Marc Elsberg – Der Fall des Präsidenten

Marc Elsberg – Der Fall des Präsidenten

Kaum ist er aus dem Flieger gestiegen, wird der ehemalige US Präsident Douglas Turner in Athen verhaftet. Der Internationale Gerichtshof hat Anklage erhoben und einen Haftbefehl ausgestellt, der durch die lokalen Behörden ausgeführt werden muss. Dana Marin ist als Vertreterin des ICC vor Ort, um den Vorgang zu überwachen, gerät aber auf das Bildmaterial, das heimlich angefertigt wird und sich sogleich online verbreitet. Damit beginnt dann auch das Kräftemessen: auf der einen Seite der ICC, der die Gerechtigkeit auf seiner Seite hat, jedoch über wenig Macht verfügt, lediglich auf die öffentliche Meinung hoffen kann. Gegenüber steht die mächtigste Nation der Welt, die sogleich die ganze Maschinerie anwirft, nicht nur um das ehemalige Oberhaupt schnell aus griechischer Haft zu befreien, sondern auch um im aktuellen Wahlkampf nicht das Gesicht zu verlieren. Gerade das Land, das für Freiheit und den Kampf gegen den Terrorismus steht, soll nun dafür angeklagt werden?

Marc Elsberg hat sich in den vergangenen Jahren einen Namen mit spannenden Thrillern gemacht, die insbesondere dadurch herausstechen, dass er aktuelle Themen für seine Szenarien wählt. Sei es die prekäre Stromversorgung im Notfall in „Blackout“ oder auch Gentechnik in „Helix“ – immer treibt er das Gedankenspiel bis an die aushaltbare Grenze. In „Der Fall des Präsidenten“ wirft er nun die ethisch-moralische Frage auf, wie viel den Ländern Recht und Gerechtigkeit wert sind und wie in Zeiten von Deep Fakes und Fake News die öffentliche Meinung beeinflusst und Wahrheit immer perfekter gefälscht werden kann.

Die eigentliche Handlung an der Oberfläche umfasst nur wenige Tage, in denen wiederholt das Gericht tagt, das über die Rechtmäßigkeit des ICC Haftbefehls und der damit verbundenen Auslieferung an Den Haag entscheiden soll. Spannend wird die Angelegenheit durch die Nebenschauplätze, an denen ganz verschiedene Aspekte eskalieren. Die Amerikaner nutzen ihre Vormachtstellung und drohen sogleich mit wirtschaftlichen Sanktionen, erlassen Einreisebeschränkungen und positionieren sich im Streit zwischen Griechen und Türken, um so den Druck auf das Land zu erhöhen. Von der Unabhängigkeit eines Gerichts kann kaum mehr die Rede sein, wenn eine ganze Nation in Sippenhaft genommen wird.

In der Sachfrage steht natürlich die komplexe Problematik im Fokus inwieweit ein Präsident für die Taten der Armee und einzelner Soldaten in Kriegen verantwortlich ist. An Kollateralschäden bei der Zivilbevölkerung hat man sich leider gewöhnt, der vorgebliche Zweck scheint sehr viele Mittel zu rechtfertigen, insbesondere seit 9/11. Einzig der Internationale Gerichtshof könnte hier Anklage wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit erheben, aber er wirkt wie ein zahnloser Tiger und zahlreiche Ausnahmen und die Nicht-Anerkennung durch Länder wie die USA lassen vernünftige Arbeit kaum zu.

Die noch junge und wenig erfahrene Vertreterin des ICC erfährt die volle Härte der eigentlich juristischen Auseinandersetzung auf ganz anderer Ebene: sofort tauchen Bilder von ihr online auf, die in tendenziöse Zusammenhänge gepackt werden, andere werden direkt skrupellos gefälscht, um so die Öffentlichkeit zu täuschen und Meinungsmache zu betreiben. Verschwörungstheoretiker und verquere Denker lassen sich zudem ungehemmt mit ihren Theorien aus.

Ins Rollen bringt alles ein Whistleblower, der seiner Intuition folgte und sich nun größter Gefahr ausgesetzt sieht. Man weiß, wie insbesondere die USA mit in ihren Augen Vaterlandsverrätern umgeht. Schützen kann ihn kaum wer in dieser Situation, denn bei dem mächtigen Gegner ist sich jeder selbst am nächsten.

