Carolin Hagebölling – Der Brief

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Carolin Hagebölling – Der Brief

Ein seltsamer Brief stellt Marie vor ein Rätsel: ihre ehemals beste Freundin Christine schreibt ihr, jedoch stimmt so einiges nicht. Marie lebt nicht in Paris, sondern in Hamburg. Und sie arbeitet auch nicht im Kunstbereich, sondern ist Journalistin. Mit Johanna lebt sie in einer glücklichen Beziehung, wer soll dieser Victor sein? Und welches schreckliche Ereignis liegt hinter ihr? Zahlreiche Fragen, denen sie auf den Grund gehen will. Aber auch im Leben ihrer Freundin ist einiges anders als in diesem Brief beschrieben, denn sei wohnt immer noch im Heimatort, nicht in Berlin, und hat nur einen Sohn und nicht zwei Kinder. Erlaubt sich jemand einen Scherz mit ihr? Nach weiteren Briefen und einem Zusammenbruch beschließt Marie, sich in Paris auf Spurensuche zu begeben und taucht dort unerwartet in ein ganz anderes Leben ein, das ebenfalls ihres hätte sein können. Wieder zurück in Hamburg bleibt die Frage: was ist real?

Der Roman beginnt mysteriös mit diesem unerklärlichen Brief und zahlreichen Zeichen, die man rational nicht verstehen kann. Sowohl in Hamburg wie auch in Paris ereignen sich für die Protagonistin Dinge, die sich der einfachen Logik entziehen und nicht begreif- und erklärbar sind. Sie scheint zwei Leben zu haben, in denen sie zu Hause und glücklich ist. Aber welches ist das richtige und wie kann dies sein? Schnell schon kommt der Verdacht auf, dass ihre Erkrankung verantwortlich dafür ist, aber reicht dies wirklich als Erklärung? Die Autorin spielt hier mit dem Leser und lässt einem rätseln und Spuren verfolgen, schnelle und offenkundige Lösungen gibt es nicht.

Die Figuren haben mir gut gefallen, sehr authentisch wirkende normale Menschen, die mitten im Leben stehen und in jeder Situation glaubwürdig menschlich agieren. Besonders gelungen war für mich der Abschnitt über Paris, der die Stadt wunderschön porträtiert und dadurch einen bezaubernden Rahmen für die Handlung bietet. Auch der Schreibstil kann überzeugen, Carolin Hagebölling gelingt es gleichermaßen Spannung und Atmosphäre aufzubauen, so dass man das Buch eigentlich kaum weglegen mag.

Der einzige Kritikpunkt ist für mich das Ende. Hier wurden die vorher eher subtil platzierten Anspielung etwas zu vorhersehbar und durchschaubar. Die Auflösung der Geschichte ist zwar durchaus akzeptabel und passend, aber sie wird sicherlich einige Leser unzufrieden zurücklassen. Man würde zu viel verraten, wenn man hier näher ins Detail ginge. Alles in allem aber ein gelungener Roman, der insgesamt überzeugen kann.

Laurent Binet – The 7th Function of Language

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Laurent Binet – The 7th Function of Language

February 1980, after lunch with François Mitterrand, promising politician of the socialists and candidate for the 1981 presidential election, the literary theorist Roland Barthes is run over by a lorry and later dies in hospital. What first looks like an ordinary car accident, turns out to be malicious murder. But who would want to murder Barthes? Superintendent Jacques Bayard has to investigate and soon understands that he does not understand anything at all of what all these intellectuals talk about. He needs help and contacts Simon Herzog, a young lecturer on linguistics who not only has to translate the theoretical paraphernalia but also helps him to unravel the mystery of the 7th function of language.

Forming an opinion on Laurent Binet’s novel is not easy. Well, actually, I really enjoyed it, but I can easily understand people who just hate it and find it boring. So, what does it need for a reader to indulge in it?

