Ottessa Moshfegh – My Year of Rest and Relaxation

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Ottessa Moshfegh – My Year of Rest and Relaxation

Looking at her from the outside, she has everything one could wish for: she is blond, pretty, thin, a Columbia graduate, stylish without effort and she has a job at a gallery. Due to her inheritance, she can afford an apartment on the Upper East Side of Manhattan. But that’s just one side of the medal, her relationship with Trevor has been all but healthy, her parents never showed any affection and thus losing them both when she was in college was a minor affair. What she is lacking is an aim in life, something that gives her a reason for being alive. She feels exhausted and just wants to sleep until everything is over. She slowly extends her time in bed, she even falls asleep at work and then, finally, she decides to hibernate. A crazy therapist provides her with medication that allows more and more hours of sleep at a time. She hopes that after a year of rest, she will awake as somebody new.

Ottessa Moshfegh is a US-American writer who earned a degree in Creative Writing from Brown University and whose short stories were received with positive reviews. After her novella “McGLue”, her first novel “Eileen” was published in 2015 and made it on the shortlist for the 2016 Man Booker Prize. Having chosen a mostly unsympathetic protagonist for her former novel, I found it much easier so sympathise with her narrator in “My Year of Rest and Relaxation”.

The young woman who is portrayed is quite typical in a certain way. She is the modern New Yorker who takes part in the glittery art circus, is a part of a subculture of believes itself to be highly reflective and innovative. At a certain point, the superficiality becomes exhausting and the aimless tittle-tattle and prattle don’t provide any deeper insight.

“The art at Ducat was supposed to be subversive irreverent, shocking, but was all just canned counterculture crap, “punk, but with money”.

Also her relationship does not go beyond superficial sex and one-night-stands that lead to nothing. Added to this is the easy availability of all kinds of drugs, of therapists who themselves are too crazy to detect any serious illness in their clients and therefore just fill in any prescription they are asked for. Even though the plot starts in 2000, the characters are quite typical for the 1990s and they need a major event to wake them up and bring them back to real life.

The narrator tries to flee the world and takes more and more pills mixed with each other, as a result she is sleepwalking, even gets a new haircuts and orders masses of lingerie without knowing. Her radius is limited to her blog, her only human contacts are the Egyptians at the bodega at the corner where she buys coffee, the doorman of her apartment house and Reva, her best friend who still cares about her. Even though she is bothered by the things she does when she is not awake, she has become that addicted that she cannot let go anymore.

Even though the protagonist is highly depressive and seeing how badly she copes with her life is hard to endure in a way, the novel is also hilarious. I especially liked her meetings with her therapist since Dr. Tuttle is riotous in her eccentric ways and their dialogues are highly comical – despite the earnestness of their actual topics. Ottessa Moshfegh most certainly earns a place among to most relevant authors of today.

Matthew Weiner – Alles über Heather

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Matthew Weiner – Alles über Heather

Mark Breakstone ist eher unscheinbar, aber seine analytischen Fähigkeiten werden ihm irgendwann ein großes Einkommen bescheren – wenn er ansonsten schon für seine Eltern eine Enttäuschung war, da er so gar nicht ihren Wünschen entsprach. Karen hat immer von einer Karriere im Literaturbetrieb geträumt, hängt jetzt aber im PR fest und als Freunde ihr ein Date mit Mark vermitteln, erwartet sie nicht viel. Doch die beiden sind pragmatisch und eine Vereinigung erscheint sinnvoll. Heather ist das Ergebnis ihrer Liebe und das Kind ist in jeder Hinsicht perfekt: hübsch und charismatisch wickelt sie vom ersten Tag an alle um den Finger, dazu ist sie einfühlsam und aufmerksam, will niemanden verletzten. Mit Marks Karriere geht es voran, wenn auch nicht ganz so glanzvoll wie gewünscht, aber allein das Dasein Heathers und die Wohnung im teuersten Postleitzahlenbezirk von New York sind schon repräsentativ genug. Doch es droht Unheil in Form von Bobby Klasky, Sohn einer Drogensüchtigen und Ex-Knacki, der als Bauarbeiter in das vornehme Haus der Breakstones kommt und dem die Teenager-Tochter auch direkt ins Auge fällt.

