Gabriella Ullberg Westin – Der Todgeweihte

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Gabriella Ullberg Westin – Der Todgeweihte

Nächtliche Schüsse im Zentrum des beschaulichen Hudiskvall mit einem Toten und einer Schwerverletzten stellen die Polizei vor Fragezeichen. Im Umfeld der Opfer können Kriminalinspektor Johan Rokka und seine Kollegen keine Motive für den brutalen Mord finden. Doch dann werden die Ermittlungen für Rokka noch deutlich erschwert als Louise Hojier, die Frau seines Cousins und Mutter der 5-jährigen Silje, auf einer Geschäftsreise verschwindet. Eigentlich darf er in diesem Fall nicht ermitteln, aber das Personal ist knapp und so lässt man ihn nach der top Informatikerin eines erfolgreichen Start-Ups suchen. Dass sein Bruder Daniel unerwartet nach 15 Jahren Funkstille plötzlich vor ihm steht, macht die Lage auch nicht einfacher, denn Daniel ist Morphium-abhängig und offenbar todkrank. Nicht nur Johan Rokkas schwerster, sondern vor allem sein persönlichster Fall, doch wie persönlich dieser wird, ahnt er noch gar nicht…

Die Schwedin Gabriella Ullberg Westin konnte sich mit ihrer Serie um den Inspektor Johan Rokka schnell einen vorderen Platz in der Riege der skandinavischen Krimiautoren sichern. Sein dritter Fall setzt die Reihe überzeugend fort und stellt einmal mehr unter Beweis, dass auch fernab der Hauptstadt spannende Geschichten erzählt werden können. Der Protagonist steht dieses Mal mehr denn je unter Beschluss, blieb er gerade im ersten Band noch etwas undurchschaubar, wird Rokka zunehmend sympathisch und als Figur greifbarer.

Die beiden Fälle scheinen zunächst nichts miteinander zu tun zu haben, gerade der Anschlag auf die beiden jungen Kinobesucher kommt nicht voran. Dafür wird das Umfeld des Inspektors schnell interessant. Die Nebenhandlung um Amanda ist zwar recht vorhersehbar, die Bedeutung ihrer Täuschung jedoch wird erst später offenkundig. Der Fall ist als ganz persönliche Herausforderung für Johan Rokka angelegt, hätte aber durchaus auch das Potenzial zu einem Wirtschaftskrimi gehabt, diese Chance hat Ullberg Westin leider verschenkt, denn so richtig wird nicht klar, welche Bedeutung für die Sicherheitstechnik Louises Erfindung haben könnte. Dies tut der Spannung jedoch keinen Abbruch, die sich stetig steigert im Laufe der Handlung.

Ein sauber konzipierter Krimi, dessen Fäden langsam zusammenlaufen und am Ende keine Fragen offenlassen. Die Entwicklung der Figuren wird von Fall zu Fall besser, womit Ullberg Westin meine Erwartungen voll erfüllt hat.

Lina Bengtsdotter – Löwenzahnkind

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Lina Bengtsdotter – Löwenzahnkind

Das Verschwinden einer 17-Jährigen führt Charlie Lager zurück in den Ort ihrer Kindheit, den sie nicht nur vergessen, sondern völlig aus ihren Gedanken löschen wollte. Schnell kommen in der trostlosen Provinz, die Kindern und Jugendlichen außer Drogen, Alkohol und Gewalt nichts zu bieten hat, die Erinnerungen wieder hoch. Und wie zu erwarten war, mauern die Einheimischen, niemand will etwas gesehen haben oder über den Abend wissen, an dem sich Annabelles Spur verliert. Charlie versucht herauszufinden, wer das Mädchen war, das scheinbar gerne zur Schule ging und wissbegierig war, andererseits aber immer wieder gegen die Regeln der Eltern verstieß und am Wochenende wie alle anderen auch die sie umgebende Tristesse versuchte zu ertränken.

Lina Bengtsdotter hat ihre Thriller Serie um die Polizistin Charlie in ihrem Heimatort Gullspång angesiedelt, eine Kleinstadt abgehängt von der Großstadt und mit wenig Perspektiven. Der erste Band erzählt nicht nur die Suche nach dem verschwundenen Mädchen, sondern gibt auch erschreckende Einblicke in Funktionsweisen der kleinen Gemeinschaft, wo jeder alles über jeden weiß und dennoch Geheimnisse über Jahrzehnte gut gehütet werden. Auch die Protagonistin trägt so einiges an Ballast mit sich herum, Dämonen, die mit der Rückkehr wieder zum Leben erwachen.

