J. Jefferson Farjeon – Dreizehn Gäste

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 Jefferson Farjeon – Dreizehn Gäste

Ein misslicher Unfall beim Aussteigen aus dem Zug, als er beinahe seinen Halt verpasst hätte, bringt John Foss auf das Anwesen Bragley Court von Lord Aveling, der dort eine illustre Jagdgesellschaft versammelt hat. Zwölf Gäste waren geplant und wie jeder weiß, bringt ein dreizehnter Gast Unglück. Und so kommt es auch, denn nicht nur wird ein Gemälde des berühmten Künstler Leicester Pratt zerstört, sondern auch ein Hund getötet, bevor – wie nunmehr zu erwarten – auch noch ein Mord geschieht. Dem ungebetenen und durch die Fußverletzung immobilen Gast bleibt nichts anderes übrig, als das Treiben im Haus zu beobachten und passiv die Ereignisse zu verfolgen. Doch seinem Scharfsinn entgeht nichts und er kann geschickt die Puzzleteile zusammenfügen.

Joseph Jefferson Farjeon was ein englischer Kriminalautor und Theaterschreiber, der vor allem durch die Geschichten um Detective X. Crook bekannt wurde, die in dem Magazin „Flynn’s Weekly Detective Fiction“ des ehemaligen FBI Chefs William James Flynn erschienen. „Thirteen Guests“ erschien erstmals 1936 und steht in bester Tradition klassischer britischer Krimis wie etwa der Lord Peter Wimsey Serie von Dorothy L. Sayers oder natürlich der Queen of Crime, Agatha Christie.

Der Krimi folgt einem bekannten Muster: ein abgeschiedener Ort im schottischen Nirgendwo; eine geschlossene Gemeinschaft, die sich mehr oder weniger gut kennt, aber natürlich ihre Geheimnisse hat; ein quasi außenstehender Beobachter und natürlich ein Mord, der aufgeklärt werden muss. Dabei leisten Hobbydetetktive wie hier ein Journalist und der Künstler ebenso ihren Beitrag wie all diejenigen, die gerne etwas vertuschen würden. Am Ende kommt der große Showdown, nachdem der Ermittler die Gäste separierte, um sie einzeln zu verhören, und dann alle losen Enden miteinander zu verbinden und den Täter zu präsentieren. Allerdings schenkt Frajeon dem Leser noch zwei Kapitel, die die Geschichte nochmals in einem anderen Licht erscheinen lassen.

Natürlich sind Krimis aus der Entstehungszeit von „Dreizehn Gäste“ nicht mit heutigen zu vergleichen, die Erzählstruktur, das Figurenpersonal, das Erzähltempo und auch die detailreichen Schilderungen von Mord und Leiche unterscheiden sich nennenswert, weshalb es schlichtweg unfair wäre, den Roman daran zu messen. Als Fan auch der alten Storys, die vorzugsweise in der britischen Oberschicht spielen und auf ganz klassischen Motiven basieren, bei denen dem Leser im Laufe der Handlung kleine Andeutungen gemacht werden, die er hoffentlich nicht übersieht, um so seine eigenen Ermittlungen zu leiten, konnte mich Farjeon mit einem sauberen Krimi überzeugen, der auch sprachlich passend etwas angestaubt wirkt und einen subtil-ironischen Ton pflegt.

Kjell Eriksson – Nachtschwalbe

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Kjell Eriksson – Nachtschwalbe

Eine Horde marodender jugendlicher Zuwanderer zieht nachts durch die Innenstadt von Uppsala. Am kommenden Morgen sind nicht nur unzählige Fenster eingeschlagen, sondern ein junger Mann wird auch ermordet aufgefunden. Die Polizei ermittelt, doch scheinbar steht der Mord nicht direkt im Zusammenhang mit den Krawallen, denn der Tote traf zufällig auf den Ex Freund seiner Geliebten, der gerade erst von der Trennung erfahren hatte. Doch dieser bestreitet die Tat. Ann Lindell glaubt ihm, sehr zum Ärger ihrer Kollegen, die auf einen schnellen Fahndungserfolg hofften.

