Tove Ditlevsen – Kindheit

Tove Ditlevsen – Kindheit

Tove wächst im Kopenhagen der 1920er Jahre in ärmlichen Verhältnissen auf. Der Vater ist arbeitslos, weshalb das Geld immer knapp ist und die Familie sehen muss, wie sie halbwegs über die Runden kommt. Schon früh merkt das Mädchen, dass sie irgendwie nicht in das Milieu passt, in das geboren wurde. Sie interessiert sich für Bücher und vor allem die Poesie hat es ihr angetan. Heimlich schreibt sie Gedichte und träumt davon, irgendwann einmal ihre Gedanken gedruckt zu sehen. Doch dies ist nicht sehr wahrscheinlich in einem von Gewalt und dem täglichen Kampf ums Überleben geprägten Umfeld. Ihre Kindheit, das weiß sie, ist klar begrenzt: bis zur Konfirmation und dem Abschluss der Sekundarschule, doch irgendwie lebt sie nicht jene glückliche Zeit, von der die Erwachsenen rückblickend immer berichten.

„Irgendwann möchte ich all die Wörter aufschreiben, die mich durchströmen. Irgendwann werden andere Menschen die in einem Buch lesen und sich darüber wundern, dass ein Mädchen doch Dichter werden konnte.“

„Kindheit“ ist der erste Band der Kopenhagener-Trilogie Tove Ditlevsens, einer der heute wichtigsten dänischen Autorinnen. Er entstand bereits 1967, im Aufbau Verlag erscheint nun die gesamte Reihe der Autorin, die sich mit nur 58 Jahren das Leben nahm und schon zu Lebzeiten eine Ikone vieler Frauen wurde. Sie beschreibt ihren Weg vom Arbeiterkind, das nicht einmal eine Zahnbürste hatte, bis hin zur Autorin. Im ersten Teil lernen wir das aufgeweckte Mädchen kennen, das zwar noch naiv nicht alles versteht, aber mit genauem Blick die Welt um sich bereits erfassen kann.

Dass Tove anders ist als die anderen Mädchen, zeigt sich früh. Schon vor der Einschulung kann sie lesen und schreiben. Mit dem Wechsel auf die Sekundarschule hat sei endlich auch Zugang zu einer Bibliothek, ein wahrer Traum all diese Bücher an einem Ort zu sehen, doch die altersgemäßen Werke langweilen sie, sie will das lesen, was für die Erwachsenen geschrieben wurde, denn nur dort findet sie auch die Sprache, die sie so begeistert.

„Alles, was ich tue, dient dazu, ihr zu gefallen, sie zum Lächeln zu bringen, ihren Zorn abzuwenden. Das ist eine mühsame Arbeit, weil ich gleichzeitig so viele Dinge vor ihr verbergen muss.“

Das Verhältnis zur Mutter ist schwierig, diese versteht sie nicht und kann nicht nachvollziehen, weshalb ihr Mädchen so seltsam und anders ist als die anderen. Sie gleicht viel mehr dem Vater, der ebenfalls liest und in der Literatur die Flucht aus dem tristen Alltag findet. Nichtsdestotrotz belächelt er den Wunsch des Kindes, einmal Schriftstellerin zu werden, für eine Frau zur damaligen Zeit schlichtweg unvorstellbar.

Das Leben auf engstem Raum mit den Nachbarn bietet keine Privatsphäre, jeder Streit, jede Affäre wird nicht nur von allen beäugt, sondern auch kommentiert. Schon früh werden Kinder mit Dingen konfrontiert, die eigentlich für ihre Augen und Ohren nicht bestimmt sind, aber das Konzept Kindheit hat ohnehin keinen Platz in dieser Welt der Entbehrungen, in der Lebenswege vorgezeichnet sind und Glücklichsein nur im Traum vorkommt.

Der kurze Auftakt der Biografie besticht nicht nur durch das schonungslose Offenlegen erbärmlicher Lebensumstände, sondern vor allem durch die Sprachversiertheit der Autorin, die die richtige Stimme für das Mädchen findet und ihre bedrückende Kindheit so eindrücklich schildert.

