Nathalie Boegel – Berlin – Hauptstadt des Verbrechens

Berlin - Hauptstadt des Verbrechens von Nathalie Boegel
Nathalie Boegel – Berlin – Hauptstadt des Verbrechens

Dank Buch- und Filmreihen wie Babylon Berlin sind die 20er und 30er Jahre der Hauptstadt seit geraumer Zeit wieder in aller Munde und ausgesprochenes Lieblingsthema von Autoren und Filmemachern. Doch was ist dran am Mythos „Goldener Zwanziger“ und wie gefährlich war es im damaligen Berlin wirklich? Nathalie Boegel blickt auf die aufsehenerregenden Kriminalfälle der Stadt, die Herrscher der Unterwelt und die politischen Entwicklungen, die zum Scheitern der Weimarer Republik geführt haben.

Das erste Kapitel um die Betrüger und Mörder fand ich besonders unterhaltsam geschrieben. Obwohl die Autorin auch Kapitalverbrechen wiedergibt, gelingt ihr hier ein ausgeglichener Ton zwischen sachlichem Bericht und erzählerischer Unterhaltung, so dass die Geschichten fast Romanqualität haben. Besonders jedoch haben es mir die Schilderungen um die sogenannten „Ringvereine“ angetan, man mag kaum glauben, dass es diese wirklich gegebene haben soll. Mitglied konnte nicht jeder werden, die Statuten regeln den Zugang eindeutig:

Die Männer müssen allerdings »ehrenwerte« Verbrechen begangen haben – wie Einbruch, Diebstahl, Schutzgelderpressung, Schmuggel, Hehlerei oder Drogenhandel. Viele Vereinsmitglieder sind nebenher als Luden, Zuhälter, tätig, eine sichere Bank, wenn’s mit den Eigentumsdelikten gerade mal nicht so läuft. Ihre »Pferdchen« genannten Prostituierten sorgen für den Lebensunterhalt der feinen Herren Ringvereinsmitglieder.

Interessant ist, dass es unter den Verbrechern offenbar wirklich einen Ehrenkodex gab und nicht nur die Kontaktpflege angesagt war, sondern man sich tatsächlich gegenseitig unterstützte:

Erleidet ein Vereinsmitglied einen »besonderen Notfall«, landet er also im Knast, erhalten die Hinterbliebenen aus der stets gut gefüllten Vereinskasse Geld zum Überleben. Allerdings müssen die Ehefrauen und Verlobten einen gesitteten Lebenswandel nachweisen und ihrem eingesperrten Mann treu bleiben.

Der Blutmai im Jahre 1929 leitet das Ende der Weimarer Republik ein, neben der Polizei hat die ehrenwerte Gesellschaft es nun auch vermehrt mit den Nationalsozialisten und vor allem der SA zu tun. Besonders die Rolle Erich Mielkes Ende der 20er Jahre war mir bis dato völlig unbekannt, für mich ist er historisch einzig mit der DDR verbunden gewesen.

Ein unterhaltsam zu lesendes Sachbuch, das sowohl informativ ist und gleichermaßen durch den Plauderton locker und kurzweilig zu lesen ist.

Meine literarischen Empfehlungen zu den Berliner 1920ern:

Selim Özdogan – Es ist so einsam im Sattel, seit das Pferd tot ist

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Selim Özdogan – Es ist so einsam im Sattel, seit das Pferd tot ist

Alex ist vom Leben frustriert: seit ihn seine Freundin verlassen hat, hat er kaum mehr Vertrauen zu anderen Menschen; sein Studium verfolgt er auch eher ziel- und begeisterungslos und außer seinen beiden Freunden Henry und Kai hat er eigentlich auch keine Sozialkontakte, so werden Alkohol und Drogen zu guten Wegbegleitern. Als er die Tramperin Esther mitnimmt, scheint plötzlich wieder die Sonne und der triste Frühling geht in einen traumhaften Sommer über. Sie belebt seine Sinne und das ganze Leben fühlt sich anders an und er sich selbst Energiegeladen. Doch es ist riskant alles auf eine Person auszurichten und so tritt ein, was eintreten muss: Esther fühlt sich bedrängt und zieht sich zurück. Für Alex bricht die Welt zusammen.

