Colson Whitehead – Underground Railroad

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Colson Whitehead – Underground Railroad

Georgia, Anfang des 19. Jahrhunderts. Cora lebt als Sklavin auf der Randall Farm, dort ist sie geboren, etwas anderes als die harte Arbeit und die schrecklichen Strafen kennt sie nicht. Ihrer Mutter ist vor Jahren die Flucht geglückt, was das Leben für Cora nicht einfacher macht. Nachdem sie sich einer Gruppe Männer erfolgreich zur Wehr gesetzt hat, gehört sie zu den ausgestoßenen Frauen, was ihr aber die Möglichkeit eines halbwegs friedlichen Lebens eröffnet. Als Caesar sie zum ersten Mal wegen einer möglichen Flucht anspricht, lehnt sie ab. Schon ihre Großmutter hatte das zugeteilte Schicksal widerspruchslos ertragen. Doch die Situation auf der Farm ändert sich und so stimmt Cora schließlich doch zu, auf das geheime Netzwerk der Underground Railroads zu vertrauen und die gefährliche Flucht zu wagen. Die nächsten Monate wird sie in Angst leben, mal mehr mal weniger, weite Teile der USA kennenlernen, von Freiheit träumen und doch immer wieder an ihre Herkunft erinnert werden. Wird die junge schwarze Frau jemals dem ihr zugeschriebenen Los endgültig entkommen können?

Colson Whiteheads Romane wurden vielfach mit Preisen ausgezeichnet und mit Lob überhäuft. „Underground Railroad“ konnte jedoch alle vorherigen weit übertreffen. Es wurde zwar schon dadurch geadelt, dass President Obama es als Sommerlektüre 2016 benannte, erhielt danach den National Book Award Fiction 2016, die Carnegie Medal for Excellence in Fiction 2017, den Pulitzer Prize for Fiction 2017, den Arthur C. Clarke Award 2017 und stand auf der Longlist des Booker Prize 2017. Sich einem solchen Roman unvoreingenommen zu nähern, ist quasi unmöglich, aber die Messlatte liegt auch hoch und kurzgefasst resümiert: locker übertrifft der Roman die Erwartungen.

Zunächst zum titelgebenden Phänomen der Underground Railroads. Diese unterirdischen Züge existierten tatsächlich und waren ein Netzwerk geheimer Routen und sicherer Häuser, die zu Beginn des 19. Jahrhunderts von Abolitionisten geschaffen wurden, um Sklaven bei der Flucht zu helfen. Dabei riskierten die Helfer ihr Leben, was man im Roman auch leider immer wieder erleben muss. Die Strafen für sie waren drakonisch, das wussten sie, und dennoch haben sie das Risiko für diese Sache auf sich genommen. In der Geschichte der USA ist dieses Thema für mein Empfinden nur wenig präsent, umso erfreulicher, dass ein Roman es schafft, in der breiten Öffentlichkeit einen Aspekt der Sklaverei bekannt zu machen und so einen wesentlichen Beitrag zur historischen Bildung beizutragen.

Der Roman lebt jedoch von der Protagonistin Cora. Sie hat einen großen Überlebenswillen, kann beherzt reagieren, wenn erforderlich, ist jedoch auch sehr bedacht in ihrem Handeln. Sie ist kein bedauernswertes Opfer, sondern eine starke Persönlichkeit, die zukunftsorientiert und wissbegierig ihren Weg geht und Rückschläge tapfer verkraftet. Ihr Leben ist ein kontinuierliches Auf und Ab, geschenkt wird ihr nichts, nur manchmal ist das Glück auf ihrer Seite – aber es ist ein volatiles Gut. Gerade für einen historischen Zeitpunkt, der doch sehr stark männerdominiert war, insbesondere auch bei den Weißen, eine Frau, die mutig ihren Weg geht, als Protagonistin auszuwählen, hat mir insbesondere gefallen.

Colson Whitehead und dem Übersetzer Nikolaus Stingl gelingt es auch einen passenden Ton für die Erzählung zu finden. Bisweilen brutal in der Darstellung der Bestrafung der Sklaven schafft dies aber die notwendige Authentizität, die den Roman lebendig wirken lässt. Ähnlich wie Coras Leben mal hektischer und mal in ruhigeren Bahnen verläuft, ist auch der Erzählton angepasst und findet so einen stimmigen Rhythmus.

