Sibylle Berg – GRM. Brainfuck

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Sibylle Berg – GRM. Brainfuck

England nach dem Brexit. Der Klimakollaps hat das Land noch nicht eingeholt, das ist aber auch die einzige Katastrophe, die nicht über das Königreich hereingebrochen ist. Die Armen werden ärmer, die Reichen werden reicher, die Kinder und Jugendlichen sind chronisch vernachlässigt bis misshandelt, die Bevölkerung wird totalüberwacht, das Gesundheitssystem am Ende, Arbeit gibt es kaum mehr, die Computer mit ihren Algorithmen haben die Kontrolle übernommen. Vier Jugendliche, fast noch Kinder, schließen sich zusammen zu einer Zweckgemeinschaft, einem Familienersatz, und suchen nach dem Glück, das die Erwachsenen ihnen sicher nicht bieten können.

Sibylle Berg ist als Autorin bekannt, die vor harten Themen nicht zurückschreckt und mit scharfem Ton den Finger in Wunden zu legen weiß. Auch „GRM“ besticht durch eine bisweilen geradezu brutale Sprache, die nichts beschönigt, wo es nichts mehr zu beschönigen gibt, sondern die harten Wahrheiten beim Namen nennt. Die Begründung der Jury des Schweizer Buchpreises 2019 bringt schon so ziemlich alles auf den Punkt, was es zu dem Roman zu sagen gibt:

„In ihrem Roman «GRM» treibt Sibylle Berg den entfesselten Neoliberalismus auf die Spitze und attackiert eine moralisch verkommene Zwei-Klassen-Gesellschaft mit ihrer eigenen entfesselten Fantasie. Dieser Entwicklungsroman ist eine Mind Bomb von emotionaler Wucht.“

Die Geschichte befindet sich irgendwo zwischen Dystopie und beißender Satire und ist aufgrund des harten Tones, der zur Handlung hervorragend passt, keine leichte Lektüre. Die schlimmsten Auswüchse einer Gesellschaft treibt Berg einfach noch ein bisschen weiter: noch mehr Überwachung, noch mehr Gewalt (die nun auch gar niemanden mehr zu interessieren scheint), noch mehr Drogenrausch. Das Männer- und Frauenbild bewegt sich indes rückwärts und wird letztlich nur noch reduziert auf die Dichotomie „er bestimmt-sie untergibt sich“.

„Auch Rochdale wurde unerfreulich. Immer mehr Menschen bewaffneten sich, täglich gab es Schlägereien. Schwule wagten sich nach Einbruch der Dämmerung nicht mehr auf die Straßen, Frauen dito. Aber das nur am Rande, am Rande der Welt, die in eine neue Phase der Widerwärtigkeit taumelte. Ja, es ging allen besser.”

So bösartig und zynisch die Figurensteckbriefe erscheinen, reduziert und zugespitzt auf den Punkt, so sehr wachsen einem die vier Jugendlichen ans Herz.

„Die Kinder gehörten zur neu definierten Generation Z. Das Ende des Alphabets. Das Ende der Nahrungskette, gut erforscht, um Produkte besser verkaufen zu können. Sie waren die zweite Welle von Digital Natives. Körperlich verbunden mit digitaler Technologie, waren sie in Ermangelung irgendeiner Perspektive zur Darsteller-Generation geworden.”

Don, Peter, Hannah und Karen sind alle auf ihre Weise Außenseiter, von ihren Familien vergessen, von der Welt gemieden haben sie nur noch sich.

Ein Roman, der an die Substanz geht und doch in all seiner Drastik notwendig ist, damit niemand sagen kann, man hätte es ja nicht vorher wissen können. Für mich an mancher Stelle etwas zu viel, aber vermutlich hat es genau das gebraucht: ein Milieu, über das man nicht lesen will; Gewalt, die man nicht ertragen kann; eine Politik, die jede Menschlichkeit verloren zu haben scheint.

