Volker Kutscher – Der stumme Tod

Quelle: ARD

Auch im zweiten Teil um den Kölner Kriminalkommissar Gereon Rath im Berlin Anfang der 1930er Jahre wird der unkonventionelle Ermittler voll gefordert. Bei den Aufnahmen zu einem der ersten Tonfilme wird die Hauptdarstellerin Betty Winter von einem herabstürzenden Scheinwerfer erst verletzt und dann durch einen von Löschwasser ausgelösten Stromschlag getötet. Schnell wird die Sabotage offenkundig und die Konkurrenz, die an einem sehr ähnlichen Film arbeitet, gerät in Raths Fadenkreuz. Als eine zweite Darstellerin verschwindet und kurz danach ebenfalls tot aufgefunden wird und der beste Zeuge ebenfalls ums Leben kommt, mehren sich die Zeichen, dass hier ein größerer Mordplan akribisch verfolgt wird. Unterdessen bittet Raths Vater den Sohn ebenfalls um Hilfe für den befreundeten Konrad Adenauer, der erpresst wird.

Kutschers Serie war bereits in Buch-Form ausgesprochen erfolgreich, verbindet der Autor doch die politischen Entwicklungen zu Ende der Weimarer Republik und das Aufsteigen der Nationalsozialisten mit spannenden Kriminalfällen und auch einer Liebesgeschichte um Rath und die Jurastudentin Charlotte Ritter, die im zweiten Teil jedoch nur geringfügig fortgeführt wird. Auch die ersten beiden Staffeln der Serie, die in Kooperation von der ARD und Sky unter dem Titel „Babylon Berlin“ produziert wurden, sind von den Zuschauern wie auch den Kritikern begeistert aufgenommen worden. Parallel wurde die Hörspiel-Version „Der nasse Fisch“ produziert, die mich bereits überzeugen konnte, ebenso wie nun die Fortsetzung.

Zu dem Fall gibt es nicht viel zu sagen ohne durch Spoiler etwas zu verderben. Besonders gut hat mir gefallen, wie der Übergang vom Stumm- zum Tonfilm für die Handlung genutzt wurde und wie die Verunsicherung und die unterschiedlichen Einstellungen der betroffenen Akteure deutlich wurde. Im März 1930 lassen sich die Agitation der NSDAP schon nicht mehr übersehen, was dieses Mal in Form von Horst Wessels Ermordung und den folgenden Ausschreitungen aufgegriffen wird. Auch die Verlegung der Ford-Werke von Berlin nach Köln, die wesentlich die Nebenhandlung um Adenauer befeuern, basieren auf historischen Fakten.

Das Hörspiel kann vor allem wieder durch eine bestechende Atmosphäre punkten. Mit passender Musik fühlt man sich unmittelbar ins Berlin der Roaring Twenties versetzt. Der Fall wird passend für eine Hörspielversion von immerhin auch 6 Teilen etwas gestrafft, so dass man gut folgen kann und die Geschichte rund wird. Auch wenn ich grundsätzlich ein großer Fan von Hörspielen bin, zählt diese Serie doch ganz sicher mit zum Besten, was das deutsche Radio zu bieten hat. Aktuell laufen die Folgen in den verschiedenen Regionalsendern, sind aber auch online und als Podcast verfügbar. Mehr dazu auf der Internetpräsenz der ARD zu der Serie.

Andreas Winkelmann – Der Fahrer

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Andreas Winkelmann – Der Fahrer

Ein brutaler Serienmörder versetzt Hamburg und das Team um Kommissar Jens Kerner in Angst und Schrecken. Junge Frauen werden aus ihrem Auto heraus entführt und brutal ermordet. An den Wagen hinterlässt der Täter ein Hashtag mit der zynischen Aufforderung #findemich, mit der er die Polizei nicht nur herausfordert, sondern provoziert und durch seine Postings auf Instagram lässt er die ganze Welt daran teilhaben. Schnell verdichten sich die Anzeichen, dass alles auf Jens Kerner ganz persönlich ausgerichtet ist, scheinbar führt jemand einen perfiden Rachefeldzug ganz direkt gegen ihn und es dauert auch nicht lange, bis dieser einen Schuldigen glaubt entdeckt zu haben: seinen eigenen Bruder. Blind vor Wut reagiert Kerner genau so, wie es sein Gegenspieler kalkuliert hat: er rastet aus und wird suspendiert. Ohne ihren Kopf muss das Team nun sehen, wie sie es mit dem Mörder aufnehmen können.

