Monika Maron – Munin oder Chaos im Kopf

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Monika Maron – Munin oder Chaos im Kopf

Eigentlich lebt Mina Wolf in einer ruhigen Berliner Straße, in der die Journalistin auch gut von zu Hause arbeiten kann. Seit einiger Zeit wird der Frieden jedoch erheblich durch eine Frau des Nachbarhauses gestört: lauthals singt sie auf ihrem Balkon und treibt mit ihrer krächzenden Stimme die anderen Anwohner langsam in den Wahnsinn. Auch Mina leidet darunter, muss sie doch fristgerecht einen Artikel über den 30-Jährigen Krieg für eine westfälische Kleinstadt verfassen. Kurzerhand entschließt sie sich ihren Rhythmus zu ändern und nun nachts zu arbeiten, da sie nur wenige Sozialkontakte pflegt, ist das nicht weiter problematisch und es soll ja auch nur für die Zeit dieser Arbeit sein. Die Lage verschlimmert sich zunehmend und als die Sängerin ihre musikalische Darbietung schließlich auch noch mit technischer Unterstützung verstärkt, droht die völlige Eskalation, denn man kann nichts gegen sie tun, die Frau ist krank und kann nicht anders. Mina droht langsam auch verrückt zu werden und dass sie sich nächtens mit einer Krähe, die sie Munin getauft hat, über die Menschen und Kriege philosophisch austauscht, bestärkt sie in dieser Ahnung nur noch mehr.

Die Berliner Autorin Monika Maron hat ihren Roman für die Hörbuchvariante selbst eingesprochen, was ich zunächst eher ungewöhnlich finde. Auch auf Lesungen habe ich schon wiederholt erleben müssen, dass gute Autoren nicht unbedingt auch gute Leser sind. Hier jedoch passt beides hervorragend zusammen und die Stimme der Autorin ist wie gemacht für die der Erzählerin Mina, man ist sogar schnell geneigt, beide für identisch zu halten, Wohnort und Beruf stimmen überein, darüber hinaus dürften die Parallelen aber vermutlich überschaubar bleiben.

„Munin oder Chaos im Kopf“ greift viele Alltagsthemen auf, die dem Leser oder Zuhörer gut bekannt sein könnten: das Zusammenleben in der Großstadt, die Eigenarten mancher Mitmenschen, die einem geradezu in den Wahnsinn treiben könnten, die Anonymität der Großstadt, aber auch aktuelle Themen wie die massenhafte Zuwanderung nach Deutschland 2015 und der dadurch aufkeimende Nationalismus mit all seinen absurden Zügen und Vorurteilen und ganz zentral die Frage, weshalb die Menschheit nicht aus der Geschichte lernt und von einem Krieg in den nächsten zieht. Aktueller könnte ein Roman kaum sein und doch wirkt nichts gezwungen oder konstruiert, sondern es fließt genau so wie dies auch im Alltag geschieht von einem Thema ins nächste, springt zurück und wendet sich etwas anderem zu.

Monika Marons Erzählerin erkennt in ihrer Arbeit über den 30-Jährigen Krieg Parallelen zu aktuellen politischen Lage und gewinnt zunehmend den Eindruck, dass Deutschland sich bereits in der „Vorkriegszeit“ befinde. Dies dürfte die vermutlich streitbarste Aussage des Romans sein. Die Zeichen stehen ohne Frage auf Sturm, gerade die letzten Wochen haben dies deutlich unterstrichen. Aber würde man der Erzählerin hier zustimmen? Man möchte es ganz sicher nicht glauben, aber die Erkenntnis, dass gerade in Deutschland sehr viel Zeit gewesen wäre, um den 2. Weltkrieg zu verhindern, wenn doch nur ein paar mehr Menschen mutiger gewesen wären, ist auch eine Tatsache und man möchte sich gar nicht vorstellen, in einigen Jahrzehnten vor einem Scherbenhaufen zu stehen und sich selbst Untätigkeit vorwerfen zu müssen. Auch Minas Dispute mit Munin bieten reichlich Anlass selbst den Gedanken nachzuhängen – ein Roman, der nachwirkt.