Selim Özdogans Roman bringt die typische Quarter-Life-Crisis auf den Punkt: eine Generation, die alle Möglichkeiten der Welt hat, sie aber nicht nutzen kann. Die Pubertät überlebt, nur um dann mit Anfang zwanzig in eine Depression zu stürzen, aus der man alleine nicht wieder herauskommt. Viele der Figuren haben keinen einzigen Lebensbereich wirklich im Griff und flüchten unentwegt vor der Realität, komatöse Ausfälle sind ebenso normal wie berauschende Trips.

Auch wenn das Buch mit viel Humor und Wortwitz geschrieben ist, lastet doch eine mal melancholische bis depressive Stimmung auf ihm – genau passend für den Protagonisten, dem jede Lebensenergie fehlt und der sich für nichts zu begeistern mag. Genau diese endlose Traurigkeit macht es auch für sein Umfeld unheimlich schwer, denn sie müssen ihm immer wieder animieren aktiv zu werden. Vor allem Esther überfordert diese Aufgabe und mit ihrem Rückzug stürzt sie Alex immer tiefer in den Abwärtsstrudel. Die Erwartungen der Umwelt sind hoch bzw. werden als solche wahrgenommen und man kann daran eigentlich nur scheitern:

Ich fühlte mich dem Druck ausgesetzt, etwas Besonderes geben zu müssen, von dem ich nicht genau sagen konnte, was es war. Ich war einfach unfähig, ich fühlte mich nicht ganz wohl in meiner Haut, mir schien es oft so, als gehörte ich gar nicht wirklich auf diesen Planeten, als sei hier nirgendwo ein Platz für mich reserviert, ich konnte keinerlei Erwartungen erfüllen.

 

Özdogan bringt die Gefühlslage seines Protagonisten sehr gut rüber, bietet aber keine Lösungsansätze. Natürlich empfindet man ein Stück weit Mitleid mit ihm, aber ernsthafte Bemühungen, etwas an der Lage zu ändern., bleiben ebenso aus wie die Reflexion des eigenen Zustands. So wirkt Alex letztlich doch etwas spätpubertär und er kann eigentlich nur zum Anithelden werden, der als abschreckendes Beispiel dient.

Volker Kutscher – Moabit

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Volker Kutscher – Moabit

Er ist der Chef des Ringvereins Berolina, doch aktuell sitzt er in Moabit im Gefängnis. Das macht nichts, ist gut fürs Image und die Geschäfte werden draußen von seinen Untergebenen weitergeführt. Doch dann wird Adolf Winkler im Knast überfallen und beinahe getötet. Wie konnte es dazu kommen? Auch Christian Ritter, der Oberaufseher, muss unangenehme Fragen beantworten. Wäre er nicht zufällig hinzugekommen, hätte sicherlich Winklers letzte Stunde geschlagen gehabt, so musste der Gegner letztlich mit dem Leben bezahlen. Auch wenn er seine Pflicht getan hat, hadert Ritter doch. Einzig seiner Tochter Charlotte kann er seine Gedanken anvertrauen. Doch diese grübelt ebenfalls: kann sie ihrem Vater von ihren heimlichen nächtlichen Ausflügen und den dabei gemachten Beobachtungen berichten?

„Moabit“ ist bezogen auf die Handlung das Prequel zu Volker Kutscher Serie um Kommissar Gereon Rath, der bei der Berliner Kriminalpolizei auf die Stenotypistin Charly Ritter stößt und sich in sie verliebt. Charly ist eine der ehrgeizigen Frauen, die hart für den Aufstieg arbeiten. Als Tochter eines Polizisten direkt am Knast aufgewachsen, kennt sie den dortigen Alltag, ist aber auch fasziniert vom Verbrechen und studiert daher Jura. In der kurzen Geschichte wird ein entscheidender Moment in ihrem Leben geschildert, jener, in dem sie von der gutbehüteten Tochter Lotte zur unabhängigen jungen Charly wird: sie blickt auf den Anschlagsort, bei dem ihr Vater ums Leben kommt und sieht eine für sie neue Wirklichkeit,

„[…]eine gnadenlose, unerbittliche Wirklichkeit, die es nicht juckt, wenn man sie nicht wahrhaben will, die einfach nur da ist und verlangt, dass man es mit ihr aufnimmt. Und in diesem Moment, das spürt Charly, ist Lotte endgültig gestorben.”

