Jean-Luc Seigle – Ich schreibe Ihnen im Dunkeln

jean-luc-seigle-ich-schreibe-ihnen-im-dunkeln
Jean-Luc-Seigle – Ich schreibe Ihnen im Dunkeln

Pauline Dubuisson, einer der bekanntesten Kriminalfälle im Frankreich der 1950er Jahre. Jeder kennt ihre Geschichte, denn sie wurde unter dem Titel „La Vérité“ von Henri-Georges Clouzot mit Brigitte Bardot in der Hauptrolle verfilmt. Doch ist das wirklich die Geschichte der Pauline Dubuisson? Jean-Luc Seigle hat sich des Stoffes noch einmal angenommen und lässt Pauline nun selbst erzählen. Das Mädchen, in das die Eltern so hohe Erwartungen setzten, da sie überdurchschnittlich intelligent war und das Medizinstudium immer vor Augen hatte. Nach dem Tod ihrer älteren beiden Brüder im Zweiten Weltkrieg zieht sich die Mutter immer mehr zurück. Die Not ist groß im besetzten Frankreich und Paulines Vater, den sie abgöttisch verehrt und dessen Aufmerksamkeit alles für sie bedeutet, kann für das Mädchen eine Stelle als Krankenschwester bei einem deutschen Arzt finden, was der Familie Zugang zu Lebensmitteln verschafft. Nach dem Krieg fällt das Urteil hart über das Mädchen aus. Eine Deutschenhure wurde sie genannt, mehrfach vergewaltigt als Strafe dafür, dass sie mit dem Feind kollaboriert hat, und letztlich zum Tode verurteilt. Doch dieses Urteil wurde jedoch nicht vollstreckt. Hart kämpft sie sich zurück ins Leben und lernt im Studium zum ersten Mal die richtige Liebe kennen. Doch sie möchte nicht, dass ihre Vergangenheit zwischen ihnen steht und offenbart sich ihrem zukünftigen Mann. Dessen Ablehnung und Demütigung kann sie nicht ertragen. Sie will sich das Leben nehmen, doch ihre letzte Begegnung verläuft anders als geplant und am Ende ist sie eine Mörderin.

Es ist unglaublich wie sehr sich Seigle in diese Figur eindenken konnte und wie glaubwürdig dieser Bericht erscheint. Er ist fiktiv, nur die Eckdaten sind belegt, und dennoch kann man sich nur vorstellen, dass dies die Gedanken und Gefühle waren, die Pauline durch den Kopf gingen, sondern entwickelt auch ein gänzlich anderes Bild der Frau als das, das in der Öffentlichkeit von ihr gezeichnet wurde. Vor allem durch die Verfilmung wurde die Vorstellung von ihr geprägt und das, wo weder sie noch ihr Umfeld daran mitgearbeitet haben. Seigle fasst dies so zusammen:

„Ein Drehbuch über meine Geschichte kam mir umso unwahrscheinlicher vor, als ich bisher überhaupt nichts von der Wahrheit gesagt hatte, nicht einmal bei meinem Prozess; niemand außer mir wusste, was in der Nacht des Verbrechens vorgegangen war.“

Symptomatisch für ihr Leben wird folgender Satz:

„Ich glaube, man kann nur daran sterben, dass man nicht mehr geliebt wird. Und das bedeutet nicht, aus Liebe zu sterben, sondern eher das Gegenteil.“

Als Kind und Jugendliche liebt sie ihren Vater und befolgt seine Befehle unhinterfragt, was ihr zum Verhängnis wird. Als Erwachsene wird sie wiederum von zwei Männern, die sie liebt, zurückgewiesen und als Konsequenz wünscht sie sich den Tod. Nur dieser kann sie erretten. Mehrfach misslingen ihre Suizide, Pauline ist zum Leben verdammt scheint es:

„am Tag vor der Eröffnung meines Prozesses, als ich zum dritten Mal versucht habe, mir das Leben zu nehmen. Alle sagten, ich sei abermals «gerettet» worden, während ich dachte, ich sei abermals am Sterben «gehindert» worden.“

Besonders bestürzend waren die Lynchjustiz und Racheakte der vorgeblichen Résistance. Erbarmungslos schildert der Autor, was man dem jungen Mädchen antut. Die Zeilen sind drastisch, kaum zu ertragen vor Brutalität und man fragt sich, ob der Krieg wirklich alles Menschliche in der Bevölkerung ausgelöscht hat und dass sie vorgefertigte Wahrheiten der tatsächlichen Realität vorziehen. Vieles im Leben von Pauline ist durch die Umstände und vor allem den Krieg bestimmt. Ihr Leben wäre ein gänzlich anderes gewesen, wäre sie in anderen Zeiten großgeworden. Aber so funktioniert nun einmal das Schicksal, es sind die Umstände, die die Menschen zu dem werden lassen, was sie letztlich sind. Und es sind die Worte, die wir gebrauchen, um sie zu beschreiben, die sie zu dem werden lassen, was wir in ihnen sehen wollen. Doch manchmal ist auch die Sprache nicht ausreichend:

