Georges Simenon – Madame Maigrets Liebhaber

Georges Simenon – Madame Maigrets Liebhaber

Madame Maigret betrügt ihren Gatten? Unvorstellbar! Und auch nicht wahr, wie schon im ersten Kapitel schnell aufgelöst wird. Der Kommissar neckt seine Gattin lediglich damit, denn seit Tagen beobachtet sie vom Fenster ihrer Wohnung aus einen Mann, der täglich morgens über die Place des Vosges spaziert und nachmittags stundenlang regungslos auf einer Bank sitzt. Auch Maigret kann einen Blick auf ihn werfen, etwas kommt ihm jedoch seltsam vor und tatsächlich: der Mann ist nicht mehr nur regungslos, sondern mausetot. Am helllichten Tag inmitten von spielenden Kindern und Dienstmädchen erschossen. Ein Mord direkt vor seiner Haustür und dieses Mal ist die wichtigste Zeugin genau jene Frau, die er am besten kennt: seine Gattin. Diese nutzt die seltene Gelegenheit und wird zur Assistenzkommissarin im Viertel.

Der vielversprechende Titel sowie das Cover – zwei nicht erkennbare Personen, die sich in einem Metrogang innig küssen – scheinen so gar nicht zu den biederen Kommissar Maigret Geschichten zu passen. Einen schönen Spaß hat sich der Autor mit dem irreführenden Titel da für seine Novelle erlaubt, die ansonsten im typischen Stil des französischen Polizisten gehalten ist. Eine Podcastfolge von „Shedunnit“ hat in mir die Lust auf einen klassischen Krimi geweckt. In Folge 45„The Detection Club“ berichtet Caroline Crampton von einer Vereinigung Krimiautoren, die sich Ende der 20er Jahre regelmäßig zu exklusiven Dinner Meetings trafen und die klare Regeln für das Genre aufstellten. Unter den Gründungsmitgliedern waren so prominente Namen wie Agatha Christie, G.K. Chesterton und Dorothy L. Sayers. Auch wenn Simenon kein Mitglied war, erfüllt sein Werk doch ziemlich perfekt Ronald Knox‘ 10 Anforderungen an einen fairen Kriminalroman.

»Nein, nein und noch mal nein!«, rief er, sich halb im Bett aufrichtend. »Fang gar nicht erst an, mir gute Ratschläge zu erteilen, nur weil du beinahe die richtige Fährte aufgenommen hast. Jetzt ist es an der Zeit, zu schlafen …«

Maigret erlebt eine ungewöhnliche Herausforderung, nicht nur geschieht ein Mord direkt vor seiner Nase und Wohnung, nein, seine Gattin ermittelt mindestens genauso geschickt wie er, was er natürlich nicht zugeben kann. So höflich und liebeswürdig er sie behandelt, das würde nun wahrlich zu weit gehen. Zu dem Fall lässt sich nur wenig sagen ohne zu viel zu verraten: ein Mord, klassische Befragung, Lesen von Spuren und zielgerichtete Lösung des Falles. Herausragend dieses Mal die Rolle von Madame, die sogar einen Tick flotter ist als ihr Mann.

Ein schnelles Vergnügen, das keine Wünsche offenlässt.

Christian von Ditfurth – Mann ohne Makel

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Christian von Ditfurth – Mann ohne Makel

Schon längst hätte der Historiker Josef Maria Stachelmann seine Habilitation abschließen können und müssen, erst als sein Chef ihm droht und eine jüngere Kollegin ihm seinen Platz streitig machen könnte, merkt er, dass es Zeit wird. Als ein ehemaliger Kommilitone sich bei ihm meldet, ist er zunächst verwundert, Ossi Winter arbeitet inzwischen als Kommissar und er hat eine Reihe von Morden, bei denen er glaubt, mit Stachelmanns Hilfe weiterzukommen. Der Immobilienmakler Holler hat Frau und Kind durch einen Mörder verloren; Stachelmann glaubt tatsächlich den Namen im Zusammenhang mit seiner Forschung über Konzentrationslager schon einmal gehört zu haben, vielleicht liegt das der entscheidende Punkt, gar nicht bei Holliger selbst, sondern bei seinem Vater, der nach dem Krieg das kleine Imperium aufbaute, indem er alle Konkurrenten aufgekauft hat. Bei einer Forschungsreise nach Berlin, um dort in Archiven die letzten Informationen zusammentragen, wird Stachelmann nicht nur beobachtet, sondern man versucht ihn zu töten. Offenbar war seine Vermutung mehr als richtig.