„Underground Railroad“ ist vermutlich einer der wichtigsten Romane des Jahrzehnts, der völlig zurecht in den Kanon der amerikanischen Literatur eingehen dürfte und sollte. Es wäre ein Verlust, wenn man sich dieses Werk entgehen lassen würde.

Mehr Informationen zu Buch und Autor finden sich auf der Seite des Hanser Verlags.

Ariel Levy – Gegen alle Regeln

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Ariel Levy – Gegen alle Regeln

Ariel Levy ist eine erfolgreiche Journalistin, deren Leben offenbar aufregend und glücklich ist. Doch hinter der öffentlichen Fassade sieht vieles anders aus, als man erwarten könnte. In ihrem Buch „Gegen alle Regeln“, das auf einem Artikel basiert, der bereits 2013 im New Yorker erschienen ist, zeichnet sie ihren Weg bis zum völligen Kollaps ihres Lebens nach. Ihre Kindheit, in der sie schon früh von den starken Mädchen- und Frauenfiguren fasziniert war und bereits im Grundschulalter den Wunsch entwickelte, Journalistin zu werden. Ihre Anfänge im der Zeitungsbranche, die von Sexismus geprägt war und jungen Kollegen kaum Chancen bot. Daneben ihr Privatleben, für das die gängige Vorstellung einer heterosexuellen Monoehe nicht funktionierte; wechselnde Partner, männlich wie weiblich, bis sie schließlich in Lucy ihre Lebenspartnerin gefunden zu haben scheint. Doch auch diese Verbindung muss Höhen und Tiefen durchleben und mit Mitte 30 drängt sich die Frage nach Kindern immer mehr auf. Die Schwangerschaft verläuft zunächst glücklich, die Freude über das Kind ist groß, doch dann kommt es fernab der Heimat zu einer Notgeburt, die das Baby nicht überlebt und Ariel völlig aus der Bahn wirft.

Das Buch wird zwar insbesondere mit der Episode um den Verlust des Kindes und die daraus resultierenden Folgen für Ariels komplettes Leben beworben, tatsächlich ist dies aber nur ein kleiner Teil und für mich noch nicht einmal der Interessanteste. Ariel Levy hat im Prinzip zweierlei geschafft: zum einen erlaubt sie einen Blick in die New Yorker Scheinwelt, die von außen glamourös und sorgenfrei erscheint; zum anderen hat sie eine sehr persönliche Abrechnung mit ihrem eigenen Leben und Schicksal zu Papier gebracht, was in Anbetracht der geschilderten Episoden sehr mutig und interessant zu lesen ist.

Für mich faszinierend für allem ihr Weg im Journalismus. Die ersten Jahre, der harte Kampf um gute Reportagen und Anerkennung ihrer Arbeit. Die Glasdecke, die vor allem für Frauen in der Branche eine harte Realität darstellt und die zu durchbrechen nicht nur viel Durchhaltevermögen und Hartnäckigkeit, sondern auch Glück erfordert. Die Geschichten und Menschen, die Ariel anlocken zeigen, dass sie ein Händchen für außergewöhnliche Stories hat und es ihr auch gelingt, diese rüberzubringen. Auch ihr Privatleben, vor allem die Schwierigkeit, mit einem süchtigen Partner zusammenzuleben, ist eine Offenbarung, die in dieser Deutlichkeit viel Mut erfordert. Das Leugnen der Zeichen, die Hoffnung, dass doch alles gut werden könnte und die schleichend sich doch einstellende Erkenntnis, dass dieser Wunsch womöglich nicht erfüllt werden wird. Hier wird das Buch bis an die Schmerzgrenze persönlich.

Insbesondere die Thematik rund um die Schwangerschaft wird sehr authentisch geschildert. Immer wieder scheint das Thema Kinder durch das Buch. Als Teenager gilt es eine ungewollte Schwangerschaft unbedingt zu verhindern; in den 20er ist Frau mit Karriere beschäftigt und nicht bereit, alles gerade Errungene wieder aufzugeben. Mit 30 langsam treten das bürgerliche Leben und ausreichende finanzielle Mittel ein, die eine Familiengründung erlauben würden und plötzlich spielt die Natur nicht mehr mit und der Wunsch nach einem Kind kann nur noch mit medizinischer Unterstützung erfüllt werden – wenn überhaupt. Viele Frauen ab Ende 30 werden diese Geschichten aus eigene Erfahrung oder ihrem Umfeld kennen und einer unschönen Realität ins Auge blicken müssen: Karriere und Kinder sind schlichtweg nicht so einfach vereinbar, wie man es uns immer vorgaukelt und manche Entscheidung bereut man vielleicht einige Jahre später bitter.

