Marco Balzano – Ich bleibe hier

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Marco Balzano – Ich bleibe hier

Wer kennt sie nicht, die berühmte versunkene Kirche im See in Südtirol. Doch was heute so idyllisch erscheint, hat einen ernsten Hintergrund, den Marco Balzano in seinem Roman „Ich bleibe hier“ nacherzählt. In den 1930er Jahren gehört das deutschsprachige Südtirol bereits zu Italien, wo die Bewohner Bürger zweiter Klasse sind und nun soll auch noch ein Staudamm gebaut werden, der das Dörfchen Graun überfluten und auslöschen wird. Die Bauern sind verärgert, aber nicht nur das belastet sie. Der aufkommende Faschismus in Italien drängt ihre Sprache immer weiter zurück und Trina und ihre Freundinnen können nur im Untergrund heimlich auf Deutsch unterrichten. Im Norden erstarken derweil die Nationalsozialisten, können sie eine Hilfe gegen den Druck aus dem Süden sein? Welcher Seite wollen sie sich zuschlagen, wer wird den Ort retten, an dem ihre Familien schon seit Jahrhunderten von Land- und Viehwirtschaft leben? Oder sollen sie doch gleich ganz woanders hingehen? Der Krieg nimmt ihnen die Entscheidung ab, aber das letzte Wort um den Stausee ist noch nicht gesprochen.

Die Protagonistin und Erzählerin Trina ist zu Beginn der Erzählung ein lebensfrohes junges Mädchen, die sich gemeinsam mit ihren Freundinnen Barbara und Maja aufs Unterrichten freut. Doch schnell zerstört die politische Lage ihre Träume. Auch die kommenden Jahre werden für die Frau nicht einfach, insbesondere die Kriegsjahre fordern ihr alles ab. Dinge, die sie sich nie hätte vorstellen können, muss sie tun, um zu überleben. Am Ende ihres Lebens blickt sie zurück, traurig, aber nicht bitter, durchaus mögliche alternative Wege, die sie hätte gehen können, sehend, aber ob diese ihr Leben wirklich glücklicher hätten verlaufen lassen?

Der italienische Autor verknüpft so die fiktive Geschichte einer Frau mit der einer zwischen Landesgrenzen zerriebenen Region. Das bauliche Großereignis ist eine Belastungsprobe für das Dorf, aber ebenso die Frage, ob sie Mussolini oder Hitler folgen wollen oder ob es doch noch einen Ausweg irgendwo dazwischen geben könnte. Man weiß, wie die Geschichte ausgeht, das Resultat lässt sich im Italienurlaub bestaunen, der Preis jedoch, denn die Menschen vor Ort gezahlt haben, den sieht man heute nicht mehr, wenn man schöne Erinnerungsfotos knipst.

Der Roman wird von einer melancholischen Grundstimmung getragen. Balzano setzt die einfache und bescheidene Lebensweise der Bauern sprachlich ebenso reduziert ohne hochtrabende Metaphern um und spiegelt so die Lebenseinstellung überzeugend wider.

Rebecca Makkai – Die Optimisten

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Rebecca Makkai – Die Optimisten

„Sie hatte so viele Schuldgefühle, wenn sie an ihre Freunde zurückdachte – sie wünschte, sie hätte einige von ihnen überredet, sich früher testen zu lassen, wünschte, sie könnte die Zeit zurückdrehen (…)“

 2015, Fiona sucht nach ihrer Tochter, schon seit Jahren hatte sie keinen Kontakt mehr zu ihr, jetzt gibt es Hinweise darauf, dass sie sich in Paris aufhalten könnte. Während der Suche quartiert sie sich bei ihren alten Freunden ein, die sie schon in den 80er Jahren kannte, als es in Chicago eine Gruppe von jungen Künstlern gab, vorwiegend Männer und schwul, die nicht nur die Liebe zur Kunst teilten, sondern auch die Angst vor dem noch unbekannten, todbringenden Virus, der nach und nach den Kreis der Freunde dezimierte, unter anderem auch Fionas Bruder Nico und ihren guten Freund Yale. Zwischen Erinnerungen an die damalige Zeit und der Nachforschungen nach Claire muss sich Fiona der Frage stellen, was sie in ihrem Leben richtig und falsch gemacht hat und vor allem, wie sie die Verbindung zu ihrer eigenen Tochter verlieren konnte.