„Die Vorsätzlichkeit qualifiziert das Verbrechen als Mord, als assassinat. Doch das Substantiv assassine, mit dem eine Frau zu bezeichnen wäre, die vorsätzlich gemordet hat, existiert in der französischen Sprache nicht; die Form ist nur als Adjektiv gebräuchlich. Maître Floriot und die anderen arrangierten sich mit dieser Unzulänglichkeit des Französischen.“

Aber man findet Wege, sich zu arrangieren.

Ein beeindruckend und nachhaltig wirkendes Buch über eine Frau, die so viel Hoffnung hatte und die in ihrem Leben einfach kein Glück finden konnte. Wie es wirklich war, wird sich nie herausfinden lassen. Ihr Abschiedsbrief, in dem sie sich offenbar erklärte, ist verschollen und so bleiben nur die Prozessakten, ein Film und das, was wir uns über sie zusammenreimen. Aber das ist nicht wichtig, Jen-Luc Seigle hat ihr eine Stimme gegeben, endlich ihre Version der Wahrheit zu erzählen.

Interessanterweise habe ich gestern ein Feature über „Erfundene Wahrheiten“ in der Fiktion gehört. Es scheint seit einiger Zeit einen Trend auf dem Buchmarkt zu geben, dass sich Bücher, die auf realen Begebenheit beruhen, besonders gut verkaufen. Welche Gefahren darin liegen, wird dabei sehr schön auch aufgezeigt. Letztlich ist aber doch Realität eine Konstruktion, die sich jeder selbst macht. Wir kreieren unsere Welt und darin ist glücklicherweise auch Platz für lesenswerte Geschichten.

Advertisements

Nathan Englander – Dinner at the Center of the Earth

nathan-englander-dinner-at-the-center-of-the-earth.png
Nathan Englander – Dinner at the Center of the Earth

Berlin 2002. A young Palestinian helps out a Canadian businessman to sail on one of the lakes. The more often they meet, the more intimate they get. Paris, the same year. Prisoner Z falls in love with a waitress. A young woman who turns out to be a super-rich daughter with unlimited opportunities. Israel 2014. The General is in hospital, dying, it is just a question of time until he passes away. The same year, the same country, but in a secret prison cell. Prisoner Z sets all his hopes on the General unsuspecting of the latter’s poor state of health. Slowly, all pieces fit together to narrate a story of spying and love in one of the most conflict-laden regions of the earth.

The short description of the novel was really appealing and promising. I was expecting a suspenseful and tedious story which brings the characters to their limit and in which they oscillate between ethical values and commitment to their country and personal interests and emotions. Yet, the plot is slowly flowing without any remarkable peaks in suspense. It took me quite some time to get an idea of the characters and their connection, how they relate isn’t obvious at all.

The narrative style is quite enticing, the dialogues are vivid, also the presentation of the single characters is effective and thriving. However, due to the various places and side plots, the red thread got lost a bit. We have just fractions of the Israel history of which I really would have liked to read much more. Yet, as it is, there are a lot of narrative paths lain out which, unfortunately, nobody ever walked.

Ines Geipel – Tochter des Diktators

ines-geipel-tochter-des-diktators
Ines Geipel – Tochter des Diktators

Anni Paoli will eine Geschichte erzählen. Nein, sie muss sie erzählen, damit sie nicht in Vergessenheit gerät oder wie so vieles andere einfach aus den Geschichtsbüchern gestrichen wird. Und weil alle anderen inzwischen tot sind. Es ist die Geschichte von ihrem Kindheits- und Jugendfreund Ivano Matteoli und seiner großen Liebe Bea. Ivano und Anni wachsen im italienischen Dorf Cigoli, zwischen Pisa und Florenz gelegen, auf. Wie viele der Dorfbewohner sind auch Ivanos Eltern Kommunisten und früh schon verschreibt sich der Junge ebenfalls diesen Gedanken. Anfang der 60er Jahre haben Ivano und Anni die Schule beendet und ihre Wege trennen sich. Anni geht zum Kunststudium nach Paris, Ivano nach Leningrad. Dort begegnet ihm das deutsche Mädchen Bea, eigentlich Beate, noch eigentlicher Maria und am eigentlichsten die erste Tochter der DDR: Ivano verliebt sich in die Adoptivtochter von Lotte und Walter Ulbricht. Alle kommunistisch-sozialistischen Überzeugungen reichen jedoch nicht aus, um den Vorstellungen des Landesvaters zu genügen und so ist die Liebe der beiden vom ersten Tag an zum Scheitern verurteilt.

