Carrie Blake – The Woman Before You

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Carrie Blake – The Woman Before You

Isabel Archer is the typical girl from the Midwest. Having grown up only with her mother, she has high hopes and big plans for the time after school. She dreams of a career as an actress in New York, but soon finds herself rejected in every audition and due to lack of money selling mattresses. The only moment when she can still take over a role is when she dates men she finds on Tinder. When she meets Matthew, things change, she is immediately attracted by him and definitely wants more. Matthew, too, has some kind of liking for her, but first of all, his boss needs a woman to support him in the little jobs he does for him. Isabel could be the perfect partner for these strange little games. But soon not only Isabel has to asks herself who is playing games with whom.

Carrie Blake’s debut novel starts quite interestingly and I immediately could indulge in it. However, I quickly had the impression to find some kind of prop and cliché I had read many times before. Even though Isabel was described in the first chapters as a young, intelligent and aspiring woman, she then is reduced to the dumb girl waiting for the boy to call her. She loses all her independence and there is a huge lack of motivation for whatever. From the attractive woman she turns into a pretty facade with nothing behind it. Matthew however, is simply a handsome and ruthless man who is the marionette of his boss without any will of his own.

Thus, I was a bit disappointed in the two protagonists who tell the story alternatingly. The plot itself has variations of “How do I seduce her without having actual intercourse” which was a bit too much for my liking of a thriller. I missed the real thrill and suspense since most of what happens is quite foreseeable as it is based on just a few pieces of information.

All in all, I was quite deceived by it, since most of the plot seems to be a pretext for having the characters go to bed and it strongly reminded me of “50 Shades of Grey” in the setting and character make-up.

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Carol Rifka Brunt – Sag den Wölfen, ich bin zu Hause

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Carol Rifka Brunt – Sag den Wölfen, ich bin zu Hause

Er weiß, dass er nicht mehr lange leben wird; die Krankheit, die er hat, hat zwar inzwischen einen Namen, aber man ist noch weit davon entfernt, ihren tödlichen Verlauf abbremsen oder gar aufhalten zu können. Noch ein letztes Bild will der Maler Finn erschaffen, von seinen beiden geliebten Nichten Greta und June. New York Mitte der 80er Jahre. Dass ihr Onkel sich mit AIDS infiziert hat, weiß June lange Zeit nicht, es ist auch egal, sie liebt ihn abgöttisch. Und wenn sie nicht die Zeit bei ihm verbringt, streift sie durch die Wälder der Vorstadt. Doch mit dem Tod Finns ist da eine Leere, die sie mit nichts füllen kann. Bis sie Nachrichten erhält. Toby, Finns Lebensgefährte, den sie nie kennenlernen durfte, denn ihm geben ihre Eltern die Schuld an Finns Krankheit. Die gemeinsame Trauer verbindet sie und eine zarte Freundschaft im Verborgenen entsteht.

Carol Rifka Brunts Debutroman, der im den USA mit Lobeshymnen überschüttet wurde, ist ein leiser Roman, der die Nuancen der teils widersprüchlichen, teils harten Gefühle im Umgang mit Verlust und Trauer, aber auch mit AIDS in unglaublicher Weise umzusetzen vermag. Auch wenn das Thema Sterben im Vordergrund steht, haucht sie ihren Figuren so viel Leben ein, dass sie authentisch und glaubwürdig wirken und keinerlei Spuren von Stereotypen oder Klischees aufweisen.

Der Umgang mit AIDS war in den 1980ern, als man wenig darüber wusste und lediglich die Bedrohung wahrgenommen hat, alles andere als entspannt. Dies zeichnet die Autorin im Roman überzeugend nach, die Verzweiflung ob der Hilflosigkeit schlägt in Hass und Ablehnung um, was sich alles in der Figur Toby sammelt. Dieser hat gar keine Chance als Mensch wahrgenommen zu werden, zu stark ist die Projektion der Krankheit auf ihn. Erst durch die langsame Annäherung mit June entfaltet er sein Wesen, das von einer unheimlichen Zerbrechlichkeit ist und die Empathie für ihn nur noch verstärkt.