Christian von Ditfurth greift in seinem Krimi nicht nur auf das schwärzeste Kapitel der deutschen Geschichte zurück, sondern thematisiert vor allem den Umgang mit der Schuld in der Zeit nach Ende des Zweiten Weltkrieges. Er lässt dabei alle Stimmen zu Wort kommen, auch die des Mörders, der erzählt, wie er die Zeit als jüdisches Kind erlebt hat, dessen Familie ausgelöscht und der selbst zu einer Pflegefamilie ins Ausland geschickt wurde. Dagegen stehen die Leugner, diejenigen, die sich versuchen rauszureden, um ihr Gewissen zu entlasten. Doch wirklich vor der eigenen Vergangenheit weglaufen kann niemand.

„Mann ohne Makel“ ist der erste Band der Reihe um den Historiker und Hobbyermittler Stachelmann, inzwischen ist die Reihe bei Band 7 angekommen. Für mich ein solider Krimi mit interessanten und facettenreichen Figuren, die das Potenzial haben, über viele Fälle zu tragen. Besonders freut mich, dass es weniger um Gewalt und exzessive Darstellung selbiger geht, sondern die Verbindung von Geschichte und Psychologie zur Lösung führt. Ein klarer Fall von: hier hat sich der Griff auf den SUB zu einem älteren Buch wirklich gelohnt.

Mons Kallentoft – Verschollen in Palma

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Mons Kallentoft – Verschollen in Palma

Tim Blanck konnte es nicht ertragen. Spurlos ist seine Tochter Emme auf Mallorca verschwunden und die Polizei scheint nicht gerade bemüht nach dem 16-jährigen Mädchen zu suchen. Also kündigt er seinen Job und reist selbst auf die Balearen-Insel. Drei Jahre sind inzwischen vergangen und Spuren gibt es keine. Als Privatermittler verdient er inzwischen sein Geld, sein neuer Fall schein einfach: der deutsche Unternehmer Peter Kant hat ein anonymes Schreiben erhalten, demzufolge ihn seine Frau Natascha betrügt. Es dauert nur wenige Stunden, bis Tim den Beweis dafür hat. Als er dem Auftraggeber die Fotos vorlegt, scheint dieser relativ gefasst, gewillt, mit Natascha wieder alles ins Reine zu bringen. Doch nur kurze Zeit später wird Kant verhaftet: seine Frau ist spurlos verschwunden und ihr Liebhaber tot. Ein klassischer Fall von Eifersuchtsmord. Doch Kant beteuert glaubhaft seine Unschuld und Tim will diese beweisen, vor allem nachdem Kant in der Zelle scheinbar Selbstmord begangen und einen Abschiedsbrief mit Geständnis hinterlassen hat. Doch die Schrift ist sicher nicht seine. Tim beginnt zu wühlen und ahnt nicht, mit wem er sich anlegt.

Mons Kallentoft ist seit vielen Jahren eine bekannte und vielfach ausgezeichnete Größe unter den schwedischen Krimiautoren, mich konnte er vor allem mit seinen Malin Fors und Zack Herry Reihen begeistern, die beide mit starken Figuren und komplexen Handlungen überzeugen. „Verschollen in Palma“ ist der Beginn einer womöglich neuen Reihe um den schwedischen Privatermittler auf der Mittelmeer-Insel.

Zunächst scheint völlig klar, worum es bei der Handlung geht: ein verzweifelter Vater ist auf der Suche nach seiner Tochter, hofft auch nach Jahren noch auf ein Lebenszeichen und will diese nicht aufgeben, solange es keine Gewissheit über ihren Tod gibt. Sein Job als Privatermittler scheint nur ein Nebenschauplatz, der sich dann jedoch rasant zu einem komplexen Fall ausweitete, der schlichtweg nichts auslässt: Korruption in allen Bereichen der Verwaltung und Polizei, Vetternwirtschaft schlimmster Sorte, Drogen, zwielichtige Partys, bei denen die High Society der Insel nicht nur alle Arten von Drogen konsumiert, sondern vor allem auch sehr junge Mädchen misshandelt. Es ist ein wahrer Sumpf, in den der Protagonist förmlich hineinfällt. Glaubwürdig wird das Ausmaß der Verstrickungen und des Abgrunds immer weiter ausgedehnt, bis es zu dem notwendigen Showdown kommt.

