Felicity Ward – Sag mir, wer ich bin

Felicity Ward – Sag mir, wer ich bin

Es war nicht einfach für die 16-jährige Sally ihre Eltern davon zu überzeugen, sie statt in die Schweiz nach Paris zu schicken. Kaum angekommen wird sie übel zugerichtet an der Gare Lazare gefunden und kämpft im Krankenhaus ums Überleben. Sie wurde von einem Mann entführt, misshandelt und beinahe vergewaltigt. Aber das kann sie ihren Eltern nicht erzählen, auch ihre Erinnerungen an ihren Peiniger und das, was genau geschehen ist, sind eher diffus, weshalb sie schweigt. Viele Jahre lang, doch die Angst begleitet sie, auch wieder zu Hause in Montreal. Auf der Straße, in Aufzügen, überall fürchtet sie sich. Eine Beziehung mit einem Mann – unvorstellbar. Ihr Job bei einer Hilfsorganisation für Frauen in Not verstärkt ihre Überzeugung, dass alle Männer gewalttätig sind zudem. Erst ihrem Patenonkel gelingt es Jahre später, dass sie über das Erlebte sprechen kann, aber das bedeutet noch lange nicht, dass sie ihre Angst auch loswird, denn die Gefahr bleibt: will der Mann das zu Ende bringen, was er Jahre zuvor begonnen hatte?

Wenn ein Roman von einem Vorwort begleitet werden, frage ich mich meist, ob es dem Autor oder der Autorin nicht gelungen ist, das, was er oder sie sagen wollte, in der Geschichte zu verarbeiten, so dass zusätzliche Erklärungen erforderlich werden. Im Falle von Felicity Wards Roman sieht dies jedoch anders aus. Bevor man sich auf Sallys schreckliche Erlebnisse einlässt, wird das Trauma psychologisch eingeordnet und auch das schwierige Verhältnis der französisch- und englischsprachigen Kanadier miteinander historisch eingeordnet. Beides ist zum Verständnis unterstützend hilfreich, vor allem Sallys Zustand, der ihre Mitmenschen schier verzweifeln lässt, ist nicht einfach nachzuvollziehen, wenn man sich mit posttraumatischen Belastungsstörungen nicht auseinandergesetzt hat. Dies ist das zentrale Element der Geschichte: der Körper heilt, die Spuren des Überfalls sind bald schon nicht mehr zu sehen, aber die Wunden auf der Seele schließen sich nicht.

Man wünscht sich nichts mehr, als dass die junge Frau sich von den Dämonen, die sie immer wieder heimsuchen, befreien kann. Es sind die kleinen Details, die die Autorin überzeugend eingefangen hat, die Hinweise darauf geben, dass Sally nichts überwunden, nichts verarbeitet hat. Ihr ganzes Leben wird akribisch um das Trauma eingerichtet. Nie als erste im Restaurant sein, nie alleine mit einem Mann in einem Auto sitzen. Sie versucht zwar hin und wieder eine Konfrontation, aber professionelle Hilfe lehnt sie ab und so verfestigt sich ihr schlechter Zustand zusehends, den sie –  für die Außenwelt etwas beschönigt – versucht zu verstecken. Die Geduld, die ihr Patenonkel aufbringt, ist unglaublich, und auch er verfällt der Illusion, irgendetwas dauerhaft zum Besseren verändern zu können.

Das Verhältnis der sich wenig positiv gesinnten Bevölkerungsgruppen Kanadas, die sich durch Sprache und Religion unterscheiden, wird immer wieder gestreift. Tief verwurzelte Vorurteile, absurdeste Zuschreibungen – man kann kaum glauben, wie borniert die Menschen sein konnten – und auch vielfach heute, fast 50 Jahre nach dem Zeitpunkt der Handlung – noch sind.

Ein eindrücklicher Roman, der sicherlich nicht für jedermann eine passende Lektüre ist. Hervorragend gelingt es Felicity Ward, die Folgen – und auch Ursachen, die sich erst viel später erklären – eines traumatischen Erlebnisses zu schildern und nachvollziehbar zu verdeutlichen, weshalb eine Rückkehr in das normale Leben bisweilen eben nicht möglich ist. Trotz, oder gerade wegen, der Schwere der Thematik eine uneingeschränkte Leseempfehlung.

