Jami Attenberg – Ehemänner

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Jami Attenberg – Ehemänner

Sechs Jahre schon liegt Martin im Koma. Sechs lange Jahre steht auch das Leben seiner Frau Jarvis still. Zwischen dem New Yorker Loft und dem Pflegeheim pendelt sie, darüber hinaus hat sie eigentlich kein Leben mehr, keine Bekanntschaften, die sie pflegt, keine Freundschaften. Als sie dank einer defekten Waschmaschine in einem Waschsalon auf Tony, Mal und Scott trifft, wird plötzlich der Lebensmut wieder in Jarvis geweckt. Sie findet die drei Haus- und Ehemänner spontan sympathisch und fiebert jedem Treffen entgegen. Langsam hinterfragt sie ihr gegenwärtiges Lebenskonstrukt und als sie beginnt sich um Martins künstlerische Hinterlassenschaften zu kümmern, lernt sie zu ihrem Leidwesen auch eine Seite ihres Ehemanns kennen, die ihr bis dato nicht bekannt war. Sie muss sich entscheiden: weitermachen wie bisher oder eine lebenswichtige Entscheidung treffen.

Jami Attenbergs Roman „Ehemänner“ ist bereits vor zehn Jahren erschienen, wurde jedoch jetzt erst in deutscher Übersetzung aufgelegt. Meiner Meinung nach merkt man, dass dies ihr erster Roman nach der Veröffentlichung von Kurzgeschichten war, ihr späterer Durchbruch und Erfolgsroman „The Middlesteins“ ist schon deutlich ausgereifter und im Humor subtiler. Nichtsdestotrotz erkennt man schon in diesem Roman das Potenzial der Autorin.

Dies zeigt sich vor allem in der Figurenzeichnung. Jarvis ist ein sehr eigenwilliger Charakter, der jedoch nichtsdestotrotz authentisch und lebendig wirkt. Ihre Situation ist fern von alltäglich, aber die grundsätzliche Frage, ob man in seinem Leben gefangen ist und sich ob der eigenen Passivität dem Schicksal hingibt oder den Mut besitzt, aktiv zu werden und auszubrechen, ist wiederum eine sehr weit verbreitete Problematik, der sich viele Menschen gegenübersehen. Eine kleine Begegnung, zufällig, ungeplant und kurz, bringt schließlich den Stein ins Rollen und das sorgsam aufgebaute Lebensgerüst ins Wanken. Dass dies schmerzlich sein kann, muss auch Jarvis erfahren. Jami Attenberg erspart ihrer Protagonistin nichts, der Ausbruch geht nicht ohne Leiden und Schrammen vonstatten – aber so ist das Leben und das hat die Autorin eingefangen.

Einmal mehr konnte sie mich Jami Attenberg jedoch vor allem mit der Atmosphäre überzeugen, die sie in ihrem Roman schafft. Man taucht in New York bzw. Williamsburg ein, spürt den Puls der Stadt, die jüdische und von Künstlern geprägte Umgebung, die ihren ganz eigenen Rhythmus lebt. Überhaupt hat sie für mein Empfinden speziell die kleine und recht überschaubare Artistenszene sehr glaubwürdig dargestellt: der Neid und Egoismus, mit dem die Karrieren verfolgt werden; Freundschaften und Beziehungen, die dem Erfolg untergeordnet werden. Auf der anderen Seite aber auch die noch erfolglosen Tingler wie die Ehemänner aus dem Waschsalon, die sich dank des Einkommens der Partnerinnen oder kleinerer Jobs über Wasser halten, bis vielleicht irgendwann der Durchbruch kommt – oder auch nicht. Das alles lebt von Jami Attenbergs Ausdruckstalent, bemerkenswert wie sie immer wieder kuriose Vergleiche und treffende Formulierungen findet, um die Dinge auf den Punkt zu bringen.

Auch wenn für mich das Ende nicht ganz überzeugend ist, ein lesenswerter Roman über eine Frau am Scheideweg ihres Lebens.