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Volker Heise – Außer Kontrolle

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Volker Heise – Außer Kontrolle

Der Abend beginnt eigentlich vielversprechend: Ja hat einen Tisch in einem teuren Restaurant gebucht, weil er Nadine einen Antrag machen will, bevor diese die Stadt verlässt und zurück in ihr Heimatdorf fährt. Tobias Naujoks, der Besitzer des etwas exklusiveren „Paris“, versucht derweil die roten Zahlen zu verdrängen, aber vielleicht geht ja was mit der neuen Praktikantin, die gefällt ihm. Währenddessen will Polizist Weber nur endlich die Anerkennung seiner Kollegen, sie machen sich über ihn lustig, hänseln ihn, doch an diesem Abend, als er zusammen mit dem harten und anerkannten Hentschel auf Streife geht, da kann er sich endlich beweisen, hofft er zumindest. Doch Hentschel hat andere Sorgen als den jungen Trottel neben ihm im Wagen, seine Frau hat sich getrennt, bestimmt wegen einem anderen und er vermutet, dass Kostic, ihr Teamleiter, dahintersteckt. Dieser fragt sich auch, was er da eigentlich tut und weshalb er sich von seiner Frau dauernd auf die Nerven gehen lässt, vielleicht kann er bei seiner Geliebten auf andere Gedanken kommen. Ein Abend in Berlin, mehrere angespannte und gereizte Menschen, die sich zufällig begegnen und schon nimmt die Geschichte ihren unheilvollen Lauf.

Volker Heises Roman beginnt in recht moderatem Tempo. Zunächst stellt er uns Jan vor, er ist aus der norddeutschen Provinz nach Berlin gekommen, hat dort aber bald schon das Studium geschmissen. Planlos dümpelt er vor sich hin und nachdem die Eltern den Geldhahn zudrehen, übernimmt er einen Job im Callcenter, wo er in Nadine eine Seelenverwandte trifft, die sich ebenfalls mehr von der Großstadt erhofft hatte. Zu diesen beiden eher traurigen Gestalten gesellt sich Naujoks, der ohne Abschluss von der Schule flog und nur zufällig in der Küche seine Heimat und Bestimmung fand. Jan und Naujoks sind gleichermaßen schon früh durch Gewalttätigkeit und geringe Impulskontrolle aufgefallen, man kann sich vorstellen, dass diese Begegnung schwierig endet. Doch dann kann Heise überraschen, denn die Handlung wird keineswegs so geradlinig fortgeführt, wie sie sich zunächst andeutete.

Was als Psychogramm von Versagern am Rand der Gesellschaft beginnt, verwandelt sich in eine rasante unheilvolle Verkettung von Ereignissen, die von Emotionen und völligem Kontrollverlust aller Figuren gekennzeichnet ist. Man starrt fassungslos auf den Text, wie dieser sich plötzlich entwickelt und eine unheimliche Geschwindigkeit aufnimmt. Man möchte die Figuren anschreien, ihnen zurufen die Ruhe und Nerven zu bewahren, aber dazu ist an diesem Abend keiner mehr fähig und am Ende bleibt ein Schlachtfeld mit unzähligen Toten und zahlreichen zerstörten Leben.

Ein Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Eine Demütigung zu viel. Der Autor, Volker Heise, bislang eher als Regisseur bekannt und ausgezeichnet, fängt in seinem Debut den kritischen Moment ein und lässt die Situation völlig eskalieren. Immer weiter treibt er seine Figuren und geradezu atemlos hofft man als Leser, dass sie irgendwie einen Ausweg finden und das Drama ein nicht ganz so schlimmes Ende nimmt. Ich war nach dem etwas schleppenden Beginn und der langen Vorstellung der zugegebenermaßen wenig als Sympathieträgern taugenden Protagonisten versucht das Buch nicht weiterzulesen – das wäre eine schlechte Entscheidung gelesen, denn „Außer Kontrolle“ ist einer dieser unscheinbaren Romane, die ihr Potenzial erst entfalten müssen, dann aber lange nachwirken.

Ijoma Mangold – Das deutsche Krokodil

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Ijoma Mangold – Das deutsche Krokodil

Ijoma Alexander Mangold – deutscher Literaturkritiker, bekannt durch seine Rezensionen in der Süddeutschen und der Zeit sowie durch Literatursendungen im ZDF und SWR. „Das deutsche Krokodil“ ist eine Art Autobiographie, die jedoch den Fokus sehr stark auf die Frage, was eigentlich deutsch ist, was fremd ist und wo er seinen Platz dazwischen findet, legt. Aufgewachsen in Heidelberg als Sohn einer alleinerziehenden Psychotherapeutin, die ursprünglich aus Schlesien stammt, und eines nigerianischen Vaters, den er jedoch erst als Erwachsener kennenlernen sollte, nimmt er als Kind und Jugendlicher seine augenscheinliche Andersartigkeit gar nicht wahr. Die Diskriminierung von Schwarzen in den USA beispielsweise, über die er in der Schule lernt, bezieht er nicht auf sich, auch nahm er sich nie als Ausländer wahr – warum auch, war er doch genau wie die anderen im gutbürgerlichen Milieu der Universitätsstadt aufgewachsen. Erst als er beginnt die Welt zu entdecken, die USA, später auch das Heimatland seines Vaters, wird ihm bewusst, dass er unbewusst Verhaltensweisen verinnerlicht hat, die ihn vor dem Stigma des Ausländers schützen sollen und dass Familienkonzepte auch ganz anders sein können als in Deutschland.

