Danya Kukafka – Notes on an Execution / Michelle Zauner – Crying in H Mart

Danya Kukafka – Notes on an Execution / Michelle Zauner – Crying in H Mart

Zwei Bücher, die unterschiedlicher kaum sein könnten und doch dieselben Fragen stellen: wer bin ich? Wo komme ich her? Welchen Einfluss hat das auf meine Persönlichkeit? Könnte ich wer ganz anderes sein? Michelle Zauners Erinnerungen an ihre Mutter, die für sie ihre koreanische Seite verkörperte, bricht in einem H Mart, einem Supermarkt für asiatische Produkte, aus ihr heraus. Ist sie überhaupt noch Koreanerin, jetzt, wo die Mutter nicht mehr lebt? Danya Kukafkas Protagonist ist nur Stunden vor der Todesspritze. Er ist ein Mörder, daran besteht kein Zweifel, aber hätte er nicht auch etwas Anderes werden können, wenn die Situation seiner Eltern und Kindheit nicht so gewesen wäre, wie sie war?

„Crying in H Mart“ ist nicht nur die Aufarbeitung des Verlustes, sondern vor allem, die Reflexion darüber, wie sehr die beiden Eltern mit ihren unterschiedlichen Kulturen die Tochter geprägt haben. Es sind vor allem die verschiedenen Lebensmittel, mit denen Zauner ihre Mutter verbindet, das typische Essen, das plötzlich fehlt, als die Mutter nicht mehr da ist und sie realisiert, dass sie nie gelernt hat, dieses selbst zu kochen. Es wird ihr auch klar, wie wenig sie die Mutter kannte und verstand, vieles blieb in den USA verborgen, was in der koreanischen Heimat bei Besuchen so selbstverständlich war. Es ist daher nicht nur der Verlust eines geliebten Menschen, sondern ein ganzer Teil ihrer Persönlichkeit, der mit dem Tod aus ihr herausgerissen zu sein scheint.

Danya Kukafka lässt in den Leser an Ansel Packers letzten Gedanken teilhaben, während parallel im Rückblick die Ermittlungen zu den Morden an drei jungen Frauen geschildert werden. „Notes on an Execution“ zeigt den Mörder nicht nur als Monster, sondern zunächst als Kind in einer gewalttätigen Familie, seine Mutter meint es gut, als sie dafür sorgt, dass die Polizei die beiden Söhne herausholt, doch für Ansel reißt das ein emotionales Loch, eine Leere, die er nicht mehr füllen kann, die auch die extremen Erfahrungen von Mord nicht füllen können. Ansel ist nicht nur das Monster, sondern wird geradezu charismatisch geschildert – wenn er andere Entscheidungen getroffen hätte, säße er nun nicht im Todestrakt mit tickender Uhr.

Zwei völlig verschiedene Bücher und doch teilen sie die zentralen Fragen, die einem auch als Leser nicht loslassen. Beide sind emotional herausfordernd, Zauner, weil sie detailliert die letzten Monate der Krebserkrankung der Mutter schildert, das langsame dahinvegetieren bis zum letzten Tag, Kukafka, weil sie den Mörder eben nicht nur einseitig schildert, sondern nahelegt, dass es nicht notwendigerweise zu diesen Taten hätte kommen müssen und nicht nur der Täter selbst Schuld auf sich geladen hat.

Agatha Christie – Der unheimliche Weg

Agatha Christie – Der unheimliche Weg

Eine Serie von Wissenschaftlern, die spurlos verschwinden, beschäftigt die Geheimdienste ebenso wie die Öffentlichkeit. Intelligente Männer, die wesentliche Erkenntnisse hervorgebracht haben, die jedoch auch militärisch gegen ihre westliche Heimat verwendet werden könnte. Unter ihnen auch Tom Betterton, Nuklearwissenschaftler, dessen Frau an der Situation verzweifelt und sich, um auf andere Gedanken zu kommen, auf eine Urlaubsreise nach Marokko begibt. Dort jedoch kommt sie nie an, sie kommt bei einem Flugzeugabsturz ums Leben. Da man sie allerdings im Verdacht hatte, mit ihrem Mann unter einer Decke zu stecken, engagiert der britische Agent Jessop kurzerhand Hilary Craven, die gerade überlegte, sich das Leben zu nehmen, um den Platz von Mrs Betterton einzunehmen. Was hat sie schon zu verlieren bei einem Himmelfahrtskommando, dessen Ausgang mehr als ungewiss ist?

