Éric Vuillard – Die Tagesordnung

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Éric Vuillard – Die Tagesordnung

Gut drei Wochen nach Hitlers Machtergreifung lädt er die Granden der deutschen Industrie und Wirtschaft nach Berlin ein. Am 20.2.1933 sitzen alle von Rang und Namen an einem Tisch: Krupp, Opel, Quandt – eine illustre Runde von 24 Reichen, die gerne bereit sind, die Vorhaben des Führers mit großzügigen Spenden zu unterstützen. So leicht wie Hitler und Göring das Geld und die Unterstützung der Industrie bekommen, läuft die Annexion Österreichs fünf Jahre später nicht ab. Aber auch hier zeigen sie taktisches Geschick und den notwendigen Druck, um den kleinen Nachbarn zu überrumpeln und zum Anschluss zu zwingen. Es läuft zwar vieles nicht so wie geplant, aber am Ende zählt das Ergebnis. Planmäßig wiederum gelingt die Täuschung Englands, die der ehemalige Botschafter in London, Joachim von Ribbentrop, dank seiner Menschenkenntnis clever umsetzt. Der Rest ist Geschichte und findet beim Nürnberger Prozess sein Ende.

Éric Vuillard erhielt für seine Erzählung über Hitlers Machtergreifung 2017 den renommierten französischen Literaturpreis Prix Goncourt. Er liefert keine neuen Erkenntnisse zu den historischen Ereignissen, diese sind weitgehend erforscht und bekannt, was das Buch jedoch lesenswert macht, ist die Selektion von Einzelereignissen, die Vuillard nebeneinanderstellt, um so eine neue Geschichte zu erzählen: die große Katastrophe des Zweiten Weltkrieges hatte sich lange zuvor angekündigt, man hätte eine Chance gehabt zu reagieren, aber die Welt hat nur zugeschaut.

Für mich weniger interessant sind die historischen Fakten, auch wenn hier Aspekte geschildert werden, die im Allgemeinen nicht zu den wesentlichen Eckdaten der Geschichte gehören. Spannend und reizvoll sind die menschlichen Züge, die Vuillard aufgreift. Wie geschmeichelt fühlen sich die Industriellen, persönlich vom Führer empfangen zu werden. Obwohl er sie warten lässt und sie bereits unruhig zu werden drohen, vergessen sie all dies ob der Hommage, die ihnen dieser Besuch bringt. Sind sie im Alltag Herren über tausende Beschäftigte, machen sie sich hier zum braven Untertan, der sogleich großzügig die Brieftasche zückt. Auch der verzweifelte Versuch Schuschniggs noch ein wenig an seiner Macht festzuhalten, ist bemerkenswert. Die Schmach und Blamage kann er nicht verhindern, aber vielleicht lässt sich doch noch ein wenig Schein wahren. Ganz groß wird Vuillard dann bei dem britischen Premierminister Lord Chamberlain, dessen gute Erziehung von Ribbentrop ausnutzt und den er in eine höchstpeinliche Situation bringt, in der der Lord dennoch die Contenance wahrt.

Auch wenn das Thema schon oft behandelt wurde und auch literarisch immer wieder in neu en Varianten erscheint, lohnt sich Vuillards Text aufgrund seines ganz eigenen Schwerpunkts. Mich haben andere Preisträger des Prix Goncourt schon mehr angesprochen, aber „L’ordre du jour/Die Tagesordnung“ ist durchaus ein Würdiger Sieger.

Didier van Cauwelaert – Un aller simple

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Didier van Cauwelaert – Un aller simple

Aziz Kemal, durch und durch Marseillais, hat eine mysteriöse Vergangenheit. Seine Eltern sind tot, das weiß er, aber er kennt weder seinen echten Namen und die genauen Umstände. Er saß in einem Citroën Ami 6, daher sein Name „Aziz“, und wurde letztlich von Zigeunern adoptiert. So richtig hat er nie dazugehört, sich aber hervorragend an die Umstände angepasst. Er geht gerne zur Schule, aber irgendwo muss das Geld zum Leben ja herkommen, weshalb er schon in jungen Jahren zum Spezialisten für Autoradios wird und früh der staatlichen Bildung Adieu sagen muss. Viele Jahre geht das alles gut, doch plötzlich gerät er ins Visier der Behörden, die mit dem gutaussehenden Jugendlichen ein Exempel statuieren wollen: Aziz soll als illegaler Einwanderer in sein Heimatland zurückgeführt werden. Das Problem ist nur: weder war er jemals in Marokko noch spricht er Arabisch. Das ist aber kein Problem, der Attaché Jean-Pierre Schneider wird schon darauf achten, dass der Bursche dahin zurückkehrt, wo er herkam.

