Tim Boltz – Zonenrandkind

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Tim Boltz – Zonenrandkind

Wie war das wohl, in der westdeutschen Provinz in den 70ern und 80er Jahren aufzuwachsen? Nicht sehr spektakulär, das weiß jeder, dem das genauso ging. Ganz besonders abgehängt war man jedoch im osthessischen Grenzgebiet zur DDR, wo nach Osten nur der Russe drohte und es nach Westen weit war in etwas, das man Großstadt nennen konnte. Frank wird dort auf einem Dorf groß, wo das Leben eigenen und ganz typischen Regeln folgt. Die bekommt jeder mit der Muttermilch eingeflößt, damit man Zugezogene auch direkt erkennt. Erste Liebe, Mofaführerschein, alkoholreiche Kerbefeste und jeden Samstag das Fegen von Bürgersteig und Straße. Das Leben war vorbestimmt und folgte seinem gemächlichen Gang, nur unterbrochen von gelegentlich in die abgelegene Gegend einschlagenden Nachrichten wie dem Unglück von Tschernobyl. Doch 1989 wurde genau dieser Landstrich plötzlich ins Zentrum des politischen Geschehens gerückt und die Kindheit war für Frank damit endgültig vorbei.

Es gibt Bücher, deren Titel und Cover so wenig versprechen, dass man den Roman gar nicht erst zur Hand nimmt. Tim Boltzs „Zonenrandkind“ hätte mich auch eher abgeschreckt und wäre es nicht ein Adventskalendergewinn gewesen, bei dem mich tatsächlich der Klappentext neugierig gemacht hat, wäre die Geschichte an mir vorbeigegangen, was einfach unheimlich schade gewesen wäre, denn hinter der schlichten Fassade steckt nicht nur ganz viel Erinnerung an meine eigene Kindheit und Jugend auf dem Land, sondern auch ein pointierter Text mit unheimlich viel feiner Ironie, die sich nicht über das vermeintlich rückständige Leben in der Randzone lustig macht, sondern liebevoll draufblickt und mehr als einmal zum herzhaften Lachen einlädt.

Sind wir ehrlich: wer jenseits der 40 kann sich nicht an die holzvertäfelten Partykeller der Eltern erinnern oder die unsäglichen Strickpullis der Muttis oder Tanten? Der schlechte Haarschnitt und die wenig stylische Brille auf dem Cover tragen ihren Teil zur Gesamterscheinung dazu bei, die für viele schlichtweg Realität waren, wie die vergilbten Fotoalben heute noch belegen. Ach ja, das abgebildete Tier heißt übrigens „Genscher“ und reißt irgendwann im Laufe der Handlung in die Freiheit aus – ausgerechnet gen DDR.

Viel mehr lässt sich zum Inhalt auch kaum sagen. Viele Passagen kommen einem nur allzu bekannt vor, wenn man fernab der Großstadt im Grenzgebiet (in meinem Fall zwar nicht zur DDR, sondern tief im Südwesten) groß geworden ist, wo nicht viel mit Strukturentwicklung war und man nur mit viel Glück überhaupt drei grieselige Fernsehprogramme empfangen konnte. Die diffuse Angst vor „dem Russen“ und die für Kinder wenig nachvollziehbare Problematik mit „der Mauer“ sind mir auch bestens in Erinnerung. Die Dorfjugend arrangiert sich mit den Gegebenheiten und träumt von der großen weiten Welt, die jedoch letztlich auch nicht spannender ist als die Reise zurück in die überschaubare Heimat.