Rebecca Makkais dritter Roman gehörte 2018 zu einem der erfolgreichsten Bücher des Jahres und war unter anderem Finalist für den Pulitzer Prize in der Kategorie Fiction. Es ist eine berauschende Geschichte, die voller Leben und voller Leben in Angst vor dem Tod ist. Viele Figuren existieren nur noch in der Erinnerung und gleichzeitig fällt es jenen, die zeitgleich leben schwer, zueinander zu finden. Auf mehreren Ebenen angesiedelt – 2015 sucht Fiona nach ihrer Tochter in Paris, 1985 lebt die Kunst-Clique in Chicago, Nora erinnert sich an die Zeit der 1920er in Paris im Kreis der großen Maler und Autoren – zeigen sich wiederkehrende Verhaltensweisen und das Leben in Angst wird gespiegelt. Das verbindende Element ist fraglos die Kunst, denn diese überdauert und kann gestern wie heute Emotionen auslösen, Momente konservieren und vergessene Episoden wieder aus den Tiefen des Gedächtnisses hervorbringen.

Sowohl die Nachwehen des 1. Weltkrieges wie auch die Anschläge auf das Bataclan 2015 sind nur die Leinwand, auf der die Handlung und das Lebensgefühl gezeichnet werden. Sie verschwinden unter dem Leben der Figuren, verblassen und bilden nur mehr einen Schatten. Ganz anders sieht die Bedrohung durch das noch unbekannte und damit unkontrollierbare AIDS Virus der 1980er Jahre aus.  Dieses lässt sich nicht verdrängen oder übermalen, geradezu übermächtig bestimmt es immer wieder die Gedankenwelt der Figuren und lässt sich nur kurz vergessen, um zu leben.

Eine ausdrucksstarke Erzählung, die mich stark an Donna Tartt oder auch Paul Auster erinnert. „Die Optimisten“ steht durch und durch in der Tradition der Great American Novel, denn Makkai fängt überzeugend den Geist und das Lebensgefühl der 80er Jahre Kunstszene ein. Zwischen einerseits großer Begeisterung für die Malerei oder auch Fotografie und Film und andererseits der lähmenden Angst vor der unheilbaren Immunschwäche, liefern sich Leben und Sterben einen Wettkampf, der jedoch das irdische Dasein überdauert und sowohl in den Werken, der Erinnerung wie auch in den Nachkommen letztlich fortbesteht.

Vielschichtig und komplex, dabei wunderbar erzählt – ein Buch, das tief bewegt.

Matthias Politycki – Das kann uns keiner nehmen

Matthias Politycki das kann uns keiner nehmen
Matthias Politycki – Das kann uns keiner nehmen

Endlich hat er das vollendet, was er 25 Jahre zuvor begonnen hat: Hans, zurückhaltender Hamburger, steht vor dem Kilimandscharo. Doch die Reise, die zu einem Abschluss mit seiner Vergangenheit gedacht war, wird schon beim Aufbruch empfindlich gestört als er auf dem urbayerischen Tscharli trifft, der mit seinem lauten und losen Mundwerk das genaue Gegenteil von Hans verkörpert. Nicht nur die Art, sondern auch das, was er von sich gibt, stoßen Hans sofort ab. Die Naturgewalten jedoch zwingen die beiden zusammen und im Laufe der folgenden Tage lernt Hans seinen Weggefährten nicht nur besser kennen, sondern muss auch sein anfängliches Urteil revidieren.

Matthias Politycki hat in seinem Roman eine Reihe von eigenen Erfahrungen verarbeitet, ohne die vermutlich die Intensität der Erfahrungen nie so überzeugend beim Leser ankommen könnte. Es ist eine Mischung aus Reisereportage, humorvoller Erzählung und philosophischem Sinnieren über das Dasein und die Lage der Welt geworden, die jedoch für mich auch einige großen Hürden aufbot. Erzählerisch und dramaturgisch ist der Roman überzeigend gestaltet, leider fand ich den Ich-Erzähler wie auch die Figur des Tscharli ganz furchtbar und unerträglich, was das Durchhalten bis zum Ende einer Bergbesteigung ähnlich machte.

Nein, mit diesem Tscharlie konnte ich mich nicht anfreunden. Nicht nur seine pauschalisierenden und immer knapp am guten Geschmack vorbeigehenden Parolen waren eine Herausforderung, auch auf die detaillierte Schilderung seines Durchfalls hätte ich gerne verzichtet. Auch wenn er sich gegen Ende als Linker outet und jeden Rassismus von sich weist – das Denken in Dimensionen von DIE Afrikaner und DIE Europäer ist mir zu undifferenziert und platt gewesen. Sein Charakter mag komplexer sein als dies zunächst scheint, sympathisch wurde er jedoch nie.