Kjell Erikssons dritter Band aus der Reihe um die Ermittlerin Ann Lindell konnte mich leider weit weniger überzeugen als erhofft. Für mich hatte der Krimi zu viele Längen, kam nur sehr gemächlich in Fahrt und hatte einige Seitenschleifen, die für meinen Geschmack verzichtbar waren. Auch fehlte mit ein wenig das typisch skandinavische Flair und der im Klappentext angekündigte Konflikt bleibt am Ende nur eine Randnotiz.

Im Zentrum der Handlung steht ein 15-jähriger Iraner, der offenkundig in der Nacht Entscheidendes beobachtet hat, aber nun aus Angst vor der Polizei sich dieser nicht anvertrauen kann und gleichzeitig auch aus den eigenen Reihen Druck erfährt. Diese Figur war für mich noch am überzeugendsten und auch glaubwürdig in der Anlage. Ann Lindell und ihr verflossener Liebhaber, der in Thailand das Glück sucht, konnte mich leider so gar nicht begeistern; die Protagonistin ist unsympathisch, egoistisch und als Supermami taugt sie auch nicht. Der Fall war letztlich eher banal und bot keineswegs große Überraschungen und leider auch viel zu wenig Spannung, um als Krimi zu überzeugen.

Andrew Cartmel – Murder Swing

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Andrew Cartmel – Murder Swing

Eigentlich verbringt er seine Tage damit von Second Hand Shop zu Second Hand Shop zu laufen und die Neuzugänge der Vinyl Platten zu durchforsten, immer auf der Suche nach dem ultimativen akustischen Kick – und nach einem lukrativen Geschäft, denn echte Sammler sind bereit so einiges zu bezahlen für eine wertvolle Platte. Als es eines Tages unerwartet an seiner Tür klingelt, ahnt er nicht, dass die Frau, die vor ihm steht, ihn nicht nur auf die Suche nach einer außergewöhnlichen Aufnahme schicken wird, sondern auch in größte Gefahr bringt, denn plötzlich häufen sich Unfälle und mysteriöse Todesfälle in seinem Umfeld. Aber wenn das Interesse erst einmal geweckt ist und dazu so ansprechend vertreten wird wie bei Miss N. Warren, muss ein Mann ja schwach werden und den Auftrag annehmen.

Andrew Cartmel ist als Schreiber für die britische TV Serie Doctor Who bekannt geworden, von der Vinyl Detective Reihe erscheint 2019 im Original bereits Band 4. Die Tatsache, dass sich Cartmel auch als Stand-Up Comedian betätigt, merkt man seinem Roman an. Als Thriller vom Verlag angekündigt, macht er auch mich doch eher den Eindruck einer Slapstick Krimi-Komödie, was jedoch in keiner Weise negativ zu verstehen ist.

Die Geschichte lebt ganz klar von den Figuren, die alle auf ihre Art skurril aber liebenswert sind. Vorneweg natürlich der Plattensammler, der nebenbei Detektivarbeit leistet. Man kann sich seine Wohnung bildhaft vorstellen, vor allem die zwei Katzen, die das Gesamtbild charmant abrunden. Miss Warren – deren Vorname lange ein ganz eigenes Mysterium bleibt, weshalb er auch hier nicht verraten wird – die zwischen dümmlich und hochintelligent oszilliert und damit immer wieder überrascht, ebenso mit ihren herrlichen Katzendialogen. Und natürlich die ganzen Nebenfiguren: die Gegenspieler Heinz und Heidi, der Drogendealer und Tomatenmagnat Hughie, Freund Tinkler und natürlich die Taxifahrerin Clean Head. Eine Ansammlung von Kuriositäten, die zusammen einen großen Spaß fabrizieren.