Tom Zürcher – Mobbing Dick

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Tom Zürcher – Mobbing Dick

Nachdem er das Jurastudium aufgegeben hat, findet Dick Meier einen Assistentenjob in der Schweizerischen Bankanstalt. Was sein Vorgesetzter Remo Bachmann genau tut, weiß er nicht, nur manchmal eilt dieser mit Stift und Papier davon. Auch was er selbst tut, weiß er nicht so genau, denn richtige Arbeit hat er eigentlich nicht. Je mehr sein Chef gestresst ist, desto prekärer wird dessen Position in der Bank. Die Vorgesetzten beobachten ihn genau und bereiten Dick langsam auf die Übernahme wichtigerer Aufgaben vor. Dazu gehört ein Seminar in Vreneli, einer Geheimschrift, in der alles in der Bank codiert wird. Dicks Stern steigt und zunehmend gerät er in einen Strudel, der durch die belastende Situation im Elternhaus, wo er immer noch lebt, noch gesteigert wird. Sowohl die Arbeit, wie auch die Freizeit zehren an seinen Nerven und bald schon verwandelt er sich in „Mobbing Dick“, denn nur so kann er dem Druck noch standhalten.

Man kann sich köstlich amüsieren mit Tom Zürchers Bankensatire. Die Geheimnistuerei, strenge Hierarchie und Prahlen auf Basis von absurden Titeln und Statistiken lädt zum Schmunzeln ein. Jedoch fragt man sich bei Dicks Arbeitsbeschreibung schon, wie viele Mitarbeiter es wohl geben mag, die auch in der Realität kaum Arbeit haben und ihre Tage nur so vertrödeln oder umgekehrt, nicht den leisesten Schimmer davon haben, was sie eigentlich tun. Hier deutet sich schon an, dass das Buch nicht nur lustig sein wird. Ebenso die Familiendialoge während des Essens, verfolgt man diese zunächst noch belustigt, zeigt sich jedoch im Verlauf immer deutlicher die destruktive Konstellation, die nicht ohne Folgen für den Protagonisten bleibt.

Vieles an dem Roman hat geradezu kafkaeske Züge. Dick Meier kann das Treiben in der Bank nicht überblicken, seine Ängste werden immer stärker und die damit verbundene Unsicherheit treibt ihn zum Äußersten. Vieles, was er tut, erscheint völlig sinnlos und absurd, aber er kommt aus dem Hamsterrad, in dem er sich gefangen sieht, nicht heraus. Was zunächst als Befreiungsschlag wirkt, das Mobbing der Kollegen, wendet sich unweigerlich gegen ihn und führt ihn letztlich in einen wahren Wahn. „Mobbing Dick“ ist das Psychogramm eines modernen Arbeitnehmers, der die Arbeitswelt und die unterschiedlichen Erwartungen der Gesellschaft nicht mehr erfüllen kann und sich plötzlich in seiner eigenen Scheinwelt wiederfindet.

Auch wenn man die Geschichte mit einem gewissen persönlichen Abstand liest, geht sie doch nicht spurlos an einem vorbei. Unweigerlich kommt man ins Grübeln und erkennt ohne große Mühe, dass die Muster, die sich in der Fiktion auftun, keineswegs erfunden, sondern ausgesprochen real sind. Unterhaltsam im Ton, ernst in der Aussage – die Nominierung auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2019 ohne Frage verdient.

Leïla Slimani – Sex und Lügen

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Leïla Slimani – Sex und Lügen

Die französisch-marokkanische Schriftstellerin Leïla Slimani begibt sich auf Spurensuche in ihrem Heimatland, das sie bereits vor vielen Jahren verlassen hat. Der Erfolg ihres Buchs „Dans le jardin de l’ogre“ hat vielfältige Reaktionen in Marokko ausgelöst, nicht nur positive, da es von einer Frau handelt, die verheiratet ist und dennoch zahlreiche Männer zum Sex trifft. Als Gefährderin der Moral hat man sie angeklagt, verurteilt für ihr literarisches Werk. Das hat sie neugierig gemacht, auf das Geschlechterverhältnis ihrer Heimat.