„Gegen alle Regeln“ ist die Lebensgeschichte einer Frau, die viel Licht, aber auch viel Schatten kennengelernt hat und in vielerlei Hinsicht symptomatisch für moderne Frauen zu Beginn des 20. Jahrhunderts ist.

 

Danya Kukafka – Girl in Snow

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Danya Kukafka – Girl in Snow

No morning routine for janitor Ivan: on his tour around the high school premises he finds the body of Lucinda Hayes, golden girl and now dead. It does not take long to identify possible murders: Ivan first of all, it hasn’t been long since he’s out of prison. Cameron Whitley, the boy from next door who has been stalking Lucinda for quite some time. Jade Dixon-Burns, a slightly overweight outsider who openly hated Lucinda. Mr O. the art teacher who was seen with Lucinda’s diary. Officer Russ Fletcher’s first murder case comes to a very bad moment, his wedding is all but ok and additionally, Ivan is his wife’s brother and Cameron his former partner’s son. How can he objectively investigate this case?

Danya Kukafka has chosen a well-known topic for her debut novel: the murder of the popular teenage girl. Even though many have written about this, she manages to create something new and singular. She provides us with the narrators who tell the story from their point of view and thus slowly unfolds the tragedy of all the three of them – it is not that much the victim herself whom we feel sorry for in the end but much more those three. The author succeeds in creating outstanding characters who really have to tell a story which I found actually from one point on much more interesting than the question who committed the deed.

Let’s start with Jade. From the outside she seems to be the hateful reclusive teenager who is difficult to love due to her negative attitude. Yet, behind this surface, we find a thoughtful girl who has experienced domestic violence, who has to work several jobs in her free time and who lost her best friend Zap to Lucinda. They were really really close, almost could read each other’s thoughts but when they get older and the interest in the opposite sex arises, Zap rejects her mercilessly and in a most offending way which leaves scars forever. Jade has never been popular, often was the victim of bullying, but this rejection breaks something in her. And makes her especially sensitive for other people’s emotions.

Russ, on the other hand, is caught in a conflict. He has a bad conscience for what he has done years before – he always backed his partner, even when he knew that this was not right and when in doing so he was hurting others, especially Cameron and his mother. Is this the point to correct a mistake? However, his mind is also dancing around his wife Inés and how he never really understood her. Do they actually know each other? He doesn’t have a clue about her past in Mexico and doesn’t know how she spends her days. He wanted to make her happy and give her the chance to stay in the USA, but can this, what they have, still be called love? Was it ever love?

Last comes Cameron. He is strange and odd. He is talented in drawing but his obsession with Lucinda is not only weird but morbid. He observes her, spends hours in the evening and night outside her house looking into her window. He even breaks into the Hayes’ house one night and watches her sleeping. He is a bit creepy, but he is also the boy whose police officer father was accused of murder a couple of years back and who has been living only with his mother. As soon as the suspicion falls on him, everybody remembers what his father was suspected of. Cameron does not know what his father has done or hasn’t, but he strongly fears that there is something bad running in his veins. This keeps him from thinking clearly in this situation. And the fact that he has seen the body, doesn’t help to rescue him from being the prime suspect for the reader, too.

The development of those three narrators who tell the story alternatingly gives the novel much more depth than I had expected. Apart from the big question of who is the murder, there are many smaller questions circling around the characters which keep the suspense constantly high. It is not a typical murder novel you cannot put aside due to the high pace and high suspense, no, it rather slowly unfolds and provides you with a complex psychological network of emotions and memories.