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Salman Rushdie – The Golden House

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Salman Rusdie – The Golden House

When the new neighbours move in, René immediately declares them his object of study and protagonists of the film he is going to make. The Golden family are simply fascinating, the father Nero and his three sons Petya, Apu and D. Interestingly, all carry ancient Roman names even though they obviously come from India. There must be more they are hiding. Their male idyll is threatened when Vasilisa shows up, the father’s new Russian lover. When René’s parents die in an accident, the Goldens become his replacement family and he moves in with them which gives him the opportunity to study them from much closer. The more time he spends with them, the more secrets are revealed and finally, he himself becomes a part of the family secret. Yet, the past the Goldens wanted to flee from catches up and they have to pay for what they thought they could leave behind them.

Salman Rushdie is well known for his politically loaded novels which never go unnoticed. Again, his latest novel puts the finger in a wound, this time the American and the question which played a major role in the 2016 presidential election: who is a true American and what makes you and American? Apart from this, in “The Golden House” the supervillain The Joker wins the election which is not very promising for the nation.

Even though there is an obvious political message, this hides behind the family story of the Goldens. Here, unfortunately, I had expected much more. Admittedly, the four men are drawn with noteworthy features and fates and to follow their struggles after settling in the USA is far from uninteresting, but it also is not as fascinating and remarkable as I had expected. It is the chronicles of an immigration family, not less, but also not more. Their numerous secrets can create some suspense, however, much of it is too obvious to really excite.

Where Salman Rushdie can definitely score is in the side notes:

True is such a twentieth-century concept. The question is, can I get you to believe it, can I get it repeated enough times to make it as good as true. The question is, can I lie better than the truth.“ (Pos. 3380) and

“You need to become post-factual. – Is that the same as fictional? – Fiction is élite. Nobody believes it. Post-factual is mass market, information-age, troll generated. It’s what people want. “(Pos. 3390)

These are the times we are living in. Truth is created by the ruling classes and repeated as often as necessary until the people believe it. It is even better than fiction. This should definitely make us think about our consumption of media and question the producers of the news.

I appreciate Rushdie’s capacity of formulating to the point, the masses of references to novels and films are also quite enticing, at least they show that Rushdie himself in fully immersed in the western culture, but, nevertheless, I missed something really captivating in the novel. It was somehow pleasant to read, but not as remarkable as expected.

Paul Auster – Nacht des Orakels

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Paul Auster – Nacht des Orakels

Der Schriftsteller Sidney Orr erinnert sich an neun Tage im September 1982, die sein Leben nachhaltig verändern sollten. Gerade von einer sehr schweren Erkrankung genesen, erwirbt er am Vormittag des 18.9.1982 in einem wundersamen Schreibwarenladen in Brooklyn ein neues Notizheft. Sobald er dieses öffnet, fließen die Geschichten nur so aus ihm heraus, unter anderem die um Nick Bowen, einem Literaturagenten, den das Lesen des Manuskripts „Nacht des Orakels“ dazu veranlasst, sein bisheriges Leben hinter sich zu lassen. Doch Sidney Orr führt seinen Protagonisten in eine Sackgasse und eine neue Schreibblockade droht. Er möchte ein weiteres Schreibheft erwerben, doch der Laden ist nur 48 Stunden später verschwunden. Nicht nur seine beruflichen Sorgen, eng gekoppelt mit den finanziellen Nöten nach seiner langen Erkrankung, sondern auch das Verhalten seiner Frau Grace, die unvermittelt in Tränen ausbricht, dann plötzlich für einen ganzen Tag verschwindet, bereiten ihm Kopfzerbrechen. Sein alter Freund John Trause könnte ihm mentale Unterstützung bieten, doch dieser ist ebenfalls krank und der Ärger um seinen Sohn nimmt ihn gänzlich in Beschlag und plötzlich überschlagen sich die Ereignisse. Nur 10 Tage nach der Entdeckung des geheimnisvollen Schreibhefts muss Sidney feststellen, dass in seinem Leben nichts mehr ist wie am Morgen des 18. September.

