diese Erfahrungen haben ihn zu dem Mann gemacht, der er heute ist. Er lässt sein noch kurzes Leben episodenhaft Revue passieren: Die Kindheit, die aus endlos langen Sommern am See und der Datscha bestanden. Die Jugendjahre im chaotischen Leningrad, das plötzlich St. Petersburg hieß und wo alle versuchten, schnell Geld zu machen. Seine Zeit in Deutschland, zunächst umgeben von unzähligen Russen, die alle im Westen das Glück suchten und dann das Studium, das aber wiederum in ein Nichts führt.

Die Grundidee von Mitja Vachedins Buch ist nicht wirklich neu. Zahlreiche (auch anekdotische) Romane über russische Spätaussiedler sind in den letzten Jahren erschienen, am bekanntesten dürfte wohl Wladimir Kaminer sein, der inzwischen unzählige Bücher veröffentlicht hat, aber auch Alexandra Friedmanns „Besserland“ oder Sasha Marianna Salzmanns „Außer sich“ nehmen diese Thematik auf. Was macht Mitja Vachedins Geschichte dann lesenswert?

Für mich waren seine Episoden deutlich nachdenklicher und weniger auf den humorigen Aspekt abzielend als vergleichbare Romane. Auch wenn das Leben in Russland vielerlei Entbehrungen erforderte, dies kommt sehr klar raus, wird es aber nicht als negativ empfunden, auch dort konnte ein Kind oder Jugendlicher Spaß haben und ganz normal wie auch im Westen mit den Freunden die Sommer verbringen und sich ausprobieren. Auch die Ankunft in Deutschland ist nicht so sehr von den negativen Erlebnissen geprägt, was jedoch auch bei Vachedin zwischen den Zeilen herauskommt, ist der lange Zeit fehlende Kontakt tatsächlich zu Deutschen. Die ausgewanderten Russen oder Russlanddeutschen bleiben weitgehend unter sich und bilden eine ganz eigene Kultur heraus.

Vieles ist heiter und lädt zum Lachen ein ob der Absurdität, an vielen Stellen wird man jedoch auch nachdenklich, vor allem stellte sich für mich die Frage, inwieweit diese zerrissene Identität ursächlich für die wenig zielgerichtete berufliche Planung ist. Ein abgeschlossenes Studium und dann im Supermarkt Regale einräumen?

Mitja Vachedin erzählt keine außergewöhnliche Geschichte, kein besonderes Leben, das sich von allen anderen abhebt. Und darin liegt seine Stärke: er findet das Interessante im Alltag, die banalen Situationen können entscheidend werden und sind es auch wert, dass man ihnen Aufmerksamkeit schenkt. Vor allem gelingt es ihm, Stimmungen und Atmosphären zu transportieren, man kann seinen Figuren nachempfinden, wie es ihnen ergangen ist. Er hat das Buch seiner Familie gewidmet, diese ist das Band, das auch die Episoden zusammenhält und zu einem Ganzen werden lässt.

Ein Dank geht an das Bloggerportal für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zu Titel und Autor finden sich auf der Seite des Random House Verlags.

Jean-Luc Seigle – Ich schreibe Ihnen im Dunkeln

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Jean-Luc-Seigle – Ich schreibe Ihnen im Dunkeln

Pauline Dubuisson, einer der bekanntesten Kriminalfälle im Frankreich der 1950er Jahre. Jeder kennt ihre Geschichte, denn sie wurde unter dem Titel „La Vérité“ von Henri-Georges Clouzot mit Brigitte Bardot in der Hauptrolle verfilmt. Doch ist das wirklich die Geschichte der Pauline Dubuisson? Jean-Luc Seigle hat sich des Stoffes noch einmal angenommen und lässt Pauline nun selbst erzählen. Das Mädchen, in das die Eltern so hohe Erwartungen setzten, da sie überdurchschnittlich intelligent war und das Medizinstudium immer vor Augen hatte. Nach dem Tod ihrer älteren beiden Brüder im Zweiten Weltkrieg zieht sich die Mutter immer mehr zurück. Die Not ist groß im besetzten Frankreich und Paulines Vater, den sie abgöttisch verehrt und dessen Aufmerksamkeit alles für sie bedeutet, kann für das Mädchen eine Stelle als Krankenschwester bei einem deutschen Arzt finden, was der Familie Zugang zu Lebensmitteln verschafft. Nach dem Krieg fällt das Urteil hart über das Mädchen aus. Eine Deutschenhure wurde sie genannt, mehrfach vergewaltigt als Strafe dafür, dass sie mit dem Feind kollaboriert hat, und letztlich zum Tode verurteilt. Doch dieses Urteil wurde jedoch nicht vollstreckt. Hart kämpft sie sich zurück ins Leben und lernt im Studium zum ersten Mal die richtige Liebe kennen. Doch sie möchte nicht, dass ihre Vergangenheit zwischen ihnen steht und offenbart sich ihrem zukünftigen Mann. Dessen Ablehnung und Demütigung kann sie nicht ertragen. Sie will sich das Leben nehmen, doch ihre letzte Begegnung verläuft anders als geplant und am Ende ist sie eine Mörderin.