Frédéric Beigbeder – Der Mann, der vor Lachen weinte

Frédéric Beigbeder – Der Mann, der vor Lachen weinte

Octave Parango gehört zu den ganz Großen seines Faches, als Kolumnist fasst er jeden Donnerstagmorgen im Radio scharfzüngig bis zynisch die Lage der Nation zusammen. Pünktlich um 8 Uhr 55 wird der größte nationale Radiosender seit zwei Jahrzehnten von ihm zum zentralen Ort der Abrechnung. Doch nach Jahren des ausgelassenen Feierns und engen Austauschs zwischen Kultur und Politik ist ihm nun das Lachen vergangen. Was in den 90ern mal komisch war, bleibt ihm jetzt im Hals stecken. Er hat noch eine Nacht, um sein Programm für den folgenden Morgen vorzubereiten. Sinnierend flaniert er durch Paris auf der Suche nach Inspiration, aber er hat sich schon so entfremdet, dass er kaum mehr Bezug zu seiner Umwelt finden kann.

„Dieses Buch ist der Bericht einer Selbstversenkung, aber nicht nur meiner eigenen, es handelt sich eher um ein Kollektivopfer.“

Beigbeder greift in seinem aktuellen Roman den Protagonisten Octave Parango auf, der bereits zentrale Figur in „99F“/“Neununddreißigneunzig“ und „Au secours pardon“ war. Stand in ersterem die Abrechnung mit der Werbebranche und dem maßlosen Konsum im Vordergrund, war es in zweitem die Welt der Mode mit ihren ausschweifenden, drogengetränkten Partys. An beides erinnert sich Parango bei seinem Streifzug, doch die Stadt ist nicht mehr die, die er einmal kannte. Es ist eine Satire, die sich zwischen urkomisch und tiefverzweifelt bewegt und so die Gegenwart ungeschönt einfängt.

„In einer Vergnügungsdemokratie hat der Staatspräsident nicht so viel Gewicht wie der Narr, denn er muss die tägliche Karikatur ertragen, während der Narr nicht anfechtbar ist – und damit ein Tyrann.“

Wie auch die vorhergehenden Romane der Trilogie ist „Der Mann, der vor Lachen weinte“ autobiografisch geprägt, Beigbeder verlor seine morgendliche Kolumne bei France Inter, nachdem er den Bogen überspannt und sich der „Vergnügungsdemokratie“ entsagt hatte. Nach den Anschlägen auf Charlie Hebdo genießen die Karikaturisten Narrenfreiheit; waren sie vorher diejenigen, die Staat und Gesellschaft den hässlichen Spiegel vorgehalten haben, sind sie nun unantastbar.

„Jedes Jahr gedenkt man am 14. Juli, Frankreichs Nationalfeiertag, einer von der Polizei verbotenen Demonstration. Deshalb gelten Aufstände in Frankreich als heilig. Das Recht auf Wut ist hierzulande unantastbar. Die Revolution ist unsere DNA, unsere Republik ist aus einem gewalttätigen Chaos hervorgegangen, (…)“

Doch sie, ebenso wie die politische Elite, die schon immer aus den Grandes Écoles hervorgegangen ist, deren Zugang mehr mit Beziehungen denn mit Qualifikation zu tun hat, haben den Bezug zum Volk verloren. Täglich erlebt er Demonstrationen der Gelbwesten (in der Übersetzung etwas irritieren „Neonwesten“ genannt), die in zerstörerischen Ausschreitungen enden und doch mit ihrer Message nicht ankommen.

Der Komiker hat nichts erreicht, die Satire hat nicht zum Nachdenken angeregt, hat keine Veränderung provoziert. Mehr als oberflächliche Lustigkeit ist nicht geblieben. Und so greift die abgehängt Klasse notgedrungen zu jenem Mittel, das auch schon Jahrhunderte zuvor gewirkt hat und erobert sich mit den Champs-Élysées jene Straße zurück, die sich die reiche Oberschicht als ihr Quartier eingerichtet hatte.

Beigbeders Roman ist inhaltlich eher ein Essay zur Lage der Nation, eine Abrechnung mit der politischen wie kulturellen Elite, zu der er selbst jedoch auch gehört. Eindrücklich und zugleich sehr unterhaltsam warnt er vor den Folgen der Entfremdung, man hat schon einmal gesehen, wo diese hinführt. Das kollektive Augenverschließen – nicht nur vor der Not weiter Teile der Bevölkerung, sondern in Frankreich zudem noch vor den inzwischen publik gewordenen Pädophilie-Skandalen – kann und darf nicht mehr toleriert werden.

Sicher nur begrenzt auf Deutschland übertragbar da sehr spezifisch auf die französische Situation bezogen, dennoch sehr lesenswert, denn Beigbeder gelingt die Mischung zwischen Unterhaltung und Sozialkritik überzeugend.