Völlig verschieden sind die Frauen, mit denen sie ins Gespräch kommt, jung und alt, gebildet und bildungsfern, modern und konservativ. Sie alle geben ihr jedoch Einblick in ihre Gedankenwelt und das Leben, das sie in einer extrem patriarchalen Welt, die Frauen nicht nur einschränkt, sondern massiv unterdrückt, führen. Schnell erkennt Slimani, dass die Ursachen für die Lage der Frauen nicht eindimensional sind und entsprechend auch nicht auf die Schnelle verändert werden können.

„Wenn meine Gespräche mit marokkanischen Frauen eines bestätigt haben, so ist es in jedem Fall die Tatsache, dass das »sexuelle Elend« nicht nur der Dominanz bestimmter moralischer Werte oder dem Einfluss der Religion geschuldet ist. Es hat politische, ökonomische und soziale Wurzeln und Auswirkungen, die uns offenkundig erscheinen.”

Die Frauen haben sich arrangiert, führen ein Leben zwischen moralischer Erwartungserfüllung und dem Versuch Freiheit zu leben. Der Druck, dem sie ausgesetzt sind, ist enorm, denn über allem schwebt das Damoklesschwert des Jungfernhäutchens, das über die gesellschaftliche Anerkennung und Status entscheidet. Die Auswüchse dieses Kultes klingen für uns absurd: lieber Analverkehr, um es nicht zu beschädigen oder gar die aufwändige Rekonstruktion, um eine Reinheit vorzutäuschen, von der jeder weiß, dass sie ohnehin nicht existiert. Auch in Ramita Navais Buch „City of Lies: Love, Sex, Death and the Search for Truth in Tehran“ wird ähnliches über Frauen in Teheran geschildert, die sich gleichermaßen der Unterdrückung ausgesetzt sehen und im Verborgenen versuchen, sich mit der gesellschaftlichen Situation zu arrangieren.

Jedes einzelne Kapitel schildert eine andere Facette der sexuellen Selbst- oder Fremdbestimmung marokkanischer Frauen und wirft ein zweifelhaftes Bild auf die Männer. Selbst wenn diese noch so bemüht sind, eine moderne Sichtweise einzunehmen und sich für eine Gleichberechtigung einzusetzen, so gelingt dies dennoch nicht. Über einen männlichen Gesprächspartner zieht Slimani folgendes Fazit:

„Durch die Gespräche mit mir hat er viele Dinge infrage gestellt. Jetzt sagt er, ihm sei bewusst geworden, dass Jungfräulichkeit nichts bedeutet. Aber ich glaube, das sind nur Lippenbekenntnisse. Der Einfluss der Gesellschaft, der Eltern, der Religion ist so groß, dass marokkanische Männer noch so sehr versichern können, offen und verständnisvoll zu sein, sobald sie ans Heiraten denken, muss eine Jungfrau her.”

Ein Buch, das die vor der Öffentlichkeit verborgene Sexualität öffentlich macht und den Rahmen zeigt, in dem sie erlebt wird. Informativ und niemals voyeuristisch liest es sich auch hervorragend. Man kann sich als Leser nur vor seinem eigenen Hintergrund und den eigenen Überzeugungen eine Meinung zu den geschilderten Vorfällen bilden. Für mich waren es bisweilen erschreckende Geschichten und geradezu abstrus anmutende gesellschaftlich tolerierte Verhaltensweisen, die gemessen an unseren Werten und Einstellungen, einen dringenden Aufschrei erfordern. Zu erwarten, dass sich zeitnah grundlegendes ändert, wäre aber utopisch.

