Husch Josten – Hier sind Drachen

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Husch Josten – Hier sind Drachen

Wieder ein Anschlag, wieder ein Job für die Journalistin Caren. Nach dem verheerenden Attentat am Abend des 13. November 2015 in Paris, macht sich die junge Reporterin auf von London in die französische Hauptstadt, um für ihre Zeitung vor Ort zu recherchieren. Anschläge wurden ihr Spezialgebiet, nachdem sie unerklärlicherweise den 11. September in New York und auch den Boston Marathon unversehrt überlebt hat. In Heathrow wartet sie auf das Boarding, doch es kommt zu einer Verzögerung.  Plötzlich wird ihr Gate umstellt, die Fluggäste sind abgesperrt und eingesperrt und eine Zwangsgemeinschaft entsteht. Caren kommt mit einem älteren Herrn ins Gespräch, der die Lage mit stoischer Ruhe über sich ergehen lässt. Er liest weiterhin in Wittgensteins „Tractatus“ als wenn es die Welt um ihn herum nicht gäbe. Caren versucht mit ihrem Presseausweis etwas in Erfahrung zu bringen, doch die Mitarbeiter des Flughafens sind angespannt, also plaudert sie weiter wartend mit „Wittgenstein“ über dessen Zufallsforschung und die Frage, wie ein Journalist die eine Geschichte, die noch nie berichtet wurde, finden und erzählen kann. Und plötzlich ist sie da, die unglaubliche, nie erzählte Geschichte.

Husch Jostens Roman „Hier sind Drachen“ weckt zunächst Erwartungen, die sich völlig in sich auflösen. Der Titel, der alte Seefahrerspruch zur Kennzeichnung der noch nicht betretenen und erforschten Gebiete, lässt auf eine Reise hoffen, durchaus an einen unbekannten Ort und der Flughafen ist ein passender Ausgangspunkt. Tatsächlich verlassen wir diesen jedoch quasi nicht, fast die komplette Handlung spielt sich im Wartebereich ab. Die zweite Falschannahme ergibt sich aus der Seitenzahl, die mit 160 Seiten einen kurzes Lesevergnügen erwarten lässt. Allerdings weist der Roman eine solche inhaltliche Dichte auf, dass ein Lesen ohne Pausen für mich nicht möglich war und ich viele Passagen – insbesondere die philosophischen Gedanken der beiden Protagonisten – mehrfach lesen musste, damit mir nichts entgeht.

Es ist auch nicht einfach zu bestimmen, worum es in dem Buch eigentlich geht. Gerade durch das unerwartete Ende wird der Fokus nochmals völlig verschoben und es bleiben unzählig viele Themen und Gedankenansätze, die alle in sich wichtig und beachtenswert sind. Der Roman beginnt mit der Frage, was der Terror, wie wir ihn seit einigen Jahren in Europa erleben, mit uns als Beobachter oder gar Zeugen macht. Caren leidet zunehmend. Konnte sie die beiden Ereignisse in den USA noch erstaunlich gut durch ihren Job verarbeiten und sogar fruchtbar damit umgehen, war ihr der Anschlag auf die Redaktion von Charlie Hebdo unerklärlich nahegegangen – vor allem vor dem Hintergrund, dass sie dieses nicht unmittelbar miterlebte. Niemand wird die Nachrichten dieser Horrorszenarien verfolgen können ohne nicht an einem Punkt ganz persönlich auch getroffen zu werden. Doch wie soll man als Individuum und wir als Gesellschaft damit umgehen?

Der weniger konkrete, nicht auf den unmittelbaren Alltag bezogene Aspekt, der sich durch das ganze Buch spinnt, ist die philosophische Frage nach dem Geschichtenerzählen und die Frage, ob es noch eine Geschichte geben kann, die noch nie erzählt wurde. Welcher Journalist träumt nicht davon, mit dieser einen Reportage zu Ruhm und Anerkennung zu gelangen? Doch Geschichten gab es schon lange vor dem Journalismus, das Erzählen ist so alt wie die Menschheit selbst und eines der wenigen kulturübergreifenden und –verbindenden Dinge. Doch die Geschichte lebt nicht nur von ihrem Erzähler, denn sie erhält ihren Sinn erst durch den Zuhörer oder Leser, der etwas damit anfangen kann und den Worten einen Sinn zuschreibt.