Die Geschichte ist relativ überschaubar und durch den dreifachen Perspektivenwechsel auch vorhersehbar. Entscheidender ist die Gestaltung des Buchs, das Illustrationen von Kat Menschik enthält. Passend zu Atmosphäre und Zeit setzt sie die Handlung optisch in Szene und ergänzt diese überzeugend und außergewöhnlich. Sie liefert Porträts der Figuren und der Schauplätze, aber auch Werbeanzeigen im typischen Stil der 1920er. So rückt die erzählte Geschichte auch ein Stück in den Hintergrund, was dem Gesamtwerk aber in keiner Weise schadet, ganz im Gegenteil: für mich eine gelungene Verbindung zwischen Text und Bild, der man anmerkt, dass sie in keiner Weise zufällig, sondern sehr sorgsam ausgewählt ist.

Andreas Eschbach – NSA

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Andreas Eschbach – NSA

Helene Bodenkamp ist in den 1930er Jahren eine gute Schülerin, nur in den Haushaltsfächern zeigt sie sich nicht nur unwillig, sondern auch völlig talentfrei. Daher entscheidet sie sich für das Fach Programmieren, eine typische Frauenarbeit, ist das Erstellen von Programmen doch direkt vergleichbar mit dem Stricken nach Muster. Sie ist begabt und so bietet man ihr zum Ende der Schulzeit einen Job im NSA an, wo sie für die Analysten Abfragen erstellt und Daten aufbereitet. Bei der Entwicklung der Komputertechnik ist Deutschland führend und täglich werden Unmengen an Informationen über die Einwohner gesammelt – wenn diese ihr Handy benutzen oder bargeldlos bezahlen – die ausgewertet und für die Planungen und Sicherheit benutzt werden können. Lange Zeit sieht Helene ihre Arbeit unkritisch, bis ihr während des Zweiten Weltkrieges klar wird, dass die Statistiken, die sie erstellt, direkte Auswirkungen auf die Menschen haben und diese sogar in Lebensgefahr bringen können.

Andreas Eschbach hat ein heute realistisches Szenario – die globale Vernetzung und die quasi totale Überwachung der Menschen über das Internet und elektronische Geräte – in die Zeit der Nazi-Herrschaft verlegt. Ein interessantes Konstrukt, da er sich so von den gängigen Dystopien in diesem Themenrahmen unterscheidet und zudem noch viel realistischer die Auswirkungen der technischen Möglichkeiten herausstellen kann. Sehr überraschend für mich das Ende, das einen völlig unerwarteten Ausgang nimmt, der mich gänzlich unvorbereitet getroffen hat, wenn dieser auch im Rückblick konsequent angelegt war.

Die Figur Helenes kann den Roman leicht tragen. Dank ihrer Herkunft hat sie nicht nur Zugang zu höherer Bildung, sondern auch zu Wissen, das den Durchschnittsbürgern vorenthalten bleibt. Ihre zunächst eher unkritische Haltung wird durch persönliche Erfahrungen plötzlich auf die Probe gestellt und so mutiert sie zur Widerstandskämpferin im Kleinen, die das System unterwandert und doch zugleich stützt. Ihr Gegenspieler Eugen Lettke weist wenig positive Eigenschaften auf, kleinlich und rachsüchtig geht er seinen Weg und so hat man auch wenig Mitleid mit ihm als der Sturz droht.

Trotz der Länge des Romans bleibt die Handlung durchgängig spannend und wird wohldosiert mit neuen Ereignissen angetrieben. Eschbach hat die technischen Neuerungen, die historisch nicht existierten, überzeugend in den geschichtlichen Kontext integriert, so dass diese sich reibungslos einfügen und die Handlung authentisch wirkt. Es kann im Nazi-Regime keine Mächte-Gleichgewicht geben und doch sieht man, wie ein einziger Mensch einen Einfluss auf Entwicklungen haben und durchaus innerhalb seines Rahmens eine Gegenwehr erzeugen kann. Für mich ein runder Roman mit einer ausgewogenen Balance zwischen Spannung, Figurenentwicklung und dystopischen Elementen.

