Fernando Aramburu – Patria

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Fernando Aramburu – Patria

Patria – Heimat. Doch was bedeutet Heimat und wie weit darf man für seine Überzeugung von Heimat gehen? Txato wurde vor über zwanzig Jahren von ETA Terroristen getötet, seine Frau Bittori trauert bis heute. Doch ihre Tage sind gezählt und bevor die Krankheit sie dahinrafft, will sie wissen, was damals genau geschah und wer Schuld hat an dem Tod ihres Mannes. Sie kehrt zurück in das Haus, in dem sie gemeinsam gelebt hatten, sehr zum Ärger der ansässigen Dorfbevölkerung. Vor allem ihre älteste Freundin Miren beäugt sie argwöhnisch. Liegt es daran, dass ihr Sohn wegen Verbrechen für die ETA in Haft sitzt? Hat er vielleicht sogar damals Txato getötet?

Fernando Aramburu greift mit „Patria“ eine der schwierigsten Episoden der spanischen Geschichte auf: den Terror durch die baskische Untergrundorganisation ETA. Geboren in der Hauptstadt der autonomen Region Baskenland kennt er seit Kindestagen die Situation um die Bevölkerungsgruppe, die für die Unabhängigkeit streitet. Sein Roman hierzu wurde mit dem Premio Nacional de Narrativa, dem Premio de la Crítica sowie dem Premio Francisco Umbral al Libro del Año ausgezeichnet.

Der Autor verlegt den blutigen Konflikt auf eine persönliche Ebene zwischen den beiden Familien, die durch das Attentat an Txato auf Distanz gehen und ihre Freundschaft beenden müssen. Es zeigt auch, wie ein junger Mann, Joxe Mari, in die Fängen der Separatisten gerät und gar nicht anders kann als sich dem bewaffneten Kampf anzuschließen. Langsam nähert man sich dem, was an dem schicksalsvollen Tag geschehen ist und man blickt in die Seelen der Figuren, die keine eindeutigen, keine eindimensionalen Überzeugungen haben, sondern zerrissen sind zwischen den sich widersprechenden Empfinden und den Zwängen, denen sie sich ausgeliefert sehen.

Die Suche Bittoris nach Antworten ist leicht nachvollziehbar, gerade unter dem Druck der sie bedrohenden Krankheit will sie mit den wichtigen Fragen in ihrem Leben abschließen. Schwererer zu fassen ist der Stand von Miren und ihrem Mann im Dorf, wie sie geschützt und unterstützt werden, weil ihr Sohn fernab der Heimat im Gefängnis sitzt – jedem ist zugleich klar, dass er den Tod von Menschen zu verantworten hat. Aber es war für die gerechte Sache. Auch die Frage, ob es so etwas wie göttliche oder übernatürliche Gerechtigkeit gibt, wird mit dem Schlaganfall Arantxas, der Schwester Joxe Maris, gestellt. Sie wirft ihrem Bruder vor, dass er gefangen in seiner Zelle sitzt, aber weiß, weshalb er sich dort befindet. Sie selbst wiederum ist gefangen in einem Körper, der ihr nicht mehr gehorcht, ohne Aussicht jemals wieder herauszukommen – warum sie bestraft wurde, kann jedoch niemand sagen.

Ein großer Gegenwartsroman, den man auf keinen Fall verpassen sollte und der auch in der Hörbuchversion gelesen von Eva Mattes trotz der Komplexität ein echtes Highlight ist.

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Juli Zeh – Leere Herzen

Leere Herzen von Juli Zeh
Juli Zeh – Leere Herzen

Terrorismus als buchbare Dienstleistung. Kann es so etwas geben? Natürlich, denn wie „Brücke“, das Projekt von Britta Söldner und ihrem Geschäftspartner Babak beweist, ist dies eine Marktlücke, mit der man sehr viel Geld verdienen kann. Was umfasst das Angebot der beiden? Rekrutierung und Training der Anwärter. Gezielte Auswahl und Überprüfung in einem 12-stufigen Verfahren. Garantierte Dienstleistung mit 100%-iger Erfolgsquote. Davon lässt sich gut leben, auch wenn weder Brittas Mann noch ihre Freunde genau wissen, was sie tut. Expandieren wäre zu gefährlich, den Ball flach halten und nicht auffallen ist die Devise. Doch irgendjemand hat ein Auge auf das erfolgreiche Geschäft mit den Attentaten geworfen und mischt sich ein. Britta und Babak bekommen Angst. Wer ist ihr Gegner, der offenbar nicht nur mächtig, sondern vor allem skrupellos ist?

