Jonathan Coe – Mr Wilder and Me

Jonathan Coe – Mr Wilder and Me

With her twin daughters about to leave the family nest, Calista has to reassess her life. Before focussing on raising the girls, she had a career in the film business as a composer which started by sheer coincidence. She still can well remember the events of 1977 when she met director Billy Wilder in LA and was later invited to work as a translator during his shooting of Fedora on the Greek island of Corfu. The weeks there changed her life forever, not only can she see behind the facade of the glamourous film business, but this is also herself turning from innocent girl to adult woman.

When I first happened to read one of Jonathan Coe’s novels, I was totally flashed by his narration and wondered how this author could have gone unnoticed for such a long time. It is no surprise then that also his latest novel “Mr Wilder and Me” was a thoroughly enjoyable read for me which I relished from the first to the last line.

“This was how Mr Wilder liked to work. He liked a busy, gregarious set with lots of people watching from the sidelines: reporters, photographers, hangers-on, passers-by. It was one of the sources of his energy.“

Even though the story tells Calista’s coming-of-age story, it is much more an homage paid to one of the greatest directors of all times. Calista is a wonderful choice to observe the already elderly film maker, with her fresh and naive eye, she can watch him closely without being distracted by the name he has acquired. She is timid and shy, but also sensitive which allows her to see through his public image and understand why Fedora is especially important to him.

“We had both come to the same realization: the realization that what we had to give, nobody really wanted any more.”

His time is already over, a new generation of directors is about to take over and financing the film has been all but easy, yet, he has one last mission to accomplish which lies much more in his family history than in his artistic creativity. The film has been called old-fashioned and from the distance of four decades, one can surely say that it marks the end of an era.

Apart from the plot, it is first of all the atmosphere which is striking. No matter where and at what time of her life, Calista’s mood and often contradictory thoughts and emotions a strongly present and lead the narration. It is not the big drama or event which mark the action, but rather the slow change within the protagonist and her constant careful reassessment of herself. It is a book to read slowly and to simply enjoy.

Bill Clegg – The End of the Day

Bill Clegg – The End of the Day

Dana Goss, a wealthy heiress only a couple of years shy of 70, decides to visit Jackie, once her best friend with whom she shared everything, but whom she has not seen for almost five decades. Jackie sees Dana approach but hides and does not open the door. It triggers memories of a time long long ago. At the same time, a young man meets his father to tell him about his new-born granddaughter, soon after, the father dies from an aneurysm, not only leaving his son behind but also many questions. His mother Alice might answer them but this would mean revealing a secret she has kept to herself for so many years that she cannot reveal it now. Taxi driver Lupita Lopez in Kauai is also unexpectedly confronted with the almost forgotten past when she receives a phone call. All these lives are connected by events that each of them has ignored successfully.

Bill Clegg’s story is set in the fictional town of Wells in Connecticut where the old farm house is the starting point of some live changing events. The different characters narrate their stories thus filling gaps the other leave and adding another perspective to what has been told before. They all try to hide things they do not want to think about, but those secrets push to the surface to be ultimately revealed.

At first, the different accounts seem only loosely connected, it takes some time to understand how they are linked and why after all those years, the memory of that time is still that hurtful. The characters are all complex in themselves and presented in detail thus giving insight in their state of mind and thinking. There is not the ultimate good guy and the bad guy; it is lives having taken a turn which is not to be undone, decision that have been made which also had consequences, good ones as well as bad ones. Thus, a wonderful illustration of how life on earth works sometimes.