Ines Geipels Roman „Tochter des Diktators“ mag zwar fiktiver Natur sein, die Eckdaten um Ivano und Bea sind jedoch real. Geboren als Maria Pestunowa wurde sie 1946 vom Landesvater adoptiert, um dem sozialistischen Idealbild der Familie und Stalins Wünschen zu genügen. Ihr Studium in Leningrad und die Hochzeit, sowie die spätere Geburt einer gemeinsamen Tochter und die Zwangsrückkehr in die DDR sind belegt. Ebenso das Ende dieser Verbindung, das durch den Passentzug eingeleitet wurde. Der Tod Beate Ulbrichts ist bis heute ungeklärt.

Erzählt wird ihre Lebensgeschichte ohne dass Bea jemals persönlich in Erscheinung tritt. Dies ermöglicht Lücken und Unklarheiten zu schließen bzw. erhebt dadurch auch nie den Anspruch auf vollständige Rekonstruktion. Ebenso müssen wir nicht spekulieren über Gedanken und Gefühle, die die junge Frau durch die Repressionen des Staates, der zugleich ihre Eltern waren, ausgesetzt war. Eine literarische Form, die sehr passend gewählt wurde.

Allerdings verschiebt sich hierdurch auch der Fokus der Handlung. Er liegt viel mehr auf dem Italien der kleinen Gemeinschaften. Dem Italien der Nachkriegszeit, das durch Korruption und eine ganz eigene Art des Terrorismus geprägt war. Für Anni ist die Flucht in ein fremdes Land und in die Kunst der Weg des Ausbruchs, Ivano sucht im Kommunismus und dem Traum einer Revolution den Ausweg. Ironischerweise ist es dann Anni, die 1968 in Paris eine echte Revolution miterlebt.

Mit Anni, einer Figur, die sowohl Außen- wie auch Innensicht vertreten kann, ist eine passende Erzählerin gefunden. Der Roman kann vor allem durch ironische und oftmals zweideutige Formulierungen Punkten, die besonders die im Zusammenhang mit Familie Ulbricht entstehenden Absurditäten und der festgeschriebenen Normen des italienischen Dorfes angemessen in Worte fasst:

„Beate Matteoli (…), die Tochter des Berliner Mauerbauers Walter Ulbricht“ oder

„Hätte Cigoli einen Beichtkatalog im Hinblick auf Niedertracht, Obsession und Verrat, er wäre bunt und schillernd wie ein Pfau.“

In sehr bildhafter Sprache wird das Leben einer öffentlichen Person rekonstruiert, die nie öffentlich sein wollte:

„Nur der Geheimdienst führte Buch. Über das harte Ringen einer Staatstochter, etwas außerhalb dessen zu leben, was die Staatseltern ihr zubilligten. (…) Man hatte sie zu zwei Marionetten gemacht, die an Fäden hingen, von unsichtbaren Händen weitergereicht, ein Puppenpaar ohne Boden und in Dauergefahr.“

Heute ist sie aus dem Bewusstsein weitgehend verschwunden, ebenso wie der Staat, in dem sie aufwuchs. Fast ironisch, eher aber tragisch, dass ihr Ende ungeklärt bleibt, wo all ihre Handlungen zu Lebzeiten minutiös überwacht wurden. Immerhin bleibt ihr mit Ines Geipels Roman wenigstens ein lesenswertes literarisches Vermächtnis.

Der Roman erscheint am 5. August 2017 bei Klett-Cotta.

Leïla Slimani – Chanson douce

leila-slimani-chanson-douce
Leïla Slimani – Chanson douce

„Le bébé est mort. Il a suffi de quelques secondes. “ – Mit der Ankündigung des Todes des Babys beginnt Leïla Slimanis Roman „Chanson douce“. Doch wie kam es dazu? Myriam und Paul Massé sind jung, erfolgreich und die perfekte Familie mit der kleinen Mila und Baby Adam. Doch Myriam fühlt sich zunehmend falsch in der Rolle als Hausfrau und Mutter und als sie einen ehemaligen Studienkollegen trifft, der sie an ihre Karriere Anwältin erinnert, ist die Entscheidung schnell getroffen: eine Nanny muss her. Nach einem langen Casting entscheiden sie sich für Louise, die sofort die Herzen der ganzen Familie erobert. Sie kann nicht nur die trotzige Mila bändigen, sondern geht auch ganz in der Haushaltsarbeit auf und bald schon erstrahlt die Pariser Wohnung in ungeahntem Glanz. Immer abhängiger werden die vier von der resoluten und gutmütigen Frau; Myriam arbeitete mehr und mehr und auch Paul sehnt sich nach dem Leben vor den Kindern zurück und verbringt zunehmend mehr Zeit in seinem Tonstudio. Aber Louise hatte auch ein Leben vor den Massés und obwohl sie immer mehr in die Familie hineinwächst und dort praktisch einzieht, holt sie dieses Leben langsam wieder ein.

