Maria Adolfsson – Doggerland. Fester Grund


Maria Adolfsson – Doggerland. Fester Grund

Ein wenig neidisch ist Karen Eiken Hornby schon auf Luna, die berühmteste Sängerin von Doggerland, die eine geheimnisvolle Aura umgibt, der auch Karens Partner Leo offenbar gerade verfällt. Nach Jahren des Rückzugs will die Sängerin wieder ein Album veröffentlichen und hat nun im Geheimen die Aufnahmen mit Leo und dem Team gemacht. Als sie zu den finalen Aufnahmen nicht erscheint, wird Karen gebeten, inoffiziell zu ermitteln, nur wenige Tage später jedoch gibt es schon wieder Entwarnung und Karen kann sich einem viel dringenderen Fall widmen: ein Serienvergewaltiger scheint wieder zugeschlagen zu haben. Nachdem er bereits im Herbst Frauen brutal misshandelt hat, ist nun ein weiteres Opfer zu beklagen und wieder kann dies kaum Angaben zum Täter machen. Vier Frauen, die nichts gemeinsam zu haben scheinen, doch irgendetwas muss sie verbinden. Obwohl gesundheitlich angeschlagen, vergräbt sich Karen in die Nachforschungen – bis ihre Ärztin sie bittet, sofort vorbeizukommen.

„Fester Grund“ ist der Abschluss der Doggerland-Trilogie der schwedischen Autorin Maria Adolfsson. Die Inselgruppe zwischen Dänemark und Großbritannien, die einst die britischen Inseln mit dem Kontinent verband, liegt heute versunken in der Nordsee. In ihren Romanen macht Adolfsson sie zum Schauplatz der Ermittlungen ihrer eigenwilligen Kommissarin Karen Eiken Hornby, die im Abschlussband gleich zwei Fälle bearbeiten muss, während sie selbst ziemlich angeschlagen ist.

Die Suche nach der Sängerin Luna wird zunächst vor allem durch negative Emotionen Karens geprägt, sie ist sich ihrer Beziehung zu Leo, die nach wie vor weitgehend undefiniert ist, nicht sicher und lässt sich durch die strahlende Diva völlig aus dem Gleichgewicht bringen. Dies hindert sie zwar nicht daran, genauso akribisch und ernsthaft wie immer ihre Nachforschungen zu betreiben, aber die Stimmung zu Hause ist mehr als vergiftet. Auch der zweite Fall geht ihr nahe, die Brutalität, mit der der Täter immer wieder zuschlägt, ist kaum auszuhalten. Offenkundig treibt ihn ein tiefer Hass, was für sie die Vermutung nahelegt, dass er seine Opfer gekannt und sich von diesen gedemütigt gefühlt haben könnte.

Nachdem mich „Fehltritt“, der erste Teil der Reihe, restlos begeistern konnte, weil Adolfsson eine unglaubliche Welt erschaffen hat, die man sich mit dem rauen Klima leicht bildlich vorstellen kann, ließ mich „Tiefer Fall“ etwas enttäuscht zurück, da sich hier die Handlung etwas in sich selbst verirrt hatte. „Fester Grund“ punktet dieses Mal nicht mit der Insellandschaft, sondern mit zwei interessanten Fällen und einer wieder überzeugenden Protagonistin, die neben dem scharfen Verstand und auch ihre Schwächen offenbart und so genau jenen Bruch zwischen mutiger, unerschrockener Ermittlerin und leicht zu verunsichernden Partnerin schafft, der sie zu einer vielseitigen und authentischen Figur macht.

Ein klassischer nordic crime, der keine Wünsche offenlässt, außer vielleicht jenem, dass die Trilogie auch bei uns fortgesetzt wird, im schwedischen original ist nämlich inzwischen ein vierter Band erschienen.