  1. If you are a linguist – jackpot. The novel is full of linguistic theory. Having at least a slight notion of what structuralism, deconstruction, semiotics and of course the communicative functions of language are, helps a lot to enjoy the novel since you do not have to pay too much attention to the theoretical passages (which will certainly help if you do not know anything about it).
  2. An interest in French intellectuals, or intellectuals gathering in Paris at the end of the 1970s/beginning of the 1980s. We meet Julia Kristeva, Philippe Sollers, BHL, Sartre, de Beauvoir, Eco, Foucault – also PPDA plays a minor role – and also Derrida and Searle pop up. Seeing them interact is just hilarious. At least as long as you find them interesting.
  3. French politics: Giscard d’Estaing vs. Mitterrand. Two of the greatest politicians of the second half of the 20th century which could hardly differ more than they did.
  4. Secret Societies of scholars – Freemasons, Illuminati, Rosicrucians, whatever.

Yes, it is a kind of crime novel centred around intellectuals. The crime aspect is not that relevant, there is some kind of suspense – you do want to know what is behind all this – but much more it is a brilliant way of integrating philosophy, linguistics, literary studies etc. into a fictional plot. Binet is a mastermind when it comes to presenting the theory and directly using it within the story, he plays with it and with the reader and if you are ready to play the game, you can have real fun. Apart from this, I really enjoyed his style of writing, it is full of irony, playfulness and spirit:

“25 February 1980 has not yet told us everything. That’s the virtue of a novel: it’s never too late.” (pos. 2236)

or

“We have no way of knowing what Simon dreams about because we are not inside his head, are we?” (pos. 3450)

And the most amusing comment from poor Simon Herzog is:

“I think I’m trapped in a fucking novel.” (pos. 3899)

For me, just the perfect combination of entertainment (the characters are masterly drawn) and intellectually challenging.

 

Quo vadis, Gallia?

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Es ist vermutlich alles gesagt, was vor dieser Wahl gesagt werden musste. Jetzt sind die Wähler am Zug. Rund 47 Millionen Franzosen können unter zunächst 11 Kandidaten ihren Favoriten wählen. Zeit, einen literarischen Blick auf das Land zu werfen.

Gesellschaft

Édouard Louis beeindruckendes Debüt „En finir avec Eddy Belleguele“ schildert seine Kindheit und Jugend in der französischen Provinz, wo sich die Menschen abgehängt und vergessen fühlen und Gewalt und Brutalität den Alltag bestimmen.

Auch Saphia Azzeddine wirft den Blick an den Rand der Gesellschaft. „Mein Vater ist Putzfrau“ beschreibt das Überleben in der Cité aus der Sicht eines langsam erwachsen werdenden Jungen, der die Welt noch nicht ganz begreift, aber schon wesentliche Schwächen in ihr erfasst.

Mit großen Träumen flüchten Menschen nach Frankreich, in der Hoffnung auf ein besseres Leben. Aber das Versprechen kann nicht gehalten werden, manchmal geht es ihnen noch schlechter als in der Heimat, wie Shumona Sinha in „Erschlagt die Armen!“ eindrucksvoll vorführt.

Politik

Jérôme Leroy zeichnet in „Der Block“ den Aufstieg des Front National nach. Anhand zweier fiktiver Figuren lässt er den Leser nachvollziehen, wer sich von der Partei rechts außen angezogen und verstanden fühlt.

Michel Houellebecq viel diskutierter Roman „Soumission“, veröffentlicht am Tage der Anschläge auf Charlie Hebdo, zeichnet eine düstere Zukunft seiner Heimat – die Präsidentschaftswahl wird zur Wahl zwischen Pest und Cholera.

Karine Tuil ermöglicht den Blick in die inneren Mechanismen des Machtzirkels in Frankreich. „Die Zeit der Ruhelosen“ steht ebenfalls im Kontext von Ausgrenzung von Migranten, Bedrohung durch Terrorismus und der Machtlust einzelner.

Die Attentate und ihre Folgen

Der Angriff auf Charlie Hebdo im Januar 2015 sollte nur der Anfang von einer ganzen Reihe von schrecklichen Anschlägen in Frankreich sein. Maryse Wolinski, Gattin eines der ermordeten Zeichner, schildert ihre ganz persönliche Sicht auf den Tag und die Wochen danach in „Schatz, ich geh zu Charlie!

Antoine Leiris hat beim Angriff auf den Club Bataclan seine Frau und Mutter ihres nur wenige Monate alten Sohns Melvil verloren. Er verhalf seiner Wut Ausdruck in einem offenen Brief an die Attentäter, den er bei Facebook postete, in der Folge entstand sein Buch „You will not habe my hate“, in welchem er den Mördern genau das verweigerte, was sie unbedingt wollten.

