Yishai Sarid – Limassol

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Yishai Sarid – Limassol

Die Lage ist ernst, ein Anschlag steht Israel unmittelbar bevor, aber der Geheimdienst kommt dem Täter nicht wirklich nahe. Identifiziert hat man ihn, nur wo er sich rumtreibt, liegt noch im Dunkeln. Beim Verhör seines Bruders rastet der befragende Agent aus und prügelt ihn zu Tode. Statt weiterhin Informationen aus Gefangenen herauszupressen, wird er nun auf einen anderen Fall angesetzt. Über die Schriftstellerin Daphna soll er zu dem Araber Hani Kontakt herstellen, dessen Sohn ebenfalls im Verdacht steht, ein Attentat vorzubereiten. Während er langsam das Vertrauen der beiden gewinnt und sich mit ihnen in der Literatur- und Kunstszene bewegt, schreitet seine Ehe dem Ende entgegen. Den Grausamkeiten seines Berufs steht der Wunsch nach Nähe und Geborgenheit in der Familie entgegen. Beides scheint nicht mehr vereinbar. Und je näher er Daphna und Hani kommt, desto mehr muss er die Sinnhaftigkeit und Menschlichkeit seines Tuns hinterfragen.

Yishai Sarids Roman „Limassol“ erlaubt einen Blick in die angespannte Lage eines Landes, das sich im Dauer-Krisenzustand befindet. Dass die Realität die Fiktion wieder einmal überholen kann, zeigt sich aktuell im November 2019. Man kann nach der Lektüre die andauernde maximale Anspannung der Bewohner noch besser nachvollziehen und vor allem wird die ganz individuelle Zerreißprobe offenkundig: der Wunsch nach einem Leben in Sicherheit und der Schutz des Staates Israel stehen den persönlichen Begegnungen der Juden mit den Arabern gegenüber, ebenso die Infragestellung der Methoden von Polizei und Geheimdienst vor dem Hintergrund der Gewaltbereitschaft und Diskriminierung. In Yishai Sarids Protagonist vereint sich all dies zu einem hochexplosiven Gemisch.

Der Autor kennt als Israeli und ehemaliger Offizier im Nachrichtendienst die weitgehend verborgene Seite des israelischen Sicherheitsapparats. Dass er in den drastischen Schilderungen der Verhöre allzu viel Phantasie hat walten lassen, ist nicht anzunehmen. Die Figuren werden zu Beginn auch getrieben von der extremen Hitze, die selbst durch dickste Wände kriecht und sich nachhaltig auf den Gemütszustand auswirkt. Eine Entschuldigung für das Handeln ist dies jedoch nicht. Nur halbherzig wird auf den Tod des arabischen Verdächtigen reagiert, so ist es leicht die Wut der Gegenseite nachzuvollziehen. Von diesem unnachgiebigen und gefühlskalten Geheimdienstler ist jedoch am Ende nicht mehr viel übrig. Das Scheitern seiner Ehe, der Verlust von Frau und Kind haben auf ihn jedoch nur geringen Einfluss. Es sind ausgerechnet die Feinde, denen er sich verdeckt nähern muss, die den Wandel befördern. Fließend und geradezu unbemerkt schleicht sich etwas heran, das in ihm immer größer wird.

Während zunehmend Emotionen Einfluss auf sein Denken nehmen, die er als professioneller Spion gegenüber den Zielobjekten – die immer mehr zu Subjekten werden – nicht haben darf, nähert sich der Moment des Anschlags auf Hanis Sohn, den er angebahnt hat. Hier wird der Roman, der von einer ausgefeilten Figurenzeichnung des Protagonisten lebt, tatsächlich zum nervenaufreibenden und spannenden Politthriller. Man weiß nicht, wie er sich entscheiden wird, wie er sich entscheiden soll. Als Leser wird man in seinen Konflikt hineingezogen, ein Konflikt, für den es keine Lösung geben kann. Der Terrorismus hat die Figuren fest in der Hand, er diktiert die Logik im Kampf, eine Logik, die es nicht mehr gibt.

Sarid findet trotz der Gewalt und Brutalität, die er schildert, eine poetische Sprache, um seine Geschichte zu erzählen. So findet man sich in diesem absurden und paradoxen Gemisch wieder, gleichzeitig den Roman zu genießen und ihn eigentlich nicht lesen zu wollen. Aber genau so stellt sich ja die reale Lage in Israel dar – absurd und paradox.

Ein herzlicher Dank geht an den Verlag Kein & Aber für das Rezensionsexemplar. mehr Informationen zu Autor und Buch finden sich auf der Verlagsseite.

