John Le Carré – Das Vermächtnis der Spione

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John Le Carré – Das Vermächtnis der Spione

Viele Jahrzehnte hat Peter Guillam gehofft, dass er niemals wieder etwas hört. Doch dann kommt der unheilvolle Brief, der ihn von seinem bretonischen Bauernhof in die britische Hauptstadt und das Herz des Geheimdienstes beordert. Es sind Fragen aufgetaucht zur Operation Windfall. Anfang der 1960er Jahre kamen zwei Personen an der Berliner Mauer um, Alec Leamas, ein englischer Spion, und Elizabeth Gold, seine Freundin. Deren Kinder haben Zweifel an der Darstellung der Ereignisse. Peter soll aussagen, was damals geschah und Licht in das Verwirrspiel um Agenten, Doppelagenten und den Kalten Krieg bringen.

Als Fan von John Le Carrés Romanen habe ich mich sehr auf diesen neuen Krimi, in dem auch ein Wiedersehen mit George Smiley angekündigt war, gefreut. Allerdings bin ich am Ende doch reichlich enttäuscht, denn in keiner Weise kann „Das Vermächtnis der Spione“ in puncto Qualität und Spannung an die Vorgänger anknüpfen. Zu viele Längen lassen keinen richtigen Lesefluss aufkommen, letztlich irrelevante langatmige Beschreibungen lenken von den eigentlichen Fragen ab.

Die Grundkonstruktion ist durchaus clever gestaltet. Der Spion, der nach so vielen Jahrzehnten gedanklich zurückgeholt wird und für seine Taten zur Rechenschaft gezogen wird. Hier bin völlig bei dem Autor, das ist ein überzeugender Ansatz. Ob es jedoch dazu so ausführlich Peters familiären Hintergrund gebraucht hätte – eher nicht. Am ärgerlichsten war für mich jedoch der Aspekt der Werbung mit der Figur George Smiley – nein, das ist schlichtweg Irreführung des Lesers und Marketing mit bekannten Namen, das hat Le Carré nicht nötig.

So richtig hat mich das Drama um die beiden Toten nicht packen können, am ehesten noch die Nebenhandlung um die Agentin Tulip, die wenigstens etwas Persönlichkeit erhalten hat. Alles in allem zu oberflächlich, ohne jede Spannung und damit als Krimi für mich nicht überzeugend.

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Sonja Heiss – Rimini

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Sonja Heiss – Rimini

Eine ganz normale Familie. Barbara und Alexander, seit über 40 Jahren verheiratet, eine Ehe nach klassischem Muster. Ihr Sohn Hans erfolgreicher Anwalt und ebenfalls mit Vorzeigefamilie gesegnet, Gattin Ellen plus zwei Kinder, nur Tochter Masha scheint das mit der Familie nicht ganz so hinzubekommen, dabei ist sie auch schon fast 40. Doch hinter der schönen Fassade knirscht es. Barbara und Alexander haben sich schon lange nichts mehr zu sagen und ihre Interessen könnten kaum weiter auseinander liegen. Auch Hans unterhält sich mehr mit seiner Analytikerin als mit Ellen, als er dann glaubt sich in erstere verliebt zu haben, werden nicht mehr nur seine Obsessionen zum Problem. Und Probleme hat er eigentlich schon genug in der Kanzlei. Auch Masha ist frustriert. Sie wünscht sich ein Kind, aber ist ihr Partner Georg der Richtige? Oder doch ein anderer? Aber wo soll der so schnell herkommen?

Sonja Heiss‘ Roman sprüht nur so vor Witz und Situationskomik zu Beginn. Das unsägliche Weihnachtsfest – das vermutlich jeder in ähnlicher Weise schon erlebt hat – wird zu einem Krampf für alle Beteiligten und nicht nur Ellen hat Kopfschmerzen, nachdem Hans ihr in nächtlicher Verbrecherjagd ordentlich eins übergebraten hatte. Man muss schon an sich halten nicht laut loszulachen. Doch eigentlich ist es nicht komisch, sondern eher tragisch, wie die Menschen miteinander umgehen und sich kaum mehr ertragen können.