Der Kriminalfall um die Originalaufnahme von „Easy Come, Easy Go“ hat mir als unbedarftem digital Musikhörer so einiges an neuem Wissen eingebracht und die Komplexität des alten Mediums Vinyl erst richtig verdeutlicht. Die Geschichte wird schließlich glaubwürdig, wenn auch mit etwas Nachhilfe von Kommissar Zufall, gelöst. Da könnte das Buch eigentlich zu Ende sein. Doch wie bei jeder Platte gibt es noch eine B Seite und hier ist es quasi der zweite Auftrag für den Vinyl Detektiv. Wie bei allen Maxi-Singles auf Vinyl kommt auf die zweite Seite das, was eben nicht so erfolgversprechend und nicht so gelungen ist. So ist es hier auch. Mit Seite A war die Geschichte erzählt und fertig. Für mich ein sauberer und gelungener Abschluss. Die zweite Geschichte ist nicht nur in sich unabhängig und mehr wie die unterschiedlichen Bände einer Serie mit der ersten verbunden, weshalb sie für meinen Geschmack auch besser als Einzelband erschienen wäre. Da dieser Teil doch gewaltig abfällt im Vergleich zum ersten, gibt es hierfür auch den Punkt Abzug in der Bewertung.

Lars Kepler – Lazarus

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Lars Kepler – Lazarus

Joona Linna ist aus dem Gefängnis entlassen und soll seinen Dienst wieder antreten als man in Oslo eine grausame Entdeckung macht: in Haus eines Mordopfers finden sich zahlreiche Leichenteile, darunter auch der Kopf von Joonas Frau, offenbar aus ihrem Grab geraubt. Für ihn kann das nur eins bedeuten: Jurek Walter hat überlebt und nimmt so Kontakt zu ihm auf. Plötzlich werden aus ganz Europa seltsame Morde gemeldet, die alle die gleiche Handschrift zeigen und sich eindeutig an ihn richten. Sein Team mag das nicht ganz glauben, Saga weiß genau, dass sie den Serienmörder erschossen hat und die Leiche hatte man ja auch identifiziert. Joona hingegen ist sich sicher, dass sie alle in größter Gefahr sind, allen voran seine Tochter. Während er den Notfallplan aktiviert und untertaucht, geht man in Schweden der Sache nur langsam nach. Eine Entscheidung mit schwerwiegenden Folgen.

Band 7 der Serie um Hauptkommissar Linna der Stockholmer Polizei trägt die Altersempfehlung ab 16, die ich nur sehr unterstreichen kann. Der Krimi ist sowohl in physischer Hinsicht wie auch psychologisch extrem herausfordernd und das Autorenduo hinter dem Pseudonym Lars Kepler erspart dem Leser nichts. Das resultiert in Hochspannung, die tatsächlich kaum auszuhalten ist und bei zartbesaiteten Gemütern nicht ohne Alptraum-Gefahr sein dürfte.

Nach nur kurzem Vorspann beginnt die todbringende Verfolgungsjagd von Jurek Walter und Joona Linna. Die Kapitel enden meist mit geschickt platzierten Cliffhangern, die es einem quasi unmöglich machen, einfach das Buch beiseite zu legen. Es ist nicht nur das hohe Tempo der Handlung, das einem fordert, sondern auch die brutale Rücksichtslosigkeit des Mörders, die vor gar keiner noch so grausamen tat haltmacht und dieses Mal auch wirklich keine der Figuren schont. Das geht beim Lesen durchaus an die Substanz, weil man sich doch immer wieder wünscht, dass wenigsten der eine oder andere davonkommt – aber der Plan sieht anders aus.

Die Handlung ist in sich völlig stimmig und glaubwürdig, auch die Erklärung für Jureks Überleben kann man nachvollziehen, wenn ich dies auch etwas herausfordernder an die Phantasie fand. Besonders überzeugend war für mich die Figur Sagas, die unmittelbar und ganz persönlich getroffen wird von den Taten und dieses Mal ihre Grenzen überschreiten muss. Alles in allem, ausgesprochen brutal, aber kaum zu übertreffende Spannung.

Hörbuchspannung im Kurzformat: David Baldacci – Der Komplize / Andreas Schmidt – Dein Leben gehört mir / Romy Fölck – Stumme Geliebte

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David Baldacci – Der Komplize / Andreas Schmidt – Dein Leben gehört mir / Romy Fölck – Stumme Geliebte

Manchmal muss ein Hörbuch einfach kurz und in einem Durchgang zu hören sein, um zu passen. Drei Mal Spannung im Kurzformat: Baldacci mit 132 Minuten, Schmidt mit 166 Minuten und Fölck mit 170 Minuten.