„Der unheimliche Weg“ ist sicherlich der untypischste Agatha Christie Roman, der mir bis dato untergekommen ist. Es gibt zwar durchaus Opfer, aber es fehlt die typische Leiche, deren Ableben aufgeklärt wird. Stattdessen bekommt man eine Agentengeschichte des Kalten Krieges, wie sie im Buche steht. Spannend mit vielen verdeckten Identitäten und für den Leser ebenso ungewisse Reise wie für die Protagonistin.

Der 1954 erschienene Roman griff wohl mehr als aktuelle Themen auf. Die Welt hatte gesehen, wozu Wissenschaftler fähig waren, der Gedanke an Doppelagenten, die dem gegnerischen Block schaden wollen, war mehr als präsent. Christie greift dies überzeugend auf und strickt auf knapp 220 Seiten eine spannende Katz-und-Maus-Geschichte, bei der man sehr schnell ahnt, dass keiner Figur zu trauen ist und viele sehr verdeckte Interessen verfolgen.

Für Fans von Hercule Poirot und Miss Marple mag der Krimi eine Enttäuschung sein, mich hat er gerade weil er so unerwartet ist, begeistern können. Auch wenn der alles überragende Ermittler fehlt, der die Zeichen richtig deutet und zusammenfügt, stellt sich Hillary als clevere Agentin wider Willen heraus, die mit einem simplen, aber dadurch umso bestechenderen Trick, die Lösung herbeiführt.

Keiichirō Hirano – Das Leben eines Anderen

Keiichiro Hirano – Das Leben eines Anderen

Die ehemalige Klientin Rie wendet sich an den Scheidungsanwalt Akira Kido. Ihr zweiter Ehemann kam bei einem Unfall ums Leben. Sie hatten nicht viel Zeit miteinander, nicht einmal vier Jahre, und nach seinem Tod hat sie zunächst den Wunsch ihres verstorbenen Gatten akzeptiert und dessen Familie nicht über das Unglück informiert. Nur wenig wusste sie über sein Vorleben, er hatte damit abgeschlossen und neu begonnen. Zum ersten Todestag jedoch nimmt sie Kontakt mit dem Bruder auf und muss zu ihrem Schrecken feststellen, dass der Mann, mit dem sie glaubte verheiratet zu sein, nicht der war, als der er sich ausgab. Sie beauftragt Kido mit den Nachforschungen, um die Identität des Verstorbenen herauszufinden.

Schon seit über 20 Jahren ist Keiichirō Hirano eine bekannte Größe in der japanischen Literaturszene und er wurde bereits mit zahlreichen Preisen geehrt. „Das Leben eines Anderen“, der mit dem angesehenen Yomiuri Prize for Literature ausgezeichnet wurde, ist sein erster Roman, der in deutscher Übersetzung erschienen ist und der derzeit fürs Kino verfilmt wird. Im Zentrum steht die Suche nach dem Unbekannten und damit eng verbunden die Frage, wie sehr das eigene Leben von der Familie und der Familiengeschichte bestimmt wird oder bestimmt werden darf.

Die langwierige Recherche Kidos ist der rote Faden der Handlung. Bald schon offenbart sich jedoch, dass das zentrale Thema mehrere der Figuren betrifft. Kido selbst ist koreanischer Abstammung, was im Japan der Gegenwart immer noch mit Vorurteilen behaftet ist. Zainichi kamen während der Kolonialzeit als Arbeitskräfte nach Japan, verloren später jedoch die Staatsangehörigkeit, jedoch werden auch zweite und dritte Generation nach wie vor als Fremde betrachtet und sind immer wieder, gerade in Zeiten von wirtschaftlichen Unsicherheiten verschiedenen Formen von Fremdenfeindlichkeit und Verachtung ausgesetzt. Kido ist sich dessen bewusst, auch die Vorbehalte der Familie seiner Frau vor der Heirat waren ihm bekannt. Er kann seine Herkunft nicht abstreifen, hat aber auch gelernt defensiv mit ihr umzugehen.

Genau diese Herkunft ist es auch, die zum Schlüssel für das Auflösen des Mysteriums um den Unbekannten wird. Er hat sich entschieden das Leben eines Anderen anzunehmen und sein eigenes abzustreifen. Auch Ries Sohn hadert im Laufe der Geschichte damit, wer er ist, ob er mehr von seinem leiblichen oder mehr von seinem Ziehvater mitbekommen hat und was deren Familiengeschichten für ihn bedeuten.

