Marijke Schermer – Unwetter

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Marijke Schermer – Unwetter

Ein Leben, aufgebaut auf einem Geheimnis, das nach vielen Jahren wieder an die Oberfläche drängt. Emilia hat es sich mit ihrem Ehemann Bruck und den beiden Söhnen nahe Amsterdam gemütlich in einem alten Häuschen eingerichtet. Ihr Job erlaubt es ihr viel von zu Hause zu arbeiten und ihren Interessen nachzugehen, während Bruck als Arzt Schichten im Krankenhaus schiebt. Zwei Ereignisse bringen das fragile Gebilde jedoch plötzlich ins Wanken: ein Hochwasser ist angekündigt, das ihr geliebtes Häuschen hinterm Deich ebenfalls bedrohen könnte und Emilias Arbeitskollege wird von einer Praktikantin des Missbrauchs beschuldigt. Emilia wehrt sich gegen die Erinnerung, doch diese ist übermächtig und raubt ihr zunehmend die Kraft, den Alltag zu bewältigen. Soll sie nach zwölf Jahren doch noch offenbaren, was damals geschah?

Marijke Schermer widmet sich in ihrem kurzen Roman im Wesentlichen zwei ganz essentiellen Fragen: was geschieht mit einem Menschen, wenn die mühsam aufgebaute psychologische Stabilität plötzlich aus dem Gleichgewicht gerät und ein unaufhaltsamer Abwärtsstrudel beginnt? Wie viel Wahrheit und wie viel Geheimnis verträgt eine Beziehung? Beides stellt sie eindrücklich in „Unwetter“ dar.

Als Leser weiß man schon früh um Emilias Erlebnis: sie wurde in ihrer Wohnung überfallen, verprügelt und vergewaltigt. Dies war zu der Zeit als sie Bruck kennenlernte, dem sie das Geschehen jedoch nie berichtete, weil sie von ihm nicht als Opfer wahrgenommen werden wollte. Verschiedene Ereignisse rufen die Erinnerung jedoch wach und sie leidet nach all den Jahren plötzlich an etwas, das einem posttraumatischem Belastungssyndrom stark gleicht. Angst überfällt sie, sie hat gedankliche Aussetzer, Erinnerungslücken und stellt plötzlich ihr ganzes Leben in Frage. Ihr Mann kann in dieser Situation keine Stütze sein, denn er ist kein Vertrauter wie ihr Bruder. Man kann Emilias Entscheidung zu schweigen nachvollziehen, doch es war auch zu erwarten, dass dies sich irgendwann rächt – an ihr und an ihrer Beziehung.

Spiralförmig nähert sich Schermer dem Höhepunkt: das Wasser steigt und ebenso die Krise in der Familie. Die Ausgangssituation erlaubt keinen einfachen Ausweg; man weiß als Leser nicht, was man der Protagonistin wünschen oder raten sollte, dass es zu einer Entscheidung kommen muss, ist offenkundig. Auf der Inhaltsebene unerwartet spannend, in der Figurenzeichnung überragend und sprachlich rundum überzeugend. Emilias Gedankenwelt ist vielschichtig und differenziert, was es leicht macht, ihren Überlegungen zu folgen und die psychische Ausnahmesituation nachzuempfinden. Keine leichte Kost, aber gerade deshalb so lesenswert.

Philippe Lançon – Der Fetzen

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Philippe Lançon – Der Fetzen

„Vier in dem einen, eins im anderen Krankenhaus: Das sind die Zimmer, in denen ich vom 8. Januar 2015 bis zum 17. Oktober 2015 rund um die Uhr geblieben bin, was insgesamt, wenn ich richtig rechne, 282 Tage ergibt. Gefangene zählen und oft auch Kranke, weil sie am liebsten fliehen und verschwinden würden. Ich war weder gefangen noch krank: Ich war ein Opfer, ein Verletzter (…)“

Philippe Lançon, Reporter und Kritiker, der am Morgen des 7. Januar 2015 an der Redaktionssitzung von Charlie Hebdo teilnahm, der Wochenzeitung, die in den letzten Zügen lag und deren unabwendbarer Tod nur noch eine Frage von wenigen Ausgaben war. Der Tod sollte kommen, aber nicht für die satirische Wochenzeitung, sondern für ihre Macher, in Form der Brüder Kouachi, die bewaffnet in die Redaktionsräume eindrangen und um sich schossen. Elf Tote und zahlreiche Verletze ist die Bilanz, die global Schlagzeilen machte. Eines der Opfer war Philippe Lançon, der erst begreifen musste, das er Teil eines großen Ereignisses wurde und sein Leben von nun an in eine Zeit vor dem 7. Januar und eine Zeit nach dem 7. Januar 2015 getrennt werden würde.

