André Aciman – Find Me/Finde mich

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André Aciman – Find Me/Finde mich

Die ruhige Zugfahrt, die Samuel nach Rom zu seinem Sohn Elio führen soll, wird durch die Ankunft einer jungen Frau mit Hund, die sich zu ihm setzt, jäh gestört. Was der Professor nicht ahnt, ist, dass diese Begegnung sein ganzes Leben auf den Kopf stellen wird. Vorsichtig beginnt das Gespräch mit Miranda, doch bald schon merken sie beide, dass sie sich viel zu sagen haben, ebenso viel aber auch gar nicht gesagt werden muss, weil sie sich blind verstehen, fast so als würden sie sich schon ewig kennen. Sie könnte seine Tochter sein, Zurückhaltung ist geboten, doch am Ende des Tages werden sie gemeinsam durch Rom schreiten. Elio wird gleichermaßen durch eine zufällige Begegnung bei einem Konzert in einer Pariser Kirche von Amors Pfeil getroffen und genau wie sein Vater findet auch er den Mut, scheinbar vorhandene Schranken zu ignorieren und dem Herzen zu folgen.

„Find me/Finde mich“ führt die Geschichte fort, die André Aciman in „Fünf Lieben lang“ begonnen hat. Wieder geht es um die Liebe und wieder sind die einzelnen Kapitel nur lose miteinander verwoben und auch in diesem Roman schreibt der Autor über Grenzen, die die Figuren wahrnehmen, die sie jedoch überschreiten, ohne Rücksicht darauf, wie ihr Umfeld reagieren wird. Die beiden ersten, langen Kapitel sind detailreich, emotional, intensiv und lassen damit die beiden kürzeren etwas verblassen.

„Die Liebe ist einfach“, sagte ich. „Was zählt, ist der Mut zu lieben und der Mut zu vertrauen, und nicht jeder hat beides.

„Tempo“ und „Cadenza“, die beiden ersten Kapitel, weisen viele Parallelen auf: beide Male eine zufällige Begegnung, beide Male eine unmittelbare Vertrautheit, zwei ungleiche Partner, die sich zu einander hingezogen fühlen und merken, dass sie jetzt mutig sein müssen, wenn sie nicht wollen, dass diese einmalige Begegnung verpufft und nur Erinnerung bleibt. Beide Male sind es auch die Beziehungen zwischen Vater und Sohn, die ganz wesentlich für die Entwicklung der Charaktere sind. Samuel gibt Elio das Vertrauen, das er benötigt, um offen mit seiner Liebe umzugehen. Michel hat diese tiefe Verbundenheit zu seinem Vater ebenfalls gespürt, wenn ihre auch durch ein Geheimnis, von dem nicht einmal die Mutter etwas ahnt, für immer besiegelt wurde.

Diese literarisch saubere Struktur wird durch das musikalische „Capriccio“, Kapitel drei, unterbrochen. Das Kapitel folgt dem, was der Titel ankündigt: ein Ausbruch aus der Norm, der erwartbaren Struktur, das eigensinnig das Gegenteil berichtet: Elios früherer Geliebter, Oliver, erkennt plötzlich, dass er sich nicht für die richtige Liebe entschieden hat, dass seine Wahl für ein bürgerliches Leben falsch war und er nur das Leben eines toten Mannes führt. Kapitel vier, „Da Capo“ kehrt zurück an den Anfang, den Moment, als die eigentliche Geschichte begann.

Erzählerisch wie sprachlich schlichtweg wundervoll. Um bei den Metaphern aus der Musik zu bleiben: ein großes Stück, das viele Variationen eines einzigen Themas aufweist, mal beschwingt, mal melancholisch daherkommt, ausbricht und wieder zurückkehrt. Es kommt mit zarten Noten wie sie Streichinstrumente leise produzieren, die einem förmlich die Vibrationen der Saiten erleben lassen, und ebenso mit großem Paukenschlag. Man muss am Ende einen Schritt zurücktreten, um das Ganze in Augenschein nehmen zu können und sich nicht in den einzelnen Teilen zu verlieren und noch den Nachhall dessen, was man gelesen hat, spüren zu können.