Hans hat mich mit seiner weinerlich-passiven Art ebenso genervt. Hierzu passt hervorragend, dass er eigentlich eine tolle und interessante Geschichte zu erzählen hat – nämlich die Begründung, was er noch abschließen muss und weshalb die Besteigung des Kilimandscharo für ihn so essentiell wichtig ist – doch diese kommt erst ganz am Ende (zum Glück habe ich durchgehalten!) und wird dann leider mehr pflichtbewusst runtergeleiert. DAS wäre die Geschichte gewesen, die ich gerne gelesen hätte, die spannend und emotional war, aber durch die knappe Präsentation der Fakten leider auch nicht mehr viel retten konnte.

Es steckt viel in diesem Buch, wenn das Lesen jedoch zu einem Marathon wird, bei dem man sich mit Durchhalteparolen selbst anfeuern muss, hat irgendwas nicht funktioniert.

Paulina Czienskowski – Taubenleben

Paulina Czienskowski Taubenleben
Paulina Czienskowski – Taubenleben

Ein kleiner Fehler, der vielleicht böse Folgen hat, aber bis sie die Ergebnisse des Aids Tests hat, muss Lois warten. In den Tagen bis zur Entscheidung über Zukunft oder Ende, setzt sich die junge Frau mit ihrer Vergangenheit auseinander – ihrem Vater, der früh gestorben ist, sie kehrt zurück in das Hochhaus ihrer Kindheit und besucht ihre Mutter, die immer distanziert und kalt war und denkt an ihre Kindheitsfreunde Mirabel und Heinrich, mit denen sie durch gute und schlechte Zeiten ging. Sie fragt sich, ob das Leben, wie sie es führt, überhaupt einen Sinn hat und wenn ja, welchen?

Paulina Czienskowski schildert das Lebensgefühl einer neuen Lost Generation, die in Wohlstand und mit vermeintlich glorreicher Zukunft aufwuchs und sich, gerade im Erwachsenenalter, plötzlich in fragilen Beziehungen wiederfindet oder von einem One-Night-Stand zu nächsten wandernd, und sich voller Ängste und Hoffnungslosigkeit der Versprechungen für ihr Leben beraubt sieht. Die Sinnsuche wird entweder durch oberflächliche Internetwelten oder der Betäubung durch Drogen aller Art ersetzt oder führt sie geradewegs in eine manifeste Depression und Suizidgedanken.

„Und jetzt bin ich nicht tot und habe mich trotzdem umgebracht.“

Lois wandelt durch ihr Leben ohne sich lebendig zu fühlen. Nicht nur der fehlende Partner reißt ein Loch, vor allen die Ziel- und Bedeutungslosigkeit ihres Daseins lässt sie so sehr zweifeln, dass die Option selbiges zu beenden zur realen Möglichkeit wird. Wie eine Taube, die in den Verkehr gerät und getötet wird, deren Dasein aber keine Spuren hinterlässt und die nicht vermisst wird, fürchtet sie, könnte auch ihr Leben enden. Wozu war es dann gut?

„Früher sagte mir meine Mutter oft, ich sei tatsächlich besonders. Nicht, weil ich so einzigartig wäre für sie. Sie fand mich bloß besonders merkwürdig.“

Das Verhältnis zu ihrer Mutter scheint schwierig, abweisend und desinteressiert an ihrer Tochter erlebt man sie. Es fehlen beiden die passenden Kommunikationsmittel, zu verschiedenen scheinen die beiden Frauen auch, um eine gemeinsame Ebene zu finden. Je mehr Lois jedoch über den Tod ihres Vaters erfährt, desto nachvollziehbarere wird auch die Haltung und der Gemütszustand der Mutter, deren Leben ebenfalls nicht hielt, was sie sich von ihm versprochen hatte.

Es gelingt der Autorin, den emotionalen Ausnahmezustand der Protagonistin nachvollziehbar zu gestalten, leider fällt es jedoch schwer, diese sympathisch zu finden. Passiv erwartet sie, dass das Leben zu ihr kommt und alles vor ihr ausbreitet, einen eigenen Beitrag zum Gelingen scheint sie nicht bereit zu leisten und Verantwortung für das eigene Dasein übernimmt sie nicht. Zu schön hat sie es sich auch in ihrer Depri-Ecke eingerichtet, von der aus sie die Schuld auf andere verteilt. Beziehungsfähig kann man in dieser extrem Ich-bezogenen Haltung kaum werden und so muss jede Verbindung zu einem anderen Menschen zwangsweise scheitern.