„Der Fetzen“, in Frankreich mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, unter anderem dem Spezialpreis des renommierten Prix Renaudot, der eigentlich Belletristik ehrt, ist eine Biographie der besonderen Art. Sie beschränkt sich auf wenige Monate, die Zeit von dem Anschlag auf Charlie Hebdo und sie endet auch mit einem Anschlag, dem auf das Bataclan am 13. November desselben Jahres. Es ist die Zeit für Philippe Lançon zwischen Tod und Rückkehr ins Leben, die Zeit von 17 Operationen und einem alles andere als optimal verlaufenden Heilungsprozess, den er minutiös mit dem Leser teilt. Letztlich ist es der Versuch etwas zu verstehen und zu verarbeiten, was weder verstehbar noch vergessbar ist. Es ist die persönliche Seite eines globalen medialen Großereignisses, das die Aspekte darstellt, die dem fernen Beobachter üblicherweise vorenthalten bleiben.

Mich hat Philippe Lançons Bericht schwer beeindruckt. Zum einen die Offenheit, mit der er die wiederholten Niederschläge im Heilungsprozess schildert, die Widrigkeiten während des Krankenhausaufenthaltes – es sind die Dinge, über die wir eigentlich nicht sprechen, die in unserer von ansprechender Optik dominierten Welt keinen Platz haben. Es sind aber vor allem auch seine persönlichen Beziehungen, die nach dem Attentat nicht mehr dieselben sind. Nicht nur ihn hat das Ereignis verändert, es wirkt auch sekundär auf sein Umfeld und er muss erkennen, dass nicht jeder mit der neuen Situation umgehen kann.

Der Autor ist ein außerordentlich reflektierter Mensch, was man dem Buch auf jeder Seite anmerkt. Er versucht nicht, einen tieferen, gar religiösen Sinn darin zu erkennen, dass gerade er Opfer wurde. Ebenso spielen seine Emotionen in Bezug auf die Attentäter keinerlei Rolle. Er lebt im Hier und Jetzt, aber er kann nicht mehr einfach irgendetwas lesen, es sind Proust und Kafka, die ihn ansprechen. Wie Prousts Protagonist wird auch er von Erinnerungsfetzen aus seiner Vergangenheit geplagt und kann bisweilen nur mit einer distanzierenden Ironie die kafkaesken Gegebenheiten ertragen. Es ist eine subjektive Verarbeitung, die keinen größeren Zusammenhang schafft, die Banalitäten – steht sein Fahrrad immer noch vor der Redaktion? Wo ist sein Stoffbeutel? – in den Fokus rückt und einem den Autor dadurch nah bringt.

Philippe Lançon ist Charlie Hebdo – mehr als alle, die sich den Slogan zu eigen gemacht haben. Aber er will nicht die Stimme oder das Gesicht sein, dafür ist er zu bescheiden. Er ist ein Überlebender, der das Überleben erst wieder zu schätzen lernen musste und dem, auch wenn man ihm über lange Zeit die Stimme raubte, doch nie die Worte ausgingen, was ein Glücksfall ist.

Charles Lewinsky – Der Stotterer

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Charles Lewinsky – Der Stotterer

Johannes Hosea Stärckle ist ein Meister des Wortes. Aber nur des geschriebenen Wortes, gesprochen bekommt er kaum mehr eine Silbe heraus, bevor das Stottern losgeht. Das war mal anders, aber Geschehnisse aus seiner Kindheit haben ihn zu dem gemacht, was er ist und das geschriebene Wort wurde zu seinem Beruf. Jedoch nicht als Journalist oder Schriftsteller, sondern als Betrüger, weshalb er auch jetzt eine Gefängnisstrafe absitzen muss. Dies hindert ihn jedoch nicht am Schreiben und der Padre wird sein Publikum. Ihm vertraut er sich, erzählt aus seiner Kindheit in der Sekte, den Umgang des Vaters mit seinem Stottern, aber auch dem Betrug, den er begangen hat – was klingt wie die Beichte eines Geläuterten, stellt sich jedoch bald schon als weitere Manipulation heraus. Seinen Mitinsassen bleibt sein Talent nicht verborgen und wissen ebenfalls daraus Profit zu schlagen, den Wehren kann sich der Stotterer kaum.

