Violette Leduc – Thérèse und Isabelle

Anfang der 1950er Jahre in einem katholischen Mädcheninternat in Frankreich. Isabelle ist die beste Schülerin, die alle bewundern, die neue Schülerin Thérèse ist die Tochter einer alleinerziehenden Mutter, die zum Zielobjekt ihres Hasses wird. Doch die anfängliche Abneigung der beiden gegeneinander wandelt sich und wird zu einer leidenschaftlichen Liebesbeziehung. Nachts im Schlafsaal, wenn alle anderen in ihre Träume versunken sind, geben sie sich ihren Gefühlen hin und entdecken die Liebe, die nicht sein darf. Nicht bei Minderjährigen, nicht bei zwei jungen Frauen und gleich dreimal nicht im Internat. Immerzu drohen sie aufzufliegen und Thérèses intensive Abhängigkeit macht es bald unmöglich für sie, einen Schultag zu durchzustehen.

Auch wenn Violette Leducs Schilderung der unerlaubten Liebe voller versierter Sprachbilder ist und die Emotionen der Mädchen, das überwältigende Gefühl der ersten echten Liebe, die erwidert wird, minutiös einfängt, sind es doch mehr noch die Umstände der Entstehung und die Geschichte der Novelle, die daran faszinieren.

Die Autorin verfasste „Thérèse und Isabelle“ als ersten von drei Teilen ihres Romans „Ravages“, der drei autobiografisch geprägte Liebesepisoden schildert. Von Simone de Beauvoir unterstützt, die das Potenzial der Geschichte und Leducs erkannte, wurde er verschiedenen Verlegern vorgelegt, die jedoch 1954 alle Angst vor der Zensur hatten und wussten, dass die Zeit für eine so offene Schilderung gleichgeschlechtlicher Liebe noch nicht gekommen war. Es erschienen erst viel später redigierte Fassungen, bis 2000 Gallimard erstmals die ursprüngliche Version als Einzelband herausgab.

Violette Leduc wollte keinen Skandal provozieren, sie schildert einfach nur das Erleben großer Leidenschaft in völlig unschuldiger Form. Es ist für Leser von heute kaum mehr nachvollziehbar, was an dem Text anstößig sein soll, ja, er ist explizit, aber in einer poetischen Weise und nicht plump wie das, was einem tagtäglich online entgegenspringt. Auch das die Protagonistinnen zwei junge Frauen sind, die ihre Zuneigung ausleben, sollte hoffentlich niemanden mehr schockieren. Der Roman ist nicht pornografisch oder voyeuristisch, sondern wirkt geradezu naiv in Thérèses Faszination von Isabelle. Es ist schlicht das Zeugnis einer verbotenen Liebe, die sich dennoch ihren Weg bahnt.

Marianne Philips – Die Beichte einer Nacht

Marianne Philips – Die beichte einer Nacht

Eine Frau kann nicht schlafen, zu sehr stören sie die anderen, die sich in dem Gemeinschaftsschlafsaal der Nervenklinik aufhalten. Sie geht zur Nachtschwester und merkt, dass sie sich plötzlich nach Monaten des Schweigens öffnen und von all dem erzählen kann, was sie an diesen Ort geführt hat. Stumm hört die andere ihr zu, erfährt von der entbehrungsreichen Kindheit als ältestes von zehn Kindern, das früh schon mit anpacken musste. Der gehässige Vater und schon bald der Wunsch, dem Elend zu entkommen. Als Schneiderin und später Verkäuferin gelingt er der Sprung in die Stadt und Bekanntschaft mit reichen Herren, die sie anbeten und gerne ihr Geld für sie ausgeben. Eine gescheiterte Ehe, der finanzielle Ruin und dann unerwartet doch noch die große Liebe – aber offenbar hatte das Leben kein Happy End für Heleen vorgesehen, sonst wäre sie nicht dort in der Klinik, weggesperrt vor der Öffentlichkeit.

Marianne Philips war ihrer Zeit in vielerlei Hinsicht voraus. Drei Kinder konnten sie nicht von einer politischen Karriere abhalten, das Schreiben entdeckte sie erst spät, wobei ihr das Veröffentlichen ab 1940 als Jüdin verboten war. In „Die Beichte einer Nacht“ sind sicherlich ihre eigenen Erfahrungen mit eingeflossen, da sie nach der Geburt ihrer ersten Tochter einige Wochen in einer Klinik war, aber auch sonst weist der Roman zahlreiche Parallelen zu ihrem Leben auf. Er ist ein einziger Stream of Consciousness, als wenn jemand die Tore weit geöffnet hätte, fließt es einfach so aus der Erzählerin heraus.

