Karen M. McManus – Two can keep a secret

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Karen M. McManus – Two can keep a secret

Schon immer war Ellery fasziniert von True Crime Stories, vermutlich, weil ihre Tante Sarah als junge Frau spurlos verschwand. Als ihre Mutter einen längeren Klinikaufenthalt antreten muss, zieht sie zusammen mit ihrem Zwillingsbruder Ezra nach Echo Ridge zu ihrer Großmutter, der Ort des Verbrechens, der kein gutes Pflaster für junge Frauen zu sein scheint. Just als sie dort ankommen wird nämlich der fünfjährige Todestag der hübschen Lacey begangen. Kurz darauf wird die Stadt durch diffuse Morddrohungen alarmiert und es dauert nicht lange, bis wieder ein Mädchen verschwindet. Ellery ist verschreckt und fasziniert zugleich und beginnt wildeste Theorien über den möglichen Mörder zu spinnen. Dieser ist womöglich näher als sie ahnt, denn Malcolm, mit dem sie sich in der neuen Schule anfreundet, ist der Bruder des Hauptverdächtigen.

Karen McManus konnte mich mit ihrem ersten Roman „One of Us is Lying“ restlos begeistern. Der Nachfolger reicht leider nicht ganz an diesen heran, wenn auch die Geschichte überzeugend konstruiert ist und man lange Zeit völlig im Dunkeln tappt. Gefallen hat mir die Protagonistin mit ihrem Spleen für True Crime Geschichten, der sie zur engagierten Detektivin macht und immer wieder neue Theorien über die Geschehnisse in der Kleinstadt entwickeln lässt.

Gleich mehrere Verbrechen werfen große Fragen auf, ob und wie diese im Zusammenhang stehen, bleibt lange unklar. Mit Ellery und Ezra kommen zwei Außenseiten in die Kleinstadt, die sich die Verbindungen der Bewohner untereinander erst erarbeiten müssen und so gemeinsam mit dem Leser ein Bild von Echo Ridge entwickeln. Dass sie selbst unmittelbar mit den Geheimnissen verbunden sind und gefühlt jede Figur auch etwas zu verheimlichen hat, hält sie Spannung konstant hoch, auch wenn ich mir bisweilen etwas mehr Tempo gewünscht hätte. Die einzelnen Fälle werden am Ende insgesamt glaubhaft gelöst, wobei mein persönliches Highlight – Achtung Spoiler! – der Schlusssatz war. Ich mag es, wenn irgendwie alles vorbei ist und dann aus dem Nichts nochmals ein Akzent, oder eher ein heftiger Schlag, gesetzt wird.

Lina Bengtsdotter – Löwenzahnkind

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Lina Bengtsdotter – Löwenzahnkind

Das Verschwinden einer 17-Jährigen führt Charlie Lager zurück in den Ort ihrer Kindheit, den sie nicht nur vergessen, sondern völlig aus ihren Gedanken löschen wollte. Schnell kommen in der trostlosen Provinz, die Kindern und Jugendlichen außer Drogen, Alkohol und Gewalt nichts zu bieten hat, die Erinnerungen wieder hoch. Und wie zu erwarten war, mauern die Einheimischen, niemand will etwas gesehen haben oder über den Abend wissen, an dem sich Annabelles Spur verliert. Charlie versucht herauszufinden, wer das Mädchen war, das scheinbar gerne zur Schule ging und wissbegierig war, andererseits aber immer wieder gegen die Regeln der Eltern verstieß und am Wochenende wie alle anderen auch die sie umgebende Tristesse versuchte zu ertränken.

Lina Bengtsdotter hat ihre Thriller Serie um die Polizistin Charlie in ihrem Heimatort Gullspång angesiedelt, eine Kleinstadt abgehängt von der Großstadt und mit wenig Perspektiven. Der erste Band erzählt nicht nur die Suche nach dem verschwundenen Mädchen, sondern gibt auch erschreckende Einblicke in Funktionsweisen der kleinen Gemeinschaft, wo jeder alles über jeden weiß und dennoch Geheimnisse über Jahrzehnte gut gehütet werden. Auch die Protagonistin trägt so einiges an Ballast mit sich herum, Dämonen, die mit der Rückkehr wieder zum Leben erwachen.