Ayad Akhtar – Homeland Elegien

Ayad Akhtar – Homeland Elegien

Elegie, die – ein sehnsuchtsvolles Klagelied, das ist es, was Ayad Akhtar auf sein Heimatland USA schreibt. Als Kind pakistanischer Eltern in Amerika geboren und aufgewachsen, sieht er sich zunehmend damit konfrontiert, als Ausländer wahrgenommen zu werden und als ungläubiger Muslim für radikale Islamisten sprechen zu sollen. Die gesellschaftliche Spaltung erlebt er auch in seiner Familie, das einst mit offenen Armen empfangende Einwandererland grenzt immer mehr aus und selbst diejenigen, die schon Jahrzehnte im Land sind und sich eine Existenz aufgebaut haben, beginnen zu zweifeln. Das Land ist tief gespalten, wie auch die Familie des Erzählers, deren Geschichte er erzählt, wobei sich offenbar Fakt und Fiktion locker vermischen, eine eindeutige Antwort auf diese Frage, was wahr und was erdacht ist, bleibt der Autor nämlich schuldig.

Ayad Akhtar ist kein Unbekannter, 2013 erhielt er den Pulitzer Preis für sein Bühnenstück „Disgraced“, in welchem er ebenfalls einen innerlich zerrissenen Charakter in den Mittelpunkt stellt. Sein aktuelles Buch, irgendwo zwischen Memoiren und Roman anzusiedeln, greift die Thematik wieder auf und gibt einen Einblick in die Gedanken- und Erlebniswelt der zweiten Generation von Einwanderern, deren Welt durch die globalen Ereignisse in nachhaltiger Weise erschüttert wird.

Vielfach verläuft der Riss, den der Autor im Land wahrnimmt, auch zwischen ihm selbst und seinem Vater. Jener erfolgreiche Arzt, der den amerikanischen Traum verwirklicht hat und dessen Sohn sich den schönen, aber brotlosen Künsten verschrieben hat. Der Vater 2016 als glühender Anhänger Donald Trumps, seinem einstigen Patienten, der Sohn, der sich derweil um die väterliche mentale Gesundheit sorgt. Aber auch die Entwicklungen mit Mittleren Osten bleiben nicht unbemerkt: die Radikalisierung der Verwandten, deren Abwendung von den USA, die sie nach ihrem Empfinden im Stich gelassen und das Land im Chaos zurückgelassen haben, fordert den Familienfrieden heraus und führen schließlich zur Erkenntnis:

„Wir Muslime lebten in einem christlichen Land, so sahen wir es, jedenfalls in den Familien, die ich kannte. Wir lebten in einem christlichen Land, aber wir verstanden das Christentum nicht. Wir verstanden und respektierten es nicht.“

Viele Jahre des Zusammenlebens haben zu immer mehr Entfremdung geführt, zwischen den einzelnen Bevölkerungsgruppen, aber auch in den Betroffenen selbst. Der ansteigende Rassismus und offene Ablehnung tragen ihren Teil bei.

Ganz unterschiedliche Aspekte greift Akhtar auf, mal persönlicher, mal essayistischer. Sein Denken ist uramerikanisch, leicht kann er sich mit den großen Denkern identifizieren, gehört damit aber immer mehr einer intellektuellen Minderheit an. Seit 9/11 allerdings ist für ihn der Traum ein Stück weit ausgeträumt, er wird nie ankommen in seinem Heimatland, das sich von ihm entfremdet und dessen großer Verheißung er nachtrauert.

Kurz vor den Wahlen eine schmerzhafte Analyse des Landes der unbegrenzten Möglichkeiten, was jedoch immer auch die Möglichkeit des grandiosen Scheiterns eingeschlossen hat.

Don DeLillo – Die Stille

Don DeLillo – Die Stille

Super Bowl Sonntag im Jahr 2022. Jim Kripps und Tessa Berens sitzen im Flieger aus Paris. Der Langstreckenflug geht an die Substanz, minutiös notiert Jim die ganzen Angaben, die auf dem Bildschirm über seinem Kopf erscheinen, auch wenn diese in Französisch sind und er nicht alles versteht. In New York wollen sie gemeinsam mit Freunden das Spiel des Jahres sehen. Diane Lucas und Max Stenner haben schon alles für den Fernsehabend vorbereitet, auch Martin Dekker, ein junger Physiklehrer und Dianes ehemaliger Schüler, ist schon da. Gerade als das Spiel begonnen hat, kommt es jedoch zu einem Stromausfall, der nicht nur Diane und Max‘ Wohnung, sondern ganz New York betrifft. Derweil kommt es auf dem Flughafen zu einer Notlandung, bei der ihre Gäste verletzt werden, die daher zuerst in ein Krankenhaus gebracht werden müssen.