Aber es ist auch ein Coming-of-Age Roman, in dem ein junges Mädchen erwachsen werden, sich von den Eltern lösen muss und gezwungen wird, Position zu beziehen. Der Verlust eines geliebten und nahestehenden Menschen stößt diesen Prozess an, sie ist am Ende nicht mehr das Mädchen, das sich unbekümmert in den Wald in ihre Traumwelt flüchten kann. Innerhalb nur weniger Wochen werden alle Beziehungen auf eine Probe gestellt und sie müssen eine neue Basis finden, auf der sie weiterhin funktionieren können.

Die Autorin hat eine poetische Sprache gefunden, die sowohl zu den Gesprächen über Kunst wie auch zu den Empfindungen in der Natur passt und diese mit vielen Zwischentönen wiedergibt. Dieser leise und feinfühlige Ton gleitet durch die Handlung und unterstreicht die feinsinnige Figurenzeichnung.

Ein rundum gelungener Roman, den man nach dem Lesen nicht einfach weglegt, sondern der noch nachwirkt.

Nadja Spiegelman – Was nie geschehen ist

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Nadja Spiegelman – Was nie geschehen ist

Die Geschichte ihrer Familie, genauer gesagt, die Geschichte ihrer Mutter und ihrer Großmutter hat Nadja schon immer fasziniert, zu viele weiße Stellen, Ungereimtheiten und unglaubliche Begebenheiten hat sie gehört, weshalb sie als Erwachsene beginnt, nachzufragen, zu forschen und sie aufzuschreiben. Entstanden ist das Bild einer Frau, die nie geliebt wurde, die Außenseiterin in der eigenen Familie war und früh die Flucht ergriffen hat. Doch es gibt auch eine andere Seite, die Geschichte der Großmutter, die ebenfalls unter ihrer eigenen exzentrischen Mutter gelitten hatte. Mehrere Generationen Frauen, die nie ausgesprochen haben, was geschehen war und sich nun in diesem Buch ihrer Vergangenheit stellen.

Nadja Spiegelman ist die Tochter von Art Spiegelman, der seinerseits für „Maus“ den Pulitzer Prize gewonnen hat, einem Comic, der ebenfalls die Familiengeschichte erzählt. In diesem Kontext ist es nicht mehr ganz so verwunderlich, dass eine junge Frau eine doch schmerzliche Biographie ihrer Mutter vorlegt, die noch lebt und sich ihrer eigenen Geschichte stellen muss. Dadurch, dass Spiegelman die Lebensgeschichte mit ihrer eigenen verwebt, zeigt sie immer wieder Parallelen zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart auf, die auch durch unterschiedliche Länder und Zeiten stabil sind.

Vieles in Spiegelmans Familiengeschichte ist auch für den Leser schmerzlich und man fragt sich, wie Familienmitglieder auf diese Weise miteinander umgehen können. Vor allem das wiederkehrende Motiv der Mütter, ihre Töchter auf ihr Aussehen und ihre Essgewohnheiten zu reduzieren ist augenfällig. Auch die Dichotomie zwischen Öffentlichkeit und Privatheit, wenn es um den Körper geht, fand ich eher seltsam gelöst in der Familie, was auch zu erheblicher Unsicherheit der jungen Frauen führte. Vor allem Françoise leidet unter der Ablehnung und fehlenden Zuneigung ihrer Mutter. Die ältere Schwester wurde immer bevorzugt, was die jüngere durch extreme Leistungen versucht zu kompensieren, um so Aufmerksamkeit zu erringen.

Ein weiterer Aspekt der Erzählung schwebt über dem gesamten Bericht und stellt vieles immer wieder in Frage: wie historisch korrekt sind die Erinnerungen, die die Menschen haben? Haben sich die Ereignisse wirklich so zugetragen oder wird durch die Zeit und die eigene Perspektive das Erlebte verfälscht und fügt sich zu einem stimmigen Bild, das womöglich gar nicht der Realität entspricht? Immer wieder steht Nadja vor diesem Problem: Einzelne Aspekte passen zeitlich und örtlich nicht, das Gesamtbild ist nicht stimmig und Mutter und Großmutter erinnern dasselbe Ereignis gänzlich verschieden. An dieser Stelle stritt Erzählen an Erinnern – dies kann versöhnen und das eigene Leben für die jeweilige Person erträglicher machen.

