Frank Witzel – Inniger Schiffbruch

Frank Witzel – Inniger Schiffbruch

Nach dem Tod seines Vaters fällt der Autor in ein mentales Loch, weder Schreiben noch Lesen will ihm gelingen, obwohl er sich seines eigenen Gefühlslebens noch gar nicht sicher ist und nicht im eigentlichen Sinne trauerte. Er macht sich an den Nachlass, der sofort Erinnerungen an die Kindheit hervorruft. Der Mann, der auch zu Hause Hemd und Anzug trug, gegen den er jahrelang rebellierte, von dem er sich weit entfernt hatte und den er nun versucht zu ergründen. Minutiöse Tagebücher und Kalendereinträge helfen ihm das Leben des Kirchenmusikers zu rekonstruieren. Er zieht Parallelen zu den Biografien berühmter Künstler und ist immer wieder erstaunt, wie sehr sich die Leben innerhalb derselben Generation doch gleichen. Die Mutter, die bereits einige Jahre zuvor verstorben war, bleibt ihm aber immer noch fremd als erwachsene Frau jenseits der Mutterrolle, dabei hätte diese Frau vermutlich sehr viel erzählen können.

„Krankheit, Alter, Tod, dachte ich, als wir in den Aufenthaltsraum zurückkamen. Im Grunde konnte man niemandem einen Vorwurf machen. Es war der sogenannte Lauf der Dinge, wobei es gerade die Dinge waren, die relativ stabil blieben, während der Mensch langsam zwischen ihnen verschwand.“

Der Titel der als „Roman“ deklarierten Spurensuche ist zunächst sperrig, erhellt sich aber im Laufe des Lesens und wird immer klarer. Das tiefe Gefühl, Schiffbruch erlitten zu haben nachdem beide Elternteile nicht mehr da sind, ist überwältigend und nur er allein kann einen Weg wieder in sichere Gewässer und ans Festland finden. Während man dieser Mammutaufgabe folgt, fragt man sich jedoch schon, inwieweit die Erzählung reale Autobiografie und inwieweit reine Fiktion ist, die Trennlinie ist hier mehr als verschwommen. Zugegebenermaßen erscheint mir daher die Nominierung auf der Longlist für den diesjährigen Deutschen Buchpreis auch etwas irritierend.

Anekdotisch werden die Kindheits- und Jugenderinnerungen präsentiert, die auch beim Leser ähnliches wachrufen dürften, interessant auch die Beschreibungen Wiesbadens aus seiner Kindheit, vor allem, wenn man die Biebricher Örtlichkeiten heute kennt. Das sich Annähern an die Menschen, die eigentlich so vertraut sein sollten und dennoch in weiten Teilen unbekannt geblieben sind, gelingt trotz des traurigen Anlasses und hat auch einen gewissen Unterhaltungswert.

Witzel wählt eine ganz andere Herangehensweise an das Thema als Zsuzsa Bánk, deren kürzlich erschienener Roman „Sterben im Sommer“ dieselbe Thematik aufgreift. Letztere hat mich jedoch insgesamt deutlich mehr überzeugen können; die emotionale Überwältigung ob des Verlusts kommt bei der Autorin glaubhaft rüber, Witzel bleibt mir zu distanziert und analytisch, um seinen scheinbaren Ausnahmezustand wirklich glaubwürdig zu transportieren.

Adrienne Brodeur – Wild Game

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Adrienne Brodeur – Wild Game

Rennie ist 14 als der alles verändernde Kuss geschieht. Nicht sie selbst ist es, sondern ihre Mutter, Malabar, die Ben, den seit Jahrzehnten besten Freund ihres Gatten, küsst und damit alles aus den Fugen gerät. Die schillernde Frau geht eine Affäre ein und macht ihre Tochter nicht nur zur Mitwisserin, sondern zur Gehilfin, um ihre Treffen mit Ben zu decken, und zu ihrer Vertrauten, die sich alles anhören muss. Rennie hat ein schlechtes Gewissen gegenüber ihrem Stiefvater, aber die Sehnsucht nach der Nähe zur Mutter und deren Aufmerksamkeit, lassen ihr keinen anderen Ausweg. Als das Verhältnis droht aufzufliegen, ist sie zur Stelle, wann auch immer ihre Mutter leidet, spendet sie Trost. Dabei vergisst sie selbst jedoch den Abnabelungsprozess, den sie als junge Frau vollziehen sollte und wähnt sich in der Illusion, die geliebte Tochter zu sein. Tatsächlich ist sie nur eins: ein notwendiges Hilfsmittel.