Theresa Prammer – Lockvogel

Theresa Prammer – Lockvogel

Schauspielschülerin Toni hätte sich nicht vorstellen können, dass ihr das passiert. Ihr Freund Felix ist auf und davon und hat ihre ganzen Ersparnisse sowie den Schmuck ihrer Oma mitgenommen. Zur Polizei will sie nicht gehen, da sie dann der Oma beichten müsste, was geschehen ist. Aus diesem Grund sucht sie Hilfe bei Edgar Brehm, seines Zeichens Privatdetektiv. Dieser ist nicht nur gesundheitlich angeschlagen, sondern auch finanziell in einer Notlage, weshalb ihm sein neuer Auftrag gerade Recht kommt: Sybille Steiner, Frau eines erfolgreichen Regisseurs, engagiert ihn, um Anschuldigungen gegen ihren Mann prüfen zu lassen. Dieser soll jahrelang die Situation junger, ambitionierter Schauspielerinnen ausgenutzt haben. Da kommt Toni ins Spiel: sie hat zwar kein Geld, um den Detektiv zu bezahlen, aber als Lockvogel kann sie die Kosten quasi abarbeiten.

Theresa Prammers Krimi ist eine unterhaltsame Mischung aus klassischem Mordfall, immer wieder humorvollen Einschüben und der immer noch aktuellen #metoo Debatte. Die liebevoll gezeichneten Figuren tragen dabei ganz entscheidend zu Gelingen bei: sowohl die bisweilen naive und chaotische Toni wie auch der angeschlagene Detektiv Brehm wirken wie aus dem Leben gesprungen: sie sind keine Superhelden, im Gegenteil, nicht wenig geht bei ihren Ermittlungen auch schief, aber die kleinen und großen Schwächen machen sie schlicht sympathisch und menschlich.

So richtig scheinen in dem Fall die Puzzleteile nicht zusammenzupassen: bei schillernden einer Party im Haus der Steiners wird ein Aushilfskellner getötet. War das Drehbuch, das der verhinderte Autor dem Starregisseur zustecken hat wollen der Anlass? Doch wie brisant sollte dessen Inhalt gewesen sein? Da ist das anonyme Tagebuch, dass man Sybille Steiner zugespielt hat deutlich aufschlussreicher. Das ungleiche Team stürzt sich in die Ermittlungen, wobei Toni bald merkt, dass sie zwar über Schauspieltalent verfügt, aber die Improvisation, die undercover Einsätze erfordern, auch geübt sein will, weshalb sie ein uns andere Mal in durchaus kritische Situationen gerät. So wie Brehm sie aus diesen retten muss, kommt auch sie ihm zu Hilfe, denn mehr als einmal drohen sie gnadenlos aufzufliegen und zu scheitern.

Obwohl es sich um einen Krimi handelt, war die Spannung eher moderat, was für mich aber durch den lockeren Erzählton und die wirklich herausragenden Figuren locker wettgemacht wurde. Die verschiedenen Handlungsstränge wurden überzeugend miteinander verbunden und letztlich auch sauber gelöst. Eine runde und unterhaltsame Angelegenheit.

Pascal Engman – Rattenkönig

Pascal Engman – Rattenkönig

Der Mord an einer jungen Frau führt direkt zu ihrem Ex-Freund. Dieser sitzt zwar noch in der JVA, hatte am fraglichen Abend jedoch Ausgang und die Spuren liefern den eindeutigen Beleg für seine Schuld. Doch die Ermittlerin Vanessa Frank muss bald sehen, dass sie offenbar auf eine falsche Fährte gelockt wurden, denn der vermeintliche Mörder hat ein felsenfestes Alibi. Ein weiterer Mord an einer jungen Frau und wieder wird schnell ein Täter identifiziert, dieses Mal ein berühmter Moderator, der seine Affäre getötet haben soll. Doch auch in diesem Fall wurden Spuren für die Polizei platziert. Es scheint, als sei ein Serientäter am Werk, der geschickt Opfer und scheinbare Täter aussucht, um so die Polizei zu narren. Es dauert, bis Vanessa Frank erkennt, dass das Motiv ganz anders gelagert ist und sie ein völlig verqueres Weltbild verstehen muss, um den Täter dingfest machen zu können.

„Verschwundene Frauen brachten starke Auflagen. Nicht ganz so hohe wie zerstückelte oder zersägte Frauen, aber fast.“

Der zweite Band um Vanessa Frank setzt die Reihe um die eigenwillige Ermittlerin überzeugend fort. An ihrer Seite einmal mehr der Ex-Elitesoldat Nicolas, der nicht nur an ihrer Seite steht, wenn unkonventionelle Hilfe erforderlich ist, sondern in dem sie auch einen Seelenverwandten gefunden hat. Im Zentrum jedoch steht ein ganz anderer Typ Mann, jener, den man heute als „Incel“ bezeichnet: ein unfreiwilliger Single, der Frauen hasst, weil sie ihm nicht die Aufmerksamkeit entgegenbringen, die er glaubt verdient zu haben und sich mit Gleichgesinnten in ein irres Verschwörungsbild von männerhassenden Frauen gesteigert hat, dessen Ausweg nur in der brutalsten Art von Gewalt gegenüber dem anderen Geschlecht bestehen kann.