Es ist unglaublich wie sehr sich Seigle in diese Figur eindenken konnte und wie glaubwürdig dieser Bericht erscheint. Er ist fiktiv, nur die Eckdaten sind belegt, und dennoch kann man sich nur vorstellen, dass dies die Gedanken und Gefühle waren, die Pauline durch den Kopf gingen, sondern entwickelt auch ein gänzlich anderes Bild der Frau als das, das in der Öffentlichkeit von ihr gezeichnet wurde. Vor allem durch die Verfilmung wurde die Vorstellung von ihr geprägt und das, wo weder sie noch ihr Umfeld daran mitgearbeitet haben. Seigle fasst dies so zusammen:

„Ein Drehbuch über meine Geschichte kam mir umso unwahrscheinlicher vor, als ich bisher überhaupt nichts von der Wahrheit gesagt hatte, nicht einmal bei meinem Prozess; niemand außer mir wusste, was in der Nacht des Verbrechens vorgegangen war.“

Symptomatisch für ihr Leben wird folgender Satz:

„Ich glaube, man kann nur daran sterben, dass man nicht mehr geliebt wird. Und das bedeutet nicht, aus Liebe zu sterben, sondern eher das Gegenteil.“

Als Kind und Jugendliche liebt sie ihren Vater und befolgt seine Befehle unhinterfragt, was ihr zum Verhängnis wird. Als Erwachsene wird sie wiederum von zwei Männern, die sie liebt, zurückgewiesen und als Konsequenz wünscht sie sich den Tod. Nur dieser kann sie erretten. Mehrfach misslingen ihre Suizide, Pauline ist zum Leben verdammt scheint es:

„am Tag vor der Eröffnung meines Prozesses, als ich zum dritten Mal versucht habe, mir das Leben zu nehmen. Alle sagten, ich sei abermals «gerettet» worden, während ich dachte, ich sei abermals am Sterben «gehindert» worden.“

Besonders bestürzend waren die Lynchjustiz und Racheakte der vorgeblichen Résistance. Erbarmungslos schildert der Autor, was man dem jungen Mädchen antut. Die Zeilen sind drastisch, kaum zu ertragen vor Brutalität und man fragt sich, ob der Krieg wirklich alles Menschliche in der Bevölkerung ausgelöscht hat und dass sie vorgefertigte Wahrheiten der tatsächlichen Realität vorziehen. Vieles im Leben von Pauline ist durch die Umstände und vor allem den Krieg bestimmt. Ihr Leben wäre ein gänzlich anderes gewesen, wäre sie in anderen Zeiten großgeworden. Aber so funktioniert nun einmal das Schicksal, es sind die Umstände, die die Menschen zu dem werden lassen, was sie letztlich sind. Und es sind die Worte, die wir gebrauchen, um sie zu beschreiben, die sie zu dem werden lassen, was wir in ihnen sehen wollen. Doch manchmal ist auch die Sprache nicht ausreichend:

„Die Vorsätzlichkeit qualifiziert das Verbrechen als Mord, als assassinat. Doch das Substantiv assassine, mit dem eine Frau zu bezeichnen wäre, die vorsätzlich gemordet hat, existiert in der französischen Sprache nicht; die Form ist nur als Adjektiv gebräuchlich. Maître Floriot und die anderen arrangierten sich mit dieser Unzulänglichkeit des Französischen.“

Aber man findet Wege, sich zu arrangieren.

