Milena Agus – Eine fast perfekte Welt

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Milena Agus – Eine fast perfekte Welt

Fünf Jahre hat Ester im Krieg auf ihren Verlobten gewartet, immer in der Hoffnung, dass er sie weg aus dem tristen sardischen Dorf in eine bessere Welt führen würde, weg von der alten und zermürbten Mutter, die nie Freude im Leben empfunden hat. Doch als sie Raffaele wiedersieht, ist dieser nicht mehr wiederzuerkennen. Kaum etwas ist übrig von der Liebe, die sie einst für den Marinesoldaten empfand, der sich inzwischen in Genua niedergelassen hat. Auch Raffaele liebt eigentliche eine andere, doch fühlt er sich dem Druck ausgesetzt, sein Versprechen zu halten. Sie bekommen eine Tochter, Felicita, doch Ester wird auch in Genua nicht glücklich und drängt auf die Rückkehr nach Sardinien. Bleibt die Hoffnung, dass es der nächsten Generation besser ergehen möge und diese das Glück findet. Felicita trennt jedoch mehr als nur der fehlende Akzent in ihrem Namen davon und so bleibt auch ihr nur zu hoffen, dass wenigstens ihr Sohn eines Tages seinem Herzen wird folgen und glücklich werden können.

Milena Agus‘ Roman erzählt von Träumen und Hoffnungen, alle Figuren hegen diese und erwarten, dass sie sie an einem anderen Ort erfüllen können. Doch das gelobte Land zerrinnt ihnen zwischen den Fingern, wenn immer sie es zu greifen glauben. Sie bleiben auf der Suche, werden jedoch auch immer wieder ausgebremst, festgehalten von Konventionen, denen sie sich verpflichtet fühlen, oder Regeln, die sie sich selbst auferlegen und finden nur selten den Mut, das zu tun, was sie eigentlich im Leben tun wollen. Und so bürden sie ihre eigenen Unzulänglichkeiten der nächsten Generation auf, die es nicht nur besser haben, sondern ihre nicht verwirklichen Träume realisieren soll.

Das Festland, die Insel, Amerika –  drei Kapitel, drei Orte, drei Verheißungen. Der italienische Titel des Romans, „Terre promesse“, greift zurück auf die biblische Vorstellung des versprochenen bzw. gelobten Landes, in welchem die Zukunft der nachfolgenden Generationen des Volkes Israel liegen solle, die auch von den europäischen Auswanderern gen Amerika benutzt wurde. Doch ebenso wie der American Dream nicht für jeden in Erfüllung ging, erfüllen sich auf für die Figuren bei Milena Agus die Träume nicht und sie müssen erkennen, dass es nicht an der Umgebung liegt, für ihr Glück zu sorgen, sondern dass sie dieses nur in sich selbst finden können.

Mit vielen Metaphern und beeindruckenden Sprachbildern geschmückt begleitet die Autorin ihre Figuren bei ihrer Suche, hier liegt der Charme und die Stärke des kurzen Romans. Es ist nicht ganz einfach Sympathien zu empfinden, zu störrisch und miesepetrig ist Ester, bei Felicita fällt dies leichter, wenn sie jedoch auch eigenwillig und verquer erscheint. Um bei den Bildern der Autorin zu bleiben: die Figuren sind Inseln, zwar gemeinsam als Familie eine kleine Inselkette bilden, doch letztlich nicht wagen sich einander wirklich zu nähern und das auszusprechen, was sie bewegt. Dies führt unweigerlich zu einer latenten Tristesse, die sich über den Text legt und schon früh andeutet, dass für echtes, ausschweifendes Glück, nicht wirklich Platz im Leben dieser Familie ist. Poetisch mit deutlichem Hang zur Melancholie.