Gila Lustiger liefert die Perspektive derjenigen, die nicht unmittelbar betroffen waren, sich aber dennoch getroffen fühlen von den Ereignissen und nach Wegen suchen, mit der Angst vor weiteren Attentaten umzugehen. In „Erschütterung“ sind ihre ganz privaten Gedanken als Jüdin im heutigen Paris nachzulesen.

Fazit

Bei all diesen doch eher trostlosen Blicken auf Land und Leute, bleibt vielleicht am Ende nur noch der Rückzug ins Private, vielleicht die Kneipe an der Ecke, wo es sicher auch ein morgen geben wird, wie uns Jérôme Ferrari in seinem mit dem Prix Goncourt ausgezeichneten Roman „Predigt auf den Untergang Roms“ zeigt.

Hoffen wir, dass die 47 Millionen die richtige Wahl treffen.

Maryse Wolinski – Schatz, ich geh zu Charlie!

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Maryse Wolinski – Schatz, ich geh zu Charlie!

Ein grauer Januarmorgen, Maryse überlegt noch, ob sie schon aufstehen soll oder doch wartet bis ihr Mann Georges sie weckt. Die üblichen Morgenrituale, bis er sich mit den Worten „Schatz, ich geh zu Charlie!“ verabschiedet. Am Nachmittag werden sie sich schon wiedersehen, um eine Wohnung zu besichtigen, ein Umzug steht an. Aber dieser Termin wird ausfallen, denn am späten Vormittag wird Georges Wolinski beim Anschlag auf die Satirezeitung Charlie Hebdo von den Brüdern Kouachi eins von insgesamt zwölf Todesopfern des Anschlags werden. Mit ihm kommen die berühmtesten Karikaturisten des Landes ums Leben: Cabu, Charb und Tignous. Seit 1971 waren Maryse und Georges verheiratet bis im Namen Allahs ihr Mann für seinen Glauben an die Meinungsfreiheit sterben musste. Der Taxifahrer, der sie fährt, als sie die schreckliche Nachricht erhält, begleitet sie nach Hause und gibt er, auch wenn schon kaum mehr Hoffnung besteht, folgende, bewegende Sätze mit auf ihren ungewissen Weg: »Madame, ich wünsche, dass Ihrem Mann nichts zugestoßen ist. Ich werde an Sie denken. Ich werde für Sie beten.« Mehr konnte er nicht tun.

In Frankreich erschien das Buch der Witwe auf den Tag genau ein Jahr nach dem Anschlag, in Deutschland erst im Januar 2017. Für mich weitgehend ein Dokument des Umgangs mit der Trauer. Minutiös beschreibt sie die Momente am Morgen bis zur Verabschiedung Georges‘. Danach rekonstruiert sie ebenso akribisch die Vorgänge des 7.1.2015. Viel Zeit hat sie für Gespräche mit Augenzeugen aufgewandt, um zu verstehen, was sich genau zugetragen hat in den letzten Minuten vor den tödlichen Schüssen. Die Taubheit in den Stunden nach der Todesnachricht schildert sie eindringlich, ebenso wie das, was sie für den Mann empfunden hat, dessen Ring sie mehr als 40 Jahre trug.

Es ist weder ein besonders persönliches Buch noch ist es eine Anklage, obwohl viele Probleme hier offengelegt werden: warum gab es nicht mehr Schutz für die Journalisten, obwohl die Bedrohungslage derart evident war? Wie war die wirtschaftliche Entwicklung in den Monaten davor und vor allem nach dem Erfolg der Ausgabe der Überlebenden und wie ist dies moralisch mit den Grundsätzen der Gründer zu vereinen? Wie geht man in so einer Extremsituation mit Angehörigen um, die weder zum Ort des Geschehens vorgelassen werden noch verlässliche Informationen erhalten?