Don DeLillo hat seinen Roman vor Ausbruch der globalen Pandemie beendet, nichtsdestotrotz finden sich durchaus einige Parallelen, vor allem in der Atmosphäre, die geprägt ist von einer gewissen Endzeitstimmung und der Tatsache, dass sich die Figuren einer unkontrollierbaren Situation ausgeliefert sehen. Auch dass es nur sehr wenig Interaktion außerhalb des kleinen Figurenzirkels gibt, spiegelt ebenfalls sehr gut die Lockdown-Situation wieder, die weltweit Millionen, wenn nicht Milliarden zur Kontaktbeschränkung auf den engsten Familien- und Freundeskreis gezwungen hat.

„Die Stille“ bricht plötzlich über die Menschen herein, wirft nicht nur alle Pläne über den Haufen, sondern stellt viele Konzepte der Figuren infrage. Versucht Jim im Flieger noch alles detailreich zu notieren, um später nochmals darauf zurückblicken zu können und sich nicht auf sein Gedächtnis verlassen zu müssen, sind seine Aufzeichnungen nach dem Crash einfach verloren. All die Mühe war umsonst und an das Ereignis selbst hat er gar keine Erinnerung. Mit einem Wimpernschlag wurde so die Gewissheit des Festhalten-Könnens zerstört.

Die Mitarbeiter im Krankenhaus haben alle Hände voll zu tun und funktionieren roboterartig. Warum Jim eine Wunde am Kopf hat, interessiert sie schon gar nicht mehr, jeder dort hat eine Geschichte zu erzählen, für die jedoch keine Zeit ist. Sie führen mechanisch die zugewiesenen Aufgaben aus und vermeiden das Philosophieren über die Gesamtlage; diese können sie ob ihrer Dimension ohnehin nicht erfassen.

In der Wohnung sieht Martin Dekker in Einsteins Theorie den ultimativen Referenzpunkt während Max noch amüsiert ist und die entstandene Leere mit Parodien der berühmt-berüchtigten Werbeclips des Super Bowl füllt. Die beiden könnten gedanklich kaum weiter auseinanderliegen, zeigen aber so die Spannbreite menschlicher Reaktionen auf eine Ausnahmesituation auf.

Endzeitszenarien haben mehrfach Eingang in DeLillos Romane gefunden, wie etwa ein Störfall in einer Chemiefabrik in „Weißes Rauschen“ oder das Leben nach der Welt, wie wir sie heute kennen, in „Zero K“. In seinem aktuellen Roman bleibt offen, was eigentlich geschehen und wie bedrohlich die Lage tatsächlich ist. Auch bietet er keine klare Deutung seines Textes an, viel Raum lässt er dem Leser selbst etwas aus dem Gelesenen zu machen. Ist es unser Verhältnis zur Technik, von der wir abhängiger sind als wir uns oft eingestehen wollen (und die wir schon lange nicht mehr verstehen – was sollen Jim all die Zahlen sagen und doch fliegt das Flugzeug)? An Martin zeigt er auch, wie die hohe Intelligenz und Bildung eher zur Verzweiflung führen, da die Gedanken in einen unkontrollierbaren Mahlstrom geraten und panisch versucht wird, das nicht Begreifbare zu erfassen. Andererseits auch das bewundernswert pragmatische Anpacke im Krankenhaus, manchmal ist es einfach die beste Lösung, das Naheliegende zu erledigen und mit Scheuklappen umherzugehen.