Leïla Slimanis Roman wurde mit zahlreichen Preisen geehrt, unter anderem dem Prix Goncourt 2016. Auch wenn ein Mord geschieht, handelt es sich nicht um einen Krimi, wirkliche Spannung wird auch nicht aufgebaut, eher ungute Ahnung. In Form der Analepse erzählt – immerhin weiß man vom ersten Satz an, dass die Kinder die Erzählung nicht überleben werden – nähert man sich langsam diesem Ereignis. Während die Handlung um den Haushalt Massé chronologisch voranschreitet, erfährt über Rückblenden von Louises Leben vor der Anstellung dort: ihr Mann, ein Taugenichts, der sein Leben mit Klagen verbrachte; ihre Tochter Stéphanie, die viel zu früh kam und unter den unsäglichen Verhältnissen stumm litt; die Vermieter und Arbeitgeber, die Louise systematisch schikanierten.

Der Roman lebt von den Figuren, vor allem die zwei Protagonistinnen symbolisieren hervorragend die Tragik der modernen Frau: Myriam, zerrissen zwischen Anspruch und Wirklichkeit, zwischen dem Wunsch eine gute Mutter zu sein und dem Verlangen nach beruflicher Selbstverwirklichung und Anerkennung. Das schlechte Gewissen als ständiger Begleiter, sowohl gegenüber den Kindern wie auch gegenüber ihrer Arbeit und den Klienten. Es scheint keinen wirklichen Zwischenweg zu geben und trotz aller Emanzipation bleibt der Ehemann und Vater bei dieser Problematik außen vor. Louise hingegen ist gefangen in den typischen Geringverdienerjobs als Pflegerin oder Kindermädchen, die ihr nie einen finanziellen Ausstieg aus der Misere ermöglichen. Dazu die Abhängigkeit von einem Mann, der nichts zum Haushalt beiträgt und sie in sein Unglück mit hineinzieht. Für kurze Zeit können die beiden Frauen sich der Illusion hingeben, ihrem Schicksal zu entkommen und die ausgelassene Freiheit von Bürden zu leben, doch dann werden sie von der Realität eingeholt, die brutal zuschlägt und den Moment der Glückseligkeit zerschlägt.

„Chanson douce“ ist erst der zweite Roman der Franco-Marokkanerin und lässt die Erwartungen für weitere Bücher der Autorin hoch steigen.

Carolin Hagebölling – Der Brief

carolin-hagebölling-der-brief
Carolin Hagebölling – Der Brief

Ein seltsamer Brief stellt Marie vor ein Rätsel: ihre ehemals beste Freundin Christine schreibt ihr, jedoch stimmt so einiges nicht. Marie lebt nicht in Paris, sondern in Hamburg. Und sie arbeitet auch nicht im Kunstbereich, sondern ist Journalistin. Mit Johanna lebt sie in einer glücklichen Beziehung, wer soll dieser Victor sein? Und welches schreckliche Ereignis liegt hinter ihr? Zahlreiche Fragen, denen sie auf den Grund gehen will. Aber auch im Leben ihrer Freundin ist einiges anders als in diesem Brief beschrieben, denn sei wohnt immer noch im Heimatort, nicht in Berlin, und hat nur einen Sohn und nicht zwei Kinder. Erlaubt sich jemand einen Scherz mit ihr? Nach weiteren Briefen und einem Zusammenbruch beschließt Marie, sich in Paris auf Spurensuche zu begeben und taucht dort unerwartet in ein ganz anderes Leben ein, das ebenfalls ihres hätte sein können. Wieder zurück in Hamburg bleibt die Frage: was ist real?

Der Roman beginnt mysteriös mit diesem unerklärlichen Brief und zahlreichen Zeichen, die man rational nicht verstehen kann. Sowohl in Hamburg wie auch in Paris ereignen sich für die Protagonistin Dinge, die sich der einfachen Logik entziehen und nicht begreif- und erklärbar sind. Sie scheint zwei Leben zu haben, in denen sie zu Hause und glücklich ist. Aber welches ist das richtige und wie kann dies sein? Schnell schon kommt der Verdacht auf, dass ihre Erkrankung verantwortlich dafür ist, aber reicht dies wirklich als Erklärung? Die Autorin spielt hier mit dem Leser und lässt einem rätseln und Spuren verfolgen, schnelle und offenkundige Lösungen gibt es nicht.

Die Figuren haben mir gut gefallen, sehr authentisch wirkende normale Menschen, die mitten im Leben stehen und in jeder Situation glaubwürdig menschlich agieren. Besonders gelungen war für mich der Abschnitt über Paris, der die Stadt wunderschön porträtiert und dadurch einen bezaubernden Rahmen für die Handlung bietet. Auch der Schreibstil kann überzeugen, Carolin Hagebölling gelingt es gleichermaßen Spannung und Atmosphäre aufzubauen, so dass man das Buch eigentlich kaum weglegen mag.