Viele positive Rezensionen und Lobeshymnen hatten mich neugierig auf den Autor gemacht, seit Jahren schon ist Winkelmann eine feste Größe unter den deutschsprachigen Autoren. Doch leider folgte mit diesem Roman für mich eine herbe Enttäuschung: eine Aneinanderreihung von alten Krimi-Versatzstücken, ein Protagonist, der an fehlender Sympathie kaum mehr unterboten werden kann und eine Geschichte, die so abstrus konstruiert ist, dass es schon ein Paralleluniversum benötigen würde, um einen Funken Realismus darin erkennen zu können.

Schon das erste Drittel des Buches hat mich so dermaßen genervt, dass ich kurz vorm Weglegen war. Ein Ermittler des Typs „Ich hatte eine schwere Kindheit und deshalb darf ich mich gegenüber allen wie ein Arschloch verhalten“ ist einfach out. Das war vielleicht in den 80ern mal modern und selbstgerechte Machotypen kamen mit ihrem Egotrip gut an, ich finde das heute schlichtweg überholt und wenig geistreich. Zu einer privaten Freitagabend Verabredung nimmt er selbstverständlich die Dienstwaffe mit, damit er jederzeit rumballern könnte – sorry, aber hä? Natürlich ermittelt er nach der Suspendierung allein weiter und bricht auch ohne Skrupel in Häuser ein. Im echten Leben hätte er für beides (hoffe ich zumindest) eine Abmahnung bekommen und wäre nicht wieder von der Vorgesetzten zurück zum Dienst erbettelt worden. Ob es besonders cool wirken soll, dass er noch nie etwas von einem Hashtag gehört hat und Social Media für böse hält? Ich denke ein echter Polizist könnte sich das kaum mehr erlauben.

Die Handlung selbst besteht aus banalsten Mustern und ist vorhersehbar wie ein Rosamunde Pilcher Film. Spannend war da gar nichts, dafür aber ganz schön viel ziemlich hanebüchen. Die Motivlage des Täters ist so aberwitzig und unglaubwürdig, reiht sich damit aber in die Charakterisierungen der anderen Figuren nahtlos ein. Da haben wir den gutmütigen, etwas plumpen älteren Polizisten, der schnell mit Hausmeistern per du ist; die böse Vorgesetzte, die keiner leiden kann und die natürlich völlig überfordert und unfähig ist; die junge Kollegin, der ein peinlicher Fehler passiert, die aber total nett ist und geradezu prädestiniert für die Zielscheibe des Täters ist; der schmierige Journalist und der heimlich helfende Privatermittler dürfen natürlich auch nicht fehlen. Wenn man nach etwas Gutem sucht in diesem Sammelsurium an Plattitüden: es gibt keinen Gärtner und dieser ist auch nicht der Mörder.

Fazit: als Sommerlektüre am Strand, wenn man möglichst gering gefordert werden möchte und auf bekannte Muster setzten will zwecks Reduktion der geistigen Eigenleistung beim Lesen – perfekt. Ansonsten: es gibt sicherlich genügend wirklich gute Alternativen auf dem Markt.

Robert Bryndza – Nine Elms

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Robert Bryndza – Nine Elms

Fünfzehn Jahre ist es inzwischen her, dass Kate Marshall den Nine Elms Kannibalen zur Strecke brachte, vier junge Frauen hatte er ermordet und sie sollte Nummer 5 werden. Das Brisante daran: Peter Conway war ihr Kollege bei der Polizei und die beiden hatten zuvor eine Affäre. Inzwischen hat Kate den Dienst verlassen und lehrt an der Universität von Ashdean Kriminologie. Eine neue Serie von Morden lässt bei ihr alle Alarmglocken klingeln, offenbar gibt es einen Nachahmer, der akribisch Conways Taten kopiert. Dieser kann es nicht sein, er sitzt gut verwahrt in einer forensischen Klinik, abgeschnitten von der Außenwelt. Glaubt man, denn schon längst stehen die beiden Männer in Kontakt, um den fünften, gescheiterten Mord noch zu vollenden.

