Dov Alfon – A Long Night in Paris

dov-alfon-a-long-night-in-paris
Dov Alfon – A Long Night in Paris

When an Israeli IT specialist is abducted at Charles de Gaulle airport, this is not given too much attention at first. But since it can serve as a great story to redirect public interest from the latest of the Prime Minister’s misconducts, suddenly this incident turns into the top issue. And as it turns out, the case of the abducted Israeli becomes one of the most complicated and deadly warfares on French ground. While the newly appointed head of the Israel Special Section 8200 Abadi is fighting Chinese killers with a clear and uncompromising mission in the French capital, his deputy Oriana Talmor is struggling in Tel Aviv with their own people who appear to be much more interested in their personal agendas than in the country’s security. A long day and an even longer night lies in front of this seemingly mismatched pair.

Dov Alfon certainly knows what he is writing about and there are some interesting parallels between his own life and his protagonist Abadi. Both grew up in France which their parents left when they were still school boys. He did his military service in the IDF’s technological intelligence unit before becoming an awarded journalist. To sum up, “A Long Night in Paris” is a fast-paced spy novel which is highly complex in its plot and gives a lot of insight in what is going on behind the closed doors of one of the world’s most famous and most secretive services.

The story is simply addictive. Once you’ve started you can’t put the book down since you’re hooked and you want to know how all the different dots connect. What I liked most about it was the fact that it is not by surprising coincidences that the plot advances but by the doing of very intelligent characters. They are not only well-trained soldiers, but also the elite which is demonstrated breath-takingly. Even under the highest pressure, they keep calm and can control the situation.

Oriana Talmor is certainly a very interesting character. It is rare to have a female protagonist in a spy novel (who is not just the seductive sidekick of the big enemy), and in my impression she is well-balanced between the intelligent soldier and the human being who is sensitive and to whom also self-doubts aren’t unknown. This was especially shown in the scene where she motivates her female duty sergeant Rachel to continue her career as an officer.

The 2017 book sensation from Israel luckily now also available in other languages and without a doubt a novel that can compete with John Le Carré’s or Daniel Silva’s novels.

Anstey Harris – The Truths and Triumphs of Grace Atherton

anstey-harros-thetruths-and-triumphs-of-grace-atherton
Anstey Harris – The Truths and Triumphs of Grace Atherton

Grace Atherton’s life is in full tune: in London, she is running a violin shop and in Paris she meets her partner David. She had wanted to become a professional musician but due to lack of talent, she had to leave college and has to be content now with making the string instruments and playing them without any audience. When David rescues a young woman in the Paris metro, their whole life is turned upside down. Even though David’s wife knows about their affair, it has always been a delicate topic with their kids and David’s profession also requires discretion, but now the whole of France is searching for the hero of the underground and his obvious company. Yet, this is only the start of a series of events that will shake Grace’s life deeply.

“The Truths and Triumphs of Grace Atherton” is a novel hard to describe in only a couple of words. It’s a love story, a story of a break-up, about the love of music and about family and especially parents’ role in the life of their children, it’s about friendship and quarrels and first and foremost about forgiving and going on in life. What I really adored is how the author manages to convey the love of music into words, the compassion for the elegant and fragile instruments can be felt throughout the novel.

All characters in the book are very well thought out, they have strengths and weaknesses which make them authentic and lovable, but most of all they are compassionate and kind-hearted and have their hearts in the right place. Even though not all that happens gives them (or you as a reader) pleasure, I’d call it a feel-good novel nevertheless and perfect for those autumns days where you long for something cosy and comfy.