Der einzige Kritikpunkt ist für mich das Ende. Hier wurden die vorher eher subtil platzierten Anspielung etwas zu vorhersehbar und durchschaubar. Die Auflösung der Geschichte ist zwar durchaus akzeptabel und passend, aber sie wird sicherlich einige Leser unzufrieden zurücklassen. Man würde zu viel verraten, wenn man hier näher ins Detail ginge. Alles in allem aber ein gelungener Roman, der insgesamt überzeugen kann.

Laurent Binet – The 7th Function of Language

laurent-binet-the-7th-function-of-language.png
Laurent Binet – The 7th Function of Language

February 1980, after lunch with François Mitterrand, promising politician of the socialists and candidate for the 1981 presidential election, the literary theorist Roland Barthes is run over by a lorry and later dies in hospital. What first looks like an ordinary car accident, turns out to be malicious murder. But who would want to murder Barthes? Superintendent Jacques Bayard has to investigate and soon understands that he does not understand anything at all of what all these intellectuals talk about. He needs help and contacts Simon Herzog, a young lecturer on linguistics who not only has to translate the theoretical paraphernalia but also helps him to unravel the mystery of the 7th function of language.

Forming an opinion on Laurent Binet’s novel is not easy. Well, actually, I really enjoyed it, but I can easily understand people who just hate it and find it boring. So, what does it need for a reader to indulge in it?

  1. If you are a linguist – jackpot. The novel is full of linguistic theory. Having at least a slight notion of what structuralism, deconstruction, semiotics and of course the communicative functions of language are, helps a lot to enjoy the novel since you do not have to pay too much attention to the theoretical passages (which will certainly help if you do not know anything about it).
  2. An interest in French intellectuals, or intellectuals gathering in Paris at the end of the 1970s/beginning of the 1980s. We meet Julia Kristeva, Philippe Sollers, BHL, Sartre, de Beauvoir, Eco, Foucault – also PPDA plays a minor role – and also Derrida and Searle pop up. Seeing them interact is just hilarious. At least as long as you find them interesting.
  3. French politics: Giscard d’Estaing vs. Mitterrand. Two of the greatest politicians of the second half of the 20th century which could hardly differ more than they did.
  4. Secret Societies of scholars – Freemasons, Illuminati, Rosicrucians, whatever.

Yes, it is a kind of crime novel centred around intellectuals. The crime aspect is not that relevant, there is some kind of suspense – you do want to know what is behind all this – but much more it is a brilliant way of integrating philosophy, linguistics, literary studies etc. into a fictional plot. Binet is a mastermind when it comes to presenting the theory and directly using it within the story, he plays with it and with the reader and if you are ready to play the game, you can have real fun. Apart from this, I really enjoyed his style of writing, it is full of irony, playfulness and spirit:

“25 February 1980 has not yet told us everything. That’s the virtue of a novel: it’s never too late.” (pos. 2236)

or

“We have no way of knowing what Simon dreams about because we are not inside his head, are we?” (pos. 3450)

And the most amusing comment from poor Simon Herzog is:

“I think I’m trapped in a fucking novel.” (pos. 3899)

For me, just the perfect combination of entertainment (the characters are masterly drawn) and intellectually challenging.

 

Quo vadis, Gallia?

eiffelturm.jpg

Es ist vermutlich alles gesagt, was vor dieser Wahl gesagt werden musste. Jetzt sind die Wähler am Zug. Rund 47 Millionen Franzosen können unter zunächst 11 Kandidaten ihren Favoriten wählen. Zeit, einen literarischen Blick auf das Land zu werfen.

Gesellschaft

Édouard Louis beeindruckendes Debüt „En finir avec Eddy Belleguele“ schildert seine Kindheit und Jugend in der französischen Provinz, wo sich die Menschen abgehängt und vergessen fühlen und Gewalt und Brutalität den Alltag bestimmen.

Auch Saphia Azzeddine wirft den Blick an den Rand der Gesellschaft. „Mein Vater ist Putzfrau“ beschreibt das Überleben in der Cité aus der Sicht eines langsam erwachsen werdenden Jungen, der die Welt noch nicht ganz begreift, aber schon wesentliche Schwächen in ihr erfasst.

Mit großen Träumen flüchten Menschen nach Frankreich, in der Hoffnung auf ein besseres Leben. Aber das Versprechen kann nicht gehalten werden, manchmal geht es ihnen noch schlechter als in der Heimat, wie Shumona Sinha in „Erschlagt die Armen!“ eindrucksvoll vorführt.