Ilaria Tuti – Eiskalte Hölle

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Ilaria Tuti – Eiskalte Hölle

Das norditalienische Bergdörfchen Travenì wird von einem brutalen Mordfall erschüttert. Nicht nur wurde ein geschätzter Bewohner aus der Mitte der kleinen Gemeinschaft gerissen, nein, er wurde mit bloßen Händen getötet und dann hat man ihm die Augen ausgerissen. Was für ein Mensch kann für so eine Tat verantwortlich sein? Auch die herbeigerufene Kommissarin Teresa Battaglia kann sich nur schwer einen Reim auf die Psyche des Mörders machen, fürchtet jedoch schnell, dass es noch weitere Opfer geben wird und zu ihrem Leidwesen behält sie Recht damit. Ein grausames Wesen treibt sich im Wald im das Dorf herum, auch die Kinder haben ihn schon gesehen und nennen ihn nur das Gespenst, weil er leichenblass ist und mit seiner Umwelt verschmilz und so geradezu unsichtbar wird, wenn er nicht gesehen werden will. Teresa hat es mit einem schwer greifbaren Gegner zu tun, doch noch ein anderer Feind setzt ihr zu: ihr eigener Körper. Wird dieser den Strapazen der winterlichen Ermittlungen standhalten und sie den Fall noch lösen können?

Das Thrillerdebut der italienischen Autorin packt den Leser schon nach wenigen Seiten. Leider wurde beim deutschen Titel einiges verschenkt, da die Aussagekraft des Originals („Fiori sopra l’inferno“) verloren geht, die im Buch wieder aufgegriffen wird und mit ein Schlüssel zur Lösung des Falls ist. Genau dieses ist es auch, dass den Roman von anderen des Genres abhebt: es gibt mehr zwischen Himmel und Erde als uns bewusst ist und es gibt Menschen, die eine besondere Verbindung zur Natur haben und mehr wahrnehmen können als andere. Ein schreckliches Ereignis ermöglicht den Blick in die Hölle, den man nie wieder loswird. So geht es Teresa, die ihre Dämonen ständig im Zaum halten muss, so geht es dem Täter. Nur hierüber kann sie sein Denken verstehen, nur so kann sie ihn fassen.

Ein Thriller kann auf vielerlei Weise beeindrucken. Die geschilderte Brutalität, die völlig degenerierte Psyche eines Täters, die clever konstruierte Handlung, das Charisma und der Intellekt des Ermittlers. „Eiskalte Hölle“ fasziniert jedoch durch etwas anderes – wenn hier auch die psychologischen Aspekte ebenso fesseln wie die Figur der Kommissarin – und rückt den Thriller schon stark in die Nähe eines Horrorromans. Die Schilderungen vor allem der Kinder, dass sie ein Wesen im Wald sehen, dass sie sich beobachtet fühlen, dass es eine nicht greifbare Präsenz gibt, jagen einem den Schauer den Rücken hinunter. Man weiß, dass es diese Figur gibt und man weiß, dass sie wieder zuschlagen wird und so beschleunigt sich der Herzschlag beim Lesen mehr als einmal. Vor lauter Sorge, dass doch wenigstens die Kinder verschont bleiben mögen, kann man gar nicht anders als weiterlesen.

Die Angst, die im Dorf umgeht, der Schrecken, der von den verstümmelten Opfern ausgeht – der real gewordene Grusel, dem man sich nicht entziehen kann. Doch dann gelingt der Autorin etwas Unerwartetes: in dem augenscheinlich Bösen erkennt ihre Protagonistin noch etwas ganz anderes und die einfache Dichotomie von Gut und Böse muss infrage gestellt werden. Ein fesselnder Roman, der sich förmlich in den Leser hineinschleicht.

Simone Lappert – Der Sprung

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Simone Lappert – Der Sprung

Thalbach, ein beschauliches Örtchen bei Freiburg. Alles geht seinen Gang wie immer, die Obdachlosen verbringen den Tag im Park, Theres und Werner sehnen sich nach den guten Zeiten in ihrem Lädchen zurück, Roswitha bedient mehr oder weniger übellaunig die Gäste in ihrem Café, Maren überlegt wieder einmal, wie lange sie es noch in der kaputten Beziehung mit Hannes aushalten will, Winnie muss ihrer Freundin Cosima einmal mehr aus der Patsche helfen. Doch dann unterbricht ein Ereignis das übliche Treiben: auf dem Dach eines Wohnhauses steht eine junge Frau und droht herunterzuspringen. Man kennt sie, es ist Manu, die Gärtnerin, die mit ihren Guerillamethoden den Pflanzen Raum zum Leben gibt und die Stadt erblühen lässt. Der Ort hält den Atem an und zusammen mit Rettungskräften, Polizei und sensationslüsterner Presse blickt man nach oben, voller banger Erwartung dessen, was passieren wird.