Robert Bryndzas „Nine Elms“ hat genau das, was ein guter Thriller braucht: mit Kate Marshall eine clevere und unerschrockene Ermittlerin, an der die damaligen Erlebnisse jedoch nicht spurlos vorbeigegangen waren; Peter Conway, der brutale Mörder mit interessant gezeichnetem psychologischem Profil, das es locker mit einem Hannibal Lecter aufnehmen kann; und eine glaubwürdige Handlung, die mit der perfekten Dosis an Details – wie dem gemeinsamen Sohn, der aus der Affäre hervorgegangen war -das Spiel der beiden spannend gestaltet. Mehr kann man sich nicht wünschen für einen Thriller.

Ilaria Tuti – Eiskalte Hölle

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Ilaria Tuti – Eiskalte Hölle

Das norditalienische Bergdörfchen Travenì wird von einem brutalen Mordfall erschüttert. Nicht nur wurde ein geschätzter Bewohner aus der Mitte der kleinen Gemeinschaft gerissen, nein, er wurde mit bloßen Händen getötet und dann hat man ihm die Augen ausgerissen. Was für ein Mensch kann für so eine Tat verantwortlich sein? Auch die herbeigerufene Kommissarin Teresa Battaglia kann sich nur schwer einen Reim auf die Psyche des Mörders machen, fürchtet jedoch schnell, dass es noch weitere Opfer geben wird und zu ihrem Leidwesen behält sie Recht damit. Ein grausames Wesen treibt sich im Wald im das Dorf herum, auch die Kinder haben ihn schon gesehen und nennen ihn nur das Gespenst, weil er leichenblass ist und mit seiner Umwelt verschmilz und so geradezu unsichtbar wird, wenn er nicht gesehen werden will. Teresa hat es mit einem schwer greifbaren Gegner zu tun, doch noch ein anderer Feind setzt ihr zu: ihr eigener Körper. Wird dieser den Strapazen der winterlichen Ermittlungen standhalten und sie den Fall noch lösen können?

Das Thrillerdebut der italienischen Autorin packt den Leser schon nach wenigen Seiten. Leider wurde beim deutschen Titel einiges verschenkt, da die Aussagekraft des Originals („Fiori sopra l’inferno“) verloren geht, die im Buch wieder aufgegriffen wird und mit ein Schlüssel zur Lösung des Falls ist. Genau dieses ist es auch, dass den Roman von anderen des Genres abhebt: es gibt mehr zwischen Himmel und Erde als uns bewusst ist und es gibt Menschen, die eine besondere Verbindung zur Natur haben und mehr wahrnehmen können als andere. Ein schreckliches Ereignis ermöglicht den Blick in die Hölle, den man nie wieder loswird. So geht es Teresa, die ihre Dämonen ständig im Zaum halten muss, so geht es dem Täter. Nur hierüber kann sie sein Denken verstehen, nur so kann sie ihn fassen.

Ein Thriller kann auf vielerlei Weise beeindrucken. Die geschilderte Brutalität, die völlig degenerierte Psyche eines Täters, die clever konstruierte Handlung, das Charisma und der Intellekt des Ermittlers. „Eiskalte Hölle“ fasziniert jedoch durch etwas anderes – wenn hier auch die psychologischen Aspekte ebenso fesseln wie die Figur der Kommissarin – und rückt den Thriller schon stark in die Nähe eines Horrorromans. Die Schilderungen vor allem der Kinder, dass sie ein Wesen im Wald sehen, dass sie sich beobachtet fühlen, dass es eine nicht greifbare Präsenz gibt, jagen einem den Schauer den Rücken hinunter. Man weiß, dass es diese Figur gibt und man weiß, dass sie wieder zuschlagen wird und so beschleunigt sich der Herzschlag beim Lesen mehr als einmal. Vor lauter Sorge, dass doch wenigstens die Kinder verschont bleiben mögen, kann man gar nicht anders als weiterlesen.