Die erste Hälfte von Didier van Cauwelaerts Roman ist nur so gespickt von Absurditäten, die dem elternlosen Aziz geschehen. Seine Kindheit unter Roma, das Arrangieren in einer Welt, die nach eigenen Gesetzen funktioniert und die des anderen Frankreichs geschickt umdeutet, entbehrt nicht einer gewissen Komik, was den Kleinkriminellen zu einer sympathischen Figur macht. So fühlt man auch mit ihm, wenn er zunächst selbst Opfer eines Betrugs wird und dann in die völlig absurde Abschiebesituation gerät. Diese offenbart aber überzeugend, wie im Staat nach Schema F verfahren wird und die reale Situation überhaupt nicht hinterfragt wird.

Im zweiten Teil rückt mehr und mehr der Attaché in den Vordergrund, dessen Lebensgeschichte durchaus Parallelen aufweist. Auch er ist in gewisser Weise elternlos, kann seine Träume nicht erfüllen und wird fremdbestimmt. Auch wenn er Aziz‘ Geschichte nicht verstehen kann, ist er doch menschlich, was die beiden immer näher zusammenbringt und den dritten Handlungsabschnitt einläutet, der Aziz zurück und in die Vergangenheit Jean-Pierres führt.

„Un aller simple“ wurde 1994 mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet. Die Verbindung zwischen der Situations-Absurdität und der unterliegenden Ernsthaftigkeit macht ihn zu einem würdigen Preisträger. Die Tatsache, dass das Buch fast 25 Jahre nach dem Erscheinen nichts an Aktualität und Relevanz eingebüßt hat, unterstreicht dies nur noch. Ein kurzer Roman, den man nicht übersehen sollte. Die deutsche Ausgabe ist unter dem Titel „Das Findelkind“ erschienen, was leider nicht ansatzweise das auszudrücken vermag, was der französische Titel beinhaltet; bleibt nur zu hoffen, dass der Rest der Übersetzung dem Buch gerecht wird.

Buchmesse Frankfurt 2017 – Tag 1

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Heut ganz im Zeichen von interessanten Interviews. Nachdem ich ein wenig über die Messe geschlendert war und den riesigen Asterix

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bewundert hatte, ging es schon zu einem großen Highlight der Messe: der Bekanntgabe der 2e Sélection du Prix Goncourt 2017.

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Bernard Pivot hat das Publikum nicht lange warten lassen und recht flott die Finalisten verkündet, die danach folgenden Interviews vor allem zu den Fragen, was der Gewinn des Preises verändert hat, waren sehr interessant und vor allem Leïla Slimani kam unheimlich sympathisch rüber. Auf dem Foto schlecht zu erkenne sind die ganzen Berühmtheiten, unter anderem Philippe Claudel, Tahar Ben Jelloun, Jérôme Ferrari, Leïla Slimani, Eric-Emmanuel Schmitt, Virginie Despentes u.a.

Danach ging es zum blauen Sofa, auf dem Ayelet Gundar-Goshen interviewt wurde. Sie sprach über die Hintergründe zu ihrem aktuellen Buch „Lügnerin“, ihre Erfahrungen als Therapeutin mit dem Thema Lügen und über den leider in Israel sehr verbreiteten Machismo, der es Männern erlaubt, im Falle der Beschuldigung eines sexuellen Übergriffes einfach die Frau als Lügnerin abzustempeln, was ihnen auch geglaubt wird.

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Direkt im Anschluss folgte Emmanuel Carrère, der ebenfalls über die Entstehung seinen aktuellen Romans „Brief an eine Zoowärterin aus Calais“ berichtete. Er nimmt dort einen ganz anderen Blick auf die Flüchtlingskrise, indem er den Bürgern von Calais, die über Jahre den Jungle vor ihrer Haustür ertragen mussten, eine Stimme verleiht. Er selbst schien schwer beeindruckt von seinem Besuch in dem illegalen Lager.

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Auf Édouard Louis war ich besonders gespannt. Das kurze, nicht einmal 20 Minuten dauernde Gespräch mit ihm, war viel zu kurz für all das, was der junge Autor zu sagen hatte. Beeindruckend seine offene Kritik am Literaturzirkus, der sich für besonders offen und progressiv hält und dennoch weite Teile der Bevölkerung gar nicht wahrnimmt. Erschreckend auch seine Erlebnisse mit der Presse nach dem Erfolg seines ersten Buches, ein Emporkömmling, den es so nicht hätte geben dürfen. Aus diesem Grund sind viele seiner Romane auch gar nicht fiktiv, sondern autobiografisch – in den Medien wird genug erfunden, sagt er, da kann wenigsten die Literatur die Wahrheit liefern.