Matthew Weiner hat sich als Schöpfer der Serie „Mad Men“ bereits einen Namen gemacht, bevor er mit „Alles über Heather“ nun seinen ersten Roman verfasste. Die Erwartungen waren naturgemäß hoch, für mein Empfinden konnte Weiner sie erfüllen und mit Ulrich Matthes als Vorleser konnte ohnehin nur wenig schiefgehen.

Der Autor lässt zwei Geschichten des gegenwärtigen Amerika parallel verlaufen, die unterschiedlicher kaum sein könnten und dennoch im selben Land geschehen: einerseits der Mikrokosmus der New Yorker Upper Class mit ihren eigenen Regeln und dem aufrechtzuerhaltenden schönen Schein nach außen, während hinter der Fassade langsam alles zu bröckeln beginnt. Die erfolgreiche und hübsche Tochter, die als Projektionsfläche der elterlichen Träume und Wünsche fungieren muss und in der gleichzeitig auch deren größten Ängste zentriert sind. Dagegen die drogenabhängige Mutter Bobbys, die nicht einmal weiß, wer der Vater ihres Sohnes ist, da einfach zu viele in Frage kommen, die weder das Potenzial des Kindes erkennt, noch die geringste Anstrengung auf ein geregeltes Leben unternimmt. So kommt es wie es kommen muss, Bobby gerät auf die schiefe Bahn und einmal im wahrsten Sinne des Wortes Blut geleckt, kann er seine Triebe nur schwer kontrollieren. Es ist abzusehen, dass sich die Wege kreuzen müssen und eine Katastrophe sich anbahnt.

Der Roman scheint ein eindeutiges Schwarz und Weiß zu kennen, doch so einfach ist es nicht. Bobbys Familiengeschichte erklärt seine Entwicklung, man kann Mitleid mit ihm haben, zum Teil sogar bewundern, dass er nicht schon viel früher in Schlimmeres verwickelt war und sich doch immer wieder selbst auf den richtigen Weg gebracht hat. Er ist ein Soziopath, ohne Frage, aber vielschichtiger als zunächst vermutet. Auch die Breakstones sind keineswegs so oberflächlich und eindimensional, wie dies der Schein vermuten ließe. Was alle gemeinsam haben, ist eine tiefe Enttäuschung vom Leben, wirklich glücklich ist niemand, weder am oberen noch am unteren Ende der Gesellschaft.

Der Roman ist Abbild und Analyse der USA unter Trump. Der Rückzug ins Private, die Konzentration auf das unmittelbare Lebensumfeld und das Ausblenden der Wirklichkeit darüber hinaus. Doch dieser Kokon hat eine fragile Außenschicht, was ihn verletzlich und zerbrechlich macht und schutzlos der bösen Außenwelt ausliefert.

Jardine Libaire – Uns gehört die Nacht

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Jardine Libaire – Uns gehört die Nacht

Elise richtet das Gewehr auf Jamey. Sie sind in einem Motelzimmer in Wyoming, es ist Juni 1987 und sie wird auf ihren Freund zielen. Wie konnte es dazu kommen? Rückblende, eineinhalb Jahre zuvor lernen sie sich kennen, sie sind Nachbarn in New Haven, könnten aber kaum verschiedener sein. Jamey Hyde ist der Spross einer Privatbanken Familie, der in Yale studiert und sein Leben lang nur in der Welt der Superreichen verkehrte. Elise Perez kennt ihren Vater nicht und wuchs mit der Mutter und den jüngeren Geschwistern in Bridgeport zwischen Drogenabhängigen und Kleinkriminellen auf, hat keinen Schulabschluss und auch keinerlei beruflichen Ambitionen. Der Student ist fasziniert und abgestoßen zugleich von diesem etwas asozialen Unterschichtenmädchen. Was als bedingungsloser Sex beginnt, wandelt sich zunehmend und wird zur regelrechten Obsession. Elise ist nicht die Frau an seiner Seite, kann sie nicht sein, sie ist nicht standesgemäß. Aber er kommt auch nicht mehr von ihr los. Er versteckt sie vor seiner Familie, doch es kommt der Tag, wo er sich entscheiden muss: Elise mit allem, was sie ausmacht, oder seine Familie mit all ihrem Geld und Ansehen.

Jardine Libaires Roman beginnt mit einem Schreckmoment, wie können die Protagonisten kurz davor stehen, sich gegenseitig umzubringen? Doch nach nur wenigen Zeilen wird diese Frage durch jene, wie es so weit kommen konnte abgelöst. „Uns gehört die Nacht“ ist der sechste Roman der texanischen Autorin, der im englischsprachigen Raum als einer der Highlights des Sommers 2017 gilt.