Alexander Oetker – Zara & Zoë: Rache in Marseille

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Alexander Oetker – Zara & Zoë: Rache in Marseille

Ein komplizierter Fall lässt die beiden Europol Kommissare Zara von Hardenberg und ihren Kollegen Per Isaakson in Zaras provenzalische Heimat kommen. Der Tod eines Mädchens ist verdächtig und Zara spürt, dass ein großer Anschlag kurz bevorsteht. Die Ermittlungen kommen nur schwer voran, die Polizei von Marseille ist offenbar tief korrupt und in der Cité ist ohnehin niemand bereit, mit den Ermittlern zu kooperieren. Zara bleibt keine Wahl, sie muss das tun, was sie immer vermeiden wollte: sie muss ihre Schwester um Hilfe bitten. Nur Zoë kann herausfinden, was bevorsteht, denn im Gegensatz zu Zara hat sie ganz andere Möglichkeiten. Zoë nicht irgendwer, sie ist die Königin der Mafia, die die Drogengeschäfte und Waffenlieferungen kontrolliert und der sich niemand in den Weg stellt. Nach vielen Jahren ohne Kontakt stehen sich die Zwillinge nun wieder gegenüber – aber dieses Mal gemeinsam im Kampf.

Alexander Oetker kennt als ehemaliger politischer Korrespondent das schwierige Pflaster von Marseille, der französischen Stadt, die lange Zeit im Ruf stand, rein von Mafiabanden kontrolliert zu werden und wo sich Polizisten selbst bewaffnet nicht in manche Stadtviertel wagten. Der ideale Schauplatz für einen Thriller, der die eskalierende Gewalt und Kriminalität ins Zentrum stellt.

Die Handlung hat ein enorm hohes Tempo und ist insgesamt sauber und überzeugend konstruiert. Die verfeindeten Banden, die den finalen Kampf ums Revier vorbereiten, dazu die nach den zahlreichen Attentaten in Frankreich aufgeheizte Stimmung – all das wird geschickt genutzt und lässt den Fall authentisch wirken. Stärker noch als die Geschehnisse reizt das ungleiche Schwesternpaar. Zwar etwas klischeehaft gezeichnet – Zara die fleißige und gute Tochter, die einen Job bei den Strafverfolgungsbehörden annimmt einerseits, andererseits die wilde Zoë, die schon früh den Reiz der illegalen Geschäfte erkennt und rasch in der Mafia aufsteigt – gibt ihr doppeltes Spiel doch der Geschichte eine ganz eigene Note.

Rundherum ein überzeugender Thriller, der hoffentlich als Auftakt einer Serie weitere so überzeugende und unterhaltsame Bände folgen lässt.

Philippe Lançon – Der Fetzen

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Philippe Lançon – Der Fetzen

„Vier in dem einen, eins im anderen Krankenhaus: Das sind die Zimmer, in denen ich vom 8. Januar 2015 bis zum 17. Oktober 2015 rund um die Uhr geblieben bin, was insgesamt, wenn ich richtig rechne, 282 Tage ergibt. Gefangene zählen und oft auch Kranke, weil sie am liebsten fliehen und verschwinden würden. Ich war weder gefangen noch krank: Ich war ein Opfer, ein Verletzter (…)“

Philippe Lançon, Reporter und Kritiker, der am Morgen des 7. Januar 2015 an der Redaktionssitzung von Charlie Hebdo teilnahm, der Wochenzeitung, die in den letzten Zügen lag und deren unabwendbarer Tod nur noch eine Frage von wenigen Ausgaben war. Der Tod sollte kommen, aber nicht für die satirische Wochenzeitung, sondern für ihre Macher, in Form der Brüder Kouachi, die bewaffnet in die Redaktionsräume eindrangen und um sich schossen. Elf Tote und zahlreiche Verletze ist die Bilanz, die global Schlagzeilen machte. Eines der Opfer war Philippe Lançon, der erst begreifen musste, das er Teil eines großen Ereignisses wurde und sein Leben von nun an in eine Zeit vor dem 7. Januar und eine Zeit nach dem 7. Januar 2015 getrennt werden würde.

„Der Fetzen“, in Frankreich mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, unter anderem dem Spezialpreis des renommierten Prix Renaudot, der eigentlich Belletristik ehrt, ist eine Biographie der besonderen Art. Sie beschränkt sich auf wenige Monate, die Zeit von dem Anschlag auf Charlie Hebdo und sie endet auch mit einem Anschlag, dem auf das Bataclan am 13. November desselben Jahres. Es ist die Zeit für Philippe Lançon zwischen Tod und Rückkehr ins Leben, die Zeit von 17 Operationen und einem alles andere als optimal verlaufenden Heilungsprozess, den er minutiös mit dem Leser teilt. Letztlich ist es der Versuch etwas zu verstehen und zu verarbeiten, was weder verstehbar noch vergessbar ist. Es ist die persönliche Seite eines globalen medialen Großereignisses, das die Aspekte darstellt, die dem fernen Beobachter üblicherweise vorenthalten bleiben.

