Linn Strømsborg – Nie, nie, nie


Linn Strømsborg – Nie, nie, nie

Schon seit acht Jahren ist sie mit Philip in einer glücklichen Beziehung, kein Wunder, dass ihre Familien und Freunde die unausweichliche Frage nach Hochzeit und Kindern Mantra artig wiederholen. Doch sie will keine Kinder, sie ist glücklich mit ihrem Leben und ihrer Beziehung, es fehlt nichts. Der Freundeskreis wird mit Anfang 30 langsam kleiner, immer mehr beginnen ein Nest zu bauen, draußen, auf dem Land und in den Vorstädten, um dem Lärm der Großstadt zu entfliehen, um es sich mit der Kleinfamilie im neuen Kokon einzurichten. Da geht man abends nicht mehr spontan weg, alles muss nun gut geplant sein. Als ihre beste Freundin Anneken und deren Mann Alex dann plötzlich auch die Schwangerschaft verkünden, ist auch die letzte Verbündete schwach geworden. Sie wollten doch zusammen alt werden, ohne Kinder.

Linn Strømsborgs Erzählerin erzählt genau jene Geschichte, die ziemlich allen Frauen ab Mitte/Ende 20 bekannt vorkommen dürfte. Sobald sich eine feste Partnerschaft abzeichnet, wartet das Umfeld nur noch darauf, endlich die Ankunft eines neuen Erdenbürgers feiern zu dürfen. Als gäbe es kein anderes Konzept, keinen gegensätzlichen Lebensentwurf, wird bei aller Modernität und erreichten Bildungsabschlüssen von Frauen immer noch erwartet, dass sie irgendwann zurückkehren zu Kind und Küche. „Nie, nie, nie“ wollte die Erzählerin genau das und sieht sich mit einer Welt konfrontiert, in der ihre Vorstellung scheinbar keinen Platz hat.

Sie mag Kinder, beschäftigt sich auch mit ihnen, trägt und beruhigt sie – aber deshalb will sie noch lange keine eigenen haben. Auch ihre Partnerschaft ist ihr genug, sie ist glücklich mit Philip und kann ihr Leben nach ihren Wünschen und Vorstellungen gestalten. Ihr ist völlig bewusst, dass dies eine hedonistische Sichtweise ist – aber im Ernst: welche Frau bekommt Kinder für die Rentenkasse? Sie kann sich dem Thema nicht entziehen: in der Familie, am Arbeitsplatz, mit Freunden, immer wieder kommt es auf und seit Jahren schon hat sie ausweichende Sätze parat, um das Gespräch rasch auf etwas anderes zu lenken. Von Beginn ihrer Beziehung an hat sie keinen Hehl daraus gemacht, dass sie ihre Meinung nicht ändern wird, doch bei Philip ändert sich die Lage und so wird auch das gemeinsame Fundament brüchig, auf dem sie stehen.

Soll man sich dem Druck irgendwann einfach beugen? Nur damit es aufhört? Auch das zieht sie in Betracht, als sie jedoch auch sieht, was die Elternschaft mit ihren besten Freunden macht, ist diese Option schnell wieder vom Tisch. Ein Baby zu haben ist nicht immer eitel Sonnenschein, es strengt an, zermürbt, raubt die letzten Kräfte und Anneken erkennt sich selbst bald nicht mehr wieder – und doch ist ihre Tochter für sie das Beste, was in ihrem Leben jemals geschehen ist.

„Kannst du glücklich sein, wenn dich alle für unglücklich halten? Wenn ich mich gegen Kinder entscheide, wird man mir dann immer mit Mitleid und Bedauern begegnen, von der Häme und den Egoismus-Vorwürfen mal ganz abgesehen?“

Linn Strømsborg beschönigt weder die eine noch die andere Sicht, sondern lässt authentisch miterleben, wie sich Freundschaften, Beziehungen und auch das eigene Leben im Laufe der Zeit verändert. Es ist weder ein feministisches Manifest der selbstbestimmten Frau, noch ein Urteil über den einen oder den anderen Weg. Im Gegenteil, an den Frauenfiguren werden ganz unterschiedliche Haltungen zum Thema Mutterschaft deutlich und auch was dies mit jenen Frauen tut, die sich dem gesellschaftlichen Diktat beugen und nicht ihrem Bauchgefühl folgen. Wunderbar unaufgeregt erzählt, ein heikles Thema mal nicht vom Extrem her betrachtet, sondern mit all seinen Facetten und widersprüchlichen Emotionen mitten aus dem Leben heraus.