Fred Vargas – Der Zorn der Einsiedlerin

Der Zorn der Einsiedlerin von Fred Vargas
Fred Vargas . Der Zorn der Einsiedlerin

Der Mord an einer Frau holt Kommissar Adamsberg von Island zurück an den Pariser Schreibtisch. Der Fall ist schnell geklärt und so ist die Aufmerksamkeit des Ermittlers schon bald bei einer anderen Geschichte. Im Süden des Landes sind drei Männer durch den Biss einer Spinne gestorben. Das Gift des Tieres genügt eigentlich nicht, um einem Menschen ernsthaft zu schaden, auch wenn die Opfer schon recht betagt waren. Adamsbergs Neugierde ist geweckt und er sucht einen Arachnologen auf. Mit ihm wartet eine ältere Dame aus der Region der Toten auf den Experten, die sich offenkundig seit Jahren mit den Tieren beschäftigt. Immer tiefer steigt Adamsberg in die Materie ein, er ahnt, dass er etwas auf der Spur ist und auch wenn nicht alle aus seinem Team hinter ihm stehen, folgt er unbeirrt den Spuren im Nebel und stößt auf eine ungeheuerliche Mordserie.

„Loxosceles reclusa“ ist der wissenschaftliche Name des Tieres, um das sich alles in „Der Zorn der Einsiedlerin“ dreht. Die Einsiedlerspinne braucht jedoch einige Zeit bis zu ihrem großen Auftritt, vorher muss Adamsberg noch zwei kleinere Fälle lösen, bevor er sich ihr ganz widmen kann. Fred Vargas startet ausgesprochen langsam und ausladend in den neunten Fall für ihren Pariser Kommissar. Doch es lohnt sich am Ball zu bleiben, denn sowohl Mordmotiv wie auch Umsetzung sind typisch Vargas komplex konstruiert und geradezu genial erdacht.

Adamsberg ermittelt auf seine gewohnt unkonventionelle Art, bei der er sich von Eingebungen – oder besser: Gedankenblasen – leiten lässt und die ihn, wenn auch mit mancher Schleife, doch zielsicher ins Schwarze treffen lassen. Leider kann die clevere Auflösung in der deutschen Übersetzung nicht ganz mit den Original mithalten, da sich manche Spuren nicht so offenkundig zeigen, wie dies für französische Leser der Fall sein dürfte, aber alle Zusammenhänge werden erklärt und die kurze Verzögerung tut der Spannung keinen Abbruch.

Dass dieses Mal ein Konflikt innerhalb des Teams die Ermittlungen belasten, bringt eine weitere Komponente ins Spiel, die vor allem viel über Adamsberg offenlegt, der als charismatischer Anführer seine Leute nicht nur im Griff hat, sondern unangefochtener Leitwolf ist. Diese Rolle übernimmt er, ebenso die Verantwortung, die damit einhergeht, und das macht ihn für mich ungemein sympathisch und hebt ihn von so vielen eigenbrötlerischen, egoistischen und sozial inkompetenten Ermittlern deutlich ab. Er kümmert sich um seine Leute, kennt sie gut und weiß vor allem um ihre Schwächen, die er schützt und deren Grenzen er nicht überschreitet.

Ein rundum gelungener Roman, einzig der große Zufall, den es braucht, um die Handlung ins Rollen zu bringen und letztlich auch die Lösung herbeizuführen passt nicht ganz zu Vargas Stil. Aber das kann ich verzeihen, schließlich hat sie ansonsten eine wirklich außergewöhnliche Geschichte geschaffen, was bei der Masse der Krimis, die doch häufig bekannten Mustern folgen, kein leichtes Unterfangen ist.

Daniel Silva – Der Drahtzieher

daniel-silva-der-drahtzieher
Daniel Silva – Der Drahtzieher

Schon wieder ein Anschlag des IS auf britischem Boden, hunderte Tote und Verletzte, das Westend in Schutt und Asche. Drahtzieher ist offenkundig Saladin, der Islamist, den es nicht gelungen war zu eliminieren nach dem Angriff auf das Weinberg Center in Paris. Gabriel Allon, inzwischen Chef des israelischen Geheimdienstes, will ihn endlich unschädlich machen und stellt eine nie gesehene internationale Koalition zusammen: MI5 und MI6 aus England, der französische Geheimdienst und sogar die USA, selbst Opfer Saladins geworden, erklären sich zur Zusammenarbeit bereit, um dem größten Feind des Westens mit vereinten Kräften zu begegnen. Die Spuren führen nach Marseille, Einfallsort für die Drogenversorgung Europas. Als Lockvögel werden der beste Spion der Briten und alter Bekannter Allons, sowie Natalie, die Saladin bereits schon einmal sehr nah kam und ihm damals das Leben rettete, auf den Kontaktmann angesetzt. Dann ist Warten angesagt, bis sich die Chance ergeben wird.