Der Roman lebt davon, dass jede Begegnung, jede Tür, die geöffnet wird, das Potenzial hat, die Handlung in eine völlig neue Richtung zu lenken oder der ohnehin kaum auszuhaltenden Trostlosigkeit ein weiteres Mosaiksteinchen an trauriger Realität hinzuzufügen. Gullspång hat wenig gemein mit dem fröhlichen und ausgelassenen Midsommar, den man so gerne für die Darstellung Schwedens bemüht, sondern bietet eine brutale Sommerhitze, die die aufgeheizte und angespannte Stimmung noch verschärft. Die Spannung lebt vor allem von der feindseligen Atmosphäre, weder die Menschen noch die Natur wirken einladend oder freundlich, im Gegenteil, wir sehen eigentlich nur die feindselig-destruktiven Seiten.

Aus psychologischer Sicht ein interessantes Sammelsurium an Figuren, die auch viel Potenzial für weitere Bände haben. In dieser Umgebung aufzuwachsen geht nicht ohne Spuren zu hinterlassen. Ich bin gespannt, was in der Ermittlerin Charlie noch versteckt ist.

Ali Smith – Herbst

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Ali Smith – Herbst

Der Sommer verabschiedet sich, geht zu Ende, wie auch das Leben von Daniel Gluck langsam aus ihm verschwindet. Mit 101 Jahren hat er viel erlebt und verbringt nun die Tage schlafend im Pflegeheim. Elisabeth besucht ihn dort regelmäßig, um ihm vorzulesen. Sie ist nicht seine Enkelin wie die Pflegerinnen denken, nicht einmal mit ihm verwandt, als Kind wohnten sie und ihre Mutter neben dem damals schon alten Mann und er hat auf ihren Spaziergängen nicht nur ihre Phantasie beflügelt, sondern auch ihre Liebe zu Kunst und Literatur geweckt. Vielleicht ist es gut, dass er nicht mehr sieht, wie sich die Welt verändert, nicht nur der Sommer muss weichen, sondern auch das England, das sie kannten. Das Land, das ihn einst aufgenommen hat und das nun vom Brexit gezeichnet und gespalten ist.

Ali Smiths Roman ist der erste Band eines nach den Jahreszeiten benannten Zyklus, der die Stimmung eines zerrissenen Landes mit einer ausdrucksstarken Poetik einfängt. Sie hat sich damit nicht nur endgültig in die Riege der ganz großen zeitgenössischen britischen Autorinnen katapultiert, sondern wurde hierfür auch auf der Shortlist für den Man Booker Prize 2017 honoriert.

Aus Charles Dickens‘ „Tale of Two Cities“ liest Elisabeth dem schlafenden Daniel vor. Passender als in Analogie zu der berühmten Anfangspassage des mehr als 150 Jahre alten Romans kann man die Stimmung in Großbritannien seit dem Referendum kaum zusammenfassen:

 „Im ganzen Land fanden die Leute, es sei das Falsche. Im ganzen Land fanden die Leute, es sei das Richtige. Im ganzen Land fanden die Leute, sie hätten eigentlich verloren. Im ganzen Land fanden die Leute, sie hätten eigentlich gewonnen. Im ganzen Land fanden die Leute, sie hätten das Richtige und andere hätten das Falsche getan.“

Elisabeth stellt sich jedoch nicht nur die Frage, in welcher Zeit sie lebt, sondern was Zeit überhaupt ist, ist eines der zentralen Rätsel des Romans. Ebenso wie jenes nach der Wahrheit, die die Protagonistin schon als Grundschulmädchen beschäftigt:

Es soll aber die Wahrheit sein, sagte Elisabeth. Es ist für die Nachrichten in Zeitgeschichte. Das merkt doch niemand, sagte ihre Mutter. Erfinde es selber. Die richtigen Nachrichten sind sowieso immer erfunden. Die richtigen Nachrichten sind nicht erfunden, sagte Elisabeth. Es sind Nachrichten. Über das Thema sprechen wir noch mal, wenn du ein bisschen älter bist, sagte ihre Mutter.“

Nachdem sie jahrelang den Kontakt zu Daniel Gluck verloren hatte, leben nun mit den Besuchen im Krankenhaus auch die Erinnerungen an ihre gemeinsamen Nachmittage wieder auf. Noch einmal wird sie das neugierige und wissbegierige Kind, das durch die Augen des weisen Mannes blicken und die Welt erkunden darf.