„Uns gehört die Nacht“ erzählt eine klassische amour fou zwischen zwei sehr verschiedenen Charakteren. Hierin liegt auch die größte Stärke des Romans, die Figurenzeichnung ist überzeugend und wirkt authentisch. Elise wie auch Jamey sind in ihrer Welt verhaftet und haben zunächst kaum Zugang zu der des anderen. Sie verstehen Werte und Verhaltensweisen des anderen nicht und wenn der Zufall sie nicht in benachbarte Häuser geführt hätte, wären sie sich auch nie begegnet. Beide haben sie Schwierigkeiten, sich in der Welt des anderen zurechtzufinden, weshalb sie auch keine reibungsfreie Beziehung führen.

Jamey ist immer wieder verunsichert durch Elises Impulsivität und kämpft mit widersprüchlichen Empfindungen: er weiß, dass sie nicht die Partnerin ist, die seine Familie von ihm erwartet und die das gewünschte Bild der New England Upper Class aufrechterhalten kann. Und was werden die Freunde dazu sagen? Aber er liebt sie, doch reicht das aus, um sich gegen die Familie und alle Überzeugungen zu stellen? Elise wirkt nach außen stark in ihrer bisweilen aggressiven Art, doch diese überspielt nur ihre Unsicherheit. In ihrem Revier weiß sie sich zu bewegen, aber in New York und vor allem in Jameys Welt fühlt sie sich fremd und unbehaglich, sie kann sich nicht anpassen und wird nie dazugehören. Schnell ist ihr das bewusst und sie rechnet tagtäglich damit, dass Jamey die Lust an ihr verliert und sie rauswirft. Was er mit seinem Geld kaufen kann, kann sie durch ihren lebenserfahrenen Pragmatismus ergänzen und zusammen ergänzen sie sich und werden ein ungewöhnliches Paar.

Man folgt den beiden Figuren auf ihren Weg und ist fasziniert von ihren Emotionen, die ganz wesentlich ihr Verhalten leiten. Dass diese Liebe nicht gutgehen kann, scheint von der ersten Begegnung an klar. Mit der Ausgangsszene im Hinterkopf wartet man auf den Bruch, den tragischen Moment, der alles verändert. Doch die Autorin hat einige Überraschungen in petto, so dass man seine Annahmen revidieren muss. Diese unerwarteten Wendungen sind nicht nur wohldosiert, sondern auch glaubwürdig motiviert und bieten immer wieder Raum für völlig neue Entwicklungen. Ein rundum fesselnder Roman, intensiv und mitreißend.

Ein herzlicher Dank geht an den Diogenes Verlag für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zum Roman und der Autorin finden sich auf der Verlagsseite.

Turhan Boydak – Die Janus Protokolle

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Turhan Boydak -Die Janus Protokolle

Als er von Tod seines ehemals besten Freundes und Kollegen hört, meldet sich Jason Bradley zum ersten Mal wieder. Ein Skandalartikel, der das Land zum Wanken gebracht hätte, hatte die beiden Journalisten auseinandergebracht, denn er wurde in letzter Sekunde verhindert. Jason hat daraufhin die Times frustriert verlassen. Nun ist Matt tot, doch seine Frau hat Zweifel, denn in letzter Zeit hat er sich seltsam verhalten, hat er wieder an der alten Geschichte gearbeitet? Eine kryptische Nachricht an Jason weist darauf hin und als Michael zu ihm Kontakt aufnimmt, verhärtet sich der Verdacht, denn der junge Mann hat arbeitet bei just dem Unternehmen, das Jason und Matt schon vor Jahren im Visier hatten. Stimmte ihre Vermutung also doch: überwacht die Regierung ihre Bürger durch die großen Internetunternehmen, die allesamt direkt aus Washington gesteuert werden? Noch bevor sie ihre Recherchen wirklich starten können, schweben Jason und Michael in Lebensgefahr.

Der Thriller beginnt rasant und die kurzen Kapitel führen dazu, dass das Tempo hoch bleibt und man als Leser eine Weile braucht, bis man die einzelnen Handlungsstränge miteinander in Verbindung bringen kann. Was zunächst nach zusammenhangslosen Einzelereignissen aussieht, lässt er nach und nach ein Muster erkennen und sich sinnbringend zusammenfügen. Bis zum Schluss hält der Autor das Tempo durch und gönnt einem kaum eine Sekunde zum Durchatmen.