„Seltsam ist das, es gibt Augenblicke, in denen hat man tatsächlich die Wahl. Damals vor dem Bahnhof erkannte ich glasklar, dass ich die Wahl hatte: unser Städtchen und ein bisschen Mühsal, aber auch Ruhe – oder Groenmans und das Unbekannte. „

Es ist zunächst die Geschichte eines Mädchens mit Träumen, dem sich plötzlich eine Chance bietet, die sie ergreift. Sie erkennt, was ihr ob der Herkunft alles fehlt, um in der oberen Gesellschaft mitzuhalten, aber konsequent arbeitet sie an sich, bleibt bescheiden und höflich und so öffnen sich immer mehr Türen für sie. Zunächst unter dem Schutz des Kaufmanns Groenmans, später des Unternehmers Camelot entwickelt sie sich zur begehrten Dame, die Luxus erkennt und ihn lieben lernt. Die erste Ehe eine Farce, geblendet von der Bildung des Mannes erkennt sie ihn nicht, bis sie sich befreit und bereit ist, noch einmal von vorne anzufangen. Mit Hannes und der deutlich jüngeren Schwester Lientje, die sie zu sich genommen hat, scheint das Glück perfekt.

Es ist jedoch nicht nur die Entwicklung vom Entlein zum Schwan, sondern die Selbstreflexion der Erzählerin, die den Reiz der Geschichte ausmacht. Sie beschönigt dabei nichts, benennt ihre Fehler und Unzulänglichkeiten und weiß, weshalb alles in diesem Chaos enden musste. Am Ende ist sie allein, nicht einmal mehr Gott steht ihr bei. Sie muss mit sich selbst und dem, was sie getan hat, Frieden schließen.

Man kann kaum glauben, dass der Roman schon vor 90 Jahren verfasst wurde, zeitlos ist die Geschichte des hoffnungsvollen Aufstiegs und schlussendlichen Niedergangs. Dabei reißt Marianne Philips die großen Fragen des Lebens auf: Glück, Glaube und der Platz in der Welt. Eine sprachgewaltige Introspektion einer faszinierenden Protagonistin.

Wolfgang Franßen – Mado

Wolfgang Franßen – Mado

Mado ist die rebellische Tochter einer rebellischen Tochter einer selbstbewussten, unabhängigen Frau. Sturheit und Eigensinn ziehen sich durch die Familie und werden von einer an die nächste Generation weitergegeben. Nichtsdestotrotz gilt jedoch im Notfall: Blut ist dicker als Wasser und wenn eine Hilfe braucht, sind die anderen da, ohne Wenn und Aber. Mado ist in so einer Situation. Nachdem sie ihren Freund erschlagen hat, ist sie aus Paris zurück in die bretonische Heimat geflüchtet, wo sie Zuflucht bei der Oma sucht. Diese verspricht, sich um das Malheur zu kümmern. Schnell merkt Mado jedoch, dass sie sogleich wieder von all dem eingeholt wird, das sie schon hinter sich gelassen glaubte: die Kneipe der Mutter, die Streitigkeiten mit ihrer Schwester Verelle, die Langeweile, die sie in die Arme von Thierry treibt, und die Geldnot, die ein besseres Leben verhindert. Für die 25-Jährige steht jedoch fest: sie lässt sich nicht mehr unterkriegen und wird sich gegen die Widrigkeiten des Lebens wehren.

„Ihre Großmutter hatte im Gefängnis gesessen. Ihre Mutter war eine Hure. Ihre Schwester eine Nonne. Sie eine Mörderin. Eine perfekte Familie.“

Der Verleger Wolfgang Franßen schreibt in seinem gleichnamigen Roman die Geschichte einer jungen Frau, der wenig im Leben geschenkt wurde. Die Mutter betreibt eine Kneipe auf dem Land, schon der Ruf der Großmutter war zweifelhaft und so hält die Zukunft auch für Mado wenig Hoffnung bereit. Bleibt also nur die Flucht nach vorne in die schillernde Hauptstadt, in der Provinz nichts zu haben, ist genauso gut wie in Paris nichts haben, also bleibt nichts zu verlieren.

„Ihr stand eine Nacht voller Selbstmitleid, Prahlerei und hartem Sex bevor, in der es nur darauf ankam, wie lange er durchhielt. Am besten, sie schloss sich gleich im Bad ein.“

Häufig verlaufen die Erfahrungen zyklisch und so erlebt auch Mado das, was sie schon kennt: Gewalt, insbesondere gegen Frauen. Das haben ihre Mutter und Großmutter auch schon hinter sich gebracht und es folgt einer gewissen Logik, dass auch Mado – wie später auch ihre Schwester Verelle – auf misogyne Männer trifft, die in ihr keine gleichberechtigte Partnerin, sondern eine nützliche Freizeitbeschäftigung sehen.