Lauren Oliver – Wenn du stirbst, zieht dein ganzes Leben an dir vorbei, sagen sie

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Lauren Oliver – Wenn du stirbst, zieht dein ganzes Leben an dir vorbei, sagen sie

Samantha Kingstons Leben ist perfekt: sie gehört zur angesagten Clique der High-School, hat mit Rob einen Freund, um den sie viele beneiden, ist hübsch und reich. Der 12. Februar soll alles perfekt machen: morgens die Valentinstagsgrüße in der Schule und abends wird sie endlich mit Rob schlafen. Alles beginnt ganz normal: die Schule hat nichts Ungewöhnliches zu bieten, dann bereitet sie sich mit den Freundinnen auf eine Party vor. Doch der Abend endet anders als geplant: bei einem Unfall kommen sie ums Leben. Doch am nächsten Morgen wacht Sam wieder auf. Es ist nochmal der 12. Februar und sie kann ihren letzten Tag nochmals erleben und vielleicht was ändern. Sieben Mal wird sich dies für sie wiederholen.

Das Grundkonzept ist eher ungewöhnlich, wenn auch nicht wirklich innovativ, allerdings hat die Autorin genug Humor, die Protagonistin selbst auf „Und täglich grüßt das Murmeltier“ hinweisen zu lassen. Ansonsten bietet der Roman alles, was das Young Adult Herz begehrt: die High-School mit ihren typischen Alltagssorgen, die von allen bewunderte Mädchen-Clique, die erste große Liebe, viel Gerede über Klamotten und Schminke. Und natürlich der obligatorische erhobene Zeigefinger, dass man doch bitte nicht gemein, sondern nett zu den Mitmenschen sein soll und sich für die Außenseiter einsetzen muss. Alle Stereotypen erfüllt, Leser des Genres werden es danken.

Was jedoch auffällt, ist die Figurenzeichnung, wobei ich mich gefragt habe, ob ich einfach zu alt bin, um die Figuren so wahrzunehmen, wie sie sein sollen. Für mich ist die Protagonistin einfach ein verwöhntes Gör, dem es viel zu gut geht und die in ihren Egotrip sieben Mal erfolgreich durchzieht und dafür auch noch belohnt wird. Vermutlich soll sie cool und bewundernswert wirken, dabei wirken ihre Kleidungsbeschreibungen auf mich eher billig bis nuttig und dass sie sich permanent darüber beklagt, dass sie von den Eltern zu kurzgehalten wird (man bedenke: sie bekommt im Jahr nur zweimal 500 Euro zum Kleidershoppen!), macht sie auch nicht gerade sympathischer. Da ihre Empathiefähigkeit nur gering ausgebildet ist, braucht sie auch mehrere Anläufe um zu verstehen, dass sie genau das ist, was ein anderes Mädchen ihr vorwirft: ein Miststück. Selbst als ihr langsam aufgeht, dass ihr Verhalten vielleicht eher suboptimal ist, wird ihr Handeln immer noch von dem Gedanken geleitet, möglichst selbst zu profitieren oder zumindest kein ganz so schlechtes Gewissen mehr haben zu müssen. Das macht das Lesen zu einer gewaltigen Quälerei, da man permanent den Gedanken hegt, dass die Welt einfach eine bessere wäre, wenn sie endlich tot wär. Dass die anderen ihr da in nichts nachstehen, macht es kaum besser.

Alles in allem ein Buch, dass hervorragend auf die zu liefernden Klischees abgestimmt ist, durch besonders widerwärtige Figuren besticht und weiter nichts zu bieten hat, was für eine Leseempfehlung sprechen würde.

C.E. Morgan – The Sport of Kings

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C.E. Morgan – The Sport of Kings

The saga of a family. A family whose life is linked to the soil on which they live and to the horses they breed. John Henry Forge raises his son Henry in the tradition of the white settlers of Kentucky. The supremacy of the white race is never questioned and on the family farm, the roles are clearly ascribed. Young Henry has a dream, already when he is just a small boy, he sees their land as the perfect place for breeding horses, but his father will hear nothing of this. When he takes over the farm, his chance arises and he becomes one of the best in the business. Yet, not only in horses is it important to take care of the blood line, he also chooses his wife with care and thus can produce the perfect white child: Henrietta. Like father like daughter does she grow up learning about the white race’s authority and rule. But times are a changing in the 20th century and creating the perfect race horse and the perfect daughter might not be enough anymore.