Don DeLillo – Weißes Rauschen

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Don DeLillo – Weißes Rauschen

Jack Gladney ist Professor an einem kleinen College im Mittleren Westen, wo er den Lehrstuhl für Hitler-Forschung innehat. Mit seiner aktuellen Frau und vier seiner Kinder führt er ein völlig durchschnittliches Leben zwischen Arbeit, Haushalt und gemeinsamen Fernsehabenden. Ein Störfall in einer nahegelegenen Chemiefabrik bringt das sorgfältig austarierte Gleichgewicht der Familie zum Wanken, denn fluchtartig müssen sie ihr Zuhause verlassen und sich vor einer unheilbringenden Wolke schützen. Nach zehn Tagen ist der Spuk vorbei und sie kehren in ihr Heim zurück. Doch der Zwischenfall hat Spuren hinterlassen und die sowohl bei Jack wie auch bei Babette vorhandene latente Todesangst wird immer manifester. Während Babette mit Tabletten versucht ihr Herr zu werden, versucht Jack aktiv zu werden, erst durch unzählige Untersuchungen, dann durch die unmittelbare Konfrontation mit dem Tod.

Das lange erste Kapitel fokussiert auf das Familien- und Campusleben in der amerikanischen Kleinstadt. Die Welt ist überschaubar – auch wenn Jack Gladneys Frauen und zahlreiche Kinder nicht ganz leicht zu überblicken sind – man begegnet seinen Kollegen auf der Arbeit und im Supermarkt und die Wahrheit über die Welt kommt per Übertragung aus dem heimischen Fernsehgerät. DeLillos Roman erschien erstmals 1985 und er ironisiert an dieser Stelle sehr offenkundig den Werte- und Bildungsverfall: die Universität hat nicht einmal einen ordentlichen Namen, sondern ist schlicht das College-on-the-Hill, was nicht für ihren akademischen Ruhm spricht. Auch wenn Gladney selbst ein ernstes und relevantes Forschungsfeld beackert, die Tatsache, dass er kein Deutsch spricht als Hitlerexperte und dass sein Kollege über Popkultur und Themen wie Autounfälle in Kinofilmen doziert, verdeutlicht die pseudowissenschaftliche Degenerierung. Dass Jacks 14-jähriger Sohn Heinrich noch mit dem größten Fach- und Sachwissen aufzuwarten vermag, ist hier nur ein Tropfen auf den heißen Stein.

Auch die Kritik an der Konsumorientierung wird bei Jacks regelmäßigen Einkäufen mehr als deutlich. Der Supermarkt wandelt sich vom Ort der notwendigen Versorgung zum Ereignistempel und das Umstellen der Regale führt zu ernstzunehmenden psychischen Störungen. Der Störfall reißt alle Bewohner aus dem üblichen Trott und stellt den bis dato unbändigen Technikglaube in Frage und konfrontiert die Figuren nicht nur mit einer extremen Ausnahmesituation, sondern auch damit, dass es manchmal keine eindeutigen oder eben gar keine Antworten auf ihre Fragen gibt.

„Weißes Rauschen“ tritt in vielen Wissenschaften auf, eine Anwendung ist die Behandlung von Tinnitus, wo man das störende Ohrgeräusch durch das weiße Rauschen versucht zu überlagern. Für Jack und Babette ist die Todesangst der Tinnitus, allgegenwärtig und aus dem Inneren heraus von beiden nicht bekämpfbar. Babette löst das Problem durch Medikamente, Jack sucht Erlösung dadurch, dass er zum Mörder wird und so die Oberhand über den Tod gewinnt.

Wie immer bei Don DeLillo ein Buch voller Referenzen, kultureller Bezüge und ausufernder Gesellschaftskritik. Man merkt dem Roman sein Alter in keiner Weise an und würde man den Fernseher durch Handys und das Internet ersetzen, wäre die Aussage heute ebenso aktuell wie Mitte der 1980er Jahre.

