Alfred Bodenheimer – Der böse Trieb

Alfred Bodenheimer – Der böse Trieb

Schon seit Jahren trifft sich Rabbi Klein mit Viktor Ehrenreich für tiefgründige Gespräche. Sie sehen sich nicht oft, der Zahnarzt gehört auch nicht zu seiner Gemeinde, sondern wohnt im deutschen Lörrach. Doch nun hat er einen Termin verstreichen lassen und wird sich auch nicht mehr melden, denn Ehrenreich wurde in seinem Haus erschossen während seine Frau Sonja in Vietnam auf Reisen war. Dass es in der Ehe schon länger kriselte, war Klein bekannt, doch reicht das für einen Mord? Die deutsche Polizei scheint vor allem die Gattin im Visier zu haben. Auch wenn er sich dieses Mal raushalten will, schnell schon findet der Rabbi Anzeichen dafür, dass es Viktors Wohltätigkeit im Kongo sein könnte, die zu der unglaublichen Tat geführt hat.

Schon zum sechsten Mal lässt der Schweizer Professor für jüdische Literatur- und Religionsgeschichte Alfred Bodenheimer seinen Züricher Rabbi ermitteln. „Der böse Trieb“ spielt dieses Mal nicht unmittelbar in der jüdischen Gemeinde, Glaubensfragen bestimmen aber wieder ganz wesentlich das Handeln der Figuren. Besonders interessant dieses Mal, dass der Autor mit Unschärfen arbeitet und Fragen offen lässt, auf die man als Leser selbst eine Antwort finden muss.

Die Serie lebt von ihrem Protagonisten, der Ermittler wider Willen setzt seinen Verstand ein und nimmt auch die Zwischentöne wahr. Was ihn jedoch nicht daran hindert, an anderer Stelle selbst immer wieder in unruhige Gewässer zu geraten, vor allem seine Frau Rivka zeichnet sich auch in diesem Fall durch eine starke Persönlichkeit aus, die ihrem Mann die Stirn bietet.

Der Fall bleibt bekannten Mustern treu, er lebt nicht von der ganz großen Spannung, sondern bietet immer wieder neue Spuren, die alle plausibel zu einem Motiv führen könnten und zutiefst menschlich sind. Die Figuren wirken durch und durch authentisch in ihren kleinen und großen Verfehlungen und reißen damit über den Kriminalfall hinaus essentielle Fragen des Lebens auf.

Einmal mehr eine gelungene Verbindung von Kriminalgeschichte und jüdischem Leben in Europa, das in diesem Band auch durchaus seine hinterfragenswerte Seiten offenbart.

Javier Cercas – Terra Alta

Javier Cercas – Terra Alta

Das Gefängnis kann den jungen Melchor Marín nicht läutern, erst der Tod seiner Mutter, der nie aufgeklärt wird und scheinbar niemanden interessiert, führt dazu, dass er sich der anderen Seite der Gerechtigkeit zuwendet und Polizist werden will. Mit der Hilfe seines Anwalts Vivales gelingt es ihm und in Terra Alta kann er sich ein Leben mit seiner Frau und der gemeinsamen Tochter aufbauen. Es passiert nicht viel in dem kleinen Ort und so richtet er sich zwischen den Diensten und der gemeinsamen Liebe zur Literatur ein. Doch dann geschieht ein grausamer Mord an dem Unternehmerpaar Adell, der auch Melchors Dasein erschüttern wird.

Javier Cercas Roman spielt mit der Frage nach Recht und Gerechtigkeit und dem intensiven Gefühl von Hass, das Menschen ob der augenscheinlichen Ungerechtigkeit in sich tragen. In „Terra Alta“ werden nie wirklich verheilte Wunden wieder aufgerissen und die Figuren herausgefordert, ihre Ideale und Werte zu prüfen. Das Ganze erzählt der spanische Autor und Dozent, der 2016 mit dem Prix du livre européen ausgezeichnet wurde, auf eine spannende Weise, die einem sogleich packt.

„Das ist ungefähr so, als würde man einen Becher Gift trinken, im Glauben, dass man den tötet, den man hasst.“

Melchor ist vom Hass auf jene, die seine Mutter getötet haben und jene, die den Mord nicht aufgeklärt haben, angetrieben. Er selbst will herausfinden, was in jener Nacht geschehen ist und riskiert dafür viel. Gleichermaßen geht es ihm mit den Morden an dem Ehepaar Adell, auch hier will er sich nicht mit dem Schließen der Akte, bevor ein Täter gefunden wurde, zufriedengeben. Wieder riskiert er viel und bezahlt dieses teuer. Er sucht Gerechtigkeit, die es jedoch nicht gibt, und erkennt stattdessen, was Hass mit den Menschen anrichten kann.