Man kann so ein Ereignis nicht wirklich voraussehen und vermutlich auch nicht verhindern. Meist sind unbeteiligte, willkürlich ausgewählte Menschen Opfer der heimtückischen Anschläge. Im Falle von Charlie Hebdo lag der Fall etwas anders. Die Journalisten waren sich der Gefahr bewusst und dennoch sahen sie es als ihre Aufgabe an, sich dieser zu stellen. Für Wolinski und die anderen Gründer der Zeitschrift gab es kein Wegducken:

„Ein fünfzig Jahre währender Kampf für die Meinungsfreiheit, um sich nun mit Obskurantismus, Barbarei und Scharia konfrontiert zu sehen. Und erneut die Frage: Darf man sich über alles lustig machen? Georges hat sich entschieden – Humor als Widerstand.“

Man kann nur hoffen, dass sie nicht umsonst gestorben sind, sondern ihre Haltung noch lange Zeit junge Journalisten ermutigt, es ihnen gleichzutun.

Karine Lambert – Und jetzt lass uns tanzen

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Karine Lambert – Und jetzt lass uns tanzen

Das Leben hat der 78-jährigen Marguerite wenig zu bieten seit ihr Mann Henri gestorben ist. Aber die gemeinsamen fünfzig Jahre zuvor waren auch nicht gerade von Heiterkeit und Ausgelassenheit geprägt. Sie war die adrette Dame an der Seite des seriösen Notars, hat die gesellschaftlichen Erwartungen – und die des Gatten – voll erfüllt und bekam dafür die absolute Sicherheit in ihrem Leben. Nun ist Henri weg und vieles droht in einem Strudel zu versinken. Ihr Arzt empfiehlt eine Kur im Süden, widerstrebend beugt sie sich. Marcel trauert ebenfalls, kaum jünger als Marguerite hat er seine geliebte Nora verloren, die er schon seit Kindesbeinen an kannte und liebte. Welchen Sinn soll das Leben ohne sie haben? Seine Tochter ist besorgt um ihn, mehr und mehr droht er zu versauern, eine kurze Reise sollte ihm guttun. Und so treffen die beiden Neuverwitweten zufällig aufeinander und Amors Pfeil trifft sie – zur ihrer eigenen Verwunderung und zum Entsetzen ihrer Kinder. Darf man in diesem Alter noch einmal die Liebe erleben?

Karine Lambert erzählt eine Geschichte von der zweiten Liebe, die jedoch der ersten in nichts nachsteht: schlagende Herzen, Unsicherheit, sehnsüchtiges Warten auf einen Anruf. Dass Alter merkt man Marguerite und Marcel nicht an, die lassen einfach ihre Herzen entscheiden, denn immer wenn sich der Verstand einschaltet, geht es daneben. Sie sind nicht stürmisch, aber ungestüm; sie ist nicht animalisch, aber aphrodisierend und lockt Gefühle hervor, die sie schon gar nicht mehr kannten; sie beflügelt und lässt die beiden nochmals fliegen. In wunderbar leichtem Ton wird bezaubernd das Gefühl vermittelt, das sich in den beiden Protagonisten nach der ersten Begegnung breitmacht. Man ist kein Voyeur, sondern ein dezenter Beobachter, der diese romantischste aller Formen der Liebe miterleben darf.

„Und jetzt lass uns tanzen“ ist durchaus ein Wohlfühlroman. Man freut sich für die beiden Figuren, die liebevoll gezeichnet werden. Sie haben ihre Schwächen, die ihnen Tiefen und Persönlichkeit verleihen. Sie agieren stets innerhalb ihres persönlichen Rahmens, insbesondere Marguerite merkt man ihre lebenslange Gefangenschaft im goldenen Käfig an, wie schwer es ihr fällt, ihre Freiheiten zu nutzen und zu leben und einfach loszufliegen. Auch Marcel erscheint mir sehr differenziert, insbesondere in den Momenten, in denen er Zweifel hat, ob er nach Nora noch eine andere Frau lieben darf.

Karine Lambert findet die richtigen Worte, die zu diesem großartigen Roman passen und ein stimmiges Bild aus Geschichte und Erzählstimme schaffen. Trotz durchaus ernster Rahmenbedingungen – der Verlust des geliebten Partners, die Tücken des Alters, die gesellschaftlichen und familiären Erwartungen – ist eine leichtfüßige Liebesgeschichte entstanden, die natürlich nur in Paris stattfinden kann.