„Hatte geglaubt, der Fehler läge bei ihm. Aber jetzt hatte er begriffen. Der Fehler lag bei der westlichen Welt.- Er gehörte zu den Verlierern. Er war einer der wertlosen weißen Männer, die Tag für Tag von Journalistinnen in Zeitungen verspottet und verfolgt wurden.“

Ähnlich wie ein Rattenkönig – mehrere an den Schwänzen fest miteinander verbundene Ratten, die sich nicht mehr einzeln bewegen können – sind auch die Incels miteinander verbunden und können nur gemeinsam ihren Wahn leben und zelebrieren. Dem Mythos zufolge bedeutet die Existent eines Rattenkönigs ein böses Omen und so ist es auch in Engmans Roman. Es ist jedoch nicht ein einzelner Verirrter, der sich völlig verrannt hat, auch viele der anderen Männerfiguren weisen zweifelhafte Züge auf, die eindeutig einem toxischen Männlichkeitsbild mit überzeugtem Überlegenheitsglauben zuzuordnen sind. Der Autor stellt ihnen nicht die nur guten Frauen gegenüber, er verzichtet auf eine einseitige Schwarz-Weiß-Malerei und greift geschickt eine bislang meines Erachtens viel zu sehr vernachlässigte oder belächelte Bewegung auf, von der womöglich viel mehr Gefahr ausgeht, als man bislang wahrhaben wollte.

Auch der dritte Roman Engmans konnte mich restlos überzeugen: wieder eine komplexe Handlung, die maßgeblich von den interessanten und vielschichtigen Figuren getragen wird, so abwegig auch ihre Gedankengänge sein mögen.

Peter Mohlin/Peter Nyström – Der andere Sohn

Peter Mohlin/Peter Nyström – Der andere Sohn

Nach einem gefährlichen Einsatz gegen ein Drogenkartell muss John Adderley durch das FBI-Zeugenschutzprogramm eine neue Identität erhalten. Er bittet darum, nach Schweden versetzt zu werden, das Land, in dem er die ersten 12 Jahre seines Lebens verbracht hat. Widerstrebend stimmen seine Vorgesetzten zu, da sonst der Prozess platzen würde. Es ist jedoch keine Nostalgie, die ihn zurücktreibt, seine Mutter bittet um seine Hilfe. 10 Jahre zuvor wurde sein Halbbruder des Mordes an der Erbin eines Klamottenimperiums beschuldigt, aus Mangel an Beweisen jedoch wieder freigelassen. Nun wird der Fall erneut aufgerollt und die Mutter fürchtet, dass es wieder keine fairen Ermittlungen gibt. John wird in das Ermittlungsteam eingeschleust und kann bald nicht nur die Leiche finden, sondern auch nachweisen, dass es Manipulationen bei den Ermittlungen gab. Offenbar sitzt der Täter in den Reihen der Polizisten.

Das Autorenteam Mohlin/Nyström kennt sich bereits seit Kindheitstagen und hat mit „Der andere Sohn“ nun zum ersten Mal gemeinsam einen Kriminalroman verfasst, den Auftakt einer Reihe, die in der schwedischen Stadt Karlstad angesiedelt ist. Die Geschichte liefert genau das, was man von skandinavischer Spannungsliteratur gewohnt ist: eine sauber gestrickte, komplexe Handlung, die jedoch auch Raum lässt, um einen Blick in die Gesellschaft und kulturellen Eigenheiten zu gewähren.  Der Protagonist John nimmt dabei eine interessante Zwischenposition ein: weitgehend in den USA sozialisiert und beruflich durch die Arbeit beim FBI geprägt, spricht er zwar die Sprache seiner neuen Kollegen, hadert jedoch mit so mancher Eigentümlichkeit, an die er sich nur schwer gewöhnen kann.