Band 17 der Gabriel Allon Reihe setzt nahtlos da an, wo der Vorgänger aufhörte. Immer noch ist der Islamist Saladin das Ziel des Israelis. Auslöser für alle Aktivität ist wieder einmal ein Attentat in Europa, dem die westlichen Sicherheitskräfte nichts entgegensetzen konnten.

Insgesamt legt „Der Drahtzieher“ über weite Strecken ein recht gemächliches Tempo an den Tag. Der Fokus liegt dieses Mal ganz entschieden auf der Arbeit der Geheimdienste, was jedoch kein bisschen an Spannung einbüßt. Anwerbung, Ausbildung, Kontrolle im Hintergrund – detailliert schildert Silva, wie eine große Operation geplant und umgesetzt wird, was dazu erforderlich ist und was offenkundig so alles bewegt werden kann. Ebenso interessant sind natürlich die Befindlichkeiten der einzelnen Länder, wie jeder den großen Sieg einfahren möchte, wie alte Animositäten fast die ganze Aktion gefährden. Hier bewegt sich Silva tatsächlich im klassischen Spionage-Milieu und kann an einen John LeCarré heranreichen.

So interessant dies alles ist, führt es jedoch unweigerlich auch dazu, dass die Handlung langsamer verläuft als man das von Silva gewöhnt ist. So manche Länge bleibt ebenfalls nicht aus. Auch Gabriel Allon bleibt dieses Mal im Hintergrund, die tragenden Figuren sind die Agenten und ihre Zielpersonen. Diese sind überzeugend gezeichnet und auch lebendig in ihrem Handeln. Allerdings habe ich mich doch gefragt, ob sich zwielichtige Personen tatsächlich so leicht anwerben lassen und uneigennützig kooperieren würden. Auch der finale Showdown in Marokko war zwar rasant und einem Thriller würdig, aber hatte doch mehr Hollywood Potential als Überzeugungskraft.

Insgesamt eine solide Fortsetzung mit großem Unterhaltungswert, die die Erwartungen an die Reihe voll erfüllt.

Pierre Lemaitre – Opfer

pierre-lemaitre-opfer
Pierre Lemaitre – Opfer

Ein Missgeschick mit einem Füller führt Anne Forestier in ein Einkaufszentrum. Auf dem Weg zu den Toiletten stört sie eine Gruppe von Räubern, die ein Juweliergeschäft überfallen wollen und die Zeugin niederstrecken. Doch die Frau überlebt und könnte eine Aussage machen. Aber noch viel brisanter: sie ist nicht einfach eine Frau, die zufällig zur falschen Zeit am falschen Ort war, sondern auch die Partnerin von Camille Verhoeven, Pariser Kommissar, der den Fall zugleich an sich zieht, denn nicht nur die privaten Gründe, sondern auch eine offene Rechnung mit dem vermuteten Täter treiben ihn an. Ein Katz-und-Maus-Spiel beginnt und wer die Oberhand behält, ist völlig offen.

„Opfer“ ist nicht mein erster Roman von Pierre Lemaitre und bisher konnte er mich durch clevere Geschichten mit unerwarteten Wendungen und interessante Charaktere überzeugen. Dieser Thriller jedoch bleibt weit hinter den Erwartungen zurück und so manche Länge hat die Spannung etwas leiden lassen.