Wolfgang Franßen – Mado

Wolfgang Franßen – Mado

Mado ist die rebellische Tochter einer rebellischen Tochter einer selbstbewussten, unabhängigen Frau. Sturheit und Eigensinn ziehen sich durch die Familie und werden von einer an die nächste Generation weitergegeben. Nichtsdestotrotz gilt jedoch im Notfall: Blut ist dicker als Wasser und wenn eine Hilfe braucht, sind die anderen da, ohne Wenn und Aber. Mado ist in so einer Situation. Nachdem sie ihren Freund erschlagen hat, ist sie aus Paris zurück in die bretonische Heimat geflüchtet, wo sie Zuflucht bei der Oma sucht. Diese verspricht, sich um das Malheur zu kümmern. Schnell merkt Mado jedoch, dass sie sogleich wieder von all dem eingeholt wird, das sie schon hinter sich gelassen glaubte: die Kneipe der Mutter, die Streitigkeiten mit ihrer Schwester Verelle, die Langeweile, die sie in die Arme von Thierry treibt, und die Geldnot, die ein besseres Leben verhindert. Für die 25-Jährige steht jedoch fest: sie lässt sich nicht mehr unterkriegen und wird sich gegen die Widrigkeiten des Lebens wehren.

„Ihre Großmutter hatte im Gefängnis gesessen. Ihre Mutter war eine Hure. Ihre Schwester eine Nonne. Sie eine Mörderin. Eine perfekte Familie.“

Der Verleger Wolfgang Franßen schreibt in seinem gleichnamigen Roman die Geschichte einer jungen Frau, der wenig im Leben geschenkt wurde. Die Mutter betreibt eine Kneipe auf dem Land, schon der Ruf der Großmutter war zweifelhaft und so hält die Zukunft auch für Mado wenig Hoffnung bereit. Bleibt also nur die Flucht nach vorne in die schillernde Hauptstadt, in der Provinz nichts zu haben, ist genauso gut wie in Paris nichts haben, also bleibt nichts zu verlieren.

„Ihr stand eine Nacht voller Selbstmitleid, Prahlerei und hartem Sex bevor, in der es nur darauf ankam, wie lange er durchhielt. Am besten, sie schloss sich gleich im Bad ein.“

Häufig verlaufen die Erfahrungen zyklisch und so erlebt auch Mado das, was sie schon kennt: Gewalt, insbesondere gegen Frauen. Das haben ihre Mutter und Großmutter auch schon hinter sich gebracht und es folgt einer gewissen Logik, dass auch Mado – wie später auch ihre Schwester Verelle – auf misogyne Männer trifft, die in ihr keine gleichberechtigte Partnerin, sondern eine nützliche Freizeitbeschäftigung sehen.

„Mado was fünfundzwanzig und von ihrer Großmutter nicht dazu erzogen worden, einen Herd zu bewachen.“

Mado versucht dies zu durchbrechen, zumindest ausreichend Willensstärke wurde ihr mitgegeben, die Lösung, die sie dafür wählt, ist jedoch mehr so semioptimal, weshalb sie genau dahin zurückkehrt, woher sie kam. Damit geht sie auch zurück auf Start, denn nichts hat sich für sie verändert.

Der Roman hinterlässt zwiespältige Gefühle. Einerseits sieht man, wie die Frauen der Familie Kaaris ihren Kopf haben und sich nicht unterkriegen lassen, zusammenhalten und pragmatisch tun, was getan werden muss. Andererseits kommen sie aus der Gewaltspirale und dem Leben am Rand der Gesellschaft nicht heraus. Mado hat Träume und ein verdammtes Recht auf ein bisschen Glück – nur irgendwie hat das noch keiner dem Schicksal erklärt.

Ein Milieuroman, der nah an seiner Protagonistin ist, die mir mit all ihrer Störrigkeit und Wut – und bisweilen auch der derben Sprache und dem durchaus grenzwertigen Verhalten – dennoch gut gefallen hat, gerade weil sie so ist, wie sie ist.

Michael Farris Smith – NICK

Michael Farris Smith – NICK

World War I is raging and Nick Caraway among the young soldiers who fight in France. His life threatened when he lies in the trench, he is looking for distraction in Paris on those few days he is off duty. He falls for a woman but times like these are not made for love. When he returns to the US in 1919, he suffers from what we today call post-traumatic stress syndrome. He does not know where to go or what to do with his life and thus ends up in New Orleans. The lively city promises forgetting but there, too, he is haunted in his dreams.