C.E. Morgan’s novel has been nominated for most of the important prizes for literature in 2016 and 2017: It has been shortlisted for the Baileys Women’s Prize for Fiction 2017, for the Rathbones Folio Prize 2017, for the James Tait Black Fiction Prize 2016; it was finalist for the Pulitzer Prize for Fiction 2017 and won the Kirkus fiction prize 2017 and the Windham–Campbell Literature Prize 2016. It made the second place on the BBC books of the year 2016 list. Coming with so much glory, the expectations were high and the author easily matched them.

To say what the novel is actually about, is not that easy. Quite logically considering its length, there is a lot in it. First of all, the Forge family. The way the children are raised, the relationships between the generations but also between the spouses are interesting to observe in the way not only they are at a fixed moment in time – I really pitied young Henry when he wanted to share his dreams and visions with his stubborn father – but also how they develop over the time, here Henrietta plays the most important role. Even though she is a woman and as such by nature inferior to men, she can take over the male role and successfully lead the dynasty. But there is not much affection between the characters. It is especially Henrietta who realizes that she is lacking love and warmth and since she has never learnt how to express her feelings, she seriously struggles in getting involved with somebody. It is the women who struggle most with society’s expectations and their inner feelings – not only at the beginning, but also after the year 2000:

“The irony was bare and bitter and unavoidable: she was a woman, so she was a slave to life. Never before had she understood the brutal actuality of life in a body she didn’t choose. (…) Women invited death when they let men inside their bodies! Why did they do it? Love couldn’t possibly be worth it.”

Apart from the humans, the breeding of the horses plays a major role in the plot. I am not into horses at all and know almost nothing about these animals. But it is fascinating to see how close the characters get with them, how they observe details and can communicate with and understand them Also the idea of breeding the perfect race horse is quite appealing and interesting. Admittedly, would I have been asked before if I was interested in the description of a horse race, I certainly would have disagreed, but I was wrong.

Last but not least, a major topic is also slavery, resp. the formal abolition of it but the remaining prejudices in the heads – of the whites as well as the blacks. Even in the year 2006, equally has not been established. There have been improvements, but due to inheritance, a family name and the like – unfortunately not only in literature.

Apart from the plot, it is also C. E. Morgan’s masterly writing which makes reading the novel a pleasure. To tell the stories of the different family members, she finds an individual tone for them. John Henry is reserved, unkind and rather factual. Young Henry is full of childish amazement and effervescent until he becomes the head of the family. Strongest are the women, first of all Henrietta, but also her mother Judith and the housekeeper Maryleen and Allmon’s mother. She gives them a voice and especially thoughts they share with the readers which make them really come to life. She finds metaphors as well as comments by the narrator which sometimes even addresses you directly. The tone is serious at times, funny at others, sometimes sad, rarely joyful – just as life can be.

Toni Morrison – Heimkehr

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Toni Morrison – Heimkehr

USA, 1950er Jahre. Der Soldat Frank Money ist aus dem Krieg in Korea zurückgekehrt. Allein, seine Freunde, mit denen er voller Erwartung zur Army ging, hat er auf dem Schlachtfeld verloren. Die Erlebnisse des Krieges haben ihre Spuren hinterlassen und die Illusion, dass man als Schwarzer, der für das Land sein Leben riskiert hat, nun gesellschaftlich anerkannt wird, muss er schon bald ebenfalls begraben. Ziellos zieht er umher bis ihn die Nachricht erreicht, dass seine Schwester Cee schwerkrank ist. Zum ersten Mal seit Jahren wird er zurück nach Lotus in Georgia gehen, dem Ort, vor dem er einst flüchtete.

Nachdem ich mit großer Begeisterung Toni Morrisons letztes Buch „Gott, hilf dem Kind“ gehört hatte, war ich gespannt auf frühere Werke, die dieselbe Thematik zu anderen Zeitpunkten in der Geschichte der USA thematisieren. Jedoch konnte mich „Heimkehr“ nicht im selben Maße überzeugen, wie dies ihr aktueller Roman getan hat.