Paul Auster hat seinen Roman 2003 veröffentlicht und greift scheinbar in vielerlei Hinsicht auf biografische Elemente zurück. Die Handlung ist in Brooklyn angesiedelt, wo auch Auster lebt. Der Protagonist ist ein Autor wie Auster selbst, der nicht nur Romane veröffentlicht, sondern gelegentlich auch für den Film arbeitet; in den Figuren Trause (ein Anagramm von „Auster“) und Grace lassen sich Parallelen zu Auster selbst und zu seiner Frau Siri Hustvedt finden; Trauses Sohn ist drogenabhängig und kriminell ebenso wie Austers Sohn.

Interessant wir „Nacht des Orakels“ durch die vielfache Verschachtelung. Das Manuskript zum gleichnamigen Buch wird einer Figur überlassen, die sich der Protagonist ausdenkt – es gibt ein Buch im Buch im Buch. Auf allen drei Ebenen erleben die Figuren Zufälle, die ihr Leben tiefgreifend verändern und, noch viel bedeutender, es kommt zu ungewollten Prophezeiungen, deren Realisierung sie ins Unglück stürzt.

Austers Erzählstil hat einen hohen Wiederkennungswert, wer andere Bücher von ihm mochte, wird auch viel mit „Nacht des Orakels“ anfangen können. Es ist noch nicht so weit wie das 2017 erschienene Epos „4 3 2 1“, das sowohl in Konstruktion, Handlung und vor allem Figurenzeichnung deutlich komplexer geraten ist, kann aber gerade auch in der Hörbuchfassung von Jan-Josef Liefers vorgetragen, überzeugen und sehr gut unterhalten.

Shari Lapena – A Stranger in the House

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Shari Lapena – A Stranger in the House

When Tom Krupp comes home late that evening, he is astonished: the door is not locked. And his wife apparently is in the middle of cooking. Her cell phone and her handbag are there, but where is Karen? When none of their friends have heard anything of her either, he calls the police who seem to be at his house immediately: there was an awful accident and the victim could be his wife. Tom is preoccupied and relaxed at the same time. But just as the police he wonders what his wife was doing in that part of town. When a couple of days later a dead body is discovered, Karen’s accident and the murder are quickly linked. Yet, the woman cannot remember anything from that day, she’s suffering from amnesia since the accident. More and more evidence hints at her and Tom has to find out that his wife is everything but not the woman he thought she was. However, he does not know yet that the real danger might come from somewhere completely different.

I already liked Shari Lapena’s first novel “The couple next door”, but “A stranger in the House” is much more thrilling and elaborate than her first book. First of all, there is so much the characters hide and only reveal when they are forced to. All of them have their secrets, some minor, some major, and this keeps you alert all the time. Especially since you never know whom you can actually trust.

First of all Karen. It is obvious quite from the start that she has some buried secrets from her past and that she deliberately lied to her husband. Nevertheless, she is good at playing roles – also with the reader so until the very last pages. You cannot be sure of who she is and what she is capable of. Second comes Tom. He seems to be a nice and trustful guy, easy to delude perhaps. I was taken by surprise that he also has something kept from his wife which will play a major role in the development of the case. Third Brigid, their neighbour and close friend of Karen. I didn’t like her from the start. She is that nosy observer across the street who is meddling all the time and sticking her nose in other people’s matters. That her role takes some interesting turn came rather as a surprise to me.

Even though the reader gets a much better picture of what happened than the police, there is still enough in the dark to keep you from knowing for sure. Since there were so many unexpected twists and turns, I wasn’t completely certain what to believe was the truth until the very end. The plot was cleverly constructed and to me absolutely convincing in all respects.

To sum up, a thriller which keeps you alert and reading on.