Mark Sarvas – Memento Park

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Mark Sarvas – Memento Park

Matt Santos is standing in an auction hall, looking at a picture, Budapest Street Scene by Ervin Kálmán. It will be sold the next day and he is ruminating about how this picture came to let him know more about his family than he ever did before and how it changed his life completely. His father had warned him about it, told him to let go, not to pursue the case any further, but he wouldn’t listen. So he is standing there on his own, alone, with his thoughts about his ex-girl-friend Tracy, whom he still loves, his lawyer Rachel, who helped him to get hold of the picture, and about his now deceased father.

Memento Park is not easy to summarise. It’s a novel about art, Jewish art in Nazi Europe; it’s about a complicated father-son relationship; it’s a story about people leaving their past behind and burying it down in the back of their minds after emigration; it’s about love and trust, and about religion and the faith you have and to what extent this creates your identity.

Matt is the child of Jewish family who suffered in Budapest under the Nazis, yet he doesn’t know anything about it. Even though he was never told anything about his family’s history, it lives on in him and through the relationship with his father. A father who does not seem to be loving or at least a bit affectionate. He is always distant and until the very end, Matt doesn’t understand why and he never asked. To me, this is the central aspect of the novel, even though I found the Kálmán story, his life and word, even though completely fictional but close to the stories of some artists of that time, also interesting.

Mark Sarvas chose an interesting title for his novel, “Memento Park” is the name of a location in Budapest where all the statues of former communist grandees are exhibited. It’s a way of dealing with the past, neither hiding nor ignoring it, but giving it a place where you can confront it; it’s just a part of life and it helped to shape – here to town and country – but also you as a person. In this way, there are more layers to the novel which make it a great reading experience.

Lisa Halliday – Asymmetry

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Lisa Halliday – Asymmetry

When he first sees her, author Ezra Blazer falls for Alice, a young woman working at a publishing house. Their lives could not be more different, just as the age and the experiences they have. But nevertheless, their love develops slowly and again and again, Alice is astonished by Ezra’s generosity and affection. However, when it comes to his friends, Alice is not presented as his partner; she is just someone he works with, he even invents a new name for her. In Halliday’s second chapter, we meet Amar, a young American of Iraqi origin who is detained at Heathrow Airport and waiting to be released to spend a couple of hours with a friend before boarding anew and travel to his parents’ home country. In the very last chapter, we meet Ezra again, being interviewed and talking about his love for music and women.

Looking at the novel as a whole is simply impossible. The three parts differ so much that I simply cannot talk about them in general. I liked the first part about Alice’s and Ezra’s love most. The way it develops is quite classy, you get to know Ezra as an elderly artist who downright courting Alice, on the one hand, by offering small and large presents and introducing her to his world of art. On the other hand, however, he is not only older but also more powerful, he dictates the rules of their partnership; they are never equals, she is dependent on his kindness and willingness to see her. When he comes up with the ridiculous idea of giving her a new name and resenting her just as a woman he works with but not as a friend, she obviously feels offended, but nonetheless accepts his wish. There is a clear asymmetry in their relationship.

This asymmetry in power is also present in the second part where Amar is fully dependent on the British authorities who seem to act rather arbitrarily. He is kept waiting for hours, never knowing what is going to happen next, if he will ever be granted access to the country or what they accuse him of actually. If he started questioning their procedure, he’d only risk setting them against him and thus reducing his chances of leaving the airport. While waiting, Amar is left alone with his thoughts and memories, memories of long gone love stories, but also memories of Iraq and the war that has been raging there for years and the shifting powers depending on who is in charge.

In the last part, Ezra reappears, now in the role as interviewee. Again, he shows his charms in talking to the young female journalist with whom he flirts openly. Interestingly, she has a plan for the interview but has to give it up and to follow his rules. Another case of asymmetry.