Neben den spannenden Elementen um die Morde hat mich jedoch vor allem die Parallele zu Victor Hugos Roman „Die Elenden“ und die weiteren literarischen Anspielungen angesprochen, die geschickt integriert sind und herausstellen, was sich aus dem Lesen auch der alten Werke für das eigene Handeln ableiten lässt. Mit Melchor Marín hat er einen starken Charakter geschaffen, der vielschichtig gestaltet ist und mit widersprüchlichen Gefühlen zu kämpfen hat.

Ein anspruchsvoller literarischer Krimi, der in die Abgründe der Gesellschaft und der Seele führt.

Andrej Kurkow – Samson und Nadjeschda

Andrej Kurkow – Samson und Nadjeschda

Seine Mutter und seine Schwester sind bereits verstorben und nun hat auch sein Vater den Überfall auf sie beiden nicht überlebt. Der 17-jährige Samson ist auf sich allein gestellt und das mit nur noch einem Ohr. Als das Geld knapp wird – wie alles andere in den Wirren der Revolution von 1919 – stellt er sich bei der Miliz vor und erhält den Job, jemand, der schreiben kann, ist eindeutig nützlich. Kiew versinkt langsam im Chaos und Samsons erster Fall ist mehr als mysteriös: Diebstähle von Silber, während das Gold und Diamanten nicht angetastet werden, ein unfertiger Anzug in seltsamem Format und der ermordete deutsche Schneider Balzer. Samson stürzt sich in die Arbeit, wenn sein Vorgehen auch für Verwunderung sorgt.

Andrej Kurkows Roman „Samson und Nadjeschda“ ist der Auftakt einer historischen Krimiserie um den cleveren Samson Koletschko, der zur unübersichtlichen Zeit der Revolution spielt. Plötzlich auf sich allein gestellt muss er das Beste aus seiner Situation machen, mit der Hausmeisterwitwe und mit Nadjeschda hat er jedoch auch zwei patente Frauen an seiner Seite.

Samson löst den Fall mit Beharrlichkeit und guter Beobachtungsgabe. Dass er dabei von den üblichen Wegen abweicht und seinen Vorgesetzten mehr als einmal verwundert, erstaunt nicht, er hat die Ermittlungsarbeit ja nicht gelernt, bringt aber alles mit, um mit den richtigen Fragen und Schlüssen dem Geheimnis auf die Schliche zu kommen.

„Wenn ein Mensch sich in sein Gegenteil verkehrt, kann er auch mit Gut und Böse durcheinanderkommen.“

Neben der Kriminalhandlung überzeugt der Roman vor allem durch die Atmosphäre. Das Chaos der Revolution wird greifbar, Freund und Feind reichen als Kategorien nicht mehr aus und Sicherheit wird ein rares Gut. Redlichkeit und Gerechtigkeitssinn, wie Samson sie zeigt, werden immer seltener. Er ist zwar nicht ganz unbezwingbar wie sein biblischer Namensvetter und seine Liebe zu Nadjeschda wird ihm hier auch nicht zum Verhängnis, aber seinem Volk Gerechtigkeit zu verschaffen, ist auch sein Ziel.

Eine überzeugende Geschichte, mit ungewöhnlicher Falllösung, die atmosphärisch sofort verfängt.

Jean Hanff Korelitz – The Plot

Jean Hanff Korelitz – The Plot

Jacob Finch Bonner galt als vielversprechender junger Autor, doch nach seinen ersten Erfolgen will sich einfach keine Idee mehr einstellen. Als Lehrer eines drittklassischen Kurses für angehende Autoren schlägt er sich durch und verliert dabei immer mehr an Selbstrespekt. Als sein Schüler Evan Parker ihm von seiner Buchidee berichtet, muss er anerkennen, dass dieser Plot noch nie da war, ein völlig neues Thema, nicht nur eine Variante eines bekannten Musters. Einige Jahre später wundert er sich, weshalb er immer noch nichts von diesem großartigen Werk gehört hat, denn neben der außergewöhnlichen Geschichte hatte Parker auch ein unverkennbares Schreibtalent. Er stellt fest, dass Parker verstorben ist, so wie der Rest seiner Familie, es ist niemand mehr da, der diese Geschichte erzählen könnte – außer ihm selbst.