„Irgendetwas solltest du immer lesen, sagte er. Auch wenn du kein Buch in der Hand hast. Wie sollen wir die Welt sonst ergründen?“

Ist noch zu verstehen, was in England gerade geschieht? Können die Nachrichten die Stimmung einfangen und transportieren? Man sollte nicht so weit gehen wie Elisabeths Mutter, die sie als erfunden abstempelt, aber sie sind selektiv, arrangiert und mit einer gewissen Intention aufbereitet. Bleibt also nur noch die Literatur, um die Wahrheit der Welt zu ergründen? Zumindest eine Wahrheit, die der Figuren, die uns Ali Smith präsentiert. Sie könnte auch ganz anders sein, das wäre dann aber eine andere Geschichte.

Stina Jackson – Dunkelsommer

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Stina Jackson – Dunkelsommer

Norrland, weit oben im schwedischen Norden. Zwei Menschen sind auf der Suche. Lehrer Lelle such Lina, seine Tochter, die vor drei Jahren spurlos von der Bushaltestelle verschwunden ist, an der er sie morgens abgesetzt hatte. Die 17-jährige Meja sucht nur nach einem normalen Leben. Mehr als 30 Mal ist sie mit ihrer Mutter Silje bereits umgezogen, von einem Liebhaber zum nächsten, jetzt also in den Norden zu Torbjörn. Die dunklen Wälder machen dem Mädchen aus dem Süden Angst, auch Torbjörn kann sie nur schwer einschätzen, doch bald schon findet sie in den Brüdern Carl-Johan, Göran und Pär Freunde, mit denen sie die langen Sommertage verbringt. Sie sind anders, ihre Eltern leben abgeschieden auf einem Hof und versorgen sich selbst, meiden die Gesellschaft. Als von einem Campingplatz ein Mädchen verschwindet, wird Meja zum ersten Mal mit der dunklen Seite der Gegend konfrontiert. Wieder ein 17-jähriges Mädchen, wieder gibt es keine Spuren, ist sie auch in Gefahr?

Das Debut der gebürtigen Schwedin Stina Jackson, die seit zehn Jahren jedoch bereits in den USA lebt, ist geprägt von der düsteren Stimmung des wenig besiedelten schwedischen Nordens. Entweder die Figuren leben völlig im Einklang mit der Natur oder diese breitet ihre Düsterheit und ihren Schrecken über ihnen aus. Atmosphärisch überzeugend hat die Autorin ihre Story in die wenig idyllische Umgebung eingebaut und erzeugt selbst in friedlichen Situationen ein gewisses Unbehagen.

Die beiden Handlungsstränge um Lelle und Meja werden parallel erzählt. Jede Nacht macht sich der trauernde Vater auf, um die Gegend nach Spuren von Lina abzusuchen, jede Nacht aufs Neue begegnet er potenziellen Tätern, jede Nacht kehrt er mit leeren Händen zurück. Seine Trauer ist überwältigend, fordert ihn völlig bis zur absoluten Belastungsgrenze, doch er gibt nicht auf. Man fühlt sein Leid und wünscht ihm so sehr, dass er endlich Frieden findet. Meja bemitleidet man gleichermaßen, ihre familiäre Situation ist mehr als prekär und man erhofft für das Mädchen, endlich entfliehen zu können. Mit der Begegnung mit den drei Jungs scheint zum ersten Mal so etwas wie Normalität in ihr Leben zu treten, auch wenn der Familie sehr seltsame Prepper zu sein scheinen und sich täglich mit Verschwörungstheorien beschäftigen.