Max Bronski – Schneekönig

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Max Bronski – Schneekönig

Nach einem kalten Abend auf dem Münchner Christkindlmarkt ist Wilhelm Gossec auf dem Weg nach Hause zu seinem Trödelladen als er plötzlich angefahren wird. Zwischen Sein und Nichtsein schwebend scheint man ihm noch eine Chance zu geben und schickt ihn zurück auf die Erde, wo er vor seinem Laden ein Paar in Not findet. Er nimmt die beiden mit zu sich und kurz danach assistiert er Mariella auch schon bei der Geburt ihres Sohnes Joshua. Ein ungutes Gefühl hatte sie davon abgehalten in die Klinik zu gehen, in der just in dieser Nacht zwei neugeborene Jungen ermordet wurden. Mariella druckst herum, ihr Begleiter ist nicht der Vater des Kindes, schnell wird Gossec klar, dass die Frau in höchster Gefahr ist. Derweil bricht der Winter über die bayerische Hauptstadt herein und das Leben kommt zum Erliegen – nicht jedoch für Gossec, der neben der Findelfamilie auch noch seine eigene Bleibe retten muss und dann war da ja auch noch die Frage, ob er jetzt gen Himmel reisen darf oder doch noch ein paar Jahre irdisches Dasein genießen soll…

Max Bronskis sechster Fall um den Trödelhändler ist kein bierernster Krimi, sondern recht humorvoll in Handlung und Sprache und durch die schon wenig realistische Ausgangssituation eine eher unterhaltsame denn spannende Angelegenheit. Nichtsdestotrotz gibt es eine gut konstruierte und durchaus knifflige Krimihandlung, die nebenbei um das ernste Thema der Immobilienhaie und die schwierige Situation auf dem Münchner Wohnungsmarkt ergänzt wird.

Gossec ist als Figur kauzig angelegt und kann dank seiner Menschenkenntnis den Fall eher unkonventionell angehen. Vor dem Hintergrund der Ereignisse der vergangenen Tage erscheint mir auch das Vorgehen der saudischen Prinzen auch keineswegs mehr so abwegig wie das vielleicht noch vor Kurzem der Fall gewesen wäre. Dass Mariella und das Baby in ernsthafter Gefahr schweben, wenn ein Killerkommando nach ihnen sucht, ist leicht vorstellbar. Neben dieser Haupthandlung fand ich jedoch die Problematik um die alte Immobilie, in der Gossec und seine Nachbarn wohnen, nicht nur überzeugend eingebaut, sondern auch als reale Bedrohung der normalen Bürger gut gewählt. So entsteht eine gelungene und unterhaltsame Mischung aus Spannung und Humor, die man aufgrund der Kürze des Romans an einem entspannten Sonntagnachmittag genießen kann.

Rasha Abbas – Die Erfindung der deutschen Grammatik

Cover - Rasha Abbas - Die Erfindung der deutschen Grammatik
Rasha Abbas – Die Erfindung der deutschen Grammatik

Schon in ihrer syrischen Heimat hat sie sich für allerlei fremde Sprachen interessiert, dass es ausgerechnet das Deutsche werden sollte, dass sie mal irgendwann brauchen würde, ahnte Rasha Abbas damals, als die Welt noch in Ordnung war, nicht. Nach der Flucht über den Libanon landet sie letztlich in Neukölln, das irgendwie gar nicht so fremd ist, vor allem wundert es sie, dass sie quasi nie Deutsche trifft, sondern Türken, Italiener und sonstige Einwanderer. Aller Anfang ist schwer im neuen Land und mag man auch noch so integrierwillig sein, der Neustart hat seine Tücken: der Asylantrag, Weihnachten, der Sprachkurs – man ahnt ja gar nicht, woran man so alles scheitern kann.