Adrienne Brodeur verarbeitet in ihrem Buch ihre komplizierte Beziehung zur Mutter und schildert, welche drastische Folgen diese toxische Beziehung für sie auch viele Jahre später als eigentlich unabhängige Erwachsene hat. Selbst Kind einer allseits bewunderten, strahlenden Frau, hat Malabar nie gelernt zu lieben oder die Perspektive anderer einzunehmen. Ein Schicksalsschlag in jungen Jahren verhindert letztlich eine bedingungslose Beziehung zu ihren Kindern, die ihrerseits so sehr nach Zuwendung lechzen, dass sie aus diesem fragilen und schädlichen Beziehungsgebilde nicht herauskommen.

Anfangs hat das Geheimnis um das Verhältnis noch spannende und reizvolle Aspekte. Mit der Mutter ein so großes Geheimnis zu teilen, lässt das Mädchen geradezu euphorisch werden und sie deutet dies nicht nur als Vertrauens- sondern als Liebesbeweis. Gerne unterstützt sie das Spiel mit den anderen, unbedarft und nicht berücksichtigend, welche Folgen dies für die beiden anderen Partner haben kann. Doch je älter Rennie wird, desto deutlicher erkennt sie ihre Rolle im Leben ihrer Mutter. Schnell ist sie ersetzbar, ihr eigenes Leben und Leid wird gar nicht wahrgenommen und die psychologische Last, die sie seit Jahren mit sich herumträgt, muss zwangsläufig irgendwann in einer manifesten Erkrankung enden. Was von außen eine völlig klare und nachvollziehbare Entwicklung ist, wird von der Autorin an diesem Punkt nicht erkannt, zu sehr steckt sie fest als dass sie sich lösen und einen Schritt beiseite treten könnte, um einen anderen Blickwinkel zu gewinnen.

Es gelingt Adrienne Brodeur den perfekten Ton zu finden, um nicht verbittert ihre Erfahrungen zu schildern, sondern die verschiedenen Stadien, die sie durchläuft, auch sprachlich widerzuspiegeln. Der lockere, neugierig-heitere Ton begleitet die Anfangsphase, ernstere folgen je älter sie wird, bis schließlich der psychologische Tiefpunkt erreicht wird und sie erkennen muss, was aus ihrem Leben geworden ist. Aus dem naiven Mädchen wird die differenzierter denkende junge Frau und schließlich eine Erwachsene, die sich der unerfreulichen Realität und Erkenntnis stellen muss. So wie sie durch die Literatur sich selbst erkannt hat, kann sicherlich auch ihr literarischer Verarbeitungsprozess andere dazu ermutigen, ihre Beziehungen zu hinterfragen.

Christian Baron – Ein Mann seiner Klasse

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Christian Baron – Ein Mann seiner Klasse

Kann man dem scheinbar unvermeidlichen Schicksal ein Schnippchen schlagen und sich auf einen anderen Weg machen als den, der vorgezeichnet scheint? Christian Baron berichtet von seiner Kindheit in Kaiserslautern, wo er mit seinem älteren Bruder und den beiden jüngeren Schwestern aufwuchs. Sie wohnten nicht im allerschlechtesten Stadtteil, zumindest die Adresse verriet nicht, was die Kinder zu Hause erlebten. Der Vater war entweder besoffenen oder gerade dabei, die Mutter zu prügeln, die dann auch früh schon an Krebs verstarb. Mit dem Einkommen als Möbelpacker waren die sechs Mäuler kaum zu stopfen und schon gar nicht, wenn sein Vater gerade mal wieder rausgeflogen war, weil seine Diebstähle aufgeflogen waren. Der Mann vom Jugendamt, der das Sorgerecht nach dem Tod der Mutter und dem Verschwinden des Vaters innehatte, war sich jedenfalls sicher: aus diesen Kindern kann nichts anderes werden als eine weitere Generation asoziale Sozialhilfeempfänger.

