David Grossman – Kommt ein Pferd in die Bar

Es ist sein letzter Auftritt als Komiker. In einer israelischen Kleinstadt, Netanja, steht Dovele auf der Bühne, um das Publikum zu unterhalten. Doch was als lustiger und entspannender Abend gedacht ist, wandelt sich zur Farce und alles wird dokumentiert durch Doveles Jugendfreund, den er gebeten hatte, sich die Show anzusehen und der nun zwischen Faszination und Schauern das Geschehen auf der Bühne und im Saal beobachtet, kommentiert und dokumentiert.
Das Buch ist in jeder Hinsicht eine schwere Kost. Der Erzählstil ist diskontinuierlich. Wir haben den Komiker auf der Bühne, der seine Show abzieht und letztlich seine Lebensgeschichte erzählt, immer wieder unterbrochen von typisch jüdischen Witzen. Dazu den Erzähler, der als Figur das Geschehen beobachtet, eigene Erinnerungen an die Kindheit und Jugend hat, diese parallel Revue passieren lässt und zugleich beobachtet und kommentiert. Diese unterschiedlichen Erzählebenen machen es manchmal schwer dem Roman zu folgen, weil man nie bei einer Sache bleibt. Menschlich tragisch – fern ab der intendierten Komik des Unterhalters, das ganze Leben in einen einzigen Abend gepackt und so wie es die Zuschauer nicht hat mehr ertragen, wird es manchmal auch für den Leser zu viel. Doch wir können das Buch beiseitelegen und die Lektüre wiederaufnehmen.

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Orna Donath – Regretting Motherhood

Ein Buch, das beim Erscheinen in Israel einen Aufschrei ausgelöst hat, der sich gleich über die ganze Welt zog: wie können Mütter es wagen offen zuzugeben, dass sie ihre Mutterschaft bereuen? Die Autorin ist dieser Frage wissenschaftlich – sie ist Soziologin – nachgegangen und hat in zahlreichen Gesprächen mit unterschiedlichen Frauen diesem Phänomen nachgespürt. Dabei handelt es sich keineswegs nur um Frauen, die Kinder in besonders problematischen Lebensphasen haben, sondern sehr verschiedene Frauen, manche mit einem Kind, andere mit mehreren Kinder, manche sind Säuglinge, andere haben bereits eigene Familien gegründet.

Nicht nur das mediale Interesse, sondern das Thema an sich hat mich zu diesem Buch geführt, vor allem, weil wie befürchtet die Berichterstattung deutlich verkürzt den Inhalt wiedergegeben hat. Es geht nicht um Frauen, die ihre Kinder hassen, ganz im Gegenteil, fast alle lieben sie und würden alles für sie tun, was sie bereuen ist die Mutterschaft als solchen und hier wird auch sehr scharf getrennt. Interessant vor allem die Gründe, wie es überhaupt zur Schwangerschaft kam, in einem dermaßen extrem pronatalen Land wie Israel ist der Druck immens größer als in Ländern mit tendenzieller Wahlfreiheit wie Deutschland. Es geht auch nicht um hedonistische Frauen, denen nur an Freizeitgestaltung läge, nein, ihre Argumente sind rational und sehr gut nachvollziehbar. Den Kindern geben sie nicht die Schuld daran, dass ihr Leben nicht so verlaufen ist, wie sie es sich erträumt hatten, sondern der Gesellschaft und den Umständen, die dies verhinderte. Ein sehr sachliches Buch bei einer hochemotionalen Thematik.

Thomas von Steinaecker – Geister

Das Mädchen Ulrike verschwindet auf dem Weg zur Schule spurlos. Die Eltern begegnen der Trauer mit einem zweiten Kind, Jürgen, der jedoch lange Zeit nicht ahnt, dass das Kind auf den Bildern, das nie älter zu werden scheint, seine vermisste Schwester ist. Doch sie verfolgt ihn wie ein Geist. Sein Leben wird bald bestimmt von der Abwesenheit der nie gekannten Schwester, in der Schule zunächst, dann auch als Erwachsener und selbst Vater, kann er sich nicht von diesem Wesen lösen, die immer wieder auftaucht und in sein Leben eingreift.

Die Grundidee, der abwesende Mensch, der trotz der fehlenden Präsenz omnipräsent wird und immer wieder in den Vordergrund tritt, fand ich zunächst ungemein attraktiv. In Phasen war das Buch auch wirklich interessant zu lesen, gerade der Anfang mit Jürgen als jungem Menschen, der sich selbst noch nicht gefunden hat und über die vermisste Schwester definiert wird. Von Seite zu Seite jedoch triftet der Roman immer weiter ins Absurde und kulminiert dann in den unsäglichen „Ute-Comics“ mit denen ich leider so gar nichts anfangen konnte. Was als interessantes Psychogramm startete, verflachte zur Karikatur. Entwicklung des Protagonisten? Fehlanzeige, egal ob als Kind/Jugendlicher oder als Verantwortung tragender Erwachsener, Jürgen bleibt gleich flach und facettenlos und vor allem untätig was sein eigenes Leben betrifft. Das geht besser.