Rasha Abbas ist syrische Journalistin und Autorin. Seit 2015 lebt sie in Deutschland, 2016 hat sie „Die Erfindung der deutschen Grammatik“ veröffentlicht, in dem sie humorvoll ihr Ankommen in Deutschland beschreibt. Es ist aber auch eine Auseinandersetzung der Autorin mit sich selbst, ihren Erwartungen an sich und dem Umgang mit Niederlagen. Sie gibt Einblick in die andere Seite der Asyldebatte ohne politische Position zu beziehen und zu werten. Mit Ironie – auch einer gehörigen Portion Selbstironie – erlaubt sie uns einen Blick in ihre Welt.

Wie der Titel schon sagt, spielt natürlich das Erlernen der deutschen Sprache eine Rolle und diese bietet so Manches, worüber man sich wundern kann:

„Wir befinden uns nun einmal in einer Zeit, in der das feministische Bewusstsein noch nicht so ausgeprägt ist. Deshalb muss ich mich so verhalten. Lass mich noch eins draufsetzen, das verwirrt die Lernenden noch mehr: Das Wort Mädchen machen wir jetzt neutral und nicht weiblich.“

„Neutral? Werden wir jetzt etwa ein drittes Geschlecht einführen? Ich kann mich nicht daran erinnern, dass wir uns auf so etwas geeinigt hätten. Wozu soll das bitte gut sein?“

Aber nicht nur unsere Sprache, sondern auch unsere Kultur bieten Raum für Mutmaßungen und Verwirrung: Rasha Abbas beobachtet Hamsterkäufe, Menschenmengen, die in die Städte drängen und die Läden regelrecht leerkaufen. Und plötzlich: niemand mehr, alles ist wie ausgestorben. Was sie zunächst als Vorbereitungen auf einen Krieg deutet, sind die alljährlichen Besorgungen für das Weihnachtsfest und Silvester, die traditionell zu Hause gefeiert werden und die Innenstädte vereinsamen lassen.

Es gibt aber auch Aspekte, die mir völlig neu waren, wie etwa den Status als Asylbewerber innerhalb der Community der Landsleute zu verbergen und auf Studentenvisa u.ä. zu verweisen.

Es entstand ein neues Phänomen, eine Art Wettstreit nach dem Motto: „Wer ist weniger Flüchtling als der andere?“

Zugegebenermaßen habe ich mir nie Gedanken darüber gemacht, ob der Status als Flüchtling als Makel angesehen werden könnte, vor allem unter Landsleuten. Es mutet eigentlich fast absurd an, aber letztlich ist es doch nachvollziehbar, dass man dieses Etikett nicht zur Schau tragen möchte.

Die Autorin versucht schließlich auch in der neuen Heimat einen Text zu veröffentlichen, was an einem etwas wenig feinfühligen Lektor scheitert:

„Aber um Himmels Willen, natürlich, meine Liebe! Das Letzte, was ich Ihnen vermitteln wollte, ist, dass, gottbewahre, der Roman nichts als eine große Scheiße ist. Es gibt eine Sache, die ich persönlich äußerst inspirierend und anziehend fand: Ihren Mut. Sie haben einen wirklich bemerkenswerten Mut.“ (…) Ach, Sie sind mir aber auch ein putziges Mädchen. Ich meine Ihren Mut, ein dermaßen miserables Werk zu schreiben und es dann auch noch veröffentlichen zu wollen. Das ist sehr mutig.“

Ein Glück hat sie doch noch jemanden gefunden, der sie veröffentlicht, denn sonst wäre uns dieser kleine Schatz entgangen.

Dirk Kurbjuweit – Fear

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Dirk Kurbjuweit – Fear

Randolph Tiefenthaler is a successful Berlin based architect. With his wife Rebecca and their two kids, they just moved into the stylish old houses of the German capital where they have find the seemingly perfect home. Yet, it doesn’t take too long until the neighbour from the basement, Dieter Tiberius, becomes more and more awkward and strange. He writes love letters to Rebecca, which is just annoying, but then he accuses her of child abuse and repeatedly calls the police to check on them. Randolph gets a lawyer, he contacts the youth welfare service, but there is nothing he can do to protect his family from the crazy man in the basement. The fear that he might attack his wife or hurt the children grows and with it the marriage become increasingly fragile. There nerves are on the edge until the day they cannot support it anymore and they need to help themselves to protect the family.