Lorenz Just – Am Rand der Dächer

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Lorenz Just – Am Rand der Dächer

1990er Jahre in Berlin. Andrej wächst mit seinen beiden Brüdern und den Eltern in einer Ost-Berliner Altbauwohnung auf. Gemeinsam mit seinem Freund Simon streif der Junge durch das Viertel und beobachtet die Veränderungen, die mit der Wende langsam auf bei ihnen ankommen. Häuser stehen leer, Menschen sind einfach gegangen und haben alles so stehen und liegen lassen, wie es gerade war. Dafür kommen jetzt Besetzer, die sich dort einrichten als sei dies das Natürlichste der Welt. Die Jungen werden älter und mutiger, die abendlichen und nächtlichen Streifzüge werden zu Einbrüchen, bei denen sie auch erfahren, dass das Leben in den heimischen vier Wänden ganz anders aussehen kann. Erste Liebe und große Träume. Amerika, das Sehnsuchtsland, aber weniger konkrete Vorstellungen denn mehr Phantasien, ein Land, das sie sich in ihren Gedanken erschaffen. Die Tage, Monate, Jahre fließen gleichförmig dahin und lassen sich bald schon nicht mehr unterscheiden.

Lorenz Just schildert in seinem Debütroman eine recht typische coming-of-age-Geschichte der 1990er Jahre. Die Eltern durch die großen Umwälzungen im Land selbst überfordert und mit sich beschäftigt, tauchen nur am Rande auf. Als die Kinder noch klein sind, gibt es noch die Angst, dass sie einfach verschwinden und in das andere Land gehen könnten, wie so viele andere, dann aber werden sie zunehmend unbedeutend für die Entwicklung. Die Freundschaften sind es, die Andrej und seinen Bruder Anton prägen, sowie der Traum von dem unbekannten Land, der sie immer weiter von den Eltern entfremdet, wie dies ohnehin in diesem Alter der Fall ist.

„Amerika blieb ein Phantom, das sich ewig entzog. Auf Breakdance und BMX folgte ein jämmerlicher Versuch, Graffiti zu sprühen. (…) Unser Amerika, dem wir mit Basketball, zu groß gekaufter Kleidung und Musik näher zu kommen versuchten, war eher der Modus, den wir uns erwählt hatten, um wir selbst zu bleiben.“

Ein Lebensgefühl von Freiheit einerseits, die jedoch auf die wenigen Straßen um die elterliche Wohnung begrenzt bleibt. Die Sehnsucht nach echter Freiheit, die sich in dem diffusen Traum von Amerika und der Hoffnung auf ein Austauschjahr dort scheinbar realisiert. So intensiv die Zeit erlebt wurde, so wenig ist jedoch von ihr hängengeblieben. Einzelne Episoden, darüber hinaus nur mehr ein nicht greifbares Gefühl, das jedoch immer geprägt war von einer großen Ich-Bezogenheit.

Rückblickend stellt der Erzähler fest, dass er quasi nichts von vielen Freunden wusste, obwohl sie Stunden täglich miteinander verbrachten; dass ihn die Magersucht der eigenen Freundin völlig überrascht hat, als wenn diese aus dem nichts auftauchen habe können; dass eine gespielte Coolness sie daran hinderte über das zu reden, was wichtig gewesen wäre. Ein recht resigniertes Fazit, das jedoch für mein Empfinden zu hart ist. Die Teenagerzeit ist nun einmal so, es ist nicht die Zeit, in der Jungs über Gefühle reden oder ihre Träume hinterfragen würden.

