Shari Lapena – Der zehnte Gast

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Shari Lapena – Der zehnte Gast

Es sollte ein entspannendes Wochenende in einem abgelegenen Hotel in den Catskills werden. Candice White will dort an ihrem neuen Roman arbeiten, der Strafverteidiger David Paley einfach nur ein wenig Abstand vom stressigen Alltag finden. Die hübsche Dana und ihr ebenbürtiger Verlobter Matthew, Spross einer reichen New Yorker Familie, entfliehen dem Hochzeitsvorbereitungsstress, während Lauren und ihr Partnern Ian einfach nur ein Wochenende ausspannen wollen. Für die Journalistinnen und Freundinnen Gwen und Riley beginnt der Ausflug schon nicht glücklich, im Schneegestöber rutschen sie von der Fahrbahn, bleiben jedoch glücklicherweise unverletzt. Für Beverly und ihren Ehemann Henry ist der Kurzurlaub vielleicht die letzte Chance ihre Ehe zu retten. Sie alle kommen bei Bradley und seinem Vater James unter. Doch was mit großen Erwartungen beginnt, entwickelt sich schnell zum Alptraum. Nicht nur haben sie keinen Internetzugang, als der Schneesturm zu einem Stromausfall führt und man Dana tot auffindet, verwandelt sich der Hotelaufenthalt zum Horrortrip. Doch die junge Frau sollte nur das erste Opfer sein, weitere werden folgen.

Mein vierter Roman der kanadischen Autorin hat mich etwas überrascht. Nicht, dass es ihm an Spannung gemangelt hätte, nein, in diesem Punkt wurden die Erwartungen einmal mehr voll erfüllt. In einem anderen Aspekt weicht dieser Thriller vom bekannten Muster der Autorin ab: Shari Lapena hat ein geradezu klassisches Setting à la Agatha Christie gewählt, das in Perfektion umgesetzt wird. Eine überschaubare Menge an Figuren, die sich an einem unerreichbaren, abgeschiedenen Ort aufhalten und über 2 Tage damit leben müssen, dass ein Mörder unter ihnen weilt. Die Tatsache, dass es nicht nur ein einziges, sondern am Ende sogar gleich mehrere, glaubwürdig motivierte Opfer gibt – gepaart mit einer zum Schmunzeln einladenden Wendung, die man jedoch erahnen konnte – unterstreicht jedoch einmal mehr, dass Lapena gegenwärtig zu den ganz großen Autoren der Spannungsliteratur zählt.

Man würde zu viel verraten, wenn man näher auf den Plot einginge. Die Handlung folgt einem bekannten Schema, das jedoch der Spannung und der Unterhaltung keinen Abbruch tut, ganz im Gegenteil, mir hat die moderne Variante des altbewährten Krimisettings gut gefallen. Besonders der kleine Spaß mit der Tatsache, dass nur eine Figur wiederholt Mordgelüste zumindest in Gedanken hegt und für diese teuer bezahlt, liefert neben dem Kriminalfall auch geradezu ironisch-schadenfreudige Aspekte.

Eine spannende Geschichte, in die man leicht eintaucht und dann genüsslich dem Morden folgt.

Agatha Christie – Ordeal by Innocence [dt. Tödlicher Irrtum]

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Agatha Christie – Ordeal by Innocence

Arthur Calgary denkt, dass er einen Unschuldigen reinwaschen kann und dass dessen Familie darüber erleichtert sein muss, deshalb sucht er das Anwesen der Argyles auf, die zufällig alle zum Abendessen versammelt sind, weil Leo Argyle die Verlobung mit seiner Sekretärin Gwenda bekanntgeben möchte. Als Calgary erläutert, dass er Monate in der Arktis war und deshalb von den Fall nichts gehört hat, stutzen die Familienmitglieder. Nicht Sohn Jacko hat Mutter Rachel ermordet wie bislang angenommen, er hatte tatsächlich ein Alibi, da er aber mittlerweile im Gefängnis verstorben ist, nutzt ihm dies nichts mehr. Was Arthur Calgary jedoch nicht bedacht hatte, ist die Tatsache, dass, wenn Jacko als Mörder ausscheidet, einer der Anwesenden zwingend der Mörder sein muss. Mit der Ruhe ist es vorbei und bald schon wird der Mörder wieder zuschlagen.

„Ordeal by Innocence“ ist ein typischer Krimi von Agatha Christie, der den bekannten Mustern folgt: eine überschaubare Gruppe von Figuren, die auf engem Raum versammelt sind und unter denen offenbar ein Mörder ist. Schnell verdächtigt jeder jeden und versucht von eigenen Fehler und Unzulänglichkeiten abzulenken. Ein Motiv hätten sie alle, mal stärker mal schwächer, aber doch ausreichend, um die alte Herrscherin ins Jenseits zu schicken.

Der Krimi kommt ohne einen von Christies bekannten Ermittler aus, sondern sie lässt den Erzähler Calgary der Sache nachgehen und den wahren Täter erforschen. Ansonsten bietet die Geschichte wenig Überraschungen, sondern erfüllt genau die Erwartungen, die ich an einen Agatha Christie Roman habe: menschliche Schwächen, gehässige Familienmitglieder und Gier, Hass sowie Missgunst als Triebfedern des Handelns. Der Fall wird recht zielstrebig gelöst, bietet aber am Ende doch noch kleine unerwartete Wendungen, die den Mord in einem anderen Licht erscheinen lassen.