Ilaria Tuti – Eiskalte Hölle

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Ilaria Tuti – Eiskalte Hölle

Das norditalienische Bergdörfchen Travenì wird von einem brutalen Mordfall erschüttert. Nicht nur wurde ein geschätzter Bewohner aus der Mitte der kleinen Gemeinschaft gerissen, nein, er wurde mit bloßen Händen getötet und dann hat man ihm die Augen ausgerissen. Was für ein Mensch kann für so eine Tat verantwortlich sein? Auch die herbeigerufene Kommissarin Teresa Battaglia kann sich nur schwer einen Reim auf die Psyche des Mörders machen, fürchtet jedoch schnell, dass es noch weitere Opfer geben wird und zu ihrem Leidwesen behält sie Recht damit. Ein grausames Wesen treibt sich im Wald im das Dorf herum, auch die Kinder haben ihn schon gesehen und nennen ihn nur das Gespenst, weil er leichenblass ist und mit seiner Umwelt verschmilz und so geradezu unsichtbar wird, wenn er nicht gesehen werden will. Teresa hat es mit einem schwer greifbaren Gegner zu tun, doch noch ein anderer Feind setzt ihr zu: ihr eigener Körper. Wird dieser den Strapazen der winterlichen Ermittlungen standhalten und sie den Fall noch lösen können?

Das Thrillerdebut der italienischen Autorin packt den Leser schon nach wenigen Seiten. Leider wurde beim deutschen Titel einiges verschenkt, da die Aussagekraft des Originals („Fiori sopra l’inferno“) verloren geht, die im Buch wieder aufgegriffen wird und mit ein Schlüssel zur Lösung des Falls ist. Genau dieses ist es auch, dass den Roman von anderen des Genres abhebt: es gibt mehr zwischen Himmel und Erde als uns bewusst ist und es gibt Menschen, die eine besondere Verbindung zur Natur haben und mehr wahrnehmen können als andere. Ein schreckliches Ereignis ermöglicht den Blick in die Hölle, den man nie wieder loswird. So geht es Teresa, die ihre Dämonen ständig im Zaum halten muss, so geht es dem Täter. Nur hierüber kann sie sein Denken verstehen, nur so kann sie ihn fassen.

Ein Thriller kann auf vielerlei Weise beeindrucken. Die geschilderte Brutalität, die völlig degenerierte Psyche eines Täters, die clever konstruierte Handlung, das Charisma und der Intellekt des Ermittlers. „Eiskalte Hölle“ fasziniert jedoch durch etwas anderes – wenn hier auch die psychologischen Aspekte ebenso fesseln wie die Figur der Kommissarin – und rückt den Thriller schon stark in die Nähe eines Horrorromans. Die Schilderungen vor allem der Kinder, dass sie ein Wesen im Wald sehen, dass sie sich beobachtet fühlen, dass es eine nicht greifbare Präsenz gibt, jagen einem den Schauer den Rücken hinunter. Man weiß, dass es diese Figur gibt und man weiß, dass sie wieder zuschlagen wird und so beschleunigt sich der Herzschlag beim Lesen mehr als einmal. Vor lauter Sorge, dass doch wenigstens die Kinder verschont bleiben mögen, kann man gar nicht anders als weiterlesen.

Die Angst, die im Dorf umgeht, der Schrecken, der von den verstümmelten Opfern ausgeht – der real gewordene Grusel, dem man sich nicht entziehen kann. Doch dann gelingt der Autorin etwas Unerwartetes: in dem augenscheinlich Bösen erkennt ihre Protagonistin noch etwas ganz anderes und die einfache Dichotomie von Gut und Böse muss infrage gestellt werden. Ein fesselnder Roman, der sich förmlich in den Leser hineinschleicht.