Gaito Gazdanov – The Flight

A family not quite any other: Sergej and Olga have long lost the connection between each other, they live their lives together apart. Also their son Seryozha only plays a random role in their life. The fourth member of this strange family is Liza, Olga’s sister who is not much older than Seryozha and has always been his confidant. When the parents move further apart – also geographically – the son suddenly finds himself on the French Riviera alone with his aunt and falls in love with her. This love is returned, but Liza secretly has had an affair for years which could be revived due to the separation of Seryozha’s parents.

Gazdanov presents a complicated Russian family and business construct which unfolds itself slowing during the novel. Yet, hidden affairs, a lot of secrets kept from each other for a long time find their way on the surface and put the character to difficult decisions. The basic human instincts can be found in Gazdanov’s characters, their greed, envy and pride lead them into the abyss, a positive ending is not offered for them. We do not have the highly complicated novel here with masses of characters as we find in other Russian writers which makes it a lot easier to follow the plot, nevertheless there are some side plots which give insight in how the Russian community all over Europe worked and stuck together.

Rumer Haven – What the Clocks Know

After splitting up with her boyfriend, Margot decides to start over. She leaves the USA to attend university in London. Moving in with a friend seems to be a good solution. But soon she feels lost in this new and vibrating town. Instead of going to school, she remains more and more at home and gets more isolated from day to day. When she starts feeling the presence of a ghost and strange things happen to her, she slowly starts to question her own sanity – and her friends become aware of her development, too. Is she really haunted by a ghost from the past or is there a much simpler explanation to the incidences?

Rumer Haven’s novel is a wonderful combination of a sentimental love story and a classic ghost haunt. It was just perfect to indulge in the plot on a rainy Sunday afternoon. The protagonist’s gloomy mood in the beginning was easily tangible; then, turning more and more depressed and starting to feel awkward and haunted were convincingly presented and easy to follow. You can feel Margot’s uneasiness in every page and effortlessly sympathize end empathize with her. This is what I appreciated most in the novel, simply finding a way in and suffering with the young woman. All in all, there was a spooky suspense which slowly developed and a convincing solution in the end.

Michael Faber – The Book of Strange New Things

Peter Leigh has been selected, chosen to go on a trip to another galaxy and to explore the beings there. For the missionary this is not only a very interesting expedition, but also a way to earn money of which he and his wife are in desperate need. Bea remains at home and takes care of their cat Joshua while Peter is on his trip with USIC, a rather odd and ominous company. Yet, after he has settled in his new environment and got used to strange things like greenish water, Peter soon finds out that there is some exploration to be done and when he encounters for the first time the friendly native people, he is fully encompassed in this new world – while in the old world, things slowly fall apart.

“The Book of Strange New Things” is a very peculiar story which cleverly crosses genre types and again and again can surprise you. The protagonist Peter – a well chosen name for a Christian missionary with a mission – is a lovable character, albeit a bit naive. Yet, maybe this is the reason why he can easily get in touch with the indigenous population and enquire them without prejudice. Through his child-like eyes we can get to know this weird culture which Faber has fully developed (although I could have done without the part of the dying mother). Apart from this, the second interesting story line is Peter and Bea’s relationship which suffers from the separation and what Bea has to endure at home. Faber surely put a big effort in designing the strange new world, yet, what he makes of the old planet earth is also very remarkable, especially since this is not far-fetched and unrealistic but all to believable. There was just one single aspect which makes me award four and not five stars: the book, especially towards the end became a bit foreseeable and repetitive, I had some difficulties sticking with the story, a bit less would have been perfect here. 

Gard Sveen – Der letzte Pilger

Ein grausamer Leichenfund stellt die Polizei vor ein Rätsel: zwei erwachsene Frauen und ein Kind werden vergraben im Wald gefunden, offenbar lagen sie dort schon seit Kriegszeiten. Ein zweiter Mord, die grausame Hinrichtung des ehemaligen Ministers und Widerstandskämpfers Carl Oscar Krogh, scheint damit zunächst nichts zu tun zu haben. Doch bei den Ermittlungen zeigt sich schnell, dass es eine Verbindung geben könnte und der ehemalige hochrangige Politiker offenbar einiges zu verstecken und schützen hatte. Welche Rolle spielte Agnes Gerner, eine Doppelagentin, die für die Briten die in Norwegen befindlichen Nazis ausspioniert hat? Ist sie eine der Leichen, weil sie für ihre Tätigkeit bezahlen musste?