Fast verhält es sich wie im richtigen Leben. Je besser man die Figuren kennenlernt, desto mehr blickt man hinter das Bild der perfekten Familien. Aus feinen Rissen werden unüberbrückbare Spalte. Und es gibt Geheimnisse, die alle in der Familie mit sich rumtragen und nicht teilen. Dort, wo man sie am wenigsten erwartet, sind sie am schwerwiegendsten. Die Figuren vertrauen sich dem Leser an, denn er ist der einzige, der wirklich zuhört. Miteinander sprechen sie kaum und wenn, dann nur oberflächliches Alltagsgedöns. Sie nehmen einander auch kaum mehr wahr und sehen nicht, wie die engsten Familienmitglieder langsam immer weiter abbauen.

Der Roman hat etwas von einer Realsatire. Vieles, was Sonja Heiss schildert, wird so genau so in vielen Familien landauf, landab so zutragen. Nichtsdestotrotz ist die Häufung an Tragik in einer einzelnen Familie schon grenzwertig hoch, passt aber zu den Figuren und stört das Gesamtbild nicht. Man fühlt mit ihnen, hat Mitleid, verabscheut sie dann wieder für ihr egoistisches Verhalten – nein, diese Armins lassen einem nicht kalt und genau das erwarte ich von einem guten Roman. Er soll mich mitreißen und einspannen und nicht einfach an mir vorbeigehen. Das ist der Autorin auf jeden Fall geglückt und an so mancher Stell hält man doch inne, um zu reflektieren, was da gerade im Buch und bei einem selbst vorgeht.

Sasha Marianna Salzmann – Außer sich

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Sasha Marianna Salzmann – Außer sich

Eine Geschichte, wie sie tausendfach in Deutschland vorkam: Als Spätaussiedler kommen die Zwillinge Anton und Alissa in den 1990er Jahren aus der Sowjetunion nach Deutschland. Zunächst leben sie im Asylbewerberheim, wo sie die einzigen Juden unter den Bewohnern, die alle vorgaben wegen ihrer jüdischen Wurzeln ein Anrecht auf die Ausreise zu haben. Diskrimination und Gewalt prägen ihre Schulzeit, aber da stehen sie in guter Tradition, denn damit sind auch ihre Eltern und ihre Großeltern großgeworden. Doch Anton und Alissa schaffen es nicht, im neuen Land ein Leben aufzubauen. Die Familie zerfällt ebenso wie ihr Selbstbild und irgendwann ist Anton einfach weg. Eine Postkarte aus Istanbul lässt ihn in der türkischen Metropole vermute. Alissa, die sich inzwischen nur noch Ali nennt, macht sich auf die Suche nach ihrer zweiten Hälfte, ohne die sie unvollständig ist.

Sasha Marianna Salzmanns Roman, der 2017 auf der Longlist des Deutschen Buchpreis steht, ist kein leicht zugänglicher Roman. Er springt zwischen den Generationen und ihren Geschichten, zwischen den Ländern, die die Figuren prägen und ihrer Suche nach Identität. Immer wieder verlieren sie sich und auch die Erzählweise springt, von einem neutralen Erzähler plötzlich in die erste Person, die die Erzählung geradezu an sich reißt. So entsteht eine chronologisch wie erzählperspektivisch disruptive Struktur, die vom Leser entschlüsselt und zusammengesetzt werden muss, um ein komplettes Bild zu erhalten.

Im Zentrum steht Alissa alias Ali, die sich auf die Suche nach Anton macht. Gleichzeitig sucht sie auch sich selbst und ihre Identität, denn Alissa ist langsam dabei zu einem Mann zu werden. Zwischen den Sprachen, den Kulturen, den Ländern, einer Familie voller unglücklicher Menschen und einem belastenden geschichtlichen Erbe hat sie nie ihren Platz gefunden und ist auf der Suche nach sich selbst. Die Suche nach Anton ist nur vordergründig – dahinter steht die eigentliche Frage, wer Alissa oder Ali ist:

„Ich war es damals noch gewohnt, von mir außerhalb meiner selbst, von mir in der dritten Person zu denken, als einer Geschichte, die irgendwem gehört, also erzählte ich ihnen eine Geschichte und hoffte, dass sie mich aus meiner Entrückung wieder an sich heranziehen […]“ (S. 210)

Ebenfalls großen Raum nimmt die Frage nach dem Jüdisch-Sein ein. Wann darf man es offen zeigen, wann besser verschweigen. Die Geschichte der Großeltern symbolisch für das Schicksal tausender Juden, die leben durften, so lange sie nützlich sein konnten und die auch in der kommunistischen und religionslosen Sowjetunion nur Menschen zweiter Klasse waren.