David Baldacci – Der Komplize

Will Robie bereitet sich auf seinen nächsten Fall vor als er zufällig zur Geisel bei einem Banküberfall wird. Unter den Opfern ist auch Oliver Stone, ein undurchsichtiger Mann, in dem Robie einen Gleichgesinnten erkennt: ebenfalls Auftragskiller oder steht er auf der anderen Seite des Gesetzes? Viel wichtiger ist jedoch zunächst die Frage, was es in genau dieser kleinen Bankfiliale so Wichtiges gibt, dass das Gangsterteam sie mit großem Gerät und offenbar gut vorbereitet überfällt.

Überzeugender Plot, der so manche Überraschung zu bieten hat und den längen Krimis von Baldacci in nichts nachsteht. Besonders passend ist hier, dass man den Eindruck hat, dass sich die Handlung in Echtzeit abspielt und man jede Sekunde miterlebt. Mit dem Fokus auf die Krimihandlung kommt die Figurenzeichnung etwas zu kurz, was jedoch dem zielgerichteten Hörgenuss keinen wirklichen Abbruch tut.

Andreas Schmidt – Dein Leben gehört mir

Maren liegt schon im Bett als sie ein seltsames Geräusch hochschrecken lässt. Sie bittet ihren Mann Paul auf dem Dachboden nachzusehen, doch dieser kehrt unverrichteter Dinge wieder nach unten. Aber etwas stimmt nicht mit Paul, auch am folgenden Morgen verhält er sich seltsam bevor er zur Arbeit geht. Maren hat nicht lange Zeit, sich darüber Gedanken zu machen, denn als es an der Tür klingelt und sie öffnet, wird sie gekidnappt bevor sie irgendetwas sagen kann. Während sie gefesselt in einem Verlies wieder zu sich kommt, sieht Paul sein Leben in sich zusammenfallen, irgendwer stalkt ihn online und will ihn zerstören. Dass er nicht das einzige Opfer dieser Attacke ist, ahnt er da noch nicht.

Andreas Schmidt fackelt in „Dein Leben gehört mir“ ebenfalls nicht lange und die Handlung schreitet zügig voran. Ihm gelingt es auf der emotionalen und der Spannungsebene nennenswert besser, den Nervenkitzel umzusetzen und es fällt nicht schwer, die Verzweiflung der Figuren nachzuempfinden. Dafür jedoch war die Auflösung für mich nicht ganz überzeugend und die Tatsache, dass Paul so intensiv in die Polizeiarbeit eingebunden und auch in die geheimsten Orte im Revier vorgelassen wurde, erschien mir dann doch etwas unglaubwürdig.

Romy Fölck – Stumme Geliebte

In Lars Kaufmanns Leben läuft es zur Zeit einfach nicht. Seine Spielschulden kann er nicht bezahlen und die Handlanger seines Buchmachers haben bereits deutlichgemacht, dass ihnen nicht sehr viel an seiner Gesundheit liegt. Auch in der Kanzlei seines Vaters hat er Ärger: obwohl er der natürliche Nachfolger ist, scheint es seinem Konkurrenten zu gelingen, ihn zu verdrängen. Ein einfacher Auftrag unter der Hand scheint seine Probleme lösen zu können: für den Reeder Albert Callsen soll er eine Frau finden, die dieser seit 60 Jahren nicht mehr gesehen hat. Doch kaum hat Kaufmann die Nachforschungen aufgenommen, wird dies von einem unsichtbaren Gegner sabotiert und er muss Angst um sein Leben haben.

In knapp drei Stunden ist schon etwas mehr Zeit, um Handlung und Figuren auszuführen und so wird die Geschichte auch deutlich komplexer als bei den anderen beiden Büchern. Großes Plus für die Verknüpfung unterschiedlicher Handlungsstränge, die neben der Spannung auch Abwechslung brachten und die Charaktere mit ihrem Profil deutlich mehr schärften.