Charles Lewinsky ist seit vielen Jahren eine feste Größe in der Schweizer Literaturwelt. Zahlreiche seiner Romane wurden für hochrangige Preise nominiert und ausgezeichnet. Sein neuer Roman zeichnet sich für mich durch eine pointierte und treffgenaue Sprachgestaltung aus, inhaltlich konnte mich sein Protagonist nicht ganz überzeugen.

Genaugenommen gibt es nur eine Erzählstimme, die des Johannes Hosea Stärckle, der sich jedoch mal in Briefen an seinen Padre wendet, mal in seinem Tagebuch Trost sucht, mal als Geschichtenerzähler und auch als Briefeschreiber auftritt. Je nach Adressat wandelt sich Ton und Ausdruck, wirkt glaubwürdig und überzeugend. Dass die Straftäter sein Ausdrucksvermögen in seinem Sinne nutzt und auch im Gefängnis die Möglichkeiten von Manipulation und mitleiderregender Dramatik voll ausspielt, ist bei der Anlage des Charakters nachvollziehbar. Man muss sich am Anfang am Riemen reißen, um seinen Schelmenmärchen nicht zu glauben und in ihm nicht das Opfer zu sehen, als das er sich stilisiert.

Das Schreiben steht im Zentrum, dafür werden andere interessante Aspekte – die Hackordnung im Gefängnis, die Mechanismen, mit denen dort Macht demonstriert wird u.a. – an den Rand gedrängt, was ich etwas schade fand. Vor allem, da diese ihm letztlich seinen großen Wunsch ermöglichen.

Man kann sich mit Stärckle nicht identifizieren. Er ist zweifelsohne ein intelligenter Zeitgenosse, der geschickt die Fäden in der Hand hat, aber als Sympathieträger taugt er nicht. Eher als noch abschreckendes Beispiel, denn seine Manipulationsversuche machen vor nichts und niemandem halt.

Für mich war es letztlich etwas zu viel des Protagonisten. Keine andere Sicht, kein Schritt zurück durch eine neutrale Erzählinstanz, nicht einmal Antworten auf die zahlreichen Briefe erhält man als Leser, was einen ein wenig erdrückt. Zumal die Märchen Stärckles auch sehr viel Raum einnehmen. Sprachlich gelungen, auch die zentrale Figur interessant in der Anlage, aber letztlich genau dadurch etwas übers Ziel hinaus geschossen.

Ein herzlicher Dank geht an den Diogenes Verlag für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zu Roman und Autor finden sich auf der Verlagsseite.

Samantha Downing – My Lovely Wife

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Samantha Downing – My Lovely Wife

They did it before and they are about to do it again. What looks like the absolute average family in Hidden Oaks – the father a tennis coach, the mother in real estates and two lovely kids – is all but average. They have a secret, or better: secrets in plural since they have killed more than one woman. And they are looking for their next victim. They are clever, a lot cleverer than all the other inhabitants of their small community and most certainly smarter than the police who don’t even know that somebody is missing. Yet, every run of luck has an ending and theirs is about to come, isn’t it?

Samantha Downing’s debut is a terrific thriller which combines the core emotions of human beings: love and hate. It’s masterly constructed and when you think you finally know what it all adds up to, you get a big surprise and a twist that takes suspense to another level.

First of all, the couple at the centre of the novel. The story is told from the husband’s point of view – interestingly, he never gets a name, there are only his aliases when he makes contact with possible victims. The point of view is limited of course which will play a major role and undeniably helps to lead you to wrong assumptions. As a reader, I should have known better, but I fell easily prey to Downing. At the beginning, you get the impression that the parents are a bit different, even strange to a certain extent, but even though you know that they have killed before, it doesn’t really keep you from seeing the loving father and mother who try to educate their children and deeply care for them. At some point, I even wished for them to get away with murder. Well, they are great in deceiving their environment and so is the reader.