Auch wenn das Ende vielleicht durch die plötzliche Action etwas zu dick aufgetragen ist, ein spannender Thriller, dem es gelingt, die Komplexität des Konflikts und der Wirklichkeit unterhaltsam abzubilden.

Ein herzlicher Dank für das Rezensionsexemplar geht an den Blanvalet Verlag sowie das Bloggerportal. Mehr Informationen zu Autor und Titel finden sich auf der Verlagsseite.

Mary Adkins – Privilege

Mary Adkins – Privilege

Carter University – Harvard des Südens. Dort treffen ganz unterschiedliche Menschen aufeinander. Annie Stoddard will dort endlich eine normale Studentin sein, nach einem Unfall waren ihre Beine durch Narben entstellt, was inzwischen durch eine OP optisch korrigiert werden konnte. Bea Powers will sich von den Fußspuren ihrer über-erfolgreichen Mutter lösen und hat daher Strafrecht als Fach gewählt, sie will die Welt besser machen und jene verteidigen, denen niemand beisteht. Stayja York würde auch gerne studieren, aber sie uns ihre kranke Mutter kommen kaum über die Runden, weshalb sie als Barista jobbt und nur einzelne Kurse belegen kann. Als Annie nach einer Verbindungsparty den angesehenen Studentensprecher Tyler der Vergewaltigung beschuldigt, kreuzen sich die Wege der jungen Frauen unerwartet. Und alle drei müssen lernen, dass nicht Gerechtigkeit und Wahrheit entscheiden, sondern die Summen, die Eltern bereit sind, für ihre Kinder in die Hand zu nehmen. Mit dem falschen Background kann man so schnell doppelt zum Opfer werden.

Mary Adkins hat einerseits eine recht typische Campus-Novel geschrieben, in der das Leben an der Universität im Fokus steht: die Orientierung in der neuen Welt, große und kleine Sorgen des Studentenalltags und letztlich auch das Erwachsenwerden durch die ersten Schritte ohne die Eltern. Viel mehr noch rückt jedoch bald die US-amerikanische Gesellschaft mit ganz aktuellen Problemen in den Fokus.

Stayja ist leistungswillig und intelligent, aber die fehlenden finanziellen Mittel verhindern, dass sie studieren und damit ihrem sozialen Milieu entfliehen kann. Immer wieder neue Steine werden ihr in den Weg gelegt, die sie an den Rand der Verzweiflung bringen. Ihre Jobsituation ist prekär und schnell droht der Rausschmiss bei kleinsten Fehlern. Die Studierenden, die sie bedient, sehen sie gar nicht oder sehen auf sie herab.

Bea ist behütet in teuren Privatschulen an der Ostküste aufgewachsen, muss aber in Carter erkennen, dass sie mit ihrer dunklen Hautfarbe schnell kriminalisiert wird. Zunehmend realisiert sie, wie sehr Vorurteile das Strafmaß entscheidend bestimmen und wie so junge Leben zerstört werden, während andere Verbrecher ungestraft davonkommen. Auch in ihrem Studienprogramm wird ihr schmerzlich bewusst, wie die Gunst des angesehenen Professors verteilt wird: nicht der scharfe Verstand, sondern das Aussehen und die Bereitschaft ihn auf Reisen (und mehr) zu begleiten, sind entscheidend.

Annie ist durch ihre Narben immer schon zum Opfer stilisiert worden und ihr Aussehen gerät direkt in den Mittelpunkt in der sehr auf die Optik ausgerichteten Gesellschaft. Es ist zwar nicht so, dass man ihr ihre Vergewaltigungsvorwürfe nicht glauben würde, aber sie richtet sie schlichtweg gegen den falschen. Tyler stammt aus einer Familie mit Macht, die ungewünschte Stimmen zum Verstummen bringen kann und so erlebt sie statt Unterstützung weitere Repressalien, was unweigerlich dazu führt, dass sie immer mehr in einer Depression versinkt.

Überzeugend ausgearbeitete Figuren, deren jeweilige Geschichten clever miteinander verbunden werden. Viele aktuelle gesellschaftliche Fragen werden aufgeworfen, die einem als Leser zum Nachdenken bringen und einem auch vor das Rätsel stellt, ob Ähnliches sich hierzulande in ähnlicher Weise zutragen könnte.