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Zum Abschluss des Tages eine ähnlich starke und drastische Stimme Frankreichs: Virginie Despentes. Erwartungsgemäß deutliche Worte findet sie für die französische Gesellschaft und ihren offenen Rassismus und Ausgrenzung gegenüber nicht nur Fremden und zunehmend auch wieder Juden, sondern auch Homo- und Transsexuellen. Mit ihrem Protagonisten Vernon Subutex hat sie bewusst einen weißen Mittelschichtenmann gewählt, da sie diesen in der Krise sieht und in der Rezeption in Frankreich wurde auch ihre Vermutung bestätigt, dass das Publikum gegenüber einem maskulinen Protagonisten deutlich gnädiger ist als bei Frauen, die ein vergleichbares Schicksal erleben.

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Bevor es mich wieder in die Bahn nach Hause trieb hätte ich gerne noch die Container-Wohnung des Kein & Aber Verlags besucht, aber da hatten leider nur geladene Gäste Zugang. Freitag geht es nochmals hin, ich bin gespannt, was mich dann erwartet.

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Leïla Slimani – Chanson douce

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Leïla Slimani – Chanson douce

„Le bébé est mort. Il a suffi de quelques secondes. “ – Mit der Ankündigung des Todes des Babys beginnt Leïla Slimanis Roman „Chanson douce“. Doch wie kam es dazu? Myriam und Paul Massé sind jung, erfolgreich und die perfekte Familie mit der kleinen Mila und Baby Adam. Doch Myriam fühlt sich zunehmend falsch in der Rolle als Hausfrau und Mutter und als sie einen ehemaligen Studienkollegen trifft, der sie an ihre Karriere Anwältin erinnert, ist die Entscheidung schnell getroffen: eine Nanny muss her. Nach einem langen Casting entscheiden sie sich für Louise, die sofort die Herzen der ganzen Familie erobert. Sie kann nicht nur die trotzige Mila bändigen, sondern geht auch ganz in der Haushaltsarbeit auf und bald schon erstrahlt die Pariser Wohnung in ungeahntem Glanz. Immer abhängiger werden die vier von der resoluten und gutmütigen Frau; Myriam arbeitete mehr und mehr und auch Paul sehnt sich nach dem Leben vor den Kindern zurück und verbringt zunehmend mehr Zeit in seinem Tonstudio. Aber Louise hatte auch ein Leben vor den Massés und obwohl sie immer mehr in die Familie hineinwächst und dort praktisch einzieht, holt sie dieses Leben langsam wieder ein.

Leïla Slimanis Roman wurde mit zahlreichen Preisen geehrt, unter anderem dem Prix Goncourt 2016. Auch wenn ein Mord geschieht, handelt es sich nicht um einen Krimi, wirkliche Spannung wird auch nicht aufgebaut, eher ungute Ahnung. In Form der Analepse erzählt – immerhin weiß man vom ersten Satz an, dass die Kinder die Erzählung nicht überleben werden – nähert man sich langsam diesem Ereignis. Während die Handlung um den Haushalt Massé chronologisch voranschreitet, erfährt über Rückblenden von Louises Leben vor der Anstellung dort: ihr Mann, ein Taugenichts, der sein Leben mit Klagen verbrachte; ihre Tochter Stéphanie, die viel zu früh kam und unter den unsäglichen Verhältnissen stumm litt; die Vermieter und Arbeitgeber, die Louise systematisch schikanierten.

Der Roman lebt von den Figuren, vor allem die zwei Protagonistinnen symbolisieren hervorragend die Tragik der modernen Frau: Myriam, zerrissen zwischen Anspruch und Wirklichkeit, zwischen dem Wunsch eine gute Mutter zu sein und dem Verlangen nach beruflicher Selbstverwirklichung und Anerkennung. Das schlechte Gewissen als ständiger Begleiter, sowohl gegenüber den Kindern wie auch gegenüber ihrer Arbeit und den Klienten. Es scheint keinen wirklichen Zwischenweg zu geben und trotz aller Emanzipation bleibt der Ehemann und Vater bei dieser Problematik außen vor. Louise hingegen ist gefangen in den typischen Geringverdienerjobs als Pflegerin oder Kindermädchen, die ihr nie einen finanziellen Ausstieg aus der Misere ermöglichen. Dazu die Abhängigkeit von einem Mann, der nichts zum Haushalt beiträgt und sie in sein Unglück mit hineinzieht. Für kurze Zeit können die beiden Frauen sich der Illusion hingeben, ihrem Schicksal zu entkommen und die ausgelassene Freiheit von Bürden zu leben, doch dann werden sie von der Realität eingeholt, die brutal zuschlägt und den Moment der Glückseligkeit zerschlägt.