Lisa Halliday really knows how to captivate the reader. Her story is exceptionally well constructed; the fine imbalances are never addressed openly but present throughout the narration. She easily enthralled me and kept me reading on.

Chloe Benjamin – The Immortalists

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Chloe Benjamin – The Immortalists

In summer 1969, the four Gold kids are still young. Varya is only 13, Daniel 11, Klara 9 and Simon just 7. It is the last summer they spend together before the eldest do not want to play with younger ones anymore. But it is also the summer that will change their lives and determine their fates. Having eavesdropped a couple of boys they head to a house where a gipsy woman is telling the future. The kids all just have one question: when will I die? They each get an answer, an exact date. But instead of just laughing and forgetting about it and not taking it seriously, this information will always loom over them.

The novel received a lot of attention and was highly acclaimed before being published. What starts as a story about four kids and a strange prediction, turns into one of the best novels of the last years. After the opening scene, Chloe Benjamin tells the siblings‘ stories, starting with the youngest who is predicted to die first. Each has a singular life, an interesting character and their story blends perfectly with societal developments of their times. Not only a cleverly constructed plot, but also relevant questions about what is important in life, how much do family bonds count and how free are you in shaping your life -and what is determined by fate?

You always wait in a story staring with the presentation of a group of characters for who will turn out to be the most intriguing, the most interesting and the one with the biggest crisis. Benjamin treats the four kids equally. Astonishingly, the moment when each is taking over, he or she becomes really the centre, the focus of everything. Thus, we do not get the development if the others which makes a lot of secrets revealed only later as well as many situations being judged from one perspective when there are actually several points of view which allow you to see a situation also in a completely different way.

The story is often sad, full of despair and emotion. It is hard to say how Benjamin makes you completely indulge in it, but you feel with the characters, you can sense their loss and thus get a wonderful novel to read. Exceptional writing paired with a cleverly constructed novel, carefully drawn characters and the smooth insertion of important topics – is there anything more a reader could wish for?

Stuart Nadler – Die Unzertrennlichen

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Stuart Nadler – Die Unzertrennlichen

Eine Familie, drei Frauen, dreimal Probleme mit Männern: Henrietta Olyphant, die Großmutter, einst erfolgreiche Feminismus-Dozentin und Autorin, hat vor knapp einem Jahr ihren Mann verloren und muss nun das Haus verlassen, in dem sie über 40 Jahre gelebt haben und wo ihre Tochter zur Welt kam. Die Trauer überwiegt alles bis sie plötzlich mit Dingen konfrontiert wird, die das Bild von ihrem Mann gehörig ins Wanken bringen. Oona ist gerade wieder bei ihrer Mutter eingezogen, da sie sich von ihrem Mann Spencer trennen will. Als erfolgreiche Chirurgin kann sie nicht länger mit ansehen, wie er dauerbekifft seine Tage in Unproduktivität verbringt. Als der Paartherapeut ihr Avancen macht, scheint ein Neuanfang möglich. Die Jüngste im Bunde, Lydia, ist ebenfalls auf dem Weg nach Hause, weg aus ihren Luxusinternat, wo gerade ein Nacktbild von ihr die Runde macht, das ihr vermeintlicher Freund von ihrem Handy geklaut und verbreitet hat. So finden sie sich zusammen, jede mit ihren ganz eigenen Problemen und der Erkenntnis, dass sie einander mehr brauchen als sie dachten.

Was womöglich nach einem sehr seichten Frauenbuch klingt, ist tatsächlich ein wahrer erzählerischer Schatz, den man ob des unsäglich aussagelosen Covers leicht übersehen könnte – was vermutlich auch der Fall ist, denn mir ist der Roman bislang selten begegnet. Dabei hat der Roman wirklich viele Leser verdient, ist er doch die perfekte Symbiose aus ernsthafter Thematik, die in ihrer Komplexität auch überzeugend herausgestellt wird, und einem leichten, oftmals geradezu komischen Erzählton.