Die Vergangenheit kann man nicht ändern – aber die Zukunft liegt in der eigenen Hand. Ein sehr japanischer Roman, der weitere für mich unbekannte Facetten des fernöstlichen Landes offenbart.

Tess Sharpe – The Girls I’ve Been

Tess Sharpe – The Girls I’ve Been

Nora O’Malley will eigentlich nur mit ihrer aktuellen Freundin Iris und ihrem Ex Wes Geld auf einer Bank einzahlen, als sich zwei weitere Kunden als Bankräumer zu erkennen geben. Sie wollen nicht an Geld, sondern an etwas, das sich in den Schließfächern befindet; dafür benötigen sie den Filialleiter, der jedoch an diesem Morgen noch nicht da ist. Wo andere in Panik ausbrechen würden, bleibt Nora ruhig, sie hat schon Schlimmeres durchlebt. Sie ist die Tochter einer notorischen Betrügerin und hat ihre Kindheit damit verbracht, Männer auszunehmen. Bis sie an Raymond gerieten, der noch gerissener als die beiden Frauen war. Aber auch er hatte Nora oder Ashley oder Samantha oder Rebecca oder wie auch immer sie gerade hieß unterschätzt. Jetzt muss sie auf das zurückgreifen, was sie schon als kleines Mädchen verinnerlicht hatte.

Tess Sharpe lässt in ihrem Jugendbuch-Krimi die Gegenwart der Geiselnahme in der Bank mit Noras Erinnerungen an die Zeit mit ihrer Mutter abwechseln. Seit fünf Jahren schon lebt die Jugendliche ein undercover Dasein als quasi normales Mädchen, ihre Halbschwester hat ihr eine neue Identität ermöglicht, die nun durch die unheilvollen Ereignisse droht aufzufliegen. Nur langsam bekommt man einen Eindruck davon, was in ihrem früheren Leben geschehen ist, während vor Ort die Zeit davonläuft und die Lage immer weiter eskaliert.

Die kurzen Kapitel und der rasche Wechsel zwischen den beiden Zeitebenen sorgen für ein hohes Tempo der Handlung und für Spannung, da man gerne beide Handlungsstränge mitverfolgen möchte. Weiß man anfangs noch wenig über Nora und hält ihre Überzeugung zwei bewaffneten Bankräubern etwas entgegensetzen zu können für etwas übertrieben, zeigt sich bald, dass deren Planung mehr so semi-optimal war und sie über weitaus mehr Cleverness verfügt als die beiden Männer.

Auch wenn die Krimi-Handlung und Noras eigene kriminelle Vergangenheit im Vordergrund stehen, so hat das Jugendbuch doch auch durchaus sehr ernste und kritische Untertöne. Nora hat all dies, was sie als Kind verbrochen hat, nicht freiwillig getan, ihre Mutter hat sie gezwungen, mal subtiler Mal offener. Sie musste psychische wie physische Gewalt erleiden, um das Spiel ihrer Mutter mitzuspielen. Auch ihre beiden Freunde haben familiäre Gewalterfahrungen gemacht, das verbindet sie einerseits, ist aber auch das, worüber nicht offen gesprochen wird, was Kinder und Jugendliche stumm erdulden, weil man ihnen droht und sie keinen Ausweg sehen.

Ein auch für Erwachsene unterhaltsames Jugendbuch, dessen Verfilmung und Besetzung von Netflix schon angekündigt war, sich aber scheinbar unbestimmt verzögert.

Kacen Callender – Felix Ever After

Kacen Callender – Felix Ever After

Schon als kleiner Junge wusste Felix Love, dass irgendetwas sich komisch anfühlt. Er wollte nicht mit den Mädchen spielen, keine Kleider tragen, sondern lieber mit den Jungs toben. Als er sich in einem Buch wiedererkennt, versteht er, dass er transgender ist. Sein Vater, mit dem er alleine in Harlem lebt, nachdem seine Mutter sie verlassen hat, ermöglicht ihm die Transition und dank des Umzugs ist ein Neuanfang als Junge möglich. In seiner Schule geht er offen damit um, was für die Mitschüler kein Problem zu sein scheint, bis er transphobe Nachrichten bekommt und sein Deadname zusammen mit einem alten Bild von ihm veröffentlicht wird. Eigentlich will der 17-Jährige sich doch nur verlieben und seine Kunstmappe für die Bewerbung an der Uni vorbereiten, doch jetzt muss er herausfinden, wer ihn in immer stärkerem Maße mobbt und keineswegs so aufgeschlossen ist, wie Felix es von allen dachte.