Mich hat Philippe Lançons Bericht schwer beeindruckt. Zum einen die Offenheit, mit der er die wiederholten Niederschläge im Heilungsprozess schildert, die Widrigkeiten während des Krankenhausaufenthaltes – es sind die Dinge, über die wir eigentlich nicht sprechen, die in unserer von ansprechender Optik dominierten Welt keinen Platz haben. Es sind aber vor allem auch seine persönlichen Beziehungen, die nach dem Attentat nicht mehr dieselben sind. Nicht nur ihn hat das Ereignis verändert, es wirkt auch sekundär auf sein Umfeld und er muss erkennen, dass nicht jeder mit der neuen Situation umgehen kann.

Der Autor ist ein außerordentlich reflektierter Mensch, was man dem Buch auf jeder Seite anmerkt. Er versucht nicht, einen tieferen, gar religiösen Sinn darin zu erkennen, dass gerade er Opfer wurde. Ebenso spielen seine Emotionen in Bezug auf die Attentäter keinerlei Rolle. Er lebt im Hier und Jetzt, aber er kann nicht mehr einfach irgendetwas lesen, es sind Proust und Kafka, die ihn ansprechen. Wie Prousts Protagonist wird auch er von Erinnerungsfetzen aus seiner Vergangenheit geplagt und kann bisweilen nur mit einer distanzierenden Ironie die kafkaesken Gegebenheiten ertragen. Es ist eine subjektive Verarbeitung, die keinen größeren Zusammenhang schafft, die Banalitäten – steht sein Fahrrad immer noch vor der Redaktion? Wo ist sein Stoffbeutel? – in den Fokus rückt und einem den Autor dadurch nah bringt.

Philippe Lançon ist Charlie Hebdo – mehr als alle, die sich den Slogan zu eigen gemacht haben. Aber er will nicht die Stimme oder das Gesicht sein, dafür ist er zu bescheiden. Er ist ein Überlebender, der das Überleben erst wieder zu schätzen lernen musste und dem, auch wenn man ihm über lange Zeit die Stimme raubte, doch nie die Worte ausgingen, was ein Glücksfall ist.

Pascal Engman – Der Patriot

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Pascal Engman – Der Patriot

Madeleine Winther ist eine junge ehrgeizige Journalistin, die unbedingt nach oben will. Koste es, was es wolle. Sie ist bereits weit gekommen, aber sie erwartet noch mehr. August Novak hingegen will raus aus seinem Leben. Nach Jahren bei der Fremdenlegion und nun in Kolumbien hat er die kriminelle Arbeit satt, vor allem die Tatsache, dass er in wenigen Monaten Vater wird, bestärkt ihn in seinem Wunsch nach einem bürgerlicheren Leben. Carl Cederhielm kann den ganzen linken Politikersprech in Schweden nicht mehr ertragen; was soll daran gut sein, wenn seine schwedische Heimat von mordenden und vergewaltigenden Muslimen überschwemmt wird? Mit dieser Meinung ist er nicht alleine, das weiß auch Mitra und vor allem ihre Eltern, die seit Jahrzehnten in Skandinavien leben und sich mustergültig integriert haben. Jetzt sind sie wieder die Ausländer, denen man die Schuld an allem, was schief läuft, in die Schuhe schiebt. Doch lange geht es nicht mehr so weiter, wenn die Verantwortlichen schon nicht handeln, muss das wer anders in die Hand nehmen und einen perfekten Plan in Gang setzen.

Pascal Engmans Debüt ist ein rasanter Thriller, der die in Europa derzeit angespannte Lage als Grundlage für seinen Roman nimmt und ein glaubwürdiges, wenn auch erschreckendes Szenario zeichnet. Zu keinem Zeitpunkt zweifelt man daran, dass die fiktiven Geschehnisse genauso gut der Tagespresse entstammen könnten, zu sehr haben wir uns mittlerweile daran gewöhnt, das Unglaubliche als real existent zu akzeptieren.