Sicherlich ist wie bei allen Menschen Mangolds Familiengeschichte singulär und kaum übertragbar, dennoch macht er Erfahrungen, die viele andere auch kennen. Die Schlüsse, die die Menschen aus seinem Äußeren ziehen, die eigene Selbstwahrnehmung, die sich nicht immer mit jener anderer deckt und auch die unterschiedlichen Erwartungen, die von der Familie aufgrund der kulturellen Prägung an die Nachkommen gerichtet werden und die bisweilen schlichtweg unvereinbar sind, beschäftigen ihn und lassen ihn sich selbst betrachten.

Ich habe Ijoma Mangold mehrfach live als Literaturkritiker erlebt und verfolge auch seine Besprechungen im Feuilleton, weshalb ich wusste, dass er pointiert und unterhaltsam formulieren kann, was sich auch in seiner Autobiographie zeigt. Was ihm besonders gut gelingt, ist die einzelnen Phasen seines Lebens nachzuzeichnen und seine Selbstwahrnehmung dabei einzufangen. Auch das innige Verhältnis zu seiner Mutter, entstanden aus dem Umstand als Einzelkind und ohne Vater aufzuwachsen, wird immer wieder deutlich. Seine Mutter hatte eine eigene Erzählweise ihres Lebens, die nicht ganz zu den Fakten passt, die Mangold später zusammenträgt, aber er kann ihr ihre Geschichte lassen, akzeptieren, dass sie eine andere Version der Wahrheit gewählt hat, für die sie ihre Gründe hatte. Er rechnet nicht ab mit seinen Eltern, obwohl das genauso nachvollziehbar wäre, er ergründet viel mehr ihr Handeln und ihre Haltungen und trifft seine eigenen Entscheidungen im Leben, die auch mal eine Erwartung nicht erfüllen.

Nicht die ganz typische Autobiographie, allerdings dafür umso interessanter und kurzweilig zu lesen.

Alexander Hartung – Auf zerbrochenem Glas

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Alexander Hartung – Auf zerbrochenem Glas

Die Idee, dass aus Nik Pohl noch ein erfolgreicher konventioneller Kriminalkommissar werden könnte, haben inzwischen alle aufgegeben. Auch wenn seine Ergebnisse stimmen, ist der Weg dorthin doch zu weit außerhalb des Gesetzes als dass es tolerabel wäre. Als ihn eines Abends ein Mann anspricht und prompt den Finger in seine wunde Stelle legt, hat Nik nichts entgegenzusetzen. Das spurlose Verschwinden einer jungen Frau wühlt den Fremden auf, er findet die Polizei habe den Fall zu schnell beiseitegelegt und Nik soll nun für ihn ermitteln. Widerwillig muss dieser sich beugen, es kommt ihm zunächst zwar auch etwas seltsam, aber noch nicht wirklich beunruhigend vor. Doch schnell pflastern Leichen seinen Spurenweg und er muss einsehen, dass er es mit mächtigen Gegnern zu tun hat, die nicht nur bestens in der Münchner Oberschicht vernetzt sind und an den entscheidenden Stellen ihre Leute sitzen haben, sondern auch keinen Gedanken an ein ausgelöschtes Menschenleben verschwenden.

Alexander Hartung ist mir als Krimiautor seiner Mannheimer Reihe um Kommissar Jan Tommen bereits bekannt, jetzt also eine neue Thriller-Reihe um Ermittler Nik Pohl in München. Der Auftakt hat durchaus Potenzial für eine überzeugende Reihe mit interessanten Figuren, wobei ich einräumen muss, dass für mich der Protagonist nicht unbedingt zu denjenigen gehören, die mich am meisten begeistern konnten. Im Gegenteil, hier sehe ich die größte Schwäche des Romans. Zwar ist die Anlage der Figur für den Verlauf der Handlung in dieser Form passend und auch logisch, aber mir werden hier doch ein paar Klischees zu viel bedient, die man in 90% aller Krimis und Thriller um Kommissare findet: der Haudrauf, der kein Gesetz kennt, der Hang zu maßlosem Alkoholkonsum, seine Verachtung für alle, die sich innerhalb der vorgegebenen Grenzen bewegen. Die Nebenfiguren Jon, der zunächst unbekannte Fremde, und dessen Helfer Balthasar wiederum fand ich recht innovativ und auch unterhaltsam und hoffe, dass diese in den Folgebänden auch noch mehr Raum bekommen.