Ein beeindruckend und nachhaltig wirkendes Buch über eine Frau, die so viel Hoffnung hatte und die in ihrem Leben einfach kein Glück finden konnte. Wie es wirklich war, wird sich nie herausfinden lassen. Ihr Abschiedsbrief, in dem sie sich offenbar erklärte, ist verschollen und so bleiben nur die Prozessakten, ein Film und das, was wir uns über sie zusammenreimen. Aber das ist nicht wichtig, Jen-Luc Seigle hat ihr eine Stimme gegeben, endlich ihre Version der Wahrheit zu erzählen.

Interessanterweise habe ich gestern ein Feature über „Erfundene Wahrheiten“ in der Fiktion gehört. Es scheint seit einiger Zeit einen Trend auf dem Buchmarkt zu geben, dass sich Bücher, die auf realen Begebenheit beruhen, besonders gut verkaufen. Welche Gefahren darin liegen, wird dabei sehr schön auch aufgezeigt. Letztlich ist aber doch Realität eine Konstruktion, die sich jeder selbst macht. Wir kreieren unsere Welt und darin ist glücklicherweise auch Platz für lesenswerte Geschichten.

Sonja Heiss – Rimini

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Sonja Heiss – Rimini

Eine ganz normale Familie. Barbara und Alexander, seit über 40 Jahren verheiratet, eine Ehe nach klassischem Muster. Ihr Sohn Hans erfolgreicher Anwalt und ebenfalls mit Vorzeigefamilie gesegnet, Gattin Ellen plus zwei Kinder, nur Tochter Masha scheint das mit der Familie nicht ganz so hinzubekommen, dabei ist sie auch schon fast 40. Doch hinter der schönen Fassade knirscht es. Barbara und Alexander haben sich schon lange nichts mehr zu sagen und ihre Interessen könnten kaum weiter auseinander liegen. Auch Hans unterhält sich mehr mit seiner Analytikerin als mit Ellen, als er dann glaubt sich in erstere verliebt zu haben, werden nicht mehr nur seine Obsessionen zum Problem. Und Probleme hat er eigentlich schon genug in der Kanzlei. Auch Masha ist frustriert. Sie wünscht sich ein Kind, aber ist ihr Partner Georg der Richtige? Oder doch ein anderer? Aber wo soll der so schnell herkommen?

Sonja Heiss‘ Roman sprüht nur so vor Witz und Situationskomik zu Beginn. Das unsägliche Weihnachtsfest – das vermutlich jeder in ähnlicher Weise schon erlebt hat – wird zu einem Krampf für alle Beteiligten und nicht nur Ellen hat Kopfschmerzen, nachdem Hans ihr in nächtlicher Verbrecherjagd ordentlich eins übergebraten hatte. Man muss schon an sich halten nicht laut loszulachen. Doch eigentlich ist es nicht komisch, sondern eher tragisch, wie die Menschen miteinander umgehen und sich kaum mehr ertragen können.

Fast verhält es sich wie im richtigen Leben. Je besser man die Figuren kennenlernt, desto mehr blickt man hinter das Bild der perfekten Familien. Aus feinen Rissen werden unüberbrückbare Spalte. Und es gibt Geheimnisse, die alle in der Familie mit sich rumtragen und nicht teilen. Dort, wo man sie am wenigsten erwartet, sind sie am schwerwiegendsten. Die Figuren vertrauen sich dem Leser an, denn er ist der einzige, der wirklich zuhört. Miteinander sprechen sie kaum und wenn, dann nur oberflächliches Alltagsgedöns. Sie nehmen einander auch kaum mehr wahr und sehen nicht, wie die engsten Familienmitglieder langsam immer weiter abbauen.

Der Roman hat etwas von einer Realsatire. Vieles, was Sonja Heiss schildert, wird so genau so in vielen Familien landauf, landab so zutragen. Nichtsdestotrotz ist die Häufung an Tragik in einer einzelnen Familie schon grenzwertig hoch, passt aber zu den Figuren und stört das Gesamtbild nicht. Man fühlt mit ihnen, hat Mitleid, verabscheut sie dann wieder für ihr egoistisches Verhalten – nein, diese Armins lassen einem nicht kalt und genau das erwarte ich von einem guten Roman. Er soll mich mitreißen und einspannen und nicht einfach an mir vorbeigehen. Das ist der Autorin auf jeden Fall geglückt und an so mancher Stell hält man doch inne, um zu reflektieren, was da gerade im Buch und bei einem selbst vorgeht.