Judith Kuckart – Café der Unsichtbaren

Judith Kuckart – Café der Unsichtbaren

Die Freiwilligenarbeit beim Sorgentelefon hat sie zusammengeführt. Ganz unterschiedliche Menschen, die sich die Sorgen und Nöte anderer anhören. Die Theologiestudentin Rieke, die sich in den Muslim Arian verliebt. Matthias, der auf Baustellen arbeitet und sich schon am ersten Tag der Fortbildung in Emilia verliebt. Buchhalterin Marianne, DDR-Museumssammlerin Wanda, Lorentz und die Erzählerin von Schrey gehören ebenfalls zu dem Team, das abwechselnd die Anrufe entgegennimmt. In den Anrufen spiegeln sie sich jedoch auch selbst, denn auch sie sind nicht ohne die kleinen und großen Sorgen des Alltags und des Lebens.

„nehmen Sie Platz an diesem traurigen Café der Unsichtbaren, und lassen Sie am Ende des Besuchs nicht eine gesicherte Erzählung, sondern die Unsicherheit mit uns sehen“

Judith Kuckart öffnet die Türen für den Blick auf ihre Figuren von Gründonnerstag bis Ostermontag. Die Frühschicht geht über in den Nachmittag, in den Abend und dann in die kritischen Nachtstunden. Während sie ihren Anrufern zuhören, horchen sie jedoch auch in ihr Inneres und lassen die Gedanken streifen. Es sind keine Figuren, die im Alltag auffallen würden, es sind die unscheinbaren Gesichter, die einem auf der Straße begegnen und deren Geschichte man nicht kennt, die die Autorin in „Café der Unsichtbaren“ erzählt. Wie in einem Café kommen sie zufällig zusammen, bleiben einander fremd und sind doch zumindest temporär eine Gemeinschaft.

„Jede Situation hat eine Geschichte, die man kennen muss, um das Woher und Wieso zu verstehen, hat sie einmal zusammengefasst, jeder Augenblick hat seine Biografie und jede Biografie ihre Rätsel.“

Fünf Tage, die symbolisch Leiden, Sterben und Auferstehung gedenken und damit kondensiert Ende und Anfang darstellen. Es ist ein Sammelsurium von Figuren, die sich eigentlich nicht begegnen können und doch schon seit Jahren immer wieder aufeinander treffen und eine Gemeinschaft geworden sind. So wie das Telefonat einen Blick in die Welt der Anrufer erlaubt, breitet der Roman in das Leben dieser Unsichtbaren vor dem Leser aus.

In der Erzählung spiegelt die Autorin die Arbeit bei dem Hilfetelefon. Mal längere, mal kürzere Einblicke, so wie sich manche Anrufer immer wieder melden und eine Verbindung zu den Mitarbeitenden aufbauen, tauchen die Figuren wieder auf und fügen weitere Facetten zu ihrem Charakter hinzu. Verpasste Chancen, falsche Entscheidungen, Enttäuschungen – es sind womöglich ihre eigenen Erfahrungen, die sie an diesen Ort geführt haben, wo das Leid durch das Teilen ein bisschen kleiner wird.

Es ist schwer auf den Punkt zu bringen, was den Roman ausmacht, so wie auch die Figuren bleibt er etwas flüchtig, schärft jedoch den Blick für das, was sonst vielleicht unbemerkt vorüberhuscht und schon wieder vorbei ist, bevor man es wahrgenommen hat. Die Symbolik des Osterfests hat sich mir für den Roman nicht wirklich erschlossen, außer Rieke hat keine Figuren einen deutlich christlichen Bezug. Auch als Zeit des Lichtfests, in der der Klammergriff des Winters sich langsam löst und die Tage wieder wärmer und länger werden, passt die Metapher für mich nicht wirklich.  Ein Roman zum Innehalten, der unbestritten Fragen hinterlässt.

Adeline Dieudonné – Kérozène

Adeline Dieudonné – Kérozène

Eine einsame Tankstelle in einer lauen Sommernacht, irgendwo in den Ardennen. Nur das unwirkliche Licht der Leuchtreklame lässt einen Blick auf die Menschen erhaschen, die sich dort begegnen. Es ist 23 Uhr 12 und in einer Minute wird sich die ganze Welt verändern. Ein Duzend Personen, die sich aus ganz unterschiedlichen Motiven an diesem unwirklichen Ort aufhalten, werden sich kreuzen, sehen oder auch nicht, und Entscheidungen treffen, die gut sind oder vielleicht auch nicht. Chelly, impulsive Pole Dance Lehrerin, Victoire, Model mit Angst vor Delfinen, Loïc, Pannenhelfer, der nichts anbrennen lässt, Alika, philippinisches Kindermädchen, Monika, eine alte Dame, die ihren Wald retten möchte, Red Apple, ein verzweifeltes Pferd, Julie, die von ihren Schwiegereltern gynäkologischen Untersuchungen unterzogen wird – diese und andere außergewöhnliche Figuren bringen alle ihre ganz eigene Geschichte mit an den verlassenen Ort.

Die belgische Autorin Adeline Dieudonné hat mit ihrem Debüt „La vraie vie“ (Das wirkliche Leben) für Furore gesorgt, entsprechend hoch die Erwartungen an den zweiten Roman. Auch wenn die einzelnen Kapitel zunächst nur lose verbunden erscheinen, gelingt es ihr wieder, die geradezu surreal anmutende fiktive Realität glaubwürdig erscheinen zu lassen und die Wege der Figuren geschickt zu einem Ganzen zusammenzuführen. Ort und Zeit lassen schon vermuten, dass es etwas trashig werden könnte und das wird es in den Lebensgeschichten auch, aber niemand hat je behauptet, dass das Leben nur auf der Sonnenseite stattfinden würde.