Geschickt hat der Autor den Kriminalfall aufgezogen und vor allem völlig unerwartet in eine gänzlich andere Richtung entwickelt. Das Tempo nimmt in der Erzählung stetig zu und die Geschichte wird routiniert zu einem passenden Ende geführt. Einzig, es fehlt der Schlusspunkt. Ein interessanter Aspekt, der offen lässt, was an dieser Stelle gesagt wird – auch wenn man es sich denken kann – aber auch, ob die Handlung fortgeführt werden wird. Gewohnt routiniert erzählt, aber im Vergleich zu den beiden Reihen um Malin Fors und Zack Herry für mich nicht ganz so stark.

Adrian McKinty – Alter Hund, neue Tricks

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Adrian McKinty – Alter Hund, neue Tricks

Teilzeitpolizist Sean Duffy ist schon auf dem Weg zur Fähre zurück zur Familie, als sein Chef ihn bittet, sich um einen Mord zu kümmern. Lawson ist im Urlaub und so bleibt nur Duffy, allerdings ist es keine große Sache, ein Autodiebstahl, der scheinbar aus dem Ruder lief. Am Tatort wird Duffy jedoch schnell klar, dass der Fall wohl ganz anders gelagert ist, denn der Tote hat in seinem Haus nichts, was auf seine Identität schließen ließe. Die Nachbarn kennen ihn nur als vermögenden Maler, seine Telefonverbindungen lassen jedoch schlimmes ahnen: regelmäßig rief er eine Telefonzelle in der Republik Irland an, die ziemlich eindeutig einem IRA Funktionär zugeordnet werden kann. Duffys Ehrgeiz ist geweckt, auch wenn sich die Zeiten verändern, ein Bulle bleibt ein Bulle und muss nun einmal tun, was er tun muss. Also rennt er wie immer Mitten in die lebensgefährliche Katastrophe.

Auch in seinem achten Fall wird der Detective der nordirischen Polizei nicht müde und kämpf unermüdlich gegen das Böse an, das dieses Mal aus einer völlig unerwarteten Ecke kommt. Erwartungsgemäß bedient der Ich-Erzähler die liebgewonnenen Klischees, ärgert sich über die Veränderungen der modernen Zeit und gelangt mit Scharfsinn, guter Beobachtungsgabe und dem notwendigen Quäntchen Glück auf die Spur der Täter. Ein routiniert erzählter Thriller, der wieder einmal einiges an Action bietet, aber dahinter eine komplexe und überzeugend konstruierte Geschichte zu bieten hat.

Als Reservist hat sich Duffy schon an die gemütlichere Gangart gewöhnt, an den wenigen Tagen im Revier geht er mit Routine seinen Tätigkeiten nach, in der Coronation Road erzählt er mit dem Kater, auch wenn dieser im schottischen Zuhause weilt, genießt seine Plattensammlung und lässt es ruhig angehen. Da ist der Reiz eines echten Mordfalles natürlich groß und so stürzt er sich kopfüber hinein. Wie immer kommentiert er scharfzüngig und selbstironisch sein eigenes Vorgehen, eher selten nach Handbuch und oft sogar weit jenseits der gesetzlichen und moralischen roten Linie. Aber im Nordirland von 1992 herrschen immer noch kriegsähnliche Zustände und die erfordern nun einmal besondere Maßnahmen.

„Und jetzt kommt kein Milchmann mehr?“

„Nein, nie wieder“, sagte sie.

„Und die Flaschen?“

„Flaschen gibt es jetzt nicht mehr, glaube ich. Jetzt gibt es Milch nur noch im Karton.“

„Und was nehmen die Kinder dann für die Molotow-Cocktails?“

Es fällt einem schwer diese Protagonisten nicht zu lieben. Trotz seines, euphemistisch ausgedrückt, unkonventionellen Vorgehens folgt er doch einem gewissen Ehrenkodex und schafft es sogar, übelste Burschen dieser seltsamen Logik folgend ordentlich zu behandeln. Er hat das Herz am rechten Fleck und lässt sich trotz zwanzig Jahre zermürbender Polizeiarbeit nicht von der Idee von einem Minimum an Recht und Ordnung abbringen.