„Chanson douce“ ist erst der zweite Roman der Franco-Marokkanerin und lässt die Erwartungen für weitere Bücher der Autorin hoch steigen.

Jérôme Ferrari – Predigt auf den Untergang Roms

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Jérôme Ferrari – Predigt auf den Untergang Roms

Ein korsisches Dorf. Die Pächterin der einzigen Kneipe verschwindet ohne ein Wort. Die Besitzerin will den Laden schließen, doch ohne geht es auch nicht. Nach und nach versuchen sich unterschiedliche Mieter daran, alle mit zunehmendem Pech. Auch Matthieu und Libéro wollen sich daran versuchen. Beide sind in Paris mit ihrem Philosophiestudium unglücklich und sehen in der Heimat und der Kneipe ihre Erfüllung und die Möglichkeit, frei nach Leibniz „die beste aller möglichen Welten“ einzurichten.

Eine Dorfkneipe, ausgelassene Saufgelage, Wildschweinjagd, zwei Weltkriege, eine Kolonie, die großen Philosophen und dazu noch Augustinus – kann man diese Zutaten in einem Roman überzeugend unterbringen? Schwer vorstellbar, aber Jérôme Ferrari kann das und hat dafür völlig zu Recht 2012 den Prix Goncourt erhalten. Im Vordergrund stehen die beiden jungen Studenten. Matthieu einerseits, mit bildungsbürgerlichem Hintergrund ausgestattet und als Philosophiestudent die Erwartungen erfüllend, aber unglücklich. Sein Großvater Marcel ermöglicht ihm mit einer Finanzspritze den Traum – denn dessen Traum wurde nie Realität. In einem Nebenstrang erfahren wir von Marcels Geburt zu Ende des Ersten Weltkrieges, seine anfällige Gesundheit und der anvisierten Offizierslaufbahn, die durch den Zweiten Weltkrieg und die fehlende gesundheitliche Stabilität verhindert wird. Sein Dasein in den letzten französischen Besetzungsgebieten, der frühe Verlust seiner Frau – das Schicksal lässt nichts aus. Libéro hingegen ist ein Aufsteiger, der sich jedoch nach intensiver Auseinandersetzung mit Augustinus, der als Zeitgenosse den Untergang des römischen Reiches erlebte und seine Kirche ebenso bedroht sah, die Sinnfrage seines Lebens stellt. Mit dem nötigen Geschick und der erforderlichen Weitsicht gelingt es ihnen, die Kneipe zum attraktiven Treffpunkt zu machen.

Der Roman spielt mit vielen Brüchen und eigentlich unvereinbaren Themen. Die Analyse der philosophischen Weltsicht führt zum Besitz einer Kneipe. Möglicherweise weil einerseits die Theorie bloß theoretisch bleibt, während sich in einer Kneipe das wahre Leben gnadenlos und ungeschönt zeigt: der Abstieg der Pächter, die gescheiterten Liebschaften, das pure Verlangen. Und nicht zu vergessen: wer Erfolg hat zieht unweigerlich Neider und die Mafia auf sich. Die Geschichte um Marcel, der sich auf den Krieg regelrecht freut, obwohl er erleben musste, was die Erfahrungen im 1. Weltkrieg mit seinem Vater gemacht hatten. Der auch den Kolonialherren im besetzen Land vertreten will – und letztlich nur durch den Verlust der Frau, die er noch nicht einmal besonders positiv beschreibt, sein Leben lang geprägt und verstört wird, viel mehr als durch die ausgefallenen beruflichen Chancen. Auch die anderen Figuren, Matthieus Schwester Aurélie, die ebenfalls in Nordafrika ihren Träumen hinterherrennt und die Ernsthaftigkeit in der Archäologie zeigt, die sie bei ihrem Bruder vermisst; die Eltern der beiden, die nicht zulässige Liebe pflegen; die Kellnerinnen mit großen Erwartungen und einem Schlafplatz auf einer Matratze – wer hat hier noch ideale, die sich in einem erfüllten Leben wiederspiegeln?