I was so looking forward to reading Michael Farris Smith’s novel about Nick Caraway since I have read “The Great Gatsby” several times, watched the film adaptations even more often and totally adore Fitzgerald’s characters. Knowing that the plot was set in the time before Nick meets Jay Gatsby, it was clear that this novel would not be a kind of spin-off, but I wasn’t expecting something with absolutely no connection to the classic novel at all. Apart from the protagonist’s name and the very last page, I couldn’t see any link and admittedly I was quite disappointed since I had expected a totally different story.

First of all, having read Fitzgerald so many times, I have developed some idea of the character Nick. He has always been that gentle and shy young man who is attentive and a good listener and friend. He never appeared to be the party animal who headlessly consumes alcohol and goes to brothels. Therefore, the encounters with women in “NICK“ do not fit to my idea of the character at all. He also never made the impression of being totally traumatized by his war experiences which, on the contrary, is the leading motive in this novel.

Roaring Twenties, lively New York party life, people enjoying themselves – this is the atmosphere I adored in The Great Gatsby, none of this can be found in “NICK”. It starts with exhausting war descriptions, something I avoid reading normally and I wasn’t prepared for at all. Pages after page we read about soldiers fighting, this might be attractive for some readers, unfortunately, this is no topic for me. After depressing war scenes, we have gloomy and depressed Nick not knowing how to cope with the experiences he made in France. No glitter here, but a lot of fire and ashes.

Reading “NICK” without having “The Great Gatsby” in mind might lead to a totally different reading experience. For me, sadly, a disappointment in many respects for which also some beautifully put sentences and an interesting character development could not make amends.

Delphine de Vigan – Ich hatte vergessen, dass ich verwundbar bin

Delphine de Vigan – Ich hatte vergessen, dass ich verwundbar bin

Am 20. Mai wird sich alles ändern, etwas Großes steht bevor. Das zumindest hat die Wahrsagerin Mathilde prophezeit. Nun ist der Tag gekommen und die Witwe und dreifache Mutter geht ihm gespannt entgegen. Doch zunächst ist alles wie immer: Métro und RER verspätet, dann verstopft, dazu noch eine Frau, die beinahe vor ihr kollabiert. Viel zu spät kommt sie zur Arbeit, nur um dann festzustellen, dass eine Kollegin jetzt in ihrem Büro sitzt und sie in das fensterlose Kabuff neben der Toilette ziehen muss. Es hatte sich abgezeichnet, seit Monaten schon war die Stimmung zwischen ihr und ihrem Chef vergiftet. Zeitgleich eilt Thibault durch die Stadt. Auch sein Tag hat mäßig begonnen, denn endlich hat er sich von Lila getrennt, die dies kommentarlos akzeptierte. Nun hetzt der Notfallmediziner von Patient zu Patient, erschöpft und kurz davor, selbst zusammenzubrechen. Die Wege der beiden kreuzen sich immer wieder, doch werden sie sich begegnen und die Vorhersage wahr werden lassen?

Delphine de Vigans Roman ist im Original bereits 2009 erschienen und stand im selben Jahr in der letzten Runde um den Prix Goncourt. Auch die Verfilmung aus dem Jahr 2015 wurde positiv aufgenommen und mit mehreren Preisen ausgezeichnet. Die Autorin fängt in ihrer Geschichte das typische Pariser Großstadtleben ein: métro, boulot, dodo. Die beiden Protagonisten sind lange im öffentlichen Raum unterwegs, ohne dort jedoch die Menschen um sich wirklich wahrzunehmen und werden dabei selbst ebenso unsichtbar; die Arbeit nimmt nicht nur den Großteil des Tages, sondern auch der Emotionen und Gedanken ein; das Privatleben kommt chronisch zu kurz, weshalb Beziehungen kaum gepflegt und notwendige Entscheidungen immer wieder verschoben werden.

Neben der Frage, wann bzw. ob Mathilde und Thibault sich begegnen, steht vor allem der Konflikt zwischen Mathilde und ihrem Vorgesetzten Jacques im Fokus der Handlung. Aus für sie nicht nachvollziehbaren Gründen hat er sie im Laufe der vergangenen Monate isoliert, immer mehr Verantwortung anderen übertragen und sie systematisch vom Kommunikationsfluss abgeschnitten. Es ist Mobbing der schlimmsten Art, was er betreibt und die Folgen zeigen sich bei Mathilde: sie ist erschöpft, schläft nicht mehr und schon der Gedanke an die Arbeit bereitet ihr Unwohlsein. Die Personalchefin ist keine Hilfe, die Kollegen haben selbst zu viel Sorge um ihren Job als dass sie ihr zur Seite stehen würden und Jacques verweigert jedes Gespräch, so dass der Grund für sein Verhalten im Dunkeln bleibt.