Joshua Cohen – Moving Kings

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Joshua Cohen – Moving Kings

David King is the head of “King’s Moving“, a New York based family business specialised in moving homes. Couples moving in together, couples going separate ways. David and his wife Bonnie also separated, their daughter Tammy wastes his father’s money and his secretary Ruth now manages not only the office but all of David’s life. There is just one thing she cannot help him with: David’s cousin from Israel asked him to welcome her son Yoav for some time. He just came out of the IDF and like all the others, needs some travelling to forget the years in the army. David has only met Yoav once many years ago when he spent a couple of hours with his family in Jerusalem. But he is sure to offer the young man exactly what he needs, not taking into account what serving in one of the world’s toughest armies means.

Joshua Cohen’s novel appears in the beginning to be some lightweight and funny story about making business in New York and knowing (or rather: not knowing) the rules of conduct among the super-rich. David is not the classic businessman who knows his way around the upper class, he disposes of some cleverness which helped him to set up his business, but he is not really familiar with the codes. The same applies to his visit in Israel a couple of years earlier. As a Jew, he feels like having to know the historic sites in Israel but cannot connect anything with the places – just like his cousin who shows him around. When family duty calls, in form of accommodating young Yoav, he does not hesitate to fulfil the wish.

However, with the appearance of Yoav, the novel changes its tone. It is not the humorous atmosphere which prevails now, but a rather despairing and depressive mood that comes from Yoav and takes over. Having served three years in the IDF did not go without scars for him. He was in a special unit which was of no special use in peaceful times but well equipped for the emergency. Now as a civilian, he has serious problems integrating into normal life. He can only accomplish small tasks every day and spends most of his time on the couch doing nothing. He can hardly cope with being alive, not speaking of building friendships and a new life in a foreign country.

The novel takes another turn when Yoav’s fried Uri makes his appearance. Being allocated the same unit should have created a lifelong bond, but the young men are very different and their diverting points of view create more and more tension between them. Yoav is reflecting on his place in the world and what he has seen and done in the army:

“you can’t stop being a soldier, just like you can’t stop being a Jew […] You were born a soldier, because you were born a Jew. “ (pos. 1392)

By birth he is denied the chance of making a choice in his life. And as an Israeli, people will never be impartial when they meet him. Everybody has an opinion, either on Jews, or in Israelis, or on both. They are held responsible for things they are neither responsible for nor had a chance to do something about it.

A third party is contrasted with them. A black veteran who fought in Vietnam and has lost in belief in the Christian God as well as the American state who should take care of those who have served the country abroad. His only way out is converting to Islam and seeking refuge in addiction. So, who of them is worse off? The forgotten veteran, the black American, the American Jew or the Israeli Jew?

How defining is religion after all? For most of the characters it does not provide help or relief from everyday burdens. It also does not seem to provide a framework to organise their life around. So, build your life without it, but what are the rules then? It seems to be a minefield and you can only survive of you are stronger and live at the expenses of the others it seems.

Patrick Flanery – Ich bin niemand

Ich bin niemand von Patrick Flanery
Patrick Flanery – Ich bin niemand

Irgendjemand wird seine Aufzeichnungen lesen, da ist sich Jeremy O’Keefe sicher, und derjenige wird, so hofft er, etwas damit anfangen können. Beunruhigende Dinge haben sich in den vergangenen Wochen zugetragen und er weiß nicht mehr, wem er noch vertrauen kann, nicht einmal, ob er seiner eigenen Erinnerung trauen soll. Ein junger Mann begegnet ihm wiederholt, er stellt sich als Freund seines Schwiegersohns vor, taucht aber überall da auf, wo auch Jeremy sich befindet. Es findet gesendete E-Mail in seinem Account, aber diese hat er nie verfasst. Und dann kommen nach und nach die Pakete, Zeugnisse seines Lebens, Papiere, die dokumentieren, wem er wann welche E-Mail geschickt hat, wann er wie lange mit wem telefonierte und Fotos, die die letzten Jahre minutiös belegen. Jeremy wird offenbar überwacht und er hat nur eine einzige Erklärung dafür: es muss mit Fadia zusammenhängen, seiner Doktorandin, die er betreute als er noch in Oxford lehrte und deren Familiengeschichte politische Brisanz hat und ihr Privatleben geradezu Sprengstoff bedeutet.