Was geschah mit Emelie in der Nacht vor 10 Jahren? Und wo ist die Leiche der jungen Frau? Nach einer Party wollte sie noch einen mysteriösen Mann treffen, doch ihre Spur verliert sich, das letzte Lebenszeichen ist eine große Menge Blut an einem Felsen, ganz in der Nähe finden sich Spermaspuren, die zu Johns Halbbruder führen. Doch dieser leugnet die Tat und auch die junge Frau gekannt zu haben. Sobald John sich näher mit ihr befasst, zeigt sich, dass die Studentin zwei ganz unterschiedliche Seiten hatte, die offenbar zu ihrem Verhängnis wurden. Als John die Manipulationen am Beweismaterial entdeckt, nimmt die Handlung nicht nur eine Wende, sondern auch das Tempo ordentlich Fahrt auf. Und immer muss der Ermittler auch damit rechnen, dass seine wahre Identität entdeckt wird, was ihn das Leben kosten könnte.

Ein überzeugender Auftakt, auch wenn der Anfang mit John Vorgeschichte in Baltimore etwas ausführlich war und nicht in unmittelbarem Zusammenhang zum Cold Case steht. Jedoch scheint dies in den Folgebänden wieder relevant zu werden. Der Fall bietet einige überraschende Wendungen, die durch akribische Polizeiarbeit und nicht durch bloßen Zufall ausgelöst werden. Die Spannung wird gelegentlich durch kleine interkulturelle Missverständnisse – Gott bewahre: Küchendienst für den ehemaligen FBI–Ermittler und viel zu kleine Autos mit Gangschaltung– unterbrochen, die zur Abwechslung auch zum Schmunzeln einladen.

Petra Johann – Die Frau vom Strand

Petra Johann – Die Frau vom Strand

Nach einer Fehlgeburt wollten Rebecca und Lucy sich zurückziehen und sind vom turbulenten Hamburg in der Ostseedorf Rerik gezogen. Offenbar tat die Seeluft gut, denn Rebecca wird sogleich wieder schwanger. Jedoch auch Monate nach der Geburt von Töchterchen Greta möchte sie nicht wieder zurück, sehr zum Leidwesen von Lucy, die zwischen ihrer Agentur und dem gemeinsamen Heim pendelt. Obwohl es nur wenige junge Menschen im Ort gibt, fühlt sich Lucy nicht einsam; als sie die gleichaltrige Julia kennenlernt, freut sie sich aber dennoch endlich eine Freundin gefunden zu haben, die beiden Frauen liegen sofort auf einer Wellenlänge. Aber dann verschwindet Julia plötzlich und es scheint, als wäre sie nie dagewesen, sie hat keinerlei Spuren hinterlassen. Unerwartet findet Rebecca allerdings eine Verbindung, die ihr Leben durcheinanderwirbelt und Lucy das Leben kostet.

Mit gleich zwei Mysterien wird man als Leser in Petra Johanns Thriller konfrontiert: wer ist die sympathische Frau, die aus dem Nichts auftaucht und ebenso schnell wieder verschwindet? Und natürlich: wer hätte ein Interesse am Mord von Lucy gehabt? Die allseits beliebte und immer auf Ausgleich bedachte Frau hatte scheinbar keinerlei Feinde und der Tod einer jungen Mutter erscheint völlig unsinnig. Das Ermittlungsteam sieht sich zahlreichen Fragezeichen gegenüber, die sich nur langsam auflösen.

Der Roman lebt vor allem von den Figuren, die wenig durchschaubar sind. Viele lernt man zunächst auch nur durch andere vermittelt kennen, Lucys Tod schon zu Beginn lässt sie nur noch in der Erinnerung ihrer Kollegen und Freunde aufleben – ein Bild das notwendigerweise Lücken aufweist. Auch Rebecca ist zunächst verschwunden, was an sich schon seltsam erscheint und sie verdächtig macht – dies passt wiederum so gar nicht zu dem Eindruck der liebenden Mutter, die sich in dem kleinen Ort und weitgehend isoliert dennoch wohlfühlt. Zuletzt natürlich die unbekannte Frau, die sich als Julia vorstellt, zu der aber außer Rebecca kaum jemand etwas berichten kann. Wo sie herkam, wer sie eigentlich ist und weshalb sie scheinbar gezielt zu Rebecca Kontakt gesucht hat – Fragen über Fragen.