Mareike Krügel – Schwester

Mareike Krügel – Schwester

Es braucht einen solchen Unfall, wie jenen ihrer Schwester Lone, bei dem nicht klar ist, ob die Hebamme ihn überleben wird, um die Bankkauffrau Iulia aus dem Alltagstrott zu reißen. Alles hat seine Ordnung in ihrem Leben, daher auch die Entscheidung für den Job in der Bank, Zahlen sind eindeutig, sie lügen nicht, und Chaos hatte sie schon genug als Kind, als ihre Mutter sie einfach alleingelassen hat. Aber dann war Lone für sie da, hat die Rolle der Schwester übernommen und ihr jene Sicherheit gegeben, die sie brauchte. Wie konnten sie sich nur so weit voneinander entfernen? Als sie die schwangeren Frauen, die Lone zuletzt betreute, über den Unfall informiert, lernt sie eine ganz andere Lone kennen als die Frau, die sie für ihre Schwester hielt. Je mehr sie über sie hört, desto mehr hinterfragt Iulia auch sich und die Entscheidungen, die sie getroffen hat.

Es ist ein recht konventionelles Thema und auch in der Struktur nicht wirklich neu erzählt und dennoch hat Mareike Krügel mit „Schwester“ einen intensiven und nachdenklich stimmenden Roman geschaffen, der auch nach der letzten Seite noch nachwirkt. Ein dramatisches Ereignis, das das Leben anhält und die Figuren zum Nachdenken bringt. Die Erkenntnis schleicht sich langsam und unbemerkt an, dass die Sicherheiten und Wahrheiten gar nicht auf so festen Füßen stehen, wie zuvor geglaubt und dass sich daraus plötzlich auch ein Riss ergibt, der das Tor zu einer neuen Welt und einem anderen Leben werden kann.

Die Beziehung zwischen Iulia und Lone ist schwierig, aber die Familie, aus der sie stammen, ist von schwierigen Verhältnissen geprägt. Die Vorbilder, die bedingungslos zu ihnen gestanden hätten, fehlten schlichtweg, auch wenn sie in dem Patchwork-Arrangement nicht ungeliebt waren. Der Verlust, den sie beide früh erlebt haben, hat sie nachhaltig geprägt und unfähig gemacht, sich selbst bedingungslos der Liebe hinzugeben. Nur die Schwester blieb immer eine verlässliche Größe, bis sie es nicht mehr war.

Maren, Kristin, Nana, Vera – es sind die Frauen, die Lone vertrauten und in ihr jene strahlende Figur gesehen haben, die ihre Körper versteht und ihnen das Ur-Vertrauen zu sich selbst zurückgegeben hat, das ihnen abhandengekommen war. Durch ihre Augen gewinnt Iulia einen neuen Blick nicht nur auf Lone, sondern auch auf ihr eigenes Leben als Bankangestellte und Pastorenfrau. Je näher sie Lone wieder kommt, desto mehr entfernt sie sich von ihrem gewählten Dasein.

Es ist keine Überhöhung der aufopferungsvollen Hebamme, es ist ein anderer Blick auf das Dasein, den Mareike Krügel ihrer Protagonistin und dem Leser schenkt. Trotz des tragischen Unfalls, der die Geschehnisse in Gang setzt, findet sich auch viel Humor in dem Roman, die Wortspiele und ironischen Verweise auf den institutionalisierten Glauben laden durchaus auch zum Schmunzeln ein. Aber es ist der Gegenentwurf des Vertrauens in die Natur und die eigenen Stärken, der siegt und Iulia Mut schenkt, um das zu tun, was sie sich so einfach nie getraut hätte.

Ein Roman, der direkt aus dem Leben kommt, der keine Superhelden braucht, um zu zeigen, wer diejenigen sind, die Mut schenken und so Großes bewirken können.

Katharina Schaller – Unterwasserflimmern

Kann man sich einfach weigern, erwachsen zu werden? Die Ich-Erzählerin ist Anfang 30 und schon seit neun Jahren in einer festen Beziehung mit Emil. Der Architekt hat viel Geduld mit der jüngeren Partnerin gehabt, doch nun will er sesshaft werden, ein Haus bauen, Kinder bekommen, genauso wie die Freunde auch. Der Erzählerin macht das Angst, sie berichtet ihrer Affäre Leo davon, der seinerseits Familie und außerfamiliäre Beziehungen locker unter einen Hut bringt. Sie weiß nicht, was sie will und läuft daher davon. Steigt in den Zug und reist in die unbekannte Ferne. Dort warten lockere Flirts und unbedeutende Bekanntschaften. Einer Antwort auf die Frage, was sie in ihrem Leben möchte, findet sie jedoch auch nicht und so zieht sie immer weiter.

Katharina Schallers Debütroman reizt immer noch vorhandene gesellschaftliche Grenzen aus. Muss man dem gängigen Bild von Beziehung und Familie entsprechen, zu einem bestimmten Punkt im Leben sesshaft werden und das Leben in einer vorbestimmten Weise absolvieren? Was spannende Fragen sind und vor allem Frauen um die 30 auch real beschäftigt, konnte mich leider nicht wirklich erreichen. Die Protagonistin nähert sich den Fragen für meinen Geschmack infantil ohne jegliche Versuche, zu einer ernsthaften Antwort zu kommen. Wegzulaufen und sich dem Nächstbesten in die Arme zu werfen erscheint mir als wenig nützliches Konzept bei der Lösungsfindung.

