Eric Ambler – Journey into Fear [dt: Die Angst reist mit]

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Eric Ambler – Journey into Fear [dt: Die Angst reist mit]

An seinem letzten Abend in Istanbul vergnügt sich der englische Ingenieur Graham gerade mit Freunden, als ihn die Cabaret Tänzerin Josette auf einen Mann aufmerksam macht, der ihn scheinbar beobachtet. Graham kümmert sich nicht weiter darum und wird in seinem Hotelzimmer böse überrascht, da jemand direkt nach seinem Eintreten das Feuer eröffnet. Von der Polizei erfährt er, dass bereits ein Anschlag auf ihn vereitelt wurde und nun müssen seine Pläne zur Rückkehr nach England kurzerhand umdisponiert werden. Nicht mit dem Orientexpress, sondern mit einem Schiff wird er die Heimreise antreten. Es ist 1939, der Krieg steht kurz bevor und als Entwickler für Kriegswaffen stellt er ein interessantes und gefährliches Ziel für die Nazis dar. Wider Willen bewaffnet geht Graham an Board, hoffend, dass die Gefahr gebannt ist.

Eric Ambler schrieb „Journey into Fear“ 1940 unter dem Eindruck des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakts, der den erklärten Antifaschisten nachhaltig schockierte. Wie auch in anderen seiner Spionageromanen ist sein Protagonist ein Durchschnittsbürger, kein Polizist, kein Spion und schon gar kein ausgefeilter Agent. Zufällig gerät er zwischen die Fronten und muss sich selbst retten, da auf Ordnungsbehörden in den Wirren Zeiten kein Verlass ist.

Typisch für Romane aus dieser Zeit folgt der Krimi einem klassischen Muster und erfüllt damit voll die Erwartungen. Die Handlung spielt sich überwiegend auf dem Schiff von Istanbul nach Genua mit kurzem Zwischenstopp in Athen ab. Graham trifft unerwartet wieder auf Josette und ihren Mann, die hoffen in Paris ein neues Engagement zu erhalten. Daneben macht er mit einem französischen Ehepaar Bekanntschaft, die den deutschen Archäologen an Bord verabscheuen. Ein türkischer Handelsreisender für Zigaretten komplettiert das Figurenensemble. Man weiß, dass mindestens einer von ihnen sicher lügen wird und unter falscher Identität reist, es dauert auch nicht lange, bis sie sich gegenseitig der Spionage und übler Absichten verdächtigen.

Es ist vermutlich seiner Zeit geschuldet, dass die einzige weibliche Figur eindimensional dumm ist, davon abgesehen liefert Ambler aber genau das, was man von einem Spionagekrimi der 1930/40er Jahre erwarten würde: fokussiert auf den Fall, klare Fronten und keine hochdramatische Action mit unnötig brutalen und langwierigen Ballerszenen, das bisschen Schießerei ist glaubwürdig motiviert und wohl dosiert.

Aslı Erdoğan – Das Haus aus Stein

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Aslı Erdoğan – Das Haus aus Stein

In Istanbul steht das „Sansaryan Han“, ein Haus aus Stein, das das Vorbild für Aslı Erdoğans Roman bildet. In jenes Haus wurden die politischen Häftlinge, die Schwerkriminellen, die Staatsgegner gebracht und gefoltert. Hiervon schreibt die Autorin, die nach dem Militärputsch 2016 selbst zum Opfer des türkischen Staates wurde und 132 Tage im Gefängnis verbringen musste. Was sie 2009 literarisch verarbeitete, musste sie selbst am eigenen Leib nur wenige Jahre später erfahren.

Der Roman, der mit dem bedeutendsten türkischen Literaturpreis ausgezeichnet wurde, hat keine Handlung im klassischen Sinn. So wie sich die Persönlichkeit in der Gefangenschaft zunehmend auflöst, ist auch der Text schwer greifbar, er kreist spiralförmig auf ein Ziel hin, von dem man nicht weiß, was es sein wird: Tod oder Leben, Erlösung oder Verdammnis. Einer, der einstmals offenbar hinter den Mauern lebte, lebt nun außen, in den Schatten der Gemäuer, aus denen die unzähligen Stimmen dröhnen. Aber für ihn ist es gleich, auf welcher Seite der Mauer er steht, er trägt die Erfahrungen tief in sich und kann sie wie böse Dämonen nicht mehr los werden.