Alex Pohl – Eisige Tage

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Alex Pohl – Eisige Tage

Kurz vor Weihnachten ist in Leipzig der Winter ausgebrochen, was dem Fundort einer Leiche nicht gerade zuträglich ist. Hanna Seiler und ihr Kollege Milo Novic müssen sich aber vor Ort ein Bild von dem Mann machen. Die Tatwaffe ist ungewöhnlich, eine alte Makarow, handelt es sich etwa um eine Tat aus dem Milieu? Doch ein Besuch des lokalen Unterweltboss Iwanow bleibt ergebnislos. Als sie das Handy des Toten endlich knacken, finden sie ein Video, das sie auf eine ganz andere Spur bringt: offenbar hatte er ein Faible für sehr junge Mädchen. Derweil ist Elise zum ersten Mal im Leben so richtig verliebt, so sehr, dass sie es auf einen finalen Streit mit den Eltern ankommen lässt. Aber wissen die denn schon, Aljoscha liebt sie, hat sich sogar extra wegen ihr tätowieren lassen und will mit ihr gemeinsam nach Moskau gehen. Nur manchmal, da ist er etwas seltsam, aber darüber kann man frisch verliebt locker hinwegsehen…

Alex Pohl erster Roman unter seinem Klarnamen, nachdem er bereits Erfolge mit dem Pseudonym L.C. Frey hatte, ist zugleich der Auftakt für eine Serie um die beiden ostdeutschen Ermittler Seiler und Novic. Der Plot ist vielversprechend, aber für mich war einiges noch etwas zu holprig in dem Roman. Auch die beiden Protagonisten hat er mit interessanten Facetten ausgestattet, aber so ganz rund erschienen sie mir nicht.

Vom Ende her gesehen ist der Kriminalfall in sich stimmig und auch glaubwürdig. Allerdings kam mir der Geistesblitz des Polizisten, der letztlich alle Fäden zusammenführt und die Lösung offenlegt, etwas zu unmotiviert aus dem Nichts. Vorher eiert die Polizei in allen Richtungen herum ohne wirklich eine Strategie oder Spur zu verfolgen und unerwartet durchschaut Novic plötzlich alles. Da ist sicher noch Potenzial nach oben.

Novic ist es auch, der insgesamt schwer greifbar bleibt. Traumatisiert durch seine Kindheitserfahrungen im Balkankrieg hat er ganz offenkundig so einige Schäden davongetragen; er wirkt jedoch eher autistisch, was nicht ganz zu einem posttraumatischen Belastungssyndrom passt. Auch finde ich diese halsbrecherischen Alleingänge von Ermittlern etwas ausgelutscht – hat man zu oft gelesen und ist bei der heutigen Polizeiarbeit nicht mehr angesagt. Sein Pendant dagegen ist leider auch ziemlich klischeehaft überzeichnet. Erst erscheint Hanna Seiler ziemlich dümmlich und ist von den banalsten Ermittlungsschritten ihres Kollegen völlig fasziniert, dann präsentiert sie sich sie als alleinerziehende Mutter, die ihrem Sohn nicht gerecht wird, gleichzeitig aber locker bereit ist, alle Register zu ziehen, wenn erforderlich auch mal Schmiergeld zu zahlen, und mit der Unterwelt entspannt auf Du und Du ist.

Die verschiedenen Zeitebenen sollen vermutlich die Spannung steigern, haben bei mir aber eher zu Verwirrung geführt, da sie nur wenige Tage auseinanderliegen, aber immer hin und zurückspringen ohne das genau klar wird, welches Kapitel jetzt zu welchem Tag gehört. Noch dazu hatte ich zunächst nicht beachtet, dass die Handlung gar nicht chronologisch fortschreitet.

Alles in allem durchaus eine Serie mit Potenzial, die noch einige Luft nach oben hat.