Genau hier liegt für mich die Stärke des Romans, er wirkt unglaublich authentisch und ist nah bei den Figuren. Trotz der rückblickenden Distanz des Erzählers urteilt er nicht über sie, sondern lässt sie genau das sein, was sie sind und das hat der Autor hervorragend eingefangen. Der Roman ist nicht urkomisch, wie es Wolfgang Herrndorfs „Tschick“ bisweilen ist, auch nicht so traurig wie Carmen Buttjers Roman „Levi“, der eine ähnliche Geschichte erzählt. Es ist die Geschichte eines Jungen, der in einer Blase lebt, einer Zeit, die es so nie mehr geben wird und die er auch nie mehr erleben kann, die intensiv war, aber von der vieles nur noch bruchstückhaft in Erinnerung geblieben ist – genauso ist es, das Leben. Aber immerhin kann man über literarische Leben nochmals in diese Zeit der Sorglosigkeit und des Glaubens an die eigenen unbegrenzten Möglichkeiten eintauchen und das ermöglicht einem Lorenz Just auf ganz eindrucksvolle Weise.

Delia Owens – Where the Crawdads Sing

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Delia Owens – Where the Crawdads Sing

Einer nach dem anderen geht. Erst die älteren Geschwister, dann die Mutter und zuletzt auch der gewalttätige Vater. Kya bleibt mit sechs Jahren allein zurück in der Hütte im Marschland von North Carolina. Anfang der 1950er Jahre ist der White Trash, der sich dort niederlässt, weitgehend vom Alltagsleben des benachbarten Örtchens ausgeschlossen, Eltern bringen ihren Kindern früh bei, sich von diesen Wilden fernzuhalten und auch der Staat unternimmt nur wenig, um die Fürsorge für Kinder wie Kya zu sichern. So wächst das Mädchen inmitten der Natur mit den Tieren auf. Formale Bildung kennt sie nicht, aber die Landschaft und Vögel bringen ihr alles bei, was sie zum Überleben wissen muss. In Tate findet sie schon in jungen Jahren einen Verbündeten, er ist der einzige, zu dem sie Vertrauen fasst und der wie sie fasziniert ist, von der Vielfalt, die das Land zu bieten hat. Sie lebt weitgehend isoliert, doch das menschliche Bedürfnis nach Zuwendung ist manchmal stärker und kommt auch ohne Enttäuschungen nicht aus.

Delia Owens Debutroman trägt unverkennbare Spuren ihrer früheren Arbeiten, hat sie bereits mehrere Bücher über die afrikanische Savanne geschrieben. Die Natur ist der Dreh- und Angelpunkt des Romans, durch die Augen des jungen Mädchens, das im Einklang mit dieser versucht zu überleben, wird die Geschichte erzählt. Die Menschen sind dabei nur eine weitere, wilde Spezies, die genau wie Vögel und Flusstiere auch, ihre guten und die verabscheuenswürdigen Seiten zeigen.

Es war für mich nur schwer vorstellbar, dass mich eine Geschichte um ein einsames Mädchen im Marschland der 1950er Jahre interessieren könnte. Der Autorin gelingt es jedoch, die Naturbeschreibungen spannend und interessant zu gestalten, so dass man ihnen gerne folgt. Myas Überleben hingegen ist von einer unsäglich traurigen Einsamkeit geprägt, die eine kindliche Naivität nie ablegt, aber gerade durch das Unrecht, das man ihr tut, berührt und nicht wirklich kitschig wird. Der Roman spielt mit starken Emotionen auf der individuellen wie auch gesellschaftlichen Ebene, denn neben Kyas Geschichte wird auch klar, wie stark eine kleine Gemeinschaft sein kann und wie schwer das Leben für Randgruppen – Außenseiter im Marschland, Schwarze – durch diese wird und wie Vorurteile das Denken bestimmen. 

Ob dies alles authentisch und glaubwürdig ist, ist nachrangig, denn der Roman überzeugt durch eine poetische Sprache, die einem als Leser nicht kaltlässt.