Die Troubles leben in den Büchern der Reihe wieder auf, es ist nur schwer vorstellbar, unter welchen Bedingungen die Menschen lebten, so dass brennende Autos, Gewehrsalven und hin und wieder auch Explosionen nur noch mit einem Schulterzucken quittiert wurden. McKinty gelingt es diese dunkle Seite europäischer Geschichte begreifbar zu machen und daran zu erinnern, wie tief Vorbehalte sitzen und wie fragil womöglich der Friedensprozess aus ist. Das Ganze wird wieder einmal brillant in einen spannenden Kriminalfall mit hohem Tempo eingebettet, der fern eines simplen schwarz-schweiß/Freund-Feind-Schemas in der ganz oberen Liga der Thriller spielt.

Ulrike Vögl – Nackabatsch mit Todesfolge

ulrike vögl nackabatsch mit todesfolge
Ulrike Vögl – Nackabatsch mit Todesfolge

Kommissarin Helena Hansen zieht es von Hamburg ins beschauliche Augsburg, doch schnell schon merkt sie, dass die neue Heimat so ihre Tücken hat. Der starke schwäbische Dialekt ist kaum zu verstehen und ihr neuer Chef muss sie für eine Idiotin halten, geschieht ihr doch ein Missgeschick nach dem anderen. In ihrer Kollegin Franzi findet sie jedoch schnell nicht nur eine kompetente Partnerin, sondern ebenso eine neue Freundin, obwohl diese eine eher unkonventionelle Art pflegt. Viel Zeit zum Kennenlernen bleibt den beiden jedoch nicht, denn schon gleich gibt es zwei Mordfälle zu lösen: ein Arbeitsloser wird erschlagen in seiner Wohnung aufgefunden und ein Immobilienmakler fand seine letzte Ruhe ausgerechnet auf einem Misthaufen. Viel Arbeit für das neue Team, doch die beiden ergänzen sich hervorragend und können schnell schon mit unerwarteten Ermittlungsergebnissen aufwarten.

Man merkt dem cosy crime Roman an, dass die Autorin viel von sich und ihrer Heimatstadt darin verewigt hat. Nicht nur der lokale Dialekt wird durchgängig gepflegt, auch allerlei Sehenswürdigkeiten der Fuggerstadt werden erwähnt wie auch die Liebe zu Kräutern und deren Verarbeitung, die Ulrike Vögl Kommissarin Franzi mitgegeben hat, finden ihren Platz. Die beiden zu lösenden Kriminalfälle treten dafür etwas in den Hintergrund, was für das Genre vertretbar ist.

„Die ganze Geschichte war einfach wahnwitzig, klang aber durchaus plausibel.“

Das Urteil des Erzählers bringt die Morde ganz gut auf den Punkt. Es ergibt zwar alles einen stimmigen Zusammenhang, so wirklich realitätsnah erscheint es jedoch nicht. Allerdings kommt auch nicht wirklich der Eindruck auf, dass die Spannung und eine komplexe Mordermittlung im Zentrum der Handlung stehen würden. Es geht viel mehr um Helenas Ankunft in Augsburg und die damit verbundenen Schwierigkeiten. Das ist hie und da recht amüsant, da durchgängig die Sprechweise in Dialektform wiedergegeben ist, aber auch bisweilen etwas anstrengend und bemüht. So richtig sympathisch wurden mir die Protagonistinnen leider auch nicht, die eine zu überkandidelt mit schickem Auto, das mit äußerst unpraktischem weißen Interieur ausgestattet wurde und immer um ihre Blüschen und das Dutt bemüht, die andere das extreme Gegenteil im Hippielook mit stinkendem Hund, den sie ohne Rücksicht auf Kollegen ins Büro schleppt. Ob die sich in Wirklichkeit auch so schnell angefreundet hätten, wage ich zu bezweifeln.

Sicherlich für Augsburger ein großer Spaß, wenn auch die Figuren arg klischeebehaftet und voller Vorurteile gezeichnet werden, ansonsten ein leichter cosy crime Roman, der nicht allzu viel Aufmerksamkeit für das Lösen des Falles erfordert.

Leo Fischl – Die Todesinsel

leo fischl die todesinsel
Leo Fischl – Die Todesinsel

Die 18-jährigen Schülerinnen Anna und Ronja werden auf Helgoland ermordet. Sie recherchierten für einen Artikel, der in ihrer Schülerzeitung erscheinen sollte und sind scheinbar zwischen die Fronten der alteingesessenen Helgoländer und der Investoren in die Offshore-Windanlagen und Touristenhotels geraten. Jürgen Kemper und Paula Petersen werden aus Hannover zu dem mysteriösen Fall hinzugezogen und sie merken bald, dass die Lage ausgesprochen schwierig ist: viele Verdächtige mit Motiven, aber keine einzige wirklich heiße Spur.