„Mado was fünfundzwanzig und von ihrer Großmutter nicht dazu erzogen worden, einen Herd zu bewachen.“

Mado versucht dies zu durchbrechen, zumindest ausreichend Willensstärke wurde ihr mitgegeben, die Lösung, die sie dafür wählt, ist jedoch mehr so semioptimal, weshalb sie genau dahin zurückkehrt, woher sie kam. Damit geht sie auch zurück auf Start, denn nichts hat sich für sie verändert.

Der Roman hinterlässt zwiespältige Gefühle. Einerseits sieht man, wie die Frauen der Familie Kaaris ihren Kopf haben und sich nicht unterkriegen lassen, zusammenhalten und pragmatisch tun, was getan werden muss. Andererseits kommen sie aus der Gewaltspirale und dem Leben am Rand der Gesellschaft nicht heraus. Mado hat Träume und ein verdammtes Recht auf ein bisschen Glück – nur irgendwie hat das noch keiner dem Schicksal erklärt.

Ein Milieuroman, der nah an seiner Protagonistin ist, die mir mit all ihrer Störrigkeit und Wut – und bisweilen auch der derben Sprache und dem durchaus grenzwertigen Verhalten – dennoch gut gefallen hat, gerade weil sie so ist, wie sie ist.

Andrew David MacDonald – Jeder Tag ist eine Schlacht, mein Herz


Andrew David MacDonald – Jeder Tag ist eine Schlacht, mein Herz

Zelda ist anders als andere junge Frauen. Sie interessiert sich nicht für ihr Aussehen oder Instagram Profile, sondern für Wikinger. Sie weiß alles über die längst versunkene Kultur und transformiert ihren Alltag nach den Gesetzen der Nordmänner. So gibt es klare Regeln in der Wohnung von Zelda und ihrem Bruder Gert und die Sippe steht immer an oberster Stelle. Gert würde alles für seine kleine Schwester tun, er weiß auch, dass er der einzige ist, der sie nach dem Tod der Eltern vor der bösen Welt draußen beschützen kann, alleine kann sie das nämlich nicht. Mit einem festen Netz an Unterstützern gelingt das meist auch – bis es Komplikationen gibt.

In seinem Debütroman hat Andrew David MacDonald ein außergewöhnliches Thema zum zentralen Aspekt der Handlung gemacht. Die Protagonistin Zelda leidet an einer ausgeprägten Form des fetalen Alkoholsyndroms und hat daher eine Entwicklung als gesunde Menschen genommen. Sie ist sich dessen bewusst, dass ihr Leben anders ist als jenes von Gleichaltrigen, aber sie ist nicht alleine, sondern hat Freunde in ähnlichen Situationen und mit ihrem Bruder auch jemanden, der für sie durchs Feuer gehen würde.

Diversität in der Literatur ist schon lange ein drängendes Thema und es ist ohne Frage eine begrüßenswerte Entwicklung, dass zunehmend Figuren geschaffen werden, die sich gesellschaftlich eher am Rand oder sogar von diesem verdrängt finden. Autismus-Spektrumsstörungen sind ja inzwischen gar nicht mehr so selten, auch psychische Erkrankungen wie Depressionen findet man recht häufig, das fetale Alkoholsyndrom erscheint mir jedoch ein echtes Novum. Dass der Autor seine Protagonistin zur Erzählerin macht, unterstreicht, dass er nicht über Menschen mit FAS schreiben möchte, sondern ihnen eine Stimme verleiht. Ob er ihr und anderen Betroffenen jedoch damit einen Gefallen tut, möchte ich mit einem großen Fragezeichen versehen.

Das Lesen war bisweilen ein Kraftakt, Zeldas Perspektive und Ausdrucksweise ist herausfordernd, um es positiv zu beschreiben. Ihre naive eingeschränkte Sichtweise und die extreme Fokussierung auf Wikinger sind womöglich recht realistisch dargestellt, was auch durchaus einen Blick in ihre Welt erlaubt. Auch ihr Vorhaben mit ihrem Freund das erste Mal zu begehen hat durchaus amüsante Seiten, die kritischen Fragen werden dabei jedoch ganz dezent nur leicht gestreift, um nicht wirklich zu problematisieren. Sie gerät dann doch noch in eine gefährliche Situation, aus der sie jedoch unbeschadet herauskommt und am Ende ist vieles Friede, Freude, Eierkuchen, weil sie einen Job hat und in ihrer eigenen Wohnung lebt.