Der Roman lebt davon, dass jede Begegnung, jede Tür, die geöffnet wird, das Potenzial hat, die Handlung in eine völlig neue Richtung zu lenken oder der ohnehin kaum auszuhaltenden Trostlosigkeit ein weiteres Mosaiksteinchen an trauriger Realität hinzuzufügen. Gullspång hat wenig gemein mit dem fröhlichen und ausgelassenen Midsommar, den man so gerne für die Darstellung Schwedens bemüht, sondern bietet eine brutale Sommerhitze, die die aufgeheizte und angespannte Stimmung noch verschärft. Die Spannung lebt vor allem von der feindseligen Atmosphäre, weder die Menschen noch die Natur wirken einladend oder freundlich, im Gegenteil, wir sehen eigentlich nur die feindselig-destruktiven Seiten.

Aus psychologischer Sicht ein interessantes Sammelsurium an Figuren, die auch viel Potenzial für weitere Bände haben. In dieser Umgebung aufzuwachsen geht nicht ohne Spuren zu hinterlassen. Ich bin gespannt, was in der Ermittlerin Charlie noch versteckt ist.

Raphaela Edelbauer – Das flüssige Land

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Raphaela Edelbauer – Das flüssige Land

Der plötzliche Unfalltod ihrer Eltern wirft Ruth Schwarz völlig aus der Bahn; als ihre Tante dann noch erwähnt, dass die Eltern aufgrund ihrer engen Beziehung zu Groß-Einland dort beerdigt werden sollten, ist sie völlig verwirrt. Was ist das für ein Ort, von dem sie nie etwas gehört hat? Die Wiener Physikerin macht sich auf in die Provinz und findet tatsächlich ein beschauliches Städtchen diesen Namens, das völlig aus der Zeit gefallen zu sein scheint. Eigentlich wollte sie nur kurz dort bleiben, aber ein seltsames Naturphänomen weckt ihre Neugier: Mitten im Ort befindet sich ein großes Loch, das den ganzen Lebensraum regelrecht aufzusaugen droht. Doch nicht nur dieses Loch und seine Geschichte ist höchst mysteriös, auch die Bewohner, allen voran die alles wissende und bestimmende Gräfin, lassen Ruth wundern und nicht mehr los. Aus der kurzen Visite wird plötzlich ein immer längerer Aufenthalt.

Raphaela Edelbauers Roman ist gleich für zwei Auszeichnungen nominiert, er steht sowohl auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis, wie auch auf jener für den Österreichischen Buchpreis 2019.  Unweigerlich ist da die Neugier besonders groß, zwei Jurys können sich kaum irren. Was die Nominierung jedoch nicht verrät, ist, dass nicht jedes Buch zu jedem Leser passt und „Das flüssige Land“ setzt voraus, dass man das märchenhafte und fantastische Element entweder sowieso liebt oder großzügig darüber hinweglesen kann. Wer auf authentische Handlung steht, ist bei diesem Roman eher schlecht beraten.

So verlangte der Text mir auch einiges ab. Bisweilen hatte ich den Eindruck Mitten in „Alice im Wunderland“ gelandet zu sein. Das Raum-Zeit-Kontinuum scheint aufgehoben und das Figurenpersonal ist ein Sammelsurium von Kuriositäten, allen voran die Gräfin. Das hat einen gewissen Reiz, wird auch sprachlich ansprechend und überzeugend umgesetzt, entbehrt gleichermaßen aber jeden Realismus. Zwar wird die Handlung immer wieder historisch wie auch naturwissenschaftlich eingebettet, aber so ganz wurde ich den Eindruck der Fantasiewelt nicht los. Das Mysterium um das Loch bietet ein gewisses Spannungsmoment, wird aber etwas zu langatmig abgehandelt. Auch das Ende kann mich nur bedingt überzeugen, zu bemüht wird die Ordnung wieder hergestellt.

