Nava Ebrahimi – Das Paradies meines Nachbarn

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Nava Ebrahimi – Das Paradies meines Nachbarn

Der Produktdesigner Sina Koshbin befindet sich gerade etwas in der Sinnkrise als er einen neuen Chef bekommt: Ali Najjar, Star der Szene und wie er mit iranischen Wurzeln. Bei Sina beschränken diese sich jedoch auf seinen Erzeuger, dessen Name und Aussehen er geerbt hat, er beherrscht weder die Sprache noch kennt er das Land. Trotzdem verbindet die beiden das Anderssein und als Ali ihn bittet, mit ihm nach Dubai zu reisen, um dort etwas Wichtiges zu erledigen, begleitet er ihn ohne zu wissen, worauf er sich einlässt. Alis Stiefbruder hat ihn dorthin gebeten, denn er muss ihm von der verstorbenen Mutter einen Brief übergeben und es war ihr Wunsch, dass er dies persönlich tut. Warum Ali den Mann nicht treffen will, kann Sina zunächst nicht nachvollziehen, er soll an seiner Stelle zu dem Treffen gehen und den Brief in Empfang nehmen. Die Begegnung rückt bei Sina nicht nur das Bild des exzentrischen Designers zurecht, sondern lässt auch ihn selbst nicht unberührt.

Wie auch in ihrem Debütroman „Sechzehn Wörter“ führt die Journalistin Nava Ebrahimi in „Das Paradies meines Nachbarn“ alte und neue Heimat zusammen. Sie gehört zur Riege der deutschsprachigen Autoren mit Migrationshintergrund, die über die Literatur ihre biografischen Erfahrungen zugänglich machen und sich in ihren Werken zwischen beiden Ländern bewegen und damit die thematische Bandbreite deutlich ausweiten. Die Herkunft ist das scheinbar verbindende Element der beiden Protagonisten, bald wird jedoch klar, dass dies nur äußerlich der Fall ist und dass die Frage nach Identität, geworden oder geschaffen, sich ganz anders bestimmt.

Sina wie auch Ali sind komplexe Charaktere, was sich erst im Laufe der Handlung offenbart. Sina erscheint zunächst recht typisch frustriert in der Midlife-Crisis, bei der Beförderung übergangen, kennt seine künstlerischen Grenzen und die Luft ist aus seiner Beziehung mit Katharina ebenfalls raus. Durch die Konfrontation mit Ali, der in ihm zunächst auch vorrangig den Iraner erkennt, wird die Frage aufgerissen, wie er sich selbst definiert. Aufgewachsen In Deutschland bei einer deutschen Mutter hat er sich nie als Ausländer begriffen, wird aber immer wieder wegen seines Aussehens und Namens dazu gemacht. Der Kontakt zum Vater ist spärlich, er weiß weder, wo dieser sich aktuell aufhält, noch womit er eigentlich sein Geld verdient. Wie viel kann so ein Mann ihm mitgegeben haben bei der Herausbildung seiner Persönlichkeit?

Bei Ali ist die Herkunft klarer, als Geflüchteter konnte er jedoch eine neue Legende über sich selbst schaffen, angepasst an das, was man gerne von ihm hören wollte, so oft wiederholt, dass er es selbst irgendwann glaubte.

„Ich habe keine andere Wahl, wenn ich kein Opfer sein will.“

Seine Rolle hat ihn hart zu sich und zu anderen werden lassen. Angriff als Verteidigungsmethode hat sich im Laufe der Jahre als erfolgreich herausgestellt und so begegnet er den Menschen aggressiv, um seinen Platz zu behaupten, aber auch, um sie nicht zu nah an sich heranzulassen, denn er weiß, dass er dann Gefahr läuft, dass sie hinter die Fassade blicken können, hinter der er seine Vergangenheit gut verpackt in schöne Geschichten versteckt hält. Nun scheint der Tag gekommen, sich dem zu stellen, was vor seiner Flucht gewesen ist. Und der Schuld, die er in sich trägt. Hier kommt eine dritte Figur ins Spiel, die die Handlung in Gang setzt, deren Rolle jedoch lange unklar bleibt, sich dann aber mit einem lauten Knall zeigt, der den gefeierten Designer nochmals in anderem Licht erscheinen lässt.

