Alem Grabovac – Das achte Kind

Alem Grabovac – Das achte Kind

Ihre Kindheit in dem kroatischen Dorf war von Entbehrung geprägt, nur einen einzigen Raum hatte die Familie und oft nicht genug, um zu Essen. Smilja hat sich geschworen, jede sich bietende Chance zu nutzen, um den Elend zu entfliehen und kommt so als junge Frau als Gastarbeiterin einer Schokoladenfabrik nach Deutschland. Ihr Mann Emir ist launisch und faul und ein Ganove dazu, als sie schwanger wird, ist ihr klar, dass sie sich alleine um das Kind wird kümmern müssen, was nur schwer mit der Arbeit vereinbar sein würde. Eine Kollegin erzählt ihr von dem Arrangement für ihre Tochter: unter der Woche wächst das Kind bei Marianne und Robert auf, am Wochenende ist sie bei ihr. So kommt Alem schon nach sechs Wochen in eine deutsche Pflegefamilie, die so ganz anders ist als seine eigene. Nach dem plötzlichen Verschwinden Emirs findet die Mutter einen neuen Freund, der jedoch gewalttätig und permanent besoffen ist und mit dem sie in Frankfurt in prekären Verhältnissen haust. Alem dagegen ist in der deutschen Großfamilie als achtes Kind aufgenommen worden und erlebt die typische deutsche Kleinstadt Kindheit der 70er und 80er Jahre. Beide Leben sind unvereinbar, aber gleichermaßen Bestandteil seines Alltags.

Alem Grabovacs Roman kommt als Fiktion daher, erzählt allerdings seine eigene Lebensgeschichte, die jedoch alles andere als die typische Migrationsgeschichte ist. Er ist in beiden Kulturen aufgewachsen, hat Ausländerfeindlichkeit erlebt und ebenso das kleinbürgerliche Leben der schwäbischen Provinz – inklusive Holocaust-Verleugnung und heimlicher Nazi Verehrung. Kaum jemand wird so tiefen Einblick in die Lebenssituationen haben wie er; Leben, die im selben Land stattfinden, aber genauso gut auf unterschiedlichen Planeten angesiedelt sein könnten.

Interessant ist zunächst Smilja, deren Kindheit in den 50er Jahren wenig Anlass zur Freude bietet, sie aber zu einer entschlossenen und durchaus mutigen Frau macht. Alleine ins Ausland zu gehen, um das Glück zu suchen, erfordert Mut, doch bei der Wahl ihrer Männer hat sie kein Händchen. Sie wird benutzt, beraubt, verprügelt und kann sich selbst jedoch aus dem Elend nicht befreien. Allerdings ist sie bezogen auf ihren Sohn bedingungslos und stellt ihre Gefühle hinten an, um ihm eine bessere Zukunft zu ermöglichen. Diese bieten die Pflegeeltern, Alem mangelt es an nichts, auch die Zuneigung ist durchaus jene, die auch die leiblichen Kinder erfahren. Knackpunkt jedoch ist die Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte und der eigenen Vergangenheit. Roberts eindeutig rechte politische Gesinnung war sicherlich zu jener Zeit kein Einzelfall und hinter verschlossenen Türen – wie auch hier – wurde so manche nicht-salonfähige Parole geäußert.

Mit Ausbruch des Jugoslawienkriegs wird die Frage nach der kulturellen Zugehörigkeit nochmals komplizierter. Kroatische Mutter, bosnischer Vater, aufgewachsen in einer deutschen Familie. An Grabovacs vielseitigen Familienangehörigen, inklusive angeheiratetem mexikanisch-amerikanischen Soldaten, zeigt sich, dass dieses Konzept vielleicht auch schlicht überholt ist und schon lange nicht mehr zu einer mobilen Welt mit Migration in allerlei Richtungen und Familiengründungen in allen Farben und Formen mehr passt. Begriffe wie Heimat werden so flexibel, ergänzt um Wahlheimaten und mehr an Personen denn an Örtlichkeiten festgemacht. Ebenso lassen sich Neuankömmlinge nicht mehr

Facettenreich und mit viel Wiedererkennungswert, wenn man die Kindheit zur gleichen Zeit erlebte und dennoch öffnet der Autor auch Türen zu einer anderen Welt. Erzählerisch unterhaltsam und zugleich zum Denken anregend – vielleicht hilft der Blick zurück in die Vergangenheit, um in der Zukunft etwas anders zu machen, um das Nebeneinander etwas mehr Miteinander werden zu lassen.