Man den Roman womöglich als Parabel lesen, die unter anderem Fragen nach dem menschlichen Umgang mit der Umwelt, nach ethischer Verantwortung und vermeintlichem kollektivem Gedächtnisverlust oder auch der fragwürdigen Gesellschaftsstruktur aufwirft. Vielleicht erfreut man sich auch einfach an der geradezu fabelhaften Welt mit ihren kuriosen Figuren. Literarisch so gar nicht meine Welt, weshalb mich der Roman nicht wirklich erreichen konnte. Gerettet hat ihn der Schreibstil, viele pointierte Zuspitzungen, die gekonnt formuliert sind und ein in sich stimmiges Szenario mit liebevoll gestalteten Figuren.

Eva Schmidt – Die untalentierte Lügnerin

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Eva Schmidt – Die untalentierte Lügnerin

Nachdem sie ihr Studium der Schauspielerei an den Nagel hängen musste und einen längeren Klinikaufenthalt hinter sich gebracht hat, kehrt Maren in die Wohnung ihrer Mutter und ihres Stiefvaters in die österreichische Provinz zurück. Planlos lebt sie zunächst in den Tag, bevor sie einen Job in einem Museum als Aufpasserin annimmt. Mit dem Hund geht sie spazieren. Lernt Menschen kennen, die jedoch irgendwie nur an den Rand ihres Lebens drängen und bald auch wieder verschwinden. Die Ehe ihrer Eltern kriselt und sie selbst entwickelt auch nur wenig Zukunftspläne. Es wird Winter und wieder Frühling, aber Maren blickt immer noch verloren auf ihr Leben.

Bereits 2016 war Eva Schmidt mit einem Roman für den Deutschen Buchpreis nominiert. Ebenso wie „Ein langes Jahr“ tat ich mich auch mit dem aktuellen Roman schwer. Die Geschichte liest sich leicht weg, genau darin liegt aber auch für mein Empfinden die große Schwäche: mir fehlt die Entwicklung ebenso wie das Tiefgründige. Ja, die Autorin beschreibt sehr intensiv die Natur, aber die Menschen erfasst sie dabei nicht.

Vermutlich trägt der triste Grundton des Romans zu meinem eher wenig berauschenden Eindruck bei. Die Protagonistin ist unzufrieden, nur leidlich ergreift sie die Initiative, um etwas zu verändern, aber eigentlich wartet sie eher darauf, dass die Veränderung zu ihr kommt und es wundert sie auch nicht, dass Menschen einfach so wieder aus ihrem Leben verschwinden. Die Familienkonstellation bleibt zu diffus, um Stoff für analytische Betrachtungen zu liefern. Ein Bruder in der Ferne mit seiner glücklichen Familie, der andere voller Liebeskummer und gescheitertem Studium zwar in der Nähe, aber ebenfalls abwesend. Die Mutter gescheiterte Künstlerin, die nun eher dem Alkohol zuspricht und scheinbar unter einer nicht behandelten Depression leidet und dann noch der Stiefvater, der sich grenzwertig aufdrängt und dann plötzlich flüchtet. Was soll man daraus machen? Auch das Ende reißt mehr Fragen auf als Antworten zu geben, wird hier etwas angedeutet, dass das Buch in einem anderen Licht erscheinen lässt oder doch nicht?

Mich hat der Roman nicht erreicht. Auch der Titel stellt mich immer noch vor ein Rätsel: Maren lügt unentwegt, wobei es sich eher um die keinen Alltagsausflüchten handelt, um sich nicht erklären zu müssen und das Gegenüber nicht zu verletzten – obwohl sie das in ihrer stumpfsinnigen Art bisweilen geradeheraus tut. Es bleibt am Ende große Ratlosigkeit.

Matthias Wittekindt – Die Tankstelle von Courcelles

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Matthias Wittekindt – Die Tankstelle von Courcelles

Ein Provinznest im Osten Frankreichs. In den 1970ern wachsen die Kinder in der dörflichen Gemeinschaft auf, befreunden sich, zerstreiten sich, raufen sich wieder zusammen. Gemeinsam gehen sie zur Schule, gemeinsam werden sie das Abitur meistern, um dann in Paris die große weite Welt kennenzulernen. Lou ist eine von ihnen, immer schon etwas mutiger als andere Mädchen, immer schon etwas abgebrühter. Kurz bevor die letzten Prüfungen anstehen, arbeitet sie in der Tankstelle ihres Stiefvaters in der Nachtschicht. Zwei LKW-Fahrer kommen ihr seltsam vor, doch die beiden sind so schnell wieder verschwunden, wie sie gekommen waren. Ein kurz darauf ankommender PKW mit zwei Männern wird dann aber deutlich ungemütlicher; da einer der beiden bereits betrunken ist, will sie ihm keinen weiteren Alkohol verkaufen. Als sie beginnen zu randalieren, zieht sich Lou in den hinteren Raum der Tankstelle zurück. Kurz darauf sind beide Männer tot. Brutal ermordet. Und sie werden nicht die letzten Leichen in dem französischen Dörfchen bleiben.