Die Angst, die im Dorf umgeht, der Schrecken, der von den verstümmelten Opfern ausgeht – der real gewordene Grusel, dem man sich nicht entziehen kann. Doch dann gelingt der Autorin etwas Unerwartetes: in dem augenscheinlich Bösen erkennt ihre Protagonistin noch etwas ganz anderes und die einfache Dichotomie von Gut und Böse muss infrage gestellt werden. Ein fesselnder Roman, der sich förmlich in den Leser hineinschleicht.

Martin Barkawitz: SoKo Hamburg: Die tote Unschuld

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Martin Barkawitz: SoKo Hamburg: Die tote Unschuld

Aus der Reihe: so viel Unfug in nur einer Geschichte… Im Hamburger Stadtpark wird die Leiche der jungen Julia Sander gefunden. Für den leitenden Ermittler ist klar: ein Serienmörder treibt sein Unwesen, für Oberkommissarin Heike Stein jedoch liegt der Schlüssel zum Mörder bei der Getöteten. Zusammen mit Kollege Ben Walken wird ihr der Fall übertragen, doch schnell schon legt sich die Polizistin mit mächtigen Männern an und wird zurückgepfiffen. Weitere Schüsse fallen, die Opfer sind jedoch lediglich verletzt, nach dem präzisen Schuss auf Julia Sander eher untypisch für einen Profi. Eifrig ermittelt Heike Stein weiter, auch gegen ihre Vorgesetzten.

Das Hörbuch besticht gleich durch mehrere Auffälligkeiten: Inkompetenz und Sinnfreiheit bei den Ermittlern, eine nicht nur unsympathische, sondern auch hochgradig dümmlich-naive Protagonistin, völlig überflüssiges Liebesgedöns (dem es auch noch an Glaubwürdigkeit fehlt) und ein Fall, der gar nicht gelöst wird, sondern sich selbst einfach auflöst. Man ist gefesselt von so viel Nonsens und wartet gebannt auf den nächsten Ausreißer.

Unangefochtenes Highlight sind die kriminalistischen Methoden der Sonderkommission Mord. Eine einzige Tote führt sofort zur These des Serienmörders. Das Ermittlungsteam ist bevorzugt im Alleingang unterwegs und statt sich mit den naheliegenden Aspekten – dem Umfeld der Toten und vor allem ihrer Wohnung – zu beschäftigen, werden erst einmal die abwegigen Spuren verfolgt. Zeugen werden alle Erkenntnisse in den Mund gelegt, manchen stellt man sich auch gleich mehrfach vor (offenbar nimmt man an, dass alle Menschen so doof sind, wie die beiden Kommissare) und nachdem man den Hauptschuldigen endlich auf dem Tablett serviert bekommt, geht man erst einmal gemütlich essen, es besteht sicherlich kein Grund zur Eile.

Heike Stein ist interessant gezeichnet, besonders hat mir ihr Geläster über das in Bezug auf Männer angeblich wenig wählerische Opfer gefallen, bevor sie gleich mit dem nächstbesten Unbekannten in die Kiste steigt. Sie hat den Intellekt einer altklugen 9-Jährigen und geht einem damit gehörig auf die Nerven. Nicht dass ihr Kollege besser wäre, der so überzeichnet als gutmütiger Vorstadt-Papa daherkommt, dass man seine Reduktion auf die Funktion als Chauffeur für Heike Stein dankbar hinnimmt, um nicht noch mehr von seinen Sorgen um seine Rasenkanten zu hören.

Die Gefahr, dass Spannung aufkommen könnte, besteht zu keinem Zeitpunkt. Als Leser weiß man ohnehin früh, wie sich alles zugetragen hat und der Autor macht sich gar nicht erst die Mühe, eine komplizierte Auflösung zu konstruieren. Nein, der Täter läuft der Polizei zufällig in die Arme, wie praktisch! Fall gelöst, alles super.

Erschreckenderweise scheint es von dieser Serie noch über weitere 20 Fälle zu geben, die müssen jedoch ohne mich gelöst werden.

