Yann Ollivier – En attendant Boulez

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Yann Ollivier – En attendant Boulez

Ça ne fait pas longtemps que Jade Valois fait partie de l’équipe et la seule raison de l’accepter était qu’elle savait parler le chinois. Et maintenant, c’est sa chance : dans la Philharmonie, une pianiste chinoise a été tuée et l’affaire est délicate comme le gouvernement chinois se mêle immédiatement. La jeune Han Li devait présenter la première d’un œuvre exceptionnel par Entertainment Inc : « Chopart », un projet crée uniquement par les algorithmes et attendu avec grand intérêt par le public culturel. Que sait l’intelligence artificielle créer ? Mais d’abord, ce sont les humains qui sont au centre d’intérêt de la jeune policière car le meurtre de la pianiste est seulement le début d’une série d’assassinats au monde de musique.

Le titre déjà indique qu’on va parler de la musique, le compositeur et chef d’orchestre Pierre Boulez est bien connu comme un enfant terrible à cause de ses polémiques. Boulez a joué un rôle important dans le développement de la musique électronique, dans le roman de Yann Ollivier, cela avance encore, c’est seulement le logiciel maintenant qui devient créateur et qui remplace l’homme.

J’ai bien aimé le personnage principal, Jade Valois, une jeune femme qui grâce à ses connaissances du chinois et de la musique classique peut résoudre ce cas complexe. Yann Ollivier a parfaitement dessiné le monde de la musique classique et il ne faut pas longtemps pour s’y perdre. Ce qui m’a intéressé avant tout, c’était une petite action secondaire : le problème du copyright si le créateur n’est pas un être humain.

Pascal Ruter – Monsieur Bonheur geht auf Reisen

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Pascal Ruter – Monsieur Bonheur geht auf Reisen

Nur weil er schon 85 ist, heißt das doch noch lange nicht, dass er keinen Neustart in seinem Leben mehr machen kann, oder? Kurzentschlossen lässt sich Napoléon von seiner Joséphine scheiden und fordert seinen Enkel Coco auf, gemeinsam mit ihm das Haus zu renovieren. Dies ist erst der Anfang für eine ganze Reihe von Abenteuern, die der 10-jährige seinem Freund Alexandre Rawcziik berichtet. Mal endet die Geschichte mit dem im Kofferraum eingeschlossenen Großvater, mal muss die Feuerwehr in letzter Sekunde eingreifen. Dazwischen erinnert sich Napoléon immer wieder an seine große Zeit als Boxer, die ein jähes Ende mit der Niederlage gegen Rocky nahm. So sehr er seinen Großvater liebt, zunehmend beunruhigen Coco die Erinnerungslücken und das seltsame Verhalten des alten Mannes, den er liebevoll „Kaiser“ nennt. Er ist zu seinem letzten Kampf angetreten:

„So fing die letzte Schlacht meines Kaisers an, was für eine ungleiche Schlacht! Der Feind war nicht zu fassen. Er kannte die Schwachstellen und traf zielsicher dorthin. Es ging gegen den Körper, den Kopf, das Herz. Er wusste, welche Schläge schmerzten, entmutigten oder demütigten; er beherrschte das gesamte Spektrum des Spiels bis zur Perfektion, konnte ebenso gut ausweichen wie antäuschen und genehmigte Napoléon keine Verschnaufpause. Tag und Nacht, beständig setzte er Napoléon zu.”

Pascal Ruter unterrichtet als Französischlehrer an einem Collège in Paris und wurde in Frankreich vor allem durch seine Kinderbücher bekannt. „Monsieur Bonheur geht auf Reisen“ ist eine bittersüße Geschichte über den langsamen aber unaufhaltsamen Verfall des geliebten Großvaters, aus Sicht des Enkels beschrieben, was die grausame Realität, die Cocos Vater nicht entgeht, durch den naiven Blick deutlich abmildert. Vom Stil erinnerte mich das Buch ganz eindeutig an Fredrik Backmans Ove oder auch an die Bücher von Antoine Laurain.