Der zweite Fall für das Ermittlerteam ist eine Aneinanderreihung von Absurditäten, die kaum auszuhalten ist. Man kann sich kaum retten vor so viel Unfug, der da in einem Tempo aufeinanderfolgt, dass einem Hören und Sehen vergeht. Es ist allerdings wiederum auch nicht so lustig, dass es als Slapstick durchgehen würde, sondern einfach nur erschreckend schlecht.

Warum das Duo aus Hannover einen Mord auf Helgoland aufklären muss, bleibt irgendwie ominös. Offenbar gibt es in Schleswig-Holstein kein fähiges Personal, so dass man dem Herrn aus Kiel das Dream-Team der niedersächsischen Hauptstadt an die Seite stellen muss, was die Kompetenz jedoch nicht wirklich steigert. Der machohafte Oberkommissar sabbert seiner jungen Kollegin von der ersten Seite an nach, man hat den Eindruck, dass der Autor ihn für einen tollen Hecht hält, dabei ist er einfach nur ein vernachlässigter Stelzbock.

Der Mord: mal eben gleichzeitig mit rechter und linker Hand ein Mädchen erwürgt, offenbar eine Kleinigkeit, bar jeden Realismus‘, aber man sollte nicht zu kleinlich sein, der Mörder kann sich auch trotz Sturmhaube noch den Schweiß von der Stirn wischen.

Zwischendurch auf der Insel erst Nazi-Parolen und Ausländerhass wie er im Buche steht und dann eine „riesengroße Demonstration“ nach Lageeinschätzung des Herren Kommissar. Joa, 30 Inselbewohner mit Schildern und, weil abends, Fackeln. Aber weil man vor diesen Angst haben muss, wird später auch gleich ein SEK angeheuert, dass sich action-geladen abseilt und nicht einfach auf der Insel landet.

Die Ermittlungsmethoden: einfach alle Häuser und Handys durchsuchen, ist ja egal, dass gegen niemanden belastbare Beweise vorliegen. Derweil liegen die beiden Kommissare bis späten Vormittag im Bett und genießen den Schlaf der Gerechten. Absolut nachvollziehbar, dass der Druck offenbar nicht so besonders hoch ist, wenn zwei junge Frauen ermordet wurden. Befragungen machen sie auch gerne mal alleine und riskieren dabei ihr Leben, nun ja. Mein persönliches Highlight war die messerscharfe psychologische Diagnose, die der Kommissar nach nur wenigen Minuten bei einem jugendlichen Zeugen stellen kann – Achtung Spoiler! – und dann die Missachtung aller Empfehlungen, die es im Fall von Befragungen von Missbrauchsopfern nur geben kann. Es ist so hanebüchen und macht mich regelrecht wütend, da es suggeriert, dass man Opfer nur mal hart angehen muss, damit sie endlich den Mund aufmachen.

Daneben ist das Buch mit unsäglich vielen falsch verwendeten Metaphern und Redensarten gespickt („er wollte keinen Verdacht schöpfen“ ?!?), dass es einem schmerzt. Aber eines kann man Superermittler Kemper nicht vorwerfen: fehlende Durchschlagskraft denn er ordnet an: „Notfalls räumen wir ganz Helgoland.“

Lilja Sigurðardóttir – Das Netz

Lilja Sigurðardóttir Das Netz
Lilja Sigurðardóttir – Das Netz

Ihre Liebe wird ihr zum Verhängnis. Als ihr Mann Adam sie mit Agla zusammen erwischt, ist es ganz aus zwischen ihm und Sonja. Die Ehe war da schon längst gescheitert, aber für ihren Sohn Tómas war sie geblieben. Ein neues Leben ohne ihren Mann und sein Einkommen aufzubauen, ist nicht einfach und bald schon gerät Sonja in arge Schwierigkeiten, aus denen ein Freund ihr anbietet zu helfen. Nur einen Botendienst soll sie erledigen, doch der hat es in sich. Sie soll Kokain nach Island schmuggeln. Unerwarteterweise ist Sonja gut darin, völlig unauffällig bewegt sie sich als Businessfrau auf den Flughäfen und akribisch bereitet sie den Transport vor. Doch genau das wird ihr zum Verhängnis: ihr attraktives unscheinbares Auftreten fällt Bragi Smith auf. Der Zollbeamte hat viele Jahre Erfahrung und erkennt die Schmuggler. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis ihm Sonja ins Netz geht.