Yaa Gyasi – Transcendent Kingdom

Gifty has always been second, her brother Nana was the beloved child of the parents, as a sports prodigy all eyes of their Alabama hometown have been on him until an injury and later a drug addiction took his life. Gifty’s mother has never recovered from the loss, her father had left the family even before to turn back to his home country Ghana. Even as an adult and highly successful scientist, Gifty longs for the mother’s recognition which she never gets. Also religion, with which she grew up does not really offer any condolence. How should she ever be able to love when she herself has never experienced being loved?

Yaa Gyasi‘s “Homegoing“ was already a novel I thoroughly enjoyed, “Transcendent Kingdom“, however, is much stronger in the way the protagonist is portrayed and in conveying this fragmented family‘s critical emotional state. The mother struggling to make a life in a foreign country and thus enduring open racism from the people she works for; Gifty being raised to be silent with a strange idea of how to be a good girl and to follow ideals marked by a religious understanding which limits her in every respect.

“Nana was the first miracle, the true miracle, and the glory of his birth cast a long shadow. I was born into the darkness that shadow left behind. I understood that, even as a child.”

Gifty loves her brother, admires him and even though, as a child, she cannot understand what happens to him after his injury, he is the one who drives her to work her way up in the scientific community, to go into one of the hardest disciplines in order to understand the human brain and to contribute to scientific finding and development.

“Like my mother, I had a locked box where I kept all my tears. My mother had only opened hers the day that Nana died and she had locked it again soon.”

Gifty’s mother suffers from depression which makes her unable to care or love her daughter. She does not see what the girl achieves, how hard she works and how much she suffers from the lack of emotional care. It is a pity to see how she neglects the girl who retreats into her own world and which makes her unable of bonding with others, no matter if on a friendships or a romantic basis.

A wonderfully written novel, highly emotional and going to the heart.

Michael Farris Smith – NICK

Michael Farris Smith – NICK

World War I is raging and Nick Caraway among the young soldiers who fight in France. His life threatened when he lies in the trench, he is looking for distraction in Paris on those few days he is off duty. He falls for a woman but times like these are not made for love. When he returns to the US in 1919, he suffers from what we today call post-traumatic stress syndrome. He does not know where to go or what to do with his life and thus ends up in New Orleans. The lively city promises forgetting but there, too, he is haunted in his dreams.

I was so looking forward to reading Michael Farris Smith’s novel about Nick Caraway since I have read “The Great Gatsby” several times, watched the film adaptations even more often and totally adore Fitzgerald’s characters. Knowing that the plot was set in the time before Nick meets Jay Gatsby, it was clear that this novel would not be a kind of spin-off, but I wasn’t expecting something with absolutely no connection to the classic novel at all. Apart from the protagonist’s name and the very last page, I couldn’t see any link and admittedly I was quite disappointed since I had expected a totally different story.

First of all, having read Fitzgerald so many times, I have developed some idea of the character Nick. He has always been that gentle and shy young man who is attentive and a good listener and friend. He never appeared to be the party animal who headlessly consumes alcohol and goes to brothels. Therefore, the encounters with women in “NICK“ do not fit to my idea of the character at all. He also never made the impression of being totally traumatized by his war experiences which, on the contrary, is the leading motive in this novel.

Roaring Twenties, lively New York party life, people enjoying themselves – this is the atmosphere I adored in The Great Gatsby, none of this can be found in “NICK”. It starts with exhausting war descriptions, something I avoid reading normally and I wasn’t prepared for at all. Pages after page we read about soldiers fighting, this might be attractive for some readers, unfortunately, this is no topic for me. After depressing war scenes, we have gloomy and depressed Nick not knowing how to cope with the experiences he made in France. No glitter here, but a lot of fire and ashes.

Reading “NICK” without having “The Great Gatsby” in mind might lead to a totally different reading experience. For me, sadly, a disappointment in many respects for which also some beautifully put sentences and an interesting character development could not make amends.