Ist man zunächst noch amüsiert von den Eskapaden und Ansichten des alten Mannes – eine minutiös geplante Entführung, der Sohn, der offenkundig bei so vieler Lernerei auf die falsche Bahn geraten sein muss, das Aufmischen des Krankenhauspersonals nach dem Bruch eines Rückenwirbels – wird doch bald das Ausmaß ersichtlich und kann sich auch dem Enkel nicht mehr verbergen:

„Mein Kaiser war in Bestform. Doch schon bald bemerkte ich, dass der Arm, mit dem er sich auf der Lehne abstützte, kaum merklich zitterte. Sein Lächeln war leicht angespannt, und winzige Schweißperlen glänzten auf seiner Stirn. Ich hatte ein hübsches Bild meines Kaisers vor mir, wollte aber nicht, dass ebendieses Bild vor meinen Augen zerfiel.”

Doch bevor der alte Junge sich final geschlagen gibt, muss er noch die Geheimnisse loswerden, die er ein Leben lang mit sich herumgetragen hat, und er muss noch einmal an den Strand, an den ihn so viele Erinnerungen mit der geliebten Joséphine verbinden.

Auch wenn die Geschichte einer gewissen Melancholie nicht entbehrt, legt man sie am Ende doch beseelt und irgendwie glücklich beiseite.

Dominic Smith – The Electric Hotel

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Dominic Smith – The Electric Hotel

Claude Ballard is a legend in film making. Having started at the times of the brothers Lumière and the silent film, his „The Electric Hotel“ was a highly innovative masterpiece which is meant to have been lost for decades. Yet, when a student comes to interview Ballard about his life and work, he not only learns about the beginning of the moving pictures, but also makes an interesting discovery.

Dominic Smith’s novel is a must read for film lovers, at the example of Claude Ballard who wanders the streets of Paris and New York of 1910 to capture real life through the lens, the history and development of the silent film is narrated. His only film – “The Electric Hotel” – could have been a great success, but times weren’t easy and so were the women, first and foremost Sabine Montrose the actress who had the main role in his film and his life.

The cinematic background is clearly well researched and also the times that the characters remember come to life vividly. Yet, I am not enough into cinema to really enjoy this intensive read and the characters were quite hard for me to relate to. I am sure that readers with more interest I the topic will find a lot more delight in the novel than I did.

P.B. Vauvillé – Ein kunstvoller Mord

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P.B. Vauvillé – Ein kunstvoller Mord

Die Pariser Kunstszene ist in heller Aufregung als eine der berüchtigtsten Performance Künstlerinnen heimtückisch vergiftet wird. Nicht nur der Mord an sich, sondern die Tötung während einer geheimen Inszenierung ist rätselhaft. Rosa Kontrapunkt war live dabei und die ältere Artistin ist sichtlich mitgenommen, jedoch hält das sie und ihren Sohn Quentin Belbasse nicht davon ab, selbst Ermittlungen zu tätigen. Auch Lieutenant Brossard erkennt, dass es ohne die beiden wohl schwierig werden wird, hinter die Fassaden der Kunst zu blicken und Zugang zu den eigensinnigen Menschen zu bekommen.

Der zweite Band der Reihe um das Privatdetektivgespann aus Mutter und Sohn verspricht eine interessante Kombination aus Krimi und Kunst zu werden. Der Fall hat tatsächlich auch einiges zu bieten, wenn auch die Kunst eher von der sehr speziellen Sorte ist und letztlich ganz andere Aspekte im Vordergrund der Ermittlungen stehen. Insgesamt glaubwürdig und nachvollziehbar konstruiert, aber mir fehlte es doch etwas an Spannung und die Figuren hätten etwas mehr Persönlichkeit haben können, um mit gänzlich zu überzeugen.