Juli Zehs aktueller Roman ist eine Art dystopische Gesellschaftskritik. Die Handlung ist in der nahen Zukunft angesiedelt, jedoch in der Post-Merkelschen Ära, wenn eine neue Partei das Ruder übernommen hat und langsam die Demokratie und den Glauben an Europa zerstört. Mehr und mehr werden die Freiheiten der Bürger beschnitten, die dies jedoch als träge Masse hinnehmen und sich in ihrem Wohlstand ausruhen. Das Refugium des Privaten, wo man möglichst wenig Gedanken an die Politik verschwendet, ist das neue Lieblingsziel der Mittelschicht. Gestört wird dieses Idyll nur durch gelegentliche wohl platzierte und kontrollierte Anschläge, die kurz aufpoppen, dank geringer Personen- und Sachschäden jedoch genauso schnell wieder verpuffen.

Auch wenn ich das Grundkonzept mit einer Agentur für Attentäter eine recht innovative Idee finde, bleibt vieles doch so abgehoben unrealistisch, dass es mir nicht authentisch genug erscheint, um mich gänzlich zu überzeugen. Vor allem die Bekämpfung des politischen Systems, an sich spannend und interessant, verliert an Brisanz durch die geringe Konkretheit der politischen Verhältnisse. Das Private der Figuren dominiert so stark, dass man sich nur schemenhaft ein Bild der Gesamtgesellschaft machen kann. Die einzelnen Aspekte sind zu vage, um wirklich eine angreifbare Vorstellung zu schaffen.

Wo das personenübergreifende, gesellschaftliche Ganze zu schemenhaft bleibt, bekommt man einen sehr intensiven Eindruck der Figuren. Diese, allen voran Britta und Janina, sind vielschichtig gezeichnet und wirken lebendig und authentisch. Für mich war Juli Zeh auch vor allem in der Eingangsszene mit dem Abendessen der befreundeten Familien am stärksten, sie ist eine begnadete Erzählerin, der es immer wieder gelingt Atmosphären zu schaffen und den Leser in die Handlung eintauchen zu lassen. Je kritischer die Situation für die Agentur wird, desto höher wird das Tempo und desto passender verlieren die Figuren ihre Selbstsicherheit und Ruhe. Das ist alles sehr stimmig, auch die Spannung steigt kontinuierlich Richtung Ende. Hier wiederum war ich etwas irritiert, so ganz passend und überzeugend war die Lösung für mich nicht. Auch waren mir die Namen eher zu platt – die Söldnerin für das Heer der Attentäter und Babak, der kleine Vater des Supercomputers – hier hätte man kreativer sein können.

Alles in allem daher eine unterhaltsame Geschichte, die zwar erzählerisch gelungen ist, bei der sich aber auch gewisse Schwächen nicht verleugnen lassen.

Joakim Zander – Der Freund

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Joakim Zander – Der Freund

Klara musste ihren geliebten Großvater beerdigen, ihre Freundin Gabriella ist wie immer an ihrer Seite. Doch Gabriella ist abgelenkt, irgendetwas belastet sie. Am nächsten Morgen wird sie vor den Augen Klaras in ihrer Kanzlei verhaftet. Diese agiert schnell und kann eine geheime Nachricht der Freundin entdecken: sollte Gabriella etwas geschehen, muss Klara einen geheimen Informanten in Brüssel treffen. Dieser ominöse Mensch ist ein Praktikant der schwedischen Botschaft in Beirut. Jacobs Zeit dort ist geprägt von Langeweile im Büro und umso mehr Aufregung durch seinen Freund und Liebhaber Yassim. Dieser gibt kaum etwas von sich preis, verschwindet immer wieder für Wochen spurlos und trifft sich mit zwielichtigen Personen. Jacob ahnt selbst, dass mit Yassim etwas nicht stimmt, als er von einer mysteriösen Frau kontaktiert wird, die behauptet, dass Yassim ein Terrorist sei, weiß er nicht mehr, was er glauben soll. Doch dass er sich in größte Gefahr begeben hat, wird Jacob nicht erst klar, nachdem seine Wohnung verwüstet wurde und sein Leben bedroht wird. Helfen kann ihm wohl nur die Frau, die er Monate zuvor im Fernsehen bewundert hat: Gabriella.