Kacen Callenders Roman ist stark von den persönlichen Erfahrungen der Autorin geprägt. Sie identifiziert sich als trans und queer und bevorzugt im Englischen die Pronomen they/them. Der Roman wurde mit dem „Stonewall Children’s and Young Adult Literature“ ausgezeichnet, der herausragende Bücher ehrt, die LGBTIQ+ Erfahrungen literarisch umsetzen. „Felix Ever After“ beschreibt sehr eingängig, wie Felix seine Identität sucht und gleichzeitig, welche Erlebnisse der Jugendliche in einer vermeintlich offenen Gesellschaft macht, in der Pride Parades als Happening gefeiert werden, wo aber im Alltag genauso rassistische wie LGBTIQ+ feindliche Aussagen und Handlungen an der Tagesordnung sind.

Was mir besonders gefallen hat, war, dass die Geschichte verdeutlicht, dass der Protagonist ein völlig normaler Jugendlicher ist, der sich verlieben möchte, den typischen Schulalltag erlebt und sich Sorgen um seine Zukunft macht. Er unterscheidet sich in dieser Hinsicht in keiner Weise von allen anderen Gleichaltrigen, was häufig vergessen wird, wenn diese Gruppe auf das Geschlecht bzw. die Geschlechtsidentität reduziert wird. Er ist sich unsicher, was seine Gefühle angeht, wünscht sich nichts mehr als den emotionalen Rausch und die großen Gefühle, die er bei anderen beobachtet.

Dennoch ist er anders, denn nicht jeder wird mit solchen Angriffen konfrontiert und Kacen Callender zeigt auch gut nachvollziehbar, dass trotz der Transition die Suche nach der Identität, nach einem passenden Label – gibt es das überhaupt? – nicht abgeschlossen ist, sondern weiterhin Fragen und Unsicherheiten bleiben. Felix geht offen mit seiner Situation um, was ihn angreifbar macht. Im Inneren ist er aber nicht der laute, selbstbewusste Junge, sondern voller Zweifel, die er schließlich schafft künstlerisch umzusetzen und nach außen zu kehren.

Ein gelungener Roman für Leser, die sich der Thematik annähern und diese besser verstehen lernen wollen, aber genauso sicherlich auch für junge Leser, die womöglich auf der Suche nach Vorbildern sind oder hier eine Antwort auf das finden können, was sie womöglich fühlen, aber nicht einordnen können.

Mithu Sanyal – Identitti

Mithu Sanyal – Identitti

Für Nivedita ist ihre Professorin Dr. Saraswati die Erleuchtung. Endlich jemand, der sie versteht, der ihr die Augen öffnet und zu der Identität verhilft, die sie schon so lange gesucht hat. Mit einem indischen Vater und einer polnischen Mutter war sie nie richtige Deutsche und nie die typische Ausländerin. In ihrem Studium der Postcolonial Studies nun werden Rassismus, Othering und auch Identität greifbar für sie. Doch dann der Schock: Professor Saraswati ist weiß. Sie hat sich ihre Rasse nur konstruiert, sie identifiziert sich selbst als Person of Colour, dabei ist sie nichts dergleichen. Der Internet Shitstorm lässt nicht lange auf sich warten, aber Nivedita ist noch nicht so schnell fertig mit ihr.

Mithu M. Sanyals Roman greift ein aktuelles Thema auf, was mit ein Grund für die Nominierung auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis sein dürfte. Stärker jedoch als die thematische Relevanz erscheint mir der lockere Erzählton, der fantastisch zur Protagonistin passt, bisweilen etwas rotzig und doch in der Sache präzise und genau den Nerv der Zeit treffend. Die beiden Frauen, die junge Studentin wie auch die Professorin, bilden interessante Gegensätze, die der Handlung eine besondere Note verleihen.

Nivedita hat zeitlebens ihren Platz gesucht. Bei ihrer Cousine Piti in England ist die Lage einfach, die indische Community ist groß, wird als solche wahrgenommen und ist klar definiert. Mit nur einem indischen Elternteil und keiner weiteren Verwandtschaft in der Nähe ist Nivedita im Gegensatz etwa zu den türkischen Mitschülerinnen weniger offensichtlich einzuordnen, mit der relativ hellen Haut eher etwas wie „Ausländerin light“, was sich vor allem dadurch auszeichnet, dass ihr direkte Anfeindungen und Rassismus erspart bleiben. Dies macht es jedoch nicht leichter für sie, sich selbst zu identifizieren, denn es gibt für sie wahrnehmbare Unterschiede ohne dass sie in eine der verfügbaren Schubladen passen würde.