„Ich lächle ihn an. Er lächelt zurück. Man kann sich attackieren mit einem Lächeln, denke ich. Man kann damit die eigene Überlegenheit ausdrücken, und das hier ist so eines. Nicht nur seines, auch meines.“

Gesunde Beziehungen führt die Erzählerin nicht. Auf der emotionalen Ebene scheint sie völlig abgeklärt und die Männer austauschbar. Einzig der Sex interessiert sie, wobei auch da kaum eine Rolle zu spielen scheint, mit wem sie gerade das Bett teilt. In immer wieder ausufernden Beschreibungen lässt die Autorin den Leser daran teilhaben. Mag manchen gefallen, im Genre Literatur muss es für mich nicht auf Porno-Niveau zugehen – schon gar nicht verbal – weshalb ich auch immer wieder Seitenweise überblättert habe.

Um emotional mit einem Text in Kontakt zu treten, muss es einen Anker geben oder eine Verbindung, die mir leider gänzlich fehlte. Das naive Verhalten hat mich genervt, an irgendwie sinnvollen Gedanken kam für ich auch nichts wirklich rum. Mit 17 hätte ich den Mut der Frau einfach auszubrechen vielleicht noch bewundert. Naja, mit 17 halt. Gesellschaftliche Grenzen so auszuloten funktioniert nicht wirklich, da man die Protagonistin kaum ernstnehmen kann, narzisstisch bewegt sie sich durch ihr Leben und eigentlich ist ja schon längst egal, was die Menschen um sie herum denken und tun.

So schnell es sich liest, so wenig nachhaltig wirkt es und relevant ist es. Leider die Erwartungen enttäuscht.

Kolja Menning – Ein Partie Monopolygamie: Die Geschichte einer wahren Heldin

kolja menning - eine partie monopolygamie
Kolja Menning – Ein Partie Monopolygamie: Die Geschichte einer wahren Heldin

Clara Nussbaum braucht einen Job. Dringend. Alleinerziehend mit drei Kindern und vom Vater selbiger keine Spur, muss sie zurück in die Arbeitswelt. Ihre Freundin berät sie bei der Bewerbung und wider Erwarten wird sie als Assistentin von Viktoria eingestellt, Marketingchefin bei dem umweltbewussten Modelable Fair^Made. Eine völlig neue Welt eröffnet sich der 40-jährigen Mutter dort: die hippe Szene der jungen und erfolgreichen Berliner, die ein gepflegtes Denglisch schwätzen, sich im Gym und für Lunches verabreden und scheinbar kein Privatleben haben. Doch Clara macht ihre Arbeit gut und plötzlich läuft ihr auch ein Traummann über den Weg, der sie offenkundig ebenfalls attraktiv findet. Das Leben nimmt Kurs auf ziemlich perfekt auf, doch Clara weiß, dass es das nicht geben kann.

Was ich mir als leichte unterhaltsame Sommerlektüre gedacht hatte, vielleicht mit einem etwas ironischen Blick auf die Berliner Öko-Yuppies, entpuppt sich leider als flacher Chick-Lit Roman, der vorhersehbar allen bekannten Schemata folgt und kein Klischee auslässt. Mustergültig arbeitet sich der Autor am Genre ab, das einzig Überraschende ist, dass es wirklich gar keine Überraschung oder Abweichung von dem absehbaren Verlauf gibt.

Clara bedient als überforderte dreifach-Mutter schon alle schlimmsten Erwartungen: unordentliche Wohnung, Alltagschaos, bei dem sie auch mal vergisst, dass es der letzte Schultag ist und ihr natürlich auch entgeht, dass der Sohn gemobbt wird. Der Zufall bringt sie in das moderne Öko-Unternehmen, wo sie einen Job bekommt, für den sie gnadenlos unterqualifiziert ist, den sie aber dennoch mustergültig meistert – auch wenn sie in Sachen Klamotte und Lifestyle nicht mithalten kann und oft nicht weiß, wovon ihre Kollegen reden. Die Chefin wird schnell von ihr abhängig und bewundert sie. Dass sie dann auch noch den gutaussehenden Mann kennenlernt, der zwar etliche Jahre jünger ist, sie aber trotzdem als Traumfrau sieht – gähn. Es folgt die notwendige Abwärtsspirale mit Intrigen, vermeintlichen Freundinnen, die sich als Rivalinnen entpuppen, Streit mit den richtigen Freundinnen und der Supertyp stellt sich natürlich als Lügner und Flop heraus. Aber tatdaaa: sie hat ja ihre Kinder und das allein macht sie schon glücklich und nebenbei kann sie als Racheakt auch noch einen großen Skandal im Unternehmen aufdecken, weil sie nämlich zufällig genau die richtigen Leute mit den notwendigen Hacker-Skills kennt.

Wo eine Bridget Jones in ihrer Tollpatschigkeit sympathisch wirkt, ist eine Clara Nussbaum einfach plump, wo das Sex and the City Quartett sich unterhaltsame verbale Schlagabtausche liefert, bleibt das Personal hier uninspiriert und banal. Die ganze Handlung ist eine Abfolge von unglaubwürdigen Begebenheiten, die nach Schema F aufgetischt werden, womit sich irgendwann die Frage stellt, ob das Ganze nicht eher ins Gruselkabinett gehört.