Don DeLillo gehört zweifelsfrei zu den besten zeitgenössischen Autoren der USA und unwillkürlich ist es ihm wieder einmal gelungen, die Stimmung der Stunde literarisch einzufangen.

Meg Wolitzer – Das ist dein Leben

Meg Wolitzer – Das ist dein Leben

Dottie Engels ist in den 1980ern alleinerziehende Mutter zweier Töchter und ein Star am Comedy Himmel. Überall erkennt man sie sofort, extrovertiert wie sie ist, wird sie sofort zum Zentrum jeder Gesellschaft. Erica und Opal müssen häufig auf sie verzichten, während Dottie in Los Angeles auf der Bühne steht, werden sie von Babysittern, die sich jedoch kaum um sie kümmern, in New York betreut. Was Dottie zu ihrem Markenzeichen gemacht hat – der selbstironische Umgang mit ihrem Übergewicht und dem offenkundig weit entfernten Schönheitsideal – wird für die 16-jährige Erica zunehmend zum Problem. Sie kann mit ihrem Körper nicht so entspannt umgehen wie die Mutter, mehr und mehr zieht sie sich zurück, bis irgendwann der völlige Bruch kommt. Auch für Opal und Dottie beginnen schwere Zeiten, als der Publikumsgeschmack sich ändert und der Stern der Mutter langsam sinkt.

Meg Wolitzer ist erst in den letzten Jahren in Deutschland als Autorin der Durchbruch gelungen, „Das ist dein Leben“ hat sie im Original schon 1988 veröffentlicht und man merkt dem Roman an, dass er noch nicht über die sprachliche Raffinesse und die überzeugende Figurenzeichnung verfügt, mit denen ihre späteren Romane „The Interestings“, „Belzhar“, „Die Ehefrau“ oder „The Female Persuasion“ mich restlos begeistern konnten.

Im Zentrum steht die Beziehung zwischen Mutter und den Töchtern. Dottie liebt diese über alles, trotz ihrer häufigen Abwesenheit wird sie ihrer Rolle als schützende Mutter gerecht, allerdings kann sie auf die zunehmenden Depressionen Ericas nicht wirklich reagieren. Opal, die 5 Jahre jünger ist, vergöttert die Mutter, was auch zu dem Auseinanderdriften der Schwestern führt. In Opal und Erica werden zwei gänzlich verschiedene Seiten von femininer Jugend aufgezeigt, die sich jedoch um die zentralen Aspekte des Umgangs mit dem eigenen Körper und auch den innerfamiliären Beziehungen drehen.

Es ist ein Roman seiner Zeit, das Kabelfernsehen mit seinen eigenen Regeln gibt es in der Form heute nicht mehr, auch die später gerade in New York zentrale Drogenproblematik, die ebenfalls aufgegriffen wird und vor allem der Lebensstil mit Fast Food und ohne die geringste Rücksichtnahme auf Körper und Gesundheit sind heute für Personen des Showbiz und öffentlichen Lebens kaum mehr vorstellbar.

Thematisch hat der Roman vieles zu bieten, nichtsdestotrotz konnte er mich leider nicht im erwarteten Maße für sich gewinnen. Es liegt eine Schwermut über der Handlung, die bisweilen erdrückend wirkt, so manche Länge forderte auch die Geduld heraus.  Auch die Figuren blieben mir oft zu eindimensional und reduziert auf wenige Aspekte, um überzeugend zu wirken.