Dirk Kurbjuweit plays with the family idyll which is threatened in the core: the home. The loving father who has built the perfect life for himself and his wife, becomes suddenly incapable of action. He cannot protect his beloved, there is a danger close at hand that he cannot control and sees himself exposed defencelessly. The pressure which is on Randolph and Rebecca is palpable and you as a reader also feel the growing impression of being helpless, powerless and most of all vulnerable.

Even though from the start it is clear what the outcome of all will be, the thriller is full of suspense and the development of the plot gives you the creeps. Kurbjuweit has a very lively style of writing and making Randolph the narrator underlines the feeling of being a part of the story and makes it easy to sympathise with him and to commiserate with him.

Angelika Klüssendorf – Jahre später

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Angelika Klüssendorf – Jahre später

April ist erwachsen geworden, nicht mehr das suchend umherirrende Mädchen von einst, das sich das Leben nehmen will. Da ist aber auch Julius, ihr Sohn, um den sie sich kümmern muss. Als sich Ludwig für sie interessiert, scheint das bürgerliche, normale Leben möglich. Sie verlässt für ihn Berlin, zieht nach Hamburg. Ist unglücklich. Auch eine andere Wohnung kann ihr keine Erfüllung bringen und mit Samuels Geburt erfüllen sich ihre Träume ebenfalls nicht. Doch welche Träume hat sie eigentlich? Es folgen Rückzug nach Berlin, Trennung, Rosenkrieg. Und April ist immer noch unglücklich.

„Jahre später“ – Teil drei von Angelika Klüssendorfs Trilogie um April, nun als Erwachsene. Genau wie auch schon die beiden Vorgängerromane ist auch dieser wieder nominiert für den Deutschen Buchpreis. War das Mädchen in den beiden ersten Bänden noch ein sehr eigenwilliger und außergewöhnlicher Charakter, wird sie nun eher zu einem Sinnbild für eine Vielzahl von Frauen und verliert dadurch leider ein wenig an Strahlkraft.

Zu Beginn des Romans ist April noch tough und stark, wehrt sich gegen die doch eher dreiste Anmache eines Zuhörers bei ihrer Lesung. Ihr Verhalten täuscht jedoch über ihre innere Unsicherheit hinweg, bleibt äußerlich; obwohl sie älter geworden ist, scheint sie immer noch das unsichere Mädchen. Der Wunsch nach Durchschnittlichkeit und Normalität verleitet sie, ihre Prinzipien aufzugeben und Ludwig eine April zu präsentieren, die er gerne sehen möchte:

„Als sich Männer für sie zu interessieren begonnen hatten, war April misstrauisch geblieben, denn es konnte auch eine Falle sein, ein Irrtum. Nun ist sie dreißig und weiß immer noch nicht, was gut oder schlecht für sie ist. Sie kann es nicht fühlen. Ludwig fragt nach ihrem Leben und wünscht sich Antworten, die ihn erstaunen, aber nicht verstören sollen; das begreift sie intuitiv und hält sich daran.”

Sie liebt ihn nicht, aber er verspricht etwas, das sie nie hatte. Doch tief in ihr bleiben die Zweifel, sie kann sich nicht von ihrer Vergangenheit lösen und ist daher nicht frei für die Zukunft:

„Was will April? Ihr Buch ist erschienen, die Kritiken sind gut. Doch sie spürt weder Freude noch Stolz, als wäre sie gar nicht gemeint. Der eigene Erfolg macht sie misstrauisch. Alles nur schöner kalter Schein, denkt sie, irgendwann kommt die wahre April wieder zum Vorschein, hässlich und heimatlos. Heimatlos bedeutet, dass sie sich nirgends einrichten darf, sie muss auf dem Sprung sein, wenn die Vergangenheit sie einholt.”