Thibault wiederum hatte sich bewusst gegen das Dasein als Hausarzt entschieden und doch trifft er manche Patienten, die die Notfallnummer wählen, immer wieder. Es sind die Einsamen, die Alten, für die der Besuch des Arztes oft ihr einziger menschlicher Kontakt ist. Auch das sind Abgründe der Stadt, vor denen gerne die Augen verschlossen werden, weil sie niemand sehen möchte. So sehr er seinen Beruf liebt, diese Begegnungen laugen ihn aus.

Die Handlung oszilliert zwischen den beiden und je näher man ihnen kommt, desto mehr wünscht man ihnen, dass die einsamen Seelen sich treffen und finden und die Leere des jeweils anderen füllen können. Authentisch und überzeugend fängt Delphine de Vigan die Einsamkeit unter Millionen von Menschen ein, sie schildert ein Leben, in dem die Menschen funktionieren und gar nicht die Zeit finden, ihr Dasein und den Sinn ihres Lebenskonstrukts zu hinterfragen. Der Großstadtlärm übertönt diese Fragen und ebenso die kaum hörbar leise schlagenden einsamen Herzen.

Gabrielle Levy – The Insomniac Society

Gabrielle Levy – The Insomniac Society

What a wonderful idea, not to sleep anymore. Yet, if it happens too often or you spend too much time lying awake in bed, it becomes insomnia and can even be pretty frightening. Thus, Claire, Jacques, Michèle, Lena and Hervé become a therapeutical insomniac group lead by specialist Hélène to find sleep again. It is due to quite diverse reasons that the five of them spend their nights roaming. Hervé is stressed out by his job, Lena misses her father, a former baker who always got up very early in the morning, Michèle is haunted by the children she lost and Jacques by a fatal mistakes that happened months ago. Claire is just fed up with her whole life, her job, her relationship, her living in small village outside Paris. The five strangers quickly become a small but fond community not only united by their inability to sleep.

Even though all of the characters are at a critical point in their life where they are confronted with making tremendous and far-reaching decisions and where they have to confront inconvenient truths of themselves and their lives, Gabrielle Levy’s novel nevertheless has to offer some feel-good factor. I adored the five patients from the start, they are drawn with so much care and love that you simply cannot not like them. They are ordinary people, people you can meet anywhere, at work, in the stairwell, on the street, but they immediately develop a bond due the fact they form a brotherhood in suffering.

Beautifully written, I simply floated through the novel enjoying sharing some time with the small group who meet as strangers and whom you leave as friends. The author wonderfully captured those small moments, hazardous encounters that can make a difference in life.

Jérôme Leroy – Der Schutzengel

Jérôme Leroy – Der Schutzengel

Berthet soll getötet werden, von seinen eigenen Leuten, die wie er Mitglied der Unité sind, jeder Einheit, die im Verborgenen die Schmutzwäsche des Staates beseitigt. Im wahrsten Sinne des Wortes. Berthet ist Agent, Auftragsmörder, der nicht viele Fragen stellt, sondern sauber die Befehle ausführt. Nebenbei hat er seit Jahren jedoch auch seine eigene Agenda, diese hat auch einen Namen: Kardiatou Diop. Als er ihr zum ersten Mal begegnete, war sie eine 14-jährige Göre aus der Vorstadt mit schlechter Zukunftsprognose, doch im Geheimen hat er immer wieder die Weichen gestellt und eine schützende Hand über das Mädchen gehalten, das inzwischen zur populären Politikerin aufgestiegen ist. Doch bevor seine Kollegen ihren ultimativen Anschlag durchführen, muss Berthet noch etwas erledigen: seine Geschichte erzählen.

„Das ist das Alter, denkt Berthet erneut. Oder die Wehmut. Berthet ist ein Nostalgiker. Das weiß er. Dabei gibt es eigentlich nicht viel, dem er nachtrauern kann. Er hat sich sein Leben lang mit nichts anderem als Mord, Folter, Erpressung, Destabilisierung, Manipulation, Vergewaltigung, Verstümmelung, Attentaten und Entführungen beschäftigt. Trotzdem ist Berthet ein Nostalgiker.“

Schon Jérôme Leroys Krimi „Der Block“ über die extremen Rechten in Frankreich konnte mich sehr begeistern, weshalb die Erwartungen an „Der Schutzengel“ hoch waren. Wieder einmal greift er in einem Roman politische Ereignisse und gesellschaftliche Strömungen auf, die maßgeblich für die Handlung sind. Der aktuelle Krimi ist jedoch in seiner Konstruktion etwas sperrig, was das Lesen nicht ganz einfach macht, wenn dies auch literarisch experimentell und interessant gestaltet ist. So kommt es für mich nach extrem starkem Beginn im ersten Teil zu einem langsamen Nachlassen, Teil drei ist mit Abstand der schwächste, was ich einzig der Perspektivwahl zuschreiben würde.