Simone Lapperts Roman ist eine Momentaufnahme mitten aus dem Leben. Sie beschränkt ihre Handlung auf einen winzigen Augenblick im Dasein ihrer Figuren, nur einen Wimpernschlag lang lässt sie uns teilhaben, aber es tritt genau jener Schmetterlingseffekt ein, der nicht vorhersehbar war und das sorgsam austarierte Gleichgewicht des Systems zum Zusammenbrechen bringt. Nur ein einziger Tag, ein singuläres Ereignis, das nicht einmal unmittelbar mit den meisten Figuren in Verbindung steht, ist jedoch so gewaltig, dass hinterher kaum mehr etwas so ist, wie zuvor.

Vieles an der Erzählung hat mich schlichtweg begeistert. Was zunächst als lose Abfolge von Einzelgeschichten erscheint, stellt sich im Laufe der Handlung als clever durchdachtes Geflecht heraus, das alle Figuren in Verbindung zueinander setzt und so unterstreicht, dass es ein individuelles unabhängiges Leben nicht gibt. Dreht nur einer an einem Schräubchen, wirkt sich dieses auf alle zwangsläufig aus. Daneben sind alle Figuren liebevoll gezeichnet: Wir haben keine Superhelden, keine Weltverbesserer, genauso wenig die drastischen Verlierer, sondern ein Sammelsurium von durchschnittlichen Existenzen, die mehr oder minder zufrieden ihr Leben meistern. Sie haben sich mit den Gegebenheiten arrangiert und glauben nicht mehr an das ganz große Glück. Sie wirken authentisch und in ihrer Natürlichkeit liebenswert.

Manu, die Frau auf dem Dach, die zum Sprung ansetzt, sollte eigentlich im Zentrum stehen, bildet aber viel mehr den Rahmen der Handlung und wird unbeabsichtigt zum dramatischen und entscheidenden Moment in zahlreichen Leben. Man lernt sie zu Beginn der Geschichte kennen, doch die Figur, die liebevoll mit den Pflanzen hantiert, will nicht zu der Person auf dem Dach passen. Ebenso wie der Leser kann sie ihr Freund Finn keinen Reim auf das Verhalten machen. In gewisser Weise ist sie eine tragische Heldin – mehr zu sagen würde das überraschende Ende vorwegnehmen.

Der kleinbürgerliche Mikrokosmus wird von Lappert überzeugend eingefangen. Eine routinierte, mühelose Erzählung, die einem in die kleine Welt eintauchen und teilhaben lässt. Für mich ist es gerade das Unaufgeregte, Unspektakuläre, das hier geschildert wird und begeistert.

Ein herzlicher Dank geht an den Diogenes Verlag für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zu Autorin und Buch finden sich auf der Verlagsseite.

Reinhard Kleindl – Stein

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Reinhard Kleindl – Stein

Obwohl der Fall schon Jahre zurückliegt, lässt er Anja Grabner nicht los; kein Wunder: wegen den Vorkommnissen in Stein hat sie den Polizeidienst quittiert. Doch nun scheint es neue Entwicklungen zu geben. Obwohl ihr ehemaliger Kollege sie eindringlich warnt, fährt Anja in das österreichische Dorf. Da sie gerade ihren Urlaubsflieger verpasst hat, hat sie ohnehin nichts Besseres zu tun. Die Spur zu Bert Köhler muss hier irgendwo sein, der Banker war entführt worden und ist seither nicht aufzufinden. Einzig die einzelnen Körperteile, die der Entführer an die Familie schickte, waren Hinweise, die jedoch zu nichts führten. Mit offenen Armen wird Anja nicht empfangen, aber starrköpfig wie sie ist, will sie den Fall nun auf eigene Faust lösen, um endlich damit abzuschließen.