Sie spielt eine Rolle, die ihr nicht liegt und lebt einem Leben, das nicht ihres ist. Die Trennung ist irgendwann unausweichlich, doch der Krieg, der folgt, den hat sie nicht vorausgesehen. Für Ludwig gibt es kein simples Ende, er kann nur Sieger sein und wieder einmal wird sie in die Enge gedrängt und kann nur noch passiv agieren.

Der Verlauf von Aprils Leben im dritten Band ist die logische Folge dessen, was zuvor geschah. Auch die Entwicklungen, die ihre Beziehung nimmt, sind in sich stimmig. Trotzdem hätte ich mir eine kämpferische Protagonistin gewünscht, die sich endlich von ihren Dämonen befreit. Zu Aprils sehr klarem Verstand, zu ihrem schnörkellosen Charakter, der nüchtern auf die Welt blickt und nur wenig erwartet, passt Angelika Klüssendorfs direkter Stil. Keine blumigen Beschreibungen, oftmals kurze Sätze, die auch die Getriebenheit, die April spürt, sehr gut sprachlich wiedergeben. Dennoch lässt mich der Roman etwas unbefriedigt zurück. Es fehlte Etwas, das sich nur schwer bestimmen lässt.

André Georgi – Die letzte Terroristin

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André Georgi – Die letzte Terroristin

Der deutsche Herbst ist längst vergangen, die großen Ikonen der RAF tot und Deutschland frisch wiedervereinigt. Aber der Untergrundkampf ist noch lange nicht beendet, denn es gibt neue Ziele, neue Opfer, denen die dritte Generation Terroristen sich zuwendet: der Chef der Deutschen Bank, ermordet im Frühjahr 1991 und das nächste Ziel ist auch schon im Visier: Hans-Georg Dahlmann, der Treuhandchef. Geschickt hat man eine Frau bei im platziert, die bislang völlig unter dem Radar von BKA und anderen Sicherheitsbehörden war: Sandra Wellmann, ehemals beste Freundin seiner Tochter erscheint Dahlmann vertrauenswürdig und geeignet als Assistentin. Doch das BKA ist der RAF auf der Spur, ein V-Mann kann wichtige Informationen liefern und die Nerven liegen blank bei den Terroristen – so geschehen Fehler. Wer wird am Ende die Oberhand haben?

Wie schon in „Tribunal“ greift André Georgi auf die Realität als Vorlage für seinen Thriller zurück und zeigt, dass das Leben selbst genügend Spannung bietet und es gar keiner ausgedachten Geschichte bedarf, um auf höchstem Niveau zu unterhalten. Auch wenn die Namen der Opfer und Täter erfunden sind, benötigt man als Leser nur wenige Seiten um die Ermordungen von Alfred Herrhausen und Detlev Karsten Rohwedder wiederzuerkennen. Zwei aufsehenerregende Fälle, deren genaue Tathergänge bis heute nicht restlos geklärt sind.

Die ganz klar spannendsten Aspekte sind nicht der Ausgang der Geschichte, der ist bekannt, sondern die von Georgi konstruierten Hintergründe und die Figuren der Täter mit ihren Emotionen, aber auch den Strukturen der RAF. Bringt man den Fall Rohwedder nur mit dem Terror in Verbindung, vergisst man mögliche andere Motive, die in Anbetracht seiner Funktion eigentlich naheliegen und es ist gut vorstellbar, dass hinter dem Mord ein ganz anderer Antrieb steckte, der bis heute unentdeckt ist und es womöglich immer bleiben wird. Auch die Rücksichtslosigkeit, mit der die Terroristen mit den eigenen Leuten umgehen, wie Sandra im Roman benutzt und belogen wird, steigert das abscheuliche Bild der Gruppe nochmals.

So bleiben Handlung und Spannung trotz der erkennbaren Parallelen zur Realität und den vielfach bekannten Aspekten auf durchgängig hohem Niveau. Ein Politthriller, der restlos überzeugt und durch die Verbindung von Terror, Politik und Wirtschaft zudem anspruchsvoll die jüngere deutsche Geschichte darstellt, die komplex geworden ist und keine einfachen Zuordnungen und Zuschreibungen mehr zulässt.