Matthias Wittekindt war mir bislang als Autor nicht bekannt, allerdings habe ich einige seiner Hörspiele gehört, die mich eigentlich immer begeistern konnten. Dass „Die Tankstelle von Courcelles“ auf der Krimibestenliste vom Mai 2018 gelandet war, bot dann genügend Anlass, den Roman zu lesen. Leider jedoch konnte er die Erwartungen nicht ganz erfüllen.

Lange hält sich Wittekind mit der Kindheit Lous und ihrer Freunde in den 70er Jahren auf, ohne dass tatsächlich etwas Berichtenswertes geschieht. Es gibt Unfälle, wie sie überall geschehen, auch ein verlassenes mysteriöses Zelt sorgt für eine Menge Gesprächsstoff im Ort. Die Freundschaften der Kinder und später Jugendlichen entwickeln sich in diese und jene Richtung, mal sind sie enger, mal lockerer. Das Erwachsenwerden und die dazugehörigen Theorien um die Welt, befeuert vom neuen Lehrer des Dorfes, entzweit auch so manche alte Verbindung. Der Roman schleppt sich so dahin, kündigt jedoch stetig ein großes Ereignis an, das jedoch auf sich warten lässt.

Der Doppelmord selbst wird tatsächlich recht unspektakulär geschildert und schnell von den Ermittlungen abgelöst, die jedoch auch keine wirkliche Zielgerichtetheit erkennen lassen. Es kommt zu keiner Auflösung, der Täter wird nicht gefunden, die Spekulationen bleiben. Und schon bewegt sich die Handlung weiter, sprungartig bis in die Gegenwart. Dazwischen noch schnell ein weiterer nicht ganz eindeutiger Tod eines der Jugendlichen und Lous ungeklärtes 10-tägiges Verschwinden.

Hätte es nicht zwischendurch ein paar Tote gegeben, hätte ich die Genrezuordnung „Krimi“ gänzlich angezweifelt. Die normalerweise unabdingbare Spannung fehlte mir gänzlich, auch war oft nicht klar, wer eigentlich die Rolle des Protagonisten übernehmen soll, einerseits Lou, das ist recht offenkundig, dann wiederum rückt der örtliche Gendarm Ohayon in den Fokus, nur um sich kurze Zeit später wieder zurückzuziehen.

Zusätzlich erschwert wurde die Geschichte durch einen Erzählton, der wohl mit „lakonisch“ am besten beschrieben ist. Knappe Sätze, kaum Ausschmückung, bisweilen fast lustlos schildert der Erzähler die Ereignisse. Man hört regelrecht die Seufzer, ach ja, doch, da wird noch was passieren. Das etwas einsilbige Erzählen ermüdet bisweilen, hat jedenfalls keine spannungserzeugende Wirkung, ganz im Gegenteil.

Ich kann den begeisterten Stimmen nicht beipflichten. Ein vor allem sprachlich ungewöhnlicher Roman, der vielleicht ein wenig zu viel wollte, um zu überzeugen.

Alexander Oetker – Retour

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Alexander Oetker – Retour

Da sein Vater schwer krank ist, lässt sich Commissaire Luc Verlain von Paris in seine Heimat in Aquitaine zurückversetzen. Dort hofft er auf eine ruhige Zeit und die Möglichkeit, sich um seinen Vater zu kümmern. Doch kaum ist er angekommen, wird die Leiche eines jungen Mädchens gefunden, erschlagen am Strand. Der Stiefvater ist sich sicher, dass es der junge algerische Freund war, den sie verlassen hatte und der ihr immer noch hinterherlief. Die Indizien, die zunächst gegen Hakim sprechen, erweisen sich jedoch schnell als entlastend und so rückt der unbekannte reiche Liebhaber des Mädchens in den Fokus der Ermittlungen.