Sollte der Roman als Anklage dieser Erwartungshaltung gedacht sein, dann überzeugt er – ob dies jedoch bei der Zielgruppe gelingt, darf bezweifelt werden – wollte Czienskowski für Verständnis werben, hat sie dies zumindest bei mir nicht geschafft.

Marko Dinić – Die guten Tage

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Marko Dinić – Die guten Tage

Wien-Belgrad. Die Gastarbeiterstrecke, die täglich mehrfach von auseinanderfallenden Bussen bedient wird. Hier verkehrt auch der Erzähler, der nach zehn Jahren Abwesenheit zurück in seine Heimatstadt muss, da seine Großmutter gestorben ist und mit ihr der Ehering begraben werden soll, den er vor vielen Jahren von ihr erhalten hatte. Die unwirkliche Szenerie im Bus, zwischen grölenden Arbeitern und Grenzkontrollen lenkt nur bedingt von dem ab, was plötzlich an Erinnerungen in ihm hochkommt. Die Schulzeit. Der Krieg. Aber auch die Verachtung der Eltern, ihr kleinbürgerliches Leben und die Verehrung der Verbrecher. Er will nicht zurück und wird doch angezogen von dieser Stadt, die der Legende nach 43 Mal niedergebrannt wurde. Was wird ihn dort erwarten? Und was wird die Stadt mit ihm machen?

Marko Dinić‘ Roman über die Zerrissenheit der traumatisierten jugoslawischen Kinder der 90er ist nominiert auf der Shortlist Debüt 2019 des Österreichischen Buchpreises. Thematisch streift er eine ähnliche Problematik wie Ivna Žic, die mit „Die Nachkommende“ auf der Longlist des Preises steht und ebenfalls über die schwierige Rückkehr in das Heimatland schreibt, das früher mal Jugoslawien hieß, oder auch Saša Stanišić, der in „Herkunft“ nach seinen Wurzeln sucht und dafür auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises 2019 steht. Eine Generation, die den Krieg erlebte, vor ihm flüchtete und jetzt in der Diaspora lebt – zwar in Sicherheit und Frieden, aber immer auch mit den Folgen der Erlebnisse und den Auswirkungen auf ihre Familien und vor allem die Elterngeneration.

Die zufällig zusammengewürfelte Zweckgemeinschaft des Buses folgt ihren ganz eigenen Regeln, die man kennt und akzeptiert. Sie alle müssen sich der günstigsten Art zu reisen unterwerfen und die Mitfahrer hingeben, egal wie sehr sie grölen und nach Alkohol stinken. Das lebende Klischee, in denen man jedoch auch die Menschen seiner eigenen Familie wiedererkennt. So dauert es nicht lange, bis die Gedanken des Erzählers beginnen zu wandern, zu seiner Kindheit, zu seinen Eltern, zu seiner Heimatstadt und der Schulzeit. Der Krieg hat nicht nur die Stadt in Schutt und Asche gelegt, sondern Gräben geschaffen zwischen den Generationen und zwischen jenen, die geflüchtet sind und jenen, die dablieben. Die größte Angst ist jedoch, dass plötzlich Wehmut aufkommt und die so klare Entscheidung, das Land zu verlassen, von den Emotionen in Frage gestellt wird. Während der Flüchtlingsstrom über die Balkanroute gen Norden drängt, fährt der Erzähler die entgegengesetzte Richtung. Aber egal wie rum er fährt, er kommt nicht an, denn für ihn gibt es keinen Ort mehr, der Heimat sein kann.

Der Autor erschafft eine lebendige Szenerie, sowohl die Geschehnisse im Bus wie auch seine Wanderschaft durch Belgrad kann man förmlich riechen und fühlen. Ebenso eindrücklich werden die widersprüchlichen Gefühle deutlich, kritisch gegenüber Nationalismus und Kriegsverbrecherverehrung und zugleich beschämt ob der Flucht. Obwohl in der alten Heimat nie eine Zukunft lag und die Daheimgebliebenen dies – sofern sie überhaupt noch leben – eindrucksvoll unterstreichen, erscheint plötzlich doch ein großes Fragezeichen über dem eigenen Lebensweg. Eine persönliche Auseinandersetzung mit der Geschichte des Heimatlandes, die diejenige einer ganzen Generation ist, die jetzt die passenden Worte für das Erlebte findet.