Benedict Wells – Hard Land

Benedict Wells – Hard Land

Es ist der Sommer seines Lebens. Der Sommer 1985, in dem er 16 wird, endlich Freunde findet und in dem seine Mutter stirbt. Sam gilt als schräger Außenseiter, der schon immer zur Psychologin musste. Als seine Eltern ihn über Sommer zu den Cousins schicken wollen, protestiert er und sucht sich kurzerhand einen Ferienjob, um zu Hause bleiben zu können. Im Kino trifft er auf ein seltsames Trio: Kirstie, die Tochter des Besitzers, für die es keine Grenzen zu geben scheint und in die er sich direkt verliebt; Film-Nerd Cameron und der lokale Sport-Star Brandon „Hightower“, der durch sein Aussehen beeindruckt, ansonsten aber eher ruhig und zurückhaltend ist. Alle drei haben gerade die Schule beendet und planen im Herbst Grady zu verlassen. Die Kleinstadt in Missouri hat nichts zu bieten außer einem berühmten Autor, dessen Buch „Hard Land“ regelmäßig alle Schüler lesen müssen und doch nie verstehen. Es sind nur 11 Wochen, doch es sind die entscheidenden für Sam, denn am Ende ist er nicht mehr der schüchterne Junge, der er am Anfang war.

Benedict Wells hat sich spätestens mit dem vielfach ausgezeichneten „Vom Ende der Einsamkeit“ in die vorderste Reihe der deutschsprachigen Autoren geschrieben, auch sein 6. Roman „Hard Land“ erzählt wieder eine Geschichte vom Erwachsenwerden und vom Verlust eines geliebten Menschen. Emotional zwischen unbeschwerten Höhenflügen der Jugend und tiefster Verzweiflung ob des Verlusts der Mutter angesiedelt, ist das Lesen einmal mehr eine Achterbahn der Gefühle, die man jedoch nicht nur gerne fährt, sondern am Ende mit schlackernden Beinen aber euphorisiert verlässt.

„da vergaß ich die Zeit und ließ mich mitreißen, und ich fühlte mich so, wie ich mich schon mein ganzes Leben lang fühlen wollte: übermütig und wach und mittendrin und unsterblich.“

Es ist genau dieses Gefühl, dessen Beschreibung Wells seinem Protagonisten in den Mund lebt, das den Roman zunächst dominiert. Sam lebt durch seine Kino-Kollegen auf, traut sich plötzlich Dinge, die er sich nie hätte ausmalen können, merkt, dass auch andere Unzulänglichkeiten und manchmal Angst haben und dennoch auch unbeschwert und ausgelassen sein können. Vor allem Kirstie weckt ihn regelrecht auf und nimmt sich des Jungen an. Atmosphärisch tief in den 80ern verankert – mit Mixtapes mit INXS und ELO, in langwierigem Warten vorm Radio aufgenommen, bis der Moderator endlich mal nicht reinquatscht – erlebt Sam genau jenen Sommer mit seinen Freunden, den man einem Jugendlichen wünscht. Immer wieder schauen sie „Zurück in die Zukunft“ und glauben mit Marty McFly, dass alles möglich ist.

„(…) als wir dachten, wir bewegen vielleicht wirklich was …  diese fast lächerliche Unbeschwertheit. Es war nie wieder so toll, nicht mal, als es danach richtig toll war.“

Sams Schwester erkennt rückblickend, dass das verhasste Kleinstadtleben doch nicht so schlecht war, auch wenn sie inzwischen in Hollywood erfolgreich ist. Das langsam aussterbende Grady, das in dem fiktiven Roman „Hard Land“ auch die zentrale Rolle spielt. Wells nutzt hier das Spiel mit dem Roman im Roman, immer wieder liest Sam in dieser verschlüsselten Geschichte über das Erwachsenwerden, deren Sinn er jedoch nicht erfassen kann, obwohl er genau das gerade erlebt, was dort beschrieben wird.

Die Stimmung schlägt mit dem Tod der Mutter notwendigerweise um und genauso wie der Protagonist durchlebt man auch als Leser den Verlust und das Gefühl von der Trauer übermannt zu werden. Für Sam endet die Unbeschwertheit abrupt und zu früh, aber auch das gehört zum Erwachsenwerden.

Wie erwartet einmal mehr große Gefühle bei Benedict Wells, die einem mitreißen und nochmals in jede Zeit versetzen.