Welcher Eindruck bleibt also? Ein liebenswertes Mädchen, dem dann doch alles gelingt, was es möchte. Leider stellt sich die Realität oftmals ganz anders dar und genau jene unterstützenden Strukturen, die Zelda retten, sind bei den FAS Betroffenen genau nicht vorhanden. Jede Ausprägung ist individuell, aber große Lesebegeisterung und Aneignung von neuem Wissen gehört nicht so wirklich typisch zu dem Syndrom. Wie bei vielen Retardierungen, die sich auf die Kognition auswirken, sind die Menschen hochgradig gefährdet und statistisch signifikant häufiger Opfer von Gewalt. Ob es da hilft, ein rosarotes Bild zu malen und vor allem auch die Alltagsschwierigkeiten so herunterzuspielen?

Das Urteil fällt daher gemischt aus: ein wichtiges Thema, durchaus oft auch amüsant zu lesen ist, aber die kritische Frage, ob hier nicht ein ziemliches beschönigtes Bild gezeichnet wird, das im schlimmsten Fall einen völlig falschen Eindruck der Folgen von Alkohol in der Schwangerschaft vermittelt, muss auch gestellt werden.  

Arvid Heubner – Totenstill

Arvid Heubner – Totenstill

Ein Eliteinternat in Sachsen-Anhalt. Seit vielen Jahren schon ist es Tradition, dass die Abiturientinnen zu einer Silentiumwoche aufbrechen, um vor den Prüfungen nochmals mentale Energie zu tanken. Doch nun ist seit mehreren Tagen kein Kontakt mehr zu ihnen herzustellen und die winterlichen Temperaturen und der starke Schneefall machen den Verantwortlichen Sorgen. Die Polizei kämpft sich zur Hütte vor, diese ist jedoch verlassen, von den Mädchen und ihrem Lehrer keine Spur. Erst als einige Stunden später die 18-jährige Mia völlig erschöpft aufgefunden wird und den Hinweis auf eine Höhle geben kann, gibt es die erste hilfreiche Spur. Doch was die Ermittler dort erwartet, ist ein Bild des Grauens: alle Schülerinnen sowie der Tutor sind tot, brutal und eiskalt ermordet. Tinus Geving vom LKA und ehemaliger Europol Ermittler leitet die Mordkommission, die schon bald merkt, dass der Fall nicht nur wegen der Herkunft der höheren Töchter brisant ist, sondern auch ganz aktiv aus den eigenen Reihen behindert wird.

Der Klappentext hat mich unmittelbar neugierig auf den Thriller gemacht. Welche Intrigen wohl in diesem Internat gesponnen wurden, dass sie mit einem solchen Verbrechen endeten? Und wer sind die Eltern der Mädchen, dass diese statt zu trauern Einfluss auf die Ermittlung nehmen können? Leider jedoch blieb die Geschichte für mich etwas hölzern und an vielen Stellen nicht wirklich nachvollziehbar. Der Fokus liegt nicht auf den Geschehnissen der Schule, sondern auf der Soko Eichenburg, allen voran dem Geving, der an einer posttraumatischen Belastungsstörung leidet und dessen negative Gemütsverfassung dich bleiern über den ganzen Text senkt.

Die Ermittlungen der Sonderkommission kommen nur langsam voran, viel zu wenige Hinweise erschweren die Spurensuche, wesentliche Untersuchungen werden schlichtweg vergessen. Weshalb Geving nicht mehr Europol ist, erschließt sich im Laufe der Handlung durch seine Flashbacks, dass er aber in der tiefsten Provinz versauert, erklärt sich dadurch für mich nicht. Auch dass sein letzter internationaler Fall plötzlich mit den Vorkommnissen des Internats in Verbindung steht und er die großen Zusammenhänge erkennt, war für mich etwas zu viel des Zufalls.

Parallel werden die Intrigen innerhalb der sachsen-anhaltinischen Landesregierung gesponnen. Auch hier leider nur eine Ansammlung eindimensionaler Figuren, die sich durch Machtgeilheit und Rücksichtslosigkeit auszeichnen, weitere Charaktermerkmale sind Fehlanzeige. Politik ist hier kein komplexes Thema, sondern eine Spielwiese für Egozentriker, die diese maximal ausreizen.

Die Kapitelüberschriften weisen eine gewisse Anlehnung an die sieben Todsünden auf, was sehr viel hergegeben hätte, leider bleiben aber die Figuren insgesamt zu flach, um dies in glaubwürdige Motive und überzeugende Aktionen umzusetzen. Zwar werden am Ende die Zusammenhänge restlos offengelegt, diese sind aber für mein Empfinden etwas zu abenteuerlich, um glaubwürdig zu wirken. Ein spannendes Szenario und durchaus ansprechender und spannender Schreibstil, aber in der Gesamtschau nicht ganz rund.