„Andere hätten ihre ganze Kindheit über gehofft, er würde verschwinden, dieser trinkende und prügelnde Vater. In meinem Fall war es anders. Mochte er auch gesoffen und geprügelt haben, ich wollte immer, dass er bleibt.“

Christian Baron verdeutlicht in seinem Bericht die Absurdität, die von Außenstehenden nur schwer zu begreifen ist. Obwohl von dem Vater nur wenig Positives kam – das Einkommen hat er in die Kneipe getragen, die Mutter schlug er wegen Nichtigkeiten, die Aufmerksamkeit gegenüber den Kindern war wohldosiert und überschaubar – war er doch der Vater, das Vorbild, an dem sich gerade die beiden Jungs stark orientierten. Sie wollten werden wie er, ein starker Möbelpacker, der sich bei den Kneipenschlägereien durchsetzen und den Rang unter Seinesgleichen behaupten konnte. Und gleichzeitig regierte immer auch die Angst vor seinem Jähzorn, seiner unkontrollierten Gewalt, die sich an der Familie entlud.

Zwar hat er dem Vater auf dem Sterbebett die Absolution verweigert, mit einem gewissen Abstand jedoch kann er ihn nun mit anderen Augen betrachten und ihn als das sehen, was er war: ein Mann seiner Klasse, der nicht nur nicht aus seiner Haut konnte, sondern schlichtweg das weitergelebt hat, was auch er schon als üblichen Lebenswandel vorgelebt bekam. Die Mutter hätte die Chance gehabt, dem Milieu, in das sie geboren wurde, zu entkommen. Eine zu frühe Schwangerschaft und jugendliche Liebesschwüre haben diese jedoch rasch zunichtegemacht.

Trotz all der Widrigkeiten gelingt dem Jungen der soziale und Bildungsaufstieg. Abitur an der Gesamtschule, später das Studium. Als Journalist öffnet er nun die Tür zu einer Welt, die in unserem reichen Land existiert, deren Existenz man jedoch gerne verdrängt. Kinder wachsen in hochprekären Situationen auf, nicht nur Gewalt und mangelnde Fürsorge, auch ganz profaner Hunger sind für sie Alltag. Benny und Christian erfahren erst im Grundschulalter, dass es auch andere Lebensmodelle gibt, die Familienstruktur sich anders gestalten kann. Die Scham bringt sie zum Schweigen und Wegducken, so dass niemand sieht, wie ihr Leben hinter der verschlossenen Wohnungstür ausschaut.

Édouard Louis hat vor einiger Zeit Aufsehen erregt mit seinen autobiografischen Romanen, die eine ähnliche Geschichte erzählen. Auch er wuchs in einem von Gewalt und Alkohol und vor allem einem toxischen Männlichkeitsbild geprägten Umfeld auf und hat dennoch den Sprung ins Bildungsbürgertum geschafft. Wo Louis distanzierter gegenüber seinem Herkunftsmilieu bleibt, versucht sich Baron gerade durch die Sprache wieder die Nähe herzustellen, der er lange zu entfliehen versuchte. Erfahrungen kann man nicht ganz ablegen und so macht Baron etwas Nützliches aus ihnen: einen Tatsachenbericht, der unter die Haut geht und erschreckt.

Roxane Gay – Hunger

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Roxane Gay – Hunger

„Je erfolgreicher ich werde, desto öfter werde ich daran erinnert, dass ich für sehr viele Menschen niemals mehr sein werde als mein Körper. Egal, was ich leiste, zuallererst werde ich immer dick sein.”