Monika Maron – Munin oder Chaos im Kopf

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Monika Maron – Munin oder Chaos im Kopf

Eigentlich lebt Mina Wolf in einer ruhigen Berliner Straße, in der die Journalistin auch gut von zu Hause arbeiten kann. Seit einiger Zeit wird der Frieden jedoch erheblich durch eine Frau des Nachbarhauses gestört: lauthals singt sie auf ihrem Balkon und treibt mit ihrer krächzenden Stimme die anderen Anwohner langsam in den Wahnsinn. Auch Mina leidet darunter, muss sie doch fristgerecht einen Artikel über den 30-Jährigen Krieg für eine westfälische Kleinstadt verfassen. Kurzerhand entschließt sie sich ihren Rhythmus zu ändern und nun nachts zu arbeiten, da sie nur wenige Sozialkontakte pflegt, ist das nicht weiter problematisch und es soll ja auch nur für die Zeit dieser Arbeit sein. Die Lage verschlimmert sich zunehmend und als die Sängerin ihre musikalische Darbietung schließlich auch noch mit technischer Unterstützung verstärkt, droht die völlige Eskalation, denn man kann nichts gegen sie tun, die Frau ist krank und kann nicht anders. Mina droht langsam auch verrückt zu werden und dass sie sich nächtens mit einer Krähe, die sie Munin getauft hat, über die Menschen und Kriege philosophisch austauscht, bestärkt sie in dieser Ahnung nur noch mehr.

Die Berliner Autorin Monika Maron hat ihren Roman für die Hörbuchvariante selbst eingesprochen, was ich zunächst eher ungewöhnlich finde. Auch auf Lesungen habe ich schon wiederholt erleben müssen, dass gute Autoren nicht unbedingt auch gute Leser sind. Hier jedoch passt beides hervorragend zusammen und die Stimme der Autorin ist wie gemacht für die der Erzählerin Mina, man ist sogar schnell geneigt, beide für identisch zu halten, Wohnort und Beruf stimmen überein, darüber hinaus dürften die Parallelen aber vermutlich überschaubar bleiben.

„Munin oder Chaos im Kopf“ greift viele Alltagsthemen auf, die dem Leser oder Zuhörer gut bekannt sein könnten: das Zusammenleben in der Großstadt, die Eigenarten mancher Mitmenschen, die einem geradezu in den Wahnsinn treiben könnten, die Anonymität der Großstadt, aber auch aktuelle Themen wie die massenhafte Zuwanderung nach Deutschland 2015 und der dadurch aufkeimende Nationalismus mit all seinen absurden Zügen und Vorurteilen und ganz zentral die Frage, weshalb die Menschheit nicht aus der Geschichte lernt und von einem Krieg in den nächsten zieht. Aktueller könnte ein Roman kaum sein und doch wirkt nichts gezwungen oder konstruiert, sondern es fließt genau so wie dies auch im Alltag geschieht von einem Thema ins nächste, springt zurück und wendet sich etwas anderem zu.

Monika Marons Erzählerin erkennt in ihrer Arbeit über den 30-Jährigen Krieg Parallelen zu aktuellen politischen Lage und gewinnt zunehmend den Eindruck, dass Deutschland sich bereits in der „Vorkriegszeit“ befinde. Dies dürfte die vermutlich streitbarste Aussage des Romans sein. Die Zeichen stehen ohne Frage auf Sturm, gerade die letzten Wochen haben dies deutlich unterstrichen. Aber würde man der Erzählerin hier zustimmen? Man möchte es ganz sicher nicht glauben, aber die Erkenntnis, dass gerade in Deutschland sehr viel Zeit gewesen wäre, um den 2. Weltkrieg zu verhindern, wenn doch nur ein paar mehr Menschen mutiger gewesen wären, ist auch eine Tatsache und man möchte sich gar nicht vorstellen, in einigen Jahrzehnten vor einem Scherbenhaufen zu stehen und sich selbst Untätigkeit vorwerfen zu müssen. Auch Minas Dispute mit Munin bieten reichlich Anlass selbst den Gedanken nachzuhängen – ein Roman, der nachwirkt.