Neben diesen beiden ganz großen Themen, werden Fragen nach Werten im Leben, der Lebensgestaltung als solches und den Beziehungen aufgerissen. Mit Carens Lebensgefährten wird der Figur und damit dem Leser gnadenlos vor Augen geführt, wie wenig man manchmal seine Mitmenschen und Liebsten kennt. Nach all der Philosophiererei über Geschichten: hören wir einander zu? Und ist das, was bei uns ankommt auch das, was gesagt werden wollte?

Ein durchaus herausfordernder Roman, der dem Leser, der sich auf ihn einlässt, viel zu bieten hat und weit über die Lektüre hinaus begleitet. Der Sinn entsteht beim Lesen im Leser und Husch Josten macht ein sehr großes Angebot. Daneben bietet er sogar noch einen Plot mit Spannung und recht unerwarteten Wendungen – im Ganzen ein Roman, wie er eigentlich unmöglich zu schreiben ist.

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Maryse Wolinski – Schatz, ich geh zu Charlie!

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Maryse Wolinski – Schatz, ich geh zu Charlie!

Ein grauer Januarmorgen, Maryse überlegt noch, ob sie schon aufstehen soll oder doch wartet bis ihr Mann Georges sie weckt. Die üblichen Morgenrituale, bis er sich mit den Worten „Schatz, ich geh zu Charlie!“ verabschiedet. Am Nachmittag werden sie sich schon wiedersehen, um eine Wohnung zu besichtigen, ein Umzug steht an. Aber dieser Termin wird ausfallen, denn am späten Vormittag wird Georges Wolinski beim Anschlag auf die Satirezeitung Charlie Hebdo von den Brüdern Kouachi eins von insgesamt zwölf Todesopfern des Anschlags werden. Mit ihm kommen die berühmtesten Karikaturisten des Landes ums Leben: Cabu, Charb und Tignous. Seit 1971 waren Maryse und Georges verheiratet bis im Namen Allahs ihr Mann für seinen Glauben an die Meinungsfreiheit sterben musste. Der Taxifahrer, der sie fährt, als sie die schreckliche Nachricht erhält, begleitet sie nach Hause und gibt er, auch wenn schon kaum mehr Hoffnung besteht, folgende, bewegende Sätze mit auf ihren ungewissen Weg: »Madame, ich wünsche, dass Ihrem Mann nichts zugestoßen ist. Ich werde an Sie denken. Ich werde für Sie beten.« Mehr konnte er nicht tun.

In Frankreich erschien das Buch der Witwe auf den Tag genau ein Jahr nach dem Anschlag, in Deutschland erst im Januar 2017. Für mich weitgehend ein Dokument des Umgangs mit der Trauer. Minutiös beschreibt sie die Momente am Morgen bis zur Verabschiedung Georges‘. Danach rekonstruiert sie ebenso akribisch die Vorgänge des 7.1.2015. Viel Zeit hat sie für Gespräche mit Augenzeugen aufgewandt, um zu verstehen, was sich genau zugetragen hat in den letzten Minuten vor den tödlichen Schüssen. Die Taubheit in den Stunden nach der Todesnachricht schildert sie eindringlich, ebenso wie das, was sie für den Mann empfunden hat, dessen Ring sie mehr als 40 Jahre trug.