Edward St Aubyn – Some Hope

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Edward St Aubyn – Some Hope

Acht Jahre nach dem Tod seines Vaters hat Patrick Melrose langsam wieder ins Leben zurückgefunden. Von den Drogen ist er losgekommen und auch Partys und leichte Mädchen interessieren ihn nicht mehr. Dank des Vermögens muss er weder arbeiten noch sich Sorgen zu verarmen machen, aber der Langweile zu entfliehen ist ebenfalls nicht einfach. Eine Einladung zu einem Dinner will er zunächst ausschlagen, zu viele Geister der Vergangenheit, dann entscheidet er sich jedoch anders und fährt nach Cheatley. Es wird der Tag, an dem er zum ersten Mal offen über das spricht, was in seiner Kindheit passiert ist.

Stand in „Never Mind“ Patricks Kindheit und der Missbrauch im Vordergrund und war „Bad News“ die Abrechnung mit seinem Vater, erleben wir im dritten Teil der Reihe einen ganz anderen Protagonisten: lebensbejahend, reflektiert und sensibel blickt er auf das, was er erleben musste. Gleichzeitig wird die Oberflächlichkeit der besseren Gesellschaft in extremo vorgeführt. Es tut fast weh, wie wenig Tiefgang viele der Figuren haben, wie rücksichtslos und egoistisch sie sind und wie wenig sie über ihre engsten Familienmitglieder und deren emotionalen Zustand wissen.

„Some Hope“ ist die konsequente Fortführung der Handlung und Weiterentwicklung der Figur, allerdings der für mich bislang schwächste Roman, was aber vor allem daran lag, dass Patrick Melrose selbst zu sehr in den Hintergrund rückt und man von seinem Seelenleben zu wenig erfährt. Sehr überzeugend der Moment, in dem er zum ersten Mal vom Missbrauch berichtet, wie schwer es ihm fällt, wie er nach Worten sucht. Aber auch die widersprüchlichen Einschätzungen, die ihm von anderen berichtet werden. Das Leben ist nicht schwarz-weiß und so beginnt auch er seinen Vater nun differenzierter zu betrachten und sich zu lösen.

Sayaka Murata – Die Ladenhüterin

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Sayaka Murata – Die Ladenhüterin

Keiko Furukura ist mit sich und ihrem Leben eigentlich im Reinen. Als Studentin hatte sie bereits in einem Konbini, einem 24-Stunden-Supermarkt, angefangen und auch 18 Jahre später arbeitet sie immer noch dort als Aushilfe. Ihr ganzes Leben richtet sich nach dem Takt des Markes, in ihrer Freizeit ruht sie sich aus, um für ihren Einsatz wieder fit zu sein und unzählige Chefs und neue Mitarbeiter hat sie kommen und gehen sehen, sie selbst wurde zum Gesicht ihres Marktes. Als sie Shiraha wiedertrifft, der als Aushilfe ihr Kollege war, wegen seiner zahlreichen Verfehlungen aber nach kurzer Zeit bereits wieder gehen musste, wird dies ihr Leben verändern. Sie nimmt den obdachlosen Mann mit in ihre kleine Wohnung, nicht ahnend, dass sie ihn nicht so einfach wieder loswerden würde und dass ausgerechnet dieser Taugenichts ihren Lebensentwurf ins Wanken bringen würde.

Aus westlicher Sicht mutet vieles in diesem Roman sehr befremdlich an, die Werte und Normen der japanischen Gesellschaft weichen doch sehr stark von den unseren ab und lassen einem mit Verwunderung auf sich manchen Dialog blicken. Dies ist jedoch auch der interessante und spannende Aspekt des Romans, der so einen Einblick in diese fremde Welt ermöglicht und das beleuchtet, was von außen nicht so offensichtlich ist.

Das erste, was einem irritiert, ist Keikos absolute Verbindung mit ihrer Arbeit. Dies kann an sich bei uns genauso vorkommen, doch sie ist nur eine Aushilfe, noch dazu in einem Supermarkt, wofür sie mit ihrem Universitätsabschluss völlig überqualifiziert ist. Dass sie so in dieser Arbeit aufgehen kann, ist nicht einfach nachzuvollziehen und vor allem, dass dies sich auch in einem solchen Maß auf ihr Privatleben ausdehnt, das sie explizit zur Regenerierung für ihre Arbeit gestaltet.