Der Fall selbst erscheint zunächst recht unspektakulär mit der Suche nach einer spurlos Verschwundenen. Die Ermittlung schleppt sich dahin und weist schon zu Beginn ein recht hohes Maß an roher Gewalt auf, was doch sehr verwundert. Dies klärt sich jedoch im Laufe der Handlung und wird dadurch auch wiederum plausibel. Mit jedem Schritt wird das Ausmaß des Falles größer und verworrener und bringt immer wieder völlig neue und unerwartete Aspekte dazu.  Mir fehlte jedoch ein wenig der Thrill, diese kaum aufzuhaltende Anspannung vor Sorge, dass irgendeine Figur es doch nicht überlebt und alles böse endet. Auch scheint mir in der Gesamtschau der Fall ein wenig zu viel von allem zu sein, um authentisch und glaubwürdig zu sein.

Nichtsdestotrotz fand ich den Roman so spannend, dass ich ihn kaum weglegen wollte und die nächste Katastrophe gespannt erwartete. Daher überzeugend als Krimi und vor allem in der Ausgestaltung der Geschichte.

Éric Vuillard – Die Tagesordnung

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Éric Vuillard – Die Tagesordnung

Gut drei Wochen nach Hitlers Machtergreifung lädt er die Granden der deutschen Industrie und Wirtschaft nach Berlin ein. Am 20.2.1933 sitzen alle von Rang und Namen an einem Tisch: Krupp, Opel, Quandt – eine illustre Runde von 24 Reichen, die gerne bereit sind, die Vorhaben des Führers mit großzügigen Spenden zu unterstützen. So leicht wie Hitler und Göring das Geld und die Unterstützung der Industrie bekommen, läuft die Annexion Österreichs fünf Jahre später nicht ab. Aber auch hier zeigen sie taktisches Geschick und den notwendigen Druck, um den kleinen Nachbarn zu überrumpeln und zum Anschluss zu zwingen. Es läuft zwar vieles nicht so wie geplant, aber am Ende zählt das Ergebnis. Planmäßig wiederum gelingt die Täuschung Englands, die der ehemalige Botschafter in London, Joachim von Ribbentrop, dank seiner Menschenkenntnis clever umsetzt. Der Rest ist Geschichte und findet beim Nürnberger Prozess sein Ende.

Éric Vuillard erhielt für seine Erzählung über Hitlers Machtergreifung 2017 den renommierten französischen Literaturpreis Prix Goncourt. Er liefert keine neuen Erkenntnisse zu den historischen Ereignissen, diese sind weitgehend erforscht und bekannt, was das Buch jedoch lesenswert macht, ist die Selektion von Einzelereignissen, die Vuillard nebeneinanderstellt, um so eine neue Geschichte zu erzählen: die große Katastrophe des Zweiten Weltkrieges hatte sich lange zuvor angekündigt, man hätte eine Chance gehabt zu reagieren, aber die Welt hat nur zugeschaut.

Für mich weniger interessant sind die historischen Fakten, auch wenn hier Aspekte geschildert werden, die im Allgemeinen nicht zu den wesentlichen Eckdaten der Geschichte gehören. Spannend und reizvoll sind die menschlichen Züge, die Vuillard aufgreift. Wie geschmeichelt fühlen sich die Industriellen, persönlich vom Führer empfangen zu werden. Obwohl er sie warten lässt und sie bereits unruhig zu werden drohen, vergessen sie all dies ob der Hommage, die ihnen dieser Besuch bringt. Sind sie im Alltag Herren über tausende Beschäftigte, machen sie sich hier zum braven Untertan, der sogleich großzügig die Brieftasche zückt. Auch der verzweifelte Versuch Schuschniggs noch ein wenig an seiner Macht festzuhalten, ist bemerkenswert. Die Schmach und Blamage kann er nicht verhindern, aber vielleicht lässt sich doch noch ein wenig Schein wahren. Ganz groß wird Vuillard dann bei dem britischen Premierminister Lord Chamberlain, dessen gute Erziehung von Ribbentrop ausnutzt und den er in eine höchstpeinliche Situation bringt, in der der Lord dennoch die Contenance wahrt.