Für mich kein nervenzerreißender Thriller, aber durchaus ein spannender Krimi, der den Leser lange auf die Folter spannt.

Tina Frennstedt – Cold Case – Das gezeichnete Opfer

Tina Frennstedt – Cold Case – Das gezeichnete Opfer

Obwohl sie die erfolgreichste Abteilung der Polizei in Südschweden sind, soll das Cold Case Team um Tess Hjalmarsson aufgelöst werden. Die Bandenkriminalität in Malmö nimmt überhand und die Kollegen kommen mit der Arbeit nicht mehr hinterher. Als das größte Werk einer Künstlerin zerstört und sie tot aufgefunden wird, kann eine Verbindung zu dem ungelösten Altfall um den Studenten Max hergestellt werden. 15 Jahre zuvor war er nachts auf dem Weg nach Hause brutal durch unzählige Messerstiche ermordet worden. An seiner Leiche entdeckte man eine ungewöhnliche Sorte Lehm, deren Herkunft bislang ungeklärt blieb, jetzt aber auch bei der Frauenleiche identifiziert werden konnte. Tinas geschrumpftes Team beginnt mit den Nachforschungen, auch wenn sich nach mehr als einem Jahrzehnt viele Zeugen nur noch bruchstückhaft erinnern können. Auch wenn die Umstände widrig sind, es bleiben Tina nur drei Wochen, um den Fall zu lösen und ihre Abteilung zu retten.

Im letzten Jahr hat mich Tina Frennstedt mit dem Auftakt zu ihrer Cold Case Reihe, „Das verschwundene Mädchen“, bereits überzeugen können, dabei ist aktuell die Konkurrenz unter den skandinavischen Krimiautor:innen groß wie nie. Als Kriminalreporterin ist sie mit der Polizeiarbeit vertraut und kennt auch die Abgründe der menschlichen Seele wie auch die Tragödien, die hinter so mancher Tat stecken. „Das gezeichnete Opfer“, der zweite Fall der Reihe, besticht nicht nur durch akribische und beharrliche Polizeiarbeit, sondern auch dadurch, dass es bei den Ermittlungen grobe Fehler gab, die womöglich eine Aufklärung verhindert haben und die Schuldigen nach wie vor im Dienst sind.

Die Drohung der Auflösung ihres Teams und das enge Zeitfenster für die Tätersuche setzen von Beginn an ein hohes Tempo für die Handlung. Das Team – eigentlich sind nur noch Tina, die gerade beschlossen hat auch ohne Partner das Wagnis einer Schwangerschaft einzugehen, und Marie, die nach der Trennung von einem erfolglosen Date zum nächsten hastet, übriggeblieben, doch die beiden Frauen haben mehr als genug Erfahrung und auch schon genug gesehen, um sich nicht aus der Ruhe bringen zu lassen. Das Privatleben der Figuren wird nicht ausgeblendet, aber so wohl dosiert, dass der Kriminalfall stets im Zentrum steht, selbiges gilt für die Chefin, die kurze Momente der Schwäche zeigt und dadurch ebenfalls an Profil gewinnt. Die Autorin erspart uns gängige Klischees, derer sich viele nur allzu gerne zu bedienen und zeichnet authentische Charaktere, die auch ihre schwachen Seiten haben ohne gleich in Depression und Alkoholismus verfallen zu müssen.

Der Fall ist vertrackt, aber nach und nach fügen sich die Puzzleteilchen zu einem Bild und bringen Licht ins Dunkel. Ein überzeugender Krimi, der handwerklich solide gemacht ist und gut unterhält.

Jérôme Leroy – Der Schutzengel

Jérôme Leroy – Der Schutzengel

Berthet soll getötet werden, von seinen eigenen Leuten, die wie er Mitglied der Unité sind, jeder Einheit, die im Verborgenen die Schmutzwäsche des Staates beseitigt. Im wahrsten Sinne des Wortes. Berthet ist Agent, Auftragsmörder, der nicht viele Fragen stellt, sondern sauber die Befehle ausführt. Nebenbei hat er seit Jahren jedoch auch seine eigene Agenda, diese hat auch einen Namen: Kardiatou Diop. Als er ihr zum ersten Mal begegnete, war sie eine 14-jährige Göre aus der Vorstadt mit schlechter Zukunftsprognose, doch im Geheimen hat er immer wieder die Weichen gestellt und eine schützende Hand über das Mädchen gehalten, das inzwischen zur populären Politikerin aufgestiegen ist. Doch bevor seine Kollegen ihren ultimativen Anschlag durchführen, muss Berthet noch etwas erledigen: seine Geschichte erzählen.