Sam Lloyd – Der Mädchenwald

Sam Lloyd – Der Mädchenwald

Sie wollte nur kurz ans Auto gehen, doch dann wird die 13-jährige Elissa vor der Halle, in der sie eigentlich an einem Schachturnier teilnimmt, entführt. In einem Keller unter einem Cottage hält man sie gefangen, angekettet und nur mit dem Allernötigsten ausgestattet. Sie bekommt Besuch, nicht nur von dem grausamen Entführer, der brutal zuschlägt, wenn sie nicht gehorcht, sondern auch von einem Jungen, der etwas gleich alt sein muss und sich als Elijah vorstellt. Elissa gelingt es, sein Vertrauen zu wecken, aber wird das genügen, damit der scheinbar etwas eingeschränkte Junge sich auch zu ihrem Helfer wird instrumentalisieren lassen? Elissas Hoffnung wird bald jedoch schon schwer enttäuscht und sie muss sich fragen, ob sie Elijah nicht gänzlich falsch eingeschätzt hat und er derjenige ist, vor dem sie wirklich Angst haben sollte.

„Dieser Junge“, fährt Annie fort. „Er ist ein Kämpfer. Sein Leben ist ihm mehr wert als alles andere. Was auch immer nötig ist, um es zu erhalten, er wird es tun.“

Auch wenn Elissa als Opfer eigentlich im Zentrum der Handlung steht, ist es doch Elijah, der durch sein ungewöhnliches Verhalten sofort alle Aufmerksamkeit auf sich zieht. Die Passagen, in denen der Junge die Erzählerstimme übernimmt, sind schwer einzuschätzen, man kann vieles nicht wirklich einordnen, es scheint nicht zusammenzupassen, was er erzählt und vor allem wie. Auch seine Gegenspielerin ist mit interessanten Facetten ausgestattet, sie beherrscht nicht nur das Schachspiel, sondern ist eine Meisterin im Verstecken geheimer Botschaften. Mit diesen beiden Figuren ist die Grundlage für einen spannenden und unterhaltsamen Thriller gelegt. Leider hat er mich aber nicht wirklich packen können.

Der Hauptgrund, weshalb mich die Geschichte nicht überzeugte, sind letztlich zu viele Ungereimtheiten, Teile, die einfach nicht geschmeidig ineinanderpassen wollten. Der Entführer bleibt als Figur völlig nebelig, weshalb Elijah für ihn so wichtig ist, wird nur am Rande erwähnt, aber nicht überzeugend erläutert. Auch seine Helferin Annie erscheint als brutale Sadistin, die zwar eine Erklärung für die Entführungen liefert – vermeintlich untaugliche alleinerziehende Mütter, vor denen die Kinder gerettet werden müssen – aber auch diese Motivation bleibt eher diffus als sinnhaft zu wirken.

Die Unstimmigkeiten in der Figur Elijah mögen sich durch das psychologische Profil, das im Laufe der Handlung ersichtlich wird, erklären, wirken aber doch auch recht willkürlich zusammengesetzt. Dass ein junges Mädchen wie Elissa in dieser Situation derart abgebrüht agieren könnte, dass sie ihre Entführer zu manipulieren versucht, kann auch nur in der Fiktion als vorstellbar gelten.

Es knirscht beim Lesen hier und da, gerade auch Elijahs Erzählpassagen sind sprachlich herausfordernd, was sich jedoch durch die Figur noch rechtfertigen lässt, aber gleichermaßen auch Spannung nimmt, da man mehr so durch die Erzählung holpert. Die Ermittlerin bleibt gänzlich blass, außer bezogen auf ihren Privatproblemen, die meines Erachtens völlig überflüssig waren.

Durchaus gutes Grundkonzept und auch zwei interessante Protagonisten, die Umsetzung jedoch hat mich nicht überzeugt.

Lars Kepler – Der Spiegelmann

Lars Kepler – Der Spiegelmann

Schon vor Jahren ist Jenny Lind auf dem Weg von der Schule nach Hause spurlos verschwunden, die Eltern haben jede Hoffnung aufgegeben, das Mädchen nochmals lebend zu sehen. Doch nun taucht ihr Leichnam auf: auf einem Spielplatz mitten in Stockholm erhängt. Eine Passantin dachte noch sie retten zu können, doch da war es bereits zu spät. Der einzige Augenzeuge, der den Täter gesehen haben muss, ist Martin, der jedoch nach einem Unfall unter Psychosen leidet, Erinnerungslücken hat und kaum mehr zusammenhängend berichten kann. Kommissar Joona Linna fallen Parallelen auf und vor allem ein seltsames Brandzeichen an Jennys Hinterkopf lässt ihn stutzig werden: könnte es sich um einen Serientäter handeln, der bislang unentdeckt geblieben ist? Er muss herausfinden, was Martin in dieser Nacht beobachtet hat, das ihn offenkundig sehr schockierte, er bittet den Hypnotiseur Erik Maria Bark um Hilfe und die Zeit eilt, denn ein weiteres Mädchen ist verschwunden.