Der Protagonist schreibt vom Ende her und wendet sich direkt an seinen Leser. Man weiß, dass etwas Entscheidendes passiert sein muss, nur, was bleibt lange im Dunkeln. Jeremy O’Keefe erscheint zunächst wie der typische amerikanische Professor für Geschichte, die Figurenzeichnung ist hier oftmals sehr plakativ und stereotyp gehalten, was durch die Erzählperspektive zudem gefördert wird. Auch wenn er von seiner Zeit in Oxford berichtet, gewinnt er nur wenig an Profil. Die interessanteren Figuren bleiben hingegen am Rand und stets schwer greifbar: die junge Fadia, deren Rolle bis zum Ende mysteriös bleibt. Ähnlich Michael Ramsey, der zwischen der akuten Bedrohung des Feindes und der Möglichkeit eines Freundes schwankt. Auch Jeremys Kollege Stephen Jahn ist eine reizvolle Figur, aber auch er bleibt, wiederum bedingt durch die Erzählperspektive, in seiner Rolle für die Geschehnisse unkonkret, Jeremy schreibt über ihn:

„Mit einem Mal begriff ich, dass Stephen Jahn auf etwas zusteuerte, dass er ein bestimmtes Ziel verfolgte. Was er wollte, hätte ich aber niemals vorhersagen können. Ihr müsst vor allem eins verstehen, dass, was auch immer später geschah, ich der von Stephen Jahn Hintergangene war, zumindest anfangs.“

Es ist diese Unsicherheit in Jeremy, die zunächst den Reiz des Buches ausmachen. Wie der Protagonist kann man die Zeichen nicht deuten, spürt ein Unbehagen und eine langsam wachsende Angst. Zugleich stellt man sich die Frage, inwieweit man ob der Enthüllungen der letzten Jahre genauso wie Jeremy eine Neigung zu Paranoia entwickelt hat und Dinge sieht, die es gar nicht gibt. Dann wiederum bestätigen die Figuren die Befürchtungen:

„»Ich habe immer wieder deutlich gesagt, dass alles wichtig ist«, fuhr Stephen fort. »Hier geht es nicht um Spaß. Ich verstehe gar nicht, wie ein Historiker wie du so blind für die Mechanismen der zeitgenössischen Geschichte sein kann. Das ist Geschichte, Jeremy. Du hast dich in ein Narrativ eingemischt, das schon im Gange ist und uns alle beiseitezufegen droht.“

Eine Rolle zugeschrieben von unbekannten Mächten, dabei ist man selbst doch nur ein kleines Licht, wie sich Jeremy denkt:

»Aber ich bin niemand.«
»Wir sind alle niemand, bis wir etwas tun, um uns in jemand zu verwandeln.«

Langsam dröselt man mit Jeremy auf, was in seinem Leben in den letzten zehn Jahren geschah, dass den unbedeutenden Wissenschaftler so ins Zentrum einer Macht, eines Dienstes oder einer geheimen Organisation bringen konnte. Man nähert sich dem Jetzt, aus dem der Autor berichtet an und wartet gespannt auf die Auflösung — an diesem Punkt hat mich Patrick Flanery dann enttäuscht wie selten ein Autor. Nein, das Ende ist nicht akzeptabel und dem Roman, der über weite Strecken trotz des gemächlichen Erzähltempos wirklich fesseln und überzeugen kann, nicht würdig.

Stephanie Danler – Sweetbitter

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Stephanie Danler – Sweetbitter

Tess hat ihr Literaturstudium beendet und ist bereit für die große, weite Welt. In New York will sie die Kleinstadt-Langeweile hinter sich lassen und endlich anfangen richtig zu leben. Doch sie braucht Geld, also nimmt sie den ersten sich bietenden Job an: Kellnerin in einem Restaurant. Nein, Hilfskellnerin wird sie, denn sie weiß nichts von dem, was man wissen muss, um in einem hochklassischen Restaurant die Gäste angemessen bewirten zu können. Die erfahrene und immer etwas distanzierte Simone nimmt sie unter ihre Fittiche und weiht sie nach und nach in die Geheimnisse des Weins und der Genüsse hervorragenden Essens ein. Tess ist wie verzaubert von diesem Mikrokosmos, der in einer ganz eigenen Welt zu bestehen scheint, aber am meisten ist sie von Barmann Jake fasziniert.