Der Grazer Reinhard Kleindl scheint ein vielseitiges Talent zu sein, studierter Physiker, Extremsportler und auch noch Thrillerautor. Seit 2014 sind mehrere Romane von ihm erschienen, „Stein“ ist der Auftakt zu einer neuen Serie um die Ermittlerin Anja Grabner.

Die Geschichte beginnt recht flott, man wird quasi unmittelbar in das Geschehen geworfen und muss sich die Puzzleteile erst zusammenreimen. Der Fall ist schon ein paar Jahre alt und Anja Grabner sind die Fakten bekannt, die sich der Leser nach und nach erarbeitet. Gespräche zwischen Entführer und Opfer werden zwischengeschoben, die jedoch auch zunächst wenig aufschlussreich sind. Allerdings wird mit Grabners Aufenthalt auf dem Dorf auch das Tempo deutlich verlangsamt und an mancher Stelle hätte ich mir ein bisschen weniger Nebenhandlung und Dorfidylle gewünscht.

Der Fall ist komplex und hat durchaus seine Tücken, was mir gut gefallen hat, ob das Szenario realistisch ist, wage ich jedoch zu bezweifeln. Die Protagonistin zeigt verschiedene Seite, ist damit durchaus interessant angelegt; mich persönlich überzeugen die einsamen Helden allerdings grundsätzlich nicht so sehr, vor allem nicht, wenn sie sich leichtsinnig in Gefahr begeben und alle Rechtsvorschriften und den gesunden Menschenverstand ignorieren. Nichtsdestotrotz spannend und flüssig zu lesen und macht neugierig auf den Autor und weitere Bände.

Yael Inokai – Mahlstrom

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Yael Inokai – Mahlstrom

Mahlstrom – ein Gezeitenstrom zwischen den Lofoten Inseln, sagenumwoben und seit Menschengedenken angsteinflößend. Im übertragenen Sinne eine Situation großer Verwirrung, voller Gewalt und Zerstörungskraft.

Ein idyllisches Dorf, dorthin zieht es die Eltern von Yann aus der Großstadt. Doch sie bleiben den Einheimischen fremd, Yann findet keinen Anschluss zu den Kindern seiner Schule, nicht zu den Zwillingen Annemarie und Hans, nicht zur Nachbarstochter Nora und schon gar nicht zu den Geschwistern Adam und Barbara. Erst ignorieren sie ihn, dann machen sie sich über ihn lustig, dann überfallen und verletzen sie ihn schwer. Doch das Dorf legt den Mantel des Schweigens über die Tat. Für viele Jahre spricht man nicht darüber. Erst als eine weitere Gewalttat die kleine Gemeinschaft aufschreckt, lösen sich die Zungen und es kommt ans Licht, was in dieser Nacht geschah und wie es damals wirklich war. Barbara muss dafür sterben, sie stürzt sich in den Fluss und befreit die Bewohner damit aus ihrer selbst auferlegten Sprachlosigkeit.

„Im Winter vor elf Jahren hätten wir ihn beinahe getötet.

Wir wollten ihm eine Lektion erteilen.

Wir hatten nicht mit uns selbst gerechnet.“

Yael Inokais zweiter Roman wurde 2018 mit dem Schweizer Literaturpreis ausgezeichnet und zeichnet auf ganz eigene Weise das typische Dorfleben nach. Dieses hat wenig von der Idylle, die man in Zeitschriften wie „Landlust“ vorgegaukelt bekommt, es ist nicht das friedliche Leben im Einklang mit der Natur, wo die böse Welt weit weg ist und man die Sorgen verdrängen kann. In Inokais „Mahlstrom“ schwimmen die Menschen um ihr Leben, sie wollen sich aus einer ausweglosen Lage befreien und wissen doch, dass sie nicht herauskommen werden, es sei denn sie stellen sich selbst dem Wasser und setzen dem irdischen Dasein mit eigener Hand ein Ende.