Ein herzlicher Dank geht an das Bloggerportal für das Rezensionsexemplar. Weitere Informationen zum Titel finden sich auf der Seite der Verlagsgruppe Random House. 

Gedenken an die Anschläge vom 13. November 2015 – eine literarische Sicht

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artist: Jean Jullien

Am 13. November jähren sich die unsäglichen Anschläge von Paris als islamistische Attentäter an verschiedenen Orten im 10. und 11. Arrondissement sowie in Saint-Denis wahllos auf Menschen feuerten und insgesamt rund 130 Menschen töteten und über 300 verletzten. Man kann diese Anschläge nicht verstehen, auch die Motivation der Täter zu ergründen ist nicht einfach. Die Thematik jedoch hat auch zahlreiche Autoren inspiriert, sich literarisch damit auseinanderzusetzen und es gibt unzählige wirklich lesenswerte Bücher, nicht nur zu den Vorfällen in Paris.

1 Die Sicht der Opfer – Sachbuch

Sehr beeindruckt hat mich Antoine Leiris, dessen Frau im Bataclan Theater umgekommen ist und der nun allein mit dem 17 Monate alten Sohn weiterleben muss. Er hat in den ersten Tagen direkt nach der Tat niedergeschrieben, was ihm durch den Kopf ging und so einen ganz unmittelbaren Eindruck geschaffen von dem Leid und der Verzweiflung, die die Taten mit sich brachten.

Antoine Leiris – You will not have my hate

Eine Autorin, die ich schon länger sehr schätze, weil sie sehr fundiertes Wissen über Frankreich hat und derzeit auch in Paris lebt, Gila Lustiger, hat ebenfalls ihre ganz persönlichen Erfahrungen und Gedanken niedergeschrieben. Zwar hat sie in ihrem unmittelbaren Umfeld keine Opfer zu beklagen, sie kann die Anschläge aber in einem größeren Zusammenhang, der vor allem die Situation auch der jüdischen Bevölkerung in den Fokus nimmt beschreiben.

Gila Lustiger – Erschütterung

2 Die Perspektive der Täter – literarisch

Einen wirklich gelungenen Eindruck davon, wie die zweite Generation von Migranten sich plötzlich radikalisieren kann, ohne dass sich dies lange vorher abgezeichnet hätte, bekommt man mit Hanif Kureishis Drama „The Black Album“. Ein junger Pakistaner will eigentlich in London Literatur studieren und begeistert sich für seine fortschrittliche Dozentin. Nur eine kleine Sache bringt ihn jedoch in die Abhängigkeit einer sich radikalisierenden gruppe, der er sich nicht mehr entziehen kann.

Hanif Kureishi – The Black Album

Leider habe ich zu dem für mich beeindruckendsten literarischen Werk der Thematik keine Rezension verfasst, aber ich kann nur raten, dies zu lesen, wer schon immer einmal verstehen wollte, wie insbesondere Frauen dazu kommen, als Selbstmordattentäterinnen ihr Leben zu opfern.

Yasmina Khadra – L’Attentat

Ähnlich gelagert, nur ein anderer Handlungsort findet sich bei ihm in den Sirenen von Bagdad, die ebenfalls nachzeichnen, wie auch Frust und Hoffnungslosigkeit Gotteskrieger entstehen.

Yasmina Khadra – Les sirènes de Bagdad

3 Das Thema aus Krimi-Perspektive

Joakim Zander lässt eine junge Frau auf die Suche nach den Gründen gehen, weshalb sich ihr Bruder aus dem beschaulichen Schweden in den Krieg nach Syrien begibt, um dort im heiligen Krieg zu kämpfen und möglicherweise zu sterben.

Joakim Zander – The Brother

Eine zufällige Aufnahme bringt den Kameramann Niall in große Gefahr. Er filmt einen Angriff zweier Jugendliche, die bekennen, im Namen Allahs gehandelt zu haben. Niall ist beeindruckt und macht sich an Nachforschungen, um den Hintergrund der Täter zu durchleuchten. Dabei begibt er sich in größte Gefahr.