Die Autorin überlässt es dem Leser, eine Antwort auf die Frage nach der Verantwortung für das Leben eines anderen zu finden, eine Beurteilung von Ali Najjars Schuld vorzunehmen, die er noch als Kind unbedacht und unwillentlich auf sich geladen hat, diesen Flügelschlag eines Schmetterlings, der jedoch für einen anderen lebensbestimmend werden sollte. Unerwartet wird man so essentiellen Fragen ausgesetzt, auf die es keine schnellen und keine einfachen Antworten geben kann. Großartig erzählt mit einem starken Ende, das einem nachdenklich zurücklässt.

Ein herzlicher Dank geht an das Bloggerportal für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zu Roman und Autorin finden sich auf der Internetseite der Verlagsgruppe Random House.

Pascal Mercier – Das Gewicht der Worte

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Pascal Mercier – Das Gewicht der Worte

Und plötzlich ist nicht nur der Körper gelähmt, sondern auch die Stimme ist weg. Er kann die Worte nicht mehr sagen, die doch sein Leben bedeuten. Der Engländer Simon Leyland kommt in Triest in die Klinik, doch die Hoffnung, dass der Anfall nur eine Migraine accompagnée sei, wird durch den untrüglichen Blick des Arztes zunichtegemacht. Da ist etwas in seinem Kopf, dass da nicht hingehört und mehr als ein paar Monate werden dem Verleger und Übersetzer nicht mehr bleiben. Er erinnert sich zurück an die Zeit mit seiner Frau Livia, als sie mit den Kindern in London wohnten, dann nach dem Tod von Livias Vater und der Übernahme seines Verlages nach Triest kamen, einer seiner Sehnsuchtsstädte, denn als Junge schon stand Simon vor einer Karte und beschloss, alle Sprachen zu lernen, die rund um das Mittelmeer gesprochen werden und nun sollte er direkt an dieses ziehen. Mit der Diagnose jedoch geht das Leben, wie er es kannte zu Ende. Womöglich jedoch ist da aber noch ein Fünkchen Hoffnung darauf, dass er eine Chance auf ein zweites bekommt und jemand zu ihm sagt „Welcome home, Sir!“.

Pascal Mercier, schriftstellerisches Pseudonym des Schweizer Philosophen Peter Bieri, ist ein Virtuose im Umgang mit Worten. Sein aktueller Roman ist eine Hommage an alle Liebhaber der Literatur und Linguistik, denn im Zentrum der Gedanken seines Protagonisten stehen die Worte mit ihren Bedeutungen, Konnotationen und den Emotionen, die sie auslösen, sowie die Frage, ob man den Gedanken einer Sprache adäquat auch in einer anderen wiedergeben kann und wo sich letztlich die Grenze der Sprache befindet. Es ist eine Reise durch die Literatur und die Sprachen des Mittelmeerraums, die eingebunden ist in eine Handlung voller Schmerz, Trauer und Hoffnung gleichermaßen.

Man kann den Inhalt kaum angemessen zusammenfassen, einerseits ob der Fülle der Gedankengänge, die sich um die perfekte Übersetzung und den vollkommenen Ausdruck drehen, andererseits ohne einen wesentlichen Aspekt der Handlung vorwegzunehmen, der für Leyland essentiell werden wird. Es gibt ein Vorher, vor dem Anfall, als sein Leben geprägt ist durch Jagd nach Worten und von Begegnungen mit den unterschiedlichsten Menschen, denen allerlei fremde Worte eigen sind und die sie mit ihm teilen. Es gibt aber auch ein Danach, als plötzlich die Menschen viel mehr in seinen Blick geraten und aller Fatalität zum Trotz immer ein Neubeginn möglich scheint.