Sigrid Nunez – What Are You Going Through

Sigrid Nunez – What Are You Going Through

The unnamed narrator is visiting a friend with terminal cancer who is in hospital in another town. She stays with a retired librarian with a cat but her host is quite reclusive and they hardly have any contact during her stay. Between the visits, she ponders about other people in her life: her former partner of whom she attends a public speech on the dystopian future we are facing, her old neighbour who can hardly manage alone, a woman she met in her gym who went through drastic changes, each of them starting point for another in-depth reflection. Her encounters reflect the whole range of people and therefore also introduce pestering issues of our time: the way women are judged and how their position in society and in a family is seen, how we treat the elderly and – the most important aspect – how do we want to die and what will remain of us. Quite unexpectedly, her poorly friend asks her a favour which will target core questions the narrator cannot easily answer for herself.

Just as in her former novel “The Friend”, it is a minor event – then an abandoned dog, here a visit to the hospital – which initiates an interesting journey into the depth of human nature. The narrator’s experiences and encounters are analysed and questioned, it is an introspection which nevertheless is far from very individual and personal but, quite on the contrary, concerns everybody. Especially being close to a dying friend has a huge impact on her thinking, far beyond the question if we should rather ask “What are you going through” instead of “How are you”.

The core issue revolves around suffering and pain and the question how much a human being can endure. How do you go on living in a world which does not seem to have a future, at least not an interesting or desiring one. The plot is minimal, at times rather feels like a collection of anecdotes, but looking at it as a whole, you get an idea of the protagonist who is sad, to a certain extent disillusioned, but not grim. She is still capable of attachment and fondness, even though she knows that it won’t last this time. Every single word becomes meaningful and should be use with care therefore.

Repeatedly, Nunez also has her narrator share her reading experiences with the reader and thus transgresses the boundaries of genres once more. She certainly pushes the limits in many respects and engages the reader in thinking. One of the most interesting questions for me was the one rotating around the problem of what can be reported and by whom the act of narration should be carried out, especially when it comes to experiences of general interest. The narrator questions if there is even a language capable of conveying experiences adequately or if, in the end, all language must fail to authentically depict what somebody underwent.

Nunez’ language surely is plentiful enough to engage you in an interesting inner – and hopefully also outer – dialogue.

Patrick Hoffman – Clean Hands

patrick hoffman clean hands
Patrick Hoffman – Clean Hands

Elizabeth is used to a high working load and stress, but this situation might bring her down. One of her young lawyer’s phones has been pickpocketed and he had neither security nor lock on it – but highly sensitive data on their current case. The best woman to take care of such a mess is Valencia Walker, former CIA officer and fixer of unsolvable cases. Indeed, she and her team can track the phone down immediately, but nevertheless, some blackmailing takes place. While Valencia sets everything in motion to stop any more harm from occurring, Elizabeth wonders why she is doing all this and if she shouldn’t just give all up, not knowing what else there is to come.

Patrick Hoffman’s mystery novel seems to be quite obvious from the start: a young and inexperienced lawyer who is threatened and therefore sells his boss. Then, some young and rather stupid men who are simply lucky and can seize a chance when it presents itself in front of them. Quite naturally, things become a bit complicated and tricky for Valencia and her team and then – you realise that this isn’t the point of it at all.

The story advances at quite some high pace with some parentheses every now and then which provide some more depth and insight and which slow the plot down a bit so that you can take a breath before it regains speed. The number of characters makes it a bit hard at times not to lose the thread, but overall, I can only conclude that the plot is brilliantly crafted and none of what happens could be foreseen from the beginning.

Even though it is clearly fiction and I don’t tend to be prone to believing any conspiracy theories about governments or any agencies carrying out secret missions in the homeland, there are some aspects of the story which at least made me ponder about the probability. That’s what I totally appreciate in a good novel: being hooked from the start and having something lingering in my mind after the last page.