Beide Figuren sind authentisch gezeichnet, vor allem ihr Schmerz bzw. die Einsamkeit der beidem wird deutlich. Dass sich ihre Wege kreuzen müssen, liegt auf der Hand. Die Auflösung des Falles wird ebenfalls überzeugend angebahnt und zu einem sauberen Schluss gebracht. Die Geschichte lebt nicht von nervenzerreißender Hochspannung, sondern wird von den Emotionen der Figuren getragen und besticht durch die düstere Atmosphäre, die sich mit Eintritt des Herbstes noch deutlich verstärkt. Eine rundherum stimmige Erzählung, die die Erwartungen an weitere Romane der Autorin hochschraubt.

Ein herzlicher Dank geht an das Bloggerportal für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zu Autorin und Buch finden sich auf der Seite der Verlagsgruppe Random House.

Judith Visser – Mein Leben als Sonntagskind

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Judith Visser – Mein Leben als Sonntagskind

Jasmijn ist kein ganz normales Mädchen zu Beginn der 80er Jahre in Rotterdam. Sie ist lieber für sich alleine, Lärm und grelles Licht lösen Migränen aus und zu ihren Mitmenschen findet sie nur schwer Kontakt. Ihre Mitschüler finden sie sonderbar, geradezu arrogant, weil sie sich immer absondert. Was stimmt mit diesem stillen Mädchen nicht? Jasmijn und ihre Familie wissen es auch nicht, sie war schon immer so, nur ihr Hund Senta scheint sie zu verstehen. Je älter sie wird, desto auffälliger ist ihr Verhalten, aber für Jasmijn ist alles in Ordnung, so lange niemand ihre Routinen stört und sie sich zurückziehen kann.

Als Leser weiß man recht schnell, weshalb Jasmijn in einer anderen Welt lebt und ihre Wahrnehmung so sehr von der ihrer Mitmenschen abweicht. Sie ist als Autistin recht funktional, hat aber ihre Grenzen, die sie auch nicht überschreiten kann. Dank verständnisvoller Eltern kann sie sich entwickeln und sie halten ihr den Rücken frei, auch wenn sie sie immer wieder zu „normalem“ Verhalten ermuntern, üben sie doch keinen großen Druck auf sie aus, was ein Glücksfall ist.

Die Entwicklungsstörungen im Autismus-Spektrum sind für mein Empfinden in den letzten Jahren immer weiter in den gesellschaftlichen Fokus gerückt und haben das einseitige Bild von „Rain Man“ abgelöst. Auch in der Literatur wird das Thema zunehmend aufgegriffen, was ich sehr begrüße, da es Einblick in die Wahrnehmung der Betroffenen gibt und ein vielfältiges Bild der Entwicklungsstörung zeigt. Es sind keine völlig verschrobenen Außenseiter, ganz im Gegenteil, viele Leben wie Jasmijn – oder auch die Autorin selbst – Jahrzehnte ohne Diagnose und Verständnis ihrer Umwelt.

Jasmijn wird authentisch geschildert, vor allem ihre Wahrnehmungen als kleines Kind sind leicht nachvollziehbar und verdeutlichen, weshalb unsere Umwelt mit all den akustischen, optischen und olfaktorischen Eindrücken sie erschlagen. Die fehlende Filterfunktion des Gehirns muss zu einer Überforderung führen, die im Buch sehr deutlich wird. Auch wie sie mit Hilfe von Comics versucht Emotionen in Gesichtern lesen zu lernen oder dass sie sich immer wieder aktiv ins Gedächtnis rufen muss, dass sie ihre Gesprächspartner ansehen muss, zeigen, wie anstrengend der Alltag sich für Autisten gestaltet und welche unterbewussten Mechanismen von ihnen mühsam aktiv angesteuert werden müssen.

Ein liebenswerter Einblick in eine andere Welt, den ich nur nachdrücklich empfehlen kann.