Stephanie Danler verarbeitet in ihrem Debutroman eigene Erfahrungen als Kellnerin in New York. Dass sie über detailliertes Wissen bezogen auf Herkunft und Geschmack vor allem der Weine, aber auch Austern und Fleisch verfügt, merkt man dem Roman auf jeder Seite an. Er ist eine Hommage an den Genuss, der Essen nicht als funktionale Tätigkeit oder akribisch auf Nährwerte hin aufgeschlüsselte und bewertete Zweckgegenstände sieht, sondern die verschiedenen Geschmackserlebnisse bis in die hintersten Winkel des Mundes auskosten lässt, wenn man dafür Zeit sowie Muse und eine passende Haltung findet.

Die Handlung des Romans ist überschaubar. Tess‘ Ankunft in New York, die harten ersten Wochen im Job und das Partyleben nach Feierabend, sowie die langsam aufkeimende Beziehung zu Jake sind schon die wesentlichen Bestandteile. Die Figuren bleiben weitgehend stereotyp, die Angestellten bewegen am Rand der Handlung und streifen Tess sowie Simone und Jake nur kurz. Lediglich der Geschäftsführer Howard wird noch mit etwas mehr Profil versehen. Tess ist trotz abgeschlossenem Studium das typische Landei, das naiv in die Großstadt kommt und dort vom Leben regelrecht erschlagen wird. Auch am Ende des Romans, als etwa ein Jahr vergangen ist, hat sie sich für mein Empfinden kaum weiter- und vor allem nach wie vor keine Perspektive entwickelt. Ihre beiden Antagonisten, die eine seltsame Verbindung aufweisen, die in weiten Teilen jedoch im Dunkeln bleibt, sind deutlich spannender gezeichnet. Vor allem Simone weißt zahlreiche Brüche und Unstimmigkeiten auf, die sie aber weitaus interessanter und authentischer machen.

Besonders deutlich wurde im Roman die Funktionsweise des Restaurants als Bühne. Es gibt zwei Welten, die sichtbare im Gastraum und das Dahinter, das dem normalen Gast, der ein „geregeltes“ Leben im Einklang mit den Tageszeiten führt, verborgen bleibt. Dieser kleine voyeuristische Blick und die ausufernden Genussdarstellungen sind unterhaltsam und können locker über die dünne Handlung und etwas flache Protagonistin hinwegtäuschen.

Cynthia D’Aprix Sweeney – Das Nest

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Cynthia D’Aprix Sweeney – Das Nest

Jahrelang haben sie darauf gewartet, jetzt endlich wird es so weit sein. Der Vater hat es zu einem kleinen Vermögen gebracht und seine vier Kinder sollen auch eine kleine Rücklage erhalten. Aber erst, wenn die jüngste ihren vierzigsten Geburtstag feiert, denn der Vater glaubte an harte Arbeit und die Mühe, sich selbst etwas zu erschaffen. Melody, Jack, Bea und Leo haben sich immer auf diese Rücklage verlassen, wissend, dass es sich um etwa eine halbe Million Dollar für jeden handeln dürfte. Im Wissen, dass irgendwann das Erbe, von allen nur „das Nest“ genannt, kommen würde, haben sie ganz unterschiedlich über ihren Verhältnissen gelebt. Doch ein unglaubliches Ereignis, ausgelöst durch den ältesten der vier, Leo, der in seinem Leben schon häufig sehr leichtsinnig agierte, macht schlagartig alle Hoffnung zunichte. Doch so einfach wollen sich die drei anderen nicht abspeisen lassen.