Martina Borger – Wir holen alles nach

Martina borger - wir holen alles nach
Martina Borger – Wir holen alles nach

Zwei Frauen, die verschiedener kaum sein könnten. Ellen ist bereits im Ruhestand, mit Zeitungen austragen und Nachhilfeschülern kommt sie gerade so über die Runden. Sie genießt das ruhige Leben, Trubel hatte sie genug und nun ist es Zeit, das Leben so zu gestalten, wie sie es möchte. Sina steckt mit Mitte 30 zwischen den bekannten Polen Karriere in einer Werbeagentur und ihrem Sohn Elvis, dem sie nicht gerecht werden kann, weil ihr Job und auch die neue Beziehung regelrechte Zeitfresser sind. Als Elvis bei Ellen die Nachhilfe beginnt, ist dies der Anfang einer ungewöhnlichen Freundschaft. Der zurückhaltende Junge blüht bei der agilen Seniorin auf, lernt einen anderen Blick auf die Welt und ist vor allem von Ellens Hund restlos angetan.

Martina Borgers Roman ist eine ruhige Geschichte über die unscheinbaren, völlig normalen Menschen, die nicht im Mittelpunkt stehen (wollen), aber durchaus aufmerksam die Welt um sich herum beobachten. Die unaufgeregte Erzählweise öffnet den Raum für die vielen Zweifel, die die Figuren in ihrem Alltag begleiten, nicht zwingend die ganz großen Tragödien und Ereignisse, sondern die Kleinigkeiten, die an ihnen nagen und sie belasten. Man kann ihre Gedanken leicht nachvollziehen, spiegeln sie doch das wieder, was viele aus ihrem eigenen Leben kennen. Und trotz all dieser fast banalen Gewöhnlichkeit, haben sie etwas Besonderes in sich, dass sie interessant macht und weshalb man ihre Geschichte verfolgt. Es ist genau dieser kleine Funke, der einem in der Realität manchmal durchgeht und weshalb man nicht merkt, welch interessante Menschen einem begegnen.

Sina erlebt den klassischen Zwiespalt der arbeitenden Mutter, die immer das Gefühl hat, nicht genügend Zeit und Geduld für ihren Sohn zu haben und unter dem permanent schlechten Gewissen leidet. „Wir holen alles nach“ bleibt ihr unermüdlich wiederholtes Mantra, irgendwann, wenn mal Zeit ist. Sie ist zwar froh darüber, wie gut es Elvis bei Ellen geht, wie er offenbar der unscheinbaren Zeitungsausträgerin aufmerksam zuhört und die Tage mit ihr genießt, aber der Ärger, dass die fremde Frau ihrem Sohn gibt, was sie ihm geben sollte, nagt auch an ihr. Verschärft wird die Situation plötzlich, als Vorwürfe von Misshandlung aufkommen und sie beginnt, an ihrem neuen Partner zu zweifeln.

Ellen wiederum kann sich nicht wirklich von den Erwartungen ihres Familien- und Freundeskreises lösen, die ihr immer wieder vorhalten, dass sie zu viel alleine ist. Gerne würde sie ihre Söhne häufiger sehen, die angespannte finanzielle Lage jedoch verhindert dies immer wieder. Der junge Elvis scheint jedoch genau zu ihrem Rhythmus zu passen und von der ersten Minute an harmonieren sie miteinander. Muss sie sich nicht um ihn kümmern, kommen aber auch unweigerlich Erinnerungen in ihr hoch, ein Großteil ihres Lebens liegt nun schon hinter ihr und manche Dinge hätten womöglich auch einen ganz anderen Ausgang nehmen können.

Der Roman besticht durch seine Ruhe und den gelassen-bedachtsame Erzählton. Miete, Job, Familie – genau dieselben Sorgen, die jeden plagen, beschäftigen auch die Figuren. Dazwischen können Menschen, vor allem Kinder, schon einmal aufgerieben werden, aber manchmal wartet an unerwarteter Stelle genau der eine Mensch, der die richtigen Worte findet und allein schon durch seine Präsenz ganz viel auffängt.  Ein Roman wie gemacht für das Frühjahr 2020, gibt er so viel bekanntes Leben zurück, das uns mit social distancing und Rückzug ins HomeOffice genommen wurde.

Ein herzlicher Dank geht an den Diogenes Verlag für das Rezensionsexemplar. mehr Informationen zu Autorin und Buch finden sich auf der Verlagsseite.