Die Beziehungen zwischen den Geschlechtern sind geprägt von Gewalt und Angst. Besonders erschreckend, mit welcher emotionslosen Konstatierung über Vergewaltigungen in der Ehe gesprochen wird. Man kann und will sich nicht vorstellen, dass dies für viele Frauen alltägliche Tatsachen sind, die sie letztlich abstumpfen lassen. Der Alkohol mag ein Grund sein, aber sicher keine Entschuldigung. Man gewinnt jedoch nicht den Eindruck als wenn sich jemand ernsthaft daran stören würde und so wird das Verhalten von den Kindern beobachtet und später imitiert. Für die Frau bleibt nur die Flucht in die Arbeit, dort versteckt sich als Valja, die sich nicht wirklich auflehnt gegen das, was ihr Geschichte, aber womöglich ist es auch die russische Prägung, die sie dazu treibt:

„ ‚Ich‘ ist im Russischen nur ein Buchstabe: Я. […] Man sagt: Я ist der letzte Buchstabe im Alphabet, also stell dich hinten an, vergiss dich, nimm dich nicht so wichtig, lös dich auf. Mir schien, Valja hatte diese Redensart vollkommen verinnerlicht.“ (S. 274)

Eine Familiengeschichte der anderen Art, die so noch nicht erzählt wurde, denn sie legt den beiden Kinder die Last der Geschichte wie auch der Zukunft auf die Schultern. Und das, wo sie weder wissen, wo sie herkommen, wer sie sind und wohin sie gehen werden.

Ein Dank geht an den Suhrkamp Verlag für das Rezensionsexemplar. Weitere Informationen zu Titel und Autorin finden sich auf der Verlagsseite.

 

 

Petra Morsbach – Justizpalast

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Petra Morsbach – Justizpalast

Thirza Zornigers Start ins Leben war schon nicht besonders glücklich. Ihr Mutter träumte von der Karriere in der Justiz, genau wie ihr Vater, aber als sie den Schauspieler Carlos Zorniger trifft, gibt sie die beruflichen Ambitionen zugunsten der Ehe auf. Diese ist kurz und schmerzvoll und der Rest des Lebens wird nicht besser. Die Tochter verbringt die meiste Zeit bei Großvater und den alten Tanten, wo sie zur cleveren und ambitionierten jungen Frau heranwächst. Es folgen Stationen in der Justiz, ihr Fleiß und Scharfsinn werden geschätzt und der Aufstieg geht stetig voran. Umgänglich mit den Kollegen und bedacht in der Arbeit vergehen die Jahre. Nur in der Liebe wollen die Dinge nicht so richtig klappen. Spät erst trifft sie mit Max auf einen Mann, mit dem sie ihr Leben und ihre Erlebnisse im Justizpalast teilen möchte, auch wenn sie lange dem Glück nicht trauen will. Und langsam neigt sich auch schon ihr Leben dem Ende entgegen, ein Leben, das maßgeblich von den Verfahren und ihren Urteilen bestimmt wurde, für sie als Person, bisweilen aber auch für große Firmen und das Land relevant.

Petra Morsbachs Roman schafft eine geschickte Verbindung von der Geschichte einer Frau der Nachkriegszeit, die beharrlich auch gegen Widerstände ihren Weg geht und einem Blick auf die deutsche Justiz, der mal hoffnungsvoll, mal desaströs ausfällt. Immer begleitet wird die Handlung von einem Erzähler, der sich weitgehen dezent im Hintergrund hält, aber ab und an aber mit ironischen Spitzen („Lästern ist ein Laster, aber entlastend“, S. 83) oder gar zynischen Anmerkungen für ein Schmunzeln beim Leser sorgt.