Für mich reiht sich der Roman in die Riege der cosy crime Storys ein: nicht die ganz große Spannung, dafür mehr Lokalkolorith. Davon hätte es mir durchaus etwas mehr sein dürfen, man liest es gerne, aber der Funke wollte nicht recht zünden. Die Künstlerszene wird immer wieder angerissen, aber ihr Protest bleibt etwas zu oberflächlich. Auch kann mich die Rolle von Quentin nicht ganz überzeugen, welcher Polizist würde sich von einem Zivilisten einfach so in die Arbeit pfuschen lassen und die Ermittlungsergebnisse teilen? So richtig erschließt sich mir nicht, wie diese Zusammenarbeit zustande kommt. Ganz klar punktet die Geschichte mit den vielen Spuren und Verwicklungen, die der Fall zu bieten hat. Hier hat das Autorenpaar sich eine sehr clevere und komplexe Konstellation ausgedacht, für die sich der Krimi die Sterne verdient.

Leïla Slimani – All das zu verlieren

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Leïla Slimani – All das zu verlieren

Adèle hat eigentlich alles, was man sich wünschen kann. Verheiratet mit ihrem erfolgreichen Arzt lebt sie in Paris, hat einen bezaubernden kleinen Sohn und arbeitet mehr zum Zeitvertreib als Journalistin. Nach außen ist das Familienleben perfekt, aber in Adèle tobt ein Krieg, sie lebt ein Leben, das sie nicht will. Geheiratet hat sie nur, weil es günstig war, um aus den bescheidenen Familienverhältnissen zu entfliehen, aber ihr Mann kann ihr nicht geben, was sie braucht. Schon lange ist ihr Liebesleben nicht mehr existent und sie such tagtäglich den Kick. Mal mit fremden Männern, mal mit Bekannten. Sie will begehrt werden, sonst hat sie den Eindruck nicht zu existieren. Ihren Alltag bekommt sie immer weniger in den Griff und zu ihrem Sohn konnte sie nie eine Verbindung aufbauen, denn ihr ganzes Denken dreht sich nur um eines: den nächsten Mann finden, der ihr verfällt.

Leïla Slimanis erster Roman erscheint jetzt erst in Deutschland, interessanterweise nach „Sex und Lügen“, das als direkte Reaktion darauf entstanden ist, denn in ihrer marokkanischen Heimat hat man nur wenig begeistert auf das Buch reagiert, das ein Verhalten einer Frau beschreibt, das gegen alle Konventionen ist und scharf verurteilt wurde.

Die Geschichte ist eigentlich nur eine Momentaufnahme aus Adèles Leben, denn die Handlung ist recht reduziert. Es reiht sich ein Abenteuer an das nächste, ohne dass es hier eine tatsächliche Entwicklung gäbe. Zwar ahnt man, dass sich der Konflikt zwischen den Ehepartnern zuspitzen muss, was auch geschieht, vor allem nachdem Adèles Mann hinter das Doppelleben kommt und sich gezwungen sieht, darauf zu reagieren, was ihn zunächst einigermaßen überfordert.

Die Figur der Adèle ist leider etwas begrenzt in ihrer Komplexität. Ihre Sexsucht steht im Zentrum der Handlung und ihrer Persönlichkeit und alles andere wird diesem untergeordnet. Woher dies kommt, bleibt offen, auch scheint sie wenig reflektiert in Bezug darauf, was die Sucht mit ihr und ihrer Familie macht. Sie wird beherrscht durch das Verlangen und schaltet dabei alle anderen Gedanken aus, was unweigerlich in der Katastrophe enden muss. Psychologisch jedoch in sich stimmig und nachvollziehbar, wie ein Leben durch eine Abhängigkeit egal welcher Art völlig dominiert wird und sich nur noch darum dreht.