Øistein Borge – Hinterhalt

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Øistein Borge – Hinterhalt

Vier Jahre ist es her, dass Bogart Bull zuletzt bei seinem Großvater in Nordirland war, doch diesen Sommer ist es so weit, denn dem alten Mann geht es nicht gut und zudem will Bogart mit seinem Vater und Großvater der verstorbenen Mutter und Großmutter gedenken. Doch kaum ist Bull in Belfast angekommen, wird er zu einem Fall mit zwei ermordeten Norwegern hinzugezogen. Als Europol-Kommissar für auswärtige Angelegenheiten hat er keine große Wahl und muss statt zu urlauben mit den lokalen Ermittlern zusammenarbeiten. Der Fall ist mysteriös, denn neben dem älteren norwegischen Ehepaar wurde auch noch eine dritte Leiche in unmittelbarer Nähe gefunden und diese Leichen weist deutliche Parallelen zu alten Fällen auf: zwei leere Augenhöhlen und darin eine Lilie. Das unverkennbare Zeichen der IRA. Hat die kriminelle Organisation sich neuformiert und den bewaffneten Kampf wieder aufgenommen?

Fall zwei für den skandinavischen Kommissar mit dem außergewöhnlichen Namen. „Kreuzschnitt“ hatte mich bereits begeistert, weshalb die Erwartungen an diesen Band der Reihe ebenfalls hoch waren. Wieder eine spannende und vor allem politisch-komplexe und interessante Geschichte, die jedoch aufgrund der nicht ganz überzeugenden persönlichen Verwicklungen Bulls nicht ganz an den Serienauftakt heranreicht.

Mit Belfast als Handlungsort ist die Nordirlandfrage quasi zwingend als Aspekt gesetzt und dies wird auch überzeugend und glaubwürdig von Øistein Borge umgesetzt.

» (…) Er stirbt niemals.«

»Was stirbt niemals?«

»Der Hass«, seufzte McKenna. »Der Frieden ist in erster Linie dem Umstand geschuldet, dass beide Seiten in diesem Konflikt müde geworden waren. Es gibt alte IRA-Kämpfer, die meinen, dass Sinn Féin – also der politische Flügel der IRA mit Gerry Adams an der Spitze – den Traum verraten hat, für den Tausende von irischen Katholiken ihr Leben gegeben haben: den Bruch mit England und eine Wiedervereinigung mit der Republik im Süden.

 

Dieser Hass ist es, der Generationen überdauert und auch Jahrzehnte später noch Grundlage für Morde und Vergeltung ist. Borge greift die 2016er Brexit-Abstimmung als Ausgangspunkt auf. Was damals wie auch heute noch gleichermaßen ungewiss ist, ist der Status des geteilten Irland und die Grenze, die dank der EU-Zugehörigkeit quasi der Vergangenheit angehörte und nun mit dem Ausscheiden aus dem Bündnis wieder hochaktuell wurde. Ohne zu sehr ins Detail zu gehen wird der Konflikt am Beispiel der persönlichen Betroffenheit der Figuren deutlich und verständlich.

Bulls Familiengeschichte wird hier weitergesponnen und vor allem nun die zurückliegenden Ereignisse etwas mehr ins Licht gerückt. Es bleiben jedoch noch einige Fragen, die hoffentlich in den Folgebänden etwas klarer werden. Insgesamt ein anspruchsvoller Krimi, der überzeugt.

Un-Su Kim – Die Plotter

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Un-Su Kim – Die Plotter

Eine Wahl für sein Leben hatte er nie. Raeseng ist schon in der Bibliothek bei Old Raccoon aufgewachsen und dort ganz selbstverständlich in das Metier eines Auftragskillers eingeführt worden. Doch die Lage in Seoul verändert sich, Wahlen stehen an, die Regierung schwächelt und es scheint als wenn unter den Plottern, die seit Jahrzehnten im Land entscheiden, wessen Tage gezählt sind, ein Machtkampf ausgebrochen ist. Auch Raeseng bemerkt, dass seine Arbeit kritischer wird und dass auch er selbst ins Visier der Plotter geraten zu sein scheint – eine Bombe in seiner Wohnung ist da doch recht eindeutig. Er forscht nach und kommt einer kleinen, aber interessanten Gruppe auf die Schliche, die ihn auf ihrer Liste stehen hat.

Koreanische Literatur ist häufig etwas härter als der durchschnittliche deutsche Krimi, auch „Die Plotter“ erfüllt in dieser Hinsicht alle Erwartungen. Menschenleben sind nichts mehr als Spielfiguren in einem Schachspiel, die bisweilen an die falsche Stelle rücken und dann aus dem Spiel entfernt werden. Ein ewiger Kampf ums Überleben, der am Ende nur einen Sieger kennen kann.