„Das Netz“ ist Band 1 der Reykjavík Noir Trilogie von Lilja Sigurðardóttir. Mit Sonja Gunnarsdóttir hat die isländische Autorin eine ungewöhnliche Protagonistin geschaffen. Eine Mutter, die nach der Trennung in eine schwierige Lage gerät, die von mächtigen Männern gnadenlos ausgenutzt wird, sich aber dann zunehmend ihrer Stärken bewusst wird und diese für sich einzusetzen weiß. Sie kennt ihre Gegner nicht wirklich, zu unbedarft ist sie noch, doch als sie erkennt, in welchem Netz sie gefangen ist, weckt dies ihre Kämpfernatur.

Die Spannung des Krimis wird gleich durch zwei parallel verlaufende Bedrohungen aufrechterhalten: zum einen ist Sonja den Drogenbossen wehrlos ausgeliefert; sie lebt zwar noch in der Illusion, sich irgendwann freikaufen zu können, dass dies aber eher einem Wunschdenken geschuldet ist, kann man sich als Leser ausrechnen. Auf der anderen Seite ist ihr der Zollbeamte Bragi auf die Spur gekommen, der sie gleichermaßen zu Fall bringen kann und die Aussicht, das Sorgerecht für ihren Sohn zu erhalten damit bedroht. Emotional sitzt sie ebenfalls zwischen den Stühlen. Der nicht enden wollende Kampf mit ihrem Ex-Mann ist genauso zermürbend wie die Beziehung zu Agla, die sich nicht wirklich zu der Beziehung mit einer Frau bekennen kann und will.

Bei all den Sorgen fehlt Sonja der Kopf, um die Ermittlungen, die gegen die Bankmitarbeiterin Agla eingeleitet wurden, ernsthaft zu verfolgen. Diese hat offenbar nicht unwesentlich daran Anteil, dass der kleine Inselstaat in eine finanzielle Katastrophe geraten ist, doch nun soll sie für ihre Spekulationen und Geldwäsche bezahlen.

Man muss den Krimi sicher als Teil einer Serie sehen, denn so ganz glücklich lässt er mich nicht zurück. Viele Fragen bleiben offen und der Cliffhanger zum Ende ist ohnehin etwas, das ich nicht wirklich schätze. Die kurzen Kapitel tragen zu dem schnellen Erzähltempo bei, im Laufe der Handlung nimmt diese auch deutlich an Spannung und Komplexität zu, bevor gleich mehrere Enthüllungen so manches in einem völlig anderen, aber nicht minder interessanten Licht erscheinen lassen. Die Autorin hat eine komplexe Geschichte erschaffen, die von der außergewöhnlichen Protagonistin lebt und mit einigen Überraschungen aufwartet.

Adrian McKinty – Dirty Cops

adrian mckinty dirty cops
Adrian McKinty – Dirty Cops

Seit einiger Zeit schon ist es erstaunlich ruhig im Belfast des Jahres 1988, doch bevor Sean Duffy in seinem Revier in Carrickfergus die Füße ganz hochlegen kann, geschieht doch noch ein Mord und der hat es in sich. Mit einer Armbrust wird der kleine Drogendealer Francis Deauville in seinem Vorgarten aufgefunden. Als Unabhängiger ging er seinen Geschäften nach, aber nicht so erfolgreich, dass er den wirklich Großen im Geschäft ins Spiel gekommen wäre. Und die hätten auch eine weitaus weniger spektakuläre Waffe benutzt, um sich Deauvilles zu erledigen. Während Duffy und sein kleines Team verzweifelt nach Anhaltspunkten suchen, haben es gleich mehrere auf ihn abgesehen: nicht nur fällt er durch den Sporttest und der Arzt droht ihm, ihn aus dem Verkehr zu ziehen, auch intern muss er mit ansehen, wie seine Widersacher an ihm vorbei befördert werden. Das ist aber alles nichts im Vergleich zu dem, was er sich mit diesem Fall einhandelt, denn bald schon befindet er sich im Fadenkreuz von Special Branch und IRA gleichermaßen.