Die Grundidee hinter der Geschichte ist dank der Skandale und Enthüllungen der letzten Jahre absolut glaubwürdig, niemand dürfte auch noch die geringsten Zweifel daran hegen, dass selbst die Regierungen demokratischer Staaten alle Mittel nutzen, um die Menschen zu überwachen und durch das Internet für sie relevante Informationen auch auf illegalem Wege beziehen. Dass entsprechende Konsequenzen folgen, die auch mal in dem zufälligen Verunfallen oder Verschwinden von Personen enden, kann man sich leicht vorstellen. Ein Skandal des Ausmaßes wie im Thriller skizziert, ist vielleicht nicht ganz glaubwürdig, aber vielleicht reicht einfach meine Vorstellungskraft nicht, diese Größenordnung für realistisch zu halten.

Die Figuren haben mich weitgehend überzeugen können, vor allem der Journalist Bradley war glaubwürdig gezeichnet und hat nachvollziehbar und menschlich agiert. Michael war vielleicht etwas naiv und gutgläubig, aber er hatte bis dato auch wenig Grund, an den Mitgliedern seiner Familie ernsthaft zu zweifeln. Dass es eine Figur wie den Hacker Veritas für diese Geschichte benötigt, ergibt sich von selbst, dass die Motivation letztlich rein privat begründet war, war ok, es hätte auch gerne etwas idealistischer sein dürfen. Einziger Schwachpunkt waren die längeren Phasen des Dozierens über die Geschichte des Internets und die technischen Zusammenhänge. So viel Wissen kann man m.E. bei einem Leser eines solchen Thrillers voraussetzen, auch haben sich für mich nicht alle Morde und Erpressungen wirklich nachvollziehbar erklärt, so blieben sie dann doch weitgehend nur Mittel zum Zweck. Alles in allem aber gelungene Unterhaltung.

Edward St. Aubyn – Bad News

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Edward St. Aubyn – Bad News

Patrick Melrose erhält eine schlechte Nachricht: sein Vater ist gestorben. Naja, so schlecht ist die Nachricht ja gar nicht, denn seit er denken kann, hat er sich nichts anderes gewünscht, als genau das zu hören. Er macht sich auf nach New York, um den Leichnam zurück nach England zu holen. Auf seinem dreitägigen Trip, der ihn mehr als zehntausend Dollar kosten wird, trifft er auch den einen oder anderen Bekannten seines Vaters, die Einschätzungen über den Toten könnten kaum weiter von einander entfernt liegen. Zwischen den Teils absurden Begegnungen ist Patrick nur mit einer Sache beschäftigt: den nächsten Schuss planen, denn der 22-Jährige ist inzwischen schwer drogenabhängig. Kokain, Pillen, Heroin – you name it. Alles gleichzeitig und Hauptsache genug, um alle Gedanken zu betäuben.

„Bad News“ ist Teil zwei der Serie um Patrick Melrose, Spross eines britischen Adelsgeschlechts und zwischen England und Südfrankreich in zu viel Reichtum aufgewachsen. Als Kind wird er von seinem Vater missbraucht, doch nicht nur die physische Misshandlung, beschrieben in“Never Mind“, setzt ihm zu und hat bei dem jungen Erwachsenen aus Band zwei offenkundige Folgen hinterlassen, sondern vor allem die emotionale Vernachlässigung durch seine Eltern ist ganz sicher ursächlich für seine Abhängigkeit. Edward St Aubyn hat viele seiner eigenen Erlebnisse in seiner Serie um Patrick Melrose verarbeitet und macht keinen Hehl um den Missbrauch, den er selbst als Kind erleiden musste.

Im Vordergrund der Handlung steht die Abwicklung des Todesfalls und vor allem Patricks Drogenkonsum, inklusive Beschaffung und dem einen oder anderen Zwischenfall beim Konsum. Es ist aber nicht die so sehr die Handlung, mit der St Aubyn überzeugt, sondern der sarkastische Ton, den er seinem Erzähler verleiht und der absolut stimmig ist mit der Figurenzeichnung und dem, was Patrick erlebt hat. Das Verhältnis von Vater und Sohn wird in einem kurzen Dialog mit seinem französischen Dealer deutlich:

„Tu regrettes qu‘il est mort?“ asked Pierre shrewdly „Non, absolument pas, je regrette qu‘il ait vécu.“

In klaren Momenten erkennt er, dass ihn die Drogen töten werden und er davon wegkommen muss, aber noch ist er nicht so weit. Die heile Welt, die er bei anderen Familien erlebt, wird er ohnehin nicht haben können.