Das schwedische Autorenpaar, das hinter dem Pseudonym Lars Kepler steckt, führt die erfolgreiche Reihe um den eigenwilligen Kommissar Joona Linna auch im achten Band erfolgreich und spannend weiter. Nachdem er beim letzten Mal ziemlich einsam gegen einen alten Feind mit noch offenen persönlichen Rechnungen kämpfen musste, steht nun wieder ein klassischer Kriminalfall im Zentrum der Handlung. Der mysteriöse Täter bleibt dabei lange Zeit im Dunkeln, sowohl die Ermittlungsarbeit wie auch das Schicksal seiner Opfer sind bekannt, doch der große Unbekannte ist ein Mysterium.

Die Polizeiarbeit, bei der Linna bekannt eigenwillig seinen Weg geht, was mit seiner Vorgesetzten erwartungsgemäße Konflikte provoziert, folgt bekannten Mustern und verfolgt systematisch die Spuren, die ins Drogenmilieu führen und den Kommissar emotional an seine Grenzen führen: ist er wirklich der Mensch, der ihm seine Tochter vorwirft zu sein und mit dem sie keinen Kontakt haben will?

Interessanter jedoch gestaltet sich die Geschichte um den Augenzeugen Martin, dessen Psyche nach zwei furchtbaren Erlebnissen – ein Unfall mit dem Tod der Brüder in der Kindheit sowie einen weiteren als Erwachsener, bei die Tochter von ihm und seiner Frau Pamela ums Leben kam – ihm das Leben schwermacht. Er hört Stimmen und fühlt sich von zwei imaginären Jungen verfolgt, er sieht Dinge, die es nicht gibt und hat Erinnerungen, die er jedoch nicht einordnen kann. Mit Elektroschocks, Medikamenten und schließlich der Hypnose versucht man Zugang zu den verschlossenen Bereichen zu bekommen, um nachvollziehen zu können, was er wirklich gesehen hat und was nicht.

Der Täter, der bald unter dem Namen „Caesar“ bekannt ist, erscheint nur in wenigen Momenten, ist dort aber äußerst brutal und rücksichtslos. Dies bestätigen alle, die ihm jemals begegnet sind und das bringt das verschwundene Mädchen in größte Gefahr.

Ein routiniert erzählter Thriller, der vor allem durch interessante Figuren überzeugt und durchaus auch kritische Fragen bezogen auf fragwürdige Behandlungsmethoden psychisch Kranker aufwirft.

Raffaella Romagnolo – Dieses ganze Leben

Raffaella Romagnolo – Dieses ganze Leben

Paola Di Giorgi ist ein typischer Teenager, sie findet sich hässlich, übergewichtig und mit einem Pferdegesicht. Mit ihrer Mutter liegt sie im Dauerclinch und mit den Mädchen aus der Schule kann sie auch nichts anfangen, weshalb sie einfach aufhört, mit ihnen zu reden. Nur ihr jüngerer Bruder, Riccardo genannt Richi, versteht sie, dabei versteht er eigentlich nicht so viel mit seiner Behinderung. Bei ihren täglichen Spaziergängen gehen sie auf die Suche nach dem wahren Leben, das sie in ihrer Villa nicht finden. So landen sie auch in der Margeriten-Siedlung, die Costa Costruzioni, die Firma ihrer Eltern, gebaut hat. Dort machen sie mit den Brüdern Antonio und Filippo nicht nur neue Bekanntschaften, sondern entdecken auch ungeahnte Geheimnisse ihrer Familie.

Raffaella Romagnolo hat einen coming-of-age Roman über ein wütendes Mädchen verfasst und greift dabei eine ganze Reihe für Jugendliche essentielle Themen auf: Schönheitsideale, Akzeptanz von sich selbst, Anderssein, Erwartungen der Eltern, aber auch gesellschaftlich relevante Fragen wie der Umgang mit Menschen mit Behinderungen. Paola ist nicht immer einfach auszuhalten, zugleich tut einem das Mädchen aber auch leid, unverstanden und unsicher wie sie ist.