Band drei von Joakim Zanders Reihe um Klara Walldéen knüpft nahtlos an die beiden Vorgänger an und ist in ebensolchem Tempo geschrieben. Auch in der Thematik bleibt sich Zander treu, ohne sich zu wiederholen oder zu langweilen. Einmal mehr dreht sich die Handlung um das Pulverfass Naher Osten und den Terror, der von dort ausgeht. Dieses Mal lehnt er sich an die Attentate von Paris am 13. November 2015 an, die er geschickt in die Geschehnisse rund um Jacob in Beirut und Klara zwischen Stockholm und Brüssel einbaut.

Seine Protagonistin entwickelt er hierbei überzeugend weiter. Klara ist nicht die fehlerlose Superheldin, der alles spielend gelingt. Nach den letzten Erlebnissen bekam sie ihr Leben nicht mehr auf die Reihe, trank zu viel, um sich zu betäuben. Auch der Tod des Großvaters wirft sie aus der Bahn und ihre Gefühlswelt hat sie gar nicht unter Kontrolle. Doch merkt man, wie sie geradezu von den Erfahrungen profitiert, dadurch reifer wirkt als in vorherigen Bänden. Ähnlich verhält es sich mit Georg Lööw, ihrem Partner in der Krise und offenbar am Ende auch im Privatleben. Jacob als neue Figur ist ebenfalls vielschichtig und authentisch angelegt. Strebsam und doch verunsichert; einerseits emotionsgeleitet und dann doch wieder rational-zweifelnd. Sich mit ihm zu identifizieren und seine Zwickmühle nachzuvollziehen, macht einem Joakim Zander sehr leicht.

Die kurzen Kapitel mit schnellen Ortswechseln sorgen für ein hohes Tempo in der Geschichte. Die zeitversetzte Handlung, die vom Ende und dann wieder vom Anfang an erzählt wird, erhöht die Spannung zudem. Der Roman entbehrt nicht einer gewissen Komplexität, die die Wirklichkeit glaubwürdig widerspiegelt und bestimmte real nicht aufzulösende Spannungen und Verwicklungen in der internationalen Diplomatie und Politik ebenfalls als solche stehenlässt. So erfüllt Joakim Zander einmal mehr voll die Erwartungen an einen anspruchsvollen Thriller und bleibt derzeit einer der besten schwedischen Autoren im Genre.

 

Ein Dank geht an den Rowohlt-Verlag für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zu Buch und Autor finden sich auf der Verlagsseite.

Husch Josten – Hier sind Drachen

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Husch Josten – Hier sind Drachen

Wieder ein Anschlag, wieder ein Job für die Journalistin Caren. Nach dem verheerenden Attentat am Abend des 13. November 2015 in Paris, macht sich die junge Reporterin auf von London in die französische Hauptstadt, um für ihre Zeitung vor Ort zu recherchieren. Anschläge wurden ihr Spezialgebiet, nachdem sie unerklärlicherweise den 11. September in New York und auch den Boston Marathon unversehrt überlebt hat. In Heathrow wartet sie auf das Boarding, doch es kommt zu einer Verzögerung.  Plötzlich wird ihr Gate umstellt, die Fluggäste sind abgesperrt und eingesperrt und eine Zwangsgemeinschaft entsteht. Caren kommt mit einem älteren Herrn ins Gespräch, der die Lage mit stoischer Ruhe über sich ergehen lässt. Er liest weiterhin in Wittgensteins „Tractatus“ als wenn es die Welt um ihn herum nicht gäbe. Caren versucht mit ihrem Presseausweis etwas in Erfahrung zu bringen, doch die Mitarbeiter des Flughafens sind angespannt, also plaudert sie weiter wartend mit „Wittgenstein“ über dessen Zufallsforschung und die Frage, wie ein Journalist die eine Geschichte, die noch nie berichtet wurde, finden und erzählen kann. Und plötzlich ist sie da, die unglaubliche, nie erzählte Geschichte.

Husch Jostens Roman „Hier sind Drachen“ weckt zunächst Erwartungen, die sich völlig in sich auflösen. Der Titel, der alte Seefahrerspruch zur Kennzeichnung der noch nicht betretenen und erforschten Gebiete, lässt auf eine Reise hoffen, durchaus an einen unbekannten Ort und der Flughafen ist ein passender Ausgangspunkt. Tatsächlich verlassen wir diesen jedoch quasi nicht, fast die komplette Handlung spielt sich im Wartebereich ab. Die zweite Falschannahme ergibt sich aus der Seitenzahl, die mit 160 Seiten einen kurzes Lesevergnügen erwarten lässt. Allerdings weist der Roman eine solche inhaltliche Dichte auf, dass ein Lesen ohne Pausen für mich nicht möglich war und ich viele Passagen – insbesondere die philosophischen Gedanken der beiden Protagonisten – mehrfach lesen musste, damit mir nichts entgeht.