Man kann den Roman nur als kafkaesk im klassischen Sinn bezeichnen. Es gibt kein Verbrechen, keine Anklage und kein Urteil für eine Tat. Es herrschen eine diffuse Angst und Verunsicherung und die Verzweiflung wird zunehmend stärker. Das Individuum kann die Lage nicht überschauen, schon gar nicht kontrollieren, sondern ist ausgeliefert. So fühlt es sich an im Gefängnis, wo Willkür herrscht, vor der nur der Tod schützt.

So schwer der Text auf der Handlungsebene zugänglich ist, so sehr strahlt er doch sprachlich. Aslı Erdoğan spricht in Metaphern, verbildlicht so das Innen- und Außenleben ihrer Figuren und lässt zugleich Deutungsspielraum. Sie erspart dem Leser so auch deutliche Beschreibungen der Folter und Qualen, deren Folgen jedoch auch so spürbar werden. Die Realität der politischen Lage hat hier die Literatur eingeholt und einmal mehr bewiesen, dass der Mensch zu mehr fähig ist, als man sich in den schlimmsten Alpträumen ausmalen mag.

 

Ein herzlicher Dank geht an das Bloggerportal für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zu Autorin und Buch finden sich auf der Seite der Verlagsgruppe Random House. 

Elif Şafak – The Bastard of Istanbul (Der Bastard von Istanbul)

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In Amerika aufgewachsen bleiben für Armanoush, genannt Amy, ihre armenischen Wurzeln immer etwas fremd. Über das Essen hinaus hat sie nur wenig Bezug zum Herkunftsland ihrer Eltern. Durch den zweiten Ehemann ihrer Mutter ergibt sich die Möglichkeit, bei Bekannten in Istanbul unterzukommen. Da ihre Eltern dieser Reise niemals zustimmen würden, fliegt sie heimlich nach Europa und quartiert sich bei der unbekannten Familie ein. In Asya findet sie schnell eine gleichaltrige Freundin. Der reine Frauenhaushalt folgt seinen eigenen Gesetzen und je besser sich die Mädchen kennenlernen, desto mehr Fragen um Familiengeheimnisse reißen sie auf. Als Amys Mutter erfährt, wo die Tochter ist, reist sie mit ihrem Mann unversehens in die Türkei, nicht ahnend, dass so eine böse Prophezeiung ausgelöst wird.

Die türkischstämmige Autorin Elif Şafak, die in verschiedenen Ländern gelebt hat und daher eine eher kosmopolitische Sicht pflegt, gilt als eine der wichtigsten weiblichen Stimmen der Türkei. Sie schreibt gleichermaßen in der Muttersprache wie auch in Englisch und viele ihrer Werke waren für die großen Literaturpreise nominiert. So auch „Der Bastard von Istanbul“, der 2008 auf der Longlist des Orange Prize for Fiction (heute: Bailey’s Women’s Prize for Fiction) stand. Dieser Roman brachte ihr jedoch auch eine Anzeige in der Türkei einbrachte, weil das Werk das Türkischsein beleidige.

Hintergrund der Anklage ist der nach wie vor von türkischer Seite aus geleugnete Genozid an den Armeniern 1915, dem große Teile von Amys Familie zum Opfer fielen. Ihre Gastgeber haben von dieser systematischen Verfolgung und Auslöschung offenbar noch nie etwas gehört, einige von Asyas Freund bezeichnen Amy im Buch daher auch als Lügnerin und beschimpfen sie übel – dies dürfte eine weitgehend realistische Sicht auf dieses Faktum sein.

Über diesen historischen Bezug hinaus, lebt der Roman jedoch von den ungewöhnlichen Familienstrukturen und Geheimnissen, die über Generationen weitergegeben werden und dennoch nie nach außen dringen. Die Figuren sind alle sehr authentisch und mit Charme gezeichnet, vor allem die ältliche Tante, die im Kaffeesatz liest und der ihre beiden Dschinns unentwegt ins Ohr flüstern.

Eine gelungene Mischung von modernen jungen Frauen, mythisch bis fantastischen Elementen und einer politisch brisanten Hintergrundthematik.