Es dauert einige Zeit, bis man als Leser den Plan durchschaut und vor allem die Verbindung zwischen den einzelnen Handlungssträngen und den Figuren erkennt. Alles fügt sich jedoch nach und nach reibungslos ineinander und ergibt ein komplettes, wenn auch hochkomplexes Bild und eine stimmige Story. Neben dem Realitätsgehalt haben mich vor allem die Figuren überzeugen können. Obwohl sie extrem verschieden sind, ist jede einzelne auf ihre Art faszinierend und interessant: die ambitionierte Journalistin, die über Leichen geht; der zugewanderte Taxifahrer, der alles für seine Tochter tun würde und immer bemüht ist, möglichst unsichtbar in der Gesellschaft zu sein; der frustrierte Nazi, der seine eigenen Unzulänglichkeiten auf andere projiziert; der ehemalige Straftäter, der geläutert ist und sich nach geregelten Bahnen sehnt.

Die kurzen Kapitel erhöhen das Tempo der Handlung und treiben diese parallel verlaufend voran. Es gab zwar nicht die ganz großen Überraschungen, so dass man nicht von einem Nerven zerreißenden Thrill sprechen kann, es war mehr die Komplexität und auch die Gnadenlosigkeit der Figuren, die hier die Spannung am Anschlag hält und für überzeugende Unterhaltung sorgt.

Thomas Palzer – Die Zeit, die bleibt

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Thomas Palzer – Die Zeit, die bleibt

Zwei Männer, zwei Schicksale. In München wird der Anwalt Ewart Colver an einem Frühlingsabend angefahren und schwer verletzt. Wer kann es auf ihn abgesehen haben? Hängt der offenkundige Mordversuch mit einem sechs Jahre zurückliegenden Fall zusammen, bei dem er sich mit einem Drogenkartell anlegte? Der Anruf eines Kommissars deutet zumindest darauf hin, doch da die Polizei nur wenig tätig wird, muss Colver wohl oder übel selbst ermitteln. Unterdessen ist Shenja Orlov in Berlin immer noch gedanklich in St. Petersburg und bei der einzigen wahren Liebe, die er jemals hatte. Es war seine Schuld, dass sie ums Leben gekommen ist und seither büßt er dafür. Wird es mit seiner Kollegin vielleicht doch einen Neuanfang für ihn geben können? Doch das Schicksal hat ebenfalls einen Plan, mit dem beide Männer nicht gerechnet haben.

Thomas Palzer erzählt die beiden Handlungsstränge parallel ohne dass sich für den Leser eine Verbindung erkennen ließe. Zeit und Ort sind derart voneinander losgelöst, dass man lange Zeit beide Männer verfolgt, sich aber doch wundert, wie diese beiden Leben miteinander in Zusammenhang stehen. Gemächlich schreitet die Handlung voran, bis sie plötzlich ein rasantes Tempo aufnimmt und sich alles auflöst.

Auch wenn die beiden Geschichten völlig verschieden sind und die Männer vordergründig kaum Parallel aufweisen, gleichen sie sich doch in mancherlei Hinsicht. Es ist ihr Psychogramm, das den Roman interessant macht, weniger die durchaus auch spannende Frage nach den Hintergründen des Anschlags auf Colver. Der Münchner Anwalt, dessen Ehe schon Jahre zuvor zerbrochen ist und der nur ein oberflächliches Verhältnis zu seinen Kindern hat, hat ebenso den Halt im Leben verloren wie der Berliner IT Spezialist. Beide sind weitgehend sozial isoliert und haben faktisch nur wenig Kontakt zu Mitmenschen. Ebenso sind sie gefangen in ihrer Gedankenwelt, in der sie versuchen ihre Erlebnisse zu verarbeiten und mit Sinn zu füllen. Für sie ergibt sich ein klares, logisches Bild, dass dies jedoch nur einseitig die Situation beleuchtet und einzig ihre Perspektive berücksichtigt, blenden sie aus. Colver versteift sich völlig in die Mordanschlagtheorie, die er mit allen Mitteln versucht zu belegen, gleichermaßen ist Orlov von der Untreue seiner neuen Partnerin überzeugt und kann logischerweise nur alles, was sie tut, unter dieser Prämisse bewerten.

Sie weisen Züge einer Paranoia auf, sie nehmen ihre Umwelt verzerrt wahr, werden gegenüber der Welt zunehmend feindseliger und misstrauisch und schaffen sich ein komplexes Verschwörungsszenario, das die beiden letztlich in die größtmögliche Katastrophe führt. Die Entwicklung der Figuren bis zum tragischen Höhepunkt ist Palzer großartig gelungen. Leicht kann man nachvollziehen, wie sich zwei grundsätzlich gesunde Menschen immer tiefer hineinsteigern und letztlich aus dem Käfig, den sie sich erschaffen haben, nicht mehr herausfinden.

Für mich ein großartiger Roman in zweierlei Hinsicht: die Konstruktion des Handlungsverlaufs geht ebenso glatt auf wie die psychologische Entwicklung seiner beiden Protagonisten. Gepaart wird das Ganze mit einer ordentlichen Portion Spannung und durchaus auch einigen gesellschaftlich und sozialkritischen Fragen.