S.J. Watson – Before I Go to Sleep [dt. Ich.Darf.Nicht.Schlafen]

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S.J. Watson – Before I Go to Sleep [dt. Ich.Darf.Nicht.Schlafen]

Als Christine morgens wach wird, kommt ihr das Schlafzimmer fremd vor, ebenso der Mann, mit dem sie offenkundig die Nacht verbracht hat. Scheinbar hatte sie am Abend zuvor ordentlich gefeiert, so dass sie keinerlei Erinnerung mehr hat. Im Badezimmer erschrickt sie: wer ist die Frau, die ihr aus dem Spiegel entgegenblickt? Sie ist mindestens zwanzig Jahre älter als sie selbst! Jeden Morgen wiederholt sich dasselbe Spiel: seit einem Autounfall leidet sie an Amnesie und kann sich an nichts mehr erinnern. Ihr Ehemann Ben hat das Haus sorgfältig präpariert, damit sie die wichtigsten Eckdaten schnell erkennt. Nachdem Ben zur Arbeit aufgebrochen ist, befindet sich Christine alleine in dem fremden Haus. Ein Telefonanruf verunsichert sie, ein Arzt will sich mit ihr treffen und weist auf ein Tagebuch hin, in dem sie seit Wochen Dinge notiert, die sie in minutiöser Arbeit rekonstruiert haben. Christine beginnt in ihrem eigenen Leben zu lesen und je weiter sie voranschreitet, desto seltsamer und beunruhigender werden die Erkenntnisse. Irgendwie wollen die Puzzlestücke nicht zusammenpassen und bald schon weiß sie nicht mehr, ob sie irgendwem überhaupt vertrauen kann.

S.J. Watsons Debutroman „Before I Go to Sleep“ war ein ungewöhnlicher Erfolg für ein Erstlingswerk, geschrieben hat es der Autor in seinen Pausen als Hörakustiker. Der Psychothriller wurde 2011/2012 mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet und 2014 folgte die hochkarätig besetzte Verfilmung, die jedoch in keiner Weise an den Erfolg des Buches anknüpfen konnte.

Zu Beginn weist wenig daraufhin, dass es sich um einen Thriller handelt. Man bedauert Christine um ihre leidliche Situation und gemeinsam mit der Protagonistin versucht man Sinn in das Chaos, das sie umgibt, zu bringen. Es ist leicht, sich in sie hineinzuversetzen, da der Wissensstand zwischen ihr und dem Hörer/Leser identisch ist. Die Begegnung mit Dr. Nasch wirft weitaus mehr Fragen auf als sie beantwortet. Warum verheimlicht sie ihrem Mann die Treffen und was hat sie in den letzten Wochen bereits an Erinnerungen rekonstruieren können? Vor allem jedoch: weshalb hat sie als Notiz an sich selbst „Do not trust Ben“ in ihr Tagebuch geschrieben? Christines heimliches Treffen mit ihrer ehemaligen besten Freundin Claire befördert noch mehr Ungereimtheiten zu Tage und spätestens jetzt lässt sich der Psychothriller nicht mehr aufhalten und fährt sie ganzes Potenzial aus.

Die Handlung lebt von der Konstruktion rund um Christines Amnesie. Immer mehr Fakten trägt sie zusammen, die erst nach und nach einen Sinn ergeben und mit Zunahme des Wissens steigt jedoch nicht nur die Gewissheit über das eigene Leben, sondern vor allem die Angst vor der Gefahr, in der Christine schwebt, die immer deutlicher wird. Zielstrebig bewegt sich das Buch auf den dramatischen Höhepunkt zu, der dann auch die letzten Lücken schließt und so alle Fragen restlos beantwortet. Ein Psychothriller, der seinen Namen wirklich verdient hat und mich restlos begeistert – so sehr, dass das Finale mein Sportprogramm, bei dem ich das Hörbuch hörte, deutlich ausdehnte, um endlich zu erfahren, wie alles zusammenhängt.