Der kurze Roman zeichnet sich durch seine Unmittelbarkeit, seine Direktheit aus. Die Figuren erhalten im Wechsel das Wort und da sie das Beschönigen, das Vertuschen hinter sich haben, berichten so ohne Umschweife von den Gehässigkeiten und den unterschiedlichen Formen von Gewalt, die sie erlebt haben. Was als etwas harte Erziehungsmethoden beschönigt werden könnte oder auch mal als „so sind Kinder eben“ abgetan wird, erscheint nun als tiefgreifende Verletzung, die Spuren auf den Körpern und Seelen hinterlässt und lebenslange Wunden schafft. Die Reaktion ist vorprogrammiert: erst wendet sie sich gegen die schwächsten Glieder der Gemeinschaft, dann gegen sich selbst.

Das Ganze ist letztlich mehr als die Puzzleteile der unterschiedlichen Erzähler. Es ist auch weit mehr als das kleine abgeschiedene Dorf. Man kann den Roman durchaus sinnbildlich für unsere Zeit lesen, wo das Verschwinden eines Menschen selbst von dessen Familie tagelang unentdeckt bleibt, wo man lieber auf Schwächere eindrischt als sich seinen Unzulänglichkeiten zu stellen, wo Schweigen und Wegschauen akzeptierte Wege zum Umgang mit Problemen sind, in der Hoffnung, dass diese sich schon irgendwie von selbst lösen werden.

Jane Gardam – Weit weg von Verona

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Jane Gardam – Weit weg von Verona

Jessica Vye nimmt kein Blatt vor den Mund und sich anzupassen ist auch nicht ihre große Stärke. Unweigerlich gerät die Zwölfjährige immer wieder in heikle Situationen, aus denen sie kaum einen Ausweg findet. Freunde hat sie kaum, erst mögen die anderen Kinder sie, aber bald schon wenden sie sich von ihr ab. Auch ihre Lehrerinnen scheinen sie nicht zu verstehen und vor allem ihr literarisches Talent nicht zu entdecken. Während draußen in der Welt der Zweite Weltkrieg tobt, wird Jessicas Leben in dem englischen Dörfchen von Alltagssorgen und ersten literarischen Entdeckungen geprägt.

Jane Gardams Debütroman wurde bereits 1971 geschrieben und auch hier zeigt sie schon ihr Talent für außergewöhnliche Charaktere und einen unheimlich sympathischen Erzählton, der den Leser mitnimmt und der dank der lockeren und heiteren Art begeistern kann. Allerdings bleibt sie in „Weit weg von Verona“ in der Figurenzeichnung noch hinter ihren späteren Romanen, vor allem der Trilogie um Old Filth Edward Feathers, zurück, was aber auch dem Alter der Protagonistin geschuldet sein könnte.

Jessicas Welt ist klein und überschaubar. Die Außenwelt dringt zwar am Rande zu ihr durch – der Krieg, die nächtlichen Bombardements, die Gasmasken – kann aber nicht wirklich ihr Bewusstsein durchdingen und so konzentriert sich die Handlung auf ihren kleinen Radius von Zuhause und Schule. Immer wieder bringen sie vermeintlich gute Ideen in Schwierigkeiten, dies ist einerseits völlig abzusehen, dennoch aber amüsant und herzlich mitzuerleben.

Vanessa Loibl findet im Hörbuch auch die passende Stimme für das vorlaute und aufgeweckte Mädchen und transportiert ihre etwas altkluge, aber doch herzliche Art überzeugend.

Marlon James – Der Kult

Der Kult von Marlon James
Marlon James – Der Kult

Im Dorf Gibbeah ist man schon lange nicht mehr gottesfürchtig, aber böse Omen kann man deuten und die Bewohner wissen, wann sie Angst haben müssen. Als bei der Messe ein toter Geier durch die Kirche fliegt und neben dem Prediger aufschlägt, ist dies so ein Moment. Dass kurze Zeit später dann auch noch Apostel York erscheint und den Prediger aus seinem eigenen Gotteshaus vertreibt, muss ein Zeichen des Himmels sein. Sie haben zu lange in Sünde gelebt und sind verkommen, doch der neue Gottesmann wird die Ordnung wieder herstellen und sie auf den rechten Pfad zurückführen. Ehebrecher werden bestraft werden, Opfer müssen erbracht werden und Tugend wird wieder Einzug halten. Doch nicht allen gefällt der neue Stil, vor allem Hector Bligh, der jahrelang in Ruhe über seine Gemeinde herrschte – oder eher, von dieser beim Saufen nicht gestört wurde und die geringen Erwartungen an seine Predigten fast erfüllte – will nicht kampflos dem Fremden das Feld überlassen.