Tony Parsons – Die Essenz des Bösen

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Tony Parsons – Die Essenz des Bösen

Detective Max Wolfe ist nur kurz im Einkaufszentrum Lake Meadows als die Hölle über ihn hereinbricht: ein Hubschrauber, von einer Drohne abgeschossen, stürzt in das Gebäude und löst ein Inferno aus. Es dauert nicht lange, bis die beiden Khan Brüder als Täter identifiziert sind, doch bei der Festnahme kommt es zum Schusswechsel und eine Polizistin stirbt durch die Waffe des Islamisten. Die Bevölkerung ist außer sich und schwankt zwischen Trauer um die junge Polizistin und Mutter von zwei Kindern und Hass auf die Khan Familie. Die Eltern der Attentäter und eine Nichte wollen trotz ausdrücklicher Warnung nicht unter Polizeischutz bleiben, sondern in ihr altes Haus, in ihr altes Leben zurück und so passiert, was passieren muss: ein weiteres Leben wird ausgelöscht. Nur dieses Mal findet die Polizei den Täter nicht so schnell.

Auch im fünften Teil seiner Reihe um den Londoner Detective greift Tony Parsons aktuelle Themen auf und baut um diese eine überzeugende und vor allem spannende Geschichte. Pünktlich zum Erscheinungstermin könnte die Story auch kaum aktueller sein, ist doch mit London Gatwick einer der wichtigsten europäischen Flughäfen wegen wiederholter Störungen durch Drohnen für mehrere Tage lahmgelegt worden. Und an der unmittelbaren Gefahr, die von fanatischen Islamisten auch in Europa ausgeht, zweifelt inzwischen ohnehin niemand mehr.

Neben der Aktualität hat mich vor allem die Differenziertheit, mit der Parsons die Problematik darstellt, überzeugt. Einerseits jagt die Polizei Terroristen, aber nicht alle Familienmitglieder sind Täter und dürfen nicht als solche behandelt werden. Der Vater, der auf sein Recht auf sein altes Leben pocht, weil er alles für seine Integration getan hat, tut einem Leid. Neben den Opfern, die durch die Attentate zu beklagen sind, ist er der Hauptleidtragende, denn so sehr er sich auch bemüht, die englische Gesellschaft wird ihn nie aufnehmen und seine Söhne versetzen diesem Wunsch den letzten Dolchstoß. Die Polizei muss ihn vor den eigenen Leuten schützen – wahrlich kein leichtes Unterfangen, weder praktisch noch moralisch.

Auch Layla, die 16-jährige Nichte ist gefangen zwischen den Erwartungen und kann letztlich keine erfüllen. Niemand hilft ihr, nimmt sie an die Hand, um ihren Weg zu finden und so bleibt ihr nur die Verzweiflungstat als letzter Ausweg.

Auch Max Wolfe steckt in einem Dilemma: seine Ex will nach Jahren plötzlich die gemeinsame Tochter zurück. Er will sie nicht aufgeben, will aber auch ihr Bestes und ihr vor allem nichts vorenthalten. Gleichzeitig liebt er seinen Beruf – doch als alleinerziehender Vater Verbrecher jagen ist zeitlich nicht immer koordinierbar und geht unweigerlich zu Lasten des Mädchens. Was also tun?

Auch wenn Max Wolfe so einiges einstecken kann, er ist nicht der Superheld, der im Alleingang alle Gegner besiegt. Gerade sein kompliziertes Privatleben hindert ihn an dieser Rolle. Das macht aber die Reihe aus und liefert immer das kleine bisschen mehr, das Tony Parsons‘ Romane auszeichnet.

Daniel Silva – Der Drahtzieher

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Daniel Silva – Der Drahtzieher

Schon wieder ein Anschlag des IS auf britischem Boden, hunderte Tote und Verletzte, das Westend in Schutt und Asche. Drahtzieher ist offenkundig Saladin, der Islamist, den es nicht gelungen war zu eliminieren nach dem Angriff auf das Weinberg Center in Paris. Gabriel Allon, inzwischen Chef des israelischen Geheimdienstes, will ihn endlich unschädlich machen und stellt eine nie gesehene internationale Koalition zusammen: MI5 und MI6 aus England, der französische Geheimdienst und sogar die USA, selbst Opfer Saladins geworden, erklären sich zur Zusammenarbeit bereit, um dem größten Feind des Westens mit vereinten Kräften zu begegnen. Die Spuren führen nach Marseille, Einfallsort für die Drogenversorgung Europas. Als Lockvögel werden der beste Spion der Briten und alter Bekannter Allons, sowie Natalie, die Saladin bereits schon einmal sehr nah kam und ihm damals das Leben rettete, auf den Kontaktmann angesetzt. Dann ist Warten angesagt, bis sich die Chance ergeben wird.