Adrian McKinty gelingt mit seiner Reihe um Sean Duffy nicht nur ein spannender Kriminalfall nach dem nächsten, sondern vor allem eine Serie, die wie kaum eine andere atmosphärisch und politisch in ihr Setting eingebunden ist. Als katholischer Polizist ist der Protagonist ein Außenseiter in Nordirland und natürliches Feindbild beider Seiten. Die Troubles dauern in den 80er Jahren noch an und vom lange ersehnten Frieden ist das kleine Land weit entfernt. Alles ist politisch und mit jedem Schritt läuft man Gefahr, in den blutigen Konflikt hineingezogen zu werden. Überzeugungstäter wie Duffy sind daher prädestiniert für Ärger auf allen Ebenen, aber gerade seine aufrechte Haltung und klare Positionierung – die jedoch Deals und kleine Gefallen nicht ausschließt – machen ihn nicht nur zu einem Sympathieträger, sondern zu genau jenen Alltagshelden, die man sich wünscht.

Sein sechster Fall beginnt kurios mit dem Armbrustmord und einem völlig chaotischen Tatort. Die Frau des Opfers liefert auch viel Raum für Spekulationen, als Bulgarin stammt sie von der anderen Seite des eisernen Vorhangs, was politische Motive ganz anderer Art vermuten lässt. Doch tatsächlich ist der Fall ganz anders und der Versuch aus den höchsten Rängen der IRA angeordert, Sean Duffy endgültig zu beseitigen – und das, wo er selbst dank seiner Kindheit in Derry gute Kontakte nach weit oben unterhält – lässt vermuten, dass etwas ganz anderes dahintersteckt.

Das geradezu biblische Ausmaß der Verstrickungen ist clever angelegt und eröffnet sich erst Schritt für Schritt. McKinty dosiert die Spannung wieder einmal perfekt und hat für mich einen in jeder Hinsicht kaum zu überbietenden politischen Krimi geschaffen, in dem es nur Graustufen gibt, denn Gut und Böse sind für Nordirland schon lange keine passenden Kategorien mehr. Mit abgeklärtem Sarkasmus lässt er Duffy seine Geschichte erzählen, wobei dieser auch seine schwache Seite in Bezug auf seine Freundin Beth und die gemeinsame Tochter zeigen darf und dadurch noch mehr Profil erhält.

Remy Eyssen – Dunkles Lavandou

remy eysson dunkles lavandou
Remy Eyssen – Dunkles Lavandou

Im beschaulichen Le Lavandou steht die Sommersaison unmittelbar bevor und alle sind auf den Einfall der Touristen vorbereitet. Doch dann schreckt ein schrecklicher Selbstmord das Örtchen auf: eine junge Frau hat sich von einer Brücke gestürzt und wurde dann von einem LKW überrollt. Leon Ritter, zuständiger Rechtsmediziner, stellt jedoch fest, dass die Frau schon tot war, als sie von der Brücke fiel. Zudem weist die Leiche noch zahlreiche andere Verletzungen auf, die auf brutale Folter und Misshandlung hinweisen. Eine zweite Leiche mit ähnlichen Zeichen lässt Ritter schnell an einen Serientäter denken, doch davon will man bei der Polizei nichts hören. Auch seine Lebensgefährtin Isabelle hat zunächst Zweifel, noch dazu fehlen konkrete Spuren. Die Lage spitzt sich zu als weitere junge Frauen vermisst gemeldet werden, eine davon Tochter des Kultusministers, was den Druck auf die Ermittler drastisch erhöht.

Im sechsten Fall für den deutschen Rechtsmediziner im Dienste der provenzalischen Polizei verbindet Remy Eysson verschiedene typische Themen typischer Kriminalromane: Entführung, ein besessener Serientäter, biblische Zeichen und dann auch noch ein prominentes Opfer, dessen Vorerkrankung den Zeitdruck besonders erhöht. Das alles in einem cosy crime Setting zwischen malerischen Olivenhainen und Weinbergen und immer mit perfekter Urlaubskulisse und Sonnenschein verschmilzt zu einer unterhaltsamen Sommerlektüre.