Den knapp 600 Seiten langen Roman liest Markus Hoffmann in über 22 Stunden mit einer leisen und prononcierten Stimme, die hervorragend als Erzählstimme von Simon Leyland gewählt ist. So gerne man ihm zuhört, liegen hier aber für mich auch die einzigen beiden Kritikpunkte: ich hätte mir gewünscht, dass seine fremdsprachigen Einwürfe ebenso flüssig klingen wie die deutsche Stimme, aber leider wirken sein Englisch wie auch sein Italienisch oder das portugiesische Vorwort sehr angestrengt und bemüht. So sehr mich der Roman begeisterte und ich den mäandernden Überlegungen Leylands folgte, so ist das Hörbuch doch etwas zu lange und irgendwann wünscht man sich doch ein etwas zielgerichteteres Erzählen ohne die zahlreichen Wiederholungen bereits geschilderter Episoden.

Sigrid Nunez – Der Freund

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Sigrid Nunez – Der Freund

Nachdem ihr Mentor und bester Freund sich selbst das Leben genommen hat, erbt die Ich-Erzählerin einen Hund. Kein kleines Schoßhündchen, sondern eine riesige Dogge, die viel zu groß für ihre kleine New Yorker Wohnung ist, in der sie ohnehin keine Hunde halten darf. Aber irgendwer muss das Tier ja nehmen, das genau wie sie den Verlust des Gefährten betrauert. Die Annäherung an Apollo – der einzig wirklich passende Name für ein solch imposantes und schönes Tier – ist nicht einfach, doch nach und nach finden sie zusammen in ihrer Trauerbewältigung, die sich für die Erzählerin gedanklich zwischen Erinnerungen an den Freund, literarischen Analysen und den Studenten ihrer Creative Writing Kurse abspielt. So befremdlich der neue Mitbewohner für sie zunächst ist, so groß stellt er sich emotionale Stütze heraus.

Sigrid Nunez achter Roman katapultierte die Autorin schlagartig ins öffentliche Interesse, da sie mit diesem 2018 den National Book Award gewann und für zahlreiche weitere literarische Preise nominiert wurde. Der Roman besticht weniger durch die Handlung, diese ist recht reduziert, sondern letztlich durch den geschickten Genremix, der Nunez überzeugend gelungen ist. Literarische Betrachtungen, philosophische Spaziergänge, Erinnerungen, psychologische Analyse und geradezu banale Alltagssorgen im Zusammenleben mit einem Hund werden durch eine mal melancholische, mal heitere, mal fast wütende Erzählstimme zusammengehalten.

Im Zentrum steht Apollo – die einzige Figur, die einen Namen erhalten hat. Apollo hat keine Vergangenheit, er war irgendwann einfach da, und aufgrund seines Alters hat er auch keine Zukunft. Ebenso wie die Erzählerin trauert er offenkundig und die Frage, wer eigentlich wen tröstet, wer wessen Trauerbegleiter ist, bleibt letztlich offen.

Besonders gefallen haben mir die Grübeleien über das Schreiben und die Literatur, die Nunez mit pointiert ironischem Unterton präsentiert.

„Wenn Lesen die Fähigkeit zur Empathie tatsächlich fördert, wie uns ständig erzählt wird, dann scheint Schreiben sie zu vermindern.“

Die Überhöhung der Autoren, die in der Realität jedoch oft ein prekäres Dasein führen und häufig das Hadern mit ihren Emotionen und ihrer psychischen Instabilität als primäre Inspirationsquelle nutzen, greift sie direkt an und stürzt die Literaten vom gesellschaftlichen Thron. Doch wer eine Gedenkfeier nicht zum Erinnern an den Verstorbenen, sondern zum Netzwerken nutzt, hat es wohl auch nicht besser verdient. Nicht viel besser ergeht es den akademischen Institutionen, an denen keine kritische Auseinandersetzung und offene Diskussion ohne Rede- und Denkverbote mehr erfolgt, sondern die sich mit selbstauferlegten Beschränkungen vor Sorge um die augenscheinlich immer geringer werdende Belastbarkeit der Jugend zunehmend selbst in ihrer Gedankenwelt limitieren.