Schon früh realisiert Thirza, dass sie Kinderlos bleiben und somit im Alter allein sein wird. Ein Umstand, der sich nun einmal nicht ändern lässt und durch ihren beruflichen Erfolg noch verstärkt wird. Ohne einen konkreten Weg gezielt zu verfolgen, gelingt ihr doch der Weg durch die Kammern an immer höhere Positionen, ein wenig Glück gehört auch dazu, das Thirza in dieser Hinsicht hold stets ist. Da Liebe nicht in den Grundrechtekatalog gehört, wie der Erzähler feststellt, muss sie sich auf diesem Gebiet verwirklichen. Aber wie auch Max fragt sich Thirza, ob das das richtige Leben war und sie es sinnvoll und glücklich machend genutzt hat und nachdem sie selbst mit Krankheit konfrontiert wird, muss sie erkennen:

„Hier beginnt der Übergang in ein anderes Spiel. Eines mit härteren Regeln, ohne Berufungsmöglichkeit, mildernde Umstände und rechtliches Gehör. Und ohne Gnade.“ (S. 472)

Die Justiz hat ihr viel gegeben im Leben und immer war sie auf der Suche nach Gerechtigkeit und Ausgleich. Leiden verhindern, Recht zuerkennen, maßvoll auch gerecht urteilen – aber wird das Schicksal sich ihr gegenüber genauso verhalten? Sie ist das Sinnbild der erfolgreichen und stark verkopften Frau, die sich keinen intensiven Emotionen hingibt. Sie erkennt früh, dass sie beruflich den Männern in nichts nachsteht, gerät jedoch immer wieder an Herren, die in klassischen Klischees verhaftet sind und sie nicht als ebenbürtig anerkennen.

Neben diesen privaten Aspekten Thirzas steht jedoch vor allem die Justiz im Vordergrund des Romans. Immer wieder werden Fälle skizziert und der Alltag der Richter aufgezeigt. Sehr deutlich wird hier deren Überlastung. Sie können das vorgegebene Pensum niemals bewältigen und suchen entsprechende Ausweichstrategien: wegducken, beschleunigen, weniger sorgfältig arbeiten. Man hat Verständnis für sie und hofft, dass man selbst nie der Fall ist, der gerade so abgehandelt wird. Auch die bisweilen auftretende Situation, dass die Gesetze schlichtweg für einen Fall nicht passen und dass diese Zwickmühle nur mit dem sogenannten „Sauhundprinzip“ – der schlichten Frage danach, wer gut und wer böse ist –  beantwortet werden kann, ist nachvollziehbar, wenn auch bedenklich.

Auch ein weiterer Missstand wird deutlich bekannt: „Tja, die Staatsanwaltschaft ist immer dann besonders überlastet, wenn es um höhere Kreise geht. Wir haben eine Zweiklassen-Justiz“ (S. 54) stellt der Erzähler schon früh fest. Am Beispiel der Familie Strauß wird dies später noch viel detaillierter erläutert und lässt einem als Leser schon stirnrunzelnd zurück, wenn man sonst keinen tieferen Einblick in die Vorgänge der Gerichtsbarkeit hat.

Ein großer Roman über eine starke Frau in einem männerdominierten und hart umkämpften Umfeld. Erzählt in unterhaltsamen Ton, der nie – trotz vieler juristischer Details – tröge oder gar langweilig wird, sondern im Gegenteil die spannenden Seiten der Richterarbeit aufzeigt.

Ein Dank geht an das Bloggerportal für Das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zu Titel und Autorin finden sich auf der Internet Seite des Verlagsgruppe Random House.

Kristina Pfister – Die Kunst, einen Dinosaurier zu falten

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Kristina Pfister – Die Kunst, einen Dinosaurier zu falten

Endlich das Studium beginnen, dann kann das richtige Leben nun losgehen. Doch Das Leben lässt auf Annika noch warten. Sie hangelt sich von Praktikum zu Praktikum, sitzt in fremden Städten in kleinen Wohnungen und die prekäre finanzielle Lage erlaubt ihr auch nicht einmal kleine Sprünge. Wochenlang beobachtet sie in einem Appartement auf der anderen Straßenseite eine junge Frau, die offenbar viele Freunde hat und das Leben ausgelassen genießt. So lernt sie Marie-Louise kennen, ein Freigeist, der nicht danach strebt, irgendwelche Erwartungen oder Normen zu erfüllen. Wieder in der Heimat wird Annika in die Zeit ihrer Kindheit zurückversetzt, wie damals lebt sie bei ihrer Mutter während die ehemaligen Schulfreunde scheinbar Karriere machen. Doch auch bei diesen ist der äußere Schein eine wacklige Fassade.