Taffy Brodesser-Akner – Fleishman steckt in Schwierigkeiten

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Taffy Brodesser-Akner – Fleishman steckt in Schwierigkeiten

Als Toby Fleishman morgens wach wird, checkt er zunächst die neuen Nachrichten auf seiner Dating App. Seit seine Frau Rachel sich von ihm getrennt hat, lernt er die schönen Seiten des Single Daseins kennen und offenbar ist ein Arzt jenseits der 40 noch attraktiv, besonders für junge Frauen. Doch er wird jäh unterbrochen als er merkt, dass seine Kinder Solly und Hannah in der Wohnung sind, offenbar hat Rachel sie Mitten in der Nacht dort abgeladen, dabei wäre er erst am Wochenende wieder mit der Betreuung dran gewesen. Das allein ist seltsam genug, doch auch Tage später lässt sich die Mutter nicht mehr blicken, ist auch nicht zu erreichen. Ihre Assistentin blockt ebenfalls jeden Anruf ab und langsam wird für Toby das Leben als alleinerziehender Vater etwas schwierig, denn der Leberexperte hat eine Patientin mit seltenem Syndrom, die im Sterben liegt, während sein Freund Seth plant seine viel zu junge Freundin zu ehelichen. Doch das ist erst der Anfang.

Taffy Brodesser-Akners Roman ist auf der Longlist des diesjährigen Women’s Prize for Fiction Longlist nominiert und wurde insgesamt von den Kritiken sehr positiv aufgenommen. Die Journalistin der New York Times hat in ihrem Debut eine ganze Bandbreite von Themen in einem ausnehmend humorvollen Ton umgesetzt und ihr ist so durchaus ein unterhaltsamer, wenn auch kritischer und bisweilen nachdenklich stimmender Blick auf unsere moderne Welt gelungen, der mich restlos begeistern konnte.

Gemeinsam haben alle Figuren, dass sie ein Leben führen, dass von außen gesehen geradezu perfekt anmutet: sie gehören zu Oberschicht Manhattans, weder an Geld noch an beruflichem Erfolg mangelt es, die Kinder sind weitgehend wohlgeraten und eigentlich gibt es nicht den geringsten Grund zur Unzufriedenheit. In dem Moment jedoch, in dem die Fassaden fallen, wird deutlich, dass kaum einer von ihnen das Leben führt, das er oder sie gerne hätte. Seth ist der immer aktive und attraktive Junggeselle, der das Nacht- und Kulturleben voll ausschöpft, aber in Wirklichkeit vom biederen Familiendasein träumt. Libby, eigentliche Erzählerin und seit Jugendtagen mit Seth und Toby befreundet, arbeitet freiberuflich als Journalistin, hat aber seit Monaten keinen Satz aufs Papier gebracht. Rachel hat vor der Trennung erkannt, dass Toby nicht der Mann ist, der ihr das Leben bietet, von dem sie immer geträumt hat und dass sie selbst dafür verantwortlich ist, das entsprechende Einkommen zu generieren, was sie aber letztlich in den völligen Abgrund stürzt.

Toby ist mit der aktuellen Situation wenig zufrieden, alleinerziehend mit vorpubertären Kindern, ist sein Gleichgewicht in Schwanken geraten, denn zuvor war für ihn alles Bestens: er hatte keine großen beruflichen Ambitionen, sein Job im Krankenhaus mit den Patientenkontakten erfüllt ihn, wenn ihm danach war, spazierte er in aller Ruhe durch den Central Park nach Hause und genoss sein Leben – auf Kosten aller um ihn herum.

Es sind vor allem die oberflächliche Dating Kultur, die mit Aufkommen von entsprechenden Apps noch groteskere Züge angenommen hat, sowie der New Yorker Kampf um den schönen Schein: Job, Haus, Familie, Aussehen – alles ordnet sich diesem unter. Gerade die Frauen geraten dabei jedoch unter die Räder, wie an der abwesenden Rachel, aber auch an Libby deutlich wird. Neben der Organisation des Familienlebens – und vor allem der richtigen Kinderkontakte und den perfekten Partys – müssen sie zugleich in einer immer noch von Männern dominierten Berufswelt bestehen. Dass sie dabei auch noch attraktiv aussehen sollen und die angesagten Yoga-Kurse besuchen müssen goes without saying.

Der Autorin gelingt es, mit einer weiblichen Erzählerin das männliche Weltbild Tobys hervorragend zu transportieren: die böse Exfrau, die ihn allein mit den Kindern zurücklässt; die pubertierende Tochter, die einfach aufreizende Bilder von sich online postet (die erschreckende Ähnlichkeiten zu jenen seiner jungen Bettgenossinnen aufweisen); seine Assistenzärztin, die seine Essenseinladung ausschlägt – irgendwie verhalten sich die weiblichen Menschen um ihn herum nicht mehr planmäßig und er muss sich plötzlich anpassen. Dabei kommt er trotzdem irgendwie charmant und liebenswert daher, was das Lesen zu einer großen Freude macht. Es ist ganz sicher keine Abrechnung mit den Männern dieser Welt, aber, wie der Titel bereits andeutet, das Leben wird schwieriger für sie.