Auch wenn das Thema schon oft behandelt wurde und auch literarisch immer wieder in neu en Varianten erscheint, lohnt sich Vuillards Text aufgrund seines ganz eigenen Schwerpunkts. Mich haben andere Preisträger des Prix Goncourt schon mehr angesprochen, aber „L’ordre du jour/Die Tagesordnung“ ist durchaus ein Würdiger Sieger.

Lilian Loke – Auster und Klinge

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Lilian Loke – Auster und Klinge

Endlich wieder in Freiheit nachdem er wegen wiederholter Einbrüche im Gefängnis saß. Ein eigenes Restaurant ist der Traum von Victor, doch dafür benötigt er Geld und erst einmal muss er wieder auf die Füße kommen. Immerhin hat er bereits einen Job als Pizzafahrer. Bei einer Auslieferung in einem Bürokomplex lernt er zufällig Georg kennen, bei dem er auch vorläufig unterkommen kann. Georg ist Künstler – oder so etwas Ähnliches. An Geld scheint es ihm nicht zu mangeln, von den paar Stunden an der Volkshochschule kann er kaum leben. Es dauert bis Victor herausfindet, dass Georg Erbe eines großen Schlachtkonzerns ist, wo tagtäglich Tausende von Tieren getötet und weiterverarbeitet werden. Zu seiner Familie hat er nur selten Kontakt, zu sehr weichen seine Vorstellungen von jenen der Eltern und Geschwister ab. Georg finanziert Victors Traum vom eigenen Restaurant, doch dafür erwartet er auch eine Gegenleistung: Victor soll ihm beibringen, wie man in Häuser einsteigt. Nach dem Grund gefragt, antwortet er ausweichend, eine Art Kunstprojekt oder Installation. Bald schon wird die ganze Stadt davon wissen.

So wie die beiden Begriffe im Titel des Buchs – Auster und Klinge – schon nicht zusammen zu passen scheinen, so muten auch die beiden Protagonisten wie ein unmögliches Paar an: einerseits der wohlhabende und kunstaffine Georg, der es sich dank der finanziellen Rücklagen leisten kann, keinen Job wirklich machen zu müssen und sich um größere Dinge als die eigene Existenz Sorgen machen zu können. Auf der anderen Seite Victor, der als ehemaliger Häftling ganz am unteren Ende der Nahrungskette steht, dessen Frau ihn nicht mehr sehen möchte und der auf jeden Cent angewiesen ist, was eine gewisse Flexibilität bei der Jobwahl erzwingt.

So wie die Auster ein Luxusgut darstellt, das höchsten Genuss verspricht, ist die Klinge eher das zerstörerische Werkzeug oder eine Waffe. Der Titel erklärt sich durch das Buch nicht, weist aber durchaus durch seine surreale Verbindung der beiden Begriffe den Weg zur anarchistischen Kunst- und Weltauffassung Georgs, der die vorherrschenden Werte in Frage stellt.

Lilian Loke reißt gleich mehrere gesellschaftskritische Fragen in ihrem Roman an, obwohl dieser keineswegs so dramatisch ernsthaft daherkommt, wie es die Thematik nahelegen könnte. Ganz im Gegenteil, er ist voller Leben, bisweilen gar komisch und von einem überzeugend leichten Erzählton geprägt. Nichtsdestotrotz stellt sich die Frage, inwieweit unsere Gesellschaft bereit ist, Straftäter wieder in ihrer Mitte aufzunehmen, ihnen eine Chance zu geben und die Fähigkeiten über die Straftat hinaus sehen zu wollen. Zum anderen die Massentierhaltung und die Ausbeutung asiatischer Arbeiter, die für kaum einen Dollar am Tag unsere Kleidung zusammennähen, was von Georg drastisch angeprangert wird. Wir wissen alle um diese Dinge, verschließen nur zu gerne die Augen und es benötigt solche Aktionen oder tragische Unglücke, um uns tatsächlich damit auseinanderzusetzen – was jedoch noch lange keine Verhaltensänderung bewirkt.

Ein bemerkenswerter Roman, der nicht nur durch seine inhaltliche Relevanz überzeugt, sondern vor allem das schriftstellerische Potenzial der Autorin unter Beweis stellt. „Auster und Klinge“ ist erst ihr zweiter Roman, man darf auf die folgenden gespannt sein.