Die Professorin hat sich ihre eigene Identität geschaffen, eine Transition von weiß zu PoC erlaubt ihr den Marsch durch die Institution und große Popularität unter den Studierenden. Die Enttäuschung ist groß, noch größer ist jedoch die Frage: darf sie das? Kann Rasse fluide sein wie das Geschlecht? Und: wer hat das Definitionsrecht hierüber?

Interessanterweise ist der Weg in diesem Fall weg von der privilegierten hin zur benachteiligten Identität, was vieles geradezu auf den Kopf stellt. Ihre Anhänger fühlen sich betrogen, man hat sie nicht nur ihres Idols beraubt, sondern auch der Illusion für die eigene Identität zu stehen und dennoch eine Karriere zu haben.

Der Autorin gelingt der Spagat zwischen der Internetsprache, die geschickt untergemischt wird, und dem akademischen Diskurs hervorragend. Aktuelle Fakten und Ereignisse werden ebenso nebenbei eingebaut wie sie strukturellen Rassismus offenlegt. Wenn engagierte Literatur etwas erreichen will, dann so. Ein lockerer Ton bei ernsthafter Thematik, auch mal lustig und dadurch, dass alles gegen bekannte Narrative läuft, nicht verletzend, sondern eher das Denken in bekannten Mustern störend und dadurch neue Denkwege erlaubend. Dieser Roman wäre wahrlich ein würdiger Kandidat für den diesjährigen Buchpreis.

Khuê Pham – Wo auch immer ihr seid

Khuê Pham – Wo auch immer ihr seid

Schon früh als kleines Mädchen hat Kiều gemerkt, dass ihre Familie anders ist als die der anderen Kinder. Nicht nur dass sie und ihre Geschwister dunkle Haare und mandelförmige Augen haben, die Gepflogenheiten, das Essen, einfach alles unterscheidet sich. Umso mehr versucht sie, wie eine Deutsche zu sein, nicht aufzufallen, sich anzupassen. Als ihre Großmutter stirbt, fliegt sie – inzwischen 30 aber immer noch unverheiratet – mit den Eltern nach Kalifornien, wo der Rest der Verwandtschaft lebt. Nie hat sie sich wirklich gefragt, wie es kommt, dass ihre Eltern in Deutschland sind und die anderen in den USA oder warum sie ihre vietnamesische Heimat verlassen haben. Mit dem Verlust der Großmutter, die sie kaum kannte und von der sie noch nicht einmal den Namen weiß, beginnt ihre Reise in die Geschichte ihrer Familie.

Die Journalistin Khuê Phạm thematisiert schon lange die Situation von Einwandererkindern in Deutschland, die zwischen zwei Kulturen aufwachsen und immer das Gefühl haben, weder zur einen noch zur anderen so richtig zu gehören. Dies ist auch das zentrale Thema in ihrem Debütroman, der von ihrer eigenen Familiengeschichte beeinflusst ist. Es ist jedoch nicht nur die Geschichte von jungen Menschen, die ihre Identität suchen, sondern auch von Schuldgefühlen, nicht Ausgesprochenem, dem, was nicht mehr gesagt und zurechtgerückt werden kann, wenn plötzlich jemand nicht mehr da ist.

Kiềus Geschichte bildet den Rahmen, die Reise mit den Eltern, die für sie auch vor der Frage steht, was sie selbst mit ihrem Leben anfangen will. Ein Schwangerschaftstest bestätigt ihre Vermutung, aber ihre Beziehung ist fragil, ihr Freund bereitet gerade den Umzug nach Japan vor und Familie und Sesshaftigkeit gehörten nicht zu den aktuellen Plänen. So unsicher ihre Zukunft, so klar wird ihr, dass sie auch von der Vergangenheit kaum etwas weiß und nicht einmal die Geschichte ihrer Eltern kennt, die sich während des Studiums in Deutschland kennengelernt haben.

Auf ihrem Vater lasteten als Erstgeborenem große Erwartungen; dass er hervorragende Schulleitungen zu erbringen hatte, um Zugang zum Medizinstudium zu erhalten, stand nie infrage. Statt Frankreich reichte es jedoch nur zu Deutschland und während er sich versuchte in diesem seltsamen Land, in dem sich Ende der 60er Jahre viele seiner Kommilitonen für sein Heimatland interessierten, zurechtzufinden, versank Vietnam im Chaos. Ein Heimatbesuch gegen Ende seiner Ausbildung war eher verstörend, nichts war mehr so, wie er es in Erinnerung hatte und auch von seiner Familie hatte er sich entfremdet.