Adriana Altaras – Die jüdische Souffleuse

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Adriana Altaras – Die jüdische Souffleuse

Die Ich-Erzählerin Adriana inszeniert in einer Kleinstadt Mozarts „Entführung aus dem Serail“, wo sie auf die Souffleuse Susanne trifft. Diese erweist sich als größte Herausforderung des Projekts, glaubt sie in Adriana eine Seelenverwandte gefunden zu haben, die ihr bei der Suche nach ihrer Familie helfen kann. Sie weiß um Adrianas Familiengeschichte und der jüdische Glaube verbindet beide. Susanne, eigentlich Sissele, lässt Adriana auch nach Ende der Spielzeit zurück in Berlin nicht los, bis sie plötzlich vor ihrer Tür steht und ihre Unterstützung einfordert. Gemeinsam machen sie sich auf die Suche und dabei erfährt die Erzählerin auch mehr über die Lebensgeschichte der ungewöhnlichen Frau: ein typisch jüdischer Irrweg über mehrere Kontinente, so aberwitzig, dass es nur wahr sein kann. Aber können sie wirklich nach all den Jahren Kontakt zu weiteren verwandten herstellen?

Adriana Altaras hat auch in früheren Büchern schon eigene Erfahrungen verarbeitet und immer wieder auch das Jüdisch-Sein zum Thema gemacht. In „Die jüdische Souffleuse“ steht zunächst die Theaterwelt im Vordergrund, das chaotisch-neurotische Treiben wird herrlich und lebendig beschrieben, dass sich zwischen all den Exzentrikern auch eine kuriose Souffleuse versteckt, verwundert nicht weiter. Im zweiten Teil rückt Susanne/Sissele mehr in den Fokus und mit ihr eine wahrlich unfassbaren Lebensgeschichte.

„Auch von Susanne habe ich ihm kurz erzählt. Eine jüdische Souffleuse in der Provinz! Er hat gelacht: »Auffangbecken Theater, der Ort für alle übrig gebliebenen Meschuggenen, neben Israel, versteht sich.«“

 Der Roman verbindet geschickt beide Geschichten miteinander, jene kunterbunte Opernwelt, in der alles nur Schein ist, und jene dunkle Zeit der deutschen Geschichte, die Leid und Elend und lebenslange Wunden geschaffen hat. Obwohl in letzterem nichts beschönigt oder relativiert wird, gelingt Altaras insgesamt doch ein heiterer Ton, gelegentlich melancholisch überlagert, aber immer wieder auch mit herrlichen Wortspielen, die ganz bewusst den typisch jüdischen Humor hervorheben, der von bitterer Selbstironie lebt: Gestrandet in Island stellen die Figuren fest, dass dies ein gar unglaublich friedfertiges Völkchen ist:

„»Island ist eines der wenigen Länder, das keinen Genozid vorzuweisen hat, sie haben noch nicht einmal Militär hier«, doziert Robbi am nächsten Morgen beim Frühstück, er hat sich weiter informiert. »Kein Genozid? Nicht einmal ein klitzekleines Pogrom?«, witzele ich. »Na, was sollen wir dann hier?«“

Trotz der eigentlich ernsthaften Thematik eine lockere Erzählung, die einem immer wieder schmunzeln lässt und dennoch tief berührt.

Elaine Feeney – As You Were

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Elaine Feeney – As You Were

Sinéad Hynes is in hospital, her family believes it is nothing serious, maybe the property developer just worked too much. But she knows better and has kept it a secret for quite some time: the cancer is terminal and now it is too late for a treatment.  Suffering severely, she shares the ward with Margaret Rose who welcomes all her family daily and thus creates an almost intolerable fuss. There is also Jane who is often confused, but at times, she remembers, e.g. that she had known the mother of another patient who shares the ward. Strangers become intimate, enclosed in such a tight environment and thus, they necessarily take part of the others’ fate and get to know their secrets.

Elaine Feeney’s debut is like a theatre play: a limited place with a limited number of characters who cannot escape the narrowness of the situation they are in and who are forced into an involuntary community where they have to support each other and also, reluctantly, share intimate details of their lives. At times funny, at others very melancholy, and always showing characters exposed to this small world without any protection where also no sensitive politeness is required anymore.