Der Krimi beginnt damit, dass Man Berthet in Lissabon in voller Aktion erlebt. Nein, eigentlich hat er dort keinen Auftrag, sondern genießt nur die Stadt unter einer seiner vielen Identitäten, als er auf ein ziemlich dilettantisch agierendes Trio aufmerksam wird. Es endet nicht nur im Blutbad, sondern im völligen Chaos. In Teil zwei will er den Autor Joubert davon überzeugen, seine Memoiren zu schreiben. Joubert ist gerade verlassen worden und ziemlich abgebrannt, aber ein dreiteiliges, ziemlich totes Mordkommando in seinem Wohnzimmer überzeugt ihn dann doch recht schnell.

»Wenn ich jedes Mal geheult hätte, wenn mein Leben im Umbruch war und ich Zeuge eines Blutbads wurde … Diese linken Intellektuellen sind die reinsten Waschlappen. Verdammt noch mal.« »Und dann wird er bald auch noch fünfzig«, fügt Berthet hinzu, während er Joubert die Schulter tätschelt. »Und er hat nicht viel Geld und auch keine Rolex.«

Berthet ist ohne Frage die interessanteste Figur. Zahlreiche Brüche – kaltblütiger Mörder hier, Poesie liebender Schutzengel dort – zeigen immer wieder neue Seiten. Daneben verliert man beinahe die politischen Implikationen seines Daseins aus den Augen. Der Aufstieg der extremen Rechten, die verzweifelten Versuche diese im Zaum zu halten und das Mächtegleichgewicht nicht ins Wanken zu bringen, man kann sich problemlos das Dasein der Unité vorstellen. Mit dem SAC (service d’action civique) gab es ja durchaus schon eine reale Vorlage.

Neben den kritischen Anspielungen begeistert der Roman jedoch vor allem durch die lakonische Erzählweise. Berthet fackelt nicht lange rum, er nennt die Dinge beim Namen, er hat zu viel gesehen, um noch irgendwas zu beschönigen. Außer in der Poesie, da darf es schon mal etwas verspielter für ihn werden.

Géraldine Dalban-Moreynas – On ne meurt pas d’amour [dt. An Liebe stirbst du nicht]

Géraldine Dalban-Moreynas – On ne meurt pas d’amour

Gerade hat ihr Freund ihr auf dem Empire State Building einen filmreifen Heiratsantrag gemacht und sie das perfekte Loft gefunden, als es sie aus heiterem Himmel trifft. Ein Blick genügt und um sie und den neuen Nachbarn ist es geschehen. Zunächst nur freundliches Grüßen, gestohlene Blicke hier und da, aber sie wissen beide sofort, dass dies nicht lange so bleiben wird. Doch sie ist verlobt, der Hochzeitstermin steht, er hat Frau und eine kleine Tochter. Aber das, was sie verbindet, ist stärker und so beginnen sie eine Affäre. Heimliche Treffen, gemeinsame Nachmittage und Nächte. Aber es ist klar, dass dies nicht lange gutgehen kann. Bis er sich entscheiden muss. Und dies tut. Oder auch nicht.

« Il en fait ce qu’il veut. Il la quitte, il la reprend, il la jette, il la rattrape d’un doigt. Elle dit oui. À tout et à n’importe quoi. Elle dit oui parce qu’elle est incapable de dire non. »

Géraldine Dalban-Moreynas Romandebüt wurde 2019 mit dem „Prix du premier roman“ als bestes Erstlingswerk junger Autoren ausgezeichnet. Die Geschichte zwischen der Journalistin und dem Anwalt ist keine Liebesgeschichte, es ist eine Amour fou, eine Obsession, die die Figuren in einer Bubble leben lässt, die die Außenwelt ausblendet und sie blind macht. Eine gegenseitige Abhängigkeit, die stärker ist als alle Drogen und einen klaren Kopf und Entscheidungsfähigkeit ausschließt.

« Jalousie absurde. L’histoire est absurde. L’amour est absurde. »

Die Geschichte wird aus Sicht der Journalistin erzählt, die eigentlich von einem biederen Leben der Pariser Mittelschicht träumt – Mann, Kind, hübsche Wohnung mit all den unnützen Gegenständen, die man eben so besitzt, aber nie benötigt –und die völlig von ihren Emotionen überrannt wird. Nach Wochen und Monaten des heimlichen Zusammenseins muss das böse Erwachen kommen. Und mit diesem kommt auch der Schmerz.