Karosh Taha – Im Bauch der Königin

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Karosh Taha – Im Bauch der Königin

Eine Stadt irgendwo im Westen der Republik. Amal ist nicht das Mädchen, wie man es von ihr erwartet; von klein auf verbringt sie mehr Zeit mit den Jungs, kleidet sich wie sie und schneidet sich radikal die Haare ab. Immer wieder kommt es zu Konflikten, die sie gerne auch mit Gewalt löst. Ihr Vater steht trotzdem zu ihr, bis er eines Tages nach Kurdistan verschwindet und die Mutter mit den beiden Kindern allein zurücklässt. Das Verhältnis zwischen Amal und ihr wird schwieriger, die Mutter zieht sich ob der Schmach des Verlassenwerdens zurück und versteckt sich unter dem Kopftuch, während Amal fasziniert von Shahira, der Mutter ihres Freundes Younus, ist. Doch im Viertel zerreißt man sich das Maul über die Frau, die sich in kurzen Röcken und figurbetont kleidet. Auch Raffiq fühlt sich von ihr angezogen, auch wenn er als Jugendlicher eigentlich Amals Freund ist. Alle drei Heranwachsende, Amal, Younus und Raffiq teilen noch etwas anderes: das Aufwachsen in einem Land, das die Eltern zum Teil enttäuscht hat, in dem sie nicht angekommen sind, wo das Leben wie von der Stopptaste angehalten verläuft. Für ihre Kinder sehen sie die Zukunft in der Heimat, Kurdistan, doch diese haben andere Pläne.

In ihrem zweiten Roman fängt Karosh Taha die Lebenswelt vieler Migranten lebhaft und vielschichtig ein. Die Identitäten, die geradezu gespalten scheinen zwischen dem kurdischen und deutschen Ich; die Sitten und Kulturen der beiden Länder, die sich oftmals diametral entgegengesetzt stehen; die Familien, die alle verschieden sind und doch die gleichen Sorgen und Rückschläge teilen; Vorurteile, die es nicht nur von den Mitgliedern der anderen Kultur, sondern ganz stark auch innerhalb der eigenen Community gibt.

Trotz des spannenden und komplexen Themas konnte mich das Buch nicht wirklich packen. Im ersten Teil erzählt Amal aus ihrer Sicht, im zweiten wird sie von Raffiq abgelöst, aber so richtig wollen sie nicht ineinandergreifen. Hin und wieder erscheint der Text auch als regelrechter Stream of Consciousness, mit unzähligen Schleifen und Wiederholungen, was jedoch mehr zu einer hohen Redundanz denn zu einem Erkenntnisgewinn führt und bisweilen fast langatmig wird. Amal kommt als Figur noch differenzierter daher, wie sie kämpft um die Aufmerksamkeit des Vaters, mit der Rollenerwartung an sie als Mädchen hadert, die beiden Rollenmodelle Mutter und Shahira immer wieder abwägt und letztlich bei einem Besuch in Kurdistan, doch auch nur erkennt, wer sie nicht ist, aber nicht, wer sie ist.  Raffiq ist mir in seiner Schwärmerei für Shahira und der tatsächlich doch oberflächlich geführten Auseinandersetzung mit den Eltern thematisch zu eng. Younus hätte sicher auch eine interessante Perspektive und Einblicke geboten, wird jedoch nur in der Außensicht durch die anderen präsentiert.

Ein schwer zu greifender Text, der mich leider emotional nicht berührt hat, obwohl gerade Protagonistin das Potenzial gehabt hätte, ihre spezifische Situation begreifbar zu machen.

Adeline Dieudonné – Das wirkliche Leben

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Adeline Dieudonné – Das wirkliche Leben

Ein Sommerabend ändert alles im Leben eines jungen Mädchens. Eigentlich will sie mit ihrem kleinen Bruder nur beim Eismann eine Leckerei holen, doch der Sahnespender explodiert und beide müssen mitansehen, wie das Gesicht des Mannes hinweggefegt wird. Bei dem 7-jährigen Gilles hinterlässt der Schock tiefe Spuren, erst spricht er gar nicht mehr, dann verändert sich sein ganzes Wesen: aus dem zugewandten, fröhlichen Kind wird ein zurückgezogener, geradezu besessener Junge, der bald schon beginnt, den aufgestauten Frust an Tieren auszulassen. Dies ist sein einziges Ventil, ähnlich wie bei seinem Vater, der seine Frustration regelmäßig an der Mutter abarbeitet. Verzweifelt und einsam muss das Mädchen mitansehen, wie das Grauen ihre Familie übernimmt. Sie sieht nur eine Chance auf Rettung: sie muss eine Zeitmaschine bauen, um an jenen Tag unheilvollen Tag zurückzukehren und ihr Eis ohne Sahne zu bestellen.

Adeline Dieudonnés Roman geht vom ersten Moment an unter die Haut. Gerade weil sie die Perspektive der jungen, namenlosen Ich-Erzählerin gewählt hat, wirkt deren Schmerz, den diese erleidet, umso stärker. Dass diese Geschichte kein wirkliches Happy-End haben kann, ist offenkundig, es bleiben beim Lesen immer nur die Fragen: wie schlimm wird es kommen, was wird noch geschehen und vor allem: wie soll ein Kind all das ertragen?