Unprätentiös und erfrischend amüsant lässt uns die Erzählerin an ihren Gedanken teilhaben und erfindet so den wahren literarischen Freigeist neu und macht neugierig auf ihre früheren Werke.

Louis Begley – Killer’s Choice

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Louis Begley – Killer’s Choice

Jack Dana dachte nach den Ereignissen in der Vergangenheit nun endlich mit Heidi ein ruhiges Leben führen zu können, sein Erzfeind Abner Brown ist tot und stellt keine Bedrohung mehr da. Doch dann erhält er einen verstörenden Telefonanruf und muss live mit anhören, wie sein Freund Simon Lathrop und dessen Frau grausam gefoltert und ermordet werden. Kurz danach die zweite Nachricht auf seinem Laptop: offenbar ist Abner Brown zurück – doch das ist unmöglich! Brown ist tot wie man es nur sein kann, aber wer sonst wählt einen solchen Duktus und hegt einen unbändigen Groll und Rachegelüste gegen ihn? Dass es nicht nur bei verbalen Drohungen bleibt, muss Jack Dana bald erkennen und ebenso, dass auch seine Lebensgefährtin und deren Familie in größter Gefahr schweben. Das grausame Spiel ist eröffnet, die Frage ist nur, wer in diesem speziellen Pokerspiel – „Killer’s Choice“ in Anlehnung an die Variante „Dealer’s Choice“, bei der der Spieler am Zug die Regeln bestimmt – am Ende die besseren Karten hat.

Louis Begley’s dritter Roman um den ehemaligen US Marine und Autor Jack Dana knüpft nahtlos an die Vorgänger an. Wie gewohnt auch die kritischen Seitenhiebe auf das amerikanische Rechts- und Ordnungssystem und nun vor allem auch auf den aktuellen Präsidenten. Dem eigentlichen Protagonisten stehlen aber zwei anderen Figuren beinahe die Show: sein chinesischer Diener/Freund/Leibwächter Feng und die französische Bulldogge Satan, deren stoische Gelassenheit man so manchem Menschen wünschen würde.

Die Erzählstimme des Elitesoldaten ist Begley wieder sehr überzeugend gelungen. Schnörkellos und effizient erzählt Jack Dana von den Begebenheiten, selbst wenn er von Heidi spricht, bleibt er in recht neutralem Ton, obwohl er bereit ist, sein Leben für sie zu riskieren. Fraglos wirkt aber auch der Abschluss der Trilogie etwas aus der Zeit gefallen und folgt nicht den Regeln der heute gängigen Kriminalgeschichten. Es mag Begleys Alter (geboren 1933) geschuldet sein oder auch seiner späten Karriere als Autor, die erst in den 1990er begann, dass er mich weitaus mehr an einen Raymond Chandler oder einen Dashiell Hammett mit ihren hard-boiled Detektivromanen erinnert. Auch wenn im dritten Band moderne Technologie eine Rolle spielt, bleibt im Zentrum doch der weitgehend auf sich gestellte Ermittler, der dem organisierten Verbrechen und dem korrupten System, das sich bis ganz nach oben in der Politik zieht, weitgehend einsam gegenüberstehen sieht. Zynisch geworden ist auch Jack Dana, der einst dem Land bedingungslos diente, das er jetzt nicht mehr erkennt:

„Ich bin nicht in den Krieg gezogen, um Amerika wieder großartig zu machen – ich fand es großartig genug. Ich wollte, dass Amerika wieder anständig würde, wieder ein Land, das armen Schluckern eine faire Chance gibt und sich um die Schwachen und Bedürftigen kümmert.“ (S. 14)

„Killer’s Choice“ reicht nicht ganz an den großartigen ersten Teil heran, dafür ist mir das Auftauchen des aktuellen Gegners nicht überzeugend genug motiviert und die Handlung doch etwas zu schematisch und voraussehbar. Dafür liefert Begley einen Roman in guter amerikanischer Tradition, die er überzeugend ins neue Jahrtausend führte.