Gerhard Roth – Die Hölle ist leer – die Teufel sind alle hier

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Gerhard Roth – Die Hölle ist leer – die Teufel sind alle hier

Emil Lanz arbeitet als literarischer Übersetzer. In seinem Leben sieht er aber schon lange keinen Sinn mehr und so beschließt er, diesem ein Ende zu setzen. Lange macht er sich Gedanken, wo und wie er dies am besten bewerkstelligen kann, ohne zu unangenehm für seine Umwelt und ihn selbst zu werden. Mit einer Waffe gewappnet, betrinkt er sich zunächst und schläft dann unerwartet ein. Geweckt von lauten Geräuschen beobachtet er einen Mord und ist sich nicht sicher, ob er tatsächlich noch am Leben ist und das, was er meint zu sehen, wirklich geschieht, oder ob sein Plan doch erfolgreich war und er sich irgendwo in einer Paralleldimension aufhält. Schnell merkt er jedoch, dass er sich in größter Gefahr befindet und mit ihm die rätselhafte Julia Ellis, die offenkundig in die mafiösen Strukturen verwickelt zu sein scheint, deren Weg er unfreiwillig gekreuzt hat.

„Noch am Vortag hatte er Selbstmord begehen wollen, und jetzt war er sogar bereit, um sein Leben zu laufen.“

Venedig – schon immer Sehnsuchtsort der literarisch und kulturell Bewanderten und Interessierten. Völlig überladen nicht nur die Erwartungen, sondern auch real die engen Gassen der Lagunenstadt. Mit den unzähligen Kanälen und Inseln natürlich ein hervorragender Schauplatz für allerlei Geschichten. Diese monumentale Umgebung kann schon einmal verführen der Phantasie freien Lauf zu lassen. Dies tut Gerhard Roth in seinem Roman und schickt seinen Protagonisten auf eine abenteuerliche Gaunergeschichte, bei der man bald als Leser auch nicht mehr weiß, was man welcher Dimension zurechnen soll.

„Er begriff jetzt auch das, was ihm widerfahren war, als Rätsel, und sogar im Augenblick, als er das dachte, befand er sich, der selbst ein Rätsel war, in einem geradezu unendlichen Rätsel. Er war in einen Irrgarten hineingeboren worden, dachte er, aus dem er sein gesamtes Leben vergeblich einen Ausgang suchte.“

Man kann einen Heidenspaß mit dem Buch haben – die Beschreibung Venedigs, die Anspielungen, Literatur und Kultur überall, Palazzi hier, vieldeutige Symbole da – und dann kommen Flüchtlinge, die Mafia, Morde und ein humorloser Commissario als brutaler Gegenwartskontrast. In welcher Welt die Handlung sich befindet ist selten so wirklich klar und die aberwitzigen Verfolgungen und Begegnungen sollte man nicht zu stark an der Realität messen, wenn man seine Freude an der Lektüre haben möchte. Auch der Übersetzer hadert ein wenig mit den Welten und Roths Spiel mit den Dimensionen reizt selbiges schon ziemlich aus.

„Der zeitliche Ablauf seines Sterbens war nicht chronologisch vor sich gegangen.“

Sprachlich ist der Roman kaum zu übertreffen, man kann ihn kaum ohne gezückten Bleistift zum Markieren der bemerkenswerten Stellen lesen. Vor allem auch ist es eine Hommage an Shakespeares „The Tempest“ (immer noch und immer wieder mein persönlicher Favorit), der allgegenwärtig ist und dem Roman auch zu seinem Titel verhalf. Die Magie, die in Shakespeares Stück eine wesentliche Rolle zukommt, ist zwar bei Roth nicht ganz so präsent, aber dass es eine unsichtbare lenkende Hand gibt, die die Figuren hin und her schiebt, ist offenkundig. Ohne Frage hat sich der Roman seine Nominierung auf der Longlist für den Österreichischen Buchpreis mehr als verdient.

André Aciman – Fünf Lieben lang

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André Aciman – Fünf Lieben lang

Zehn Jahre sind vergangen seit jenem denkwürdigen Sommer, der Sommer, in dem er auf der Insel San Giustiniano nicht nur wie in jedem Jahr die Ferien in der Familienvilla verbracht, sondern seit er zum ersten Mal Begehren spürte. Vieles hat sich inzwischen verändert, das Dorf ist nahezu ausgestorben, die Villa niedergebrannt und auch Nanni ist nicht mehr da, der junge Schreiner, den er nicht nur wegen seiner Kunstfertigkeit bewunderte und täglich aufsuchte, sondern der in ihm ungeahnte Gefühle erweckte. Dies war seine erste Liebe, weitere sollten folgen – Giovanni, Maud, Manfred, Chloe – alle gänzlich verschieden, alle unterschiedlich intensiv.