Die drei Frauenfiguren sind miteinander verwandt, damit hören die Gemeinsamkeiten aber auch schon auf. Sie zeichnen sich jeweils als recht typische Vertreterinnen ihrer Generation aus ohne dabei stereotyp zu werden. Henrietta erscheint zunächst als klassische Großmutter, die ihren Beruf und Karriereträume für den Mann und die Familie geopfert hatte, weil es die Gesellschaft so von ihr erwartete. So einfach ist der Fall jedoch nicht. Es ist ihr gar nicht so schwergefallen, New York und die Universität zu verlassen und ein ganz anderes Leben zu leben als sie geplant hatte. Die Tatsache, dass sie als junge Frau ein Buch über den weiblichen Körper mit expliziten Zeichnungen veröffentlichte, das immer noch nachgefragt wird, lässt sie in einem interessanten Licht erscheinen. Heute ist ihr das Buch peinlich, vor allem gegenüber ihrer Tochter und Enkelin.

Letztere wiederum amüsiert sich geradezu über die großmütterliche Scham, hat sie im Internet schon weitaus Eindeutigeres gesehen. Das mindert aber in keiner Weise die Scham, die sie selbst empfindet ob der von ihr verbreiteten Fotos. Auch sie steckt in einem Zwiespalt, denn eigentlich mag sie Charlie, auch jetzt noch, obwohl er sie hintergangen hat. Auch hier wieder der Fall eines Mädchens, das in eine für ihre Generation recht typische Situation gerät und doch keine 08/15-Lösung sich anbietet. Zu komplex sind ihre Gefühle und die familiäre Lage mit den sich trennenden Eltern. Sie findet Unterstützung und Rat – aber sind der kiffende Vater und die gerade fremdgehende Mutter die besten Ansprechpartner in Beziehungsfragen?

Oona letztlich als Frau im mittleren Alter vereinigt ebenfalls die Komplexität von Beziehung, Familienbande und Beruf in einer Figur. Weder hasst sie ihren Noch-Mann, noch kann sie mit ihm so weiterleben. Sie will sowohl ihrer Mutter wie auch ihrer Tochter beistehen und das, wo sie selbst gerade im emotionalen Chaos steckt. Da hilft nur die sachlich-nüchterne Seite der Ärztin rauskehren, aber wenn man gerade eine Umarmung braucht, ist das auch nicht so hilfreich.

Das Buch lebt von seinen Figuren und ihren Dialogen. Sie sind Familie, da wird der Ton auch mal harsch und man mutet dem anderen mehr zu als man dies bei Fremden tun würde. Und doch: sie sind für einander da und wissen, was sie gerade brauchen. Und dabei verlieren sie auch Humor und Sarkasmus nicht. Ein in jeder Hinsicht gelungener Roman.

Jami Attenberg – Ehemänner

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Jami Attenberg – Ehemänner

Sechs Jahre schon liegt Martin im Koma. Sechs lange Jahre steht auch das Leben seiner Frau Jarvis still. Zwischen dem New Yorker Loft und dem Pflegeheim pendelt sie, darüber hinaus hat sie eigentlich kein Leben mehr, keine Bekanntschaften, die sie pflegt, keine Freundschaften. Als sie dank einer defekten Waschmaschine in einem Waschsalon auf Tony, Mal und Scott trifft, wird plötzlich der Lebensmut wieder in Jarvis geweckt. Sie findet die drei Haus- und Ehemänner spontan sympathisch und fiebert jedem Treffen entgegen. Langsam hinterfragt sie ihr gegenwärtiges Lebenskonstrukt und als sie beginnt sich um Martins künstlerische Hinterlassenschaften zu kümmern, lernt sie zu ihrem Leidwesen auch eine Seite ihres Ehemanns kennen, die ihr bis dato nicht bekannt war. Sie muss sich entscheiden: weitermachen wie bisher oder eine lebenswichtige Entscheidung treffen.

Jami Attenbergs Roman „Ehemänner“ ist bereits vor zehn Jahren erschienen, wurde jedoch jetzt erst in deutscher Übersetzung aufgelegt. Meiner Meinung nach merkt man, dass dies ihr erster Roman nach der Veröffentlichung von Kurzgeschichten war, ihr späterer Durchbruch und Erfolgsroman „The Middlesteins“ ist schon deutlich ausgereifter und im Humor subtiler. Nichtsdestotrotz erkennt man schon in diesem Roman das Potenzial der Autorin.