Ein herzlicher Dank geht an den Suhrkamp Verlag für das Rezensionsexemplar. mehr Informationen zu Autor und Titel finden sich auf der Verlagsseite.

Milena Agus – Eine fast perfekte Welt

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Milena Agus – Eine fast perfekte Welt

Fünf Jahre hat Ester im Krieg auf ihren Verlobten gewartet, immer in der Hoffnung, dass er sie weg aus dem tristen sardischen Dorf in eine bessere Welt führen würde, weg von der alten und zermürbten Mutter, die nie Freude im Leben empfunden hat. Doch als sie Raffaele wiedersieht, ist dieser nicht mehr wiederzuerkennen. Kaum etwas ist übrig von der Liebe, die sie einst für den Marinesoldaten empfand, der sich inzwischen in Genua niedergelassen hat. Auch Raffaele liebt eigentliche eine andere, doch fühlt er sich dem Druck ausgesetzt, sein Versprechen zu halten. Sie bekommen eine Tochter, Felicita, doch Ester wird auch in Genua nicht glücklich und drängt auf die Rückkehr nach Sardinien. Bleibt die Hoffnung, dass es der nächsten Generation besser ergehen möge und diese das Glück findet. Felicita trennt jedoch mehr als nur der fehlende Akzent in ihrem Namen davon und so bleibt auch ihr nur zu hoffen, dass wenigstens ihr Sohn eines Tages seinem Herzen wird folgen und glücklich werden können.

Milena Agus‘ Roman erzählt von Träumen und Hoffnungen, alle Figuren hegen diese und erwarten, dass sie sie an einem anderen Ort erfüllen können. Doch das gelobte Land zerrinnt ihnen zwischen den Fingern, wenn immer sie es zu greifen glauben. Sie bleiben auf der Suche, werden jedoch auch immer wieder ausgebremst, festgehalten von Konventionen, denen sie sich verpflichtet fühlen, oder Regeln, die sie sich selbst auferlegen und finden nur selten den Mut, das zu tun, was sie eigentlich im Leben tun wollen. Und so bürden sie ihre eigenen Unzulänglichkeiten der nächsten Generation auf, die es nicht nur besser haben, sondern ihre nicht verwirklichen Träume realisieren soll.

Das Festland, die Insel, Amerika –  drei Kapitel, drei Orte, drei Verheißungen. Der italienische Titel des Romans, „Terre promesse“, greift zurück auf die biblische Vorstellung des versprochenen bzw. gelobten Landes, in welchem die Zukunft der nachfolgenden Generationen des Volkes Israel liegen solle, die auch von den europäischen Auswanderern gen Amerika benutzt wurde. Doch ebenso wie der American Dream nicht für jeden in Erfüllung ging, erfüllen sich auf für die Figuren bei Milena Agus die Träume nicht und sie müssen erkennen, dass es nicht an der Umgebung liegt, für ihr Glück zu sorgen, sondern dass sie dieses nur in sich selbst finden können.

Mit vielen Metaphern und beeindruckenden Sprachbildern geschmückt begleitet die Autorin ihre Figuren bei ihrer Suche, hier liegt der Charme und die Stärke des kurzen Romans. Es ist nicht ganz einfach Sympathien zu empfinden, zu störrisch und miesepetrig ist Ester, bei Felicita fällt dies leichter, wenn sie jedoch auch eigenwillig und verquer erscheint. Um bei den Bildern der Autorin zu bleiben: die Figuren sind Inseln, zwar gemeinsam als Familie eine kleine Inselkette bilden, doch letztlich nicht wagen sich einander wirklich zu nähern und das auszusprechen, was sie bewegt. Dies führt unweigerlich zu einer latenten Tristesse, die sich über den Text legt und schon früh andeutet, dass für echtes, ausschweifendes Glück, nicht wirklich Platz im Leben dieser Familie ist. Poetisch mit deutlichem Hang zur Melancholie.