„Das ist das Alter, denkt Berthet erneut. Oder die Wehmut. Berthet ist ein Nostalgiker. Das weiß er. Dabei gibt es eigentlich nicht viel, dem er nachtrauern kann. Er hat sich sein Leben lang mit nichts anderem als Mord, Folter, Erpressung, Destabilisierung, Manipulation, Vergewaltigung, Verstümmelung, Attentaten und Entführungen beschäftigt. Trotzdem ist Berthet ein Nostalgiker.“

Schon Jérôme Leroys Krimi „Der Block“ über die extremen Rechten in Frankreich konnte mich sehr begeistern, weshalb die Erwartungen an „Der Schutzengel“ hoch waren. Wieder einmal greift er in einem Roman politische Ereignisse und gesellschaftliche Strömungen auf, die maßgeblich für die Handlung sind. Der aktuelle Krimi ist jedoch in seiner Konstruktion etwas sperrig, was das Lesen nicht ganz einfach macht, wenn dies auch literarisch experimentell und interessant gestaltet ist. So kommt es für mich nach extrem starkem Beginn im ersten Teil zu einem langsamen Nachlassen, Teil drei ist mit Abstand der schwächste, was ich einzig der Perspektivwahl zuschreiben würde.

Der Krimi beginnt damit, dass Man Berthet in Lissabon in voller Aktion erlebt. Nein, eigentlich hat er dort keinen Auftrag, sondern genießt nur die Stadt unter einer seiner vielen Identitäten, als er auf ein ziemlich dilettantisch agierendes Trio aufmerksam wird. Es endet nicht nur im Blutbad, sondern im völligen Chaos. In Teil zwei will er den Autor Joubert davon überzeugen, seine Memoiren zu schreiben. Joubert ist gerade verlassen worden und ziemlich abgebrannt, aber ein dreiteiliges, ziemlich totes Mordkommando in seinem Wohnzimmer überzeugt ihn dann doch recht schnell.

»Wenn ich jedes Mal geheult hätte, wenn mein Leben im Umbruch war und ich Zeuge eines Blutbads wurde … Diese linken Intellektuellen sind die reinsten Waschlappen. Verdammt noch mal.« »Und dann wird er bald auch noch fünfzig«, fügt Berthet hinzu, während er Joubert die Schulter tätschelt. »Und er hat nicht viel Geld und auch keine Rolex.«

Berthet ist ohne Frage die interessanteste Figur. Zahlreiche Brüche – kaltblütiger Mörder hier, Poesie liebender Schutzengel dort – zeigen immer wieder neue Seiten. Daneben verliert man beinahe die politischen Implikationen seines Daseins aus den Augen. Der Aufstieg der extremen Rechten, die verzweifelten Versuche diese im Zaum zu halten und das Mächtegleichgewicht nicht ins Wanken zu bringen, man kann sich problemlos das Dasein der Unité vorstellen. Mit dem SAC (service d’action civique) gab es ja durchaus schon eine reale Vorlage.

Neben den kritischen Anspielungen begeistert der Roman jedoch vor allem durch die lakonische Erzählweise. Berthet fackelt nicht lange rum, er nennt die Dinge beim Namen, er hat zu viel gesehen, um noch irgendwas zu beschönigen. Außer in der Poesie, da darf es schon mal etwas verspielter für ihn werden.

Jørn Lier Horst – Wisting und der Atem der Angst

Jørn Lier Horst – Wisting und der Atem der Angst

Wird er sie endlich zur Leiche der vermissten Taran Norum führen? Der Serienmörder Tom Kerr ist bereit zu kooperieren und die Polizei an den Tatort zu führen. Doch er nutzt die Chance, die er eigentlich nicht hat, zur Flucht. Es muss einen Helfer geben, der die Granate platzierte und ihm eine Waffe bereitlegte. Kommissar Wisting kann nur zusehen, wie seine Leute verletzt werden, darunter auch seine Tochter, die für die Polizei den Vorgang mit einer Kamera begleiten sollte. Ein heimlich angebrachter Sender erlaubt die Verfolgung Kerrs, so hofft Adrian Stiller, der die Wiederaufnahme alter Fälle leitet, auch an jenen Helfer zu gelangen, der seit Jahren unbehelligt in Freiheit lebt. Doch die Ermittler haben sich verkalkuliert, denn sie ahnen nicht, dass sie es mit einem weitaus clevereren Gegner zu tun haben als sie denken.