Luba Goldberg-Kuznetsova – Lubotschka

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Luba Goldberg-Kuznetsova – Lubotschka

Nicht mehr lange bis Lubotschka und ihre Mutter das geliebte Sankt Petersburg gen Deutschland verlassen werden. Doch ein paar Ereignisse stehen noch an: der Schulabschluss mit dem Ball, der 18. Geburtstag, die erste Nach mit einem Mann, noch einmal Silvester. Obwohl sich das Mädchen auf das neue Leben freut, wird sie doch fast vom Wehmut übermannt. Kann man sich angemessen von der Heimatstadt verabschieden? Sie birgt so viele Erinnerung an das Internat, die Schuljahre, die Freundinnen und natürlich all die Wege, die sie in den vielen Jahren gegangen ist: auf dem Newski Prospekt, an der Newa entlang oder der Fontanka, in die teuren Boutiquen und auf die billigen Märkte.

Es liegt auf der Hand, dass in ihrem Debüt sehr viel von der Autorin selbst liegt. 1982 im damaligen Leningrad geboren, hat sie genau wie die Protagonistin den großen Wandel und die Öffnung gen Westen in den 1990er Jahren als junges Mädchen erlebt und ist 2001 nach Deutschland gekommen, wo sie Philosophie und literarisches Schreiben studierte.

Zwei Aspekte haben mich im Roman besonders begeistert. Zum einen ist der Erzählton authentisch, man glaubt wirklich einem jungen Mädchen gegenüberzusitzen, das die Welt entdeckt. Die große politische Welt interessiert sie nicht, es sind die unmittelbaren Dinge um sie herum, die ihre Gedanken ausfüllen: die Freundschaften mit den Klassenkameradinnen, die internationalen Zeitschriften mit ihren meist oberflächlichen Themen rund ums Aussehen, die neueste Mode und Schminke und vor allem das perfekte Kleid für den Abschlussball. Gleichzeitig liest sie aber klassische Literatur und beobachtet und analysiert messerscharf das Treiben auf den Petersburger Straßen. Sie kommt aus einem typischen Elternhaus, das gebildet aber arm ist. Die Mutter muss als Lehrerin trotzdem noch auf der Straße Kwas verkaufen und triebt einen kleinen Handel mit Waren aus Polen. Designermode ist nicht drin, ebenso nur eine kleine Wohnung in einer Chruschtschowka.

Daneben kommt der Petersburger Atmosphäre zu Beginn des Jahrtausends eine große Rolle zu. Immer wieder bewegt sich das Mädchen durch die Stadt, die so langsam zu einem Bild entsteht. Zwischen den großen klassizistischen Gebäuden wie der Eremitage oder Gostiny Dwor, den Boulevards und den Ufern der Newa bewegt sie sich häufig in Trolleybus oder Metro und blickt bereits nostalgisch auf das, was sie verlassen wird. Es begegnen ihr die reichen Ausländer wie die armen Russen, erste lesbische Liebespaare zeigen sich öffentlich und im Fernsehen spricht der neue starke Mann an der Macht. Die Westmarken sind bekannt, auch die Waren kann man kaufen – könnte man, wenn man sie sich leisten könnte. Es war die Zeit voller Hoffnung, die noch nicht von den harten Jahren kündete, die vor dem Land standen.

Luba Goldberg-Kuznetsova ist eine neue Stimme im Literaturbetrieb, die eine ähnliche Geschichte wie Lena Gorelik oder Alexandra Friedmann hat und sich wie die beiden anderen zwischen Journalismus und Literatur bewegt. Ganz definitiv eine Generation von beachtenswerten Frauen, die auf Deutsch schreiben, aber ihr (weiß)russisches Erbe durchscheinen lassen, dass ihnen einen ganz eigenen Ton verleiht.

Tatiana de Rosnay – Fünf Tage in Paris

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Tatiana de Rosnay – Fünf Tage in Paris

Nur die Eltern und die beiden Kinder. So lautet die klare Ansage von Mutter Lauren Malegarde, als sie Linden und Tilia bittet nach Paris zu kommen, um den 70. Geburtstag von Vater Paul zu feiern. Ein ungewöhnlicher Ort, wohnen die Eltern doch im Département Drôme, aber dem Wunsch der Mutter ist Folge zu leisten. Allerdings empfängt die Hauptstadt die Familie nicht mit dem gewohnten Charme, ein Hochwasser historischen Ausmaßes droht die Stadt zu überschwemmen und es regnet unerlässlich. Das Programm wird angepasst, doch bald schon müssen sie noch mehr Planänderungen vornehmen, denn beim gemeinsamen Abendessen bricht Paul mit einem Schlaganfall zusammen und die Erkältung der Mutter stellt sich als schwere Lungenentzündung heraus. Während in ganz Paris der Ausnahmezustand herrscht, ereilt dieser ganz im Kleinen auch die Familie Malegarde.