Der Scheinwerfer wird auf eine Figur nach der anderen gerichtet. Ein kurzer Moment, ein kurzer Blick in die Leben, die oft tragisch, voller Gewalt sind und die Figuren zu der Person gemacht haben, die an diesem Abend an der Tankstelle strandet. Die Autorin hebt die Einzigartigkeit hervor, die jedes Leben kennzeichnet, legt die tiefsten Geheimnisse und Gedanken offen, die sie versuchen verborgen zu halten.

Der Roman hat ein bisschen was von einem Horrorfilm, doch wo es gelingt, sich beim Blick auf den Bildschirm zu distanzieren, weil man weiß, dass das Blut nicht echt und das Leid nur gespielt ist, lässt Dieudonné das Grauen hier im Galopp los und überrennt einem als Leser. An Intensität steht auch dieser Roman dem ersten der Autorin in nichts nach.

Die Kritiker sind gespalten, das Urteil reicht von „banalem, aussagelosen Trash“ bis „herausragende Literatur“, ein Dazwischen scheint es kaum zu geben. Vielleicht muss man einen eigenen Zugang zu diesem speziellen Sujet und der oft sehr expliziten Sprache finden, um mit der Autorin etwas anfangen zu können. Für mich bleibt sie auch mit diesem Roman ganz weit vorne in der Liste der lesenswerten Gegenwartsautorinnen.

Simone Lappert – Der Sprung

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Simone Lappert – Der Sprung

Thalbach, ein beschauliches Örtchen bei Freiburg. Alles geht seinen Gang wie immer, die Obdachlosen verbringen den Tag im Park, Theres und Werner sehnen sich nach den guten Zeiten in ihrem Lädchen zurück, Roswitha bedient mehr oder weniger übellaunig die Gäste in ihrem Café, Maren überlegt wieder einmal, wie lange sie es noch in der kaputten Beziehung mit Hannes aushalten will, Winnie muss ihrer Freundin Cosima einmal mehr aus der Patsche helfen. Doch dann unterbricht ein Ereignis das übliche Treiben: auf dem Dach eines Wohnhauses steht eine junge Frau und droht herunterzuspringen. Man kennt sie, es ist Manu, die Gärtnerin, die mit ihren Guerillamethoden den Pflanzen Raum zum Leben gibt und die Stadt erblühen lässt. Der Ort hält den Atem an und zusammen mit Rettungskräften, Polizei und sensationslüsterner Presse blickt man nach oben, voller banger Erwartung dessen, was passieren wird.

Simone Lapperts Roman ist eine Momentaufnahme mitten aus dem Leben. Sie beschränkt ihre Handlung auf einen winzigen Augenblick im Dasein ihrer Figuren, nur einen Wimpernschlag lang lässt sie uns teilhaben, aber es tritt genau jener Schmetterlingseffekt ein, der nicht vorhersehbar war und das sorgsam austarierte Gleichgewicht des Systems zum Zusammenbrechen bringt. Nur ein einziger Tag, ein singuläres Ereignis, das nicht einmal unmittelbar mit den meisten Figuren in Verbindung steht, ist jedoch so gewaltig, dass hinterher kaum mehr etwas so ist, wie zuvor.

Vieles an der Erzählung hat mich schlichtweg begeistert. Was zunächst als lose Abfolge von Einzelgeschichten erscheint, stellt sich im Laufe der Handlung als clever durchdachtes Geflecht heraus, das alle Figuren in Verbindung zueinander setzt und so unterstreicht, dass es ein individuelles unabhängiges Leben nicht gibt. Dreht nur einer an einem Schräubchen, wirkt sich dieses auf alle zwangsläufig aus. Daneben sind alle Figuren liebevoll gezeichnet: Wir haben keine Superhelden, keine Weltverbesserer, genauso wenig die drastischen Verlierer, sondern ein Sammelsurium von durchschnittlichen Existenzen, die mehr oder minder zufrieden ihr Leben meistern. Sie haben sich mit den Gegebenheiten arrangiert und glauben nicht mehr an das ganz große Glück. Sie wirken authentisch und in ihrer Natürlichkeit liebenswert.

Manu, die Frau auf dem Dach, die zum Sprung ansetzt, sollte eigentlich im Zentrum stehen, bildet aber viel mehr den Rahmen der Handlung und wird unbeabsichtigt zum dramatischen und entscheidenden Moment in zahlreichen Leben. Man lernt sie zu Beginn der Geschichte kennen, doch die Figur, die liebevoll mit den Pflanzen hantiert, will nicht zu der Person auf dem Dach passen. Ebenso wie der Leser kann sie ihr Freund Finn keinen Reim auf das Verhalten machen. In gewisser Weise ist sie eine tragische Heldin – mehr zu sagen würde das überraschende Ende vorwegnehmen.

Der kleinbürgerliche Mikrokosmus wird von Lappert überzeugend eingefangen. Eine routinierte, mühelose Erzählung, die einem in die kleine Welt eintauchen und teilhaben lässt. Für mich ist es gerade das Unaufgeregte, Unspektakuläre, das hier geschildert wird und begeistert.

Ein herzlicher Dank geht an den Diogenes Verlag für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zu Autorin und Buch finden sich auf der Verlagsseite.