Band 17 der Gabriel Allon Reihe setzt nahtlos da an, wo der Vorgänger aufhörte. Immer noch ist der Islamist Saladin das Ziel des Israelis. Auslöser für alle Aktivität ist wieder einmal ein Attentat in Europa, dem die westlichen Sicherheitskräfte nichts entgegensetzen konnten.

Insgesamt legt „Der Drahtzieher“ über weite Strecken ein recht gemächliches Tempo an den Tag. Der Fokus liegt dieses Mal ganz entschieden auf der Arbeit der Geheimdienste, was jedoch kein bisschen an Spannung einbüßt. Anwerbung, Ausbildung, Kontrolle im Hintergrund – detailliert schildert Silva, wie eine große Operation geplant und umgesetzt wird, was dazu erforderlich ist und was offenkundig so alles bewegt werden kann. Ebenso interessant sind natürlich die Befindlichkeiten der einzelnen Länder, wie jeder den großen Sieg einfahren möchte, wie alte Animositäten fast die ganze Aktion gefährden. Hier bewegt sich Silva tatsächlich im klassischen Spionage-Milieu und kann an einen John LeCarré heranreichen.

So interessant dies alles ist, führt es jedoch unweigerlich auch dazu, dass die Handlung langsamer verläuft als man das von Silva gewöhnt ist. So manche Länge bleibt ebenfalls nicht aus. Auch Gabriel Allon bleibt dieses Mal im Hintergrund, die tragenden Figuren sind die Agenten und ihre Zielpersonen. Diese sind überzeugend gezeichnet und auch lebendig in ihrem Handeln. Allerdings habe ich mich doch gefragt, ob sich zwielichtige Personen tatsächlich so leicht anwerben lassen und uneigennützig kooperieren würden. Auch der finale Showdown in Marokko war zwar rasant und einem Thriller würdig, aber hatte doch mehr Hollywood Potential als Überzeugungskraft.

Insgesamt eine solide Fortsetzung mit großem Unterhaltungswert, die die Erwartungen an die Reihe voll erfüllt.

Husch Josten – Hier sind Drachen

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Husch Josten – Hier sind Drachen

Wieder ein Anschlag, wieder ein Job für die Journalistin Caren. Nach dem verheerenden Attentat am Abend des 13. November 2015 in Paris, macht sich die junge Reporterin auf von London in die französische Hauptstadt, um für ihre Zeitung vor Ort zu recherchieren. Anschläge wurden ihr Spezialgebiet, nachdem sie unerklärlicherweise den 11. September in New York und auch den Boston Marathon unversehrt überlebt hat. In Heathrow wartet sie auf das Boarding, doch es kommt zu einer Verzögerung.  Plötzlich wird ihr Gate umstellt, die Fluggäste sind abgesperrt und eingesperrt und eine Zwangsgemeinschaft entsteht. Caren kommt mit einem älteren Herrn ins Gespräch, der die Lage mit stoischer Ruhe über sich ergehen lässt. Er liest weiterhin in Wittgensteins „Tractatus“ als wenn es die Welt um ihn herum nicht gäbe. Caren versucht mit ihrem Presseausweis etwas in Erfahrung zu bringen, doch die Mitarbeiter des Flughafens sind angespannt, also plaudert sie weiter wartend mit „Wittgenstein“ über dessen Zufallsforschung und die Frage, wie ein Journalist die eine Geschichte, die noch nie berichtet wurde, finden und erzählen kann. Und plötzlich ist sie da, die unglaubliche, nie erzählte Geschichte.

Husch Jostens Roman „Hier sind Drachen“ weckt zunächst Erwartungen, die sich völlig in sich auflösen. Der Titel, der alte Seefahrerspruch zur Kennzeichnung der noch nicht betretenen und erforschten Gebiete, lässt auf eine Reise hoffen, durchaus an einen unbekannten Ort und der Flughafen ist ein passender Ausgangspunkt. Tatsächlich verlassen wir diesen jedoch quasi nicht, fast die komplette Handlung spielt sich im Wartebereich ab. Die zweite Falschannahme ergibt sich aus der Seitenzahl, die mit 160 Seiten einen kurzes Lesevergnügen erwarten lässt. Allerdings weist der Roman eine solche inhaltliche Dichte auf, dass ein Lesen ohne Pausen für mich nicht möglich war und ich viele Passagen – insbesondere die philosophischen Gedanken der beiden Protagonisten – mehrfach lesen musste, damit mir nichts entgeht.