Zunächst erscheint der Auftragskiller als Protagonist eher unnahbar in seiner Abgeklärtheit und Kühle. Aber im Laufe der Handlung entwickelt Raeseng immer mehr Profil und vor allem zeigt sich seine menschliche Seite. Er ist keineswegs so gefühllos, als dass er unhinterfragt jeden Auftrag nach Vorgabe ausführt und sich keine weiteren Gedanken um seine Opfer macht. Gerade dieser humane Zug wird ihm schließlich zum Verhängnis, zeigt aber auch, dass man zwar in ein Milieu hineingeboren werden, aber trotzdem so etwas wie Mitgefühl entwickeln kann. Seine Neigung zur Literatur ist glaubwürdig motiviert, aber doch so außergewöhnlich für seinen Berufsstand, dass es die Figur umso interessanter macht.

Die Handlung ist in gewissen Maße abzusehen, die Erinnerungen Raesengs bringen diese auch weniger voran als dass sie zur Profilschärfung des Protagonisten dienen. Das Trio, das Raeseng letztlich ausmacht, hat auch eine recht unerwartete Note, in diesem Punkt kann der Roman sich wahrlich aus der Masse hervorheben: ein Mangel an Überraschungsmomenten kann man Un-Su Kim sicher nicht vorwerfen und derart eigene, ausgefeilte Charaktere findet man auch eher selten. Insgesamt ein stimmiger und außergewöhnlicher Thriller.

Arnaldur Indriðason – Graue Nächte

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Arnaldur Indriðason – Graue Nächte

Im Frühjahr 1943 ist Island besetzt und es wimmelt nur so von amerikanischen und britischen Soldaten. Die Bevölkerung hält sich von ihnen fern, so manches Mädchen findet jedoch Gefallen und die eine oder andere Liebesnacht lässt sich auch in Zeiten des Krieges nicht verhindern. Kommissar Flóvent hat dennoch eine Menge zu tun. Eine Wasserleiche sieht zunächst nach einem Selbstmord aus, wirft jedoch nach der Obduktion große Fragen auf. Der Mord an einem jungen Soldaten vor einer bekannten Kneipe bringt ihn wieder einmal mit seinem kanadischen Kollegen Thorson von der Militärpolizei zusammen. Seltsam ist allerdings, dass bei den Truppen niemand vermisst wird und dass die Ermittlungen von allen Seiten behindert werden und versucht wird, sie im Keim zu ersticken. Die beiden Ermittler haben schwere Wochen vor sich, die auch sie beiden in höchste Gefahr bringen werden.

Seit vielen Jahren ist Arnaldur Indriðason eine verlässliche Größe im Krimi Genre, auch ich bin seit Langem Fan seiner Island Romane, die immer einen Kriminalfall beinhalten, aber weniger durch die Nerven zerreißende Spannung als durch eine genaue Studie der Menschen und ihres Verhaltens und den oftmals widersprüchlichen Emotionen geprägt sind. Schon „Der Reisende“ aus dieser Reihe hatte mir gut gefallen, in „Graue Nächte“ steigert sich der Autor jedoch nochmals deutlich und so entsteht ein rundum überzeugender Krimi, der alle Erwartungen erfüllt.

Was mich insbesondere angesprochen hat, war, dass in diesem Band die Atmosphäre der Kriegsjahre und der Besetzung noch deutlich überzeugender dargestellt waren. Die schwierige Zusammenarbeit von Militär und Zivilpolizei, aber auch die Angst der Bevölkerung vor den Soldaten und auch der eigenen Schutzkräfte kommt im Handeln der Figuren sehr gut rüber – vor allem, wie weit manche bereit sind zu gehen, um an Schmuggelware zu kommen oder wenigstens kleine Vorteile zu genießen.

Die beiden Fälle, die Flóvent lösen muss, sind kompositorisch ebenfalls geschickt verwebt. Ein Handlungsstrang liegt zeitlich vor dem eigentlichen Geschehen, was sich aber erst im Laufe des Lesens erschließt und was dann auch erst die Brisanz erkennen lässt. Beide Fälle waren aber völlig glaubwürdig motiviert und durch die Figuren der Täter stimmig und nachvollziehbar.