Orhan Pamuk – Die rothaarige Frau

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Orhan Pamuk – Die rothaarige Frau

Mitte der 80er Jahre lebt Cem mit seinen Eltern in Beşiktaş, wo sein Vater eine Apotheke betreibt. Als der Vater eines Abends nicht Hause kommt, wissen Cem und seine Mutter bereits, dass er vermutlich wieder festgenommen wurde und erst Jahre später wieder auftauchen wird. Die finanzielle Situation ist nicht einfach und so verschafft ihm sein Onkel am Marmarameer einen Ferienjob in einem Obstgarten, der jedoch nur wenig Geld einbringt. Schnell entschließt sich Cem, bei dem Brunnenbauer Mahmut auszuhelfen, der ihm ein deutlich größeres Gehalt verspricht. Diese Entscheidung wird sein Leben nachhaltig verändern. Nicht nur, dass ihm in dem abgelegenen Örtchen bald schon eine Frau auffällt, der er gnadenlos verfällt und die seine jugendliche Unerfahrenheit ausnutzt, nur um dann zu verschwinden. Nein, Cem wird auch vor eine schwere Prüfung gestellt, die ihm eine Entscheidung abverlangt, an die er jeden Tag in seinem weiteren Leben wird denken müssen und deren Dämonen ihn viele Jahrzehnte später, als er schon längst erfolgreicher Bauunternehmer in Istanbul ist, wieder einholen wird.

Pamuk hat in seinem kurzen Roman so viele Themen untergebracht, dass man sich wundert, wie ihm das gelingen konnte. Die politische Komponente, der Umgang der Regierung mit kritischen Stimmen, die plötzlichen Verhaftungen und Freilassungen, von denen ich zunächst annahm, dass sie deutlich relevanter im Roman werden würden, rücken jedoch schnell in den Hintergrund. Die Verlegung der Handlung in die 1980er Jahre hat sicherlich auch einige Distanz zur aktuellen Situation geschaffen, wenn ich auch bezweifle, dass sich grundlegend etwas zwischen damals und heute unterscheidet.

Cem ist mit seinen sechzehn Jahren auf dem Weg zum Erwachsenwerden. In dieser Zeit fällt sein Vater als Vorbild aus, weshalb er zum auf sich alleingestellt ist bzw. Meister Mahmut für ihn diese Rolle übernimmt. Er bewundert den Brunnenbauer, nicht nur für sein technisches Wissen, sondern auch für sein Durchhaltevermögen als ihn schon alle aufgegeben haben seinen Standtort für Bohrungen anzweifeln. Er hat einen so nachhaltigen Einfluss, dass Cem seine Zukunftspläne ändert – vielleicht auch unter dem Eindruck der Schuldgefühle gegenüber dem Meister.

Die zweite wichtige Person in diesem entscheidenden Sommer ist die rothaarige Frau, die er zunächst nur aus der Ferne bewundert, zu der es ihm aber schnell gelingt, Kontakt herzustellen. Er ist verliebt und schießt alle Warnungen in den Wind und folgt blind seinem Herzen. Man ahnt, dass dies nicht gutgehen kann.

Sie ist es auch, die ihn zu den großen Geschichten der Menschheit führt, in der europäischen Version von Oedipus bzw. der orientalischen Variante von Rostam und Sohrab. So schließt Pamuk gleich mehrfach den Kreis. Die Geschichten um die Söhne, die ihre Väter verloren haben, glauben diese wiederzufinden und doch nur so in ihr tragisches Schicksal geführt werden, diese alten Sagen lässt Pamuk wieder aufleben und sich in Cem neu realisieren. Doch er ist nicht der Sohn, der nach seinem Vater sucht, ihm wird eine andere Rolle zugewiesen werden.

Der Nobelpreisträger von 2006 schafft es einmal mehr seine besondere Rolle zwischen Europa und dem Orient zu unterstreichen. Besonders beeindruckt hat mich die mehrschichtige Erzählung um die Vater-Sohn-Beziehungen, die so zum Herzstück des Romans wird und letztlich immer wieder zu der Erkenntnis führt, dass es grundlegende menschliche Verhaltensweisen und Triebfedern gibt, die wir scheinbar nicht ablegen können und dass unser Schicksal unausweichlich ist, auch wenn wir noch so sehr versuchen, davor zu fliehen.