Lars Kepler – Lazarus

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Lars Kepler – Lazarus

Joona Linna ist aus dem Gefängnis entlassen und soll seinen Dienst wieder antreten als man in Oslo eine grausame Entdeckung macht: in Haus eines Mordopfers finden sich zahlreiche Leichenteile, darunter auch der Kopf von Joonas Frau, offenbar aus ihrem Grab geraubt. Für ihn kann das nur eins bedeuten: Jurek Walter hat überlebt und nimmt so Kontakt zu ihm auf. Plötzlich werden aus ganz Europa seltsame Morde gemeldet, die alle die gleiche Handschrift zeigen und sich eindeutig an ihn richten. Sein Team mag das nicht ganz glauben, Saga weiß genau, dass sie den Serienmörder erschossen hat und die Leiche hatte man ja auch identifiziert. Joona hingegen ist sich sicher, dass sie alle in größter Gefahr sind, allen voran seine Tochter. Während er den Notfallplan aktiviert und untertaucht, geht man in Schweden der Sache nur langsam nach. Eine Entscheidung mit schwerwiegenden Folgen.

Band 7 der Serie um Hauptkommissar Linna der Stockholmer Polizei trägt die Altersempfehlung ab 16, die ich nur sehr unterstreichen kann. Der Krimi ist sowohl in physischer Hinsicht wie auch psychologisch extrem herausfordernd und das Autorenduo hinter dem Pseudonym Lars Kepler erspart dem Leser nichts. Das resultiert in Hochspannung, die tatsächlich kaum auszuhalten ist und bei zartbesaiteten Gemütern nicht ohne Alptraum-Gefahr sein dürfte.

Nach nur kurzem Vorspann beginnt die todbringende Verfolgungsjagd von Jurek Walter und Joona Linna. Die Kapitel enden meist mit geschickt platzierten Cliffhangern, die es einem quasi unmöglich machen, einfach das Buch beiseite zu legen. Es ist nicht nur das hohe Tempo der Handlung, das einem fordert, sondern auch die brutale Rücksichtslosigkeit des Mörders, die vor gar keiner noch so grausamen tat haltmacht und dieses Mal auch wirklich keine der Figuren schont. Das geht beim Lesen durchaus an die Substanz, weil man sich doch immer wieder wünscht, dass wenigsten der eine oder andere davonkommt – aber der Plan sieht anders aus.

Die Handlung ist in sich völlig stimmig und glaubwürdig, auch die Erklärung für Jureks Überleben kann man nachvollziehen, wenn ich dies auch etwas herausfordernder an die Phantasie fand. Besonders überzeugend war für mich die Figur Sagas, die unmittelbar und ganz persönlich getroffen wird von den Taten und dieses Mal ihre Grenzen überschreiten muss. Alles in allem, ausgesprochen brutal, aber kaum zu übertreffende Spannung.

Catherine Ryan Howard – Ich bringe dir die Nacht

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Catherine Ryan Howard – Ich bringe dir die Nacht

Nichts hat Alison weniger erwartet als Besuch von der Polizei. Von der irischen Polizei und das, wo sie seit zehn Jahren in den Niederlanden lebt. Nach den schrecklichen Vorfällen war sie geflohen und hat sich mühsam ein neues Leben aufgebaut und versucht zu vergessen. Doch jetzt beginnt alles scheinbar von Neuem. Der so genannte Kanalkiller von Dublin hat wieder zugeschlagen, aber eigentlich sitzt dieser doch im Gefängnis? Sie selbst hatte auch keine Zweifel mehr an der Schuld ihres Freundes Will, nachdem dieser die Morde an den Studentinnen gestanden hatte. Doch nun werfen die neuerlichen Tötungen Fragen auf und Will möchte reden, aber nur mit einer einzigen Person: mit Alison. Ist er womöglich doch unschuldig?

Catherine Ryan Howards zweiter Krimi war einer der erfolgreichsten Titel im angloamerikanischen Raum 2018. Es braucht nur wenige Seiten, um dies nachvollziehen zu können: die Autorin packt einem vom ersten Moment und man ist derart gefesselt von der Geschichte, dass man den Roman kaum beiseite legen möchte. Ein Thriller, der zwar durchaus bekannte Muster zeigt, aber dennoch überraschen kann und unerwartete Wendungen aufbietet.