Tim Boltz – Zonenrandkind

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Tim Boltz – Zonenrandkind

Wie war das wohl, in der westdeutschen Provinz in den 70ern und 80er Jahren aufzuwachsen? Nicht sehr spektakulär, das weiß jeder, dem das genauso ging. Ganz besonders abgehängt war man jedoch im osthessischen Grenzgebiet zur DDR, wo nach Osten nur der Russe drohte und es nach Westen weit war in etwas, das man Großstadt nennen konnte. Frank wird dort auf einem Dorf groß, wo das Leben eigenen und ganz typischen Regeln folgt. Die bekommt jeder mit der Muttermilch eingeflößt, damit man Zugezogene auch direkt erkennt. Erste Liebe, Mofaführerschein, alkoholreiche Kerbefeste und jeden Samstag das Fegen von Bürgersteig und Straße. Das Leben war vorbestimmt und folgte seinem gemächlichen Gang, nur unterbrochen von gelegentlich in die abgelegene Gegend einschlagenden Nachrichten wie dem Unglück von Tschernobyl. Doch 1989 wurde genau dieser Landstrich plötzlich ins Zentrum des politischen Geschehens gerückt und die Kindheit war für Frank damit endgültig vorbei.

Es gibt Bücher, deren Titel und Cover so wenig versprechen, dass man den Roman gar nicht erst zur Hand nimmt. Tim Boltzs „Zonenrandkind“ hätte mich auch eher abgeschreckt und wäre es nicht ein Adventskalendergewinn gewesen, bei dem mich tatsächlich der Klappentext neugierig gemacht hat, wäre die Geschichte an mir vorbeigegangen, was einfach unheimlich schade gewesen wäre, denn hinter der schlichten Fassade steckt nicht nur ganz viel Erinnerung an meine eigene Kindheit und Jugend auf dem Land, sondern auch ein pointierter Text mit unheimlich viel feiner Ironie, die sich nicht über das vermeintlich rückständige Leben in der Randzone lustig macht, sondern liebevoll draufblickt und mehr als einmal zum herzhaften Lachen einlädt.

Sind wir ehrlich: wer jenseits der 40 kann sich nicht an die holzvertäfelten Partykeller der Eltern erinnern oder die unsäglichen Strickpullis der Muttis oder Tanten? Der schlechte Haarschnitt und die wenig stylische Brille auf dem Cover tragen ihren Teil zur Gesamterscheinung dazu bei, die für viele schlichtweg Realität waren, wie die vergilbten Fotoalben heute noch belegen. Ach ja, das abgebildete Tier heißt übrigens „Genscher“ und reißt irgendwann im Laufe der Handlung in die Freiheit aus – ausgerechnet gen DDR.

Viel mehr lässt sich zum Inhalt auch kaum sagen. Viele Passagen kommen einem nur allzu bekannt vor, wenn man fernab der Großstadt im Grenzgebiet (in meinem Fall zwar nicht zur DDR, sondern tief im Südwesten) groß geworden ist, wo nicht viel mit Strukturentwicklung war und man nur mit viel Glück überhaupt drei grieselige Fernsehprogramme empfangen konnte. Die diffuse Angst vor „dem Russen“ und die für Kinder wenig nachvollziehbare Problematik mit „der Mauer“ sind mir auch bestens in Erinnerung. Die Dorfjugend arrangiert sich mit den Gegebenheiten und träumt von der großen weiten Welt, die jedoch letztlich auch nicht spannender ist als die Reise zurück in die überschaubare Heimat.