What troubled me most was to which extent I could identify with Sinéad and her situation. Luckily, I have never been close to such extreme circumstances but I can completely understand why she keeps her secret from her family and prefers to consult Google and tell it to a magpie instead of seeking help and compassion from her beloved ones. As readers, we follow her thoughts and only get her point of view of the events in the ward which is limited and biased, of course, but also reveals the discrepancy between what we see and understand what really goes on behind the facade of a person.

The plot also touches a very serious topic in two very different ways: double standards and honesty. Sinéad is not really frank with her husband, they do have some topics they need to talk about and which they obviously have avoided for years. Yet, for her, it is difficult to believe that somebody could just love her unconditionally and whom she can tell anything. On the other hand, the Irish catholic church’s handling with pregnant unmarried women becomes a topic – and institution which calls itself caring and welcoming everybody unconditionally played a major role in the destruction of lives.

Surely, “As You Were” is not the light-hearted summer beach read, but a through-provoking insight in a character’s thinking and struggles which touched me deeply.

Raven Leilani – Luster

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Raven Leilani – Luster

Edie, a 23-year-old artist, is somehow stumbling through her life. She does not have a stable partnership and the men she encounters are certainly not the ones to plan a future together, well she does not even know if that is what she wants. When she meets Eric, again, this does not seem to go beyond sex since he is twice her age, married and without the least intention of leaving his wife and daughter. When Edie finds herself suddenly unemployed without money or place to stay, something quite extraordinary happens: Eric’s wife invites her to live with them. However, it is clear who sets the rules: Rebecca.

Raven Leilani’s novel “Luster” has been named among the most anticipated novels of 2020, thus, I was quite curious to read it. The constellation of inviting the young mistress of one’s husband to live in the same house seemed quite promising for an interesting battle between two women. However, I struggled a bit with it, maybe this is due to the fact that the author quickly moves away from the central conflict and the protagonist remains a bit too bland for my liking.

When moving to the Walker family’s house, Eric is away on a business trip. Instead of having two grown-up women who have to negotiate their respective place in the household, Edie turns into another kid who is bossed around by Rebecca and forced into the role of a nanny and tutor for Akila, Rebecca and Eric’s daughter. She herself does not appear to actually dislike this arrangement and easily gives in to it. Rebecca, on the other hand, is not the self-confident and successful women, her behaviour towards Edie is quite harsh but only because she is weak and in this way wants to secure her place.

There are some minor aspects which I found quite interesting but which did not really blend into the story such as Akila and the fact that she is black and adopted. She and Edie become the victim of police brutality – a brief scene which is not pursued on a psychological, societal or political level and of which, there, the function remains unclear to me. This happens at several points where the characters find themselves in a crucial emotional situation which is not elaborated and makes them all appear a bit inanimate, like actors on a stage who perform a role in which they feel awkward and which they cannot really identify with.

Edie is neither a representative of a lost generation who does not know what to expect from a highly uncertain future, nor is she a special individual who struggles after some major life event. She also does not really develop throughout the novel which, all in all, makes her shallow and admittedly quite uninteresting. Maybe the plot might have been much more appealing from Rebecca’s or Akila’s point of view.

Marco Balzano – Ich bleibe hier

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Marco Balzano – Ich bleibe hier

Wer kennt sie nicht, die berühmte versunkene Kirche im See in Südtirol. Doch was heute so idyllisch erscheint, hat einen ernsten Hintergrund, den Marco Balzano in seinem Roman „Ich bleibe hier“ nacherzählt. In den 1930er Jahren gehört das deutschsprachige Südtirol bereits zu Italien, wo die Bewohner Bürger zweiter Klasse sind und nun soll auch noch ein Staudamm gebaut werden, der das Dörfchen Graun überfluten und auslöschen wird. Die Bauern sind verärgert, aber nicht nur das belastet sie. Der aufkommende Faschismus in Italien drängt ihre Sprache immer weiter zurück und Trina und ihre Freundinnen können nur im Untergrund heimlich auf Deutsch unterrichten. Im Norden erstarken derweil die Nationalsozialisten, können sie eine Hilfe gegen den Druck aus dem Süden sein? Welcher Seite wollen sie sich zuschlagen, wer wird den Ort retten, an dem ihre Familien schon seit Jahrhunderten von Land- und Viehwirtschaft leben? Oder sollen sie doch gleich ganz woanders hingehen? Der Krieg nimmt ihnen die Entscheidung ab, aber das letzte Wort um den Stausee ist noch nicht gesprochen.