Volle Punktzahl für eine Kriminalgeschichte, der man die isländische Kälte spürt: das Tempo ist etwas gemächlicher, dafür menschelt es viel mehr und so vielschichtig und komplex das Leben ist, so erscheinen auch Arnaldur Indriðasons Figuren.

Maria Adolfsson – Doggerland: Fehltritt

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Maria Adolfsson – Doggerland: Fehltritt

Nach dem großen Austernfest auf Doggerland kehrt die Kommissarin Karen Eiken Hornby verkatert nach Hause zurück. Sie sieht noch ihre Nachbarn Susanne aus der Ferne bevor sie in Tiefschlaf fällt aus dem sie brutal ein Anruf reißt: sie soll zum Tatort kommen, Susanne wurde ermordet. Nicht genug, dass die allein lebende Frau bestialisch hingerichtet wurde, sie ist auch noch die Ex von Karens Chef, der natürlich als einer der ersten unter Verdacht gerät. Doch er scheidet als Täter, aber nun ebenso als Ermittler aus, weshalb Karen die Verantwortung für die Aufklärung des Falls tragen muss. Keine leichte Last, denn es gibt quasi keinerlei Spuren, die zu einem Schuldigen führen könnten. Der Druck wächst auf Karen, ist sie der Aufgabe, der sie so lange entgegengesehnt hatte, doch nicht gewachsen?

Dass Schweden reihenweise hervorragende Krimiautoren hervorbringt, ist nichts Neues. Dazu gehört sicherlich auch Maria Adolfsson, die mit ihrer Doggerland Reihe ein wirklich beachtliches Debüt vorlegt. Ungewöhnlich an der Reihe – Ullstein hat bislang drei Bände angekündigt – ist der Handlungsort: die fiktiven Doggerschen Inseln, die sich in der Nordsee zwischen Dänemark, den Niederlanden und dem Vereinigten Königreich befinden.

In „Fehltritt“ stimmt schlicht und ergreifend alles: eine interessante Protagonistin, die weder Übermensch noch psychisch völlig am Ende ist, die ihre guten wie auch die weniger sympathischen Seiten hat, aber durch die Handlung hindurch menschlich und authentisch wirkt und zunehmend an Profil gewinnt. Ein Fall, der sehr lange offen bleibt und nur durch systematische und gute Polizeiarbeit gelöst wird und keinerlei Kommissar Zufall erfordert, der den Ermittlern mal eben aus der Patsche hilft. Die Handlung war für mich auch völlig ausgeglichen zwischen dem Privatleben der Figuren und der eigentlichen Krimihandlung, Karens Leben außerhalb des Reviers war perfekt dosiert, um sie als Figur greifbar zu machen aber nicht zu stark den Fokus vom eigentlichen Geschehen abzulenken. Der Schreibstil überzeugt ebenfalls, der Roman ist kein Psychothriller mit dauerhafter Anspannung am Anschlag, sondern ein solider Krimi, bei dem die Polizeiarbeit im Vordergrund steht.

Für mich jedoch am beeindruckendsten war der Handlungsort: die Autorin hat eine fiktive Welt erschaffen, die jedoch durch und durch glaubwürdig und vorstellbar erscheint. Es ist nicht nur die Landschaft, die natürlich eine gewisse skandinavische Prägung aufweist und zu dem rauen Nordseeklima passt, sondern auch die Menschen, die als Siedler verschiedenste Einflüsse Dänemarks, Norwegens und Schwedens, aber auch der Niederlande aufweisen und die fiktive Sprache, die mit einigen Worten eingeworfen wird, so als Mischung herausbilden. Die Autorin hat Details erschaffen wie eine mystische Sage, die die Entstehung des Eilands begründet, wie auch Vorbehalte und Vorurteile zwischen den Bewohnern im Norden und im Süden. Zu keiner Sekunde hat man Zweifel daran, dass es diesen Ort real geben könnte.

Auf die weiteren Fälle wird man leider in deutscher Übersetzung noch einige Zeit warten müssen – das ist aber auch der einzige Wermutstropfen.