Das tragische Ereignis eines Unglücksfalls wie jenes mit dem Sahnespender genügt eigentlich schon, um sich nachhaltig im Bewusstsein eines Kindes zu verankern. Die posttraumatische Belastungsstörung, die Gilles erlitten hat, bleibt unbehandelt und die Folgen werden von Adeline Dieudonné authentisch wiedergegeben. Die verschiedenen Stadien, die der Junge durchläuft, die seine Persönlichkeit tiefgreifend verändern, werden zwar durch die Augen der nur unwesentlich älteren Schwester geschildert, aber sie ist eine aufmerksame Beobachterin und kann diese passend in Worte fassen.

Ebenso stark wirkt die häusliche Gewalterfahrung, die die Kinder machen. Es bleiben ihnen nur zwei Rollenbilder: Der Jäger und die Beute, die sich, zudem vom Vater gleichermaßen anschaulich verdeutlicht, in der Tierwelt auch wiederfinden lassen und zunächst keine Alternative oder Ausweg bieten. Es ist unglaublich, über welche Resilienz das Mädchen verfügt und wie es ihr gelingt – zunächst mit dem Ziel eine Zeitmaschine zu bauen, später mit dem größeren Ziel der wissenschaftlichen Erkenntnis – selbst kein destruktives Verhalten, sondern eine innere Stärke und Distanz zu entwickeln. Trotz all der Trostlosigkeit lässt sich so doch ein Funken Hoffnung in der Geschichte finden.

Es ist kein Buch für Menschen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben, zu stark würde ich das Leseerlebnis einordnen und ganz sicher davor warnen wollen. Gerade aber auch aus diesem Grund finde ich solche Erzählungen wichtig, denn eine Sache wird ebenfalls transportiert: über viele Jahre bleibt die Gewalt – physisch wie psychisch – unentdeckt, die Kinder wie auch die Mutter entwickeln immer bessere Strategien des Versteckens. Es braucht schon sehr aufmerksame und einfühlsame Menschen in der Umgebung, um diese zu erkennen und eingreifen zu können. An der Figur des Professor zeigt sich jedoch auch, dass manchmal das einfache Dasein, ohne aktives Eingreifen, schon ganz viel bedeuten kann.

John Marrs – Ich kenne deine Lügen

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John Marrs – Ich kenne deine Lügen

Ein ganz gewöhnlicher Morgen im Haus der Familie Nicholson, doch dieser 4. Juni wird ihrer aller Leben verändern. Schon lange leidet Vater Simon unter Schlafstörungen und häufig nutzt er das frühe Erwachen für eine Joggingrunde. Auch an diesem Morgen verlässt er das Haus, jedoch ohne Joggingschuhe und ohne zurückzukehren. Er geht einfach weg und lässt seine Frau Catherine mit den drei kleinen Kindern James, Robbie und Emily zurück. Keine Spuren gibt es von ihm und niemand weiß, ob ihm etwas zugestoßen ist, ob er überhaupt noch am Leben ist. Catherine wird Monate brauchen, bis sie wieder zu sich kommt und die Verantwortung für ihre Familie übernehmen kann. Simon begibt sich derweil auf eine Reise durch die Welt, es wird ihn nach Frankreich, Kanada, die USA und weitere Länder ziehen, bis er fünfundzwanzig Jahre später wieder vor seinem Haus und seiner Ehefrau stehen wird.

Mir ist John Marrs als Autor von nervenzerreißenden und psychologisch perfekt abgestimmten Krimis bekannt, die die Figuren an den Rand dessen treiben, was sie aushalten können. „Ich kenne deine Lügen“ funktioniert jedoch ganz anders, es beginnt mit dem Wiedersehen und langsam wird dann die Geschichte des Verschwindens aufgerollt. Lange Zeit kommt der Roman wie eine toll erzählte Geschichte von Verlust und Flucht daher, doch das Blatt wendet sich und wie aus dem nichts taucht genau das auf, was man von Marrs erwartet: ein geschicktes Spiel zweier ebenbürtiger Gegner, die sich psychologisch versiert nichts schenken.

Simons unerwarteter und scheinbar unmotivierter Weggang verwundert zunächst, kann ein Mensch nur aus Langeweile und familiärem Frust einfach so alles hinter sich lassen? Wohl kaum, aber es dauert ein wenig, bis seine wahren Beweggründe sich offenbaren und wenn man gerade denkt, ihn verstanden zu haben und womöglich sogar Verständnis für sein Handeln aufbringt, kommt der Schlag mit dem Holzhammer. Nein, die Handlung bietet keine dramatische Spannung von Beginn an, aber wenn man sich dem Ende nähert, wird man umso mehr belohnt von den Überraschungen, die der Autor vorbereitet hat und die einem aus dem Nichts treffen.

Hatte mich der Roman rein schon durch die Erzählung der 25 Jahre zwischen Weggang und Wiedersehen begeistern können – interessant entwickelt er die beiden Figuren und stellt sie unablässig vor neue Herausforderungen, hier ganz sicher eine deutliche Steigerung zu früheren Romanen, die mehr auf Action und Spannung setzen – sucht der finale Paukenschlag wirklich seinesgleichen. Immer und immer wieder wird plötzlich innerhalb kürzester Zeit alles infrage gestellt und man muss sein Konzept von dem, was wirklich geschah und die Figuren zu ihrem Handeln motivierte, überdenken.