Von Beginn der Geschichte an wählt die französisch-amerikanische Schriftstellerin, die in beiden Sprachen ihre Bücher verfasst, ein starkes Symbol: das Wasser der Seine steigt im gleichen Maße wie auch die Lage in der Familie sich zuspitzt, vor allem der Gesundheitszustand des Vaters läuft auf einen dramatischen Höhepunkt zu. Es wird einen Scheitelpunkt geben müssen, der entscheidet, in welche Richtung das Pendel ausschlägt.

Trotz der gerade einmal 300 Seiten bringt Tatiana de Rosnay unzählige Themen in ihrem Roman unter, die einem als Leser nachdenklich stimmen. Doch keineswegs wirkt die Handlung überladen, im Gegenteil, der Fokus auf die engste Familie und insbesondere auf Linden lässt sie nie den roten Faden verlieren. Es ist das Verhältnis der beiden Geschwister zu einander, jenes zwischen Eltern und Kindern, glückliche und gescheiterte Beziehungen und vor allem die hohe Sensibilität der Malegarde Männer, die immer wieder hervortreten. Paul Malegarde kam als „Treeman“ zu Weltruhm, nichts gibt es, das er nicht über Bäume zu wissen scheint, überall fragt man nach ihm, wenn die Natur übermächtig zu werden scheint. Er ist ein Baumflüsterer, doch wo seine enge Verbundenheit herführt, ist ein Geheimnis, das erst spät gelüftet wird. Lindens besonderes Gespür für Menschen äußert sich in seinem Talent als Fotograf. Er hat den Blick für den ultimativen Ausdruck, kann mit Bildern das ausdrücken, wozu ihm die Worte fehlen.

Die Familie birgt jedoch auch Konfliktpotenzial, das sich besonders gerne zu Feierlichkeiten entlädt. Auch bei den Malegardes ist dies nicht anders und so manches Geheimnis und bis dato Unausgesprochenes will nun trotz oder gerade wegen der Ausnahmesituation an die Oberfläche. Nicht immer war man nett zu einander, hat sich unterstützt; es gab Neid und Groll, man fühlte sich missverstanden und nicht anerkannt. All das erzählt Tatiana de Rosnay in einem fast poetisch anmutenden Ton, der außerordentlich die Empfindsamkeit und Emotionen der Figuren einfängt und wiedergibt. Trotz der tristen Szenerie und Dramatik des Settings, schlichtweg ein großartiger Roman.

Ein herzlicher Dank geht an das Bloggerportal für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zu Buch und Autorin finden sich auf der Seite des Random House Verlags. 

Emelie Schepp – Nebelkind

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Emelie Schepp – Nebelkind

»Keren«. Sie las weiter. »Griech. Myth. Bei den alten Griechen galten die Keren als Todesdämonen oder genauer als Dämonen der gewaltsamen Todesarten.

 

Staatsanwältin Jana Berzelius hat wieder Alpträume, schon seit ihrer Kindheit begleiten sie diese, doch sie kann sie nicht deuten. Ihr neuester Fall scheint sie noch viel stärker heraufzubeschwören – kann sie vielleicht der Ursache endlich auf die Schliche kommen und die Erinnerungslücken ihrer Kindheit schließen? Ein hoher Mitarbeiter des Amts für Migration wurde in seinem Haus erschossen, auf den Überwachungskameras sieht man nur ein Kind, das aber unmöglich der Täter sein kann. Nur kurz darauf wird auch der Junge erschossen aufgefunden und zwei Dinge stellen die Ermittler vor Rätsel: wieso vermisst niemand den 9-Jährigen und weshalb hat er das Wort „Thanatos“ in seinen Hals eingeritzt? Jana hat vielleicht eine Erklärung, die sie jedoch unmöglich teilen kann: sie selbst trägt ebenfalls den Namen einer Todesgottheit unter ihren Haaren und hält dies seit Jahrzehnten versteckt.

„Nebelkind“ ist der Auftakt der Serie um die schwedische Staatsanwältin mit ungewöhnlicher Kindheit. Der Fall verwickelt die Juristin unmittelbar in ihre eigene Geschichte und beantwortet ihr zahlreiche Fragen. Die eingeschobenen Träume sind zunächst nicht einzuordnen, im Laufe der Handlung wird das Bild jedoch zunehmend klarer und gemeinsam mit der Protagonistin lüftet man den Schleier um ihre Herkunft.

