Timur Vermes – Die Hungrigen und die Satten

timur-vermes-die-hungrigen-und-die-satten
Timur Vermes – Die Hungrigen und die Satten

Was als ein Kurztrip für ein Fotoshooting beginnt, wird zum größten Medienspektakel Deutschlands und zum kritischsten Moment für die Bundesregierung. Nadesche Hackenbusch, Moderatorin und Liebling der Klatschpresse, fliegt für ein Modeshooting und eine Sonderfolge ihrer Sendung „Engel im Elend“ in ein Flüchtlingslager am Rande der Sahara. Astrid von Roëll begleitet sie wie immer, von Beginn ihrer Karriere an hat sie Nadesches Aufstieg für EVANGELINE dokumentiert. Doch nachdem Nadesche einige Tage im Lager verbracht hat, läuft der Trip plötzlich aus dem Ruder, denn das Starlet hat die sensationelle Idee, den Menschen zu helfen. Und wo ginge das besser als in Deutschland? Mit 150.000 Flüchtlingen macht sie sich zu Fuß auf den Weg nach Europa – begleitet von einem immer größer werdenden Medientross.

Timur Vermes hat ein Händchen für skurrile Geschichten, wie er in „Er ist wieder da“ bereits eindrucksvoll bewiesen hat. Er macht das Unvorstellbare zum Plot und erzählt dies in einer Weise, dass es plötzlich gar nicht mehr so absurd erscheint, sondern mit jeder Zeile realer wirkt und plötzlich im Rahmen des Vorstellbaren liegt. So beginnt auch „Die Hungrigen und die Satten“ als ironischer Klamauk, der den Boulevard-Journalismus und das Privatfernsehen mit seinen temporären Medienstars köstlich durch den Kakao zieht. Doch irgendwann bekommt der Spaß eine politische Dimension und stellt ernsthafte Fragen, die sich nicht mehr so leicht weglächeln lassen.

Die Geschichte bleibt immer lebendig, vor allem, weil sie aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet wird und die Figuren herrlich überzeichnet sind: allen voran natürlich Nadesche Hackenbusch, die vor allem durch ihre Naivität und grottiges Englisch besticht; Astrid von Roëll hat nicht nur einen absurden Namen sondern auch eine völlig fehlgeleitete Einschätzung ihres journalistischen Könnens, wobei man sagen muss, dass ihre Artikel so gut den Stil der Revolverblätter imitiert, dass man sich fragt, wie viel Vermes davon gelesen haben muss, um dies so glaubwürdig umzusetzen. Aber auch der Programmchef des Fernsehsenders und der Innenminister haben einen nicht zu leugnenden Unterhaltungswert. Dass viele Figuren eine auffällige Ähnlichkeit mit lebenden Personen haben, ist vermutlich reiner Zufall.

Der Roman lebt aber ganz eindeutig von der Sprache. Mal subtil, mal offen ironisch schildert er die Ereignisse, ohne Rücksicht auf die Figuren, aber diese sind ja auch schonungslos bei der Umsetzung ihrer Vorhaben oder wie Nadesche auf bestechende Weise sagt: „Goes not gives not“. Unzählige kleine Anspielungen -Die Toten Hosen und Lindenberg warten in Berlin auf die Flüchtlinge, um eine Benefizkonzert für sie zu geben – machen es schwer kein breites Grinsen beim Lesen im Gesicht zu tragen.

Doch genau dieses Grinsen bleibt einem im Halse stecken, als der Flüchtlingstross sich langsam der EU-Außengrenze und schließlich Deutschland nähert. Man hatte dies nicht für möglich gehalten und plötzlich wird das Problem doch real und es müssen Maßnahmen ergriffen werden. „Das Volk“ will diese Leute nicht und man muss sie davon abhalten, die Grenze zu übertreten, mit allen verfügbaren Mitteln. Der Spaß ist zu Ende, die Realität hat ihn überholt und was folgt ist das, was man nicht lesen möchte. Aber hier steckt die Stärke eines guten Romans: er konfrontiert uns mit genau den drängendsten Problemen, vor denen wir so gerne auch in die literarischen Phantasiewelten flüchten.

Nach einem solchen Erfolg und sensationellen Roman wie „Er ist wieder da“ hängt die Messlatte hoch, aber Vermes hat diese Hürde ganz locker gemeistert und noch ein Stückchen höher gehängt. Ohne Frage einer der unterhaltsamsten, aber zugleich auch politisch relevantesten Romane des Jahres 2018.