André Acimans Roman, dessen Teile nur lose durch den Protagonisten verbunden sind, ansonsten jedoch keine durchgängige Struktur aufweisen, ist eine Erkundung eines Gefühls, das sich nicht immer fassen lässt und das sich in völlig verschiedenen Variationen offenbart. Mal als intensive körperliche Erfahrung, mal als verlässliche Zuneigung, die Jahre überdauert und auch durch andere Lieben nicht aufgelöst wird, mal als langer Eroberungskampf und mal als widerstandslose Hingebung. So unterschiedlich sich die einzelnen Kapitel gestalten, so verschieden konnten sie mich begeistern, zwischen intensiver Analyse dessen, was in dem Jungen vor sich geht, und geradezu oberflächlicher Scheinwelt bildet Aciman alles ab.

Ohne Frage gelingt es dem Autor, die ganze Bandbreite des Themas zumindest auszuloten. Jede der geschilderten Formen von Liebe – auch jene zum Vater, die jedoch mehr der Wunsch nach Anerkennung und Wahrnehmung zu sein scheint – findet ihren Platz und kann neben anderen existieren und ein Teil des Protagonisten werden und widerspricht so der Behauptung des Vaters, dass es nur eine einzige Liebe geben kann. Bemerkenswert bei alledem ist die Abwesenheit aller moralischen und konventionellen Instanzen, die es dem Protagonisten erlaubt, Männer und Frauen gleichermaßen einfach zu lieben und dieses Faktum kein einziges Wort wert sein zu lassen.

Sprachlich ausdrucksstark und sehr nah bei seiner Figur kann Aciman mich als Autor begeistern. Die Handlung selbst bleibt mir an manchen Stellen, gerade in Kapitel 2, zu vage und geradezu banal, um zu überzeugen. Es fehlt noch etwas, das sich jedoch nur schwer greifen lässt.

Giosuè Calaciura – Die Kinder des Borgo Vecchio

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Giosuè Calaciura – Die Kinder des Borgo Vecchio

In Palermos altem Stadtteil Borgo Vecchio gilt das Gesetz der Straße. Totò herrscht dort mit seiner gefürchteten Schusswaffe, Taschendiebstahl ist an der Tagesordnung und die Polizei wagt sich auch nur in Form eines Großaufgebots in die alten Gassen. In dieser von Armut und Perspektivenlosigkeit geprägten Umgebung wachsen die drei Freunde Cristofaro, Mimmo und Celeste auf. Obwohl ihnen vom ersten Tag ihres Lebens an klar war, dass sie nicht auf der Sonnenseite geboren sind, hegen sie ihre Träume, die auch die Eltern nicht zerstören können. Nicht Mimmos Vater, der Fleischer, der seine Kundschaft betrügt, nicht Cristofaros Vater, der den Jungen allabendlich grün und blau schlägt, nicht Carmela, Celestes Mutter, die die Tochter auf den Balkon verbannt, während sie ihre Freier bedient. Doch plötzlich scheint Hoffnung über das kleine Viertel zu kommen, mit Totòs Ankündigung Carmela zu heiraten, scheint sich das Blatt für die Bewohner zum Guten zu wenden.

Giosuè Calaciuras kurzer Roman, der 2017 den Premio Volponi erhielt, ein Literaturpreis, der Werke mit herausragender gesellschaftliche Relevanz ehrt, beeindruckt durch zwei Dinge: eine dichte Handlung und eine ausgesprochen poetisch-malerische Sprache. Obwohl die schlimmste Not und Elend geschildert werden, kommt dies leichtfüßig, bisweilen gar lustig-charmant daher und spiegelt damit vermutlich insbesondere die Gelassenheit, die es braucht, um all dies tagtäglich zu ertragen.