Lauren Oyler – Fake Accounts

Lauren Oyler – Fake Accounts

When the unnamed narrator seizes the chance to snoop through her boyfriend’s phone – which he normally does not let out of his sight – she discovers that he has a large Instagram account on which he spreads conspiracy theories. She is confused but admittedly, she was already thinking about splitting up and now she’s got a good reason. However, her plan – telling him after returning from the women’s march against Trump – fails totally because when she’s still in Washington, his mother informs her of his fatal bike accident. Even though she already was detached emotionally, this hits her hard and literally throws her out of her life. She quits her job and travels to Berlin, the city where they first met and where she hopes to find out what she expects from life and what she actually wants to do professionally.

Lauren Oyler’s novel is a portrait of a somehow lost generation who lives a double life: one in the real world, where many of them are lost and orbiting around aimlessly, and one in the online world, where they can create an idea of themselves, a person they would like to be and play a role according to their likes. Yet, the more followers they generate, the more narcissistic they become and inevitably, the fake life in the world-wide web has an impact on reality, too. Slowly, they also start to create fake personalities there and increasingly lack the necessary authenticity and sincerity it needs to have serious relationship with others.

The narrator lives such a life in both spheres at the same time, her job involves roaming the net for good stories she can re-use and pimp for the magazine she works at. After leaving her old life behind and moving to Europe, she does not even start to create a new life in Berlin, neither does she try to learn German nor does she really make acquaintances. She dates people she gets to know online simply to tell each one a different story about who she is – she successfully transfers the possibility of a fake online account into real life. However, this does not make her any happier.

In a certain way, this is funny and ironic since it is so much over the top that it cannot be real. But is it really? Are people still able to make a distinction between the two? And which consequences does this have for us? We are all aware of how photos can be photoshopped, how information online can be embellished or simply wrong and we pay attention when we are approached by someone online whom we don’t know. In real life however, don’t we expect that people tell us the truth at least to a certain extent? And especially in a relationship, aren’t sincerity and truthfulness necessary foundations to build trust in each other?

An interesting study in how far our online behaviour may fire back – not something we can really wish for. Even though the tone is light and often funny, is leaves you somehow with a bad aftertaste.

Courtney Summers – The Project

Courtney Summer – The Project

Lo Denham has lost her parents in a car accident in which she herself was also seriously injured and which marked her with a scar for life. Her sister Bea, six years her senior, is the last bit of family she has, but she has not been able to contact her for months. It must be The Unity Project’s fault, the sect Bea joined when she couldn’t make sense of the loss she experienced anymore. When a man claims that The Unity Project killed his son, Lo decides to take a closer look and to get nearer to the charismatic leader Lev Warren with the aim to expose the group’s doings in the magazine she works for. However, Lo is not prepared for the experiences she makes there.

Courtney Summers narrates the story from different points of view at different points in time, thus we get both sisters’ perspective on the highly emotional events in their lives. This also creates a lot of suspense since from the beginning, there are gaps which need to be filled to make sense. It also underlines the different characters of Lo and Bea which, nevertheless, does not hinder them from being fascinated by the same man.

The crucial point is most definitely the psychological impact a major tragic event such as the loss of the parents can have on young persons. Coming to grips with such a stroke of fate which does not make sense and is hard to understand is not only very hard but also makes people fragile and prone to others who are eager to exploit their situation. The leader of the group is surely an interesting character, it is easy to see how he manages to win people for his project and how he can make them follow him blindly. In this way, the novel also cleverly portrays the mechanism which work behind sects and which make it difficult to immediately see through them and more importantly to leave them.

I thoroughly enjoyed the novel due to the multifaceted characters and the message beyond the suspenseful and entertaining plot.

Tracy Dobmeier/Wendy Katzman – Girls with Bright Futures

Tracy Dobmeier/Wendy Katzman – Girls with Bright Futures

Elliott Bay Academy surely is the best school you can find in Seattle. Thus, the kids of the superrich can be found there, making friends who can be useful later in life. Yet, when college admission process starts, things become a bit tense since now, they are competing for places at the best universities. Alicia Stone is quite relaxed even though her daughter isn’t he brightest, but her money can make up for this. A huge donation to Stanford, a professor to write the essays – this should be enough to secure the place. Kelly, who herself attended Stanford, also wants to get her daughter in. Krissie’s results are brilliant but due to the limited financial means, Kelly must use information and especially gossip to bring her girl into a good starting position. The fight will be hard, especially when the prestigious university announces to only accept one pupil from EBA. Alicia and Kelly can do the maths: it will be difficult to pass Winnie, outstanding and excelling student of a single parent mother with no means or connections. Mothers can become tigers when they fight for their kids, but Winnie’s mum Maren never would have believed that they would be ready to kill her girl to get what they want.