Chris Cander – Das Gewicht eines Pianos

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Chris Cander – Das Gewicht eines Pianos

Es ist das Klavier des deutschen Nachbarn, das die kleine Katya in ihrer russischen Heimat jede Nacht fasziniert. Sie lauscht den Sonaten und Préludes und der unendlichen Traurigkeit, die von der Musik ausgeht. Der Besitzer spürt die Verbindung des Mädchens zu dem Instrument und so erbt sie es nach seinem Tod. Die Musik wird ihre Leidenschaft, eine, die sogar größer ist als die Liebe zu ihrem Mann Mihail, für den sie ihre Heimat verlässt, um in den USA ein besseres Leben zu finden. Doch dort erwartet sie nichts. Das Piano musste sie zurücklassen und ohne Musik ist ihr Leben leer und kalt. Auch ihr Sohn Grisha kann das nicht ändern. Claras Leben ist ebenfalls von Traurigkeit bestimmt, früh schon hat sie ihre Eltern verloren, das einzige, was ihr als Erinnerung geblieben ist, ist ein Piano, das offenbar nicht nur die Töne, sondern die auch die Gefühle vieler Jahrzehnte und unzähliger Pianisten in sich trägt.

Die amerikanische Autorin Christ Cander, deren vorherige Werke bereits mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet wurden, hat viel Lob für ihren Roman erhalten, immer wieder wird die Intensität hervorgehoben, mit der sie die Rolle der Musik für ihre Figuren beschreibt. Dies war es auch, was mich am meisten begeistern konnte, obwohl mir jede Musikalität fehlt.

Die Geschichten von Katya und Clara laufen lange Zeit parallel. Es ist schnell klar, dass das Piano das verbindende Element zwischen den beiden ist, wie genau die Beziehung jedoch aussieht, löst sich erst spät auf. Unabhängig von der bildstarken Beschreibung des Klavierspiels und den Melodien vor allem der russischen Komponisten wie Alexander Skrjabin oder Peter Tschaikowksi, hat mich die Autorin mit ihren beiden Frauenfiguren gepackt. Einerseits das russische Mädchen, das ganz in der Musik aufgeht und später zur erwachsenen Frau heranreift, die nur wenig ihrem herrischen und brutalen Ehemann entgegenzusetzen hat. Metaphorisch lässt Cander ihren Sohn über sie sagen, dass Katya in Kalifornien zu Eis wurde, trotz der andauernden Hitze. Innerlich erstarrt ist die mächtige Naturgewalt im Death Valley und dem Coffin Peak die Nachaußenkehrung ihres Daseins.  Auf der anderen Seite Clara, die nicht nur keine Familie mehr hat, sondern auch ansonsten allein und planlos im Leben umherirrt. Für sie ist die Begegnung mit Greg der Moment des Loslösens von den Erinnerungen an die Zeit vor dem Tod ihrer Eltern und das Loslassen, das ihr letztlich erlaubt, ihr Leben zu beginnen.

Sicherlich sind weite Teile der Handlung vorhersehbar und die Figuren recht reduziert auf wenige Charakterzüge. Aber dies wird durch die poetische Beschreibung, mit der Cander der Musik Leben einhaucht, locker aufgewogen.

Ein herzlicher Dank geht an HarperCollinsGermany für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zu Buch und Autorin finden sich auf der Verlagsseite.

Luba Goldberg-Kuznetsova – Lubotschka

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Luba Goldberg-Kuznetsova – Lubotschka

Nicht mehr lange bis Lubotschka und ihre Mutter das geliebte Sankt Petersburg gen Deutschland verlassen werden. Doch ein paar Ereignisse stehen noch an: der Schulabschluss mit dem Ball, der 18. Geburtstag, die erste Nach mit einem Mann, noch einmal Silvester. Obwohl sich das Mädchen auf das neue Leben freut, wird sie doch fast vom Wehmut übermannt. Kann man sich angemessen von der Heimatstadt verabschieden? Sie birgt so viele Erinnerung an das Internat, die Schuljahre, die Freundinnen und natürlich all die Wege, die sie in den vielen Jahren gegangen ist: auf dem Newski Prospekt, an der Newa entlang oder der Fontanka, in die teuren Boutiquen und auf die billigen Märkte.