Zum Teil schwer zu ertragen die Beschreibungen um den Drogenkonsum, aber vermutlich sehr realistisch, wie er die Spritze falsch ansetzt, die Übelkeit, die nachlassende Wirkung. Erinnert mich ein wenig an „Trainspotting“, entstand auch in einer ähnlichen Zeit, und verdeutlicht aber sehr authentisch, wie sehr das, was Kinder erleben, sie prägt auf ihrem Weg zum Erwachsenwerden. Ich bin gespannt, wie es weitergeht.

Meg Wolitzer – The Female Persuasion [Das weibliche Prinzip]

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Meg Wolitzer – The Female Persuasion

Greer Kadetsky hätte eigentlich auf eine der Ivy-League-Universitäten gehen sollen, aber es scheiterte am Geld, da ihre Eltern die Anträge auf ein Stipendium vermasselten. Also bleibt sie zu Hause wohnen und geht auf das Ryland College in Connecticut. Dort macht sie bei einer der typischen Partys Bekanntschaft mit Darren Tinzler, der sich gleich reihenweise den jungen Studentinnen aufdrängt und sich das nimmt, was er möchte. Die Universität versucht den Skandal zu verhindern und lässt ihn trotz zahlreicher Aussagen weiblicher Studierender davonkommen. Als kurze Zeit später die charismatische Frauenrechtlerin Faith Frank einen Vortrag hält, bittet Greer sie um einen Ratschlag, was man den tun könne, um sich in einer so offenkundig Männer-dominierten Welt durchzusetzen. Diese Begegnung wird ihr weiteres Leben bestimmen, da ihr Faith nach dem Abschluss einen Job in ihrer Organisation Loci, die sich für benachteiligte Frauen einsetzt, anbietet. Voller Enthusiasmus startet Greer in ihr neues Leben in New York. Ihr Freund, den sie schon aus Schultagen kennt, verfolgt derweil gleichermaßen seine Karriere. Was so vielversprechend beginnt, bekommt jedoch bald Risse und beide müssen sich fragen, was im Leben letztlich wirklich zählt und wie ehrlich sie gegenüber sich selbst waren.

Einmal mehr kann Meg Wolitzer restlos überzeugen. Wieder einmal, wie auch in „The Interestings“ und „Belzhar“ wählt sie junge Figuren auf dem Weg zum Erwachsenwerden als Protagonisten. Sie passen nicht wirklich in die Welt, in der sie leben, haben große Erwartungen an ihre eigene Zukunft und dank der Talente, die ihnen in die Wiege gelegt wurden, scheint es auch so, als wenn sich diese realisieren ließen. Doch das Leben verläuft nicht geradlinig und bald schon kommen Hürden, die die Figuren erst einmal überwinden müssen.

In ihrem aktuellen Buch dominiert neben diesem typischen coming-of-age-Thema jedoch noch ein weiterer Aspekt, der im Kontext der vergangenen Monate noch eine höhere Relevanz erhält. Auch wenn die schillernde Faith Frank eine Vorreiterin der Frauenrechte ist und sich ihr Organisation dem Kampf für die unterdrückten Geschlechtsgenossinnen widmet, auch wenn Greer schon zu Beginn belästigt wird und die Studentinnen versuchen sich gegen das ungerecht milde Urteil gegen den Täter zu wehren, ist das Buch keine feministische Kampfansage.

Faith Greer ist nur in den Augen der jungen Mitarbeiterinnen, als deren Mentorin sie viel eher fungiert denn als Chefin, die idealistische Kämpferin. Die Realität sieht anders aus und Greer wird bald schon vor einen Gewissenskonflikt gestellt. Gleichzeitig erfährt auch die Geschichte um Greers Freund Cory eine feministische Umkehr, ist dieser bereit alle maskulinen Attribute zu opfern und sein Leben nach einem Schicksalsschlag völlig neu auszurichten.