Auf zwei Zeitebenen werden die Ereignisse der Gegenwart und der Vergangenheit erzählt. Interessant dabei bleibt, dass manche der Figuren doch so zweideutig und vage bleiben, dass man bis zur letzten Seite nicht sicher ist, ob man ihnen trauen kann oder ob sie ein falsches Spiel spielen. Die Protagonistin Alison bleibt dabei als 19-jährige Studentin etwas unbedarft und naiv und ist auch zehn Jahre später nicht viel weiter. Nichtsdestotrotz trägt die Figur die Handlung überzeugend und man kann ihr emotionales Hin-und-Hergerissen-sein sehr gut nachvollziehen.

Der Fall ist plausibel konstruiert und clever spielt die Autorin mit den Wissenslücken und voreiligen Deutungen der Figuren, um so nicht nur ihre Charaktere in zweifelhaftem Licht erscheinen zu lassen, sondern auch dem Leser einige Fährten zu legen, denen man bereitwillig folgt.

Kein Thriller, der an die Grenzen der Nervenanspannung geht, aber der Schreibstil hält die Ungeduld und Vorahnung konstant oben und lässt sowohl das Setting wie auch die Figuren authentisch und glaubhaft wirken. Es braucht keine brutalen Szenen mit detailreichen Schilderungen von Verletzungen und dem Aussehen der Leichen, um spannungsreich gut zu unterhalten.

Ein herzlicher Dank geht an den Rowohlt Verlag für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zu Autorin und Buch finden sich auf der Verlagsseite.

Elisabeth Herrmann – Die Mühle

Die Muehle von Elisabeth Herrmann
Elisabeth Herrmann – Die Mühle

Schon zu Schulzeiten hat Lana die coole Clique bewundert, allen voran Jonny, den sie unerwartet in Berlin an der Uni wiedersieht. Als dieser nach einem Zwischenfall in der Klinik landet, besucht sie ihn. Überraschend bittet er sie um einen Gefallen: die Clique ist in einem teuren Hotel in Karlsbad verabredet und sie soll an seiner Stelle hinfahren. Lana zögert, will Jonny aber dann doch seine Bitte erfüllen. Aufgeregt trifft sie im Grandhotel auf die jungen Leute, die sich nach der Schule alle ein erfolgreiches Leben aufgebaut haben. Für den nächsten Tag hat ihr noch unbekannter Gastgeber sie zu einem Ausflug eingeladen. Doch schnell wird ihnen klar, dass es kein entspannter Waldspaziergang werden wird, sondern sie hier um Leben und Tod Kämpfen werden. Jemand hat es auf sie abgesehen, aber warum? Und wie soll Lana aus dieser Situation entkommen, sie hat doch gar nichts mit der Gruppe zu tun?

Die Geschichte klingt nach einem spannenden Thriller und obwohl der Roman bei cbj, einem Jugendbuchverlag erschienen ist, war ich auf das Hörbuch und aufregende knapp 11 Stunden gespannt. Leider hielt die Geschichte nicht, was sie versprach. Der Überlebenskampf der Figuren wurde auch zu einem anstrengenden Kampf für den Hörer und ich war mehr als einmal versucht einfach aufzugeben.

Die Geschichte als Ganzes ist völlig hanebüchen und je weiter sie voranschreitet, desto unrealistischer und absurder wird sie. Der Serienmörder, der uns am Ende präsentiert wird, ist sicher zu vielem in der Lage, aber nicht zu den geschilderten Taten. Das Setting ist recht klischeebehaftet: einsamer Wald, kein Handyempfang, keine Chance Hilfe zu holen und natürlich ist sonst auch niemand dort unterwegs. Im Zentrum steht eine alte Mühle, wobei mich bis zum Ende irritiert hat, dass sie an einem See auf einem Berg stehen soll und keine Straße zu ihr führt. Das sind gleich mehrere völlig abwegige Kriterien für ein solches Gebäude. Die Handlung kommt nur sehr schleppend voran und bietet unzählige Wiederholungen, was der Spannung nur begrenzt zuträglich ist.