Der jamaikanische Autor Marlon James wurde durch seinen dritten Roman „A Brief History of Seven Killings“ um den Mordanschlag auf Bob Marley 2014 berühmt und gewann neben zahlreichen anderen Preisen auch den renommierten Man Booker Prize. „Der Kult“, im Original „John Crow’s Devil“, ist sein erster Roman, der bereits 2005 veröffentlicht wurde und zunächst unter dem Titel „Tod und Teufel in Gibbeah“ im Verlag F. Stülten erschien. Heyne Hardcore hat ihn 2018 unter anderen Titel neuaufgelegt.

Schon nach wenigen Zeilen hat man den Eindruck, dass James eigentlich fürs Kino schreibt. Die Bilder, die er in seinem Roman hervorruft, sind ausdrucksstark und brutal und davon lebt die Geschichte:

Zuerst kam der Krähenschwarm. Hunderte. Sie tauchten wie aus dem Nichts auf, verdunkelten die Sonne und wurden zu einer sich ständig verändernden Sonnenfinsternis, die sich auf Gibbeah niedersenkte. Die Vögel flogen in einem schwarzen Zug die Straße hinauf, ihre Flügel schnitten durch den Wind und flößten sogar den kleinsten Kindern Angst ein.

Man muss als Leser schon einiges aushalten, denn die Sprache ist vielfach nicht nur direkt, sondern geradezu derb und abstoßend. Aber dies wird der Situation des verkommenen jamaikanischen Dorfes zu Ende der 1950er Jahre gerecht. Daneben herrscht eine feine Ironie, mit der das Agieren des selbsternannten Apostels und das blinde Folgen der Bewohner ins rechte Licht gerückt wird:

Der Apostel York hatte gesagt, dass Gottes heiliges Feuer das Kino verzehren wird, und es brannte tatsächlich nieder, auch wenn nur wenige vom göttlichen Ursprung des Feuers überzeugt waren. Schließlich stand das Majestic mehrere Meilen außerhalb von Gibbeah. Dass der Besitzer zu Asche verbrannte, ließ Zweifel aufkommen. Dass zwei Kinder aus einem benachbarten Dorf sich in das Gebäude geschlichen hatten und ebenfalls zu Asche verbrannten, ließ noch mehr Zweifel aufkommen.

Sie folgen ihrem neuen Anführer, trotz der anfänglichen Bedenken, aber dank seines Charismas überzeugt er die Menschen und macht sie zu willfährigen Gefolgsleuten, die ihre letzten Zweifel bald aufgeben:

(…) manche dachten, es sei ein Scherz. Der Rest von uns sagte, dass es ein Gottesurteil war und dass niemand dafür verantwortlich war als die beiden garstigen Neger, die den Tempel des Heiligen Geistes beschmutzt haben. Hinzu kommt, dass man in Gibbeah ein Exempel dafür statuieren muss, dass wir Menschen des HERRN sind und dass Ungehorsam nicht geduldet wird – das sagt der Apostel.

Und so wird noch härter ausgepeitscht und die erforderlichen Tode sind ja letztlich alle im Sinne des Herrn. Der Kampf zwischen den beiden Widersachern wird bis auf Blut ausgefochten, denn es geht immerhin um die verlorenen Seelen, die errettet werden müssen.