Chris Pavone – The Paris Diversion

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Chris Pavone – The Paris Diversion

They have been living in Paris for some time now and it took Kate more than one year to finally accept that she would never be like all the other stay-at-home mothers who only cared for the children and spent their days chatting in cafés. So, she decided to return to her job. She is supposed not to ask too many questions, just to do what is necessary when she gets a new mission. Yet, that morning, things are somehow strange in the city, police is everywhere and there is a threat perceptible, but where does it come from? Another series of attacks on the French capital? Kate is good at her jobs and that’s the reason why she soon figures out that the whole scenario is aimed at somebody completely different and that this could also mean that her family and especially her husband is the primary target.

“The Paris Diversion” is the second instalment of the Kate Moore series and continues “The Expats”. It is not absolutely necessary to have read the first novel, yet, the stories are closely interwoven and directly linked. The story moves at a high pace, the whole plot takes place in only a couple of hours, it is only slowed down by Kate’s memories of her time in Luxembourg and a love story that took place some years before. The first of the two makes sense for readers who are not familiar with the first book of the series, the second, however, could easily have been dropped for my liking since it does not contribute anyhow to the actual plot.

It takes some time to see through the whole story. There are many things going on at the same time in different places and how they connect does only unfold slowly. It is cleverly orchestrated and finally, all pieces fall into place, yet, the whole set-up is not really authentic. It is quite an interesting scenario playing with all the fears of modern world: the quick changes at the stock markets, terrorist attacks on a Western metropolis, kidnapping of CEOs, secret services operating in foreign countries – you name it. Chris Pavone masterfully combined all those ingredients into one story, but, as one might assume, it was a bit too much. Nevertheless, I liked the novel due to the high pace and the fantastic protagonist: a strong woman who just does what has to be done while at the same time being completely down to earth and making wrong decisions in her private life.

Sophie Hénaff – Kommando Abstellgleis

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Sophie Hénaff – Kommando Abstellgleis

Anne Capestan soll eine neue Chance erhalten und das, wo sie eigentlich mit ihrem endgültigen Rausschmiss aus der Pariser Polizei gerechnet hatte. Doch bald schon geht ihr auf, dass sie, genauso wie der Rest ihres Teams, ruhigstellt werden sollen. Eine schäbige Wohnung, der man nicht ansieht, dass sich dort ein Kommissariat befindet, ausgestattet mit aussortierten Möbeln kurz vorm Zusammenbrechen und das illustre Personal bietet ebenfalls alles, was man sich wünscht: den Denunzianten, den Whistle-Blower, den Alkoholiker – all die, die nicht entlassen werden können, aber irgendwo hin müssen. Und die Aufgabe? Ungelöste Altfälle, aber ach, eigentlich ist es egal, was oder ob sie überhaupt was tun, so lange sie nur die Füße ruhig halten. Doch das kann Anne Capestan nicht und schnell merkt sie, dass sie nicht nur ein ungewöhnliches, sondern ein sehr kompetentes Team und noch dazu zwei interessante Fälle hat.

Kurz und knapp: Ein toller Auftakt für diese Serie. Im Zentrum stehen die liebevoll gezeichneten Figuren, denen man ohne Frage abnimmt, dass sie in kein normales Team passen und deshalb unbequem geworden sind. Aber eigentlich sind sie nicht nur auf ihre verschrobene Art sympathisch, sondern vor allem auch kompetent in dem, was sie tun. Ihr erster Fall, bzw. zunächst die Fälle, die dann erwartungsgemäß eine Verbindung finden, ist mehr als komplex und droht wiederholt im Sande zu verlaufen. Aber mit aufmerksamer Beobachtung und ein wenig krimineller Energie kann das Team eine überzeugende Aufklärung leisten. All das locker erzählt und ohne die unnötigen Landschafts- und Essensbeschreibungen, an denen französische Krimis seit einiger Zeit massenhaft erkrankt zu sein scheinen. Man merkt, dass die Autorin von Haus aus Kolumnenschreiberin ist, denn trotz des Kriminalfalls bleibt die Atmosphäre doch eher humoristisch denn düster-angespannt, was vor allem an den charmanten Figuren liegt, die man sofort ins Herz schließt.