An impressive psychological thriller which only reveals its full extent at the end of the novel and definitely makes you think about what you really know of the people around you and how easily you can be tricked and misled.

T.C. Boyle – Das Licht

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T.C. Boyle – Das Licht

Was als Suche nach einem Medikament zur Stabilisation des Kreislaufs beginnt, wird zu einem unvergleichlichen gesellschaftlichen Problem: die Entwicklung von LSD. Der Psychologe Fitz Loney kommt Anfang der 1960er Jahre nach Harvard, um dort seine Dissertation zu verfassen. Er landet am Lehrstuhl von Timothy Leary, den er ehrfurchtsvoll bewundert. Zunächst arbeitet Fitz hart an seinem Vorhaben, bemerkt aber schnell, dass es um Leary einen inneren Kreis gibt, von dem er ausgeschlossen ist. Bald wünscht er sich nichts mehr, als ebenfalls dazuzugehören und an den Wochenendsessions des Professors ebenfalls teilhaben zu dürfen. Es dauert nicht lange, bis Fitz und ebenso seine Frau Joanie in den Bann des charismatischen Gurus gezogen werden – die regelmäßige Dreingabe von LSD tut ebenfalls ihren Teil. Was Leary als psychologisches Experiment deklariert, wird bald von außen angegriffen, was die Gruppe nur noch enger zusammenschweißt, unter der Führung Learys stellen sie sich gemeinsam gegen den Feind.

Wie auch schon in zahlreichen früheren Romane greif T.C. Boyle für seine Erzählung auf reale Personen und Ereignisse zurück: in der kurzen Eröffnungssequenz stellt er Albert Hofmann vor, den Vater des LSD, bevor er sich dann gänzlich der schillernden Figur Timothy Leary und dem Kult um selbigen widmet. Er schildert die Anfänge der Hippiebewegung und vor allem das Wirken Learys, was man heute als mustergültig für die Sektenbildung betrachten kann.

Viele Aspekte in dem Roman könnte man ansprechen: die Figur des Fitz Loney, der einerseits als Doktorand in Harvard durchaus erfolgreich ist, dessen Leben aber genaugenommen nur eine Abfolge von Scheitern darstellt und der wegen seines viel zu geringen Selbstbewusstseins ein gefundenes Opfer für Menschen wie Leary darstellt. Der angesehene Professor, der mit Leichtigkeit die Menschen manipuliert, sich selbst zum Guru eines Kultes macht und dem die Anhänger blind folgen. Es ist schier unglaublich, wie es ihm gelingt, intelligente, hoch gebildete und kritische Studenten und Doktoranden in seinen Bann zu ziehen und jede kritische Distanz verlieren zu lassen. Für mich besonders erschreckend war vor allem die Vernachlässigung der Kinder in der Kommune. Kümmert man sich anfangs noch halbherzig um sie, ist es bald schon egal, wo sie schlafen, wie sie ihre Zeit verbringen, ob sie überhaupt noch in die Schule gehen. Die Auflösung der klassischen Familie enthebt die Eltern jeder Verantwortung und man weiß aus der Geschichte, dass dies nicht allen Kindern bekommen ist.

Obwohl dies im Zentrum steht, bleiben die Drogentrips doch etwas vage und werden meist nur in den berichtend er Figuren als Rückschau rekapituliert. Auch Leary als Person, um die einerseits alles kreist, bleibt doch nur ein Randphänomen, Einblick in seine Gedankenwelt erhält man leider kaum. Dennoch ein souveräner und eingängiger Roman über die Zeit der versuchten Sinneserweiterung, die man heute rückblickend eher als Verirrung bezeichnen mag.

Maria Kuznetsova – Oksana, Behave!

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Maria Kuznetsova – OKsana, Behave!