Man kann sich leicht vorstellen, wie ein ganzes Dorf in die Hände eines solchen Anführers gerät und die Augen vor dem offenkundigen verschließt. Aber es sind nicht nur die beiden männlichen Protagonisten, die interessant gezeichnet sind und denen man sprachlos folgt. Auch zwei weibliche Figuren wurden von Marlon James als außergewöhnliches Gegengewicht geschaffen und ihre Geschichten erzählen ebenfalls vieles über das Land und den Zustand nach dem 2. Weltkrieg.

„Der Kult“ schafft das Paradoxon des anziehenden Abstoßenden. Man will das eigentlich gar nicht lesen, ist aber so fasziniert, dass man den Roman auch nicht weglegen kann.

Matthias Wittekindt – Die Tankstelle von Courcelles

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Matthias Wittekindt – Die Tankstelle von Courcelles

Ein Provinznest im Osten Frankreichs. In den 1970ern wachsen die Kinder in der dörflichen Gemeinschaft auf, befreunden sich, zerstreiten sich, raufen sich wieder zusammen. Gemeinsam gehen sie zur Schule, gemeinsam werden sie das Abitur meistern, um dann in Paris die große weite Welt kennenzulernen. Lou ist eine von ihnen, immer schon etwas mutiger als andere Mädchen, immer schon etwas abgebrühter. Kurz bevor die letzten Prüfungen anstehen, arbeitet sie in der Tankstelle ihres Stiefvaters in der Nachtschicht. Zwei LKW-Fahrer kommen ihr seltsam vor, doch die beiden sind so schnell wieder verschwunden, wie sie gekommen waren. Ein kurz darauf ankommender PKW mit zwei Männern wird dann aber deutlich ungemütlicher; da einer der beiden bereits betrunken ist, will sie ihm keinen weiteren Alkohol verkaufen. Als sie beginnen zu randalieren, zieht sich Lou in den hinteren Raum der Tankstelle zurück. Kurz darauf sind beide Männer tot. Brutal ermordet. Und sie werden nicht die letzten Leichen in dem französischen Dörfchen bleiben.

Matthias Wittekindt war mir bislang als Autor nicht bekannt, allerdings habe ich einige seiner Hörspiele gehört, die mich eigentlich immer begeistern konnten. Dass „Die Tankstelle von Courcelles“ auf der Krimibestenliste vom Mai 2018 gelandet war, bot dann genügend Anlass, den Roman zu lesen. Leider jedoch konnte er die Erwartungen nicht ganz erfüllen.

Lange hält sich Wittekind mit der Kindheit Lous und ihrer Freunde in den 70er Jahren auf, ohne dass tatsächlich etwas Berichtenswertes geschieht. Es gibt Unfälle, wie sie überall geschehen, auch ein verlassenes mysteriöses Zelt sorgt für eine Menge Gesprächsstoff im Ort. Die Freundschaften der Kinder und später Jugendlichen entwickeln sich in diese und jene Richtung, mal sind sie enger, mal lockerer. Das Erwachsenwerden und die dazugehörigen Theorien um die Welt, befeuert vom neuen Lehrer des Dorfes, entzweit auch so manche alte Verbindung. Der Roman schleppt sich so dahin, kündigt jedoch stetig ein großes Ereignis an, das jedoch auf sich warten lässt.

Der Doppelmord selbst wird tatsächlich recht unspektakulär geschildert und schnell von den Ermittlungen abgelöst, die jedoch auch keine wirkliche Zielgerichtetheit erkennen lassen. Es kommt zu keiner Auflösung, der Täter wird nicht gefunden, die Spekulationen bleiben. Und schon bewegt sich die Handlung weiter, sprungartig bis in die Gegenwart. Dazwischen noch schnell ein weiterer nicht ganz eindeutiger Tod eines der Jugendlichen und Lous ungeklärtes 10-tägiges Verschwinden.

Hätte es nicht zwischendurch ein paar Tote gegeben, hätte ich die Genrezuordnung „Krimi“ gänzlich angezweifelt. Die normalerweise unabdingbare Spannung fehlte mir gänzlich, auch war oft nicht klar, wer eigentlich die Rolle des Protagonisten übernehmen soll, einerseits Lou, das ist recht offenkundig, dann wiederum rückt der örtliche Gendarm Ohayon in den Fokus, nur um sich kurze Zeit später wieder zurückzuziehen.