Tatiana de Rosnay – Fünf Tage in Paris

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Tatiana de Rosnay – Fünf Tage in Paris

Nur die Eltern und die beiden Kinder. So lautet die klare Ansage von Mutter Lauren Malegarde, als sie Linden und Tilia bittet nach Paris zu kommen, um den 70. Geburtstag von Vater Paul zu feiern. Ein ungewöhnlicher Ort, wohnen die Eltern doch im Département Drôme, aber dem Wunsch der Mutter ist Folge zu leisten. Allerdings empfängt die Hauptstadt die Familie nicht mit dem gewohnten Charme, ein Hochwasser historischen Ausmaßes droht die Stadt zu überschwemmen und es regnet unerlässlich. Das Programm wird angepasst, doch bald schon müssen sie noch mehr Planänderungen vornehmen, denn beim gemeinsamen Abendessen bricht Paul mit einem Schlaganfall zusammen und die Erkältung der Mutter stellt sich als schwere Lungenentzündung heraus. Während in ganz Paris der Ausnahmezustand herrscht, ereilt dieser ganz im Kleinen auch die Familie Malegarde.

Von Beginn der Geschichte an wählt die französisch-amerikanische Schriftstellerin, die in beiden Sprachen ihre Bücher verfasst, ein starkes Symbol: das Wasser der Seine steigt im gleichen Maße wie auch die Lage in der Familie sich zuspitzt, vor allem der Gesundheitszustand des Vaters läuft auf einen dramatischen Höhepunkt zu. Es wird einen Scheitelpunkt geben müssen, der entscheidet, in welche Richtung das Pendel ausschlägt.

Trotz der gerade einmal 300 Seiten bringt Tatiana de Rosnay unzählige Themen in ihrem Roman unter, die einem als Leser nachdenklich stimmen. Doch keineswegs wirkt die Handlung überladen, im Gegenteil, der Fokus auf die engste Familie und insbesondere auf Linden lässt sie nie den roten Faden verlieren. Es ist das Verhältnis der beiden Geschwister zu einander, jenes zwischen Eltern und Kindern, glückliche und gescheiterte Beziehungen und vor allem die hohe Sensibilität der Malegarde Männer, die immer wieder hervortreten. Paul Malegarde kam als „Treeman“ zu Weltruhm, nichts gibt es, das er nicht über Bäume zu wissen scheint, überall fragt man nach ihm, wenn die Natur übermächtig zu werden scheint. Er ist ein Baumflüsterer, doch wo seine enge Verbundenheit herführt, ist ein Geheimnis, das erst spät gelüftet wird. Lindens besonderes Gespür für Menschen äußert sich in seinem Talent als Fotograf. Er hat den Blick für den ultimativen Ausdruck, kann mit Bildern das ausdrücken, wozu ihm die Worte fehlen.

Die Familie birgt jedoch auch Konfliktpotenzial, das sich besonders gerne zu Feierlichkeiten entlädt. Auch bei den Malegardes ist dies nicht anders und so manches Geheimnis und bis dato Unausgesprochenes will nun trotz oder gerade wegen der Ausnahmesituation an die Oberfläche. Nicht immer war man nett zu einander, hat sich unterstützt; es gab Neid und Groll, man fühlte sich missverstanden und nicht anerkannt. All das erzählt Tatiana de Rosnay in einem fast poetisch anmutenden Ton, der außerordentlich die Empfindsamkeit und Emotionen der Figuren einfängt und wiedergibt. Trotz der tristen Szenerie und Dramatik des Settings, schlichtweg ein großartiger Roman.

Ein herzlicher Dank geht an das Bloggerportal für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zu Buch und Autorin finden sich auf der Seite des Random House Verlags. 