Der zweite verwunderliche Aspekt war für mich die gesellschaftliche Bewertung der Menschen. Es gibt akzeptable Lebensentwürfe, die sich aber für die beiden Geschlechter auch stark unterscheiden, alle anderen werden recht rigoros abgelehnt. Dass Keiko eine Arbeitsstelle hat und mit ihrem Einkommen ihr Leben offenbar problemlos bestreiten kann, ist dennoch wegen ihres Status als Aushilfe nicht hinnehmbar. Wäre sie verheiratet, würde dies wiederum akzeptiert werden. Die Definition über den Job und die Art der Anstellung als Grundlage für das gesellschaftliche Ansehen muten sehr befremdlich und für die heutige Zeit ausgesprochen rückständig an.

Am meisten jedoch hat mich verwundert, wie die eigentlich unabhängige Frau, die ihr Leben im Griff hat und im Reinen mit sich und ihrer Situation ist, so schnell unter dem Einfluss eines Mannes geraten kann, ihre eigenen Bedürfnisse verleugnet und sich ausnutzen lässt. Shiraha ist ein Schmarotzer, anders kann man es wohl kaum ausdrücken, doch sie lässt ihn gewähren, ordnet sich ihm in ihrer eigenen Wohnung unter und befolgt seine Anweisungen. Kurzzeitig scheint man die Motivation – das vorgeblich geregelte Leben an der Seite eines Mannes, was für eine Frau mit Mitte 30 der einzig akzeptable Zustand zu sein scheint – nachvollziehbar, doch sie kann diese Rolle gar nicht ausfüllen und scheitert im Prinzip vom ersten Tag an daran.

Ein insgesamt sehr japanischer Roman, der gesellschaftliche Mechanismen ebenso offenlegt wie den Arbeitsethos, der sich drastisch von unserer Work-Life-Balance Diskussion unterscheidet. Zwar sind die Figuren auch dort weitgehend Außenseiter, dennoch bieten sie ausreichend Projektionsfläche für einen kurzen Blick auf so manche schiefe Entwicklung.

Alexander Schimmelbusch – Hochdeutschland

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Alexander Schimmelbusch – Hochdeutschland

Sein Name legt es eigentlich schon nahe: Victor ist ein Siegertyp. Als Investmentbanker hat er mehr Geld verdient, als er jemals ausgeben kann und in der Birken Bank kann er sein in den Jahren in verschiedensten renommierten Geldhäusern gesammeltes Wissen vollends ausleben. Dies trifft vor allem die jungen und geldhungrigen Mitarbeiter, von denen er vollen Einsatz und Verzicht auf ein Leben außerhalb der Bak einfordert. Doch Victor erkennt im Laufe der Zeit, dass weder Status noch Geld zu wirklichem Glück und Zufriedenheit führen und er sucht sich ein neues Betätigungsfeld: er will eine politische Bewegung gründen, eine neue Partei, die aus dem Land eine zukunftsorientierte und gewinnbringende AG macht. Mit seinem Wirtschaftswissen ist es nicht schwer, die Grundzüge eines neuen Staates zu skizzieren, der zu allgemeinem Wohlstand führen wird.

Alexander Schimmelbuschs Roman lässt sich nicht einfach fassen. Hat man zunächst den Eindruck, es mit einer unglaublichen Parodie auf die Banker und arrivierten Neureichen zu tun zu haben, rückt zunehmend der gesellschaftliche Blick ins Zentrum und plötzlich wird das Politische immer stärker. Die Figur Victor tritt hinter seinem Pamphlet zur Umgestaltung des Staates zurück und man muss sich fragen, ob diese zunächst abstrus anmutende Idee nicht möglicherweise sogar ihre Anhänger finden könnte.