Es ist weder ein besonders persönliches Buch noch ist es eine Anklage, obwohl viele Probleme hier offengelegt werden: warum gab es nicht mehr Schutz für die Journalisten, obwohl die Bedrohungslage derart evident war? Wie war die wirtschaftliche Entwicklung in den Monaten davor und vor allem nach dem Erfolg der Ausgabe der Überlebenden und wie ist dies moralisch mit den Grundsätzen der Gründer zu vereinen? Wie geht man in so einer Extremsituation mit Angehörigen um, die weder zum Ort des Geschehens vorgelassen werden noch verlässliche Informationen erhalten?

Man kann so ein Ereignis nicht wirklich voraussehen und vermutlich auch nicht verhindern. Meist sind unbeteiligte, willkürlich ausgewählte Menschen Opfer der heimtückischen Anschläge. Im Falle von Charlie Hebdo lag der Fall etwas anders. Die Journalisten waren sich der Gefahr bewusst und dennoch sahen sie es als ihre Aufgabe an, sich dieser zu stellen. Für Wolinski und die anderen Gründer der Zeitschrift gab es kein Wegducken:

„Ein fünfzig Jahre währender Kampf für die Meinungsfreiheit, um sich nun mit Obskurantismus, Barbarei und Scharia konfrontiert zu sehen. Und erneut die Frage: Darf man sich über alles lustig machen? Georges hat sich entschieden – Humor als Widerstand.“

Man kann nur hoffen, dass sie nicht umsonst gestorben sind, sondern ihre Haltung noch lange Zeit junge Journalisten ermutigt, es ihnen gleichzutun.

Gila Lustiger – Erschütterung

Rezension, Essay, Sachbuch
Schon im Januar 2015 wurde Paris mit den Anschlägen auf die Redaktion von Charlie Hebdo und den Hyper Cacher schwer getroffen. Aber die Attentate am 13. November gingen viel stärker noch in das Bewusstsein der Franzosen ein, denn dieses Mal traf es die normale Bevölkerung, Menschen, die sich am Freitagabend amüsieren wollten, die ein Konzert besuchten und in Bars saßen, Menschen, die keine Schuld auf sich geladen und doch den Zorn von Terroristen auf sich gezogen hatten. Die deutsche Autorin Gila Lustiger hat diesen Abend und die folgenden Tage miterlebt und ihre Erschütterung in einem Essay festgehalten. Dabei spielen auch die Jugendkrawalle aus dem Jahr 2005 eine wesentliche Rolle, waren diese doch Vorläufer dieser Attentate, ebenso wie die zunehmende Anzahl an antisemitisch motivierten Einzeltaten.
Auf das Buch wurde ich durch eine Veranstaltung mit der Autorin aufmerksam, in der sie zum einen auszugsweise vorlas, zum anderen aber auch noch einmal spontan in Worte fasste, weshalb sie dieser Abend so sehr persönlich getroffen hat. Gewalt und Bedrohung im Alltag sind ihr nicht fremd, immerhin hat sie einige Zeit in Jerusalem gelebt und als Jüdin ist sie insbesondere mit den Facetten sublimer und offener Feindseligkeit vertraut. Man merkte ihr sowohl bei der Lesung wie auch im Buch an, dass die Tage im November sie persönlich stark berührt haben. Dieser sehr persönliche Ton, wie auch die offenen Beschreibungen ihrer Gefühle zwischen Verzweiflung, Unverständnis und Aktionswille, machen ganz wesentlich den Essay aus. Der Versuch als Außenstehende die französische Gesellschaft und die Problematik der Cités zu analysieren gelingt ihr meines Erachtens ebenfalls sehr gut, unter anderem weil sie auch eigene Erfahrungen mit der Frage von Assimilation und dem Recht der Bewahrung von Herkunftssprache und -kultur gemacht hat.
Es ist nicht die große gesellschaftlich-politische Analyse, die umfassend alle Frage beantwortet, sondern ein sehr persönlicher Bericht und Blick auf die aktuelle Situation Frankreichs. Am Ende schafft sie auch einen ganz wesentlichen Schritt: nicht mehr viel über die Täter reden, sondern auch die Opfer in den Fokus rücken, diejenigen, die für die Fehler anderer bezahlen mussten.