Philippe Lançon – Der Fetzen

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Philippe Lançon – Der Fetzen

„Vier in dem einen, eins im anderen Krankenhaus: Das sind die Zimmer, in denen ich vom 8. Januar 2015 bis zum 17. Oktober 2015 rund um die Uhr geblieben bin, was insgesamt, wenn ich richtig rechne, 282 Tage ergibt. Gefangene zählen und oft auch Kranke, weil sie am liebsten fliehen und verschwinden würden. Ich war weder gefangen noch krank: Ich war ein Opfer, ein Verletzter (…)“

Philippe Lançon, Reporter und Kritiker, der am Morgen des 7. Januar 2015 an der Redaktionssitzung von Charlie Hebdo teilnahm, der Wochenzeitung, die in den letzten Zügen lag und deren unabwendbarer Tod nur noch eine Frage von wenigen Ausgaben war. Der Tod sollte kommen, aber nicht für die satirische Wochenzeitung, sondern für ihre Macher, in Form der Brüder Kouachi, die bewaffnet in die Redaktionsräume eindrangen und um sich schossen. Elf Tote und zahlreiche Verletze ist die Bilanz, die global Schlagzeilen machte. Eines der Opfer war Philippe Lançon, der erst begreifen musste, das er Teil eines großen Ereignisses wurde und sein Leben von nun an in eine Zeit vor dem 7. Januar und eine Zeit nach dem 7. Januar 2015 getrennt werden würde.

„Der Fetzen“, in Frankreich mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, unter anderem dem Spezialpreis des renommierten Prix Renaudot, der eigentlich Belletristik ehrt, ist eine Biographie der besonderen Art. Sie beschränkt sich auf wenige Monate, die Zeit von dem Anschlag auf Charlie Hebdo und sie endet auch mit einem Anschlag, dem auf das Bataclan am 13. November desselben Jahres. Es ist die Zeit für Philippe Lançon zwischen Tod und Rückkehr ins Leben, die Zeit von 17 Operationen und einem alles andere als optimal verlaufenden Heilungsprozess, den er minutiös mit dem Leser teilt. Letztlich ist es der Versuch etwas zu verstehen und zu verarbeiten, was weder verstehbar noch vergessbar ist. Es ist die persönliche Seite eines globalen medialen Großereignisses, das die Aspekte darstellt, die dem fernen Beobachter üblicherweise vorenthalten bleiben.

Mich hat Philippe Lançons Bericht schwer beeindruckt. Zum einen die Offenheit, mit der er die wiederholten Niederschläge im Heilungsprozess schildert, die Widrigkeiten während des Krankenhausaufenthaltes – es sind die Dinge, über die wir eigentlich nicht sprechen, die in unserer von ansprechender Optik dominierten Welt keinen Platz haben. Es sind aber vor allem auch seine persönlichen Beziehungen, die nach dem Attentat nicht mehr dieselben sind. Nicht nur ihn hat das Ereignis verändert, es wirkt auch sekundär auf sein Umfeld und er muss erkennen, dass nicht jeder mit der neuen Situation umgehen kann.

Der Autor ist ein außerordentlich reflektierter Mensch, was man dem Buch auf jeder Seite anmerkt. Er versucht nicht, einen tieferen, gar religiösen Sinn darin zu erkennen, dass gerade er Opfer wurde. Ebenso spielen seine Emotionen in Bezug auf die Attentäter keinerlei Rolle. Er lebt im Hier und Jetzt, aber er kann nicht mehr einfach irgendetwas lesen, es sind Proust und Kafka, die ihn ansprechen. Wie Prousts Protagonist wird auch er von Erinnerungsfetzen aus seiner Vergangenheit geplagt und kann bisweilen nur mit einer distanzierenden Ironie die kafkaesken Gegebenheiten ertragen. Es ist eine subjektive Verarbeitung, die keinen größeren Zusammenhang schafft, die Banalitäten – steht sein Fahrrad immer noch vor der Redaktion? Wo ist sein Stoffbeutel? – in den Fokus rückt und einem den Autor dadurch nah bringt.