Jean Hanff Korelitz konnte mich bereits mit vorherigen Romanen überzeugen, vor allem „The Devil and Webster“ war herausragend konstruiert. „The Plot“ besticht durch einen Protagonisten, der nicht wirklich bösartig ist, aber durchaus seine Chancen zu nutzen weiß und der langsam in die Enge getrieben wird. Eine Mischung aus bissigem Blick in die Literaturwelt, Krimi und Psychostudie bietet der Roman viel Raum für Spekulationen und immer wieder überraschende Wendungen.

Wie auch schon in anderen Romanen beginnt die Handlung mit einem recht ausufernden Vorspann, dessen Relevanz erst später offenkundig wird. Die Autorin spielt dabei geschickt damit, dass sie dem Leser den Plot vorenthält, über den sehr viel gesprochen wird und der das Buch zu einem nie dagewesenen Sensationserfolg macht. Man rätselt, um was für eine Geschichte es sich handeln könnte, die so außergewöhnlich ist, dass sie sogar Nichtleser zum Roman greifen lässt. Perfekt orchestriert kommt man er langsam dahinter, weshalb nicht unmittelbar offengelegt wird, was Evan Parker erzählen wollte und mit der Handlung hält man plötzlich auch den Schlüssel zu einer ganz anderen Geschichte in der Hand.

Seit langem mal wieder ein Krimi, den ich kaum aus der Hand legen konnte, da die große Frage, was hinter all dem steckt, maximal die Neugier weckt.

Agatha Christie – Sie kamen nach Bagdad

Agatha Christie – Sie kamen nach Bagdad

Victoria Jones ist gerade mal wieder ihren Job als Stenotypistin losgeworden, als sie in einem Park Edward kennenlernt und sich sofort in ihn verliebt. Doch dieser wird nur wenige Tage später nach beruflich nach Bagdad reisen müssen, Rückkehr nach London ungewiss. Da sie in der Heimat ohnehin nichts mehr hält, beschließt auch Victoria ebenfalls in den Orient zu reisen, als Begleiterin einer kranken Dame ergibt sich auch direkt eine Chance. Unerschrocken stürzt sie sich in das Abenteuer, nicht ahnend, dass sie bald schon zwischen die Räder von geheimen Untergrundorganisationen, Mördern und undurchsichtigen Staatsdienern geraten wird.

Agatha Christies 41. Roman „Sie kamen nach Bagdad“ gehört zu den wenigen, die nie verfilmt wurden und ist meiner Einschätzung nach auch eher ein unbekanntes Werk. Wie auch „N oder M?“ ist es eher ein Spionageroman denn klassischer Krimi, auch wenn recht schnell die ersten Leichen auftauchen und die mysteriösen Umstände ihres Ablebens zentral für die Handlung sind.

Im Fokus steht die einerseits naive und sorglose Victoria, die schneller handelt als sie denkt und zudem einen Hang zum Lügen hat. Bisweilen möchte man sich die Haare raufen ob ihrer Unbedachtheit, dann wiederum zeigt sich jedoch, dass sie über eine Alltagsschläue und Cleverness verfügt, die nicht auf den ersten Blick erkennbar sind und weshalb sie schnell abgestempelt und unterschätzt wird. Dass ein komplexer Komplott von dem Fräuleinwunder gelöst wird, ist schon etwas abenteuerlich, Glück und Zufall helfen auch nach, aber wohlwollend kann man durchaus konstatieren, dass Christie hier eine sehr moderne junge Frau geschaffen hat, die sich behauptet und wenn es drauf ankommt, all ihre Stärken ausspielt – und vor allem die Vorurteile, die man ihr entgegenbringt, zu nutzen weiß.

Ein amüsanter und gänzlich Christie-untypischer Roman mit einer außergewöhnlichen Protagonistin.

Agatha Christie – N oder M?

Agatha Christie – N oder M?