Meg Wolitzer beginnt ihre Geschichte im Jahr 2006, am Ende sind wir 2019 und Greer hat doch noch ihre Ideale verfolgen können und ist dabei auch überaus erfolgreich. Die Autorin wurde in ihrer Heimat von den Kritikern vielfach mit dem Vorwurf kritisiert, einem Zeitgeist hinterherzurennen und sich zu sehr von dem aktuellen politischen Geschehen der USA beeinflussen zu lassen. Dies ist mir jedoch zu einfach, denn Wolitzers Frauen kommen keineswegs als die unschuldigen Opfer daher: Faith wie auch Greer haben betrogen, andere Frauen betrogen, auf deren Rücken ihre Karrieren verfolgt und damit ziemlich genau das getan, was die Feministinnen bei den Männern kritisieren. Und die Rollenmuster werden gleichermaßen in Frage gestellt. Auch liefert das Buch keine einfachen Antworten, denn die gibt es auch 2019 noch nicht, außer vielleicht Greers Erkenntnis, dass sie ihre „Outer Voice“ benutzen muss, wenn sie in dieser Welt gehört werden will.

Ein vielschichtiger Roman, der durchaus mehr als aktuell ist, aber sicherlich auch diese Zeit überdauern wird.

Greer Hendricks/Sarah Pekkanen – The Wife Between Us

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Greer Hendricks/Sarah Pekkanen – The Wife Between Us

Vanessa ist ein psychisches Wrack. Nach der Scheidung von Richard kommt sie nicht mehr auf die Füße. Aber sie muss die junge Frau warnen, die geradewegs ins Verderbern rennt und ebabsichtigt, ihre Nachfolge anzutreten. Sie kennt Richard nicht so, wie sie ihn kennt. Auch zu ihr war er charmant und nett. Anfangs. Doch dann hat er sich in einen Kontrollfreak verwandelt, der keinen ihrer Schritte unbeobachtet ließ. Und nun hat er wieder eine junge Frau gefunden, die er bezaubern kann und die für ihn die perfekte Ehefrau spielen soll. Nellie fühl sich beobachtet, irgendetwas ist seltsam, auch die Anrufe, bei denen offenbar jemand am anderen Ende der Leitung ist, jedoch nie ein Wort sagt, beunruhigen sie zunehmend. Langsam wird ihr ihr eigenes Leben unheimlich. Und noch eine dritte Frau beobachtet die Szenerie, doch was ist ihr geheimer Plan?

Sarah Pekkanen arbeitet bereits seit Jahren als Autorin und hat zahlreiche Bücher veröffentlicht, Greer Hendricks war mehrere Jahre Lektorin bei Simon & Schuster und ist ausgebildete Journalistin. Für „The Wife Between Us“ arbeiteten die beiden Frauen erstmals zusammen und herausgekommen ist ein clever konstruierter Krimi, der immer wieder überraschen kann.

Der Roman beginnt ohne viel Vorgeplänkel, unmittelbar ist man in der Geschichte, die alternierend die Vanessas Erlebnisse nach der Trennung von Richard und Nellies Vorbereitungen auf die Hochzeit mit ebendiesem erzählt. In welchem Verhältnis die beiden Frauen stehen, glaubt man recht schnell zu wissen, einzig der Moment des Zusammentreffens und der Offenbarung von Vanessas Leid stehen noch aus. Doch dann zeigt sich, dass der Roman deutlich geschickter aufgebaut ist, als es zunächst den Anschein macht und die leichte Verschiebung der Erzählung lässt einen neuen Blickwinkel zu.

Durch die raffinierte Erzählkonstruktion wird ein bizarres und gefährliches Abhängigkeitsverhältnis geschildert, in dessen Zentrum ein charmanter Mann steht, der durch geschickte Manipulation die Kontrolle über seine junge Frau gewinnt und nicht nur ihren Alltag überprüfen und lenken kann, sondern der sie auch psychisch unbemerkt nach und nach in eine Abhängigkeit bringt, aus der sie allein so einfach nicht mehr ausbrechen kann.

Dies ist kein ganz neues Thema, bisweilen auch etwas durchschaubar und leicht vorherzusehen. Es ist tatsächlich die Anlage der Erzählung, die die Schwächen hier locker ausgleicht und so zu dem überzeugenden Ergebnis führt. Dass es am Ende noch eine weitere Überraschung gibt, war allerdings nicht abzusehen, wäre für mich auch nicht mehr erforderlich gewesen.