Ingo Schulze – Die rechtschaffenen Mörder

Ingo Schulze – Die rechtschaffenen Mörder

Als Kind schon entdeckt Norbert Paulini die Literatur. Es ist der Nachlass seiner früh verstorbenen Mutter, die einst ein Antiquariat in Dresden eröffnete und dessen Bestände in die Hände des Jungen fielen. Er will einmal Leser werden, nicht mehr und nicht weniger und so kommt es 1977 nach einigen Umwegen zur Wiederöffnung des mütterlichen Antiquariats. Von überall aus der DDR her strömen die Menschen zu dem Sonderling, der alles über seine Schätze weiß, auch Frauen zieht er an, aber die Richtige will nicht dabei sein. Mit der Wende kommt auch für ihn ein Einschnitt und die Zeiten meinen es nicht gut mit ihm. Tapfer versucht er noch durchzuhalten oder wenigstens sein Dasein als Leser fortzuführen. Doch irgendwann wird alles zu viel.

„(…) verdienten erheblich mehr als er. Dafür war Norbert Paulini sein eigener Herr. Er lebte und handelte ausschließlich mit jenen Büchern, die ihn interessierten, und brauchte sich nicht mit Schul- und Kochbüchern, Steuerratgebern und Verkehrsatlanten herumzuschlagen. Was gingen ihn diese Dinge an? Er sah keinen Grund, von seinem Beruf Abstand zu nehmen.“

Ein Leben für die Literatur, nicht studiert und analysiert, sondern entdeckt und genossen, eigenständig durchgewühlt, sich die Welt der Autoren erarbeitet. Die Bücher als Türen zu einer anderen, größeren Welt verstehen, sich in ihnen verlieren und sie am liebsten alle behalten wollen – welcher Leser kennt nicht diese Träume? Das Dasein als Antiquar schmerzt Paulini, mitanzusehen, wie sich Menschen leichtfertig von diesen Schätzen trennen und wie auch er sie weiterverkaufen muss, wo er sie doch am liebsten alle unter seinem Dach beheimaten würde. Der Roman ist zunächst eine Hommage an die Bibliophilen, die mehr zwischen den gedruckten Seiten leben als in der Realität.

Doch die Zeichen der Zeit finden auch Eingang in die Geschichte und gänzlich kann Paulini die Welt vor seiner Tür nicht ignorieren. Der zweite und dritte Teil der Handlung schlagen daher einen gänzlich anderen Ton an, der zwar zu dem Niedergang – rein wirtschaftlich wie auch moralisch und mental – des Protagonisten passt, aber das Gesamtwerk irgendwie unfertig wirken lässt. Der Blickwinkel wird verschoben, es hat nun ein Autor namens Schultze das Wort, der über diesen Dresdner Sonderling schreibt, bevor wiederum dessen Lektorin auf Spurensuche in die Elbestadt reist.

Ich kann die Konstruktion als literarischen Kniff von Erzählung in der Erzählung und Doppelbödigkeit, um die Fiktion der Literatur nochmals zu unterstreichen, akzeptieren, aber leider wird alles für mich nicht rund, sondern wirkt holprig. Die Kapitalismuskritik ist angekommen, aber vielleicht wäre eine starke Figurenzeichnung und fiktive Biografie schlicht genug gewesen, der erhobene Zeigefinger erscheint schlicht zu sehr gewollt.

Amélie Nothomb – Les Aérostats

Amélie Nothomb – Les aérostats

Jeder kann zum Leser werden, oder? Die Literaturstudentin Ange Daulnoy wird als Nachhilfelehrerin für den 16-jährigen Pie engagiert, der nach Auskunft des Vaters nicht lesen kann. Das kann dieser sehr wohl, er hat nur keine Lust darauf; doch die nur unwesentlich ältere Tutorin bringt ihn dazu, die Pflichtlektüre Le rouge et le noir zu lesen – ein Mädchenbuch wie er spöttisch bemerkt. Sein Interesse gilt den Waffen, weshalb er kurzerhand als nächstes zur Ilias verdonnert wird, die er mit Begeisterung verschlingt und sich auch eine fundierte Meinung bilden kann. Nach und nach arbeiten sie sich durch den Kanon und eine immer tiefere Freundschaft bildet sich zwischen den beiden Außenseitern. Pie hat den Eindruck gar nicht zu leben und wie seine Eltern lebendig tot zu sein, Ange leidet darunter, an der Uni quasi unsichtbar zu sein und nicht wahrgenommen zu werden. Mit jedem Buch verändern sie sich und entwickeln sich weg von den Figuren, die sie zu Beginn waren.