Zunächst schien mir die Grundidee, den Kommissar ganz persönlich mit dem Fall zu involvieren und die private Wut als weiteren Antrieb zu verwenden, ein überzeugendes Motiv. Dass Verhoeven dadurch bekannte Pfade verlässt, sich selbst schuldig macht und Vorschriften ignoriert, war passend und glaubwürdig. Auch dass die Figur von Anne Forestier nach und nach in einem anderen Licht erscheint, konnte die Spannung steigern. Allerdings haben Verhoevens Trauer um seine verstorbene Ehefrau und das scheinbar kopf- und ziellose Umherirren immer wieder die Zielstrebigkeit der Ermittlung und der Handlung vermissen lassen.

Auch der Schreibstil, der durch ein Stakkato an kurzen Sätzen geprägt ist und eher wie Gewehrsalven daherkommt als dahinzufließen, hat das Lesen doch erheblich holpriger gestaltet als ich das vom Autor gewohnt bin. Die minutenweise dokumentationsartige Kapitelgestaltung und die Perspektivenwechsel sind zwar grundlegend eine gute Idee, um das Tempo zu erhöhen und eine gewisse Atemlosigkeit in der Handlung entstehen zu lassen, haben hier aber nicht ganz ihre intendierte Wirkung entfalten können.

Ein starker Einstieg und durchaus cleverer Plot, die jedoch im Laufe der Geschichte etwas zerfleddern und unter dem Stil leiden, daher leider ein eher verhaltenes Fazit.

Sebastian Faulks – Paris Echo

sebastian-faultks-paris-echo
Sebastian Faulks – Paris Echo

Tariq is 19 when he finds his Moroccan home too small, too far away from the real world. Paris is the place he wants to be, not just because of the dreams of the city of lights he has, but also to follow his deceased mother’s traces who was born and raised there. On his way, he meets a young girl and together they arrive in the French capital without any place to stay or any idea of how to earn money. Hannah, an American researcher twice their age, accommodates them; what was meant as an arrangement just for a couple of days becomes a cohabitation for months in which Tariq not only discovers that he is not only ignorant of Europe’s history, but also of the struggles between France and its former colonies in northern Africa. But also Hannah not only makes progress in her work on women in the second World War, but also in her personal love life.

I was eager to read Sebastian Fault’s novel because seeing the French history through the eyes of a Moroccan teenager seemed to be quite an interesting perspective. The author certainly has chosen quite a unique approach to history, since it is mainly strangers who do not actually have a family bond or personal connection to what has happened and thus, can look at things a bit more freely.

What I liked best was actually Tariq’s education through the metro, especially since he didn’t learn because he was told to, but because he felt a need and wanted to. This informal kind of education lead to a lot more depth than any formal teaching could ever have provided. And it clearly showed that this kind of knowledge has a certain relevance in everyday life and it not just dusty knowledge of no practical use.

Even though the whole set-up of the novel was not really authentic – which middle-aged American woman would ever house a refugee in her expensive Parisian flat and how could a Moroccan teenager move around Paris without ever being eyed closely by the police or the people around him – I enjoyed reading it, especially since the narration of the past events was much more inspiring than the plot set in the present.

Delphine de Vigan – Loyalitäten

delphine-de-vigan-loyalitäten
Delphine de Vigan – Loyalitäten

Hélène merkt, dass mit ihrem Schüler Théo etwas nicht stimmt, es gibt keine äußerlichen Spuren, die auf Gewalt hinweisen würden, aber für sie sind sie sichtbar, denn man erkennt diejenigen, denen es genauso geht. Sie hat es als Kind und Jugendliche auch erlebt, die Angst vor dem brutalen Vater, das Verstecken und die Scham. Théo musste früh lernen, dass er nicht sagen kann, was erfühlt, dass er nicht erzählen kann, was er erlebt, denn zwischen seinen Eltern herrscht Krieg und im wöchentlichen Wechsel leidet er unter dem psychischen Druck durch die Mutter und der langsamen Verwahrlosung des Vaters. Der einzige Ausweg scheint der Alkohol zu sein, der bei dem 12-Jährigen das Rauschen im Ohr betäubt und ihn nichts mehr fühlen lässt. Nur mit Mathis teilt er dieses Geheimnis. Mathias weiß, dass es nicht gut ist, was sie tun, er weiß auch, was Théo erlebt, aber was kann er tun?