Wenn die Menschen den Namen Roxane Gay hören oder lesen, weiß zumindest das US-amerikanische Publikum, dass es sich um eine sehr erfolgreiche Autorin, Professorin und Feministin handelt. Wenn sie dem Menschen Roxane Gay zum ersten Mal begegnen, sind viele jedoch erschrocken, denn mit dieser Person haben sie nicht gerechnet. Roxane Gay ist nicht nur schwarz, sondern auch noch dick. Sehr dick. Weit über das Maß von adipös hinaus. Vergessen ist in diesem Moment, was sie an intellektueller Leistung erbringt, es zählt nur noch der Körper, der alles andere verdrängt und ein finales Urteil beim Betrachter auslöst. Meist kein sehr schmeichelhaftes. Die Autorin ist sich dessen bewusst, schon lange lebt sie damit, doch nun erzählt sie ihre Geschichte hinter dem Gewicht. Die Geschichte eines Mädchens, das mit 12 Jahren brutal von mehreren Jungs vergewaltigt wird und danach beginnt, ihren Körper zu hassen.

 

„Ich habe angefangen zu essen, um meinen Körper zu verändern. Das hatte ich wirklich gewollt. Ein paar Jungs hatten mich zerstört, und ich hatte es fast nicht überlebt. Ich wusste, ich würde keinen zweiten Übergriff dieser Art ertragen, und deshalb habe ich gegessen, weil ich dachte, wenn mein Körper abstoßend wäre, würde das die Männer von mir fernhalten.”

Die junge Roxane fühlt sich schuldig und sieht sich nicht in der Lage, mit jemandem über das zu reden, was ihr geschehen ist. Es beginnen Jahres des Martyriums. Als Teenager versucht sie, sie hinter ihrem Körper zu verstecken, ein Schutzschild aufzubauen und Menschen nicht zu nahe an sich herankommen zu lassen. Ihr Umfeld sieht nur die Kilos und versucht mit zweifelhaften guten Tipps ihre Lage zu verbessern.

In ihren 20ern gerät ihr Leben völlig aus dem Ruder. Neben der unkontrollierten Nahrungsaufnahme behandelt sie ihren Köper wenig rücksichtsvoll, geradezu fahrlässig begibt sie sich in Gefahr und verliert jede Bindung zu ihm. Erst jenseits der 30 kann sie langsam in einem stabilen Leben beginnen, das aufzuarbeiten, was geschehen ist. Sie kann nicht ungeschehen machen, was man ihr angetan hat und ebenso kommt sie nicht aus diesem Körper heraus, der auf sie wie ein Käfig wirkt, in dem sie gefangen ist. Sie sieht, was möglich wäre, aber ihr Leben ist das, was sie erlebt hat und was es aus ihr gemacht hat.

Erst fast 30 Jahre nach den Ereignissen kann sie dieses Buch schreiben. Sie springt in ihren Gedanken vor und zurück, man merkt, dass der Schreibprozess Teil der Verarbeitung ist. Doch die dadurch lebendige Erzählung lässt den Bericht authentisch wirken, ihre Wut und Verzweiflung wirken so eindrücklicher als bei einem glatt gebügelten Text. „Hunger“ beschäftigt sich jedoch nicht nur mit ihr, sondern auch mit der Gesellschaft und deren Reaktion auf Dicke. Sie schreibt von sensationslüsternen Sendungen wie „The Biggest Loser“ und absurden Diätprogrammen über alltägliche Probleme in Restaurants oder beim Kleidung kaufen; von dem Versuch Körperkontakt um jeden Preis zu vermeiden und dafür gesundheitliche Schäden in Kauf zu nehmen, nur um den Arztbesuch zu vermeiden; von Vorurteilen und dem schwierigen Umgang mit dem Selbsthass, den sie empfindet.

Roxane Gay konfrontiert den Leser mit allerhand, das macht das Buch nicht immer einfach, aber sie bricht eine Lanze für all diejenigen, denen nicht die Chance gegeben wird, das zu sagen, was sie zu sagen hätten, wenn man hinter die Fassade blicken würde.