If it wasn’t for the 2019 college admissions bribery scandal, I would classify Tracy Dobmeier and Wendy Katzman’s novel highly entertaining but far from reality. However, the fraud revealed showed that this isn’t a topic parents take easy but are willing to risk everything just to get a place at the supposedly best school. Living in a country where university admission works in a totally different way and where the idea of top universities you have to have graduated from to have the chance of a career is more or less non-existent, it is fascinating and repellent at the same time to look in the characters’ heads and to follow their trains of thought.

The whole story is centred around the three mother-daughter-teams, yet, that’s all they share. Alicia is in a top position of a tech company and her outstanding career makes her a well-known and admired person everywhere. Her tough workday has some secondary effects, though, she somehow has lost connection with her daughter and doesn’t care about her feelings or wishes but expects her to comply with her commands just as her employees and her husband. Kelly and Krissie’s relationship isn’t healthy either, the girl can hardly support the pressure that her parents put on her. Winnie and Maren are in a totally different situation. Winnie is gifted and has set her mind on going to Stanford, she’s got no help at all, but worked hard for her dream and is convinced that she deserves it. Maren loves her daughter but she also knows that the price will be high if Winnie is accepted: working for Alicia she will surely lose her job and not easily find anything else. She knows her boss well and she has no doubts about what Alicia is capable of when she is angered by someone. Nevertheless, Maren cannot believe that Alicia might be behind the hit-and-run that nearly kills Winnie.

It is these mixed feelings between fascination and utter disgust that keep you reading. More than once I thought this is totally unbelievable but then, well, the mothers are competing about the top position in the game of “who is willing to go to the maximum and throw all scruples and morals overboard”. Simultaneously, seeing who many characters suffer, what this behaviour does to the families and, first and foremost, the daughters, is totally sad.

Hilariously narrated with wonderfully crafted characters and also interesting side plots, an outstanding novel which, if it weren’t for its lengths, I would have read in one sitting.

Agnès Desarthe – Die Chance ihres Lebens

Agnès Desarthe – Die Chance ihres Lebens

Eine Chance, die sie nicht ausschlagen können. Hector erhält das Angebot einer Gastprofessur an einer amerikanischen Universität. In Paris fühlen sie sich nach den Anschlägen auf Charlie Hebdo ohnehin nicht mehr wohl und so brechen sie gemeinsam in die neue Welt auf. Hector lebt sich sofort an seinem neuen Arbeitsplatz ein, der sonst eher zurückhaltende und unscheinbare Philosoph wird plötzlich bewundert, die Frauen scharen sich nur so um den 60-Jährigen. Seine Frau Sylvie hingegen hat größere Schwierigkeiten in der neuen Umgebung anzukommen, ihr bisherigen Dasein wird durcheinandergeworfen und darin verliert sie sich selbst. Ihr Sohn Lester, der im Flugzeug einer Eingebung folgend beschlossen hat, sich zukünftig nur noch „Absalom Absalom“ nennen zu lassen, lebt sich auf ganz eigene Weise in seiner High-School ein.

„Das Leben von ihnen dreien würde so radikal auf den Kopf gestellt, dass das Motto von Edwina, ihrer Schwiegermutter, hier doch einmal passte: „Sich immer wundern, aber nie die Fassung verlieren.““

Agnès Desarthe folgt in ihrem Roman dem klassischen dramatischen Aufbau. Der verheißungsvolle Aufbruch, erste Störungen des Gleichgewichts, der dramatische Höhepunkt und das etwas übereilte Ende, das einen Punkt hinter das Abenteuer Amerika setzt. Dazwischen explorieren die Figuren wo sie angekommen sind in ihrem Leben, vor allem Sylvie analysiert und hinterfragt, wo nach fast vier Jahrzehnten ihre Ehe steht, die sich in Paris noch in einer perfekt austarierten Balance befand, die durch Hectors unerwartete neue Popularität ins Wanken gerät.