Ein Thriller der etwas anderen Art, der sicherlich nicht jedermanns Sache ist, für mich aber gerade wegen der sehr ausgefeilten Figurenzeichnung und dem brillanten Schluss ganz klar aus der Masse herausragt.

Oleksij Tschupa – Märchen aus meinem Luftschutzkeller

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Oleksij Tschupa – Märchen aus meinem Luftschutzkeller

Ein Haus im ostukrainischen Makijiwka. Die Bewohner leiden unter der brütenden Sommerhitze und unter ihren Nachbarn; oder den Familienangehörigen; oder dem Dasein ganz allgemein. Erdgeschoss, erster Stock, zweiter Stock, dritter Stock: jeweils drei Wohnungen mit drei Schicksalen. Die verrückte Labuha aus dem Parterre bringt mit ihrer lauten Musik und den nie enden wollenden Partys alle um den Verstand, außer vielleicht Klawa aus dem Stockwerk über ihr, denn die ist seit Jahrzehnten taub und kann sich kaum mehr mit ihrer Tochter und dem Enkel verständigen. Auch Forman im zweiten und seinen Freunden ist das heute wohl egal, nachdem sie zu plötzlichem Reichtum gekommen sind, muss geplant werden, was mit dem Geld zu tun ist. Derweil erweckt Olena ihre Großmutter mit isländischer Musik wieder zum Leben und zum ersten Mal seit Jahren reden die beiden Frauen wirklich miteinander. Zwölf Wohnungen, zwölf Geschichten, die Tschupa belauscht in einem Haus, das heute im Kriegsgebiet steht.

Literatur aus der Ukraine ist mir wenig bekannt, aber Oleksij Tschupas Text weist für mich einige Gemeinsamkeiten auf, die ich in osteuropäischen Bücher wiederholt gefunden habe. Auch er leitet nicht lange ein, sondern stürzt den Leser ins Geschehen, das schonungslos und direkt die Dinge beim Namen nennt. Wir befinden uns nicht in einer Märchenwelt, sondern in der unbarmherzigen Realität, die es mit den Figuren nicht immer gut meint. Es braucht bisweilen einen gewissen Humor oder Zynismus, um dies zu ertragen.

Viel mehr als den Hauseingang scheinen die Figuren nicht zu teilen. Wobei doch eine gewisse Melancholie über allen Episoden schwebt, vermutlich ist es genau dies, was auch in zwei der Geschichten anklingt, in denen der schwermütige Charakter der slawischen Literatur erwähnt wird, der sich unweigerlich auch auf die Leser niederschlagen muss. Ob die Menschen wegen der Literatur so sind oder die Literatur wegen der Menschen und der Lebensumstände, sei dahingestellt.

Besonders hat mir gefallen, dass die Bandbreite unheimlich groß ist; wir erleben Kinder ebenso wie junge und mittlere Erwachsene und die Alten, die das Ende ihres Lebens bereits kommen sehen. Die Kinder sind mir hierbei vor allem aufgefallen: obwohl es mehrere von ihnen im Haus gibt, scheinen sie keinen Kontakt zueinander zu haben, sondern ausgesprochen isoliert zu sein. Dass diese Einsamkeit nicht guttut, liegt auf der Hand und so ist auch ihr trauriges Schicksal nicht weiter verwunderlich. Mehr noch war ich jedoch von den alten Frauen beeindruckt – die Männer werden nicht alt in der Ukraine, scheinbar flüchten sie sich vorher in den Tod. Unfreiwillig erleben sie ebenfalls eine Isolation wie die Kinder. Zwar mag die Familie physisch nah sein, es fehlt jedoch die Verbindung zwischen den Generationen.

Neben den Geschichten, die mich jede auf ihre Weise ansprechen konnte, überzeugte mich Tschupa aber mit Zweierlei: er schafft es ausgezeichnet die Gegebenheiten in Worte zu fassen. Das Schwanken zwischen überbordendem Humor und erschreckend abstoßend lässt einem manchmal jedoch geradezu schwindelig werden. An anderen Stellen findet er großartige Metaphern wie beispielsweise bei Iryna, die sich und ihre Welt als Insel begreift, ein Motiv, das nicht nur wunderbar zur Figur passt, sondern auch überzeugend durch die ganze Episode hindurchgeführt wird.

Vieles ist voller Gegensätze in Oleksij Tschupas Roman. Es beginnt beim Titel, in dem die Begriffe Märchen und Luftschutzkeller zusammengebracht werden und dem grell-bunten Cover, dem ein schwarzer Hintergrund auf der Rückseite entgegensteht. Im Haus ist Leben in allen Facetten, tatsächlich jedoch wird die Region seit Jahren von Krieg und Tod beherrscht. Mal lacht man, man wird man nachdenklich, aber immer scheint man sich nur im Extrem bewegen zu können und so bleibt das Buch auch ganz sicher bei keinem Leser ohne nachhaltigen Eindruck.