Philippe Lançon ist Charlie Hebdo – mehr als alle, die sich den Slogan zu eigen gemacht haben. Aber er will nicht die Stimme oder das Gesicht sein, dafür ist er zu bescheiden. Er ist ein Überlebender, der das Überleben erst wieder zu schätzen lernen musste und dem, auch wenn man ihm über lange Zeit die Stimme raubte, doch nie die Worte ausgingen, was ein Glücksfall ist.

Aloïs Guinut – Dress like a Parisian. Der Style-Guide für perfekten französischen Chic

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Aloïs Guinut – Dress like a Parisian

Wer hat sie nicht schon einmal bewundert, die aparten Französinnen, die so lässig unglaublich chic daherkommen und den Eindruck erwecken, als wenn sie gar nichts für ihr Aussehen und Styling tun müssten. Nicht umsonst gelten sie weltweit als Modeinstanz, die neidisch von den Geschlechtsgenossinnen beäugt und von den Männern begehrt wird. „How to be Parisian wherever you are“ von Anne Berest, Caroline De Maigret, Audrey Diwan und Sophie Mas schlug 2015 bereits große Wellen, nun also Aloïs Guinuts Anleitung, die zunächst stark in Aufmachung und Titel an den Bestseller erinnert, aber inhaltlich doch ganz andere Wege geht.

Die Autorin ist nicht nur Pariserin – was sie natürlich vorm Zug für diese Aufgabe qualifiziert – sondern hat auch am Institut Français de la Mode studiert und ist seit Jahren in der Modebranche unterwegs. Als Stylecoach begleitet sie ihre Kunden bei der Zusammenstellung der perfekten Garderobe und dem jeweils passenden Outfit.

Das Buch beginnt mit einer kurzen Einführung darüber, was eigentlich die typischen Kennzeichen der französischen Mode sind: von lässigem Chic über Eleganz und Individualität bis hin zum Bruch mit verfestigten Regeln. Danach folgen sehr praktisch orientierte Kapitel zu Farben, Mustern, Stoffen und Schnitt bevor sie sich den erforderlichen Basics und Accessoires zuwendet. Jede Entscheidung für oder gegen ein Kleidungsstück fällt zwingend mit der Figur der Trägerin, weshalb auch dieser ein Kapitel gewidmet wurde bevor das Buch mit den Geheimnissen der Pariserinnen endet.

Die Texte sind kurz und informativ gehalten und mit passenden Illustrationen oder Fotos bebildert. Mir gefällt die Aufmachung sehr gut, auch die Tatsache, dass immer wieder Interviews und Portraits von Frauen aus der Modebranche eingeschoben wurden. Es ist keine Anleitung, die man von vorne bis hinten durchliest, sondern die einlädt, immer mal wieder reinzulesen und Neues zu entdecken.

Pure Unterhaltung oder taugt das Buch tatsächlich was? Ganz klare Antwort: auf jeden Fall. In Ermangelung von natürlichem Talent und tiefgehendem Interesse an Mode bevorzuge ich beruflich wie privat den konservativen Büro-Look aus Rock plus Bluse und Pumps in den bekannten Farbkombinationen schwarz-weiß-grau-dunkelblau. Erfordert morgens nicht viel Nachdenken und passt immer. Ist aber auch etwas langweilig. Ich habe tatsächlich einige Anregungen gefunden, wie ich meine Outfits etwas aufpeppen kann und sie trotzdem arbeits- und alltagstauglich bleiben. Bekanntermaßen sind es ja die kleinen Dinge, die den Unterschied machen, die muss man aber erst einmal erkennen. Damit hält das Buch genau das, was es auch verspricht.

Das perfekte Geschenk für Frauen, die nicht jedem Modetrend hinterherrennen, sondern sich zeitlos-chic und dennoch modisch kleiden und ein gewisses Faible für Styling haben.

Ein herzlicher Dank geht an das Bloggerportal und den Prestel Verlag für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zu Buch und Autorin finden sich auf der Seite der Verlagsgruppe Random House.