Es ist auch nicht einfach zu bestimmen, worum es in dem Buch eigentlich geht. Gerade durch das unerwartete Ende wird der Fokus nochmals völlig verschoben und es bleiben unzählig viele Themen und Gedankenansätze, die alle in sich wichtig und beachtenswert sind. Der Roman beginnt mit der Frage, was der Terror, wie wir ihn seit einigen Jahren in Europa erleben, mit uns als Beobachter oder gar Zeugen macht. Caren leidet zunehmend. Konnte sie die beiden Ereignisse in den USA noch erstaunlich gut durch ihren Job verarbeiten und sogar fruchtbar damit umgehen, war ihr der Anschlag auf die Redaktion von Charlie Hebdo unerklärlich nahegegangen – vor allem vor dem Hintergrund, dass sie dieses nicht unmittelbar miterlebte. Niemand wird die Nachrichten dieser Horrorszenarien verfolgen können ohne nicht an einem Punkt ganz persönlich auch getroffen zu werden. Doch wie soll man als Individuum und wir als Gesellschaft damit umgehen?

Der weniger konkrete, nicht auf den unmittelbaren Alltag bezogene Aspekt, der sich durch das ganze Buch spinnt, ist die philosophische Frage nach dem Geschichtenerzählen und die Frage, ob es noch eine Geschichte geben kann, die noch nie erzählt wurde. Welcher Journalist träumt nicht davon, mit dieser einen Reportage zu Ruhm und Anerkennung zu gelangen? Doch Geschichten gab es schon lange vor dem Journalismus, das Erzählen ist so alt wie die Menschheit selbst und eines der wenigen kulturübergreifenden und –verbindenden Dinge. Doch die Geschichte lebt nicht nur von ihrem Erzähler, denn sie erhält ihren Sinn erst durch den Zuhörer oder Leser, der etwas damit anfangen kann und den Worten einen Sinn zuschreibt.

Neben diesen beiden ganz großen Themen, werden Fragen nach Werten im Leben, der Lebensgestaltung als solches und den Beziehungen aufgerissen. Mit Carens Lebensgefährten wird der Figur und damit dem Leser gnadenlos vor Augen geführt, wie wenig man manchmal seine Mitmenschen und Liebsten kennt. Nach all der Philosophiererei über Geschichten: hören wir einander zu? Und ist das, was bei uns ankommt auch das, was gesagt werden wollte?

Ein durchaus herausfordernder Roman, der dem Leser, der sich auf ihn einlässt, viel zu bieten hat und weit über die Lektüre hinaus begleitet. Der Sinn entsteht beim Lesen im Leser und Husch Josten macht ein sehr großes Angebot. Daneben bietet er sogar noch einen Plot mit Spannung und recht unerwarteten Wendungen – im Ganzen ein Roman, wie er eigentlich unmöglich zu schreiben ist.

Maryse Wolinski – Schatz, ich geh zu Charlie!

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Maryse Wolinski – Schatz, ich geh zu Charlie!

Ein grauer Januarmorgen, Maryse überlegt noch, ob sie schon aufstehen soll oder doch wartet bis ihr Mann Georges sie weckt. Die üblichen Morgenrituale, bis er sich mit den Worten „Schatz, ich geh zu Charlie!“ verabschiedet. Am Nachmittag werden sie sich schon wiedersehen, um eine Wohnung zu besichtigen, ein Umzug steht an. Aber dieser Termin wird ausfallen, denn am späten Vormittag wird Georges Wolinski beim Anschlag auf die Satirezeitung Charlie Hebdo von den Brüdern Kouachi eins von insgesamt zwölf Todesopfern des Anschlags werden. Mit ihm kommen die berühmtesten Karikaturisten des Landes ums Leben: Cabu, Charb und Tignous. Seit 1971 waren Maryse und Georges verheiratet bis im Namen Allahs ihr Mann für seinen Glauben an die Meinungsfreiheit sterben musste. Der Taxifahrer, der sie fährt, als sie die schreckliche Nachricht erhält, begleitet sie nach Hause und gibt er, auch wenn schon kaum mehr Hoffnung besteht, folgende, bewegende Sätze mit auf ihren ungewissen Weg: »Madame, ich wünsche, dass Ihrem Mann nichts zugestoßen ist. Ich werde an Sie denken. Ich werde für Sie beten.« Mehr konnte er nicht tun.