Sein jüngerer Bruder konnte nicht rechtzeitig fliehen und erlebte die Wiedervereinigung und Übernahme durch die Kommunisten. Er musste sich den harten Weg in die Freiheit erkämpfen, hatte dafür aber in den USA stets eine große vietnamesische Community, die die Traditionen weiterleben ließ. Für die Erzählerin eine neue Welt, ein anderes Zusammenleben als sie es aus Deutschland kennt. Auch ihre Eltern lernt sie noch einmal von einer ganz anderen Seite kennen.

Eine beeindruckende Familiengeschichte voller Brüche und verschiedenen Wahrheiten, die alle aus ihrer Perspektive gerechtfertigt und richtig sind. Eine Geschichte, die auch zeigt, wie sich Kultur und Identität konstruieren und immer wieder neu entwickeln und ausgehandelt werden müssen vor dem Hintergrund der Spannungen von familiären und gesellschaftlichen Erwartungen und eigenen Träumen. Ein Einblick in eine fremde Welt, die vor unseren Augen und doch hinter verborgenen Türen stattfindet.

Ein herzlicher Dank geht an den btb Verlag für das Rezensionsexemplar. Weiter Informationen zu Autorin und Buch finden sich auf der Verlagsseite.

Georges-Arthur Goldschmidt – Der versperrte Weg

Georges-Arthur Goldschmidt – Der versperrte Weg

Wie können Lebenswege trotz identischer Ausgangslage völlige verschiedene Läufe nehmen? Zwei Brüder, Erich, der ältere, von Beginn an der ernstere, Jürgen-Arthur als jüngerer von Geburt an von den Eltern verwöhnt und verhätschelt. Die Nazi Zeit führt zur Suspendierung des Vaters, dem angesehenen Richter des Hamburger Gerichts. Zunehmend merkt auch Erich, dass sich die Zeiten ändern, dabei ist er doch ebenso deutsch wie seine Klassenkameraden! Es folgt schließlich die Flucht der beiden Kinder in die französischen Alpen, wo sie in einem Internat versteckt werden. Hatte Erich einst noch die Nazis bewundert und bedauert, nicht Mitglied der HJ werden zu können, sind es nun die Kämpfer der Résistance, denen er nacheifert. Mit dem Erlernen der Sprache erfolgt die Annäherung und die Neukonzeption seiner Identität.

Die wahre Geschichte der beiden ungleichen Brüder wurde auf der Longlist des diesjährigen Deutschen Buchpreises nominiert, was mich neugierig machte. Der Roman, oder eher die Biografie aus Brudersicht, ist sperrig und beide blieben mir leider sehr fremd. Georges-Arthur Goldschmidt, seinerseits der jüngere, schwelgt in einer Hommage an seinen größeren Bruder, der unter seiner Existenz offenbar sehr gelitten haben muss und sich in die streng geregelte Welt des Militärs und Beamtentums gerettet hat.

Vieles bleibt fragmentarisch, wird nur angerissen, ist zum Teil der kindlichen Erinnerung geschuldet. Stark wird der Roman vor allem in den Passagen, in denen Sprache und Identität thematisiert werden. Es sind Widersprüche in seiner Biografie, in seinem eigenen Empfinden, aber auch in der Außensicht, an denen Erich sich immer wieder reibt, es ihn fast zerreißt. Nur mit perfekter Sprache und Assimilation kann er das verheimlichen, was er ist – oder war – um etwas zu sein, was er nie ganz werden wird. So wird er zum nicht-Deutschen, nicht-Franzosen, nicht-Juden, nicht-Displaced Person – nur was ist er dann?

„evangelischer Jude deutscher Herkunft im kaum von der deutschen Okkupation befreiten Frankreich“

Es bleibt der Weg in die Fremdenlegion als letzter Ausweg, die Aufgabe all dessen, was zuvor war. Was solche Erlebnisse mit den Menschen machen, kann der Roman deutlich vermitteln, für mich aber dennoch literarisch kein herausragendes Werk.