Kristina Pfister gelingt es überzeugend das Lebensgefühl der Generation Praktikum einzufangen. Einerseits die Erwartung, dass das Leben voller Abenteuer und Chancen ist, die man nur ergreifen muss; andererseits der Erfüllungs- und Leistungsdruck, die unsichere Zeit zwischen Studium und festem Arbeitsplatz und das Gefühl, noch gar nicht erwachsen genug für das Leben zu sein, das man führen soll. Sehr schön wird dies mit folgendem Satz von dem Freigeist Marie-Louise auf den Punkt gebracht:

„man muss aufpassen, dass freihändig Fahrrad fahren nicht das einzige Abenteuer bleibt, das man je erlebt hat“ (Pos. 320)

Dem entgegen stehen die weisen Sprüche des Therapeuten Öztürk, der Annika helfen soll, Struktur und Sinn in ihr Leben zu bringen:

„kleine Schritte. Jemanden ansprechen zum Beispiel.“ (Pos. 1958) oder

„manchmal müsse man sich überwinden, etwas zu tun, was man nicht tun wollte, damit die Dinge besser würden.“ (Pos. 2319)

Sie wirken geradezu absurd für eine junge Frau, die offenbar verloren im eigenen Dasein ist und zwischen den Extremen der Erwartungserfüller und den scheinbar völlig Freien hin und her schwankt und doch ihren Platz nicht findet.

Der Roman lebt nicht von der Handlung, diese ist passenderweise sehr überschaubar, denn Annikas Lebens ist zum Stillstand gekommen. Sie steckt fest und sieht keinen Weg heraus aus ihrem Dilemma. Es ist das Gefühl, das sie in dieser Situation begleitet und das den Roman trägt. Es passieren kleine, unwichtige Dinge. Ein Treffen mit Freunden, ein Konzertbesuch, aber die großen Ereignisse bleiben aus. Auch die Arbeit bietet kein mentales Futter, um den Gedankenkreislauf zu durchbrechen, stupide und uninspirierend werden dieselben Handgriffe Stunde um Stunde wiederholt.

Das Buch bietet keine Lösung, wie man aus diesem Strudel ausbrechen könnte – aber dies wäre auch absurd, die Ratschläge Öztürks verdeutlichen dies, es kann nur aus dem einzelnen selbst kommen, sich sein Leben zu gestalten, der Rat von außen bleibt weitgehend hohl.

Marina Heib – Drei Meter unter Null

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Marina Heib – Drei Meter unter Null

Eine Frau wird zur Mörderin. Sie sucht sich ihre Opfer gezielt aus, doch auf welcher Grundlage bleibt zunächst unklar. Sie tötet sie nicht nur, die Männer sollen leiden, Schmerz erfahren und Todesängste ausstehen. Schon als Kind war sie anders als andere Kinder, zum einen voller Phantasie, sie konnte sich die wildesten Dinge ausmalen, die andere nur haben staunen ließen. Und zugleich gab es immer wieder Konfrontationen und unkontrollierbare Ausbrüche. Dafür gibt es eine Erklärung, die ihre Eltern jedoch bis in ihr Erwachsenenalter verschwiegen haben. Doch es kommt der Tag, an dem ihre Mutter nicht mehr schweigen will und ihr die Wahrheit erzählt. Die junge Frau kann ihr Leben nicht mehr so weiterleben, sondern begibt sich auf die Jagd.

Der Krimi startet zwei Handlungsstränge parallel. Im Jetzt, wo das Töten bereits begonnen hat und das erste Opfer zu Tode kommt und mit Rückblicken in die Kindheit, an die ersten Erinnerungen der Frau. Durch die langen Phasen der Erzählung ihrer wilden, phantasie-geleiteten Zeit, verzögert sich die eigentliche Krimihandlung immer wieder. Diese Abschnitte sind durchaus inhaltlich interessant und von Anna Thalbach auch ansprechend gelesen, jedoch fehlt ihnen die Spannung. Als man sich langsam der Erklärung für das Verhalten annähert, nimmt auch der Krimi wieder an Fahrt auf und liefert auch eine Begründung für den Titel des Buches.

Psychologisch fand ich die Geschichte ausgesprochen interessant. Zu sehen, was aus einem Menschen unter bestimmten Bedingungen werden kann, wie Einflüsse sich auswirken, bewusst und unbewusst, ist für mein Empfinden glaubwürdig und überzeugend dargestellt. Als Krimi fand ich ihn etwas zu schwach, die Spannung fehlte über weite Strecken und das Hörbuch hatte so manche Länge in der Erzählung. Der zunächst sehr verschwommene Fall gewinnt im Laufe der Geschichte an Klarheit, wird auch komplexer indem er unerwartete Aspekte liefert, die für höhere Brisanz sorgen und endet mit einer sauberen Lösung.