In Frankreich erschien das Buch der Witwe auf den Tag genau ein Jahr nach dem Anschlag, in Deutschland erst im Januar 2017. Für mich weitgehend ein Dokument des Umgangs mit der Trauer. Minutiös beschreibt sie die Momente am Morgen bis zur Verabschiedung Georges‘. Danach rekonstruiert sie ebenso akribisch die Vorgänge des 7.1.2015. Viel Zeit hat sie für Gespräche mit Augenzeugen aufgewandt, um zu verstehen, was sich genau zugetragen hat in den letzten Minuten vor den tödlichen Schüssen. Die Taubheit in den Stunden nach der Todesnachricht schildert sie eindringlich, ebenso wie das, was sie für den Mann empfunden hat, dessen Ring sie mehr als 40 Jahre trug.

Es ist weder ein besonders persönliches Buch noch ist es eine Anklage, obwohl viele Probleme hier offengelegt werden: warum gab es nicht mehr Schutz für die Journalisten, obwohl die Bedrohungslage derart evident war? Wie war die wirtschaftliche Entwicklung in den Monaten davor und vor allem nach dem Erfolg der Ausgabe der Überlebenden und wie ist dies moralisch mit den Grundsätzen der Gründer zu vereinen? Wie geht man in so einer Extremsituation mit Angehörigen um, die weder zum Ort des Geschehens vorgelassen werden noch verlässliche Informationen erhalten?

Man kann so ein Ereignis nicht wirklich voraussehen und vermutlich auch nicht verhindern. Meist sind unbeteiligte, willkürlich ausgewählte Menschen Opfer der heimtückischen Anschläge. Im Falle von Charlie Hebdo lag der Fall etwas anders. Die Journalisten waren sich der Gefahr bewusst und dennoch sahen sie es als ihre Aufgabe an, sich dieser zu stellen. Für Wolinski und die anderen Gründer der Zeitschrift gab es kein Wegducken:

„Ein fünfzig Jahre währender Kampf für die Meinungsfreiheit, um sich nun mit Obskurantismus, Barbarei und Scharia konfrontiert zu sehen. Und erneut die Frage: Darf man sich über alles lustig machen? Georges hat sich entschieden – Humor als Widerstand.“

Man kann nur hoffen, dass sie nicht umsonst gestorben sind, sondern ihre Haltung noch lange Zeit junge Journalisten ermutigt, es ihnen gleichzutun.

Gila Lustiger – Erschütterung

Rezension, Essay, Sachbuch
Schon im Januar 2015 wurde Paris mit den Anschlägen auf die Redaktion von Charlie Hebdo und den Hyper Cacher schwer getroffen. Aber die Attentate am 13. November gingen viel stärker noch in das Bewusstsein der Franzosen ein, denn dieses Mal traf es die normale Bevölkerung, Menschen, die sich am Freitagabend amüsieren wollten, die ein Konzert besuchten und in Bars saßen, Menschen, die keine Schuld auf sich geladen und doch den Zorn von Terroristen auf sich gezogen hatten. Die deutsche Autorin Gila Lustiger hat diesen Abend und die folgenden Tage miterlebt und ihre Erschütterung in einem Essay festgehalten. Dabei spielen auch die Jugendkrawalle aus dem Jahr 2005 eine wesentliche Rolle, waren diese doch Vorläufer dieser Attentate, ebenso wie die zunehmende Anzahl an antisemitisch motivierten Einzeltaten.
Auf das Buch wurde ich durch eine Veranstaltung mit der Autorin aufmerksam, in der sie zum einen auszugsweise vorlas, zum anderen aber auch noch einmal spontan in Worte fasste, weshalb sie dieser Abend so sehr persönlich getroffen hat. Gewalt und Bedrohung im Alltag sind ihr nicht fremd, immerhin hat sie einige Zeit in Jerusalem gelebt und als Jüdin ist sie insbesondere mit den Facetten sublimer und offener Feindseligkeit vertraut. Man merkte ihr sowohl bei der Lesung wie auch im Buch an, dass die Tage im November sie persönlich stark berührt haben. Dieser sehr persönliche Ton, wie auch die offenen Beschreibungen ihrer Gefühle zwischen Verzweiflung, Unverständnis und Aktionswille, machen ganz wesentlich den Essay aus. Der Versuch als Außenstehende die französische Gesellschaft und die Problematik der Cités zu analysieren gelingt ihr meines Erachtens ebenfalls sehr gut, unter anderem weil sie auch eigene Erfahrungen mit der Frage von Assimilation und dem Recht der Bewahrung von Herkunftssprache und -kultur gemacht hat.
Es ist nicht die große gesellschaftlich-politische Analyse, die umfassend alle Frage beantwortet, sondern ein sehr persönlicher Bericht und Blick auf die aktuelle Situation Frankreichs. Am Ende schafft sie auch einen ganz wesentlichen Schritt: nicht mehr viel über die Täter reden, sondern auch die Opfer in den Fokus rücken, diejenigen, die für die Fehler anderer bezahlen mussten.