Die Gemeinschaft hat sich arrangiert mit den Gegebenheiten, jeder kennt seinen Platz in der Gemeinde, der Verbrecher ebenso wie der Dienstleister, der Pfarrer und die Tiere. Die Kinder werden hineingeboren und lernen die Gesetze vom ersten Tag an. Wenn Cristofaro von seinem Vater verdroschen wird, dreht man den Fernseher lauter, um das Gewimmer nicht zu hören. Die Kinder halten zu einander, geben sich Halt, doch sie können den Lauf der Dinge nicht stoppen. Auch ihr Schicksal ist früh vorgezeichnet und von diesem Weg abzuweichen scheint unmöglich.

Calaciura gibt Einblick in eine fremde Welt, die er liebevoll zeichnet und in der die Menschen außer sich nichts haben. Andererseits nennt er die Dinge brutal beim Namen, Celestes Mutter ist eine Nutte und Cristofaros Vater ein brutaler Feigling. Der Kontrast zwischen dem, was er beschreibt und dem, wie er dies tut, könnte größer kaum sein und genau in diesem geradezu bittersüßen Widerspruch liegen der Reiz und die Faszination des Buches. Nur wenige Seiten genügen, um einzutauchen in diese Welt, die einem auch nach dem Lesen nicht direkt wieder loslässt, ob der Intensität der Erzählung. Ein bemerkenswertes Buch, das das Label „literarisch wertvoll“ wahrlich in jeder Hinsicht verdient hat.

Elena Ferrante – Lästige Liebe

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Elena Ferrante – Lästige Liebe

Als Delia vom Tod ihrer Mutter Amalia erfährt, eilt sie von Rom nach Neapel, wo sie aufgewachsen ist. Was geschah am Abend des 23. Mai und weshalb hat man ihre Mutter nur mit einem BH bekleidet aus dem Wasser gezogen? Sie beginnt die letzten Wochen und Monate ihrer Mutter zu erforschen und stößt auf einen Mann, der offenbar ihrer Liebhaber war. Caserta kommt ihr bekannt vor, eine vage Erinnerung aus ihrer Kindheit. War dieser Mann nicht mit ihrem gewalttätigen Vater befreundet, von dem sich die Mutter einst trennte und sich mit drei kleinen Töchtern fortan lieber alleine durchschlug? Ihre Fragen werden nicht gerne gesehen im Stadtviertel und je mehr sie in das Leben von Amalia eintaucht, desto deutlicher werden für Delia auch die Ähnlichkeiten mit sich selbst.

Elena Ferrantes erster Roman erschien schon 1992 im Original und zwei Jahre später in deutscher Übersetzung. Nach dem großen Erfolg der neapolitanischen Saga um die zwei Mädchen Lila und Elena hat man sich nun der älteren Romane angenommen und nochmals von Karin Krieger übersetzen lassen, die auch die neuen Werke übertrug. „Lästige Liebe“ spielt ebenfalls in dem neapolitanischen Stadtteil, der aus der Tetralogie bekannt ist und ganz eigenen Regeln folgt.

Die Grundidee des Romans hat mir gut gefallen, vor allem da auch ein spannendes Element dabei war und man wissen wollte, weshalb eine ältere Frau so aufgefunden wird. Allerdings verliert sich Ferrante immer wieder in der Geschichte. Ebenso wie Delia durch Neapel irrt, hatte ich bisweilen das Gefühl durch den Roman zu irren und nicht zu wissen, wo ich eigentlich bin und wo der Weg hinführen wird. Das Handeln der Protagonistin erschien mir oftmals wenig durchdacht – was nach so einem Schock durchaus in einem gewissen Maße nachvollziehbar ist, hier aber eher seltsam wirkte und so gar nicht zu dem Charakter der Figur zu passen scheint. Auch der Fokus auf Äußerlichkeiten hat mich eher irritiert, ja, es spielt eine Rolle, dass Delia ein bestimmtes Kleid trägt, aber dass dieses immer und immer wieder hervorgehoben werden muss, war doch seltsam – oder es fehlte mir die Visualisierung um zu verstehen, weshalb es wirklich so auffällig war.