Tommy und Tuppence Beresford langweilen sich 1940 im vom Krieg bedrohten England fürchterlich. Im 1. Weltkrieg waren sie für den Geheimdienst mittendrin, doch jetzt schiebt man sie zum alten Eisen ab. Als Tommy ehemaliger Vorgesetzter mit einer Geheimmission an ihn herantritt, schleicht sich seine Frau ebenfalls in die Küstenstadt Leahampton, wo sie als Mr Meadowes und Mrs Blenkensop im Gästehaus Sans Souci von Mrs Perenna unterkommen. Ihr Auftrag besteht darin, einen Maulwurf in den britischen Reihen zu finden, der zu der sogenannten Fünften Kolonne gehört, einer Nazi Organisation. Doch sie erkennen schnell, dass ihr Job nicht einfach ist, denn die Gäste sind alle gleichermaßen unverdächtig, was sie alle wiederum hochgradig verdächtig macht.

Kein klassischer Krimi, wie man ihn von Agatha Christie kennt, sondern eher ein typischer Spionagethriller mit Agenten und Doppelagenten. Der Titel „N oder M?“ spielt auf die vermuteten Identitäten eines deutschen Agentenpärchens an, statt ursprünglich aus dem Katechismus des Book of Common Prayer, wo es die Antwort auf die Frage nach dem Namen war. Der Roman brachte Christie selbst ins Visier des MI5, da eine der Figuren, Major Bletchley, mit dubioser Beziehung zu Deutschland zufälligerweise denselben Namen wie das top-secret Dekodierungszentrum des Geheimdienstes heißt.

 Auch wenn „N oder M?“ nicht dem bekannten Muster Christies folgt, gibt es doch einige charakteristische Wiedererkennungsmerkmale: eine abgeschlossene Gruppe von Fremden, die sich in der Pension zusammenfinden. Ein Querschnitt durch die britische Bevölkerung, der unauffälliger kaum sein könnte, mit Ausnahme des Deutschen, der natürlich sofort verdächtig ist, was aber zu offenkundig wäre. Eine geheimnisvolle Fremde, durchsuchte Zimmer, kleine Geheimnisse hier und da, die nach und nach an die Oberfläche kommen.

Ein besonderes Hoch geht an Tuppence, die wie eine naive Gattin wirkt und der scheinbar banale Fehler passieren, die sich jedoch als echte weibliche Heldin entpuppt. Wie gewohnt liebenswerte Figuren, ein durchaus kniffliger Fall, der jedoch ausgesprochen clever gelöst wird.

Mercedes Rosende – Falsche Ursula

Mercedes Rosende – Falsche ursula

Ursula ist frustriert. Sie hat Übergewicht, fühlt sich hässlich und ihre Nachbarin mit den lauten hochhackigen Schuhen nervt sie auch. Ganz anders ihre Schwester Luz, die schon als Kind von den Eltern bevorzugt wurde. Als sie einen Anruf erhält, stutzt sie, angeblich wurde ihr Ehemann entführt und sie soll Lösegeld beschaffen. Was für ein Mann? Sie beginnt zu recherchieren und kommt schnell dahinter, dass es zu einer Verwechslung kam, weil sie denselben Namen trägt wie die Gattin des entführten Unternehmers Santiago Losada. Aus der Situation lässt sich doch was machen und kurzerhand dreht sie den Spieß um und gibt den überforderten Entführern Anweisungen. Aber ganz so einfach ist der Fall dann doch nicht…

„Falsche Ursula“ ist der Auftakt zur Montevideo-Reihe der uruguayischen Autorin Mercedes Rosende. Die deutschen Übersetzungen fingen mit Teil 2 der Reihe an, „Krokodilstränen“, für den die Autorin 2019 mit dem LiBeraturpreis, der ausschließlich an Schreibende aus Afrika, Asien, der arabischen Welt oder Lateinamerika vergeben wird, ausgezeichnet wurde. Die Protagonistin, groß, laut, oftmals unerträglich und doch wiederum charmant in ihrer zynischen Art, trägt dabei die Handlung ganz wesentlich. Diese schwankt zwischen einer Abrechnung mit den gängigen Erwartungen an Frauen und gesellschaftlichen Klischees und einer geradezu grotesken Kriminalgeschichte, die immer wieder völlig unerwartete Wendungen nimmt.

Ursula ist gewöhnungsbedürftig, ohne Frage, dabei blickt sie doch mit viel Realismus auf sich und ihr trostloses Leben. Sie entspricht keiner Norm, passt in kein Schema und gerade deshalb kann man sich in irgendeiner ihrer Eigenschaften wiederfinden. Mit sarkastisch-ironischem Blick beobachtet sie die Welt um sich herum und entfaltet unerwartet eine nicht zu unterschätzende kriminelle Energie.