Die Liste der Ermittler in der französischen Provinz wird immer länger. Alexander Oetker hat mit Luc Verlain nun einen weiteren Kommissar ins Rennen um die Gunst der deutschen Leser geschickt und setzt dabei auf bewährte Versatzstücke: aus Paris in die Provinz versetzt; dort schwieriger Start mit den Kollegen; den Fall kann der Superermittler quasi im Alleingang lösen, auch acht teilweise bewaffnete Gegner sind für ihn kein Problem und zwischendurch wird viel über Weinberge, Wein und Essen geredet. Natürlich darf die hübsche junge Frau aus der Provinz, die dem gestandenen Ermittler aus der Großstadt den Kopf verdreht, auch nicht fehlen. Viel Neues war hier leider nicht zu entdecken.

Der Fall selbst ist recht vorhersehbar, zwar mit ein zwei vermeintlichen Fährten gespickt, ist es jedoch recht schnell offenkundig, wer hier welches Spiel spielt. Die Figurenzeichnung beschränkt sich weitgehend auf stereotype Schwarz-Weiß-Malerei, so etwa der böse Bulle, der in Korruption verstrickt war als Widersacher des Helden – der sich allerdings recht schnell selbst ins Aus schießt. Anouk, die zwar zunächst als talentierte Polizistin eingeführt wird, dann aber nur noch in Form des assistierenden Häschens auftreten darf und deren Relevanz und Beschreibung sich auf ihren Hintern, Busen und Haare und den Wunsch Verlains, sie endlich ins Bett zu zerren, beschränkt. Für ihr berufliches Geschick bleibt leider bei dem Ego des Protagonisten nicht viel Platz.

Dieser trotzt nur so vor Klischees, an kaum einer Frau kommt er vorbei, ohne ausführlich ihre optischen Qualitäten zu eruieren und bei Gelegenheit mit ihr das Bett zu teilen. Natürlich hat er in Paris auch noch eine Partnerin, die sich aber auf einen Kurzurlaub seinerseits beschränken muss und ansonsten nicht einmal eine SMS verdient hat. Ausnahmslos alle Frauen werfen sich an seinen Hals, er bleibt dabei aber der coole rauchende Surfer, der sich auf nichts Festes einlassen will. Ach ja, da war ja noch sein Vater, wegen dessen Krankheit er die Versetzung erwirkte. Der muss sich mit einem wenige Minuten dauernden Besuch mehrere Tage nach seiner Ankunft zufriedengeben.

Für mich keine Reihe, die ich weiter verfolgen werde, zu platt Handlung wie Figuren und viel zu viel sexistische Flachheit, um daran Gefallen zu finden.

Håkan Nesser – Der Fall Kallmann

Der Fall Kallmann von Hakan Nesser
Håkan Nesser – Der Fall Kallmann

Nach dem Verlust seiner Frau und seiner Tochter zieht Leon Berger in eine schwedische Kleinstadt, um an der dortigen Schule als Lehrer neu anzufangen. Er übernimmt den Job eines gewissen Eugen Kallmann, der wenige Monate zuvor unter ungeklärten Umständen ums Leben kam. Für die Polizei war es ein natürlicher Tod, aber nachdem Leon in seinem Schreitisch Tagebücher gefunden hat, wachsen langsam Zweifel an dieser Version. Zusammen mit seinen Kollegen Ludmilla und Igor beginnt er nachzuforschen und will vor allem herausfinden, was an den Tagebüchern der Wahrheit entspricht und was Fiktion ist, denn dort berichtet Kallmann von einem Mord, den er begangen habe. Weitere Zwischenfälle in der Schule, zunächst antisemitische Briefe, dann aber auch ein Mord an einem Schüler scheinen im Zusammenhang mit dem undurchsichtigen Lehrer zu stehen, der in all den Jahren an der Schule trotzdem für alle Kollegen unbekannt und ein Rätsel blieb.

Schätzungsweise war dies mein fünfzehnter Roman von Håkan Nesser und immer wieder bin ich begeistert davon, wie es ihm gelingt einen ganz eigenen, ruhigen Erzählton zu entwickeln, obwohl die Geschichte gerade eine dramatische Wendung nimmt und das Leben seiner Figuren tiefgreifend verändert. Der etwas langsamere Rhythmus der schwedischen Provinz wird so überzeugend umgesetzt und macht das Lesen seiner Krimis zu einem großen Spaß.