Man kann schon erkennen, dass Ferrante Potenzial hat, aber dieser Roman ist noch weit von den späteren Werken entfernt. Weder Handlung noch Figurenzeichnung konnten wich wirklich überzeugen und so bleibt ein sehr mittelmäßiges Fazit.

Roberto Saviano – The Piranhas

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Roberto Saviano – The Piranhas

Nicolas Fiorello is only fifteen when in Naples the forces between the clans are severely shaken. He is clever, his teachers have realized this already, and he is a naturally born leader. He sees his parents working hard every day and getting nowhere, this is not the life he dreams of. So what he does is fill the gap that has opened up. He creates his own paranza, a group of boys who are going to take over first the quarter, then the whole town. With an initiation ritual he binds them to him, he negotiates hard with the clan elders and thus the group of boys become the most feared clan in their neighbourhood.

Roberto Saviano knows the Italian mafia well, he has written several books on the clan structures of his native country and for many years now he has lived under police protection since he made himself enemy number one of the mafia. “The Piranhas” is a fictional work that nevertheless gives deep insight in how life works in those parts of Italy that are controlled my mafia clans and it is easy to imagine that something like a youth gang could actually take over and terrorize a community.

His protagonist Nicolas isn’t the classic “bad boy” as you know him. Actually, he is quite sympathetic and his cleverness speaks for him. The way he plans his next steps, how he can oversee the whole process of creating and leading a group, his ideas of creating sense of belonging by using rituals and imposing strict rules and punishments – that’s just impressive. You hardly realise that he is only a boy and supposed to go to school and just worry about his first girls friend. On the other hand, is seems to be far too easy to buy weapons, to get in the drugs business and to become the leader of the most feared pack. I cannot really say if this is authentic and credible since I do not have the least clue about these things.

The plot is cleverly constructed towards a final showdown, the characters are interestingly drawn and the topic surely is still as relevant as it has been for many years now.

Petra Reski – Palermo Connection

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Petra Reski – Palermo Connection

Mutig stellt sich die sizilianische Staatsanwältin Serena Vitale der Mafia entgegen und endlich scheinen ihre Bemühungen Früchte zu tragen. Nur ihr Privatleben bleibt weiterhin chaotisch. Der deutsche Journalist Wienecke nimmt derweil Kontakt zu ihr auf, da er hofft mit einer Mafiageschichte endlich wieder sein Standing im Magazin verbessern zu können. Und tatsächlich gelingt es ihm, zu einem Mafia-Boss Kontakt aufzunehmen und eine aufsehenerregende Geschichte zu veröffentlichen. Er forscht auch über Serena Vitale nach und entdeckt dunkle Spuren in ihrer Vergangenheit.

Ich hatte mir spannende Unterhaltung und eine komplexe Mafia-Geschichte erwartet. Bekommen habe ich einen Roman, dessen roten Faden ich bis zum Ende nicht gefunden habe und der so vollgestopft mit Klischees ist, dass es bisweilen fast schmerzhaft war:

  1. Die gutaussehende Staatsanwältin, die aber eigentlich nur das liebe Frauchen spielen und geliebt werden will, andererseits aber keine Probleme hat, am selben Abend gleich mit zwei Männern ins Bett zu steigen, wobei bei Männern Intellekt egal zu sein scheint, der Körper ist das einzige, was sie interessiert – neben ihren Fingernägeln und den aufwändigen Friseurbesuchen.

  1. Der Mafia-Boss machte den Eindruck zu oft „Der Pate“ geschaut zu haben, aber nie den Charme und Haltung eines Corleones überzeugend kopieren zu können. Natürlich trifft er sich nur in Abrissbauten und Lagerhallen mit dem Journalisten – dem vorher noch ein Sack über den Kopf gezogen werden muss, damit er sich den ohnehin unbekannten Weg auf Sizilien nicht merkt. Als Deko hat er immer auch ein paar grimmig dreinschauende Leibwächter um sich herum drapiert.