Philippe Lançon – Der Fetzen

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Philippe Lançon – Der Fetzen

„Vier in dem einen, eins im anderen Krankenhaus: Das sind die Zimmer, in denen ich vom 8. Januar 2015 bis zum 17. Oktober 2015 rund um die Uhr geblieben bin, was insgesamt, wenn ich richtig rechne, 282 Tage ergibt. Gefangene zählen und oft auch Kranke, weil sie am liebsten fliehen und verschwinden würden. Ich war weder gefangen noch krank: Ich war ein Opfer, ein Verletzter (…)“

Philippe Lançon, Reporter und Kritiker, der am Morgen des 7. Januar 2015 an der Redaktionssitzung von Charlie Hebdo teilnahm, der Wochenzeitung, die in den letzten Zügen lag und deren unabwendbarer Tod nur noch eine Frage von wenigen Ausgaben war. Der Tod sollte kommen, aber nicht für die satirische Wochenzeitung, sondern für ihre Macher, in Form der Brüder Kouachi, die bewaffnet in die Redaktionsräume eindrangen und um sich schossen. Elf Tote und zahlreiche Verletze ist die Bilanz, die global Schlagzeilen machte. Eines der Opfer war Philippe Lançon, der erst begreifen musste, das er Teil eines großen Ereignisses wurde und sein Leben von nun an in eine Zeit vor dem 7. Januar und eine Zeit nach dem 7. Januar 2015 getrennt werden würde.

„Der Fetzen“, in Frankreich mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, unter anderem dem Spezialpreis des renommierten Prix Renaudot, der eigentlich Belletristik ehrt, ist eine Biographie der besonderen Art. Sie beschränkt sich auf wenige Monate, die Zeit von dem Anschlag auf Charlie Hebdo und sie endet auch mit einem Anschlag, dem auf das Bataclan am 13. November desselben Jahres. Es ist die Zeit für Philippe Lançon zwischen Tod und Rückkehr ins Leben, die Zeit von 17 Operationen und einem alles andere als optimal verlaufenden Heilungsprozess, den er minutiös mit dem Leser teilt. Letztlich ist es der Versuch etwas zu verstehen und zu verarbeiten, was weder verstehbar noch vergessbar ist. Es ist die persönliche Seite eines globalen medialen Großereignisses, das die Aspekte darstellt, die dem fernen Beobachter üblicherweise vorenthalten bleiben.

Mich hat Philippe Lançons Bericht schwer beeindruckt. Zum einen die Offenheit, mit der er die wiederholten Niederschläge im Heilungsprozess schildert, die Widrigkeiten während des Krankenhausaufenthaltes – es sind die Dinge, über die wir eigentlich nicht sprechen, die in unserer von ansprechender Optik dominierten Welt keinen Platz haben. Es sind aber vor allem auch seine persönlichen Beziehungen, die nach dem Attentat nicht mehr dieselben sind. Nicht nur ihn hat das Ereignis verändert, es wirkt auch sekundär auf sein Umfeld und er muss erkennen, dass nicht jeder mit der neuen Situation umgehen kann.

Der Autor ist ein außerordentlich reflektierter Mensch, was man dem Buch auf jeder Seite anmerkt. Er versucht nicht, einen tieferen, gar religiösen Sinn darin zu erkennen, dass gerade er Opfer wurde. Ebenso spielen seine Emotionen in Bezug auf die Attentäter keinerlei Rolle. Er lebt im Hier und Jetzt, aber er kann nicht mehr einfach irgendetwas lesen, es sind Proust und Kafka, die ihn ansprechen. Wie Prousts Protagonist wird auch er von Erinnerungsfetzen aus seiner Vergangenheit geplagt und kann bisweilen nur mit einer distanzierenden Ironie die kafkaesken Gegebenheiten ertragen. Es ist eine subjektive Verarbeitung, die keinen größeren Zusammenhang schafft, die Banalitäten – steht sein Fahrrad immer noch vor der Redaktion? Wo ist sein Stoffbeutel? – in den Fokus rückt und einem den Autor dadurch nah bringt.

Philippe Lançon ist Charlie Hebdo – mehr als alle, die sich den Slogan zu eigen gemacht haben. Aber er will nicht die Stimme oder das Gesicht sein, dafür ist er zu bescheiden. Er ist ein Überlebender, der das Überleben erst wieder zu schätzen lernen musste und dem, auch wenn man ihm über lange Zeit die Stimme raubte, doch nie die Worte ausgingen, was ein Glücksfall ist.