Der aktuelle Fall um Eugen Kallmann kann mich ebenso überzeugen wie viele Vorgänger. Nesser verzichtet auf unnötige Komplikationen durch ein riesiges Figurenensemble, im Wesentlichen beschränkt er sich auf die beiden Lehrer Leon und Igor und die Schulpsychologin Ludmilla. Hinzu kommt eine Schülerin, deren Familiengeschichte in den Fall verwickelt zu sein scheint. Das Privatleben verleiht den Figuren mehr Tiefe, lenkt jedoch nicht von den Nachforschungen ab, sondern ist genau richtig dosiert. Auch setzt Nesser nicht auf unerwartete Zufälle, um seinen clever konstruierten Plot zu lösen, sondern dröselt langsam und zielgerichtet jeden Knoten auf, so dass nicht nur alle Fragen beantwortet werden, sondern auch die Motivationen der Figuren glaubwürdig bleiben und die Handlung in sich stimmig wirkt.

Es sind einmal mehr urmenschliche Beweggründe, die die Figuren zu ihrem Handeln veranlassen. Wie nur wenigen anderen Autoren beweist Håkan Nesser eine hervorragende Beobachtungsgabe der menschlichen Natur und kann dies gekonnt in einen Roman umsetzen. Die perfekte Unterhaltung für lange Herbstabende.

Ein herzlicher Dank geht an das Bloggerportal für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zu Roman und Autor finden sich auf der Seite des Random House Verlag.

Kerstin Preiwuß – Nach Onkalo

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Kerstin Preiwuß – Nach Onkalo

Sie hat ihn einfach verlassen. Ist morgens nicht mehr aufgewacht, nicht mehr aufgestanden und hat ihm sein Frühstück nicht vorbereitet. Matuschek ist empört über seine Mutter, die ihn, wo er gerade einmal vierzig ist, alleine lässt. Und er ist überfordert, so sehr, dass sein russischer Nachbar Igor sich um die Angelegenheit kümmern muss. Der Alltag ist für Matuschek so allein kaum zu bewältigen, außer seinen Tauben und dem alten Skatfreund Witt hat er niemanden; aber Galina und Igor kennen da jemanden, der vielleicht die Lücke schließen kann. Und tatsächlich findet Matuschek Gefallen an Irina aus dem fernen Sibirien, die immer wieder über das Leben in Deutschland verwundert ist. Langsam nähern sie sich an, doch Matuscheks Neugier zerstört alles und bald schon steht er wieder alleine da. Am Boden zerstört nimmt der Verfall nun unaufhaltsam seinen Lauf.

Onkalo – finnisch für Höhle und Name eines atomaren Endlagers. In so einem Endlager der nicht mehr gebrauchten Menschen scheint sich Matuschek zu befinden. Es hat sich mit seiner Situation vielleicht nicht ganz abgefunden, aber doch wenigsten arrangiert. So ist das Leben eben. Er wohnt in diesem Haus, weil er immer da gewohnt hat. Er hat Kontakt zu den Nachbarn, weil die eben direkt daneben leben. Und die Tauben kommen ja immer wieder zurück, da kann man sich auch um sie kümmern. Eine Frau hätte er ja gerne, aber die muss irgendwie auch automatisch kommen, allzu viel Energie kann er dafür nicht aufbringen, wo man eine finden könnte, scheint ihm auch nicht so ganz klar zu sein. Ein Leben wie in einem 80er Jahre Endzeitdrama – ausharren bis der Tod kommt.

Matuschek ist schon ein sehr spezieller Protagonist. Passiv reagiert er eigentlich nur, aktiv handeln kommt selten vor und wenn – wie im Falle von Irinas Geburtstag – ist er dann doch haarscharf an dem vorbei, was gut und sinnvoll gewesen wäre. Ein Zeichen dafür, nicht in zu viel Aktionismus auszubrechen. Als Igor stirbt, wird der neue Nachbar derjenige, der ihn in die gewünschten Bahnen lenkt, auch wenn Matuschek das offenbar gar nicht möchte, aber in seiner Passivität gefangen, kann er nicht wirklich ausbrechen. Es folgt der völlige Niedergang, die Verwahrlosung schlimmster Vorstellung, die man auch beim Lesen kaum mehr erträgt. Er wäscht sich nicht, er putzt das Haus nicht, die Klamotten stinken und die Tauben verkoten ihren Forst. Der absolute Tiefpunkt kann eigentlich nur noch durch den Tod abgelöst werden.