  1. Die Italiener als solches scheinen nur rumzusitzen, Pizza zu essen, Kaffee zu trinken und die Mafia machen zu lassen, was sie wollen. Rechtschaffene Menschen sucht man vergeblich.

  1. Die ausgewanderten Italiener in Deutschland waschen derweil alle das Mafiageld in den hiesigen Pizzerien.

  1. Der Journalist ist eine ganz große Nummer, dass er dumm wie Brot ist und bei jedem Schritt an die Hand genommen werden muss, scheint für die Autorin nicht in Widerspruch zu stehen. Dass er sich als toller Hecht fühlt, macht ihn auch nicht sympathischer.

Die Fragmente von Handlung um Prozesse von Mafiaverbrechern bleibt völlig nebulös und ist irgendwann auch egal, weil es nur noch um den Journalisten und das Privatleben der Staatsanwältin geht. Dass ein gekränktes Männerego dann auch noch ziemlich kleinkariert Rache an der Frau nimmt, die ihn nicht so toll fand wie er sich selbst, setzt dem Ganzen dann nur noch das Macho-Kränchen auf.

Lucy Fricke – Töchter

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Lucy Fricke – Töchter

Martha und Betty sind seit 20 Jahren befreundet, so lange teilen sie bereits Kummer und Leid, aber auch Freude und daher ist es auch nicht verwunderlich, dass Martha Betty bittet sie zu begleiten und den letzten Wunsch ihres Vaters Kurt zu erfüllen: er möchte in die Schweiz fahren, um dort seinem Leben ein Ende zu setzen. Es beginnt ein bizarrer Road Trip, der die beiden Frauen über Glück und Unglück, über ihre Familien, aber auch ihre eigenen Ziele sinnieren lässt. Die Reise, die mit einem ganz klaren Ziel begannt, verändert ihre Route und auch die Absichten, mit denen die beiden Frauen in Norddeutschland das Auto bestiegen hatten. Plötzlich ist nicht mehr das Ende, sondern ein möglicher Neuanfang das, das sie quer durch Europa führt.

Lucy Fricke gelingt etwas, das in der deutschen Literatur eher ungewöhnlich ist: sie greift gleich mehrere ernsthafte Themen auf, die auch durchaus von den Figuren diskutiert werden, sie lässt diese aber auch Humor haben und das Leben manchmal einfach leicht sehen oder, da sie ohnehin nicht zu beseitigen sind, die Sorgen einfach vergessen trinken. So wie man die ernsthaften Momente nachdenklich verfolgt, kann man sich mit „Töchter“ auch schlichtweg auf sehr hohem Niveau amüsieren.

Ist man zu Beginn noch schockiert und verunsichert, da man nicht weiß, wie die Autorin mit dem Thema Sterbehilfe bzw. geplanter Selbstmord umgehen wird, nimmt sie einem diese Angst recht schnell. Es geht nicht ums Sterben, sondern ums Leben und vor allem die Frage, wie man lebt. Martha und Betty erfüllen beide nicht die Erwartungen ihrer Eltern und nehmen den Druck war, der auf ihrer Generation lastet:

 

„Ich ging davon aus, dass wir die erste Generation von Frauen waren, die machen konnte, was sie wollte. Das hieß aber auch, dass wir machen mussten, was wir wollten, und das wiederum bedeutete, dass wir etwas wollen mussten. Dafür hatten unsere Mütter gekämpft. Wir sollten unsere Träume verwirklichen, wir mussten welche haben, das Scheitern wurde uns zugestanden, aber erst nachdem alles, wirklich alles versucht worden war auf dem Weg zum Glück, Psychoanalyse eingeschlossen.“

 

Aber haben die Mütter und Väter die Erwartungen erfüllt? Martha kann die Entscheidungen ihres Vaters nicht nachvollziehen, Betty hingegen hatte nur temporäre Väter, die jeweils aktuellen Partner ihrer Mutter eben, die sie immer wieder auch verlassen haben. Vor allem Ernesto vermisst sie auch nach Jahrzehnten noch, weshalb sie sich auf die abenteuerliche Suche nach ihm begibt. Ist es da ein Wunder, dass beide keine Kinder haben? Ob gewollt oder ungewollt ist dabei fast egal.