„Wisting und der Atem der Angst“ ist im Norwegischen der bereits 15. Band um den Ermittler aus Larvik. In Deutschland wird der Krimi als dritter der Cold Case Reihe geführt. Dass der Autor bestens mit den polizeilichen Procedere vertraut ist, wird auch in dieser Geschichte deutlich, Jørn Lier Horst arbeitete selbst als Kriminalhauptkommissar bevor er sich ganz dem Schreiben widmete, wofür er inzwischen nicht nur mit zahlreichen Preisen geehrt wurde, Teile der Wisting Reihe sind zwischenzeitlich auch erfolgreich verfilmt worden.

Wie schon in den anderen beiden Fällen arbeiten Wisting und seine Tochter Line gemeinsam von verschiedenen Seiten an dem Fall. Die ehemalige Journalistin ist inzwischen freiberuflich tätig, übernimmt jedoch hin und wieder Aufträge der Polizei, weshalb sie auch bei der Ortsbegehung anwesend ist und alle Vorgänge festhält. Die Flucht wirft schnell Fragen auf und es dauert nicht lange, bis der Verdacht im Raum steht, dass der Helfer aus den Reihen der Polizei kommen könnte. Alle Spuren verlaufen zunächst im Sande, es gab zwar Unterstützer, doch diese waren offenkundig Strohmänner, um die Ermittler zu narren. Der Fall ist komplex und dann taucht wieder einmal der interne Ermittler auf, der es vor Jahren schon einmal auf Wisting abgesehen hatte – als hätte der Kommissar nicht schon genug zu tun, muss er sich auch noch mit Machtspielen abgeben.

Jørn Lier Horst gelingt einmal mehr eine spannende Geschichte, die einem von der ersten Zeile an packt und nicht mehr loslässt. Der erfahrene Ermittler einerseits und seine bisweilen etwas leichtsinnige Tochter, die jedoch mit ebenso scharfem Verstand arbeitet, sind zwar kein eingespieltes, aber ein überzeugendes Team. Auch Adrian Stiller gewinnt zunehmend an Profil, wenn bei ihm auch immer noch ein gewisser Zweifel mitschwingt. Der Nachfolger ist bereits für April 2021 angekündigt und jetzt schon vorgemerkt.

Guillaume Musso – Parce que je t’aime [Weil ich dich liebe]

Guillaume Musso – Parce que je t’aime

Nachdem ihre 5-jährige Tochter Layla in einem Einkaufszentrum verschwunden ist, bricht die Ehe von Mark und seiner Frau auseinander. Der Vater ist verzweifelt und landet nach Jahren der vergeblichen Suche schließlich auf der Straße. Doch auf den Tag fünf Jahre nach ihrem Verschwinden taucht sie wieder auf, Mark fliegt nach LA, um sie abzuholen, überglücklich ist der Psychologe auf dem Rückflug, wo er auf zwei Frauen trifft, die ebenfalls schwere Schläge hinter sich haben, die sie aus dem Leben geworfen haben: die reiche Erbin Alyson hadert damit, dass sie bei einem Unfall ein Kind getötet hat, die noch junge Evie hat ihre Mutter wegen eines Ärztebetrugs verloren und sinnt auf Rache. Lange Gespräche entspinnen sich zwischen den drei Schicksalsgenossen, doch als sie an ihrer Destination ankommen, erleben sie ein unerwartetes Erwachen.

Guillaume Musso gehört zu den Autoren, die mir seit langem namentlich bekannt sind, von denen ich jedoch bislang nichts gelesen hatte. Dem Titel nach dachte ich erst, es handele sich um eine seichte Liebesgeschichte, der Hinweis Krimi hat mich dann doch neugierig gemacht und in der Tat erwartet einem eine spannende und vor allem sehr unerwartete Handlung. Im Wesentlichen spielt sich diese im Flugzeug ab, die Erinnerungen der Figuren führen jedoch immer wieder in die Vergangenheit und legen so nicht geahnte Verbindungen offen.