Cynthia D’Aprix Sweeneys Roman lässt sich schwer fassen. Zum einen liegt über der Handlung immer eine gewisse Spannung, wie das Geldproblem letztlich gelöst werden kann und wie sich Leo aus dieser misslichen Lage wird winden können. Im Zentrum stehen aber tatsächlich die anderen Figuren mit all ihren Schwächen und Sorgen. Nicht nur, dass keines der drei Geschwisterkinder den Eindruck erweckt eine stabile Persönlichkeit herausgebildet zu haben, die ihnen eine gewisse Resilienz verliehen und somit Handlungsfähigkeit und klares Denken auch in Krisensituationen erlaubt hätte, nein, sie werden alle vor eine Zerreißprobe gestellt, die ihre Beziehungen untereinander, aber auch zu ihren Partnern und ihren Lebensentwurf in Frage stellen. Dies macht ganz klar die Stärke des Buchs aus. Wo zunächst der Eindruck entsteht, es mit etwas oberflächlichen Oberschichten-Figuren zu tun zu haben, entwickeln sie langsam Tiefgang und Sensibilität. Für jede einzelne Figur hat die Autorin eine eigene Biographie mit ganz eigentümlichen Charakterzügen geschaffen, die in sich stimmig wirken und ein buntes Bild an authentischen Figuren abgeben.

Der Roman kommt so tatsächlich mit nur wenig Handlung aus. Dass das Erbe weg ist, ist schnell klar und die Suche nach Leo             findet auch nicht wirklich statt. So liegt der Fokus zweifellos auf den Figuren und ihrem Umgang mit dieser Krise. Sicherlich für einige Leser etwas zu wenig, ich fand es insgesamt unterhaltsam und überzeugend zu sehen, wie sie sich der Realität stellen und einen neuen Weg für ihr Leben finden müssen.

Deborah Feldman – Unorthodox

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Debora Feldman – Unorthodox

Die Welt von Deborah ist klar geordnet in Williamsburg vor den Toren von New York: als chassidische Jüdin wird der Rhythmus des Tages und des Lebens durch die Religion bestimmt. Sie geht wie alle Mädchen auf eine religiöse Schule, wo weltliche Fächer verpönt sind. Ebenso sind Bücher für sie Tabu. Ihre Großeltern und ihre strenge Tante achten auf die häusliche Erziehung nachdem die Mutter der Gemeinde den Rücken gekehrt hat und der Vater wegen psychischer Probleme nicht in der Lage dazu ist. Ihr Leben ist darauf ausgerichtet mit spätestens 17 verheiratete zu werden, mit einem jungen Mann der Gemeinde, der nach alter Tradition für sie ausgesucht wird. Auch das Leben als Ehefrau – durch entsprechenden Unterricht vorbereitet – hat keine Überraschungen für sie, denn ihre Aufgaben sind klar bestimmt. Doch nicht alles läuft nach Plan und mehr und mehr fragt sich die junge Frau, ob die Regeln, die ihr durch die strenge Religionsbeachtung auferlegt werden, wirklich richtig sind und ob es nicht auch ein Leben außerhalb dieser Gemeinde gibt, dass lebenswert ist.

Deborah Feldman schildert ihre eigenen Erfahrungen in der Satmar Gemeinschaft, die nach der Gründung in Südosteuropa in den USA erst richtig auflebte. Die Zahlen dieser Ultraorthodoxen schwanken stark zwischen 50.000 und 120.000 Anhängern, die größte Gemeinde jedoch lebt relativ abgeschottet von der Außenwelt in Williamsburg. Bei den Kindheitserinnerungen der Autorin dachte ich zunächst, dass sie in den 1930er Jahren aufgewachsen sein muss, bei der Beschreibung des Haushalts ohne Radio oder gar Fernsehen, bei den bescheidenen Wohnverhältnissen und der Kleidung. Als sie die Ereignisse des 11. September 2001 erwähnt, die kaum wahrgenommen und erst spät überhaupt dort bekannt werden, da man den Kontakt zur Welt der Ungläubigen vermeidet, war ich doch etwas erstaunt, wie sich diese Gruppe inmitten der westlichen, konsumorientierten Gesellschaft derart abschotten kann und sich ihre ganz eigene Welt schafft.