Insgesamt ein runder Roman, der eine neue Variante einer bekannten Geschichte erzählt. Den beiden Autorinnen ist hier ein kleines Kunststück gelungen, indem sie einen völlig unerwarteten Aufbau geschaffen haben, der sich erst langsam entfaltet und dadurch überzeugen kann.

Ein herzlicher Dank geht an den Rowohlt Verlag für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zu den Autorinnen und dem Buch finden sich auf der Verlagsseite.

Carrie Blake – The Woman Before You

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Carrie Blake – The Woman Before You

Isabel Archer is the typical girl from the Midwest. Having grown up only with her mother, she has high hopes and big plans for the time after school. She dreams of a career as an actress in New York, but soon finds herself rejected in every audition and due to lack of money selling mattresses. The only moment when she can still take over a role is when she dates men she finds on Tinder. When she meets Matthew, things change, she is immediately attracted by him and definitely wants more. Matthew, too, has some kind of liking for her, but first of all, his boss needs a woman to support him in the little jobs he does for him. Isabel could be the perfect partner for these strange little games. But soon not only Isabel has to asks herself who is playing games with whom.

Carrie Blake’s debut novel starts quite interestingly and I immediately could indulge in it. However, I quickly had the impression to find some kind of prop and cliché I had read many times before. Even though Isabel was described in the first chapters as a young, intelligent and aspiring woman, she then is reduced to the dumb girl waiting for the boy to call her. She loses all her independence and there is a huge lack of motivation for whatever. From the attractive woman she turns into a pretty facade with nothing behind it. Matthew however, is simply a handsome and ruthless man who is the marionette of his boss without any will of his own.

Thus, I was a bit disappointed in the two protagonists who tell the story alternatingly. The plot itself has variations of “How do I seduce her without having actual intercourse” which was a bit too much for my liking of a thriller. I missed the real thrill and suspense since most of what happens is quite foreseeable as it is based on just a few pieces of information.

All in all, I was quite deceived by it, since most of the plot seems to be a pretext for having the characters go to bed and it strongly reminded me of “50 Shades of Grey” in the setting and character make-up.

Carol Rifka Brunt – Sag den Wölfen, ich bin zu Hause

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Carol Rifka Brunt – Sag den Wölfen, ich bin zu Hause

Er weiß, dass er nicht mehr lange leben wird; die Krankheit, die er hat, hat zwar inzwischen einen Namen, aber man ist noch weit davon entfernt, ihren tödlichen Verlauf abbremsen oder gar aufhalten zu können. Noch ein letztes Bild will der Maler Finn erschaffen, von seinen beiden geliebten Nichten Greta und June. New York Mitte der 80er Jahre. Dass ihr Onkel sich mit AIDS infiziert hat, weiß June lange Zeit nicht, es ist auch egal, sie liebt ihn abgöttisch. Und wenn sie nicht die Zeit bei ihm verbringt, streift sie durch die Wälder der Vorstadt. Doch mit dem Tod Finns ist da eine Leere, die sie mit nichts füllen kann. Bis sie Nachrichten erhält. Toby, Finns Lebensgefährte, den sie nie kennenlernen durfte, denn ihm geben ihre Eltern die Schuld an Finns Krankheit. Die gemeinsame Trauer verbindet sie und eine zarte Freundschaft im Verborgenen entsteht.

Carol Rifka Brunts Debutroman, der im den USA mit Lobeshymnen überschüttet wurde, ist ein leiser Roman, der die Nuancen der teils widersprüchlichen, teils harten Gefühle im Umgang mit Verlust und Trauer, aber auch mit AIDS in unglaublicher Weise umzusetzen vermag. Auch wenn das Thema Sterben im Vordergrund steht, haucht sie ihren Figuren so viel Leben ein, dass sie authentisch und glaubwürdig wirken und keinerlei Spuren von Stereotypen oder Klischees aufweisen.

Der Umgang mit AIDS war in den 1980ern, als man wenig darüber wusste und lediglich die Bedrohung wahrgenommen hat, alles andere als entspannt. Dies zeichnet die Autorin im Roman überzeugend nach, die Verzweiflung ob der Hilflosigkeit schlägt in Hass und Ablehnung um, was sich alles in der Figur Toby sammelt. Dieser hat gar keine Chance als Mensch wahrgenommen zu werden, zu stark ist die Projektion der Krankheit auf ihn. Erst durch die langsame Annäherung mit June entfaltet er sein Wesen, das von einer unheimlichen Zerbrechlichkeit ist und die Empathie für ihn nur noch verstärkt.