Ukraine is not what it was anymore and therefore, Oksana’s family decides to leave the country for America. Yet, life is not easy there. The father, a former physicist, does not find an adequate job and therefore delivers pizza; the mother is depressed after having lost another child early in her pregnancy; for the eccentric grandmother things are even worse. And Oksana? She is the strange kid in school. Due to her frequent misunderstandings, she gets herself constantly in trouble and behaves in a very bizarre way in her classmates’ opinion. However, while growing up, life in this strange country gets easier for her, but there is a Ukrainian part in Oksana that still lings for another side of per personality and in Roman, also of Russian decent, she finds a man with whom she can share the undefined longing.

Maria Kuznetsova herself knows what Oksana goes through when being moved from an eastern European country to the US, since she herself had to leave Kiev as a child to emigrate. Her debut is hard to sum up in just a couple of words: it is hilariously funny at the beginning when the family arrives in Florida, throughout the plot, however, they superficial amusement turns into a more thoughtful narrative that focuses on the sincerer aspects of migration and its impact on the development of a young person.

Oksana surely is a very unique character, very naive and trusting at first, she quite naturally falls prey to masses of misunderstandings and is bullied by the other children. Throughout the novel, it is not the relationships with the outside world that are interesting, but first and foremost, those within the family. Especially between Oksana and her father who is fighting hard to succeed and offer the best to his family. As a young girl, Oksana cannot really understand her mother, it takes some years until she finally realises what makes her depressed and cry so much. However, it is especially the grandmother who has a big impact on her, even though the full extent of their love and commitment will only show at the very end.

“Oksana, Behave!” is an exceptional novel in several respects. What I appreciated most is the comical tone with which the story is told and the way in which Maria Kuznetsova showed the girl’s growing up as a process which does not go without trouble but is also heart-warming.

Anke Stelling – Schäfchen im Trockenen

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Anke Stelling – Schäfchen im Trockenen

„Ich will, dass es dir gut geht, will zumindest nicht schuld sein, wenn dein Leben oder das deiner Geschwister misslingt. Doch wie misst sich das Gelingen eines Lebens? Was braucht ihr, was soll ich euch geben, womit euch verschonen, was soll ich bloß tun?!”

Das ist es, was Resi antreibt. Ihre Mutter hat ihr vieles nicht gesagt, was sie hätte wissen müssen, was ihr geholfen hätte im Leben und so manche Enttäuschung auch erspart hätte. Resi will es besser machen und schreibt deshalb für ihre 14-jährige Tochter Bea auf, was diese wissen soll, was diese aus dem Leben ihrer Mutter und Großmutter lernen kann. Zum Beispiel, dass es bei aller Freundschaft unüberwindbare gesellschaftliche Grenzen gibt. Resi kommt nicht aus einer wohlhabenden Familie, hat kein Instrument oder Skifahren gelernt. Und mit vier Kindern und prekären Jobsituationen beider Elternteile, kann ihre eigene Familie auch nur bei Freunden zur Untermiete wohnen, nicht in Urlaub fahren und vor allem nicht in die schicke Wohngemeinschaft K23 ziehen. Aber will sie das überhaupt, oder machen sich die reichen Freunde nur was vor? Solche Gedanken darf Resi haben, aber dass sie diese in Zeitungsartikeln und Bücher äußert, finden die nun ehemaligen Freunde gar nicht gut.

Anke Stelling hat für ihren Roman „Schäfchen im Trockenen“ den Preis der Leipziger Buchmesse erhalten. Die Jury begründet die Wahl damit, dass der Text wehtun will und muss und das, was sicher scheint, in Frage stellt. Ganz ähnlich empfand ich dies schon bei „Bodentiefe Fenster“, nicht umsonst auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis 2015. Sie ist sicherlich eine derjenigen Autorinnen, die besonders kritisch gesellschaftliche Entwicklungen beobachtet und diese überzeugend in Literatur umzusetzen vermag.