Es liegt auf der Hand, dass in ihrem Debüt sehr viel von der Autorin selbst liegt. 1982 im damaligen Leningrad geboren, hat sie genau wie die Protagonistin den großen Wandel und die Öffnung gen Westen in den 1990er Jahren als junges Mädchen erlebt und ist 2001 nach Deutschland gekommen, wo sie Philosophie und literarisches Schreiben studierte.

Zwei Aspekte haben mich im Roman besonders begeistert. Zum einen ist der Erzählton authentisch, man glaubt wirklich einem jungen Mädchen gegenüberzusitzen, das die Welt entdeckt. Die große politische Welt interessiert sie nicht, es sind die unmittelbaren Dinge um sie herum, die ihre Gedanken ausfüllen: die Freundschaften mit den Klassenkameradinnen, die internationalen Zeitschriften mit ihren meist oberflächlichen Themen rund ums Aussehen, die neueste Mode und Schminke und vor allem das perfekte Kleid für den Abschlussball. Gleichzeitig liest sie aber klassische Literatur und beobachtet und analysiert messerscharf das Treiben auf den Petersburger Straßen. Sie kommt aus einem typischen Elternhaus, das gebildet aber arm ist. Die Mutter muss als Lehrerin trotzdem noch auf der Straße Kwas verkaufen und triebt einen kleinen Handel mit Waren aus Polen. Designermode ist nicht drin, ebenso nur eine kleine Wohnung in einer Chruschtschowka.

Daneben kommt der Petersburger Atmosphäre zu Beginn des Jahrtausends eine große Rolle zu. Immer wieder bewegt sich das Mädchen durch die Stadt, die so langsam zu einem Bild entsteht. Zwischen den großen klassizistischen Gebäuden wie der Eremitage oder Gostiny Dwor, den Boulevards und den Ufern der Newa bewegt sie sich häufig in Trolleybus oder Metro und blickt bereits nostalgisch auf das, was sie verlassen wird. Es begegnen ihr die reichen Ausländer wie die armen Russen, erste lesbische Liebespaare zeigen sich öffentlich und im Fernsehen spricht der neue starke Mann an der Macht. Die Westmarken sind bekannt, auch die Waren kann man kaufen – könnte man, wenn man sie sich leisten könnte. Es war die Zeit voller Hoffnung, die noch nicht von den harten Jahren kündete, die vor dem Land standen.

Luba Goldberg-Kuznetsova ist eine neue Stimme im Literaturbetrieb, die eine ähnliche Geschichte wie Lena Gorelik oder Alexandra Friedmann hat und sich wie die beiden anderen zwischen Journalismus und Literatur bewegt. Ganz definitiv eine Generation von beachtenswerten Frauen, die auf Deutsch schreiben, aber ihr (weiß)russisches Erbe durchscheinen lassen, dass ihnen einen ganz eigenen Ton verleiht.

Annie Ernaux – Erinnerung eines Mädchens

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Annie Ernaux – Erinnerung eines Mädchens

Annie wächst behütet in der Kleinstadt auf, in ihrer katholischen Schule lernt sie die in den 1950er Jahren wesentlichen Dinge für eine Frau. Im Sommer vor ihrem 18. Geburtstag will sie als Betreuerin in einer Ferienkolonie arbeiten und endlich dazugehören, so den Großen, Erwachsenen, die die Kinder dort betreuen. Mit Jungs hat sie keinerlei Erfahrung, aber das will sie nachholen und die Gelegenheit ergibt sich schneller als gedacht. Doch es ist nicht das, was sie erwartet hat und auch fünfzig Jahre später noch verfolgen sie die Ereignisse dieser Nacht.

Annie Ernaux‘ autobiographisch basiertes Buch ist die Geschichte eines Mädchens im Erwachsenwerden. Auch wenn die Handlung Ende der 50er/Anfang der 60er Jahre angesiedelt ist, sind die Probleme und Sorgen doch diejenigen, die viele jungen Menschen auch heute kennen. Annie wächst in einem kleinbürgerlichen Haushalt auf, ihre Eltern haben einen kleinen Lebensmittelladen in der Provinz. Dem Mädchen fehlt es an nichts, aber sie hat auch nie Kontakt zu intellektuellen Milieus und kann ihr Interesse an Literatur und Philosophie mit niemandem teilen. In der Schule hat sie beste Noten, aber richtig gefordert wird sie in diesem Umfeld auch nicht.