Garth Greenwell – Cleanness

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Garth Greenwell – Cleanness

An American teacher comes to Sofia, Bulgaria, to teach his mother tongue to students who hope to find a better life abroad with a good knowledge of the world language. While the work is satisfying, his love life has become a lot more complicated since homosexuality is not something that is openly shown in the eastern European country. In a Portuguese exchange student, he finds his love, but things are complicated with the countries’ economies struggling and offering not much to foreigners.

The narrator finds himself in a surrounding which differs a lot from his life before, he roams the streets of Sofia discovering and re-discovering old and mysterious places, being lost physically and emotionally. The political and economic situation aren’t easy either which makes it hard for him to fully enjoy his time in this country of wild nature and rich history.

Greenwell definitely has an eye for the details, e.g. the wind playing outside or hitting the windows and smoothly running over his characters’ backs and brilliantly captures his protagonist’s emotional state. Even though the chapters are often like independent episodes, together they form a complete picture. Just like them, all the narrator experiences are pieces of a mosaic that are unique when look at closely, but you have to take a step back to get the full picture.

Some very interesting observations put in a beautiful language, yet, the mass of explicit scenes annoyed me a bit, a lot of it could have been left to the readers’ imagination.

Antoine Laurain – Liebe mit zwei Unbekannten

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Antoine Laurain – Liebe mit zwei Unbekannten

Als der Buchhändler Laurent eines Morgens eine verlassene Handtasche auf der Straße findet, ist seien Neugier geweckt. Wem mag sie gehören? Der Inhalt verrät viel über die Unbekannte, aber nur wenig Greifbares. Ihrem Notizbuch kann er ihren Vornamen entnehmen: Laure. Offenbar besitzt sie auch eine Katze und hat ein Kleid in einer Reinigung. Fasziniert von dieser mysteriösen Frau begibt er sich auf die Suche. Laure liegt unterdessen im Koma, sie ist überfallen worden und ein Schlag auf den Hinterkopf hat sie temporär außer Gefecht gesetzt. Zwei Fremde in Paris, die plötzlich miteinander verbunden werden, doch das Band ist unsichtbar, lässt sie aber nicht mehr los.

Einen Roman von Antoine Laurain zu lesen ist wie an einem nasskalten Herbsttag ein wohlig warmes Haus betreten und einen dampfenden Kaffee oder Tee gereicht zu bekommen. Man lässt sich niedersinken und die ungemütliche Welt draußen ist vergessen. Man weiß, dass alles gut ausgehen wird und genießt das Eintauchen in diese pastellfarbene Zuckerwelt.

„Die Tasche hatte viele Innenfächer, mit Reißverschluss oder ohne. Laurent hätte niemals gedacht, dass eine Frauentasche so viele Ecken und Winkel haben konnte. Es war noch komplizierter als das Sezieren eines Tintenfischs auf dem Küchentisch.“

Mit viel Liebe zeichnet der Autor einmal mehr seine Protagonisten, die einerseits völlige Durchschnittsmenschen sind, andererseits aber das bisschen an Zauber und Magie, das der Alltag zu bieten hat, in ihrem Leben zulassen. Es sind nicht die Lauten, Extrovertierten, sondern die eher Schüchternen, die einen Anstoß von außen brauchen. Ob die Geschichte dabei realistisch ist, die Figuren authentisch und facettenreich wirken – egal, Antoine Laurain schenkt einem ein paar wundervolle Lesestunden, die man einfach genießen sollte, ganz ohne literarische Analyse und nach tiefgründigen Aussagen zu suchen.

Maurice Carlos Ruffin – We Cast a Shadow

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Maurice Carlos Ruffin – We Cast a Shadow

An unnamed southern city some day in the near future. Nigel’s parents want to do everything for their kid, they live in a good part of town and raise their boy with love. Especially his father wants to protect him from what he himself went through. Being black, he knows exactly what racism is like and every single day of his life, he is reminded of his skin colour. It’s the small nasty remarks of his colleagues, the fact of being identified as a danger wherever he goes and the constant reminder that he is inferior to people of white skin that almost exhaust him. Penny, his wife is white and this makes Nigel bi-racial with a much lighter skin colour. Yet, a birthmark troubles his father and therefore, he seeks help in a clinic where demelanization has become the latest trend: getting rid of the apparent sign of inferiority. He wants the best for his son but actually thus, he does the worst thing he could do to his small family.