Mercedes Rosende findet dabei eine ungewöhnliche Erzählform, die verschiedene Perspektiven mischt und so auch unerwartete Außenblicke auf Ursula erlaubt. Spannend, bisweilen urkomisch und ebenso gesellschaftskritisch, eine grandiose Mischung, die sich auf gerade mal 200 Seiten entfaltet und viel Spaß auf weitere Abenteuer mit der resoluten Protagonistin macht.

Seraina Kobler – Tiefes, dunkles Blau

Seraina Kobler – Tiefes, dunkles Blau

Rosa Zambrano hatte die Kripo eigentlich für die Seepolizei in Zürich verlassen, doch nun muss sie die alten Kollegen im Falle des Mordes an Dr. Jansen unterstützen. Er ist just der Arzt, bei dem sie nur wenige Tage zuvor Eizellen hat einfrieren lassen. Neben seiner Praxis hat er Geld in ein Biotech Unternehmen investiert, das eine mögliche Spur in dem Mordfall darstellen könnte, die Chefin erscheint nicht nur abgebrüht, sondern durchaus auch mit Motiv. Aber auch im Privatleben des Opfers gibt es mehr als eine verärgerte Frau: die Noch-Gattin hat nicht vor ihn bei der Scheidung einfach davonkommen zu lassen, die zahlreichen Damen, zu denen er im überregional bekannten Bordell Kontakt unterhielt, verhalten sich ebenfalls verdächtig. Und dann ist da noch eine unbekannte Nummer, die er in den letzten Monaten immer wieder angerufen hat. Ein komplexes Geflecht, das auch immer wieder Rosas Privatleben streift.

Den ersten Fall für die Seepolizistin hat die Journalistin und Autorin Seraina Kobler in ihrer Wahlheimat Zürich angesiedelt und die Handlung stark auch mit den lokalen Örtlichkeiten verbunden. Auch wenn der Schauplatz in der größten Stadt der Schweiz angesiedelt ist, hat man in „Tiefes, dunkles Blau“ doch auch immer wieder das Gefühl eher im ländlich beschaulichen Raum zu sein, vor dem Mord und Totschlag bekanntermaßen auch nicht Halt machen. Und so sind es letztlich auch die bekannten Todsünden Habgier, Neid und Stolz, die maßgeblich die Handlung bedingen.

Vieles findet sich, was typischerweise in den cosy crime Romanen vorkommt: es wird immer wieder ausgiebig gegessen, auch die Landschaft rund um den Zürichsee wird ausführlich bedacht und ihr kommt durchaus auch eine entscheidende Rolle im Fall zu. Die Autorin verbindet dies jedoch mit der hochmodernen CRISPER Technologie und den aus der Erbgutmanipulation entstehenden ethischen Fragen. Dass es ist diesem Bereich nicht nur um wissenschaftliche Ehre, sondern vor allem um sehr viel Geld geht, bereitet den passenden Nährboden für einen unterhaltsamen und komplizierten Fall.

Auch wenn mich selbst die Protagonistin jetzt nur bedingt ansprechen konnte, ist die Geschichte doch insgesamt rund und packend.

Agatha Christie – Der unheimliche Weg

Agatha Christie – Der unheimliche Weg

Eine Serie von Wissenschaftlern, die spurlos verschwinden, beschäftigt die Geheimdienste ebenso wie die Öffentlichkeit. Intelligente Männer, die wesentliche Erkenntnisse hervorgebracht haben, die jedoch auch militärisch gegen ihre westliche Heimat verwendet werden könnte. Unter ihnen auch Tom Betterton, Nuklearwissenschaftler, dessen Frau an der Situation verzweifelt und sich, um auf andere Gedanken zu kommen, auf eine Urlaubsreise nach Marokko begibt. Dort jedoch kommt sie nie an, sie kommt bei einem Flugzeugabsturz ums Leben. Da man sie allerdings im Verdacht hatte, mit ihrem Mann unter einer Decke zu stecken, engagiert der britische Agent Jessop kurzerhand Hilary Craven, die gerade überlegte, sich das Leben zu nehmen, um den Platz von Mrs Betterton einzunehmen. Was hat sie schon zu verlieren bei einem Himmelfahrtskommando, dessen Ausgang mehr als ungewiss ist?