Dies zeigt sich vor allem in der Figurenzeichnung. Jarvis ist ein sehr eigenwilliger Charakter, der jedoch nichtsdestotrotz authentisch und lebendig wirkt. Ihre Situation ist fern von alltäglich, aber die grundsätzliche Frage, ob man in seinem Leben gefangen ist und sich ob der eigenen Passivität dem Schicksal hingibt oder den Mut besitzt, aktiv zu werden und auszubrechen, ist wiederum eine sehr weit verbreitete Problematik, der sich viele Menschen gegenübersehen. Eine kleine Begegnung, zufällig, ungeplant und kurz, bringt schließlich den Stein ins Rollen und das sorgsam aufgebaute Lebensgerüst ins Wanken. Dass dies schmerzlich sein kann, muss auch Jarvis erfahren. Jami Attenberg erspart ihrer Protagonistin nichts, der Ausbruch geht nicht ohne Leiden und Schrammen vonstatten – aber so ist das Leben und das hat die Autorin eingefangen.

Einmal mehr konnte sie mich Jami Attenberg jedoch vor allem mit der Atmosphäre überzeugen, die sie in ihrem Roman schafft. Man taucht in New York bzw. Williamsburg ein, spürt den Puls der Stadt, die jüdische und von Künstlern geprägte Umgebung, die ihren ganz eigenen Rhythmus lebt. Überhaupt hat sie für mein Empfinden speziell die kleine und recht überschaubare Artistenszene sehr glaubwürdig dargestellt: der Neid und Egoismus, mit dem die Karrieren verfolgt werden; Freundschaften und Beziehungen, die dem Erfolg untergeordnet werden. Auf der anderen Seite aber auch die noch erfolglosen Tingler wie die Ehemänner aus dem Waschsalon, die sich dank des Einkommens der Partnerinnen oder kleinerer Jobs über Wasser halten, bis vielleicht irgendwann der Durchbruch kommt – oder auch nicht. Das alles lebt von Jami Attenbergs Ausdruckstalent, bemerkenswert wie sie immer wieder kuriose Vergleiche und treffende Formulierungen findet, um die Dinge auf den Punkt zu bringen.

Auch wenn für mich das Ende nicht ganz überzeugend ist, ein lesenswerter Roman über eine Frau am Scheideweg ihres Lebens.

Salman Rushdie – The Golden House

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Salman Rusdie – The Golden House

When the new neighbours move in, René immediately declares them his object of study and protagonists of the film he is going to make. The Golden family are simply fascinating, the father Nero and his three sons Petya, Apu and D. Interestingly, all carry ancient Roman names even though they obviously come from India. There must be more they are hiding. Their male idyll is threatened when Vasilisa shows up, the father’s new Russian lover. When René’s parents die in an accident, the Goldens become his replacement family and he moves in with them which gives him the opportunity to study them from much closer. The more time he spends with them, the more secrets are revealed and finally, he himself becomes a part of the family secret. Yet, the past the Goldens wanted to flee from catches up and they have to pay for what they thought they could leave behind them.

Salman Rushdie is well known for his politically loaded novels which never go unnoticed. Again, his latest novel puts the finger in a wound, this time the American and the question which played a major role in the 2016 presidential election: who is a true American and what makes you and American? Apart from this, in “The Golden House” the supervillain The Joker wins the election which is not very promising for the nation.

Even though there is an obvious political message, this hides behind the family story of the Goldens. Here, unfortunately, I had expected much more. Admittedly, the four men are drawn with noteworthy features and fates and to follow their struggles after settling in the USA is far from uninteresting, but it also is not as fascinating and remarkable as I had expected. It is the chronicles of an immigration family, not less, but also not more. Their numerous secrets can create some suspense, however, much of it is too obvious to really excite.