Zoe Beck – Schwarzblende

4 Die Folgen für die Gesellschaft

Fehlen darf natürlich nicht Michel Houellebcq, dessen Roman zwar nicht direkt Bezug zu den Attentaten herstellt, aber die Sorge vor Islamisierung literarisch überzeugend umsetzt und ein erschreckendes Szenario schafft.

Michel Houellebecq – Soumission

Antoine Leiris – You will not have my hate

When the world suddenly is not the same anymore because terrorist have just killed your wife…

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Antoine Leiris – You will not have my hate

Friday, 13th November 2015. Antoine is at home with his son while his wife went to a concert. The rather slow evening is interrupted around 10:30 by a number of text messages asking him if he is ok. At first, Antoine wonders about these texts, but then he turns on TV and sees what is happening in his hometown Paris: a group of terrorists attacks the football stadium where the national team fights against the Germans and there have been shootings in town. Also in the Bataclan theatre – the club his wife went to enjoy herself. Antoine calls her repeatedly. No answer. The next morning, he checks on all hospitals. No one knows her there. Then he has to accept the fatal truth: she is among the victims. The following days, he lives like having mist in front of his eyes and not seeing clear. He does not really understand what is happening, he tries to keep up the normal rhythm for their son Melvil, and he is looking for an adequate answer to the all but simple question „How are you?“.

„You will not have my hate“ was Antoine Leiris‘ immediate reaction to the events in Paris last November. In the evenings he sat down in front of his computer and noted down what came to his mind. It is not a fictional story; it does not offer any answers or explanations. It is the immediate reaction to a world in turmoil, a world that cannot be understood, a world which does not exist anymore. It was not meant to be published, it was a way of letting out what was inside Antoine and as such it is a very personal report on how he felt and what he experienced in the first days after the events.

Antoine became known through an open letter to the terrorists posted on Facebook and was shared thousands of times. He refuses to show the expected reaction; he does not want to grant the attackers the fame they look for. He managed to express a very new and different kind of feeling towards those people who drove the country into mourning again. He misses his wife, he does not know what the future will be like without her, how his son will finally cope with the new circumstances, but he definitely will not give up, but live on. And in this way, he expresses what other cannot say by do also feel.

Why do we read these kinds of texts, dairies from the author’s hardest moment in life? I think it is useful to understand the feelings of the people affected, to get a more concrete and personal point of view and to make the event less something that we see on TV but more a real thing, something that happens to people and whose lives will be changed forever. Antoine Leiris‘ documentation is especially striking because it is not only an adult who is affected but also a young boy who cannot yet full understand the situation. Additionally, he does neither embellish nor aggravate since he does not analyse but inly document, which provides an immediate impression on what this day meant for him. A closer look and insight is hardly possible.

Gila Lustiger – Erschütterung

Rezension, Essay, Sachbuch
Schon im Januar 2015 wurde Paris mit den Anschlägen auf die Redaktion von Charlie Hebdo und den Hyper Cacher schwer getroffen. Aber die Attentate am 13. November gingen viel stärker noch in das Bewusstsein der Franzosen ein, denn dieses Mal traf es die normale Bevölkerung, Menschen, die sich am Freitagabend amüsieren wollten, die ein Konzert besuchten und in Bars saßen, Menschen, die keine Schuld auf sich geladen und doch den Zorn von Terroristen auf sich gezogen hatten. Die deutsche Autorin Gila Lustiger hat diesen Abend und die folgenden Tage miterlebt und ihre Erschütterung in einem Essay festgehalten. Dabei spielen auch die Jugendkrawalle aus dem Jahr 2005 eine wesentliche Rolle, waren diese doch Vorläufer dieser Attentate, ebenso wie die zunehmende Anzahl an antisemitisch motivierten Einzeltaten.
Auf das Buch wurde ich durch eine Veranstaltung mit der Autorin aufmerksam, in der sie zum einen auszugsweise vorlas, zum anderen aber auch noch einmal spontan in Worte fasste, weshalb sie dieser Abend so sehr persönlich getroffen hat. Gewalt und Bedrohung im Alltag sind ihr nicht fremd, immerhin hat sie einige Zeit in Jerusalem gelebt und als Jüdin ist sie insbesondere mit den Facetten sublimer und offener Feindseligkeit vertraut. Man merkte ihr sowohl bei der Lesung wie auch im Buch an, dass die Tage im November sie persönlich stark berührt haben. Dieser sehr persönliche Ton, wie auch die offenen Beschreibungen ihrer Gefühle zwischen Verzweiflung, Unverständnis und Aktionswille, machen ganz wesentlich den Essay aus. Der Versuch als Außenstehende die französische Gesellschaft und die Problematik der Cités zu analysieren gelingt ihr meines Erachtens ebenfalls sehr gut, unter anderem weil sie auch eigene Erfahrungen mit der Frage von Assimilation und dem Recht der Bewahrung von Herkunftssprache und -kultur gemacht hat.
Es ist nicht die große gesellschaftlich-politische Analyse, die umfassend alle Frage beantwortet, sondern ein sehr persönlicher Bericht und Blick auf die aktuelle Situation Frankreichs. Am Ende schafft sie auch einen ganz wesentlichen Schritt: nicht mehr viel über die Täter reden, sondern auch die Opfer in den Fokus rücken, diejenigen, die für die Fehler anderer bezahlen mussten.