Die Protagonistin und Erzählerin Trina ist zu Beginn der Erzählung ein lebensfrohes junges Mädchen, die sich gemeinsam mit ihren Freundinnen Barbara und Maja aufs Unterrichten freut. Doch schnell zerstört die politische Lage ihre Träume. Auch die kommenden Jahre werden für die Frau nicht einfach, insbesondere die Kriegsjahre fordern ihr alles ab. Dinge, die sie sich nie hätte vorstellen können, muss sie tun, um zu überleben. Am Ende ihres Lebens blickt sie zurück, traurig, aber nicht bitter, durchaus mögliche alternative Wege, die sie hätte gehen können, sehend, aber ob diese ihr Leben wirklich glücklicher hätten verlaufen lassen?

Der italienische Autor verknüpft so die fiktive Geschichte einer Frau mit der einer zwischen Landesgrenzen zerriebenen Region. Das bauliche Großereignis ist eine Belastungsprobe für das Dorf, aber ebenso die Frage, ob sie Mussolini oder Hitler folgen wollen oder ob es doch noch einen Ausweg irgendwo dazwischen geben könnte. Man weiß, wie die Geschichte ausgeht, das Resultat lässt sich im Italienurlaub bestaunen, der Preis jedoch, denn die Menschen vor Ort gezahlt haben, den sieht man heute nicht mehr, wenn man schöne Erinnerungsfotos knipst.

Der Roman wird von einer melancholischen Grundstimmung getragen. Balzano setzt die einfache und bescheidene Lebensweise der Bauern sprachlich ebenso reduziert ohne hochtrabende Metaphern um und spiegelt so die Lebenseinstellung überzeugend wider.

Inès Bayard – This Little Family

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Inès Bayard – This Little Family

A woman kills herself, her husband and their small son. What has led her to poison their dinner? They are a well-off Parisian family with a successful husband and lovely kid living in a beautiful apartment. What people cannot see is the inside, the inside of the family home and especially the inside of Marie who has been struggling for years to keep her secret well shut behind a friendly facade: she was raped by her CEO after work one evening and is convinced that Thomas is the result of the assault and not her husband’s son. Every day, she has to look in the eye of the small boy and is confronted again with what happened and what she cannot share with anybody. It is not the tragic story of a family, but the heart-breaking story of a woman not just suffering once from the humiliation and attack, but suffering every single day of her life.

Inès Bayard’s novel is one of the most moving and highly disturbing books I have ever read. She starts with the final step of Marie’s desolate and lonely voyage, no surprise where it all will end up, but the way there could hardly be more painful, more emotionally challenging and nevertheless easy to understand and follow.

Marie feels ashamed for what has happened to her, for her body after giving birth, for her behaviour towards her husband. She does not see herself as the victim she is, immediately, after the assault, she has taken the decision to comply with her assailant’s threat not to tell anybody and thinks she now has to stick to it. Her mental state is gradually deteriorating and Bayard meticulously narrates the downwards spiral. Looking at her from the outside, you can see that she is trapped in an unhealthy mental state that she has established and which is completely wrong but yet, it is so understandable how she comes to those conclusions and this almost paranoid view of her situation.

She does not get help or support, nobody even seems to notice her suffering, only when the signs become too obvious is suspicion raised. There might have been ways out of her depression and misery, but she cannot take these roads and thus needs to face her ultimate fate which does not entail living an option.