Es sind Ironie und Heiterkeit, die über die Nachdenklichkeit hinwegtrösten, aber dafür auch keine Antworten liefern, die muss man als Leser schon selbst finden. Eine Welt, in der einem alles offen steht, in der es keine vorgefertigten Muster mehr gibt, die man einfach kopieren könnte, muss man sich selbst und seine Beziehungen erfinden und gestalten – und mit dem Ergebnis leben.

Elena Ferrante – Die Geschichte des verlorenen Kindes

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Elena Ferrante – Die Geschichte des verlorenen Kindes

Die Geschichte der Freundschaft von Elena und Lila geht weiter. Inzwischen sind die 70er Jahre angebrochen und Elena hat ihren Mann endgültig für Nino verlassen. Nach all der Zeit hofft sie nun auf eine glückliche Zukunft gemeinsam mit ihrem Kindheitsschwarm. Doch so wie diese Liebe in den Jahren zuvor bereits zum Scheitern verurteilt war, steht sie auch jetzt unter keinem guten Stern. Letztlich zieht es Elena zurück in den Rione und sie erneuert ihre Freundschaft mit Lila. Schicksalsschläge schweißen sie zusammen, Streitigkeiten trennen sie wieder. Beide sind beruflich erfolgreich, aber ihr Privatleben ist von Katastrophen überschattet.

Elena Ferrante beendet mit Band vier die neapolitanische Saga erwartungsgemäß. Auch dieser Lebensabschnitt sprüht vor Leben aus jeder Zeile und zieht einem unmittelbar in den Bann. Die beiden Frauen, einerseits durch ihre Vergangenheit miteinander verbunden, andererseits immer im Konkurrenzkampf, zeigen, dass das Leben nie schwarz und weiß und damit eindeutig ist. Es herrschen die Grautöne, die jederzeit ins Extrem ausschlagen können.

Ihre große Stärke liegt bei Elena Ferrante unverkennbar in der Figurenzeichnung. Einmal mehr steht die Zerrissenheit und Vielschichtigkeit der Erzählerin im Zentrum. Ihre Unsicherheit, vom ersten Tag ihres Lebens an, noch verstärkt durch die erfolgreiche und beliebte Freundin, verhindern, dass sie jemals das Selbstbewusstsein entwickelt, das ihr gutgetan hätte und bei ihrem Erfolg und Ansehen angemessen gewesen wäre. Stattdessen quälen sie Zweifel und Vergleiche, bei denen sie immer die Unterlegene ist. Ein Leben lang herrscht Lila über sie, mal aus der Nähe, aber ebenso aus der Ferne, sogar noch als sie gänzlich verschwindet.

Darüber hinaus ist gerade auch der letzte Band der Saga ein Zeugnis von Korruption und mafiösen Strukturen, die man für literarische Erfindung halten müsste, wenn man nicht genau wüsste, wie real die Schilderungen sind. Familienbande und Fehden bestimmen den Alltag der Bewohner des Rione, die Angst diktiert ihr Handeln und den Abhängigkeiten kann man nicht einmal durch den Tod entfliehen.

Alle Bände zusammen sind weitaus mehr als die Geschichte eines Lebens. Sie sind vielleicht nicht die große Literatur, die man klassischen Kanon findet, aber erzählerisch hat sich Elena Ferrante zurecht einen Platz neben den Größen ihres Heimatlandes verdient.

 

Die Rezensionen zu den anderen Bänden finden sich hier:

Meine geniale Freundin

Die Geschichte eines neuen Namens

Die Geschichte der getrennten Wege