Es dauert ein wenig, bis man sich in der Komplexität des Romans zurecht findet. Erzählt auf zwei Ebenen – in der Gegenwart und zu Kriegszeiten – lassen die Figuren erst langsam ein klares Bild dessen entstehen, was sich unter der deutschen  Besetzung in Skandinavien abgespielt hat. Spannender fand ich die historischen Episoden um die Doppelagentin, die letztlich von beiden Seiten missbraucht wird und sich schon bald ungeheuren Zwängen ausgesetzt sieht. Tommy Bergmann, der Ermittler in der Gegenwart, kann mich hingegen wenig packen, sein Charakter bleibt für mich zum einen etwas schematisch und zum anderen hat man inzwischen genügend eigenbrötlerische Kriminalisten erlebt, die drogenabhängig und gewalttätig sind als dass einem noch überraschen könnte. Der Plot an sich ist jedoch spannend und glaubwürdig, verschiedene falsche Fährten, komplexe Handlung und authentisch wirkende historische Begebenheiten können überzeugen.

Robert Seethaler – Ein ganzes Leben

Das Leben hat es nicht leicht gemeint mit Andreas Egger. Als junger Bub verweist in die Fremde zu einem Onkel geschickt und dort nur aufgenommen, weil er einen Beutel mit Münzen um den Hals trug. Die Kindheit und Jugend gezeichnet von Schlägen und harter Arbeit auf dem Hof. Als junger Mann kann er sich freischwimmen, da er anpackt, gelingt es ihm bald eine gute Anstellung beim Bau der neuen Seilbahnen zu finden und in Marie findet er auch seine große Liebe. Doch die ist nur von kurzer Dauer, der Tod Maries und der Ausbruch des Krieges und der Einsatz in Russland zeichnen ihn für immer. Gealtert kehrt er heim und doch muss das Leben weitergehen.

Ein ganzes Leben erzählt Seethaler, das zu Beginn des 20. Jahrhunderts für seinen Protagonisten ebenso wenige Freudenstunden hatte wie für das ganze Land. der mit technischen Errungenschaften umzugehen lernen muss und die Abgeschiedenheit des Bergdorfes gegen einen Anschluss und Kontakt mit der großen weiten Welt tauschen muss. Der Handlungsaufbau ist stringent und das Leben des Andreas Egger glaubwürdig konstruiert. Dennoch blieb er mir fremd, einfach weil der Charakter doch arg weit weg ist und es sich nicht um einen Menschen handelt, dem ich gerne begegnen möchte.

Lynn Steger Strong – Hold Still

What happened to Ellie? Her mother Maya and her father had done nothing wrong, but nevertheless they find their teenage girl taking drugs and offering herself randomly to the boys around her. At a certain point, the parents’ helplessness leads them to take drastic measures: they send their daughter away to live with a good friend. However, what was intended as a means to give them all room to breathe again and to start anew, ends in even worse chaos.

Narrating the story from two points of view at different times is certainly a good way to increase the anticipation of what might come and to keep the audience reading on to find out what happened to the girl. Yet, I would have liked some more creativity. It is all too obvious what Ellie does and which big event changes everything. Too many apparent hints take away a lot of suspense and when I finally reached the relevant pages, I was rather disappointed since I had hoped to be surprised and not just to see my expectations fulfilled. What I liked, however, was the way the mother’s and daughter’s development was paralleled. Telling both their stories and struggles and having them run into the abyss and repeating each other’s mistakes had some interest. All in all, the idea was quite good but I had expected more from the description.

Adriana Altaras – Doitscha: Eine jüdische Mutter packt aus

Das Familienleben ist nie ganz einfach, schon gar nicht, wenn die Mütter Jüdin und der Vater Deutscher ist und die Kinder zwischen den Kulturen gefangen sind. Adriana Altaras verleiht ihrer Familie Stimmen, um so zu zeigen, wie in dieser Konstellation – immer auch umgeben vom Tätervolk, dessen Unsicherheit im Umgang mit Juden und vor allem solchen, die kein zurückgezogenes, sondern ein offensives Leben führen, in jedem zusammentreffen offenkundig wird. Doch was tun, wenn der eigene Sohn beschließt die Reise ins Gelobte Land anzutreten, wo er doch in Deutschland in aller Sicherheit leben könnte? Hinterher reisen natürlich.

Der Schreibstil ist gewöhnungsbedürftig. Sicherlich gibt es viele Anekdoten, die lustig und unterhaltsam sind, insgesamt wirkt das Buch aber auf mich arg gewollt und konstruiert und kann so nicht die Dimensionen einer Familie erfassen, die in diesem Zwiespalt lebt und die daraus resultierenden Konflikte bearbeitet. Vieles bleibt auch zu plakativ oberflächlich – der jüngste Sohn will nur „Germany’s next Topmodel“ schauen? Auch die Reise nach Israel, die letztlich nur einen kurzen Teil des Buches ausmacht, kann hier die jüdische Kultur und Tradition nicht wirklich darstellen, so dass insgesamt der Roman für mich zu wenig relevant und gehaltvoll und weit hinter den Erwartungen blieb.