„Sylvie weiß es nicht. Ich liebe dich, sagt sie in Gedanken, an Hector gerichtet. Dann sagt sie: Ich liebe dich nicht. Ihr scheint, dass keiner der beiden Sätze richtig ist.“

Die Ehe von Sylvie und Hector folgt ganz eigenen Gesetzen. Er der denkende Intellektuelle, der seine Frau benötigt, um ihm die Bestätigung zu geben, die ihm sonst verwehrt wird. Zwar hat er eine hohe Position erreicht, aber in Paris scheint er eher unscheinbar. Die eigensinnige Definition Sylvies von Freiheit – kein Beruf engt sie ein, keine Tätigkeit schreibt ihr einen Tagesablauf oder Gemütszustand vor – hat ihn von je her fasziniert und lässt Sylvie trotz der körperlichen Veränderungen, die mit dem Alter unweigerlich einhergehen, immer noch eine begehrenswerte Frau für ihn sein. Nichtsdestotrotz verfällt er der Bewunderung der Amerikanerinnen, stellt jedoch seine Ehe zu keinem Zeitpunkt in Frage.

„Sind Sie auch Professorin?“ „Nein“, antwortete Sylvie leise. „Ich bin nichts.“

Auch Sylvie empfindet ihre Verbindung ähnlich, sie weiß bald von den Affären, beobachtet diese sogar, doch mehr noch als an der Ehe zu zweifeln, hinterfragt sie ihr Selbstbild und die Art, wie sie ihr Leben eingerichtet hat. Sie ist nicht Hausfrau und Mutter, verweigert sich diesen Definitionen ganz aktiv, doch in der Ferne, herausgerissen aus dem bekannten Umfeld, stellt sie ihr Lebensmodell infrage und fühlt sich genötigt, neue Wege zu gehen.

Lester erfindet sich selbst völlig neu. In einem religiösen Wahn glaubt er, erleuchtet zu sein und schart seine Mitschüler wie ein Sektenführer um sich. Hörig folge sie ihm und lassen sich von seinem Geist beseelen.

Drei Figuren, die gemeinsam ausbrechen und sich selbst ganz neu erleben oder definieren. Eine Chance fürwahr, doch ob dieser Neuanfang auch Glück bringt? Ein ruhiger Roman, der sehr eng bei den Gedanken der Familienmitglieder ist und ihre Zweifel und Emotionen offenlegt. Außergewöhnliche Charaktere, von denen ebenso eigenwillig erzählt wird.

Jonathan Coe – Mr Wilder and Me

Jonathan Coe – Mr Wilder and Me

With her twin daughters about to leave the family nest, Calista has to reassess her life. Before focussing on raising the girls, she had a career in the film business as a composer which started by sheer coincidence. She still can well remember the events of 1977 when she met director Billy Wilder in LA and was later invited to work as a translator during his shooting of Fedora on the Greek island of Corfu. The weeks there changed her life forever, not only can she see behind the facade of the glamourous film business, but this is also herself turning from innocent girl to adult woman.

When I first happened to read one of Jonathan Coe’s novels, I was totally flashed by his narration and wondered how this author could have gone unnoticed for such a long time. It is no surprise then that also his latest novel “Mr Wilder and Me” was a thoroughly enjoyable read for me which I relished from the first to the last line.

“This was how Mr Wilder liked to work. He liked a busy, gregarious set with lots of people watching from the sidelines: reporters, photographers, hangers-on, passers-by. It was one of the sources of his energy.“

Even though the story tells Calista’s coming-of-age story, it is much more an homage paid to one of the greatest directors of all times. Calista is a wonderful choice to observe the already elderly film maker, with her fresh and naive eye, she can watch him closely without being distracted by the name he has acquired. She is timid and shy, but also sensitive which allows her to see through his public image and understand why Fedora is especially important to him.

“We had both come to the same realization: the realization that what we had to give, nobody really wanted any more.”

His time is already over, a new generation of directors is about to take over and financing the film has been all but easy, yet, he has one last mission to accomplish which lies much more in his family history than in his artistic creativity. The film has been called old-fashioned and from the distance of four decades, one can surely say that it marks the end of an era.

Apart from the plot, it is first of all the atmosphere which is striking. No matter where and at what time of her life, Calista’s mood and often contradictory thoughts and emotions a strongly present and lead the narration. It is not the big drama or event which mark the action, but rather the slow change within the protagonist and her constant careful reassessment of herself. It is a book to read slowly and to simply enjoy.