Politik

Jérôme Leroy zeichnet in „Der Block“ den Aufstieg des Front National nach. Anhand zweier fiktiver Figuren lässt er den Leser nachvollziehen, wer sich von der Partei rechts außen angezogen und verstanden fühlt.

Michel Houellebecq viel diskutierter Roman „Soumission“, veröffentlicht am Tage der Anschläge auf Charlie Hebdo, zeichnet eine düstere Zukunft seiner Heimat – die Präsidentschaftswahl wird zur Wahl zwischen Pest und Cholera.

Karine Tuil ermöglicht den Blick in die inneren Mechanismen des Machtzirkels in Frankreich. „Die Zeit der Ruhelosen“ steht ebenfalls im Kontext von Ausgrenzung von Migranten, Bedrohung durch Terrorismus und der Machtlust einzelner.

Die Attentate und ihre Folgen

Der Angriff auf Charlie Hebdo im Januar 2015 sollte nur der Anfang von einer ganzen Reihe von schrecklichen Anschlägen in Frankreich sein. Maryse Wolinski, Gattin eines der ermordeten Zeichner, schildert ihre ganz persönliche Sicht auf den Tag und die Wochen danach in „Schatz, ich geh zu Charlie!

Antoine Leiris hat beim Angriff auf den Club Bataclan seine Frau und Mutter ihres nur wenige Monate alten Sohns Melvil verloren. Er verhalf seiner Wut Ausdruck in einem offenen Brief an die Attentäter, den er bei Facebook postete, in der Folge entstand sein Buch „You will not habe my hate“, in welchem er den Mördern genau das verweigerte, was sie unbedingt wollten.

Gila Lustiger liefert die Perspektive derjenigen, die nicht unmittelbar betroffen waren, sich aber dennoch getroffen fühlen von den Ereignissen und nach Wegen suchen, mit der Angst vor weiteren Attentaten umzugehen. In „Erschütterung“ sind ihre ganz privaten Gedanken als Jüdin im heutigen Paris nachzulesen.

Fazit

Bei all diesen doch eher trostlosen Blicken auf Land und Leute, bleibt vielleicht am Ende nur noch der Rückzug ins Private, vielleicht die Kneipe an der Ecke, wo es sicher auch ein morgen geben wird, wie uns Jérôme Ferrari in seinem mit dem Prix Goncourt ausgezeichneten Roman „Predigt auf den Untergang Roms“ zeigt.

Hoffen wir, dass die 47 Millionen die richtige Wahl treffen.

Maryse Wolinski – Schatz, ich geh zu Charlie!

maryse-wolinski-schatz-ich-geh-zu-scharlie
Maryse Wolinski – Schatz, ich geh zu Charlie!

Ein grauer Januarmorgen, Maryse überlegt noch, ob sie schon aufstehen soll oder doch wartet bis ihr Mann Georges sie weckt. Die üblichen Morgenrituale, bis er sich mit den Worten „Schatz, ich geh zu Charlie!“ verabschiedet. Am Nachmittag werden sie sich schon wiedersehen, um eine Wohnung zu besichtigen, ein Umzug steht an. Aber dieser Termin wird ausfallen, denn am späten Vormittag wird Georges Wolinski beim Anschlag auf die Satirezeitung Charlie Hebdo von den Brüdern Kouachi eins von insgesamt zwölf Todesopfern des Anschlags werden. Mit ihm kommen die berühmtesten Karikaturisten des Landes ums Leben: Cabu, Charb und Tignous. Seit 1971 waren Maryse und Georges verheiratet bis im Namen Allahs ihr Mann für seinen Glauben an die Meinungsfreiheit sterben musste. Der Taxifahrer, der sie fährt, als sie die schreckliche Nachricht erhält, begleitet sie nach Hause und gibt er, auch wenn schon kaum mehr Hoffnung besteht, folgende, bewegende Sätze mit auf ihren ungewissen Weg: »Madame, ich wünsche, dass Ihrem Mann nichts zugestoßen ist. Ich werde an Sie denken. Ich werde für Sie beten.« Mehr konnte er nicht tun.

In Frankreich erschien das Buch der Witwe auf den Tag genau ein Jahr nach dem Anschlag, in Deutschland erst im Januar 2017. Für mich weitgehend ein Dokument des Umgangs mit der Trauer. Minutiös beschreibt sie die Momente am Morgen bis zur Verabschiedung Georges‘. Danach rekonstruiert sie ebenso akribisch die Vorgänge des 7.1.2015. Viel Zeit hat sie für Gespräche mit Augenzeugen aufgewandt, um zu verstehen, was sich genau zugetragen hat in den letzten Minuten vor den tödlichen Schüssen. Die Taubheit in den Stunden nach der Todesnachricht schildert sie eindringlich, ebenso wie das, was sie für den Mann empfunden hat, dessen Ring sie mehr als 40 Jahre trug.