Die Geschichte erzählt die aktuelle Situation der beiden Geschwisterkinder parallel im steten Wechsel. Unterbrochen werden beide durch Kindheitserinnerungen, die auch wesentliche Erfahrungen, die für bestimmte Entscheidungen in ihrem Leben relevant waren, aufdecken. Franks Schwierigkeiten, die Kriegserlebnisse zu verarbeiten, die fehlende medizinische Unterstützung und dadurch ausgelöst immer wieder Zusammen- oder Ausbrüche, zeigen besonders gut, wie traumatisiert Soldaten zurückkehren und eine Integration in die Zivilgesellschaft für sie fast unmöglich ist. Cee wiederum, von der Stief-Großmutter von klein auf psychisch wie physisch gequält, wählt die erste Möglichkeit zur Flucht und sieht sich schon bald mann- und mittellos auf sich alleingestellt. Ohne Schutz wird sie als Schwarze, der auch niemand zu Hilfe kommen kann und will, Opfer böser Machenschaften, was sie beinahe ihr Leben kostet.

Die Erfahrungen, die die beiden Geschwister wie auch ihre Freunde aufgrund ihrer Hautfarbe machen, sind vielfältig. Vorurteile und Beleidigungen sind noch das geringste Übel; man versagt ihnen Wohnungen, da man sie in bestimmten Gegenden nicht wünscht. In der Armee, wenn sie ihr Leben riskieren, sind Schwarze wie Weiße gleich, aber im normalen Leben ist in den 1950er ist Segregation nach wie vor eine Realität.

Thematisch interessant mit vielen unschönen Einblicken hätte ich gerne mehr von Cee gehört; mit Frank kann man sich als Leser schwerlich identifizieren, was vermutlich zu dem nicht ganz begeisterten Eindruck beigetragen hat.

Shari Lapena – A Stranger in the House

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Shari Lapena – A Stranger in the House

When Tom Krupp comes home late that evening, he is astonished: the door is not locked. And his wife apparently is in the middle of cooking. Her cell phone and her handbag are there, but where is Karen? When none of their friends have heard anything of her either, he calls the police who seem to be at his house immediately: there was an awful accident and the victim could be his wife. Tom is preoccupied and relaxed at the same time. But just as the police he wonders what his wife was doing in that part of town. When a couple of days later a dead body is discovered, Karen’s accident and the murder are quickly linked. Yet, the woman cannot remember anything from that day, she’s suffering from amnesia since the accident. More and more evidence hints at her and Tom has to find out that his wife is everything but not the woman he thought she was. However, he does not know yet that the real danger might come from somewhere completely different.

I already liked Shari Lapena’s first novel “The couple next door”, but “A stranger in the House” is much more thrilling and elaborate than her first book. First of all, there is so much the characters hide and only reveal when they are forced to. All of them have their secrets, some minor, some major, and this keeps you alert all the time. Especially since you never know whom you can actually trust.

First of all Karen. It is obvious quite from the start that she has some buried secrets from her past and that she deliberately lied to her husband. Nevertheless, she is good at playing roles – also with the reader so until the very last pages. You cannot be sure of who she is and what she is capable of. Second comes Tom. He seems to be a nice and trustful guy, easy to delude perhaps. I was taken by surprise that he also has something kept from his wife which will play a major role in the development of the case. Third Brigid, their neighbour and close friend of Karen. I didn’t like her from the start. She is that nosy observer across the street who is meddling all the time and sticking her nose in other people’s matters. That her role takes some interesting turn came rather as a surprise to me.

Even though the reader gets a much better picture of what happened than the police, there is still enough in the dark to keep you from knowing for sure. Since there were so many unexpected twists and turns, I wasn’t completely certain what to believe was the truth until the very end. The plot was cleverly constructed and to me absolutely convincing in all respects.

To sum up, a thriller which keeps you alert and reading on.

Joshua Cohen – Moving Kings

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Joshua Cohen – Moving Kings

David King is the head of “King’s Moving“, a New York based family business specialised in moving homes. Couples moving in together, couples going separate ways. David and his wife Bonnie also separated, their daughter Tammy wastes his father’s money and his secretary Ruth now manages not only the office but all of David’s life. There is just one thing she cannot help him with: David’s cousin from Israel asked him to welcome her son Yoav for some time. He just came out of the IDF and like all the others, needs some travelling to forget the years in the army. David has only met Yoav once many years ago when he spent a couple of hours with his family in Jerusalem. But he is sure to offer the young man exactly what he needs, not taking into account what serving in one of the world’s toughest armies means.