Es ist auch nicht einfach zu bestimmen, worum es in dem Buch eigentlich geht. Gerade durch das unerwartete Ende wird der Fokus nochmals völlig verschoben und es bleiben unzählig viele Themen und Gedankenansätze, die alle in sich wichtig und beachtenswert sind. Der Roman beginnt mit der Frage, was der Terror, wie wir ihn seit einigen Jahren in Europa erleben, mit uns als Beobachter oder gar Zeugen macht. Caren leidet zunehmend. Konnte sie die beiden Ereignisse in den USA noch erstaunlich gut durch ihren Job verarbeiten und sogar fruchtbar damit umgehen, war ihr der Anschlag auf die Redaktion von Charlie Hebdo unerklärlich nahegegangen – vor allem vor dem Hintergrund, dass sie dieses nicht unmittelbar miterlebte. Niemand wird die Nachrichten dieser Horrorszenarien verfolgen können ohne nicht an einem Punkt ganz persönlich auch getroffen zu werden. Doch wie soll man als Individuum und wir als Gesellschaft damit umgehen?

Der weniger konkrete, nicht auf den unmittelbaren Alltag bezogene Aspekt, der sich durch das ganze Buch spinnt, ist die philosophische Frage nach dem Geschichtenerzählen und die Frage, ob es noch eine Geschichte geben kann, die noch nie erzählt wurde. Welcher Journalist träumt nicht davon, mit dieser einen Reportage zu Ruhm und Anerkennung zu gelangen? Doch Geschichten gab es schon lange vor dem Journalismus, das Erzählen ist so alt wie die Menschheit selbst und eines der wenigen kulturübergreifenden und –verbindenden Dinge. Doch die Geschichte lebt nicht nur von ihrem Erzähler, denn sie erhält ihren Sinn erst durch den Zuhörer oder Leser, der etwas damit anfangen kann und den Worten einen Sinn zuschreibt.

Neben diesen beiden ganz großen Themen, werden Fragen nach Werten im Leben, der Lebensgestaltung als solches und den Beziehungen aufgerissen. Mit Carens Lebensgefährten wird der Figur und damit dem Leser gnadenlos vor Augen geführt, wie wenig man manchmal seine Mitmenschen und Liebsten kennt. Nach all der Philosophiererei über Geschichten: hören wir einander zu? Und ist das, was bei uns ankommt auch das, was gesagt werden wollte?

Ein durchaus herausfordernder Roman, der dem Leser, der sich auf ihn einlässt, viel zu bieten hat und weit über die Lektüre hinaus begleitet. Der Sinn entsteht beim Lesen im Leser und Husch Josten macht ein sehr großes Angebot. Daneben bietet er sogar noch einen Plot mit Spannung und recht unerwarteten Wendungen – im Ganzen ein Roman, wie er eigentlich unmöglich zu schreiben ist.

Ferdinand von Schirach – Terror

Ist rechtlich richtig auch immer mit unserem moralischem Empfinden in Einklang zu bringen?

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Terror von Ferdinand von Schirach
Ferdinand von Schirach – Terror

Ein Gerichtssaal. Der Angeklagte ein Bundeswehrsoldat. Der Vorwurf: 160-facher Mord. Die Umstände: er hat ein ziviles Flugzeug, das von Terroristen gekapert wurde und Kurs auf die vollbesetzte Münchener Allianz Arena hielt, vor dem Einschlag abgeschossen. Er handelte in dem Wissen, gegen eine Anweisung seiner Vorgesetzten zu verstoßen. Er handelte eigenmächtig und tötete eine große Anzahl Menschen. Er ist schuldig. Aber hat er sich auch moralisch schuldig gemacht? Selbstjustiz oder mutiges Agieren eines Einzelnen zur Rettung vieler? Die Verhandlung muss dies klären.