« Elle se dit que chaque fois la douleur a été plus violente. Elle n’ose imaginer la prochaine fois. »

Er liebt seine Noch-Ehefrau nicht mehr, ohne Frage, aber er liebt seine Tochter, die er nicht aufgeben will. Trennt er sich, verliert er auch sie. Eine Entscheidung, die er nicht treffen kann. Und sie leidet. Jedes Mal mehr. Aus Liebe wird Qual, so hoch sie fliegen, wenn sie zusammen sind, so tief ist der Fall und so hart ist der Aufschlag, wenn er ins eheliche Nest zurückkehrt. Ewig könnte dies weitergehen, außer ein dramatischer Einschnitt kommt. Und das tut er.

Es ist keine Liebesgeschichte, bei der man mit den Figuren liebt und ein wenig leidet und weiß, dass das Happy-End unweigerlich kommt; die Figuren bleiben dadurch, dass sie nicht einmal Namen haben, ein bisschen fern, was aber die Intensität ihres Leids auch abmildert, diese wäre vor allem im letzten Drittel auch kaum mehr auszuhalten. Auch wenn der Titel Gegenteiliges behauptet, man ist sich zwischendurch nicht sicher, dass die Protagonisten diese Obsession überleben. Géraldine Dalban-Moreynas schreibt intensiv und es gelingt ihr so, die Geschichte greifbar und für den Leser auch durchaus fühlbar zu machen.

Philipp Stadelmaier – QUEEN JULY

Philipp Stadelmaier – QUEEN JULY

Gluthitze, ein Pariser Badezimmer, eine Badewanne, zwei Frauen und ausreichend Wein. Das war es im Prinzip. Aber nur im Prinzip, denn das ist lediglich der Rahmen für einen Roman voller Energie, Leidenschaft, Liebeskummer und Wein. Und Gin. Und Martinis. Seit Jahren schon lebt Aziza in Dschibuti, nach Abitur und Medizinstudium hat es sie in die pulsierende ostafrikanische Metropole verschlagen. Nach Paris kehrt sie regelmäßig zur Familie zurück und zu ihrer Freundin Jeannine, die sie im Moment des schlimmsten Liebeskummers als Jugendliche begleitet hatte und seither beste Freundin ist. Da diese gerade Mutter wurde, hat sie Aziza bei July einquartiert, die die ungewohnte Hitze nur in der kühlen Badewanne ertragen kann. Dort lässt sich Aziza neben ihr nieder und berichtet von den letzten 18 Jahren und Anselm Strehler, ihrer großen Liebe, den sie nur wenige Tage später wieder treffen wird.

„»Der Teppich. Ich kapier nicht, wie so ein alter Berberteppich nicht schön sein kann. Er war doch sicher schön, oder?« »Ich hab ihn mir nicht angesehen. Ich hab nur drauf gekotzt.«“

Mit dem alten Berberteppich, auf den Aziza kurz nach dem Abitur auf einer Party ihren Mageninhalt entleert, beginnt ihre Freundschaft mit Jeannine und endet ihre Beziehung zu Strehler. Es sind diese beiden Eckpunkte, die Azizas Leben zusammenhalten. Dschibuti ist mehr eine Flucht, die Arbeit im Krankenhaus ist anstrengend, der Feierabend im internationalen Hotel mit reichlich Alkohol wechselnden Bekanntschaften beiderlei Geschlechts ebenso. Aber nichts kann sie letztlich vor dieser immer noch unbeantworteten Frage retten: warum hatte er sie damals verlassen?

„Typen, Frauen, Körper, whatever – alles gewann zunehmend an Flow und Leichtigkeit. Strehlers Phantom, das so lange nicht aus ihrem Leben gewichen war, hatte sich tatsächlich verpisst, (…). Bis sie eines Morgens vor drei Jahren aufwachte, schlaftrunken Facebook öffnete und dort eine Freundschaftsanfrage von Anselm Strehler auf sie wartete.“

Philipp Stadelmaier lässt Aziza Revue passieren, wie sie immer wieder versucht hat, nach vorne zu blicken, doch dann kam jedes Mal Strehler wieder dazwischen. Eine vage, unbestimmte Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft, die sie nie aufgeben wollte oder konnte. Der fremden July schüttet sie ihr Herz aus, diese hört sich das Leid an, nippt dabei an ihrem Wein – »Nippen würde ich das nicht nennen, Honey. Das kann man schon als ehrliches Trinken bezeichnen. « – und analysiert knallhart die Fakten.