Insgesamt durchaus gute Unterhaltung, wenn auch nicht durchgängig Krimi-mäßig spannend.

 

Ada Dorian – Betrunkene Bäume

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Ada Dorian – Betrunkene Bäume

Nicht einmal volljährig läuft Katharina von zu Hause weg, als ihr Vater sich entschließt, einen Auftrag in Sibirien anzunehmen. Ihr Dealer vermittelt ihr eine Bleibe in einem weitgehend unbewohnten Haus. Nur nebenan lebt noch ein älterer Herr, Erich, genaugenommen Professor Erich Warendorf, ein Experte für betrunkene Bäume, wie man sie im Permafrost, im ewig Eis Sibiriens finden kann. Aber nicht nur Bäume hat er dort gefunden, sondern auch seine Frau Dascha, die er unheimlich vermisst, vor allem jetzt, wo er älter wird und ihm seine Tochter Irina zunehmend seine Freiheiten beschneidet. Eine ungewöhnliche Freundschaft entsteht, Katharina hilft dem älteren Mann sich ein wenig Unabhängigkeit zu erhalten und seine Forschung fortzusetzen; er erzählt ihr von Sibirien, wohin er einst zu Forschungszwecken aufbrach und wo jetzt Katharinas Vater ist.

Ein ungewöhnliches Buch, das einem jedoch sofort als Leser gewinnen kann. Man hat häufiger Bücher über Freundschaften zwischen jüngeren und älteren Figuren gelesen, Betrunkene Bäume würde ich hier nicht unbedingt einordnen, es ist keine wirkliche Freundschaft, die Katharina und Erich verbindet, eher eine Zweckgemeinschaft und der Wille, dem anderen nicht durch aufdringliche Fragen zu nahe zu kommen, sondern ihm bzw. ihr die notwendigen Freiheiten zu gewähren. So stellen sie sich nicht viele Fragen, können aber beide durch scharfe Beobachtung die Lage des anderen erschließen. Freundschaft ist nicht das zentrale Element des Romans, ich würde es eher in der Liebe verorten, der Liebe zur Natur vor allem. Erich liebt seine Bäume, er spricht mit ihnen, hegt und pflegt sie, wie man Kinder aufzieht und behütet. Durch diese Liebe zur Natur kann die Liebe zu einem Menschen, Daria, entstehen, nur so lernt er sie überhaupt kenne, aber auch nur hierdurch verliert er sie. Die Frage bleibt nicht offen, welche der beiden Lieben am Ende des Lebens mehr zählt.

Auch wenn das Buch oftmals melancholisch ist, die harte Wirklichkeit des Älterwerdens und den damit verbundenen Einschränkungen, der Verlust eines geliebten Menschen, Katharinas Verlorenheit in ihrem eigenen Leben, erdrückt einem diese Stimmung jedoch nicht. Die Wechsel zwischen den Figuren und den Zeiten, viele Jahrzehnte zuvor in Sibirien, dagegen Deutschland heute, lockern den Erzählfluss immer wieder auf. Komische Momente, insbesondere durch Erichs nachlassende Souveränität im Alltag, lassen einem manchmal sogar schmunzeln. So entsteht eine durchaus tiefgründige, wenn auch langsame und gediegen dahinfließende Geschichte.

Heike-Melba Fendel – Zehn Tage im Februar

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Heike-Melba Fendel – Zehn Tage im Februar

„Ziehe für zehn Tage zu Sepp, das ist besser für uns beide.“ Das ist die Nachricht, die die Protagonistin von ihrem Mann vorfindet. Für die Zeit der Berlinale ist sie allein zu Hause und im Kino. Zehn Tage, in denen sie nicht nur unzählige Filme sieht und Partys besucht, sondern auch ihr Leben Revue passieren lässt und ihr Dasein in Frage stellt.  Schon früher einmal hatte die Regisseurin Jane Campion, die sie wegen ihrer großartigen Filme und insbesondere der gezeichneten Frauenrollen verehrt, einen entscheidenden Wink für ihr Leben gegeben. Wird sie ihr auch dieses Mal dabei helfen, die richtige Richtung einzuschlagen?