André Aciman – Find Me/Finde mich

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André Aciman – Find Me/Finde mich

Die ruhige Zugfahrt, die Samuel nach Rom zu seinem Sohn Elio führen soll, wird durch die Ankunft einer jungen Frau mit Hund, die sich zu ihm setzt, jäh gestört. Was der Professor nicht ahnt, ist, dass diese Begegnung sein ganzes Leben auf den Kopf stellen wird. Vorsichtig beginnt das Gespräch mit Miranda, doch bald schon merken sie beide, dass sie sich viel zu sagen haben, ebenso viel aber auch gar nicht gesagt werden muss, weil sie sich blind verstehen, fast so als würden sie sich schon ewig kennen. Sie könnte seine Tochter sein, Zurückhaltung ist geboten, doch am Ende des Tages werden sie gemeinsam durch Rom schreiten. Elio wird gleichermaßen durch eine zufällige Begegnung bei einem Konzert in einer Pariser Kirche von Amors Pfeil getroffen und genau wie sein Vater findet auch er den Mut, scheinbar vorhandene Schranken zu ignorieren und dem Herzen zu folgen.

„Find me/Finde mich“ führt die Geschichte fort, die André Aciman in „Fünf Lieben lang“ begonnen hat. Wieder geht es um die Liebe und wieder sind die einzelnen Kapitel nur lose miteinander verwoben und auch in diesem Roman schreibt der Autor über Grenzen, die die Figuren wahrnehmen, die sie jedoch überschreiten, ohne Rücksicht darauf, wie ihr Umfeld reagieren wird. Die beiden ersten, langen Kapitel sind detailreich, emotional, intensiv und lassen damit die beiden kürzeren etwas verblassen.

„Die Liebe ist einfach“, sagte ich. „Was zählt, ist der Mut zu lieben und der Mut zu vertrauen, und nicht jeder hat beides.

„Tempo“ und „Cadenza“, die beiden ersten Kapitel, weisen viele Parallelen auf: beide Male eine zufällige Begegnung, beide Male eine unmittelbare Vertrautheit, zwei ungleiche Partner, die sich zu einander hingezogen fühlen und merken, dass sie jetzt mutig sein müssen, wenn sie nicht wollen, dass diese einmalige Begegnung verpufft und nur Erinnerung bleibt. Beide Male sind es auch die Beziehungen zwischen Vater und Sohn, die ganz wesentlich für die Entwicklung der Charaktere sind. Samuel gibt Elio das Vertrauen, das er benötigt, um offen mit seiner Liebe umzugehen. Michel hat diese tiefe Verbundenheit zu seinem Vater ebenfalls gespürt, wenn ihre auch durch ein Geheimnis, von dem nicht einmal die Mutter etwas ahnt, für immer besiegelt wurde.

Diese literarisch saubere Struktur wird durch das musikalische „Capriccio“, Kapitel drei, unterbrochen. Das Kapitel folgt dem, was der Titel ankündigt: ein Ausbruch aus der Norm, der erwartbaren Struktur, das eigensinnig das Gegenteil berichtet: Elios früherer Geliebter, Oliver, erkennt plötzlich, dass er sich nicht für die richtige Liebe entschieden hat, dass seine Wahl für ein bürgerliches Leben falsch war und er nur das Leben eines toten Mannes führt. Kapitel vier, „Da Capo“ kehrt zurück an den Anfang, den Moment, als die eigentliche Geschichte begann.

Erzählerisch wie sprachlich schlichtweg wundervoll. Um bei den Metaphern aus der Musik zu bleiben: ein großes Stück, das viele Variationen eines einzigen Themas aufweist, mal beschwingt, mal melancholisch daherkommt, ausbricht und wieder zurückkehrt. Es kommt mit zarten Noten wie sie Streichinstrumente leise produzieren, die einem förmlich die Vibrationen der Saiten erleben lassen, und ebenso mit großem Paukenschlag. Man muss am Ende einen Schritt zurücktreten, um das Ganze in Augenschein nehmen zu können und sich nicht in den einzelnen Teilen zu verlieren und noch den Nachhall dessen, was man gelesen hat, spüren zu können.