Lakonisch und idiosynkratisch – so das Urteil eines Psychologen, zu welchem Mutter Di Giorgi ihre Tochter wegen ihres selbstgewählten Mutismus zwingt. Zwischen den Generationen herrscht Schweigen, zu verstockt sind beide Seiten, was der Teenager jedoch nicht sehen kann, ist, dass auch die Mutter Sorgen mit sich trägt, die auch durch ein wohlhabendes Leben in Villa und scheinbar ohne beruflichen Stress nicht verschwinden, sondern schon seit Jahrzehnten belasten.

Richi ist nicht der Junge, den die Eltern sich gewünscht hatten, mit seiner Behinderung erfüllt er nicht die Erwartungen. In Filippo findet er unerwartet einen Freund, der in ihm schlicht den Jungen sieht, der er ist und ihn nicht über Äußerlichkeiten definiert. Die Eltern, insbesondere die Mutter, erscheinen grausam in ihrer Haltung, Paolas Unverständnis ist mehr als nachvollziehbar. Im Laufe der Handlung entwickelt sich jedoch ein differenzierteres Bild, denn so simples wie es zunächst scheint ist die Lage nicht.

Ein ganzes Leben – wann ist es vollständig, wann ist es wertvoll, wie geht man mit dem um, was einem in die Wiege gelegt wurde und mit der Familie, in die man hineingeboren worden ist? Ein Roman über das Erwachsenwerden, aber auch über die Fähigkeit Empathie zu zeigen und über den eigenen Schatten zu springen. Nicht immer leicht zu lesen, aber man entwickelt immer mehr Sympathien für das wütende Mädchen, das lange Zeit nicht aus seiner Haut kann und eigentlich doch nur ein wenig Zuneigung bräuchte.

Ein herzlicher Dank geht an den Diogenes Verlag für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zu Buch und Autorin finden sich auf der Verlagsseite.

Frances Cha – If I Had Your Face

Frances Cha – If I had Your Face

Fünf junge Frauen wohnen in einem Apartmentblock im Seouler Stadtteil Gangnam. Kyuri verdient ihr Geld als Begleitdame in einem angesehenen Salon, der zu den Top 10 gehört, d.h. nur die schönsten Mädchen der Stadt beschäftigt, die reichen Businessmännern Gesellschaft leisten und dafür mit Alkohol abgefüllt werden. Miho, mit der sie das Zimmer teilt, ist eine talentierte Kunststudentin, die sich schon immer fehl am Platz fühlte. Nachdem sie dem Waisenhaus entwachsen war, hatte sie das Glück in New York studieren zu können, wo sie auf die Kinder der koreanischen Oberschicht traf, mit denen sie kaum etwas gemein hatte. Ara ist eine herausragende Hairstylistin, nach einem schrecklichen Erlebnis jedoch ist sie verstummt und flüchtet sich in eine K-Pop Traumwelt. Ihre beste Freundin Sujin träumt davon nach zahlreichen Schönheitsoperationen endlich einen vermeintlich glamourösen Job wie jenen von Kyuri zu bekommen. Unter ihnen wohnt Wonna, sie ist bereits verheiratet und wartet sehnsüchtig darauf, endlich schwanger zu werden – ein Traum, den kaum eine junge Koreanerin noch träumt.

Frances Cha erlaubt in ihrem Debut einen Blick in eine völlig fremde Welt, deren Werte und Ideale nicht nur sehr weit von unserem Alltag entfernt sind, sondern die selbst auch zerrissen sind zwischen Tradition und Moderne. Es entsteht der Eindruck einer Kultur des Scheins, die ausbeuterisch und extrem ist und genau zu dem führt, was man vermuten würde: keine der Frauen ist glücklich, sie alle leiden auf die eine oder andere Weise.

Die Kapitel wechseln immer wieder zwischen den Blickwinkeln der einzelnen Figuren, auch untereinander finden nur begrenzt offene Gespräche statt; auch wenn sie befreundet sind, lässt Kyuri keinen offenen Blick in ihren Job und ihr Seelenleben zu. Sie möchte Sujin davon abhalten ihr nachzueifern, kann dies aber nicht wirklich kommunizieren. Sie sitzen auf engstem Raum und sind doch alle einsam, sie teilen ihr Leid nicht, sondern machen dies mit sich selbst aus und verstecken sich hinter einer Maske, die durch die OPs auch immer ähnlicher und austauschbarer werden.