In der Ferienkolonie trifft sie erstmals auf Jugendliche aus anderen sozialen Schichten, was sie verunsichert. Sie kennt die geheimen Codes nicht, weiß nicht, wie sie sich verhalten soll, welche Meinung sie haben muss, um auch dazuzugehören. Schnell wird sie zum Gespött. Die fehlende sexuelle Erfahrung versucht sie durch Freizügigkeit aufzuholen und versteht dabei nicht, dass dies ebenfalls nicht richtig ist und sie wiederum der Verachtung der anderen aussetzt.

Die angehenden Lehrerinnen sind ihr Vorbild, weshalb sie sich selbst auch für das Lehramtsstudium einschreibt. Annie will sein wie sie, um im nächsten Sommer mithalten zu können, dabei vergisst sie völlig, dass sie weder geeignet noch interessiert ist an diesem Beruf und das Fiasko im Praktikum lässt nicht lange auf sich warten. Auch der Au Pair-Aufenthalt in London erfüllt die Erwartungen nicht: ihr Englisch verbessert sich nicht und ihr Vater wirft ihr letztlich treffend an den Kopf, dass sie eigentlich dort nicht mehr war als ein Dienstmädchen.

Es dauert Jahre, bis sie erkennt, was sie gut kann und was sie im Leben will. Der Weg dahin ist schmerzlich und ihre Entscheidung erfüllt nicht die Erwartungen der Eltern, denen jedoch gefangen in ihrer überschaubaren Welt der notwendige Weitblick fehlt. Annie muss sie freischwimmen, um ihren Horizont zu erkennen und ihre eigenen Ziele zu finden.

Maren Kroymann liest Annie Ernaux‘ Erinnerung mit überzeugend prononcierter Stimme und verleiht sowohl dem Mädchen Annie die notwendige Naivität wie auch der erwachsenen Frau die immer noch schmerzliche Gebrochenheit, die die Geschichte ausmachen.

Jane Gardam – Weit weg von Verona

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Jane Gardam – Weit weg von Verona

Jessica Vye nimmt kein Blatt vor den Mund und sich anzupassen ist auch nicht ihre große Stärke. Unweigerlich gerät die Zwölfjährige immer wieder in heikle Situationen, aus denen sie kaum einen Ausweg findet. Freunde hat sie kaum, erst mögen die anderen Kinder sie, aber bald schon wenden sie sich von ihr ab. Auch ihre Lehrerinnen scheinen sie nicht zu verstehen und vor allem ihr literarisches Talent nicht zu entdecken. Während draußen in der Welt der Zweite Weltkrieg tobt, wird Jessicas Leben in dem englischen Dörfchen von Alltagssorgen und ersten literarischen Entdeckungen geprägt.

Jane Gardams Debütroman wurde bereits 1971 geschrieben und auch hier zeigt sie schon ihr Talent für außergewöhnliche Charaktere und einen unheimlich sympathischen Erzählton, der den Leser mitnimmt und der dank der lockeren und heiteren Art begeistern kann. Allerdings bleibt sie in „Weit weg von Verona“ in der Figurenzeichnung noch hinter ihren späteren Romanen, vor allem der Trilogie um Old Filth Edward Feathers, zurück, was aber auch dem Alter der Protagonistin geschuldet sein könnte.

Jessicas Welt ist klein und überschaubar. Die Außenwelt dringt zwar am Rande zu ihr durch – der Krieg, die nächtlichen Bombardements, die Gasmasken – kann aber nicht wirklich ihr Bewusstsein durchdingen und so konzentriert sich die Handlung auf ihren kleinen Radius von Zuhause und Schule. Immer wieder bringen sie vermeintlich gute Ideen in Schwierigkeiten, dies ist einerseits völlig abzusehen, dennoch aber amüsant und herzlich mitzuerleben.

Vanessa Loibl findet im Hörbuch auch die passende Stimme für das vorlaute und aufgeweckte Mädchen und transportiert ihre etwas altkluge, aber doch herzliche Art überzeugend.