So traurig diese Liebesgeschichte eigentlich ist, so herrlich verpackt der Autor sie in Worte. Man kann sich die beiden bildlich vorstellen, zwei Mitt-30erinnen schwitzend in einem Badezimmer, gutem Alkohol und Essen zusprechend und das vermaledeite Liebesleben beklagend. Es ist herrlich ihnen zu folgen, pointiert bringt Stadelmaier ihre Gedanken auf den Punkt und erweckt vor allem bei Azizas Schilderungen aus Dschibuti den Eindruck eines lebendigen, bunten, energiegeladenen Landes, wo sich die unterschiedlichsten Menschen ansammeln und vor Ort sind, bis ihre Reise eben weitergeht.

Ein kurzer Roman, der von der ersten Seite an begeistert und genau an der richtigen Stelle auch den Schluss findet. Hier stimmt für mich schlichtweg alles, ich hätte stundenlang weiterlesen können, aber Azizas Geschichte war erzählt. Kurz vor Jahresende nochmals ein absolutes literarisches Highlight.

Guillaume Musso – La vie est un roman [dt. Eine Geschichte, die uns verbindet]

Guillaume Musso – La vie est un roman

Gut gelaunt kehrt Autorin Flora Conway mit ihrer Tochter Carrie in das Apartment im Lancaster Building zurück. Wie immer spielen sie eine Runde verstecken, Flora hört noch, wie das Mädchen davontapst, doch als sie die Suche beginnt, kann sie Carrie nicht finden. Die Tür ist abgeschlossen, die Fenster ebenso, wo also steckt sie? Verzweifelt ruft sie die Polizei, die ebenfalls vor einem Rätsel steht. Wer treibt ein perfides Spiel mit der erfolgreichen, aber sehr zurückgezogen lebenden Schriftstellerin? Die Antwort findet sich in Paris: Romain Ozorski, seines Zeichens ebenfalls beliebter Autor, der jedoch gerade in einer persönlichen Krise steckt, nachdem seine Frau Almine nicht nur die Scheidung will, sondern auch den gemeinsamen Sohn Théo in die USA bringen möchte. Die Verbindung liegt in Fantine de Vilatte, Verlegerin mit Gespür für Bestseller.

Nachdem ich vor wenigen Tagen zum ersten Mal einen Roman von Guillaume Musso gelesen habe, war ich neugierig auf weitere Werke des französischen Erfolgsautors. Sein aktuelles Buch hat die Erwartung nicht enttäuscht: wieder werden verschiedene Geschichten angerissen, deren Verbindung sich erst im Laufe der Handlung aufzeigt. Der Titel verrät eigentlicher schon alles, was einem jedoch als Leser erst spät klar wird. Clever konstruiert bleiben lange Zeit offene Fragen, deren Beantwortung man mit Spannung verfolgt und die sich schließlich glaubwürdig und restlos klären.

Die Handlung beginnt in New York mit dem mysteriösen Verschwinden Carries. Man kann die Verzweiflung der Mutter nachvollziehen, vor allem als sich bei der Befragung durch die Polizei der Verdacht aufdrängt, dass sie selbst beschuldigt wird, hinter der Geschichte zu stecken. Der zweite Handlungsstrang fokussiert ebenfalls auf einem verzweifelten Elternteil, Romain sieht sich seiner noch Ehefrau ausgeliefert, die geschickt das öffentliche Image lenkt, um ihn als gewalttätigen und aggressiven Gatten und Vater darzustellen, um so den gemeinsamen Sohn ganz für sich zu haben. Aus Romains Sicht stellt sich die Lage gänzlich anders dar, mental labil und unter dem Einfluss zweifelhafter Extremisten sollte Almine keinesfalls das Sorgerecht für Théo erhalten.

Floras und Romains Verbindung klärt sich rasch, aber die anderen Figuren bleiben mysteriös. Nach dem Prinzip einer russischen Puppe steckt immer noch eine weitere Geschichte in der gerade erzählten, Ähnlichkeiten und Parallelen zeigen sich, aber was auf welcher Ebene liegt, muss erst enthüllt werden.

« Vous allez supprimer les fichiers de votre disque dur, c’est ça? Vous allez mettre ma vie à la poubelle, d’un simple clic sur votre ordinateur ? – C’est un peu réducteur, mais ce n’est pas faux. »

Gleich mehrere Autoren, neben Flora Conway und Romain Ozorski auch noch Frederik Andersen, die verschiedene Geschichten erzählen. Ein großer Spaß für Literaturliebhaber, zudem spannend geschrieben, so dass man das Buch gar nicht mehr weglegen möchte.