Auch wenn man Matuschek verabscheut, widerlich findet und eigentlich nichts aus seinem Leben wissen will – genau darin liegt die erzählerische Kunst von Kerstin Preiwuß, die dem Roman eine Nominierung auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2017 eingebracht hat. Nach mehreren Gedichtbänden ist dies der zweite Roman der Journalistin, der in die deutsche Provinz abtaucht und einen Typen Menschen skizziert, den es wohl immer geben wird. Nicht die ganz großen weltbewegenden Fragen treiben Matuschek um, sondern der die Alltagssorgen, das unmittelbare Umfeld. So ist auch die Sprache des Romans, nicht verschnörkelt abgehoben, sondern auf den Punkt treffend und die Dinge beim Namen nennend – auch wenn man bisweilen gerne darauf verzichtet hätte. Hieraus entsteht ein in sich stimmiges Bild einer Welt, die da ist, auch wenn man sie nicht sehen will.

Anna Weidenholzer – Weshalb die Herren Seesterne tragen

Rezension, Roman, Deutscher Buchpreis 2016
Karl Hellmann begibt sich auf Forschungsreise. Mit seiner Frau Margit hat er das Setting der Untersuchung genauestens studiert: ein Fragebogen, den man im fernen Bhutan verwendet, um das „Bruttonationalglück“ verwendet, wurde leicht modifiziert und in qualifizierten Gesprächen sollen nun Deutsche – systematisch durch willkürliches Aufblättern des Telefonbuchs ausgewählt – befragt werden. In einem namenlosen Ort lässt Karl sich im Hotel Post nieder, wo zunächst außer ihm keine Gäste logieren und er sich auch von dem herabgekommenen Zimmer nicht abschrecken lässt. Die Wirtin wird seine Probandin F1, doch schon gleich das erste Interview läuft aus den Rudern und Karl ahnt, dass das Unterfangen schwieriger werden könnte als gedacht.
Anna Weidenholzers Roman steht auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2016, was für mich Anreiz zum Lesen des Romans war. Die Grundzüge des Plots finde ich auch durchaus attraktiv: die Suche nach dem Glück, bzw. dem, was den durchschnittlichen Menschen glücklich macht, das Auffinden der Bewohner eines x-beliebigen Ortes in ihrem Alltag. Doch leider kann mich der Roman an keiner Stelle wirklich packen.
Dies mag zum einen an der Erzählperspektive liegen, die Autorin hat sich für einen Stream of Consciousness rein aus der Perspektive des Protagonisten Karls entschieden. Hat eine solche Figur ausgesprochen unsympathische Züge – hier: Arroganz, Dummheit, gleichzeitig Abhängigkeit von einer abwesenden Person, Naivität und fehlende Zielgerichtetheit – wird das Lesen immer etwas quälend und eintönig. Es fehlen die Facetten und Nuancen, weil ungefiltert nur eine einzige Sicht auf die Dinge geschildert wird. Dies gelingt der Autorin, Karl als Figur ist in sich glaubwürdig und konsistent, nur leider schwer zu ertragen.
Das Setting hätte Begegnungen mit unterschiedlichen anderen Figuren ermöglicht, die ihrerseits interessante Ansichten hätten hervorbringen und so ein buntes und vielschichtiges Bild entstehen lassen können. Durchaus stimmig im Kontext der Figur Karl gelingt es ihm nicht, diese Personen zu finden und zu einem Interview zu motivieren, so dass die verbleidenden wiederum inhaltlich für mich nicht interessant werden.

Analytisch betrachtet passt hier sehr viel und kann man den Roman durchaus als gelungen bezeichnen, aber er kann nicht unterhalten und macht schlichtweg keine Freude.  Leider steht er hier in einer guten deutschen Tradition, dass mit Preisen (bzw. Nominierungen) geehrte Romane nicht nur sperrig, sondern quälend beim Lesen sind. Blicke ich auf die Longlist des Man Booker Prize 2016, habe ich dort literarisch ausgereifte Bücher gefunden, bei denen jede Seite auch ein Genuss zu lesen ist. Es muss nicht malträtieren, um gut zu sein.