Wlada Kolosowa – Fliegende Hunde

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Wlada Kolosowa – Fliegende Hunde

Eine Freundschaft, die sie schon ihr Leben lang begleitet: Oksana und Lena sind wie Zwillinge. Schon die Mütter waren befreundet und haben die Mädchen am selben Tag zur Welt gebracht. Aufgewachsen in nebeneinanderliegenden Plattbauwohnungen am Rande von St. Petersburg haben sie die letzten siebzehn Jahre alles in ihrem Leben geteilt. Doch plötzlich trennen sich ihre Wege: die dürre Lena wird trotz ihrer Glupschaugen als Model entdeckt und fliegt nach Shanghai, wo das glamouröse Modeldasein auf sie wartet. Oksana bleibt in der grauen Vorstadt, wo sie mithilfe eines geheimen Forums und einer obskuren Diät versucht, ein paar Kilos zu verlieren. Erstmals getrennt voneinander müssen sich die Mädchen in der Welt ohne die Freundin neu orientieren. Oksana findet in Mammut einen neuen Freund, Lena passt sich an die Bedingungen im harten Modelbusiness an.

Man braucht nicht lange, um sich in Wlada Kolosowas Roman rundum wohlzufühlen. Der Beginn der Erzählung mit den Rahmenbedingungen der absurden Leningrad-Diät ist schlichtweg köstlich. Auch wenn einem bei diesem Humor bisweilen der Atem wegbleibt, weil es nun doch arg grenzwertig ist, auf welches Vorbild die Forums-Besucher zurückgreifen, kann man sich nur zu gut vorstellen, dass junge Mädchen auf genau solche abstrusen Ideen kommen, um an Gewicht zu verlieren. Ungemein sympathisch dabei Oksana, die findet

„dass es ihr nicht schaden würde, zumindest ein bisschen magersüchtig zu sein: Sie hatte in ihrem Leben noch nie eine Diät länger als bis zum Abendessen durchgehalten.“

Der Autorin gelingt hier der Spagat ein ernstes Thema aufzugreifen – im Laufe der Handlung wird sich die Dramatik noch weiter zuspitzen – ohne dabei mahnend den Finger zu erheben oder eine rosarot verklärte heile Welt aufzubauen, in der der Wunsch nach Schlanksein und einem hübschen Äußeren nicht wichtig ist. Gerade indem sie die zweite Protagonistin zum Model macht und an ihr die gerne übersehenen negativen Seiten des Business aufzeigt, macht sie die Diskrepanz zwischen Realität und Wunschtraum noch deutlicher.

Neben den beiden wirklich liebenswerten Mädchen, die vor keine leichte Aufgabe beim Erwachsenwerden gestellt werden, können auch die anderen Figuren überzeugen. Der zunächst seltsame Mammut, dessen gutes Herz nicht gleich erkannt wird oder das mahnende Gewissen in Form der alten Baba Polja, die Details der St. Petersburger Belagerung erinnert, aber das fünf Minuten zuvor Gesagte schon vergessen hat.

Wlada Kolosowas größte Stärke ist jedoch der Witz und Humor, mit dem sie der trost- und perspektivlosen Vorstadt ebenso wie der heruntergekommenen Model-WG begegnet. Sie findet den richtigen Ton zwischen ironischer Distanz, die erforderlich ist, um die Gegebenheiten auszuhalten, und herzlicher Nähe, die man bei der liebevollen Figurenzeichnung in jeder Zeile erkennt. Ihre Beschreibungen des russischen Alltags lassen den Pragmatismus der Menschen erkennen, die Lage ist nicht gut, aber auch nicht hoffnungslos und so lange man etwas Ordentliches zu essen hat und die Liebsten um sich herum, ist das Leben eigentlich gar nicht so schlecht.

Kein Wohlfühlbuch für die Seele, aber ein Roman, der einem mit einem wohlig-zufriedenen Gefühl zurücklässt.

Ein herzlicher Dank geht an den Ullstein Buchverlag für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zu Buch und Autorin finden sich auf der Verlagsseite.