Frédéric Valin – In kleinen Städten

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Frédéric Valin – In kleinen Städten

In den deutschen Kleinstädten ist die Welt noch in Ordnung – sollte man denken. Jeder kennt jeden, jeder hilft jedem in der Not. Doch ist das wirklich so? Frédéric Valin berichtet aus der Provinz, aus dem künstlich geschaffenen Dorf für diejenigen, die niemand sehen möchte, weil sie alt oder behindert sind. Von dem kleinen Urlaubsort, der eigentlich gar nichts zu bieten hat, außer Bettenburgen und Alkohol. Vom Heimatort, den der Erzähler nur noch besucht, wenn wieder einmal eine Beerdigung ansteht. Von der Oberbürgermeisterwahl, die die Lokalzeitung als Event aufziehen will und damit beinahe die sorgsam gepflegte Kleinstadtordnung durcheinanderwirbelt. Und von den hippen Städtern, die in die Provinz flüchten, wo sie sich Erfüllung vom eigenen Gärtchen erhoffen.

Frédéric Valin hat in seinem kurzen Sammelband ziemlich genau porträtiert, was die deutsche Provinz ausmacht und so ist es nicht schwer, vieles darin wiederzuerkennen. Auch wenn der Blick auf das gelenkt wird, was nicht so ansprechend und attraktiv ist, ist es doch keine Abrechnung mit dem pseudo-idyllischen Landleben und den Menschen, die diesen Ort der hektischen Großstadt vorziehen. Es ist auch weniger die Generalisierung als das Individuum, das er in jeder Geschichte erschafft, das überzeugen kann.

Mir haben drei der Geschichten besonders imponiert. Schon die erste, die aus der Sicht eines Pflegers einer Einrichtung für Hilfsbedürftige und Behinderte geschrieben ist, hinterlässt ihre Spuren:

„Als ich das erste Mal hier herausfuhr, zu meinem Bewerbungsgespräch, dachte ich noch, was es für eine mittelalterliche Idee ist, tausend Alten und geistig Behinderten ein Dorf mitten im Nirgendwo zu bauen, als könne man sie der normalen Welt nicht zumuten. Heute weiß ich, dass es andersrum ist: Die normale Welt ist unzumutbar.”

Hier geht es weniger um die Kleinstadt als um die Zustände in unserer Gesellschaft und wie wir mit Alten und Kranken umgehen. Wenn er von den „FLW-Gruppen: Füttern, lagern, windeln“ spricht, muss man sich eigentlich empören – oder man verschließt die Augen, weil man es ja eigentlich weiß´, aber nicht wahrhaben will, wie die Zustände insbesondere in der Pflege sind.

Der Sohn, der anlässlich einer Beerdigung nach Hause fährt und seine Mutter nicht wiedererkennt, die offenbar die Rolle der nur-Mutter abgelegt hat und wieder ein eigenständiges Wesen mit Interessen und Talenten wurde, fand ich ebenfalls interessant. Insbesondere, weil diese Feststellung so unverhofft und unerwartet kam und die Geschichte nicht in der trüben Stimmung endet, in der sie mit der Todesnachricht eingeläutet wurde.

Mein Favorit ist jedoch eindeutig „Der Oberbürgermeister“. Der Kleinstadtfilz – nicht, dass es diesen in größeren Städten nicht auch geben würde – wird auf den Punkt literarisch umgesetzt und könnte authentischer kaum sein. Herrlich, was Valin dem noch amtierenden OB als Ratschlag an seinen designierten Nachfolger in den Mund legt:

»Schau, es ist so: Du kannst doch nicht Bürgermeister sein und gleichzeitig in wilder Ehe leben! Wie sähe das denn aus. Der Pfarrer war ja schon gestern kaum zu beruhigen. Der wollte sogar eine Predigt zu dem Thema halten. Eine Predigt! Wie sähe das denn aus, frag ich dich.«

Natürlich gibt es die Kleingeister und so manches, was man belächeln kann. Aber darum geht es nicht. Valin hat das Leben eingefangen und in überzeugenden Dialogen und mit pointiert charakterisierten Figuren aufs Papier gebracht.

Michael Nast – #egoland

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Michael Nast – #egoland

Ein Bekannter hat sich das Leben genommen. Eigentlich hatten sie schon lange keinen Kontakt mehr, aber er hat Michael Nast das Manuskript seines Romans mit der Bitte, dieses zu veröffentlichen, hinterlassen. Je tiefer Nast in die Geschichte eindringt, desto unbehaglicher wird ihm. Das, was da vor ihm liegt, ist nicht nur Fiktion, es ist die Dokumentation eines gemeinen Plans, der immer mehr Opfer forderte, zuletzt das des Schöpfers. Aus dem Spiel mit flüchtigen Bekannten hat Andreas Landwehr ein reales Szenario gemacht, hat sich selbst zum Autor und Regisseur aufgeschwungen und die Menschen wie Spielfiguren bewegt. Immer mehr hat es ihn fasziniert, wie sie ihm gehorchten, wie einfach sie zu manipulieren waren und ihm Glauben geschenkt haben. Doch plötzlich läuft sein Spiel nicht mehr wie vorgesehen, die Figuren agieren plötzlich anders, als er es geplant hat, und das Ganze nimmt einen verhängnisvollen Verlauf.