Zusätzlich erschwert wurde die Geschichte durch einen Erzählton, der wohl mit „lakonisch“ am besten beschrieben ist. Knappe Sätze, kaum Ausschmückung, bisweilen fast lustlos schildert der Erzähler die Ereignisse. Man hört regelrecht die Seufzer, ach ja, doch, da wird noch was passieren. Das etwas einsilbige Erzählen ermüdet bisweilen, hat jedenfalls keine spannungserzeugende Wirkung, ganz im Gegenteil.

Ich kann den begeisterten Stimmen nicht beipflichten. Ein vor allem sprachlich ungewöhnlicher Roman, der vielleicht ein wenig zu viel wollte, um zu überzeugen.

Marie Gamillscheg – Alles was glänzt

Alles was glaenzt von Marie Gamillscheg
Marie Gamillscheg – Alles was glänzt

Ein vergessenes Dorf am Rande eines Berges; eines Bergs, der schon lange keiner mehr ist, denn immer mehr haben ihn die Menschen ausgehöhlt, alles herausgeholt, was glänzt und das sie weiterverarbeiten können. Nun ist er nur noch ein Gerippe, die äußere Hülle steht noch, aber wie lange? Wann wird er sich zur Wehr setzen? Merih kommt als Regionalmanager in das Dorf, er soll Menschen umsiedeln, den kleinen Dorfkern wiederbeleben. An Leben sieht man nicht mehr viel: Susa, die Wirtin. Wenisch, ihr Gast, der früher täglich in den Berg fuhr um Sprengungen zu veranlassen. Die jungen Schwestern Teresa und Esther, die den Tod Martins betrauern, den der Berg eingefordert hat. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis auch das letzte Fünkchen Leben ausgehaucht worden ist.

Es ist nicht alles Gold, was glänzt. Manchmal ist es auch Gestein, das funkelt und schillert. Stein in Jahrmillionen von der Natur sorgsam aufgetürmt, um vom Menschen zu seinem Nutzen wieder abgetragen zu werden. Marie Gamillschegs Debütroman „Alles was glänzt“ greift die klassischen Dichotomien zwischen Mensch und Natur, aber auch zwischen Leben und Tod auf. Ein Mensch kann nicht ohne Natur sein, sie ist sein Lebensraum und Lebensspender. Die Natur könnte auch ohne den Menschen sein, aber durch ihn erfährt sie Bedeutung und aus dem einfachen Berg wird ein Ort, der Menschen mit Rohstoffen, Arbeit und Sinn versorgt. So sind auch Leben und Tod zwei Seiten einer Medaille und der Roman zeigt, dass es totes Leben gibt und Tote in Gedanken wieder lebendig werden können.

Es sind allerdings zwei andere Aspekte, die ich im Roman bedeutsamer fand. Zum einen das Sterben der Dörfer. Wer die Möglichkeit hat, den zieht es in die Stadt, der findet dort Arbeit und ein aufregendes Leben. Zurück bleiben die Alten, die die schon immer dort waren und die Geschichte bewahren. Bis auch sie wegziehen, um in der Ferne versorgt zu werden.

Zum anderen ist der bewunderte und bestaunte Berg das Schicksal, das über dem Dorf schwebt. Er fordert immer wieder Leben ein, das der Bergmänner, das der unachtsamen Autofahrer. Aber er wird sich irgendwann auch gegen das wehren, was ihm die Menschen antun, die sein Inneres nach außen befördern und ihm seine Substanz abgraben.

Ein Roman, der von einer melancholisch-traurigen Stimmung getragen wird. Er macht keine Hoffnung, er ist nicht das letzte Aufbäumen. Und doch sind da noch Menschen, gibt es noch Leben.

 

Ein herzlicher Dank geht an das Bloggerportal für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zu Autorin und Buch finden sich auf der Internetseite des Random House Verlags.