Namenlos bleibt die Frau, die wir zehn Tage lang begleiten. Eigentlich könnte alles gut und sie zufrieden sein: ein bodenständiger Mann, ein Häuschen in Berlin, ein Leben gefüllt mit typischen Dingen, die Paare eben tun. Doch die vermeintliche Stabilität, die die äußeren Zeichen suggerieren, entsprechen nicht der inneren Wahrnehmung und die Fragilität der Eigenheime und bodenständigen Beziehungen war auch vorhergehenden Generationen schon bekannt und deren glückbringender Faktor, der bisweilen recht überschaubar ist, ebenso. Die Frau denkt zurück an die Zeit vor dem Mann, das Leben geprägt von Eigenständigkeit und Unabhängigkeit, das nun so verlockend scheint. Selbst die finanzielle Unsicherheit, die mit der Selbstständigkeit und der eigenen Agentur einherging, scheint verlockender als das Reihenhaus mit akkurat gestutzter Hecke und den optisch auf die Möbel abgestimmten Gardinen. Als Kontrast wird dagegen der Film gesetzt, das Medium, in dem alles möglich und alles denkbar ist. Das Frauen unendliche Gelegenheiten zur Selbsterfindung und Selbstverwirklichung gibt. Aber ist das Leben ein Film? Ist dann nach 90 Minuten alles vorbei?

Das Paar ohne Namen kann symbolisch für jeden mittleren Alters stehen. Das Leben verläuft in geordneten Bahnen, beruflich wie privat scheint alles von Erfolg gekrönt, doch innerlich wächst langsam die Sinnfrage heran. Die Rollen, die wir spielen sind unser Leben und vielleicht passen diese gar nicht zu uns. Auch der Widerspruch zwischen der stabilen Zweierbeziehung und dem Drang nach Unabhängigkeit lässt sich nicht auflösen. Heike-Melba Fendel gelingt es, diese Zerrissenheit in ihrer Protagonistin aufzuzeigen und im Medium Film zu spiegeln. Hier wird das Oberflächliche, das mit der Realität nichts gemein hat, besonders deutlich und der Blick dahinter – sei es durch die erfolglose Schauspielerin Sarah oder die falsch verstandene Intention der Regisseurin – macht insbesondere deutlich, dass der Blick von außen kaum erfassen kann, was hinter der Fassade stattfindet. Bleibt die Frage, ob die Fassade aufrechterhalten werden soll und das Leben zu einer Rolle verkommen darf oder ob man es wagt auszubrechen, die Fassade einzureißen und einen Neuaufbau zu beginnen.

Ein Buch, das Erinnerungen an zahlreiche Filme weckt und gleichzeitig wesentliche Fragen stellt – die man als Leser für sich aufgreifen kann, aber nicht muss.

Vladimir Nabokov – Verzweiflung

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Vladimir Nabokov – Verzweiflung

Ein Zufall führt in Prag den Schokoladenhersteller Hermann und den Landstreicher Felix zusammen. Hermann ist verblüfft ob der Ähnlichkeit, die er zwischen sich und dem anderen zu erkennen glaubt. Aus dieser zunächst unbedeutenden Begegnung erwächst in dem Unternehmer ein bizarrer Plan: da er unter finanzieller Not leidet, plant er seinen eigenen Mord, um die Versicherungsprämie zu kassieren. Doch nicht er, sondern sein vermeintlicher Doppelgänger soll ins Jenseits befördert werden. Akribisch beginnt er zu planen und alles für den entscheidenden Tag, der 9. März 1931 soll es sein, vorzubereiten. Seine Frau wird detailliert instruiert, was sie nach dem Ableben des Gatten zu tun hat, der Schwager wird ins Ausland befördert, um auf seinem Grundstück die Tat zu vollziehen, auch bei Anwälten wird vorgebaut und zuletzt das Opfer angelockt. Das Vorhaben scheint zu glücken und Hermann kann sich wie vorgesehen nach Frankreich absetzen. Doch schon bald zeigt sich, dass etwas nicht planmäßig gelaufen ist.