Michael Nast versucht in seinem Roman gleich mehrere Grenzen zu überschreiten. Nicht nur die Buch-im-Buch-Geschichte, die den Autor zum Erzähler macht und eine quasi Realität des Textes suggeriert, sondern auch die Verwischung zwischen realer und online Welt, zwischen echtem Sein und medial dargestelltem Ich wird thematisiert. Wer sind wir wirklich? Der Mensch in Fleisch und Blut oder das online Profil mit den ansprechenden Umgebungen und sympathischen Posen?

Für mich hätte es den etwas zu sehr künstlich wirkenden Rahmen mit dem Manuskript des angeblichen Freundes, der nun verstorben ist, nicht gebraucht. Die Story selbst hat genügend Potenzial, als dass man ihr den Anschein von Realität künstlich hätte konstruieren müssen.

Nimmt man nur diese Handlung – der Cameo des Autors wäre ihm ja gegönnt gewesen – hat diese durchaus einige interessante Facetten. Andreas‘ Manipulationen setzen an den Schwachstellen seiner Co-Figuren an. Er braucht sich noch nicht einmal besonders viel Mühe zu geben, um sie leicht zu lenken, mit ein wenig Zeit kann er dank ihrer online Profile und dem, was sie ihm zusätzlich beichten, genau die Schalter drücken, die sie zum Agieren in seinem Sinne veranlassen. Die Grundhaltung der unbestimmten Unzufriedenheit mit Beziehung, Job und Leben im Allgemeinen und dem Eindruck, dass andere immer mehr und tollere Sachen erleben als man selbst, ist ja inzwischen so verbreitet, dass man keinerlei Schwierigkeiten hat, sich vorzustellen, dass die Ereignisse tatsächlich so hätten stattfinden können. Ebenso die Tatsache, wie schnell sich ein recht vollständiges Bild eines Menschen über seine Bewegungen im Internet erstellen lässt.

Dadurch, dass der Verlauf sich langsam zuspitzt und man ja letztlich weiß, wie es endet, entsteht auch eine gewisse Spannung, da man gebannt auf den großen Knall wartet. Auch hier die kurze Nebenhandlung des Berliner U-Bahn-Treters – ein wenig zu viel gewollt und zu dick aufgetragen für meinen Geschmack.

Alles in allem aber eine durchaus lesenswerte Geschichte, die vor allem durch die recht authentisch wirkenden Figuren überzeugt. Ein wenig übers Ziel hinausgeschossen, aber sieht man darüber hinweg, gute Unterhaltung.

Alexander Schimmelbusch – Hochdeutschland

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Alexander Schimmelbusch – Hochdeutschland

Sein Name legt es eigentlich schon nahe: Victor ist ein Siegertyp. Als Investmentbanker hat er mehr Geld verdient, als er jemals ausgeben kann und in der Birken Bank kann er sein in den Jahren in verschiedensten renommierten Geldhäusern gesammeltes Wissen vollends ausleben. Dies trifft vor allem die jungen und geldhungrigen Mitarbeiter, von denen er vollen Einsatz und Verzicht auf ein Leben außerhalb der Bak einfordert. Doch Victor erkennt im Laufe der Zeit, dass weder Status noch Geld zu wirklichem Glück und Zufriedenheit führen und er sucht sich ein neues Betätigungsfeld: er will eine politische Bewegung gründen, eine neue Partei, die aus dem Land eine zukunftsorientierte und gewinnbringende AG macht. Mit seinem Wirtschaftswissen ist es nicht schwer, die Grundzüge eines neuen Staates zu skizzieren, der zu allgemeinem Wohlstand führen wird.

Alexander Schimmelbuschs Roman lässt sich nicht einfach fassen. Hat man zunächst den Eindruck, es mit einer unglaublichen Parodie auf die Banker und arrivierten Neureichen zu tun zu haben, rückt zunehmend der gesellschaftliche Blick ins Zentrum und plötzlich wird das Politische immer stärker. Die Figur Victor tritt hinter seinem Pamphlet zur Umgestaltung des Staates zurück und man muss sich fragen, ob diese zunächst abstrus anmutende Idee nicht möglicherweise sogar ihre Anhänger finden könnte.