Without any doubt, Marie is a victim in several respects. But so is her son Thomas and he is the poor boy without any chance to escape or change his fate, he is exposed helplessly to his mother’s hatred which seems unfair, but I think it is not difficult to understand what she sees in him. Is her husband Laurent to blame? Hard to say, the same accounts for Marie’s mother who didn’t do anything other than just cover the traces of her daughter’s state when she becomes aware of it, she does not offer help when it was most needed.

The novel is a wonderful example for what such an event can do to people, how they struggle to survive and hide what has happened. It is deeply moving and frightening to observe which is also due to the author’s style of writing.

Sanaë Lemoine – The Margot Affair

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Sanaë Lemoine – The Margot Affair

It has always been like this: her father would visit them every other day, sometimes they did not hear of him for weeks. But when he opened the door, he was there completely for Margot Louve and her mother Anouk. No holidays together, no show up at school events, he only belonged to their private life and for the world outside their Paris apartment, there simply was no father. Nobody knew who he was because everybody knew him. He was a public man, a well-known politician and the husband of another woman. When Margot meets a journalist, the idea of going public with their story pops up, thus forcing him to finally decide between the two lives and families. She is sure that he loves her and her mother much more than his actual wife and therefore, she sets in motion a chain of events with an outcome she would never have imagined.

Sanaë Lemoine’s story of course immediately reminds the reader of the former French president Mitterrand’s double life which he only revealed shortly before his death thus making Mazarine Pingeot suddenly one of the most famous daughters of the country. The author does not try to hide the parallels, she even mentions and integrates the real life events in her novel thus underlining also the differences between the two. Written from the daughter’s perspective, she convincingly gives the voice to a young woman full of insecurities and marked by her quite naturally limited understanding of her parents’ affair.

I totally adored the first part of the novel which focuses on Margot and her relationship with her father. She does not question her life and the fact that she can never talk about who her father is, knowing that he loves her deeply is enough for herself and the arrangements also seems to work well for her mother. When the two of them accidentally encounter her father’s wife, something in her is set in motion and it only needs a little pushing by a journalist to develop her fatal plot. She is too young to foresee the scope of her action and what the possible outcomes are.

In the second part, unfortunately, the author lost me a bit with the shift of the focus. Margot is fascinated by a woman a couple of years her senior and the journalist’s wife. Brigitte is a strong contrast to her always distanced and rather cold and controlled mother and fills some kind of emotional gap that opened in her life. For the reader it is quite obvious that she is to a certain extent lured on to destruction and falls prey to the reckless woman. Even though the development between them is well portrayed and slowly moves towards the final blow, Margot lost a bit of her charming personality for me and the reflective and thoughtful young woman turns into a naïve and emotionally dependent girl which I did not really like to follow anymore that much.

A psychologically interesting novel about relationships and emotional needs of children and their parents, but also a study of how the choices of life you make always will have an impact on other people, too.

Taylor Jenkins Reid – Daisy Jones & The Six

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Taylor Jenkins Reid – Daisy Jones & The Six

Eine Stil-Ikone und eine famose Band. Sie haben die Musik Ende der 70er geprägt. Jeder wollte sie live sehen, alle haben sie bewundert. Doch wer war Daisy Jones und wie kam sie zu der Band, mit der sie die beste Platte des Jahrzehnts, vielleicht des Rock’n’Roll überhaupt aufgenommen hat? Eine Tochter geht auf Spurensuche nach dem Mythos, der das Leben ihrer Eltern bestimmte. In Interviews zeichnet Julia Dunne, Tochter von Frontman Billy und seiner Frau Camila, auf, woran sich Daisy, die Bandmitglieder von The Six sowie Produzenten und enge Vertraute erinnern. Daisys Jugend als reiches aber vernachlässigtes Mädchen, das schon mit 14 auf dem Sunset Strip allerlei Drogen ausprobierte und gleichermaßen Männerbekanntschaften pflegte. Dank ihres Aussehens und Charismas hatte sie es leicht, überall eingelassen zu werden. Ihr eigentlicher Traum war es jedoch immer Musik zu machen, ihre einzigartige Stimme war prädestiniert für die Bühne, doch ihre Texte waren noch nicht so weit. Das Potenzial erkannte man bei Runner Records, wo man zuvor schon The Six unter Vertrag genommen hatte, denen auch das gewisse etwas noch fehlte: Daisy Jones. Erst gemeinsam konnte eine Legende entstehen.