Aber nicht nur die Handlung, sondern auch die Figuren sind enttäuschend. Eindimensional und stereotyp werden sie meist über eine bis maximal zwei Eigenschaften charakterisiert, die so häufig bemüht werden, dass selbst die ansatzweise sympathischen von ihnen schnell dumpf wirken. Auch die Protagonistin ist leider nicht mit dem Verstand einer Anfang 20-jähigen Studentin gesegnet, sondern mit dem Hirn einer vollpubertären 13-Jährigen, die ihren Idolen zusabbert und sie bewundert, vor allem den abwesenden Jonny, der ein ganz toller Hecht zu schein scheint – zumindest in ihren Augen.

Zu der unglaubwürdigen Handlung und den banalen Figuren kommt beim Hörbuch noch die Umsetzung, die mich mehr als einmal an meine Schmerzgrenze brachte. Ich habe nicht mitgezählt, gefühlt tausend Mal muss man sich „dabelju ti äff“ (gemeint ist wohl WTF) in quietschiger Stimme geben. Dazu schreien die weiblichen Figuren permanent in extremer und hoher Frequenz rum, auch wenn nur ein Blatt über den Boden fegt, was beim Hören mit Kopfhörern direkt ins Trommelfell schießt und mich immer wieder zusammenzucken lies.

Alles in allem ein Reinfall und unglaubliche Zeitverschwendung.

Danielle Thiéry – Was die Nacht verbirgt

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Danielle Thiéry – Was die Nacht verbirgt

Ein bestialischer Mord wird der Pariser Kommissarin Edwige Marion und ihrem Team übertragen: eine Frau wurde getötet und ihr Körper ist von unzähligen Schnittwunden übersät. Bei der Obduktion stellt sich heraus, dass auch ihre Organe regelrecht zerlegt wurden. Kurz darauf geschieht ein weiterer Mord, wieder ein weibliches Opfer, dessen Körper in ähnlicher Weise gezeichnet ist. Was will der Täter ihnen sagen? Steckt ein Code hinter den Schnittwunden? Doch Kommissarin Marion beschäftigt noch etwas ganz anderes: es gibt sehr belastende Parallelen zwischen den Fällen und ihrem Freund Benjamin, der offenbar mit den Opfern kurz vor ihrem Tod gesehen wurde. Das kann nicht sein – oder hat sie einem Psychopathen vertraut?

Danielle Thiérys Krimi „Was die Nacht verbirgt“ ist der Auftakt der Reihe um Edwige Marion, von der im Original bereits 13 Romane erschienen sind, die jedoch nicht alle auch ins Deutsche übersetzt wurden. Die Reihe war zunächst bei Piper erschienen und wird nun jedoch beim Aufbau Verlag in neuem Gewand veröffentlicht.

Der Fall klingt zunächst nach einem recht typischen Thriller mit einem bestialischen Serienmörder, der reihenweise Frauen ermordet und seine unverkennbaren Spuren hinterlässt. Allerdings leidet die Spannung ein wenig darunter, dass man als Leser mit dem Holzhammer schon sehr früh auf die notwendigen Zeichen gestoßen wird; keine subtilen Indizien, die man leicht überliest, sondern in großen Lettern hervorspringende Ausrufezeichen. So hat man ab etwa der Hälfte problemlos ziemlich genau einen Überblick darüber, wie die Zusammenhänge sich darstellen dürften.

Dass man als Leser so schnell hinter den Komplott kommt, die Ermittler jedoch ewig im Dunkeln tappen, liegt an der Anlage der Figuren. Dies ist insgesamt durchaus stimmig: ein Team von unfähigen eitlen Gockeln, die lieber ihre Erkenntnisse für sich behalten und weitere Opfer riskieren als ihre Arbeit ordentlich zu machen, ist geradezu prädestiniert, die Auflösung des Falls zu verschleppen. Leider macht sie das durch die Bank unsympathisch und kaum erträglich.

Was einem dennoch am Ball hält, ist der der Schreibstil der Autorin, der durchaus fesseln kann und bei dem sie auch eine geschickte Dramaturgie an den Tag legt. Gestört wird dies nur durch zahlreiche unsägliche Übersetzungsnachlässigkeiten. Die Figuren stecken immer wieder in ihren Baskets und ziehen sich die Blousons aus, der Täter bewegt sich mal in einem Campingwagen, dann wieder in einem LKW, was letztlich aber immer dasselbe Auto ist. Wenn man fließend Französisch spricht, lassen sich so manche Holprigkeiten leicht erklären, dennoch ist es ärgerlich.