Raven Leilani – Luster

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Raven Leilani – Luster

Edie, a 23-year-old artist, is somehow stumbling through her life. She does not have a stable partnership and the men she encounters are certainly not the ones to plan a future together, well she does not even know if that is what she wants. When she meets Eric, again, this does not seem to go beyond sex since he is twice her age, married and without the least intention of leaving his wife and daughter. When Edie finds herself suddenly unemployed without money or place to stay, something quite extraordinary happens: Eric’s wife invites her to live with them. However, it is clear who sets the rules: Rebecca.

Raven Leilani’s novel “Luster” has been named among the most anticipated novels of 2020, thus, I was quite curious to read it. The constellation of inviting the young mistress of one’s husband to live in the same house seemed quite promising for an interesting battle between two women. However, I struggled a bit with it, maybe this is due to the fact that the author quickly moves away from the central conflict and the protagonist remains a bit too bland for my liking.

When moving to the Walker family’s house, Eric is away on a business trip. Instead of having two grown-up women who have to negotiate their respective place in the household, Edie turns into another kid who is bossed around by Rebecca and forced into the role of a nanny and tutor for Akila, Rebecca and Eric’s daughter. She herself does not appear to actually dislike this arrangement and easily gives in to it. Rebecca, on the other hand, is not the self-confident and successful women, her behaviour towards Edie is quite harsh but only because she is weak and in this way wants to secure her place.

There are some minor aspects which I found quite interesting but which did not really blend into the story such as Akila and the fact that she is black and adopted. She and Edie become the victim of police brutality – a brief scene which is not pursued on a psychological, societal or political level and of which, there, the function remains unclear to me. This happens at several points where the characters find themselves in a crucial emotional situation which is not elaborated and makes them all appear a bit inanimate, like actors on a stage who perform a role in which they feel awkward and which they cannot really identify with.

Edie is neither a representative of a lost generation who does not know what to expect from a highly uncertain future, nor is she a special individual who struggles after some major life event. She also does not really develop throughout the novel which, all in all, makes her shallow and admittedly quite uninteresting. Maybe the plot might have been much more appealing from Rebecca’s or Akila’s point of view.

Julie Clark – The Flight

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Julie Clark – The Flight

Everything had been planned meticulously for months. Taking the trip to Detroit and then vanishing somewhere in Canada. But when Claire Cook wakes up on the morning which will free her finally from her abusive husband, she learns that he has altered their plans, she is to go to Puerto Rico. All the strategy, fake passport, preparations were in vain. Eva, another woman, as desperate as Claire, runs into her at the airport and makes an offer: trade tickets. Both of then need a new start and have powerful people on their heels. None of them has anything to lose anymore and so they decide to step in each other’s shoes. When Claire lands in California, she finds out that the plane she was supposed to be on crashed which makes her a free woman with a new identity. But the new life she has hoped for for months, does not feel right somehow and one questions lingers at the back of her mind: what did Eva run from?

“The Flight” belongs to those books that you open and cannot put down anymore. It the brilliantly told story of two women who are desperate to an extent where they feel that there is nothing to left to lose anymore and who would take any risk since they know this could be their only and last chance to get their own life back. While we follow Claire’s first days in her new life, Eva’s last months before the meeting at the airport is narrated providing insight in her tragic story.

Full of suspense you simply keep on reading to find out if the women could escape. Yet, apart from this aspect, there is also some quite serious undertone since, on the one hand, we have Claire stuck in a marriage marked by psychological and physical abuse and a controlling and mighty husband who considers himself above the law. On the other hand, Eva’s life has totally derailed because of her background where there were no rich parents who could afford expensive lawyers or knew the right people and therefore she was paying for something her boyfriend actually was responsible for. This surely raises the questions to what extent women still much likelier become a victim of false accusations and endure years of assault because they do not find a way out of their lamentable situation. Additionally, can it be true that with money and power you can put yourself above the law and get away with it?

A great read that I totally enjoyed and which certainly will make me ponder a bit more after the last page.