Joshua Cohen’s novel appears in the beginning to be some lightweight and funny story about making business in New York and knowing (or rather: not knowing) the rules of conduct among the super-rich. David is not the classic businessman who knows his way around the upper class, he disposes of some cleverness which helped him to set up his business, but he is not really familiar with the codes. The same applies to his visit in Israel a couple of years earlier. As a Jew, he feels like having to know the historic sites in Israel but cannot connect anything with the places – just like his cousin who shows him around. When family duty calls, in form of accommodating young Yoav, he does not hesitate to fulfil the wish.

However, with the appearance of Yoav, the novel changes its tone. It is not the humorous atmosphere which prevails now, but a rather despairing and depressive mood that comes from Yoav and takes over. Having served three years in the IDF did not go without scars for him. He was in a special unit which was of no special use in peaceful times but well equipped for the emergency. Now as a civilian, he has serious problems integrating into normal life. He can only accomplish small tasks every day and spends most of his time on the couch doing nothing. He can hardly cope with being alive, not speaking of building friendships and a new life in a foreign country.

The novel takes another turn when Yoav’s fried Uri makes his appearance. Being allocated the same unit should have created a lifelong bond, but the young men are very different and their diverting points of view create more and more tension between them. Yoav is reflecting on his place in the world and what he has seen and done in the army:

“you can’t stop being a soldier, just like you can’t stop being a Jew […] You were born a soldier, because you were born a Jew. “ (pos. 1392)

By birth he is denied the chance of making a choice in his life. And as an Israeli, people will never be impartial when they meet him. Everybody has an opinion, either on Jews, or in Israelis, or on both. They are held responsible for things they are neither responsible for nor had a chance to do something about it.

A third party is contrasted with them. A black veteran who fought in Vietnam and has lost in belief in the Christian God as well as the American state who should take care of those who have served the country abroad. His only way out is converting to Islam and seeking refuge in addiction. So, who of them is worse off? The forgotten veteran, the black American, the American Jew or the Israeli Jew?

How defining is religion after all? For most of the characters it does not provide help or relief from everyday burdens. It also does not seem to provide a framework to organise their life around. So, build your life without it, but what are the rules then? It seems to be a minefield and you can only survive of you are stronger and live at the expenses of the others it seems.

Toni Morrison – Gott, hilf dem Kind

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Toni Morrison – Gott, hilf dem Kind

Lula Ann ist unter keinem guten Stern geboren. Ihre Eltern sind Afro-Amerikaner, deren Haut jedoch fast als weiß durchgeht; als die Tochter jedoch auf die Welt kommt, sind sie entsetzt: wie kann das Kind eine so dunkle Hautfarbe haben? Die Mutter hasst das Baby, der Vater verlässt sie. Lula Ann wächst heran ohne Liebe und Zuneigung; was sie sich am meisten wünscht, ist von der Mutter beachtet oder gar berührt zu werden. Dieser Wunsch führt zu einem bösen Fehler, den sie als Erwachsene korrigieren möchte. Inzwischen ist sie eine erfolgreiche und selbstbewusste Frau, die den Namen zu Bride geändert hat, um die Vergangenheit hinter sich zu lassen. Als ihr Freund Brooker sie verlässt und ihr Versuch, den Fehler aus der Kindheit zu korrigieren, scheitert, begibt sie sich auf einen Road Trip, der zugleich in die Vergangenheit und Zukunft führt.

Toni Morrison lässt ihre drei Protagonisten aus ihrer eigenen Perspektive erzählen. Sweetness, Lula Anns Mutter, die unter dem Aussehen des Kindes leidet und es nicht so lieben kann, wie sie eigentlich möchte und die weiß, was es bedeutet in den USA eine Schwarze zu sein. Sie erzieht die Tochter zu unbedingtem Gehorsam: nicht auffallen, immer schön anpassen, um unter dem Radar zu bleiben, und wegzusehen, wenn erforderlich. Aus dem so verschüchterten Mädchen wird langsam eine Frau, die ihre Vorzüge erkennt und sich aus dem engen Korsett lösen kann. Ganz kann sie die Dämonen ihrer Vergangenheit jedoch nicht ablegen und der Wunsch, ihren Fehler wiedergutzumachen, verfolgt sie über viele Jahre. Brooker, der Bride ohne Erklärung verlässt, wird ebenfalls von seiner Kindheit geplagt, die er nie hinter sich lassen konnte und die noch sein Leben als Erwachsener bestimmt.