It is easy to sympathise with the father since he is the first person narrator of the novel. At the beginning, we meet him as a junior lawyer in a high-profile company where he tries to fight his way up, yet is greeted with racism daily – some of it hidden behind nice words, some outspoken openly. It does not take too long to understand that the work environment is only a microcosm of the society he lives in and which has a clear ranking of power and prestige: male white heterosexuals rule whereas blacks, women and others have to fight to survive and will never be considered equal.

His decision to make life easier for his boy can easily be understand in this context, what it means for Nigel and for his family is a lot more complex. Maurice Carlos Ruffin succeeds in depicting the conflicting emotions and the oppositional opinions of the characters. From each respective perspective, they are right in their position which clearly outlines that there is not right or wrong and no objective correct answer to the question of what should be done.

Even though the novel is set in the future and surely the society is portrayed in an exaggerated way when it comes to racial questions, I assume there is a lot of truth in it that can be understood as a warning and gives you food for thought.

Joan Weng – Das Café unter den Linden

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Joan Weng – Das Café unter den Linden

Fritzi flüchtet aus der schwäbischen Provinz in die Hauptstadt. Wo sonst kann man 1925 als junge Frau seine Wünsche und Träume erfüllen? Zuerst einmal braucht sie jedoch eine Anstellung und wendet sich daher an einen alten Bekannten ihres Vaters. Doch der Graf von Keller stellt sich als junger Mann heraus, der zufällig gerade sei Schreibfräulein gefeuert hat und da kommt ihm Fritzi gerade recht. Neugierig entdeckt sie die große Stadt, wo es Schwule gibt und Affären und wo ihr schnell klar wird, dass sie eine neue Garderobe braucht. Zum Glück hat sie Inge, die sie tatkräftig beim Ankommen im Berlin unterstützt. Doch bald merkt Fritzi, dass Liebeskummer in der Hauptstadt genauso doof ist wie auf dem Land.

Joan Wengs Roman ist eine leicht Komödie, die vor allem durch die überzeugende Atmosphäre besticht. Man fühlt sich gemeinsam mit Fritzi in Berlin angekommen, beobachtet durch ihre Augen das bunte Treiben und wird unmittelbar um hundert Jahre in die Vergangenheit versetzt. Die unkonventionelle Wohngemeinschaft ist herrlich gezeichnet und kann immer wieder überraschen; die Protagonistin ist zum Glück weit vom naiven Dummchen vom Land entfernt und kann so durchaus bisweilen etwas tollpatschig doch insgesamt durch clevere Anmerkungen und nachvollziehbares Agieren die Handlung tragen.

Immer wieder spielt die Autorin mit ironischen Spitzen und Seitenhieben auf gesellschaftliche Entwicklungen an und schafft es so, dass Lebensgefühl der 1920er und vor allem der jungen, lebenshungrigen und hoffnungsvollen Frauen heraufzubeschwören. Oft muss man schmunzeln ob der herrlichen Szenen: Inge und Fritzi hatten sich Flaschen von dem

„amerikanischen Brausegetränk mit sonderbarem Namen gekauft und saßen nun auf einer Bank vor dem Bahnhofsgebäude, genossen das milde Wetter und stärkten sich für den Heimweg.
»Und wie spricht man den Namen von dem Zeug jetzt noch mal aus?« Ratlos betrachtete Fritzi ihr Glasfläschchen mit dem Strohhalm. »Mit weichem C wie in Caesar?«
»Genau, alles andere klänge ja auch doof. Zoka Zola wird’s gesprochen«, wiederholte Inge geduldig”

Einmal Abtauchen in die Roaring Twenties – nicht mehr, aber auch nicht weniger.