Ferdinand von Schirach ist für seine brisanten Themen bekannt. Mit „Terror“ trifft er zudem den Nerv der Zeit, seit nunmehr fast zwei Jahren sieht sich Europa zum ersten Mal seit dem zweiten Weltkrieg wieder unmittelbaren Bedrohungen ausgesetzt und tagtäglich muss man mit Schreckensmeldungen in direkter Nähe rechnen. Dies hat unweigerlich Einfluss auf das moralisch-rechtliche Empfinden. Was jahrzehntelang nur blanke Theorie war, wird nun zum Ernstfall. In diese Kerbe schlägt auch von Schirachs Szenario, das heutzutage vorstellbar und keineswegs nur theoretisch konstruiert erscheint. Die Verhandlung wird sachlich geführt, es werden Argumente und Sichtweisen dargelegt, die dem Zuhörer erlauben, sich selbst eine Meinung zu bilden. Die Staatsanwältin spielt auch Advocatus Diaboli, wenn sie den Angeklagten auf ganz persönlicher Ebene konfrontiert, um seine Motivation zu testen.

Der Stoff ist ursprünglich als Theaterstück gedacht, in dem das Publikum am Ende ein Urteil fällen darf. Da in meiner Nähe keine Aufführung geplant ist, habe ich zum Hörbuch gegriffen, was sehr lebendig und überzeugend umgesetzt wurde und einem beim intensiven Zuhören auch eindringlich die Thematik näherbringt. In diesem speziellen Fall scheint mir die Hörfassung wirklich Vorzüge gegenüber dem geschriebenen Text zu haben, da es sich rein um Dialog handelt, der am besten eben gesprochen wird.

Fazit: Gibt es derzeit relevantere Themen? Nein. Kann man sich diesem entziehen? Nein. Gibt es irgendeinen Grund, weshalb man nicht seine eigenen ethisch-moralischen Grundsätze auf die Probe stellen sollte? Nein. Dann bleibt nur nachhören und vor allem nachdenken.

Gila Lustiger – Erschütterung

Rezension, Essay, Sachbuch
Schon im Januar 2015 wurde Paris mit den Anschlägen auf die Redaktion von Charlie Hebdo und den Hyper Cacher schwer getroffen. Aber die Attentate am 13. November gingen viel stärker noch in das Bewusstsein der Franzosen ein, denn dieses Mal traf es die normale Bevölkerung, Menschen, die sich am Freitagabend amüsieren wollten, die ein Konzert besuchten und in Bars saßen, Menschen, die keine Schuld auf sich geladen und doch den Zorn von Terroristen auf sich gezogen hatten. Die deutsche Autorin Gila Lustiger hat diesen Abend und die folgenden Tage miterlebt und ihre Erschütterung in einem Essay festgehalten. Dabei spielen auch die Jugendkrawalle aus dem Jahr 2005 eine wesentliche Rolle, waren diese doch Vorläufer dieser Attentate, ebenso wie die zunehmende Anzahl an antisemitisch motivierten Einzeltaten.
Auf das Buch wurde ich durch eine Veranstaltung mit der Autorin aufmerksam, in der sie zum einen auszugsweise vorlas, zum anderen aber auch noch einmal spontan in Worte fasste, weshalb sie dieser Abend so sehr persönlich getroffen hat. Gewalt und Bedrohung im Alltag sind ihr nicht fremd, immerhin hat sie einige Zeit in Jerusalem gelebt und als Jüdin ist sie insbesondere mit den Facetten sublimer und offener Feindseligkeit vertraut. Man merkte ihr sowohl bei der Lesung wie auch im Buch an, dass die Tage im November sie persönlich stark berührt haben. Dieser sehr persönliche Ton, wie auch die offenen Beschreibungen ihrer Gefühle zwischen Verzweiflung, Unverständnis und Aktionswille, machen ganz wesentlich den Essay aus. Der Versuch als Außenstehende die französische Gesellschaft und die Problematik der Cités zu analysieren gelingt ihr meines Erachtens ebenfalls sehr gut, unter anderem weil sie auch eigene Erfahrungen mit der Frage von Assimilation und dem Recht der Bewahrung von Herkunftssprache und -kultur gemacht hat.
Es ist nicht die große gesellschaftlich-politische Analyse, die umfassend alle Frage beantwortet, sondern ein sehr persönlicher Bericht und Blick auf die aktuelle Situation Frankreichs. Am Ende schafft sie auch einen ganz wesentlichen Schritt: nicht mehr viel über die Täter reden, sondern auch die Opfer in den Fokus rücken, diejenigen, die für die Fehler anderer bezahlen mussten.