Die Dekadenz auf Erden – wo mehr als in einer Kneipe ließe sich dies verdeutlichen – die zum Untergang des großen Reiches führte, wird sie auch unsere Figuren ins Verderben führen? Den einen mehr, den anderen weniger. Aber wenn die Religion und die Philosophie keine Antwort bieten, dann bleibt wohl nur das Glück im Kleinen zu suchen und die Gewissheit, dass, auch wenn der eine scheitert und untergeht, die Erde sich weiterdrehen wird und es ein Morgen gibt.

Mathias Énard – Kompass

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Mathias Énard – Kompass

Franz Ritter, Musikwissenschaftler aus Wien und schwerkrank, kann nicht einschlafen. Die Nachrichten im Radio berichten über den Krieg in Syrien und er erinnert sich an seine Reisen in den Mittleren Osten, die Erlebnisse in Istanbul, Aleppo, Damaskus. Der Genuss von Opium und das herumirren in der Wüste, die Sitar Musik und vor allem Sarah. Die Orientalistin aus Paris, die er von der ersten Begegnung an faszinierend fand und liebte. Mit der er auf Reisen war und Briefwechsel unterhielt. Die mit ihm die großen Parallelen zwischen der Musik, Kunst und Literatur des Westens und jener der arabischen Welt suchte und fand. Sarah, die einen anderen heiratete und doch nur ihre orientalische Kultur und Literatur liebte. Der Morgen graut langsam. Die Geschichte muss ein Ende finden.

2015 war Mathias Énards Geschichte, im Original „Boussole“, monatelang der Roman der Stunde. Aufmerksamkeit erhielt er nicht nur durch den angesehenen Prix Goncourt für das beste erzählerische Werk der französischen Sprache, sondern auch, weil die Themenwahl den Nerv der Zeit trifft. Ein Kompass weißt die Himmelsrichtungen und bleibt dabei relativ grob: Norden, Süden, Westen, Osten. So undifferenziert blicken wir oft auf den Unterschied zwischen West und Ost, Okzident und Orient. Mit dieser Dichotomie scheint im westlichen Europa Ende des Jahres 2016 alles ausgedrückt, was es zu sagen gibt. Wir und sie – wir, die einen; sie, die anderen. Verbindendes findet sich hier kaum mehr. Der Fokus liegt auf der Differenz der Kulturen, vor allem der Differenz der Religionen, die den Diskus derzeit bestimmen und versöhnliche Worte missen lassen.

In diese Gemengelage trifft Énard mit einem gänzlich anderen Ansatz. Er sucht das Gemeinsame und findet den Einfluss des Orients auf unsere so geschätzte Kultur. Musiker wie Dichter, Forscher und Naturwissenschaftler, Historiker und Philosophen – you name it. Die großen der letzten drei Jahrhunderte, die im Westen Verehrten, von Mozart und Beethoven über Goethe und Proust, sie alle sind undenkbar ohne die Einflüsse des Mittleren Osten auf ihr Werk. Geschickt rollt Énard das Feld auf, springt zwischen allen Bereichen der Kunst und Kultur und legt in enzyklopädischer Kleinstarbeit dar, was wir oft verkennen. Was wir heute nur noch als Kriegsschauplätze wahrnehmen, war bis vor nicht allzu langer Zeit die Heimat eines reichen Kulturschatzes, der als solches angesehen und bewundert wurde. Was ist davon geblieben? Hören wir heute Aleppo, denken wir nicht mehr an den Souk, sondern nehmen die Anzahl der aktuell Getöteten wahr. Énard blendet dies aus, politische Fragen kommen nur ganz am Rande, bspw. Bei der Erwähnung der iranischen Revolution, zu tragen. Er bewegt sich auf einem anderen Feld, das er auf beeindruckende Weise zu eröffnen vermag.

Detailreich bisweilen fast dozierend und dann wieder in leichtem Ton erzählen – die Faszination des Erzählers kann auch den Leser immer wieder bezaubern – ein durch und durch bemerkenswertes Buch. Nicht immer war ich mir sicher, ob ich alle Namen und Zusammenhänge in der Schnelle erfassen und verarbeiten konnte. Doch dann kam auch wieder die andere Seite des Romans, die Geschichte von Franz und Sarah, die sich zwischen all den Größen abspielt und ihre eigene Spur hinterlässt. Nicht die allumfassende, einzigartige Liebe, sondern eher eine Leidenschaft, die sich durch gemeinsame Faszination und Herkunft speist und damit den Brückenschlag wieder in den Westen schafft.