Insgesamt ein solider Thriller, der einen komplexen Fall behandelt, der zahlreiche Nebenschauplätze mit sich bringt und auch so manche tote Spur legt und damit die Spannung stetig aufrecht hält. Überzeugend hat die Autorin jedoch die Spuren gelegt und löst das komplizierte Gebilde sauber auf. Weniger als der Kriminalfall lebt der Roman jedoch von den Figuren. Jana Berzelius ist ganz sicher eine sehr außergewöhnliche Figur, die mit den inneren Rissen und ihren zwei Seiten leben muss: einerseits die korrekte Staatsanwältin, die für Recht und Ordnung sorgt, andererseits der Mensch, der nie Liebe erfahren hat und seinen Emotionen folgt, um persönliche Gerechtigkeit zu erzwingen. Auch die anderen Ermittler wurden mit individuellen Stärken und Schwächen ausgestattet, die sie menschlich und auch facettenreich erscheinen lassen.

Annie Ernaux – Erinnerung eines Mädchens

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Annie Ernaux – Erinnerung eines Mädchens

Annie wächst behütet in der Kleinstadt auf, in ihrer katholischen Schule lernt sie die in den 1950er Jahren wesentlichen Dinge für eine Frau. Im Sommer vor ihrem 18. Geburtstag will sie als Betreuerin in einer Ferienkolonie arbeiten und endlich dazugehören, so den Großen, Erwachsenen, die die Kinder dort betreuen. Mit Jungs hat sie keinerlei Erfahrung, aber das will sie nachholen und die Gelegenheit ergibt sich schneller als gedacht. Doch es ist nicht das, was sie erwartet hat und auch fünfzig Jahre später noch verfolgen sie die Ereignisse dieser Nacht.

Annie Ernaux‘ autobiographisch basiertes Buch ist die Geschichte eines Mädchens im Erwachsenwerden. Auch wenn die Handlung Ende der 50er/Anfang der 60er Jahre angesiedelt ist, sind die Probleme und Sorgen doch diejenigen, die viele jungen Menschen auch heute kennen. Annie wächst in einem kleinbürgerlichen Haushalt auf, ihre Eltern haben einen kleinen Lebensmittelladen in der Provinz. Dem Mädchen fehlt es an nichts, aber sie hat auch nie Kontakt zu intellektuellen Milieus und kann ihr Interesse an Literatur und Philosophie mit niemandem teilen. In der Schule hat sie beste Noten, aber richtig gefordert wird sie in diesem Umfeld auch nicht.

In der Ferienkolonie trifft sie erstmals auf Jugendliche aus anderen sozialen Schichten, was sie verunsichert. Sie kennt die geheimen Codes nicht, weiß nicht, wie sie sich verhalten soll, welche Meinung sie haben muss, um auch dazuzugehören. Schnell wird sie zum Gespött. Die fehlende sexuelle Erfahrung versucht sie durch Freizügigkeit aufzuholen und versteht dabei nicht, dass dies ebenfalls nicht richtig ist und sie wiederum der Verachtung der anderen aussetzt.

Die angehenden Lehrerinnen sind ihr Vorbild, weshalb sie sich selbst auch für das Lehramtsstudium einschreibt. Annie will sein wie sie, um im nächsten Sommer mithalten zu können, dabei vergisst sie völlig, dass sie weder geeignet noch interessiert ist an diesem Beruf und das Fiasko im Praktikum lässt nicht lange auf sich warten. Auch der Au Pair-Aufenthalt in London erfüllt die Erwartungen nicht: ihr Englisch verbessert sich nicht und ihr Vater wirft ihr letztlich treffend an den Kopf, dass sie eigentlich dort nicht mehr war als ein Dienstmädchen.

Es dauert Jahre, bis sie erkennt, was sie gut kann und was sie im Leben will. Der Weg dahin ist schmerzlich und ihre Entscheidung erfüllt nicht die Erwartungen der Eltern, denen jedoch gefangen in ihrer überschaubaren Welt der notwendige Weitblick fehlt. Annie muss sie freischwimmen, um ihren Horizont zu erkennen und ihre eigenen Ziele zu finden.

Maren Kroymann liest Annie Ernaux‘ Erinnerung mit überzeugend prononcierter Stimme und verleiht sowohl dem Mädchen Annie die notwendige Naivität wie auch der erwachsenen Frau die immer noch schmerzliche Gebrochenheit, die die Geschichte ausmachen.