Anthony Horowitz – Die Morde von Pye Hall

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Anthony Horowitz – Die Morde von Pye Hall

Der Autor, von dessen Büchern die Existenz des Verlags abhängt, ist tot. Alan Conway war unheilbar an Krebs erkrankt und hat sich das Leben genommen. Aber glücklicherweise hat er seinen letzten Roman noch kurz vor seinem Ableben in den Verlag gebracht. Seine Lektorin Susan Ryeland freut sich auf die Lektüre, doch mitr Entsetzen muss sie feststellen, dass die letzten Kapitel des Romans fehlen. Der Protagonist Atticus Pünd kann den Mord in Pye Hall nicht aufklären. Susan Ryeland findet nicht nur das, sondern auch die Umstände von Conways vermeintlichen Selbstmord seltsam und beginnt selbst zu ermitteln. Im Stile von Hercule Poirot oder auch Atticus Pünd befragt sie das Umfeld von Conway und stößt gleich auf eine ganze Reihe Menschen, die ein Interesse daran hätten haben können, den Autor aus dem Weg zu schaffen.

Anthony Horowitz kann immer wieder überraschen. Mit „Die Morde von Pye Hall“ hat er einen Roman im Roman geschaffen und geschickt beide Handlungen ineinander verwoben. Er wechselt spielerisch die Erzählebenen und lässt seine Rahmenhandlung dadurch umso authentischer wirken. Die Tatsache, dass er auch dem Leser dieses Romans das Ende des fiktiven Krimis (zunächst) vorenthält, verstärkt unter anderem diesen Effekt und lässt einem munter mitfiebern und ermitteln.

Ein Krimi im Krimi, beide Fälle haben einen gewissen Charme und können auf ihre altmodisch-konventionelle Art überzeugen. Horowitz spielt nicht nur mit dem Genre, nein, er macht sich einen Spaß daraus, gnadenlos alles zu entlarven, was über Jahrzehnte funktioniert, obgleich es unheimlich durchschaubar ist. Agatha Christie war keine begnadete Schreiberin, trotzdem war sie enorm erfolgreich und hat Charaktere für die Ewigkeit geschaffen, die stilbildend für das Genre geworden sind. In gewisser Weise greift Horowitz genau diese Widersprüchlichkeit auf: sein fiktiver Autor ist enttäuscht, dass er sein Geld mit den Kriminalromanen, einem in seinen Augen literarisch minderwertigen Genre, verdient, wo er doch von der hohen Literatur träumt. Belächelt werden diese Autoren, kommerziell erfolgreich zwar, aber doch keine wirklichen literarischen Genies. Nichtsdestotrotz liebt sie die Leserschaft.

Beide Handlungen in „Die Morde von Pye Hall“ folgen den klassischen, vorhersehbaren Mustern und dennoch begeistern sie – deutlicher kann man seine Hommage an den Kriminalroman kaum zum Ausdruck bringen. Und ja, auch diese Bücher haben nicht nur ihre Daseinsberechtigung, sondern sind ein Gewinn in der Buchlandschaft.

Agatha Christie – Hercule Poirot in Murder on the Orient Express

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Agatha Christie – Hercule Poirot in Murder on the Orient Express

Nachdem er gerade erst in Istanbul angekommen ist, wird Hercule Poirot durch ein Telegramm nach London zurückverlangt. Am schnellsten ist der Simplon-Orient-Express, doch unerwarteter Weise ist dieser ausgebucht. Als ein Passagier nicht erscheint, kann er gerade noch den letzten Platz bekommen. An Bord wird er bald schon von Samuel Ratchett angesprochen, der ihn gerne als Privatbeschützer anstellen würde, da er fürchtet, dass sein Leben bedroht ist. Da ihm der Mann unsympathisch ist, lehnt Poirot ab. Ein plötzlicher Schneesturm zwingt den Zug in Jugoslawien mitten in der Nacht zum Halten. Am nächsten Morgen erfahren die Passagiere, dass Ratchett tot ist. Der Mörder kann wegen des ungeplanten Zwischenstopp den Zug nicht verlassen haben. Wohl oder übel muss Poirot die Ermittlungen übernehmen.

Ohne Frage hat mich die aktuelle Verfilmung dazu animiert, den Klassiker von Agatha Christie auszupacken und mir eine etwas ältere britische Hörspielversion zu gönnen. In der Hauptrolle Albert John Moffatt, der für die BBC in insgesamt 25 Radio-Produktionen den belgischen Detektiv mimte und interessanterweise auch in der 1974er Verfilmung des Orient Express mitspielte, wenn hier auch nicht in der Hauptrolle.

Das Setting ist recht typisch für die Krimis von Agatha Christie, ein abgeschotteter Ort, an dem eine größere Anzahl von Verdächtigen auf engstem Raum gefangen sind und unter denen sich auch der Mörder befindet. Zwischen den Passagieren des Zuges scheint es keine näheren Verbindungen zu geben, zu unterschiedlich sind sie: Count und Countess Andrenyi, eine deutsche Zugehfrau, schwedische Missionarin, ein ehemaliger Colonel, der Sekretär des Getöteten, eine britische Gouvernante und weitere offenbaren keine naheliegenden Lösungen für den Mordfall. Systematisch befragt Poirot die Reisenden und nähert sich so zielsicher dem Täter. Erwartungsgemäß auch das Ende: alle werden im Speisewagen versammelt und der belgischer Meisterermittler löst Motiv und Mordvorgang auf. Allerdings kann uns die große Agatha Christie dieses Mal mit einem ungewöhnlichen Ende überraschen.

Für mich einer der besten Plots von Agatha Christies Hercule Poirot Reihe. Ein besonderer Charme macht auch der Zug aus, den ich mir von einiger Zeit einmal live anschauen konnte und der heute noch genauso aussieht wie vor gut 80 Jahren als der Krimi entstand.