Where Salman Rushdie can definitely score is in the side notes:

True is such a twentieth-century concept. The question is, can I get you to believe it, can I get it repeated enough times to make it as good as true. The question is, can I lie better than the truth.“ (Pos. 3380) and

“You need to become post-factual. – Is that the same as fictional? – Fiction is élite. Nobody believes it. Post-factual is mass market, information-age, troll generated. It’s what people want. “(Pos. 3390)

These are the times we are living in. Truth is created by the ruling classes and repeated as often as necessary until the people believe it. It is even better than fiction. This should definitely make us think about our consumption of media and question the producers of the news.

I appreciate Rushdie’s capacity of formulating to the point, the masses of references to novels and films are also quite enticing, at least they show that Rushdie himself in fully immersed in the western culture, but, nevertheless, I missed something really captivating in the novel. It was somehow pleasant to read, but not as remarkable as expected.

Paul Auster – Nacht des Orakels

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Paul Auster – Nacht des Orakels

Der Schriftsteller Sidney Orr erinnert sich an neun Tage im September 1982, die sein Leben nachhaltig verändern sollten. Gerade von einer sehr schweren Erkrankung genesen, erwirbt er am Vormittag des 18.9.1982 in einem wundersamen Schreibwarenladen in Brooklyn ein neues Notizheft. Sobald er dieses öffnet, fließen die Geschichten nur so aus ihm heraus, unter anderem die um Nick Bowen, einem Literaturagenten, den das Lesen des Manuskripts „Nacht des Orakels“ dazu veranlasst, sein bisheriges Leben hinter sich zu lassen. Doch Sidney Orr führt seinen Protagonisten in eine Sackgasse und eine neue Schreibblockade droht. Er möchte ein weiteres Schreibheft erwerben, doch der Laden ist nur 48 Stunden später verschwunden. Nicht nur seine beruflichen Sorgen, eng gekoppelt mit den finanziellen Nöten nach seiner langen Erkrankung, sondern auch das Verhalten seiner Frau Grace, die unvermittelt in Tränen ausbricht, dann plötzlich für einen ganzen Tag verschwindet, bereiten ihm Kopfzerbrechen. Sein alter Freund John Trause könnte ihm mentale Unterstützung bieten, doch dieser ist ebenfalls krank und der Ärger um seinen Sohn nimmt ihn gänzlich in Beschlag und plötzlich überschlagen sich die Ereignisse. Nur 10 Tage nach der Entdeckung des geheimnisvollen Schreibhefts muss Sidney feststellen, dass in seinem Leben nichts mehr ist wie am Morgen des 18. September.

Paul Auster hat seinen Roman 2003 veröffentlicht und greift scheinbar in vielerlei Hinsicht auf biografische Elemente zurück. Die Handlung ist in Brooklyn angesiedelt, wo auch Auster lebt. Der Protagonist ist ein Autor wie Auster selbst, der nicht nur Romane veröffentlicht, sondern gelegentlich auch für den Film arbeitet; in den Figuren Trause (ein Anagramm von „Auster“) und Grace lassen sich Parallelen zu Auster selbst und zu seiner Frau Siri Hustvedt finden; Trauses Sohn ist drogenabhängig und kriminell ebenso wie Austers Sohn.

Interessant wir „Nacht des Orakels“ durch die vielfache Verschachtelung. Das Manuskript zum gleichnamigen Buch wird einer Figur überlassen, die sich der Protagonist ausdenkt – es gibt ein Buch im Buch im Buch. Auf allen drei Ebenen erleben die Figuren Zufälle, die ihr Leben tiefgreifend verändern und, noch viel bedeutender, es kommt zu ungewollten Prophezeiungen, deren Realisierung sie ins Unglück stürzt.

Austers Erzählstil hat einen hohen Wiederkennungswert, wer andere Bücher von ihm mochte, wird auch viel mit „Nacht des Orakels“ anfangen können. Es ist noch nicht so weit wie das 2017 erschienene Epos „4 3 2 1“, das sowohl in Konstruktion, Handlung und vor allem Figurenzeichnung deutlich komplexer geraten ist, kann aber gerade auch in der Hörbuchfassung von Jan-Josef Liefers vorgetragen, überzeugen und sehr gut unterhalten.