Horst Eckert – Schwarzlicht

horst-eckert-schwarzlicht
Horst Eckert – Schwarzlicht

Der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Walter Castorp wird nur wenige Tage vor der wichtigen Landtagswahl tot im Swimmingpool seines Hauses aufgefunden. Vincent Veih erhält so seinen ersten Fall als neuer Leiter des KK11, was keine dankbare Aufgabe ist: nicht nur der Medienrummel ist erwartungsgemäß enorm, sondern auch der politische Druck, der auf dem Polizisten lastet. Eigentlich bräuchte er alle Energie für den Fall und seinen neuen Job, aber sein Privatleben fordert ebenfalls Tribut: seine Freundin Nina ist aus der gemeinsamen Wohnung ausgezogen und seine Mutter, eine Ex-RAF Terroristin, plant eine große Ausstellung und wird gleichzeitig vom Verfassungsschutz wegen neuer Vorwürfe observiert, was ihr gar nicht gefällt und was ihr Sohn richten soll. Unter diesen Umständen dauert es erwartungsgemäß nicht lange, bis die Ermittlungen zu einem Ding der Unmöglichkeit werden.

„Schwarzlicht“ ist der erste Fall für den Düsseldorfer Kommissar mit kriminellen Vorfahren. Aus der Reihe sind inzwischen zwei weitere Bände erschienen: „Schattenboxer“ (2015) und „Wolfsspinne“ (2016). Das Setting und die Anlage der Figur Vincent Che Veih hat mich neugierig gemacht, denn beides verspricht solide Krimiunterhaltung, leider konnte der Roman nicht ganz meine Erwartungen erfüllen, da für mein Empfinden das Privatleben, vor allem die Frauengeschichten Veihs, sehr viel Raum einnehmen und seine Ermittlungsweise im besten Fall als unorthodox, genauer aber als illegal und damit überzeugend bezeichnet werden kann.

Was den Fall angeht, war er komplex angelegt, aber diese vermeintliche Komplexität hat sich letztlich als Versuch herausgestellt, alle möglichen Nebenszenarien mit einzubauen, was die Handlung den roten Faden verlieren lässt und eher zusammengestrickt als plausibel wirken lässt. Man kann sich vorstellen, dass ein ranghoher Politiker in dunkle Geschäfte verstrickt ist, aber gleichzeitig schwarze Kassen, enge Kontakte ins Prostitutionsmilieu, zu dubiosen Bauunternehmern, daneben noch Affären und eine lesbische Ehefrau und in Verwaltung und Polizei dicke Freunde, die alles mitvertuschen – vielleicht ein bisschen zu viel für einen einzigen Roman.

Der Protagonist ist mir zu viel Django und zu wenig Polizist. Auch seine Familiengeschichte, die sowohl RAF-Terroristen wie Nazi-Schergen bietet, ist vielleicht etwas zu überladen. Dass er ohne mit der Wimper zu zucken freimütig Insiderinformationen an die Presse weitergibt, nur um eine Journalistin zu beeindrucken und sie ins Bett zu zerren, macht ihn auch nicht sympathischer. Ein viel zu großes Ego lässt für ihn auch jede gute Zusammenarbeit mit Kollegen schwierig werden, was aber für den Superhelden nur am Rande ein Problem ist.

Die vermeintlich komplexe Handlung wird so zu einem nur begrenzt authentischen Mischmasch vielfältiger Themen, die als Konsequenz auch einige Längen aufweist und immer wieder den Fall aus den Augen verliert.

André Georgi – Die letzte Terroristin

andre-georgi-die-letzte-terroristin
André Georgi – Die letzte Terroristin

Der deutsche Herbst ist längst vergangen, die großen Ikonen der RAF tot und Deutschland frisch wiedervereinigt. Aber der Untergrundkampf ist noch lange nicht beendet, denn es gibt neue Ziele, neue Opfer, denen die dritte Generation Terroristen sich zuwendet: der Chef der Deutschen Bank, ermordet im Frühjahr 1991 und das nächste Ziel ist auch schon im Visier: Hans-Georg Dahlmann, der Treuhandchef. Geschickt hat man eine Frau bei im platziert, die bislang völlig unter dem Radar von BKA und anderen Sicherheitsbehörden war: Sandra Wellmann, ehemals beste Freundin seiner Tochter erscheint Dahlmann vertrauenswürdig und geeignet als Assistentin. Doch das BKA ist der RAF auf der Spur, ein V-Mann kann wichtige Informationen liefern und die Nerven liegen blank bei den Terroristen – so geschehen Fehler. Wer wird am Ende die Oberhand haben?

Wie schon in „Tribunal“ greift André Georgi auf die Realität als Vorlage für seinen Thriller zurück und zeigt, dass das Leben selbst genügend Spannung bietet und es gar keiner ausgedachten Geschichte bedarf, um auf höchstem Niveau zu unterhalten. Auch wenn die Namen der Opfer und Täter erfunden sind, benötigt man als Leser nur wenige Seiten um die Ermordungen von Alfred Herrhausen und Detlev Karsten Rohwedder wiederzuerkennen. Zwei aufsehenerregende Fälle, deren genaue Tathergänge bis heute nicht restlos geklärt sind.

Die ganz klar spannendsten Aspekte sind nicht der Ausgang der Geschichte, der ist bekannt, sondern die von Georgi konstruierten Hintergründe und die Figuren der Täter mit ihren Emotionen, aber auch den Strukturen der RAF. Bringt man den Fall Rohwedder nur mit dem Terror in Verbindung, vergisst man mögliche andere Motive, die in Anbetracht seiner Funktion eigentlich naheliegen und es ist gut vorstellbar, dass hinter dem Mord ein ganz anderer Antrieb steckte, der bis heute unentdeckt ist und es womöglich immer bleiben wird. Auch die Rücksichtslosigkeit, mit der die Terroristen mit den eigenen Leuten umgehen, wie Sandra im Roman benutzt und belogen wird, steigert das abscheuliche Bild der Gruppe nochmals.

So bleiben Handlung und Spannung trotz der erkennbaren Parallelen zur Realität und den vielfach bekannten Aspekten auf durchgängig hohem Niveau. Ein Politthriller, der restlos überzeugt und durch die Verbindung von Terror, Politik und Wirtschaft zudem anspruchsvoll die jüngere deutsche Geschichte darstellt, die komplex geworden ist und keine einfachen Zuordnungen und Zuschreibungen mehr zulässt.