Brandon Taylor – Real Life

Brandon Taylor – Real Life

Wallace ist Doktorand an einer vorwiegend von Weißen besuchten Universität im Mittleren Westen. Als Schwarzer aus Alabama hat er sich vom ersten Tag an als Außenseiter gefühlt, nicht nur im Labor, in dem er mit Nematoden arbeitet, sondern auch in seinem kleinen Freundeskreis. Er befindet sich an einem Scheideweg, stellt seine Arbeit in Frage, für die er scheinbar gänzlich ungeeignet ist und die ihm auch bei weitem nicht so wichtig ist wie seinen Mitdoktoranden, aber auch privat ist er unglücklich. Beziehungen sind schwierig, er hat eine Art Affäre mit Miller, der jedoch sein homosexuelles Dasein öffentlich leugnet. Zu dieser ungünstigen emotionalen Gemengelage kommt Wallace’ permanentes Gefühl, Rassismus ausgesetzt zu sein. Er hat diverse Erlebnisse, die ihn aufgrund seiner Hautfarbe klar in eine Schublade stecken und herabwürdigen, zugleich hat dies in ihm eine provokante Haltung befördert, mit der er aneckt und so wiederum neue Konflikte heraufbeschwört. Er wird zu einer tickenden Zeitbombe, es ist nur nicht klar, ob er explodieren oder implodieren wird.


„Eigentlich wollte er nicht die Universität verlassen, sondern sein Leben.“

Gerade von Vertreter:innen der queeren Scene in den USA ist Brandon Taylors Debütroman mit großer Begeisterung aufgenommen worden. Die Stärke von „Real Life“ liegt zweifelsohne in der Darstellung der Zerrissenheit und Isolation des Protagonisten. Der Autor überlagert verschiedene Narrative von Diskriminierung, indem Wallace sowohl als Schwarzer wie auch als Homosexueller und zudem aus einer sozial- wie finanzschwachen Familie stammt, ist er in vielerlei Hinsicht Außenseiter und Randfigur in seinem eigenen Leben. Auch für ihn selbst ist nicht immer eindeutig zuzuordnen, wogegen sich die Angriffe gerade richten, die er erlebt.

„Wallace räusperte sich. « Ich weiß würde nicht sagen, dass ich alles hinschmeißen will, aber ja, ich habe darüber nachgedacht. »

« Warum solltest du so was tun? Du weißt schon, bei den Aussichten für… für Schwarze? »“

Vom ersten Tag an ist die Universität nicht der befreiende Ort, den Wallace erwartet hatte. Immer wieder hat er Begegnungen, die wohlmeinend als unsensibel oder offengesagt als rassistisch einzuordnen sind. An seinen fachlichen Defiziten kann er arbeiten, aber irgendwann wird ihm klar, dass er nie passend sein wird für sein professionelles Umfeld, da er das Defizit Schwarzer zu sein, schlichtweg nicht ändern kann. Dies kann er ebenso wenig abstreifen wie seine Vergangenheit, die er hinter sich lassen wollte.

Die Schwierigkeiten, Vertrauen zu fassen und funktionierende Beziehungen zu führen, sind seiner Kindheit und den Erlebnissen zu jener Zeit geschuldet. Seine Eltern konnten ihm kein Vertrauen vermitteln, was seine Grundfähigkeit, sich anderen Menschen gegenüber zu öffnen und an das Gute zu glauben nachhaltig erschüttert ist. Zeigt er sich einerseits devot, immer bereit, seine Schuld einzugestehen, auch wenn es dafür keinen Grund gibt, kann er andererseits extrem provozieren und natürlich auch enttäuschen.

Wallace ist keine einfache, sympathische Figur. Seine destruktive Grundhaltung macht es schwer, einen Zugang zu ihm zu finden. Aber so wenig wie der Leser ist er in seinem Leben beheimatet und sicher. Man kann seine Perspektive vor dem Hintergrund seiner Erfahrungen verstehen, auch wenn sie befremdlich sind, insofern öffnet der Autor eine fremde Welt für den Leser, deren Denkstrukturen vielfach näher an jener Wallace‘ Antagonisten sein dürfte. Sein Rückzug ist nachvollziehbar, zugleich jedoch auch ein Zeichen seines eigenen Egoismus und ein Stück weit auch der Verachtung, die er anderen gegenüber hegt: als nämlich seine asiatische Kollegin von ihren eigenen Rassismuserfahrungen berichtet, negiert er diese.

Ein Roman voller Emotionen, der bereichern wie auch abstoßen kann. Mit gutem Grund stand der Roman auf der Shortlist des 2020 Booker Prize, ein literarischer Beitrag zur hochaktuellen Diskussion.