Amélie Nothombs 29. Roman wurde von den französischen Literaturpreisen 2020 durchgängig ignoriert, dabei huldigt er der Literatur wie kaum ein anderer. Es geht ums Lesen, ums Reden über das Lesen und um die Welt im Buch und draußen vor der Tür. Es ist eine eigene Welt, in die Ange Pie einführt und um nicht nur eine Tür zu seiner Phantasie, sondern auch aus seinem Leben öffnet – viel mehr als sie erwartete und beabsichtigte. Aber es ist auch eine Geschichte von der Liebe und vom Erwachsenwerden und von einsamen Seelen, die sich dank der Welt der Bücher begegnen. Ein typisch Nothomb’sches Ende sorgt erwartungsgemäß dafür, dass nicht zu viel Glückseligkeit herrscht und holt einem auf den nackten Boden der Tatsachen zurück.

Jo Walton – Among Others

jo walton among others
Jo Walton – Among Others

Nachdem ihr Großvater, bei dem sie zuletzt lebte, einen Schlaganfall hatte, wird die 15-jährige Morganna, genannt Mori, zu ihrem Vater Daniel geschickt, den sie bis dato gar nicht kannte. Er und seine drei Halbschwestern entscheiden schnell, dass das Mädchen auf das Internat geschickt werden soll, das auch schon die Schwestern besucht hatten. Dort hält sie in einem Tagebuch ihre Erlebnisse fest. Sie ist anders als die Töchter reicher Eltern, hatte sie doch bis dato im ländlichen Wales gelebt, auch ihre Liebe zu Büchern, insbesondere Science-Fiction Romanen, kann sie mit niemandem teilen. Ebenso wenig die Tatsache, dass Magie einen wichtigen Platz in ihrem Leben einnimmt, die war es nämlich, die sie vor der bösen Mutter gerettet hat und was zu dem Unfall führte, bei dem ihre Zwillingsschwester Morwenna, ebenfalls Mori genannt, ums Leben kam und sie selbst an Hüfte und Bein schwer verletzt wurde. Mori lebt in ihrer eigenen Welt und der der Bücher, die sie in die Schulbibliothek, aber auch jene des kleinen Örtchens führen und unerwartet doch noch Seelenverwandte finden lassen.

Jo Waltons Roman, deutscher Titel: „In einer anderen Welt“, gewannt 2012 den Nebula Award, den Hugo Award sowie den British Fantasy Award als bestes Buch des Jahres. Für mich persönlich eine etwas irritierende Einordnung, denn ich hätte den Roman keineswegs als Fantasyroman bezeichnet, denn die Welt, in der Mori lebt, ist das typische Großbritannien des Jahres 1979. Lediglich ihr Glaube an Magie und Feen, mit denen sie sich auch unterhält, hebt sie von den anderen Jugendlichen ab. So wie Walton dies darstellt, hätte ich das Buch eher als magischen Realismus eingeordnet, vor allem, da immer wieder die Grenze zwischen psychisch gesund und krank verschwimmt und das Mädchen gerade hochtraumatische Erlebnisse hinter sich gebracht hat und völlig aus dem bekannten Leben geworfen wurde.

There are some awful things in the world, it’s true, but there are also some great books. When I grow up I would like to write something that someone could read sitting on a bench on a day that isn’t all that warm and they could sit reading it and totally forget where they were or what time it was so that they were more inside the book than inside their own head.

Trauer, Verlust, Ängste unterschiedlicher Art, fieses Mobbing, Umgehen mit einer sichtbaren Behinderung – Mori hat ein ordentliches Päckchen zu tragen und offenbar niemand, dem sie sich anvertrauen kann. Es bleibt ihr nur die Flucht in die Welt der Bücher, die ihr Sicherheit gibt und das reale Leben vergessen lässt.

Reading it is like being there. It’s like finding a magic spring in a desert. It has everything. (…) It is an oasis for the soul. Even now I can always retreat into Middle Earth and be happy. How can you compare anything to that?

Durch das Lesen, die Menschen, die sie in ihrem Buchclub kennenlernt und die langsame Annäherung an ihren Vater und den Großvater, findet sie zurück ins Leben. Es gibt immer noch Momente, die sie emotional überfordern und in denen sie sich von magischen Kräften bedroht fühlt – durch die eigene Mutter, die drei seltsamen Tanten – zunehmend gelingt es ihr aber auch, die Kontrolle darüber zu gewinnen.

Durchaus ein recht typischer coming-of-age Roman, der jedoch vor allem dann große Freude bereitet, wenn Mori ihre Gedanken über Bücher teilt, die sie regelrecht verschlingt. Tatsächlich hätte ich mir am Ende eine Liste mit allen Bücher, die erwähnt werden, gewünscht. Wundervoll erzählt, mit ganz viel Liebe zur Protagonistin und der Literatur, so dass man wirklich einmal abtauchen und aus der Wirklichkeit verschwinden kann.