Wenn man das Buch am Ende des Lesens schließt, ist man sprachlos, verstört, bestürzt – es gibt kaum Adjektive, die angemessen das beschreiben, was einem durch den Kopf geht. Vor allen Dingen ist es diese Diskrepanz zwischen dem Wissen einerseits, dass Delphine de Vigan eine Geschichte beschreibt, die sich tagtäglich überall abspielen könnte, nein, die sich tagtäglich genau so abspielt und dem Gefühl von Machtlosigkeit dieser Situation gegenüber. Als erwachsener Leser identifiziert man sich am ehesten mit Hélène, auch wenn man selbst glücklicherweise keine solchen Erlebnisse machen musste. Zuzusehen, wie ein Kind dringend Hilfe benötigt, aber selbst Erwachsene, die das erkennen und helfen wollen, daran scheitern.

„Loyalitäten“ zeichnet eindrücklich das nach, was man als Mitglied einer Familie oder einer Gemeinschaft erlebt: man lernt die Codes, die Verhaltensweisen und passt sich an. Auch wenn man weiß, dass etwas nicht stimmt, nicht in Ordnung ist, die Loyalität gegenüber den anderen Mitgliedern erfordert das unbedingte Aufrechterhalten der Fassade, des Scheins nach außen, der Außenstehenden keinen Einblick erlaubt und somit auch jede Form von Hilfe unmöglich macht.

„Théo lernte sehr schnell, die Rolle zu spielen, die von ihm erwartet wurde. Sparsam gesprochene Worte, neutraler Gesichtsausdruck, gesenkter Blick. Man musste sich unbedingt bedeckt halten.“

Der Druck, dem gerade Kinder ausgesetzt sind, ist enorm und ebenso die Folgen: bei Théo bleibt es nicht beim Alkoholmissbrauch, der Wunsch für immer zu entfliehen, endlich tot zu sein, wird zunehmend stärker, so dass er bereit ist, bis zum Äußersten zu gehen.

„Im Gehirn werden die Wirkungen am schnellsten spürbar. Angst und Sorge gehen zurück und verschwinden manchmal sogar. Sie werden von einer Art Schwindel und Erregung ersetzt, die mehrere Stunden anhalten könne.

Doch Théo möchte etwas anders.

Er möchte das Stadium erreichen, in dem das Gehirn in den Ruhezustand geht. Den Zustand der Bewusstlosigkeit. Damit endlich Schluss ist mit diesem schrillen Geräusch, das nur er hört (…)“

Er träumt vom „Koma durch Ethanolvergiftung“, dem Moment des Verschwindens aus der Welt, in dem er niemandem mehr etwas schuldet.

Wie auch ihre Heldinnen in „No et moi“ oder „Jours sans faim“ (dt. „Tage ohne Hunger“) ist Théo ein Kind der modernen Gesellschaft, das all das ertragen muss, was die Erwachsenen nicht hinbekommen. Delphine de Vigan hat mit „Loyalitäten“ eine weitere literarische Klageschrift verfasst, die eindringlich und klar ist und an niemandem spurlos vorbeigehen dürfte.

Philippe Dijan – Marlène

philippe-dijan-marlene
Philippe Dijan – Marlène

Wer ist Marlène? Und hat sie wirklich so eine böse Aura, wie Richard vermutet? Schwanger flüchtet Marlène zu ihrer Schwester Nath, die sie aus Pflichtgefühl aufnimmt, auch wenn die Situation gerade schwierig ist. Mit ihrer 18-jähirgen Tochter Mona liegt sie im Clinch, so dass diese zu Dan zieht, dem besten Freund ihres Vaters Richard. Dieser saß drei Monate im Gefängnis und steht kurz vor der Entlassung. Dan versucht in das bürgerliche Leben zurückzukehren, was nach den Erfahrungen im Jemen und Afghanistan nicht einfach ist, doch im Gegensatz zu Richard scheint es ihm zu gelingen. Er ist bemüht seinem Job regelmäßig nachzugehen, die Nachbarn zu grüßen und seine Hilfe anzubieten, um wieder aufgenommen zu werden in die Gesellschaft. Doch dann kommt Marlène und macht ihm eindeutige Avancen. Er wehrt sich und ahnt noch nicht, dass er besser die Flucht ergreifen sollte, denn Marlène zieht eine Spur der Verwüstung hinter sich her.