Insgesamt ist der Krimi für mich ein recht routinierter Roman, der das liefert, was man von diesem Genre erwartet: das Lebensgefühl Südfrankreichs – lokale Spezialitäten und guter Wein als Grundvoraussetzung für das Wohlsein – in charmanter Atmosphäre zwischen Mittelmeer und ansprechender Landschaft steht im Konkurrenzkampf mit dem Kriminalfall. Dieser ist recht typisch aufgezogen und überschaubar komplex. Für mein Empfinden etwas zu platt die falschen Fährten, die zu offenkundig sind und eigentlich auch die Polizisten nicht wirklich täuschen sollten. Ebenso blieb mir der Täter mit seinem Motiv etwas zu blass. Mehr Einblick in sein Denken hätte sicherlich den Verdacht früher auf ihn gelenkt und vielleicht ein wenig der Spannung genommen, allerdings wird die Figur für routinierte Krimileser auch schnell sehr offenkundig als heißer Kandidat.

Insgesamt leichte Unterhaltung, die sich perfekt als sommerliche Reiselektüre eignet.

Guillermo Martínez – Die Oxford-Morde

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Guillermo Martínez – Die Oxford-Morde

Ein junger argentinischer Mathematiker kommt für seine Promotion nach Oxford, wo er hofft, sich mit den Größen seines Faches intensiv über Formeln und Logik austauschen zu können. Schnell jedoch muss er sich mit etwas ganz anderem befassen, denn seine Vermieterin Mrs Eagleton wird ermordet. Arthur Seldom, Mathematik-Professor am College und Freund von Mrs Eagletons Familie, berichtet sowohl dem Erzähler wie auch der Polizei, dass er eine kryptische Nachricht erhalten habe, die ihn just am Mordtag zu dem Opfer führte. Einen wirklichen Reim kann er sich jedoch nicht auf die Zeichen machen. Erst als eine zweite Nachricht zu einem zweiten Mord führt, scheint er ein Muster zu erkennen und befürchtet, dass Oxford von einem höchst cleveren Serientäter heimgesucht wird, der die quasi perfekten Morde begeht. Doch dies ist nur der Anfang einer Serie, die schon bald ihr drittes Opfer fordern wird.

Guillermo Martínez Roman ist die Neuausgabe eines Krimis, der bereits unter dem Titel „Die Pythagoras-Morde“ erschienen ist. Der Atmosphäre nach ist die Geschichte für mich ein typischer Vertreter des cosy crime, die Welt der Oxford-Mathematiker ist überschaubar und wird durchaus mit einer gewissen ironischen Note beschrieben. Die Polizeiarbeit findet nur am Rande statt, stattdessen ermitteln der etwas mysteriöse ältere Professor und sein noch jugendlicher Zögling, der als Neuankömmling in der Universitätsstadt natürlich mit einer gewissen neugierigen Naivität ausgestattet ist und sich gerne von einem erfahrenen Experten an die Hand nehmen lässt. Angereichert wird das ganze durch Exkurse in die Welt der Mathematik, denn immerhin sind die Nachrichten durch mathematische Zeichen kodiert und können nur durch diese auch entschlüsselt werden.

Vieles passt in dem Roman sehr gut zusammen: der Erzähler, der unbedarft an die neue Wirkungsstätte kommt; seine ältliche Vermieterin, Witwe eines Mathematikers und Ersatzmutter für das verwaiste Enkelkind; der Professor, der sich sogleich in die Suche nach logischen Strukturen bei den Nachrichten des Täters stürzt; die Figuren umgeben von den ehrwürdigen Mauern der traditionsreichen Universität, die auch gar nicht an einen profanen Alltag jenseits der geistigen Sphären denken lässt. Die mathematischen Höhen indes sind so wohldosiert, dass sie auch rechnerische Tiefflieger problemlos nachvollziehen und gemeinsam mit den Hobbydetektiven die Spur verfolgen und die Zeichen entschlüsseln können.

Obwohl ein Serienmörder im Zentrum steht und immer mehr Opfer zu beklagen sind, bleibt jedoch die große Spannung aus. Dies liegt vermutlich an den mathematischen Abhandlungen, die notwendig sind, um gewissen Zusammenhänge zu verstehen, aber letztlich auch von der Geschichte wegführen. Die Begeisterung für sein Fach, ebenso für Logik und Magie, bringt der Mathematiker Martínez hervorragend in seinem Roman unter und kann damit auch mich als Leserin überzeugen. Leider nimmt dies jedoch der Krimihandlung etwas den Raum, so dass daraus eine solide, gut konstruierte Erzählung wird, die jedoch in der Darstellung der Charaktere und des Handlungsrahmens etwas blass bleibt.