Der Protagonist, der die Handlung dominiert und der weitere Figuren nur am Rande seiner Existenz zulässt, macht ganz sicher die große Stärke des Romans aus. Das einerseits stereotype Bild ist in sich stimmig: das Auto, die Wohnungen – die Statussymbole und die Haltung gegenüber den Untergebenen zeigen plakativ den Emporkömmling, der den Platz an der Spitze erreicht hat. Gelungen sind die Erläuterungen, wie er zu einem solchen Erfolg gekommen ist, geschickt werden hier die rücksichtlosen Mergers und Acquisitions in ihrer Menschenfeindlichkeit entlarvt. Auch sein Geschick im Umgang mit dem Minister lässt einem leicht den Erfolg der Berliner Lobbyisten nachvollziehen. Eine gewisse Selbstverliebtheit – „Die Diskrepanz zwischen seinem Einfluss und seiner Außenwirkung war langsam wirklich zum Verzweifeln.“ – darf natürlich auch nicht fehlen, wenn er sich auch dessen bewusst ist, was er tut: „Er hatte Geschichte geschrieben, oder zumindest an ihr mitgeschrieben, auch wenn sein Einfluss destruktiv gewesen war.“

Victors Entwurf einer neuen Gesellschaftsform ist die gnadenlose Übertragung ökonomischer Prinzipien auf eine Gesellschaft. Selektion der Besten – sowohl was die Chancen der Bevölkerung als auch was die der Zuwanderer angeht – Leistungsprinzip und Unterordnung des Individuums unter die Idee des großen Ganzen. Statt Leitkultur gibt es Corporate Identity und die Ordnungsmächte werden ertüchtigt, die neuen Prinzipien vollends zu überwachen und bei Missachtung zu sanktionieren.

Ein interessantes Gedankenspiel mit einer ernstzunehmenden Thematik, das keineswegs utopisch aus der Luft gegriffen ist. Ein Protagonist, der in sich stimmig ist und die Last des Romans problemlos tragen kann. Aber ein wenig bleibt man am Ende als Leser doch unzufrieden zurück. Mir war der Roman zu wenig literarisch, es gibt bei genauer Betrachtung fast keine Handlung, zu wenig Interaktion zwischen den Figuren und die kritische Gegenstimme, die diese klare Linie bricht, fehlte ebenfalls. Dies schmälert nicht den Gedanken, den Schimmelbusch mit seinem Roman aufgreift, aber es ist als Roman nicht ganz zufriedenstellend gelöst.

Anke Stelling – Bodentiefe Fenster

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Anke Stelling – Bodentiefe Fenster

Sandra hat schon früh gelernt, dass man die Welt verbessern muss. Im Kinderladen die Ideale der Eltern aufgesaugt lebt sie nun selbst mit ihrer Familie in einem generationenübergreifenden Wohnprojekt, dass volldemokratisch allen das nicht-existente Idyll des Zusammenlebens in Frieden ermöglichen will. Dass Kompromisse manchmal sehr hart sein können und man sich trotz bester Vorsätze eben nicht immer grün ist, muss sie schnell lernen. Und auch die bodentiefen Fenster, die die Räume mit Licht durchfluten werden bald zu Gucklöchern in ihre Privatsphäre, die sie mehr und mehr verliert.

Nominiert für den Deutschen Buchpreis 2015 hat mich das Buch neugierig gemacht und die aktuelle Thematik der übertrieben ideologischen Prenzlauer Berg Mütter ist ebenfalls eine interessante Themenwahl. Was Anke Stelling hervorragend gelingt, ist die Absurdität der Wohngemeinschaft in authentischen Dialogen zur völligen Absurdität zu führen und die feinen Nuancen zwischen Neid und Verachtung herauszuarbeiten. Das vordergründige Glück ist eben doch oft nur die Fassade, hinter der das Leben gerade zusammenbricht. Über weite Strecken hochamüsant bleibt das Buch aber doch an einer durchaus ernstzunehmenden Thematik, die auch literarisch verarbeitet zum denken einlädt und einem die eigene Lebensgestaltung und Ideale nochmals überdenken lässt – wenn auch vom sicheren Standpunkt aus, denn selbst würde sich natürlich nie so verhalten wie die Figuren.