Philippe Dijan ist als Autor in der französischen Literaturszene seit Jahrzehnten eine feste Größe. Vor allem die komplizierten zwischenmenschlichen Beziehungen haben es ihm angetan, seinen Durchbruch hatte er 1985 mit „37°2 le matin“ (dt. „Betty Blue – 37,2 Grad am Morgen“), in dem er die obsessive Liebe zwischen Betty und Zorg schildert. Sein Roman „Oh…“ aus dem Jahr 2012 wurde mit dem Prix Interallié ausgezeichnet und beschreibt die verstörende Anziehung zwischen einer Frau und ihrem Vergewaltiger.

Die Protagonistin, die dem aktuellen Roman den Titel verleiht, bleibt über weite Teile der Handlung erstaunlich blass. Es wird mehr über sie gesprochen als dass man sie selbst erleben würde und man fragt sich, wie die anderen Figuren zu ihrer Einschätzung kommen und inwieweit sie mit dieser richtig liegen. Richard hasst Marlène und macht keinen Hehl daraus. Die Probleme, die Richard und Dan haben, wieder festen Boden unter den Füßen zu finden, nehmen viel mehr Raum ein und man fragt sich fast, wie Marlène zu ihrer Ehre kommt, kann sie Dan vielleicht doch von seinem Trauma befreien?

„Er kannte nicht nur Angst, Blut und Schmerz, aber er konnte sich schrubben, so viel er wollte, es ging nicht ab, es kam immer wieder, und jedes Mal färbte es auf den Rest ab (…) Er hatte sich daran gewöhnt. In gewisser Weise war er schon tot, dachte er. Weder Marlène noch sonst jemand konnte etwas dafür. Wer einmal in der Hölle gewesen war, kam nicht wieder zurück.“

Die zarte Verbindung scheint jedoch eine Zukunft zu haben, zumindest in Dans Augen. Er ist bereit sich dafür auch gegen seinen Freund zu stellen und Marlène zu verteidigen. Doch dann folgt unweigerlich der Moment des Schreckens und Grauens. Völlig unvorbereitet trifft es einem als Leser und Dijan legt sofort nach, kaum ein Herzschlag vergeht zwischen den Schlägen, die er uns zumutet.

In kurzen Sequenzen erzählt Dijan seine Geschichte, wechselnd zwischen den Figuren erlaubt er Innen- und Außensicht, was ein komplexes Bild entstehen lässt und die Zwänge, denen sie ausgesetzt sind, anschaulich verdeutlicht. Dialoge und Beschreibungen gehen fließend ineinander über und entwickeln so die Figuren und die Handlung unentwegt fort. Kaum scheint man sie greifen zu können, entweichen sie wieder.

Dijan ist keine leichte Kost, aber ein sprachlicher Virtuose, der ein Auge für die Vielschichtigkeit der menschlichen Seele hat.

Ein herzlicher Dank geht an den Diogenes Verlag für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zu Autor und Buch finden sich auf der Verlagsseite.

Virginie Despentes – Vernon Subutex Two

virginie-despentes-vernon-subutex2
Virginie Despentes – Vernon Subutex Two

Vernon Subutex is living in the streets of Paris now; he found a quite comfortable place in the parc des Buttes Chaumont and doesn’t really care about his old acquaintances. But they show up one after the other since there are still things going on all connected to him. First of all, Emilie’s apartment was broken into and Vernon’s rucksack has been stolen. He didn’t really care about it, but he had something that many people were keen on seeing destroyed: tapes with recordings of Vernon’s and Alex Bleach’s discussions in which the later and now dead musician reveals that Vodka Satana hasn’t died from an overdose but was killed. A whole bunch of people gathers on the Parisian hill, all grieving their own kind of loss, searching for meaning in their life and finding in Vernon the piece that holds them all together.