Vieles an dem Buch ist verstörend, nicht nur der Umgang mit dem Körper und die Schönheitsideale, sondern auch die Art wie die Männer in den Salons die Mädchen behandeln und auch was sie auf der Arbeit erleben. Die Elterngeneration – wenn es sie überhaupt gibt – taucht nur als Schreckgespenst auf, das die Töchter unter möglichst gesellschaftlich und finanziell günstigen Gesichtspunkten verheiraten will. Das Konstrukt Ehe wird insgesamt eher als Geschäftsangelegenheit behandelt denn als Entscheidung zwischen zwei Menschen. Individuelle Freiheit und Selbstverwirklichung scheint es nicht zu geben und auch nicht vermisst zu werden, Referenzpunkt sind die K-Pop Stars und ihr Leben, das ebenso unwirklich ist wie das eigene Dasein.

Es ist schwer zu beurteilen, inwieweit die Darstellung realistisch ist, zu weit ist Korea entfernt, zu wenig hört man über das Land jenseits von politischen Spannungen. Selbst wenn vieles überzeichnet wäre, würde es immer noch ein erschreckendes Bild der Gesellschaft liefern. Ein lesenswerter Blick hinter die Fassade einer fremden Welt.

Mons Kallentoft – Verschollen in Palma

mons kallentoft verschollen in palma
Mons Kallentoft – Verschollen in Palma

Tim Blanck konnte es nicht ertragen. Spurlos ist seine Tochter Emme auf Mallorca verschwunden und die Polizei scheint nicht gerade bemüht nach dem 16-jährigen Mädchen zu suchen. Also kündigt er seinen Job und reist selbst auf die Balearen-Insel. Drei Jahre sind inzwischen vergangen und Spuren gibt es keine. Als Privatermittler verdient er inzwischen sein Geld, sein neuer Fall schein einfach: der deutsche Unternehmer Peter Kant hat ein anonymes Schreiben erhalten, demzufolge ihn seine Frau Natascha betrügt. Es dauert nur wenige Stunden, bis Tim den Beweis dafür hat. Als er dem Auftraggeber die Fotos vorlegt, scheint dieser relativ gefasst, gewillt, mit Natascha wieder alles ins Reine zu bringen. Doch nur kurze Zeit später wird Kant verhaftet: seine Frau ist spurlos verschwunden und ihr Liebhaber tot. Ein klassischer Fall von Eifersuchtsmord. Doch Kant beteuert glaubhaft seine Unschuld und Tim will diese beweisen, vor allem nachdem Kant in der Zelle scheinbar Selbstmord begangen und einen Abschiedsbrief mit Geständnis hinterlassen hat. Doch die Schrift ist sicher nicht seine. Tim beginnt zu wühlen und ahnt nicht, mit wem er sich anlegt.

Mons Kallentoft ist seit vielen Jahren eine bekannte und vielfach ausgezeichnete Größe unter den schwedischen Krimiautoren, mich konnte er vor allem mit seinen Malin Fors und Zack Herry Reihen begeistern, die beide mit starken Figuren und komplexen Handlungen überzeugen. „Verschollen in Palma“ ist der Beginn einer womöglich neuen Reihe um den schwedischen Privatermittler auf der Mittelmeer-Insel.

Zunächst scheint völlig klar, worum es bei der Handlung geht: ein verzweifelter Vater ist auf der Suche nach seiner Tochter, hofft auch nach Jahren noch auf ein Lebenszeichen und will diese nicht aufgeben, solange es keine Gewissheit über ihren Tod gibt. Sein Job als Privatermittler scheint nur ein Nebenschauplatz, der sich dann jedoch rasant zu einem komplexen Fall ausweitete, der schlichtweg nichts auslässt: Korruption in allen Bereichen der Verwaltung und Polizei, Vetternwirtschaft schlimmster Sorte, Drogen, zwielichtige Partys, bei denen die High Society der Insel nicht nur alle Arten von Drogen konsumiert, sondern vor allem auch sehr junge Mädchen misshandelt. Es ist ein wahrer Sumpf, in den der Protagonist förmlich hineinfällt. Glaubwürdig wird das Ausmaß der Verstrickungen und des Abgrunds immer weiter ausgedehnt, bis es zu dem notwendigen Showdown kommt.

Geschickt hat der Autor den Kriminalfall aufgezogen und vor allem völlig unerwartet in eine gänzlich andere Richtung entwickelt. Das Tempo nimmt in der Erzählung stetig zu und die Geschichte wird routiniert zu einem passenden Ende geführt. Einzig, es fehlt der Schlusspunkt. Ein interessanter Aspekt, der offen lässt, was an dieser Stelle gesagt wird – auch wenn man es sich denken kann – aber auch, ob die Handlung fortgeführt werden wird. Gewohnt routiniert erzählt, aber im Vergleich zu den beiden Reihen um Malin Fors und Zack Herry für mich nicht ganz so stark.