Fängt man an, Taylor Jenkins Reids Buch zu lesen, ist man sogleich gefesselt von der Welt der Rockstars und dem ausschweifenden Leben der 70er Jahre. Auch Daisy Jones kann man sich bildlich vorstellen, wie sie mit ihrer Mähne und dem wegen des exzessiven Tabletten- und Drogenkonsums immer leicht abwesend wirkenden Blick fasziniert. Dass es diese Person gar nicht gegeben haben soll, ist schier unvorstellbar, so lebendig wie sie beschrieben wird. Der Aufstieg der Band, die zunächst ganz klassisch als Schülerkombo von zwei Brüdern und Freunden gegründet wurde und sich dann langsam einen Namen machte, ist ebenfalls reine Fiktion. Hätte es sie gegeben, wäre es aber vielleicht genau so gelaufen, wie die Autorin es schildert.

Man kennt die ganzen Geschichten der Rockstars und ihrer Groupies: der Rausch der Musik und der Bewunderung, wenn sie auf der Bühne rocken; die Aftershow Partys mit Alkohol, Drogen und Mädchen; die Tour – heute hier, morgen dort und manchmal weiß man auch noch wo man gerade ist – und die Fernsehauftritte, die sie zu Legenden werden lassen. All das kann man geradezu hautnah miterleben. Aber es gibt auch eine andere Seite. Billy, Sänger, Songschreiber und Kopf der Band ist verletzlich und verliebt in Camila, die er schon jung heiratet und mit der er drei Töchter hat. Das ausschweifende Leben hat er nach einem harten Entzug ihr zuliebe aufgegeben, denn sie ist es auch, die ihm die Inspiration zu seinen Liedern liefert. Das Doppelleben zerreißt ihn fast, Rockstar und fürsorglicher Vater sind zwei Welten, die sich kaum kombinieren lassen.

Daisy Jones hingegen nimmt alles, was das Leben ihr bietet, oftmals ohne lange über die Folgen nachzudenken. Doch sie ist clever und lässt sich nicht ausnutzen, ganz im Gegenteil, ihr Selbstbewusstsein wird von manchen bewundert, anderen macht es geradezu Angst. Nur sie ist es auch, die Billy etwas entgegensetzen kann, was ihre Zusammenarbeit nicht leichter macht. Beide wollen nur eines: Musik machen, aber wenn zwei starke Egos aufeinanderprallen, noch dazu, wenn die Menschen dahinter gänzlich verschieden sind, wird dies zum Parceforceritt, der von allen so einiges abverlangt.

Auch wenn die anderen Bandmitglieder nur in der zweiten Reihe stehen, bekommen sie hier das Wort, zeigen die Schattenseiten des Ruhms und Erfolgs und das, was dieser kostet. Sie sind es jedoch vor allem auch, die die Menschen zeigen, die hinter den bejubelten Ikonen stehen, mit all ihren Sorgen, Ängsten und manchmal ganz banalen Gedanken.

Ein berauschendes Buch, das einem geradezu wie unter Drogen mitreißt und hineinkatapultiert in die Welt der Rockmusik. Reids Beschreibungen der Songs – ja, man hört sie geradezu vor dem inneren Ohr und kann dabei die Figuren visualisieren, wie sie vor einer Kamera sitzen und im lockeren Interview plaudern. Es hat ein bisschen was von Musikfernsehen als es dieses noch in der Form gab, die auch diesen Namen verdient hat. Stars, die sich entspannt aufs Sofa fläzen und in Erinnerungen schwelgen, einem daran teilhaben lassen und so einen Blick in diese schillernde Welt erlauben.