Es ist weder ein besonders persönliches Buch noch ist es eine Anklage, obwohl viele Probleme hier offengelegt werden: warum gab es nicht mehr Schutz für die Journalisten, obwohl die Bedrohungslage derart evident war? Wie war die wirtschaftliche Entwicklung in den Monaten davor und vor allem nach dem Erfolg der Ausgabe der Überlebenden und wie ist dies moralisch mit den Grundsätzen der Gründer zu vereinen? Wie geht man in so einer Extremsituation mit Angehörigen um, die weder zum Ort des Geschehens vorgelassen werden noch verlässliche Informationen erhalten?

Man kann so ein Ereignis nicht wirklich voraussehen und vermutlich auch nicht verhindern. Meist sind unbeteiligte, willkürlich ausgewählte Menschen Opfer der heimtückischen Anschläge. Im Falle von Charlie Hebdo lag der Fall etwas anders. Die Journalisten waren sich der Gefahr bewusst und dennoch sahen sie es als ihre Aufgabe an, sich dieser zu stellen. Für Wolinski und die anderen Gründer der Zeitschrift gab es kein Wegducken:

„Ein fünfzig Jahre währender Kampf für die Meinungsfreiheit, um sich nun mit Obskurantismus, Barbarei und Scharia konfrontiert zu sehen. Und erneut die Frage: Darf man sich über alles lustig machen? Georges hat sich entschieden – Humor als Widerstand.“

Man kann nur hoffen, dass sie nicht umsonst gestorben sind, sondern ihre Haltung noch lange Zeit junge Journalisten ermutigt, es ihnen gleichzutun.

Karine Lambert – Und jetzt lass uns tanzen

karine-lambert-und-jetzt-lass-uns-tanzen.jpg
Karine Lambert – Und jetzt lass uns tanzen

Das Leben hat der 78-jährigen Marguerite wenig zu bieten seit ihr Mann Henri gestorben ist. Aber die gemeinsamen fünfzig Jahre zuvor waren auch nicht gerade von Heiterkeit und Ausgelassenheit geprägt. Sie war die adrette Dame an der Seite des seriösen Notars, hat die gesellschaftlichen Erwartungen – und die des Gatten – voll erfüllt und bekam dafür die absolute Sicherheit in ihrem Leben. Nun ist Henri weg und vieles droht in einem Strudel zu versinken. Ihr Arzt empfiehlt eine Kur im Süden, widerstrebend beugt sie sich. Marcel trauert ebenfalls, kaum jünger als Marguerite hat er seine geliebte Nora verloren, die er schon seit Kindesbeinen an kannte und liebte. Welchen Sinn soll das Leben ohne sie haben? Seine Tochter ist besorgt um ihn, mehr und mehr droht er zu versauern, eine kurze Reise sollte ihm guttun. Und so treffen die beiden Neuverwitweten zufällig aufeinander und Amors Pfeil trifft sie – zur ihrer eigenen Verwunderung und zum Entsetzen ihrer Kinder. Darf man in diesem Alter noch einmal die Liebe erleben?

Karine Lambert erzählt eine Geschichte von der zweiten Liebe, die jedoch der ersten in nichts nachsteht: schlagende Herzen, Unsicherheit, sehnsüchtiges Warten auf einen Anruf. Dass Alter merkt man Marguerite und Marcel nicht an, die lassen einfach ihre Herzen entscheiden, denn immer wenn sich der Verstand einschaltet, geht es daneben. Sie sind nicht stürmisch, aber ungestüm; sie ist nicht animalisch, aber aphrodisierend und lockt Gefühle hervor, die sie schon gar nicht mehr kannten; sie beflügelt und lässt die beiden nochmals fliegen. In wunderbar leichtem Ton wird bezaubernd das Gefühl vermittelt, das sich in den beiden Protagonisten nach der ersten Begegnung breitmacht. Man ist kein Voyeur, sondern ein dezenter Beobachter, der diese romantischste aller Formen der Liebe miterleben darf.

„Und jetzt lass uns tanzen“ ist durchaus ein Wohlfühlroman. Man freut sich für die beiden Figuren, die liebevoll gezeichnet werden. Sie haben ihre Schwächen, die ihnen Tiefen und Persönlichkeit verleihen. Sie agieren stets innerhalb ihres persönlichen Rahmens, insbesondere Marguerite merkt man ihre lebenslange Gefangenschaft im goldenen Käfig an, wie schwer es ihr fällt, ihre Freiheiten zu nutzen und zu leben und einfach loszufliegen. Auch Marcel erscheint mir sehr differenziert, insbesondere in den Momenten, in denen er Zweifel hat, ob er nach Nora noch eine andere Frau lieben darf.