Alles in allem, bleibe ich zwiegespalten: einerseits hat der Krimi eine gewisse Spannung und man bleibt grade dran, andererseits sind doch auch unübersehbare Schwächen, die ihn weit hinter den Erwartungen zurückstehen lassen.

Alexander Hartung – Auf zerbrochenem Glas

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Alexander Hartung – Auf zerbrochenem Glas

Die Idee, dass aus Nik Pohl noch ein erfolgreicher konventioneller Kriminalkommissar werden könnte, haben inzwischen alle aufgegeben. Auch wenn seine Ergebnisse stimmen, ist der Weg dorthin doch zu weit außerhalb des Gesetzes als dass es tolerabel wäre. Als ihn eines Abends ein Mann anspricht und prompt den Finger in seine wunde Stelle legt, hat Nik nichts entgegenzusetzen. Das spurlose Verschwinden einer jungen Frau wühlt den Fremden auf, er findet die Polizei habe den Fall zu schnell beiseitegelegt und Nik soll nun für ihn ermitteln. Widerwillig muss dieser sich beugen, es kommt ihm zunächst zwar auch etwas seltsam, aber noch nicht wirklich beunruhigend vor. Doch schnell pflastern Leichen seinen Spurenweg und er muss einsehen, dass er es mit mächtigen Gegnern zu tun hat, die nicht nur bestens in der Münchner Oberschicht vernetzt sind und an den entscheidenden Stellen ihre Leute sitzen haben, sondern auch keinen Gedanken an ein ausgelöschtes Menschenleben verschwenden.

Alexander Hartung ist mir als Krimiautor seiner Mannheimer Reihe um Kommissar Jan Tommen bereits bekannt, jetzt also eine neue Thriller-Reihe um Ermittler Nik Pohl in München. Der Auftakt hat durchaus Potenzial für eine überzeugende Reihe mit interessanten Figuren, wobei ich einräumen muss, dass für mich der Protagonist nicht unbedingt zu denjenigen gehören, die mich am meisten begeistern konnten. Im Gegenteil, hier sehe ich die größte Schwäche des Romans. Zwar ist die Anlage der Figur für den Verlauf der Handlung in dieser Form passend und auch logisch, aber mir werden hier doch ein paar Klischees zu viel bedient, die man in 90% aller Krimis und Thriller um Kommissare findet: der Haudrauf, der kein Gesetz kennt, der Hang zu maßlosem Alkoholkonsum, seine Verachtung für alle, die sich innerhalb der vorgegebenen Grenzen bewegen. Die Nebenfiguren Jon, der zunächst unbekannte Fremde, und dessen Helfer Balthasar wiederum fand ich recht innovativ und auch unterhaltsam und hoffe, dass diese in den Folgebänden auch noch mehr Raum bekommen.

Der Fall selbst erscheint zunächst recht unspektakulär mit der Suche nach einer spurlos Verschwundenen. Die Ermittlung schleppt sich dahin und weist schon zu Beginn ein recht hohes Maß an roher Gewalt auf, was doch sehr verwundert. Dies klärt sich jedoch im Laufe der Handlung und wird dadurch auch wiederum plausibel. Mit jedem Schritt wird das Ausmaß des Falles größer und verworrener und bringt immer wieder völlig neue und unerwartete Aspekte dazu.  Mir fehlte jedoch ein wenig der Thrill, diese kaum aufzuhaltende Anspannung vor Sorge, dass irgendeine Figur es doch nicht überlebt und alles böse endet. Auch scheint mir in der Gesamtschau der Fall ein wenig zu viel von allem zu sein, um authentisch und glaubwürdig zu sein.

Nichtsdestotrotz fand ich den Roman so spannend, dass ich ihn kaum weglegen wollte und die nächste Katastrophe gespannt erwartete. Daher überzeugend als Krimi und vor allem in der Ausgestaltung der Geschichte.