Santiago Amigorena – Kein Ort ist fern genug

santiago amigorena kein ort ist fern genug
Santiago Amigorena – Kein Ort ist fern genug

1928 verlässt Vicente Rosenberg seine Heimat Warschau Richtung Südamerika. In Buenos Aires gründet er mit Rosita eine Familie und eröffnet ein Möbelgeschäft. Sie bekommen drei Kinder und alles entwickelt sich prächtig in der lebendigen Stadt. Doch dann werden die Briefe der Mutter zunehmend besorgniserregend. Juden hatten es schon lange nicht mehr leicht, aber nun scheint sich die Lage doch zu verschlimmern. Während die Nazis in Europa die Endlösung vorbereiten, sitzt Vicente machtlos 12.000 Kilometer entfernt. Nachrichten erreichen ihn nur spärlich und verzögert, bald schon kann und will er diese nicht mehr ertragen und zieht sich zurück in sein inneres Ghetto. Wie die Mauer, die Warschau umschließt, verschließt er sich vor der Welt und seiner Familie. Fragen nach der Identität – was ist er: Pole, Argentinier, Jude? – und Schuld – hätte er mehr tun müssen, um seine Mutter zur Auswanderung zu bewegen, bevor es zu spät war? – plagen ihn bis er nur noch einen einzigen Ausweg für sich sieht.

Santiago Amigorena schildert die Geschichte seines Großvaters, seiner Familie, die Vertreibung auf beide Seiten des Atlantiks erlebt hat. Viele Sprachen fließen in seinen Adern, Vicente wächst mit dem Jiddischen auf, lernt dann Polnisch für die Schule, ist begeistert von der deutschen Sprache und Kultur und eigentlich sich dann das argentinische Spanisch an, sein Enkel muss später im französischen Exil erneut eine andere Sprache erlernen. Doch alle Sprachen der Welt können nicht das Entsetzen zum Ausdruck bringen, dass mit der Shoa verbunden ist und das am Beispiel Vicentes greifbar wird.

Es sind nur wenige Jahre, die Amigorena schildert, von Ende 1940 bis zum Waffenstillstand 1945, diese jedoch sind entscheidend für Vicente Rosenberg und machen aus dem lebendigen und energischen jungen Vater einen gebrochenen Mann. Der kurze Roman ist dicht und voller essentieller Fragen, die nachdenklich stimmen.

„Wie alle Juden hatte Vicente geglaubt, vieles zu sein, bis die Nazis ihm zeigten, dass ihn tatsächlich nur eines charakterisierte: sein Jüdischsein.“

Weder war er besonders religiös, noch war das Jiddische seine Alltagssprache, in verschiedenen Ländern und Sprachen zu Hause wurde plötzlich etwas zum Distinktionsmerkmal, das Hitler und seine Gefolgsleute brauchten, um sich selbst zu rechtfertigen. Die Definition des Ichs obliegt jetzt nicht mehr dem Individuum, sondern ihm wird zugeschrieben, was er/sie ist und trotz der Entfernung merkt auch Vicente, dass er sich zunehmend als Jude identifiziert und Mitglied der Leidensgemeinschaft wird, ohne jedoch unmittelbar selbst Leid zu erfahren.

Genau dieses treibt ihn in den emotionalen Ausnahmezustand. Er fühlt eine Schuld, fühlt sich als Verräter, denn er ist weit entfernt von der Gräuel, muss nicht erleben, was seine Familie und Freunde durchmachen müssen. Dabei verfügt er nur über wenig Belastbares, was das Ausmaß der Schandtaten angeht. Wie alle anderen ahnt er, dass unbegreifliche Dinge geschehen, aber erst nach der Befreiung wird die Welt begreifen und einen Begriff dafür finden, was die Nazis in Europa angerichtet haben. Doch das wenige Wissen reicht schon, um Vicente zur inneren Migration zu veranlassen und das Reden einzustellen. Nicht dass er nicht wollte, er kann nicht mehr. Das, was er durchlebt, ist sinnbildlich für das, was sich in den Lagern abspielte, und was nicht in Worte zu fassen ist.

Amigorenas Roman war nach Erscheinen 2019 für alle großen französischen Literaturpreise nominiert, was einem nach der Lektüre nicht verwundert. Die Geschichte ist intensiv, jedes Wort passt hier und lässt den Ausnahmezustand des Protagonisten greifbar werden. Der Aufbau in der Parallelität zwischen den inneren und äußeren Vorgängen ist schlicht genial. „Kein Ort ist fern genug“ ist eines dieser ganz wenigen Bücher, die man liest und denkt: so geht große Literatur.