Der Protagonist, der die Handlung dominiert und der weitere Figuren nur am Rande seiner Existenz zulässt, macht ganz sicher die große Stärke des Romans aus. Das einerseits stereotype Bild ist in sich stimmig: das Auto, die Wohnungen – die Statussymbole und die Haltung gegenüber den Untergebenen zeigen plakativ den Emporkömmling, der den Platz an der Spitze erreicht hat. Gelungen sind die Erläuterungen, wie er zu einem solchen Erfolg gekommen ist, geschickt werden hier die rücksichtlosen Mergers und Acquisitions in ihrer Menschenfeindlichkeit entlarvt. Auch sein Geschick im Umgang mit dem Minister lässt einem leicht den Erfolg der Berliner Lobbyisten nachvollziehen. Eine gewisse Selbstverliebtheit – „Die Diskrepanz zwischen seinem Einfluss und seiner Außenwirkung war langsam wirklich zum Verzweifeln.“ – darf natürlich auch nicht fehlen, wenn er sich auch dessen bewusst ist, was er tut: „Er hatte Geschichte geschrieben, oder zumindest an ihr mitgeschrieben, auch wenn sein Einfluss destruktiv gewesen war.“

Victors Entwurf einer neuen Gesellschaftsform ist die gnadenlose Übertragung ökonomischer Prinzipien auf eine Gesellschaft. Selektion der Besten – sowohl was die Chancen der Bevölkerung als auch was die der Zuwanderer angeht – Leistungsprinzip und Unterordnung des Individuums unter die Idee des großen Ganzen. Statt Leitkultur gibt es Corporate Identity und die Ordnungsmächte werden ertüchtigt, die neuen Prinzipien vollends zu überwachen und bei Missachtung zu sanktionieren.

Ein interessantes Gedankenspiel mit einer ernstzunehmenden Thematik, das keineswegs utopisch aus der Luft gegriffen ist. Ein Protagonist, der in sich stimmig ist und die Last des Romans problemlos tragen kann. Aber ein wenig bleibt man am Ende als Leser doch unzufrieden zurück. Mir war der Roman zu wenig literarisch, es gibt bei genauer Betrachtung fast keine Handlung, zu wenig Interaktion zwischen den Figuren und die kritische Gegenstimme, die diese klare Linie bricht, fehlte ebenfalls. Dies schmälert nicht den Gedanken, den Schimmelbusch mit seinem Roman aufgreift, aber es ist als Roman nicht ganz zufriedenstellend gelöst.

Daniel Kehlmann – Tyll

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Daniel Kehlmann – Tyll

Tyll Ulenspiegel, als Junge Zeuge der Willkür der Oberen, die seinen Vater öffentlich hingerichtet haben, entschließt sich das dörfliche Leben zu verlassen und zusammen mit der Bäckerstochter Nele zu fliehen. Als Wanderer und Schausteller, später auch Hofnarr kommt er zu Berühmtheit im ganzen Land. Auf seinem Weg während des 30-jährigen Krieges führt er so manchen Gelehrten vor, trifft auf Fürsten und Könige und kann den Menschen immer wieder vorführen, wie schnalle sie sich von Gauklern hinters Licht führen lassen.

Daniel Kehlmann verlegt die Handlung der Sage um Till Eulenspiegel um einige Jahrhunderte und lässt den Schalk nun im 17. Jahrhundert auf seine im intellektuell unterlegenen Mitmenschen treffen. So stellt er nicht nur ihre Unzulänglichkeiten heraus, sondern kritisiert auch die Gesellschaftsstruktur und vor allem die Macht der Herrscher – gewagt in Zeiten eines der am schlimmsten Wütenden Kriege auf deutschem Boden.

Die Handlung folgt Tyll nicht chronologisch, viel mehr bleibt auch Kehlmann bei einer episodenhaften Sammlung von Ereignissen, die letztlich alle dem übergeordneten Zweck dienen, die Relevanz Till Eulenspiegels und seine bis heute gegebene Popularität zu begründen. So ist es denn auch weniger die Geschichte selbst, die mich überzeugen konnte, als die herrlichen Dialoge, die Worte und vor allem der Unsinn, den Kehlmann seinen Figuren in den Mund legt, die einem mehr als einmal zum Schmunzeln bringen. So zum Beispiel die Diskussion um die Hässlichkeit der deutschen Sprache, der man keine Zukunft voraussagt – wie auch, wird die Welt nach eingehender Berechnung ohnehin in wenigen Dekaden zugrunde gehen.

Literatur soll unterhalten und nicht zwingend Abbild der Realität sein, so gesehen ist die historische Ungenauigkeit im Roman durchaus akzeptabel und schmälert nicht das Vergnügen beim Zuhören.