Die Suche Brides nach Brookers Aufenthaltsort wird zu einer Reise zu sich selbst, mit Zwischenstopps in ganz anderen Lebensentwürfen und Rückblicken, die langsam ein Licht auf das werfen, was unzählige Jahre zuvor geschah.

Toni Morrison, die 1993 mit dem Literaturnobelpreis geehrt wurde, ist für ihre literarische Auseinandersetzung mit dem Rassismus in den USA bekannt. In „Gott, hilf dem Kind“ ist dieses Thema als Ausgangspunkt des ganzen Übels ebenfalls wieder präsent jedoch nicht so prägend wie die Frage nach Schuld und Wiedergutmachung. Das Kind Lula Ann lädt Schuld auf sich ohne sich der Dimensionen des eigenen Handelns bewusst zu sein und wird von dieser Schuld über viele Jahre geplagt.

Mir hat die Geschichte über weite Strecken sehr gut gefallen, jedoch bleiben die Figuren recht eindimensional. Sweetness, Bride und Brooker werden letztlich durch ein Ereignis bestimmt, das den ganzen Charakter überlagert und sie etwas flach erscheinen lassen. Die haben keine Facetten oder gar Widersprüche. Sehr unglücklich war ich mit dem Ende, das zu jeder Soap Opera gehört, aber für anspruchsvolle Literatur zu banal ist.

Mary Kubica – Don’t you cry

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Mary Kubica – Don’t you cry

Als Quinn eines morgens in das Zimmer ihrer Mitbewohnerin Esther kommt, findet sie den Raum verwaist, das Fenster aber weit geöffnet. Sie wundert sich, ist jedoch noch nicht direkt beunruhigt. Als sie dann jedoch einen seltsamen Brief findet, aus Esthers Unterlagen entnehmen kann, dass diese ihren Namen ändern wollte und offenbar eine Anzeige für eine neue Mitbewohnerin geschaltet hat, fragt Quinn sich jedoch schon, wie gut sie Esther tatsächlich kannte. Sie beginnt tiefer zu forschen und mit jeder neuen Entdeckung steigert sich Quinns Angst, dass Esther etwas Schlimmes zugestoßen sein könnte oder diese selbst etwas Schlimmes plant. Aber nicht nur Ester ist in Gefahr, mit ihren Fragen gefährdet Quinn sich selbst ebenfalls.

Mary Kubicas neuester Thriller spielt mit der Frage, was wir vor anderen verheimlichen und wieviel wir bereit sind, über uns selbst preiszugeben, was unwillkürlich irgendwann zu notwendigen Offenbarungen führen muss. Die Hauptgeschichte um Quinn, die versucht die Geheimnisse ihrer Mitbewohnerin zu ergründen dient hierbei als geschicktes Mittel, um immer wieder Verunsicherung zu schaffen und die Protagonistin nackter Angst auszusetzen. Parallel dazu verläuft ein zweiter Handlungsstrang, dessen Funktion sich jedoch erst spät erschließt. Zunächst scheinen die beiden völlig unverbunden und auch im Ansatz völlig verschieden, denn im ländlichen Michigan hadert ein junger Mann mit dem Schicksal seiner Familienkonstellation, was eher traurige denn spannende Momente bietet.

Interessanterweise wird das Buch in Deutschland unter dem Label „Thriller“ vermarktet, im englischsprachigen Raum jedoch als „novel“ klassifiziert. Die Ausgangsfrage um das Schicksal Esthers und die Erklärung für all die Mosaiksteinchen ihres Lebens bieten durchaus eine gewisse Spannung und können das Buch tragen, ein besonders hoher Psychothrill war für mich jedoch nicht zu erkennen. Das qualifiziert das Buch in keiner Weise ab, es ist unterhaltsam zu lesen und man fiebert schon mit der Protagonistin mit, jedoch werden hier gegebenenfalls durch die Zuordnung Erwartungen geweckt, die der Roman für mein Empfinden nicht halten kann.

Alles in allem, für mich ein kurzweiliger Roman, der eher auf Spannung als auf tiefere Charakterstudien setzt und damit auch durchaus fesseln kann.