Karine Lambert findet die richtigen Worte, die zu diesem großartigen Roman passen und ein stimmiges Bild aus Geschichte und Erzählstimme schaffen. Trotz durchaus ernster Rahmenbedingungen – der Verlust des geliebten Partners, die Tücken des Alters, die gesellschaftlichen und familiären Erwartungen – ist eine leichtfüßige Liebesgeschichte entstanden, die natürlich nur in Paris stattfinden kann.

Ein herzlicher Dank geht an das Bloggerportal für das Rezensionsexemplar. Weitere Informationen zum Titel finden sich auf der Seite der Verlagsgruppe Random House. 

Gedenken an die Anschläge vom 13. November 2015 – eine literarische Sicht

jean_jullien.PNG
artist: Jean Jullien

Am 13. November jähren sich die unsäglichen Anschläge von Paris als islamistische Attentäter an verschiedenen Orten im 10. und 11. Arrondissement sowie in Saint-Denis wahllos auf Menschen feuerten und insgesamt rund 130 Menschen töteten und über 300 verletzten. Man kann diese Anschläge nicht verstehen, auch die Motivation der Täter zu ergründen ist nicht einfach. Die Thematik jedoch hat auch zahlreiche Autoren inspiriert, sich literarisch damit auseinanderzusetzen und es gibt unzählige wirklich lesenswerte Bücher, nicht nur zu den Vorfällen in Paris.

1 Die Sicht der Opfer – Sachbuch

Sehr beeindruckt hat mich Antoine Leiris, dessen Frau im Bataclan Theater umgekommen ist und der nun allein mit dem 17 Monate alten Sohn weiterleben muss. Er hat in den ersten Tagen direkt nach der Tat niedergeschrieben, was ihm durch den Kopf ging und so einen ganz unmittelbaren Eindruck geschaffen von dem Leid und der Verzweiflung, die die Taten mit sich brachten.

Antoine Leiris – You will not have my hate

Eine Autorin, die ich schon länger sehr schätze, weil sie sehr fundiertes Wissen über Frankreich hat und derzeit auch in Paris lebt, Gila Lustiger, hat ebenfalls ihre ganz persönlichen Erfahrungen und Gedanken niedergeschrieben. Zwar hat sie in ihrem unmittelbaren Umfeld keine Opfer zu beklagen, sie kann die Anschläge aber in einem größeren Zusammenhang, der vor allem die Situation auch der jüdischen Bevölkerung in den Fokus nimmt beschreiben.

Gila Lustiger – Erschütterung

2 Die Perspektive der Täter – literarisch

Einen wirklich gelungenen Eindruck davon, wie die zweite Generation von Migranten sich plötzlich radikalisieren kann, ohne dass sich dies lange vorher abgezeichnet hätte, bekommt man mit Hanif Kureishis Drama „The Black Album“. Ein junger Pakistaner will eigentlich in London Literatur studieren und begeistert sich für seine fortschrittliche Dozentin. Nur eine kleine Sache bringt ihn jedoch in die Abhängigkeit einer sich radikalisierenden gruppe, der er sich nicht mehr entziehen kann.

Hanif Kureishi – The Black Album

Leider habe ich zu dem für mich beeindruckendsten literarischen Werk der Thematik keine Rezension verfasst, aber ich kann nur raten, dies zu lesen, wer schon immer einmal verstehen wollte, wie insbesondere Frauen dazu kommen, als Selbstmordattentäterinnen ihr Leben zu opfern.

Yasmina Khadra – L’Attentat

Ähnlich gelagert, nur ein anderer Handlungsort findet sich bei ihm in den Sirenen von Bagdad, die ebenfalls nachzeichnen, wie auch Frust und Hoffnungslosigkeit Gotteskrieger entstehen.

Yasmina Khadra – Les sirènes de Bagdad

3 Das Thema aus Krimi-Perspektive

Joakim Zander lässt eine junge Frau auf die Suche nach den Gründen gehen, weshalb sich ihr Bruder aus dem beschaulichen Schweden in den Krieg nach Syrien begibt, um dort im heiligen Krieg zu kämpfen und möglicherweise zu sterben.

Joakim Zander – The Brother

Eine zufällige Aufnahme bringt den Kameramann Niall in große Gefahr. Er filmt einen Angriff zweier Jugendliche, die bekennen, im Namen Allahs gehandelt zu haben. Niall ist beeindruckt und macht sich an Nachforschungen, um den Hintergrund der Täter zu durchleuchten. Dabei begibt er sich in größte Gefahr.

Zoe Beck – Schwarzblende

4 Die Folgen für die Gesellschaft

Fehlen darf natürlich nicht Michel Houellebcq, dessen Roman zwar nicht direkt Bezug zu den Attentaten herstellt, aber die Sorge vor Islamisierung literarisch überzeugend umsetzt und ein erschreckendes Szenario schafft.

Michel Houellebecq – Soumission