Ein herzlicher Dank geht an die Hanser Literaturverlage für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zu Autor und Buch finden sich auf der Verlagsseite.

Adrienne Brodeur – Wild Game

adrienne brodeur wild game
Adrienne Brodeur – Wild Game

Rennie ist 14 als der alles verändernde Kuss geschieht. Nicht sie selbst ist es, sondern ihre Mutter, Malabar, die Ben, den seit Jahrzehnten besten Freund ihres Gatten, küsst und damit alles aus den Fugen gerät. Die schillernde Frau geht eine Affäre ein und macht ihre Tochter nicht nur zur Mitwisserin, sondern zur Gehilfin, um ihre Treffen mit Ben zu decken, und zu ihrer Vertrauten, die sich alles anhören muss. Rennie hat ein schlechtes Gewissen gegenüber ihrem Stiefvater, aber die Sehnsucht nach der Nähe zur Mutter und deren Aufmerksamkeit, lassen ihr keinen anderen Ausweg. Als das Verhältnis droht aufzufliegen, ist sie zur Stelle, wann auch immer ihre Mutter leidet, spendet sie Trost. Dabei vergisst sie selbst jedoch den Abnabelungsprozess, den sie als junge Frau vollziehen sollte und wähnt sich in der Illusion, die geliebte Tochter zu sein. Tatsächlich ist sie nur eins: ein notwendiges Hilfsmittel.

Adrienne Brodeur verarbeitet in ihrem Buch ihre komplizierte Beziehung zur Mutter und schildert, welche drastische Folgen diese toxische Beziehung für sie auch viele Jahre später als eigentlich unabhängige Erwachsene hat. Selbst Kind einer allseits bewunderten, strahlenden Frau, hat Malabar nie gelernt zu lieben oder die Perspektive anderer einzunehmen. Ein Schicksalsschlag in jungen Jahren verhindert letztlich eine bedingungslose Beziehung zu ihren Kindern, die ihrerseits so sehr nach Zuwendung lechzen, dass sie aus diesem fragilen und schädlichen Beziehungsgebilde nicht herauskommen.

Anfangs hat das Geheimnis um das Verhältnis noch spannende und reizvolle Aspekte. Mit der Mutter ein so großes Geheimnis zu teilen, lässt das Mädchen geradezu euphorisch werden und sie deutet dies nicht nur als Vertrauens- sondern als Liebesbeweis. Gerne unterstützt sie das Spiel mit den anderen, unbedarft und nicht berücksichtigend, welche Folgen dies für die beiden anderen Partner haben kann. Doch je älter Rennie wird, desto deutlicher erkennt sie ihre Rolle im Leben ihrer Mutter. Schnell ist sie ersetzbar, ihr eigenes Leben und Leid wird gar nicht wahrgenommen und die psychologische Last, die sie seit Jahren mit sich herumträgt, muss zwangsläufig irgendwann in einer manifesten Erkrankung enden. Was von außen eine völlig klare und nachvollziehbare Entwicklung ist, wird von der Autorin an diesem Punkt nicht erkannt, zu sehr steckt sie fest als dass sie sich lösen und einen Schritt beiseite treten könnte, um einen anderen Blickwinkel zu gewinnen.

Es gelingt Adrienne Brodeur den perfekten Ton zu finden, um nicht verbittert ihre Erfahrungen zu schildern, sondern die verschiedenen Stadien, die sie durchläuft, auch sprachlich widerzuspiegeln. Der lockere, neugierig-heitere Ton begleitet die Anfangsphase, ernstere folgen je älter sie wird, bis schließlich der psychologische Tiefpunkt erreicht wird und sie erkennen muss, was aus ihrem Leben geworden ist. Aus dem naiven Mädchen wird die differenzierter denkende junge Frau und schließlich eine Erwachsene, die sich der unerfreulichen Realität und Erkenntnis stellen muss. So wie sie durch die Literatur sich selbst erkannt hat, kann sicherlich auch ihr literarischer Verarbeitungsprozess andere dazu ermutigen, ihre Beziehungen zu hinterfragen.