„Der unheimliche Weg“ ist sicherlich der untypischste Agatha Christie Roman, der mir bis dato untergekommen ist. Es gibt zwar durchaus Opfer, aber es fehlt die typische Leiche, deren Ableben aufgeklärt wird. Stattdessen bekommt man eine Agentengeschichte des Kalten Krieges, wie sie im Buche steht. Spannend mit vielen verdeckten Identitäten und für den Leser ebenso ungewisse Reise wie für die Protagonistin.

Der 1954 erschienene Roman griff wohl mehr als aktuelle Themen auf. Die Welt hatte gesehen, wozu Wissenschaftler fähig waren, der Gedanke an Doppelagenten, die dem gegnerischen Block schaden wollen, war mehr als präsent. Christie greift dies überzeugend auf und strickt auf knapp 220 Seiten eine spannende Katz-und-Maus-Geschichte, bei der man sehr schnell ahnt, dass keiner Figur zu trauen ist und viele sehr verdeckte Interessen verfolgen.

Für Fans von Hercule Poirot und Miss Marple mag der Krimi eine Enttäuschung sein, mich hat er gerade weil er so unerwartet ist, begeistern können. Auch wenn der alles überragende Ermittler fehlt, der die Zeichen richtig deutet und zusammenfügt, stellt sich Hillary als clevere Agentin wider Willen heraus, die mit einem simplen, aber dadurch umso bestechenderen Trick, die Lösung herbeiführt.

Frédéric Breton – Paris und die Mörder der Liebe

Frédéric Breton – Paris und die Mörder der Liebe

Ein Unfall, wie er nicht selten vorkommt: ein Partyboot kracht in einen Pfeiler der Pont Neuf. Allerdings wird schnell klar, dass es dafür einen guten Grund gab: die Partygesellschaft, Mitarbeiter einer Internetfirma mit einer angesagten Dating-App, wurde durch Liquid Ecstasy betäubt und eine von ihnen hat das sogar mit dem Leben bezahlt. Ein unglücklicher Zufall oder wurde Laetitia Vicault gezielt Opfer eines Anschlags? Kommissar Gustave Lafargue begibt sich in die Welt der Dating-Apps und muss bald feststellen, dass die Liebe in seiner Heimatstadt ziemlich verkommen ist. Seine Kollegin Jinjin indes sucht nicht die große Liebe, sondern nur den schnellen Kick, nach ihrem Aufenthalt in der Psychiatrie muss sie erst wieder zu sich selbst finden, bevor sie sich auf einen Mann einlässt. Ihre flüchtige Bekanntschaft jedoch hat eine große Anziehungskraft auf sie – viel mehr als gut ist.

Hinter dem Autorennamen Frédéric Breton verbirgt sich der Drehbuchautor Markus B. Altmeyer, der durch zahlreiche Fernsehkrimis bekannt wurde. „Paris und die Mörder der Liebe“ ist sein erster Kriminalroman, der das Flair das französischen Hauptstadt einfängt und das, wofür sie berühmt wurde, gnadenlos infrage stellt, denn mit echter Liebe ist es nicht weit her in der Geschichte. Sein etwas schrulliger, aber durchaus liebenswerter Protagonist lässt sich jedoch nicht beirren und dank seines Spürsinns kann er denn Fall auch solide lösen.

Es sind zwei Errungenschaften der Gegenwart, die den Plot befeuern: zum einen das Internet mit seinen unendlichen Möglichkeiten und vor allem den Dating-Apps, die das Kennenlernen von an kurzen oder längeren Liebesbekanntschaften Interessierten unkompliziert möglich macht. Zugleich stellt das unentwegte Füttern der virtuellen Welt mit unseren Daten eine reale Gefahr dar. Nicht minder zweischneidig die Frage danach, was durch die Entschlüsselung des Genoms heute möglich ist. Vorhersagen über potentielle Erkrankungen ebenso wie stichfeste Beweise gegenüber Tätern. Beides verknüpft der Autor in seinem rasanten Kriminalfall.

Der Kommissar kann als Figur noch wachsen, sein Sidekick Jinjin war für mich jedoch zunächst die reizvollere Figur, auch wenn ihr Handeln recht vorhersehbar und naiv angelegt war. Die Geschichte legt mehrere falsche Fährten, bevor man zum eigentlichen Kern gelangt.

Ein überzeugender, solider Krimi, der die gar nicht so schmucken Seiten der Stadt der Liebe offenbart.