Die Geschichte wird als Notizen Herrmanns aus dem französischen Exil geschildert. Dabei richtet er sich direkt an seinen Leser, schweift ab, entwirft bisweilen sogar unterschiedliche Kapitelanfänge, schwadroniert über Literatur und Rezeption – kurz gesagt: der schnell erkennbar von einem Wahn ergriffene Erzähler ist nicht zu stringenter, geradliniger und schon gar nicht objektiver Berichterstattung fähig. Dass er auch nur wenig vertrauenswürdig in seiner Darstellung ist, liegt auf der Hand. Die Überhöhung seiner eigenen Person, seiner Genialität bei der Planung des perfekten Mordes und der Täuschung seiner Umwelt und auch der Polizei, alles ein wunderbares Beispiel für den psychisch angeschlagenen Menschen, der die Welt im Tunnelblick wahrnimmt.

Nabokov hat seinen Roman im Berlin der 1930er Jahre auf Basis eines tatsächlichen Mordfalles verfasst, der sich 1929 zugetragen hatte. Zwar wird die eigentliche Tat minutiös in ihrer Vorbereitung und Durchführung am besagten Tag geschildert, aber tatsächlich ist sie nicht das zentrale Element der Erzählung. Die Wahrnehmung der Welt, die Feststellung von Parallelen, Ähnlichkeiten und das Erzählen selbst sind es, die den Autor umzutreiben scheinen. Viele Sprünge hin und her sowie alternative Ausgänge verwirren den Leser und führen ihm vor Augen, wie fragil das, was wir als real zu erkennen glauben und uns zusammenreimen über das Dasein der Welt, doch letztlich ist und welche Gefahr in Hybris und Narzissmus lauern.

Ein bemerkenswert konstruierter Roman, der einem jedoch einiges abverlangt, dieses Mal – im Gegensatz zu Lolita – nicht auf der inhaltlichen, sondern mehr auf der erzählerischen Ebene.

 

Kai Weyand – Applaus für Bronikowski

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Kai Weyand – Applaus für Bronikowski

Ein Lottogewinn wird alles ändern für Nies und seine Familie. Doch die Zukunftspläne der Eltern, das neue Leben in Kanada, sehen irgendwie nicht vor, dass die beiden Kinder sie begleiten. So bleiben Nies und sein Bruder schon als Jugendliche allein in Deutschland zurück. Aus Protest gibt er sich einen neuen Namen: NC – No Canada. Seine Beziehungen zu Menschen bleiben schwierig, meist ist er allein mit seinen Gedanken und den scharfen Beobachtungen seiner Mitmenschen. Als er zufällig in einer Bäckerei eine Empfehlung von einer Verkäuferin erhält, fragt er sich auch noch, wohin er jetzt spazieren solle. Der Tipp wird sein Leben verändern, führt sein Weg ihn zu einem Beerdigungsinstitut, wo man auch gerade einen Mitarbeiter sucht. Mit den Lebenden kommt NC nur schlecht zurecht, aber für die Toten hat er ein Händchen und er schafft es auch, aus unmöglichen Situationen mit Einfallsreichtum wieder herauszukommen.

Kai Weyands Protagonist ist schon sehr eigen geraten, als Sympathieträger kann man ihn nicht unbedingt sehen, dafür kann er weder zu den Figuren in seiner fiktionalen Welt noch zu dem Leser eine wirkliche Bindung aufbauen. Das einzige, das ihn sympathisch erscheinen lässt, ist der Umgang mit den Toten, denen er Respekt und Fürsorge entgegenbringt und sie nicht als Körper sieht, sondern als Menschen. Auch dass er durchaus bemüht ist, dem Jungen, den er im Bus kennenlernt, beiseite zu stehen, wenn dieser wieder den Angriffen der anderen ausgesetzt ist, zeigt, dass er eigentlich kein schlechter Typ ist. Trotzdem bleibt er zurückgezogen für sich.

Das Buch lebt weniger von seiner Hauptfigur als viel mehr von den absurden Situationen, in die sich NC manövriert, und seinen schrägen Ideen, um den Toten ihre letzten Wünsche zu erfüllen. So gelingt es dem Autor, neben dem todernsten Thema Bestattung und Umgang mit dem Tod, immer wieder auch urkomische Momente zu schaffen und zu zeigen, dass der Fokus weniger auf dem Verlust als auf den positiven Erinnerungen liegen sollte.

Ein Beruf, der Bestatter, eher zur literarischen Randgruppe gehörend, kommt bei Kai Weyand in unerwartet komisch daher und dem Autor gelingt der Spagat zwischen unterhaltsam und ernsthaft bei diesem heiklen Thema.