Aber es ist auch ein Coming-of-Age Roman, in dem ein junges Mädchen erwachsen werden, sich von den Eltern lösen muss und gezwungen wird, Position zu beziehen. Der Verlust eines geliebten und nahestehenden Menschen stößt diesen Prozess an, sie ist am Ende nicht mehr das Mädchen, das sich unbekümmert in den Wald in ihre Traumwelt flüchten kann. Innerhalb nur weniger Wochen werden alle Beziehungen auf eine Probe gestellt und sie müssen eine neue Basis finden, auf der sie weiterhin funktionieren können.

Die Autorin hat eine poetische Sprache gefunden, die sowohl zu den Gesprächen über Kunst wie auch zu den Empfindungen in der Natur passt und diese mit vielen Zwischentönen wiedergibt. Dieser leise und feinfühlige Ton gleitet durch die Handlung und unterstreicht die feinsinnige Figurenzeichnung.

Ein rundum gelungener Roman, den man nach dem Lesen nicht einfach weglegt, sondern der noch nachwirkt.

Nadja Spiegelman – Was nie geschehen ist

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Nadja Spiegelman – Was nie geschehen ist

Die Geschichte ihrer Familie, genauer gesagt, die Geschichte ihrer Mutter und ihrer Großmutter hat Nadja schon immer fasziniert, zu viele weiße Stellen, Ungereimtheiten und unglaubliche Begebenheiten hat sie gehört, weshalb sie als Erwachsene beginnt, nachzufragen, zu forschen und sie aufzuschreiben. Entstanden ist das Bild einer Frau, die nie geliebt wurde, die Außenseiterin in der eigenen Familie war und früh die Flucht ergriffen hat. Doch es gibt auch eine andere Seite, die Geschichte der Großmutter, die ebenfalls unter ihrer eigenen exzentrischen Mutter gelitten hatte. Mehrere Generationen Frauen, die nie ausgesprochen haben, was geschehen war und sich nun in diesem Buch ihrer Vergangenheit stellen.

Nadja Spiegelman ist die Tochter von Art Spiegelman, der seinerseits für „Maus“ den Pulitzer Prize gewonnen hat, einem Comic, der ebenfalls die Familiengeschichte erzählt. In diesem Kontext ist es nicht mehr ganz so verwunderlich, dass eine junge Frau eine doch schmerzliche Biographie ihrer Mutter vorlegt, die noch lebt und sich ihrer eigenen Geschichte stellen muss. Dadurch, dass Spiegelman die Lebensgeschichte mit ihrer eigenen verwebt, zeigt sie immer wieder Parallelen zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart auf, die auch durch unterschiedliche Länder und Zeiten stabil sind.

Vieles in Spiegelmans Familiengeschichte ist auch für den Leser schmerzlich und man fragt sich, wie Familienmitglieder auf diese Weise miteinander umgehen können. Vor allem das wiederkehrende Motiv der Mütter, ihre Töchter auf ihr Aussehen und ihre Essgewohnheiten zu reduzieren ist augenfällig. Auch die Dichotomie zwischen Öffentlichkeit und Privatheit, wenn es um den Körper geht, fand ich eher seltsam gelöst in der Familie, was auch zu erheblicher Unsicherheit der jungen Frauen führte. Vor allem Françoise leidet unter der Ablehnung und fehlenden Zuneigung ihrer Mutter. Die ältere Schwester wurde immer bevorzugt, was die jüngere durch extreme Leistungen versucht zu kompensieren, um so Aufmerksamkeit zu erringen.

Ein weiterer Aspekt der Erzählung schwebt über dem gesamten Bericht und stellt vieles immer wieder in Frage: wie historisch korrekt sind die Erinnerungen, die die Menschen haben? Haben sich die Ereignisse wirklich so zugetragen oder wird durch die Zeit und die eigene Perspektive das Erlebte verfälscht und fügt sich zu einem stimmigen Bild, das womöglich gar nicht der Realität entspricht? Immer wieder steht Nadja vor diesem Problem: Einzelne Aspekte passen zeitlich und örtlich nicht, das Gesamtbild ist nicht stimmig und Mutter und Großmutter erinnern dasselbe Ereignis gänzlich verschieden. An dieser Stelle stritt Erzählen an Erinnern – dies kann versöhnen und das eigene Leben für die jeweilige Person erträglicher machen.