I liked the second instalment of the Vernon Subutex series a lot more than the first. I had the impression that the different stories which are told somehow better fit together and they are a lot more interesting than in the first. Even though Vernon Subutex still gives the novel the title and he is definitely the linking item between all of the characters, he just plays a minor role here.

It is not obvious from the beginning how all the characters relate, sometimes it needs a longer explanation to reveal the missing link. But Virginie Despentes has equipped them all with stunning lives that are not only interesting to read but also very diverse and each offer something completely new. What she manages in this way is to offer a broad picture of the French society, especially since her characters come from all kinds of classes and normally they wouldn’t really interact. But here, it does not only work, but it is convincing and great to read.

Beatrice Hitchman – Petite Mort

Beatrice-hitchman-petite-mort
Beatrice Hitchman – Petite Mort

Ein Stummfilm aus dem Jahr 1913, den man eigentlich bei dem Brand in den Pariser Pathé Studios verloren glaubte, wird nach 50 Jahren in erstaunlich gutem Zustand aufgefunden. Nachdem die Zeitungen darüber berichten, meldet sich eine Frau, die etwas zu dem mysteriösen Film sagen kann: Adèle Roux, damals jung und auf die große Karriere im Film hoffend, kam sie nach Paris, doch endete sie zunächst als Näherin, bevor der Regisseur André Durand sie zur Assistentin seiner Frau und seiner Geliebten machte. Unschuldig hofft Adèle so auf den Durchbruch, doch stattdessen wird sie in eine unheilvolle Dreiecksbeziehung gezwungen, gleichermaßen zu André wie auch zu seiner Frau hingezogen. Das Ehepaar glaubt sie unter Kontrolle zu haben, doch Adèle kann heimlich eine Rolle in dem Film „Petite Mort“ ergattern und als sie zu eigenwillig wird, muss sie für ihr Verhalten bezahlen.

Schon das Konstrukt der Erzählung legt nahe, dass mit dem doppelten Erzähler einiges verheimlicht und beschönigt wird. Adèle berichtet über ihr Leben, vor allem die Zeit bei den Durands, doch wir haben nur ihre Perspektive und können nie sicher sein, dass die ältere, abgeklärte Dame auch wirklich die Wahrheit erzählt. Was sie erzählt, fesselt die Journalistin Juliette ebenso wie den Leser, denn es bietet alles, was eine gute Geschichte braucht: Glamour, Geheimnisse, heimlichen Sex, Liebe und Rivalitäten auf unterschiedlichen Ebenen. Man ahnt, dass die Geschichte nicht gut ausgehen kann, der Film ist schon fast in Vergessenheit gerückt, als die Handlung plötzlich ungeahnte Wendungen nimmt und zu einem völlig überraschenden Abschluss geführt wird.

Der Roman ist eine Hommage an das Kino längst vergangener Zeiten, wenn auch so mancher Aspekt heute ebenso aktuell zu sein scheint wie vor hundert Jahren: der Umgang von Regisseuren mit Schauspielerinnen hat sich offenbar nur unwesentlich weiterentwickelt und so ist Beatrice Hitchmans Krimi aus dem Jahr 2013 heute aktueller denn je. Dank der cleveren Anlage, ihres Schreibstils und der überraschenden Wendungen gelingt es ihr auch, nicht in Kitsch und Klischee zu verfallen, sondern in dichter Atmosphäre interessante Charaktere zu schaffen, die die Geschichte tragen. Es bleibt jedoch ein Gefühl, dass die Autorin nicht nur ein Buch über das Kino schrieb, sondern dieses schon im Auge hatte für ihre Geschichte.