Als Aussteigerin ist sie kritisch, aber nicht alles, was ihre Kindheit und Jugend betrifft, wird negativ oder wertend geschildert. Sie träumt durchaus davon, dieses Leben zu führen und freut sich auf das Erwachsensein – wenn auch mit falschen Vorstellungen. Besonders interessant fand ich die Erzählungen zum Ehe-Vorbereitungskurs und auch erschreckend, wie wenig aufgeklärt die junge Frau über ihren eigenen Körper ist. Viele Regeln des ultraorthodoxen Lebens waren mir bekannt, da dies ja auch in Jerusalem noch gelebt wird: das Rasieren der Haare und Tragen einer Perücke, die Verpflichtung zahlreiche Kinder zu gebären, die Unterordnung der Frau unter dem Mann, die wenigen Bildungsmöglichkeiten, die Mädchen offenstehen und die Ablehnung von weltlichen Gütern wie beispielsweise der Literatur. Daher fand ich auch das Hochzeitsprozedere – Vermittlung durch Kupplerin und klare Regeln bei der Brautwerbung – nicht so befremdlich. Auch die Autorin steht den Traditionen und Gewohnheiten keineswegs ablehnend gegenüber, schließlich schließen diese eine Persönlichkeitsentwicklung nicht gänzlich aus. Ihre ersten Schritte in der westlichen Welt – interessant hierbei, wie wenig das Erlernen der englischen Sprache zählt, gemessen daran, dass die Gruppierung in den USA lebt – sind insbesondere erhellend, denn das, was für uns völlige Normalität und Alltagswissen ist, ist ihr völlig fremd. Angefangen bei Jeans, über nicht-koscheres Essen bis hin zu Fernsehsendungen.

Nach Erscheinen hat das Buch verständlicherweise große Wellen geschlagen. Die Einblicke in diese weitgehend abgeschottete Welt sind interessant bis erschreckend und lesen sich durch Feldmans angenehmen Erzählton, der sich passend zum Alter der Protagonistin von kindlich-naiv hin zu kritisch-hinterfragend entwickelt, wie der plaudernde Bericht einer Freundin. Für mich sowohl erzählerisch wie auch inhaltlich eines der Highlights des Jahres.

 

Hanya Yanagihara – A Little Life

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Hanya Yanagihara – A Little Life

Four friends who just have finished college, move to New York to build their lives: Malcolm, a talented architect, JB, a creative artist and painter, Willem, an aspiring actor and Jude, a brilliant lawyer. They all become stars in their field and over the years their friendship lasts and gets closer.  But they cannot fight the ghosts which haunt them from their past. Malcolm and his difficult relationship with his father; Willem and his handicapped brother whom he dearly loved; JB who re-constructed his whole family history – and Jude who has to fight the hardest but cannot escape from what he experienced, what made him the person he is: intelligent, quick-witted, unbeatable in court. Full of self-doubt and hatred, without confidence and desperate to suicidal at home. His self-harming behavior frequently running out of control, the people around him can never give him all the love he desperately needs to survive.

I have never felt that kind of physical pain while reading a book. I have read book about characters with heavy psychological disturbances, suicidal and prone to harming themselves, but never have I felt their pain as deeply as I did while reading this novel. The pain – physical and mental – the protagonist goes through is not just narrated to be read. It creeps into you and makes you feel what he feels. When his past is told, all the molestation he endured and especially the psychological abuse he had to endure and which formed his image of himself – you want to run away, leave the novel behind and hear no more of this. But at the same time the way it is told keeps you reading on and on and on. You always hope for a maybe not happy, but at least positive end, knowing that life does not work in this way and that also the novel, close as it is to a possible reality, might deny you this wish.

Hanya Yanagihara created characters one will hardly forget. This is one of the most impressive novels I have ever read in terms of leaving an imprint on the reader. It portrays the best and the worst of what life has to offer.