Saphia Azzeddine – Mein Vater ist Putzfrau

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Saphia Azzeddine – Mein Vater ist Putzfrau
Paul, genannt Polo, wird nichts geschenkt im Leben. In der Pariser Cité gelingt das Überleben mehr schlecht als recht, die Mutter liegt krankheitsbedingt nur im Bett, die Schwester träumt davon eine Misswahl zu gewinnen und sein Vater arbeitet nachts als Putzfrau. Paul hilft ihm dabei und erwirbt so ein unheimliches Wissen über die Welt, denn sie kommen ebenso in Bibliotheken wie Großraumbüros und Diskotheken der besseren Gesellschaft. Auch in der Schule ist er – zu klein, zu hässlich, zu seltsam – ein Außenseiter, nur die von ihm angehimmelte Priscilla schenkt ihm Aufmerksamkeit. Langsam wird er erwachsen und stellt sich den wesentlichen Fragen des Lebens: will er Muslim werden oder doch lieber Jude? Ist sein Penis zu klein? Wie kann er aus dem, was ihm gegeben ist, etwas machen?

Saphia Azzeddine gelingt der Spagat zwischen unterhaltsam und doch den Ernst der Lage erfassen und vermitteln. Zwar bleibt ihr Ton durch eine gewisse Naivität des zu Beginn noch jungen Erzählers leichtfüßig und unterhaltsam, aber seine Not in prekären Verhältnissen, umgeben von der bekannten Gewalt der Pariser Vorstädte und ausgegrenzt von der französischen Mittelschicht, wird deutlich und auch von der Erzählweise nicht komplett überlagert. Man gewinnt Einblick in das Innenleben eines einsamen, seine Umwelt aufmerksam beobachtenden Jungen, dessen Chancen immer überschaubar bleiben werden – was ihn aber nicht daran hindert, glücklich zu sein.

Silja Ukena – Ein Jahr in Paris

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Silja Ukena – Ein Jahr in Paris
Silja Ukena beendet ihre Beziehung in Deutschland und realisiert sich einen Traum: sie zieht nach Paris. Mit Anfang 30 ist die Eingewöhnung im neuen Land schwieriger als gedacht. Und vor allem teuer, denn mit den horrenden Mietpreisen der französischen Hauptstadt hat sie nicht gerechnet. Die Not treibt sie in eine wundersame WG mit seltsamen Mitbewohnern, die sie jedoch bald lieben lernt und die ihr das französische Leben näherbringen.

Ein weiterer Band aus der etwas anderen Reiseführerreihe „Ein Jahr in…“ und einmal mehr sind meine Erwartungen erfüllt worden. Ein sehr persönlicher Erlebnisbericht, der nicht beschönigt und mit einem Schuss Selbstironie auch die blödesten Situationen schildert. So einsteht nicht das Bilderbuchbild von Paris, wie es Hollywood oft zeichnet, sondern das menschliche, das nicht immer einfach ist. Für mich, die selbst einige Zeit dort gelebt und gearbeitet hat, ein sehr treffsicherer und authentischer Bericht über die Startschwierigkeiten in dieser manchmal furchtbaren, aber oft einfach wundervollen Stadt.