Alle Figuren verhalten sich auf individuelle Weise seltsam, man kann es zunächst nicht einfach einordnen, woran das liegt, auch die Verbindung bleibt lange Zeit nicht nachvollziehbar. Erst am Ende löst sich das Mysterium und der Autor liefert eine stimmige, wenn auch nur begrenzt authentische Erklärung, wobei letzteres der Unterhaltung keinen Abbruch tut. Mit den ganz unterschiedlichen Lebensgeschichten konnte mich Musso eher packen als mit dem Spannungsaspekt. Insgesamt eine überzeugende und ansprechende Lektüre, die Interesse an den anderen Romanen des Autors weckt.

Charlotte Link – Ohne Schuld

Charlotte Link – Ohne Schuld

Detective Seargant Kate Linville freut sich auf ihren neuen Job bei der Polizei von North Yorkshire und vor allem sieht sie der Zusammenarbeit mit Chief Inspector Caleb Hale mit Freude entgegen, vor allem ihm ist ihr Entschluss bei der Scotland Scotland Yard zu kündigen geschuldet. Im Zug von London Richtung Norden gerät Kate in einen mysteriösen Zwischenfall: ein Mann versucht Xenia, die auf dem Rückweg von einem Wochenende bei einer Freundin ist, zu erschießen. Kate kann mit ihr in die Toilette flüchten und sie so schützen. Der Fall bleibt rätselhaft, noch mehr Fragen löst jedoch ein zweiter Anschlag auf eine junge Frau aus, die allseits beliebte Lehrerin verunglückt mit dem Fahrrad wegen eines heimtückisch gespannten Drahts, bevor auf sie ebenfalls Schüsse abgefeuert werden – aus genau jener Waffe, die auch im Zug verwendet wurde. Die Frauen kennen sich nicht, es scheint keine Verbindung zwischen beiden zu geben. Statt die letzten Urlaubstage zu genießen, muss Kate direkt ihren neuen Job antreten.

Charlotte Links dritter Fall um Kate Linville stellt die Ermittler vor eine scheinbar unlösbare Herausforderung: zwei Anschläge innerhalb kürzester Zeit, keine erkennbare Verbindung und zahlreiche Zeugen, die offenkundig einiges zu verheimlichen haben. Hinzu kommt die Suspendierung von Caleb Hale, so dass sein unerfahrener und unsicherer Kollege die Leitung spontan übernehmen muss.

Der Fall ist spannend von der ersten Seite an, als Leser bekommt man nicht die Zeit, sich langsam in die Geschichte einzufinden, man ist unmittelbar im Geschehen. Gleich mehrere Verbrechen finden parallel statt, neben den Anschlägen auf die beiden Frauen gibt es noch eine Geiselnahme und ein offenbar länger zurückliegendes Verbrechen, das sich lange Zeit nicht wirklich einordnen lässt.

Die Geschichte ist clever konstruiert und lässt den Leser lange im Dunkeln tappen und mitfiebern, der Autorin gelingt es jedoch, eine überzeugende Auflösung zu liefern, die glaubwürdig motiviert ist, zu den Charakteren passt und aus ihrer Biografie heraus stimmig wirkt. Was mich insbesondere begeistern konnte, war die Tatsache, dass nicht das schlicht Böse regiert, sondern dass Notlagen und Ausnahmesituationen zu den drastischen Handlungen führen und verdeutlichen, wie schnell in einer Überforderungssituation kein Ausweg mehr gefunden wird und Menschen sich gezwungen sehen, drastische Entscheidungen zu treffen.

Ein spannender Kriminalroman, der unmittelbar mitreißt und einem nicht mehr loslässt. Vielleicht ein bisschen zu viel Eigensinn der Protagonistin, aber dies zeichnet sie wiederum auch aus und lässt sie erfolgreich ihren Job machen. Charlotte Link kommt ohne 08/15 Versatzstücke aus, die leider in der Massenware Krimi heute sehr gängig geworden sind, und bildet damit eine sehr empfehlenswerte Ausnahme im Genre.

Ein herzlicher Dank geht an das Bloggerportal für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zu Buch und Autorin finden sich auf der Internetseite der Penguin Random House Verlagsgruppe.