Die Erzählerin Resi, die eigentlich zu ihrer Tochter Bea spricht, ist eine vielschichtige Figur, die jedoch so viel Durchschnittlichkeit in sich trägt, dass es nicht schwerfällt, sich mit ihr zu identifizieren. Einerseits lebt sie ihre Überzeugungen, dazu gehört ebenso die Ablehnung eines monetär einträglichen Jura-Studiums wie die Tatsache Mutter von gleich vier Kindern zu sein. Mit der finanziell prekären Lage hat sie sich arrangiert, letztlich kennt sie dies aus ihrer Kindheit, was jedoch kein Hinderungsgrund für gute Schulbildung und Freundschaften mit Kindern und Jugendlichen aus anderen sozialen Schichten war. Die Kluft, die zwischen ihr und den anderen herrscht, scheint überwindbar, hält unterschiedliche Schulen, das Studium und auch die Familiengründungsphase aus. Doch dieses vermeintlich egalitäre Verhältnis kommt irgendwann an seine Grenzen und Resi erkennt, dass es ihr ebenso ergeht wie ihrer Mutter Anfang der 60er Jahre, als diese nicht standesgemäß führ ihren damaligen Freund Werner war.

Als Journalistin und Autorin hinterfragt Resi kritisch das Verhalten und den Reichtum ihrer Freunde, was unweigerlich zum Bruch führt. Sie fühlen sich von ihr verraten, vorgeführt, das Vertrauen wurde missbraucht, da Resi intime Ereignisse öffentlich preisgibt. Man kann die Verärgerung verstehen, aber zugleich zeigt sich auch, dass Resi einen wunden Punkt getroffen hat, die Fassade Risse bekommt und der Schein der arrivierten Mittelschicht an Glanz verliert. Es ist nicht unbedingt der Neid, den man Resi unterstellt, dafür hat sie zu wenig Selbstbewusstsein und ist zu sehr vom Alltag überfahren. Es ist viel tiefgreifender der Frage, ob nicht manches in ihrem Leben anders gelaufen wäre, wenn sie andere Entscheidungen getroffen hätte: ein anderes Studium, einen anderen Partner gewählt, weniger Kinder bekommen. Aber hätte sie das nicht vorher wissen können? Ist sie nicht selbst schuld an ihrer Misere?

„Wenn das hier ein Roman wäre, wäre das wohl die Schlüsselszene. Diese Ohnmacht verlangt nach Befreiung; gottlob hat die Heldin die Chance, ihre eigene Tochter vor einem ähnlichen Schicksal zu bewahren: indem sie ihr die Wahrheit zumutet, die Wahrheit, dass es sinnlos ist, andere vor der Wahrheit bewahren zu wollen.”

Resi befreit sich durch das Schreiben und so ermutigt sie auch den Leser zur Ehrlichkeit gegenüber sich selbst. Wer hätte sich nicht schon einmal ein anderes Leben gewünscht und hat so manche Entscheidung im Nachhinein bedauert? Doch trotz aller Widrigkeiten, Resi scheint glücklich mit dem, was sie hat. Und vielleicht liegt darin der Schlüssel zum Glück: weniger dem nachtrauern, was man nicht hat und viel mehr auf das zu fokussieren, was man erreicht hat und was einem stolz macht.

Pascal Engman – Der Patriot

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Pascal Engman – Der Patriot

Madeleine Winther ist eine junge ehrgeizige Journalistin, die unbedingt nach oben will. Koste es, was es wolle. Sie ist bereits weit gekommen, aber sie erwartet noch mehr. August Novak hingegen will raus aus seinem Leben. Nach Jahren bei der Fremdenlegion und nun in Kolumbien hat er die kriminelle Arbeit satt, vor allem die Tatsache, dass er in wenigen Monaten Vater wird, bestärkt ihn in seinem Wunsch nach einem bürgerlicheren Leben. Carl Cederhielm kann den ganzen linken Politikersprech in Schweden nicht mehr ertragen; was soll daran gut sein, wenn seine schwedische Heimat von mordenden und vergewaltigenden Muslimen überschwemmt wird? Mit dieser Meinung ist er nicht alleine, das weiß auch Mitra und vor allem ihre Eltern, die seit Jahrzehnten in Skandinavien leben und sich mustergültig integriert haben. Jetzt sind sie wieder die Ausländer, denen man die Schuld an allem, was schief läuft, in die Schuhe schiebt. Doch lange geht es nicht mehr so weiter, wenn die Verantwortlichen schon nicht handeln, muss das wer anders in die Hand nehmen und einen perfekten Plan in Gang setzen.

Pascal Engmans Debüt ist ein rasanter Thriller, der die in Europa derzeit angespannte Lage als Grundlage für seinen Roman nimmt und ein glaubwürdiges, wenn auch erschreckendes Szenario zeichnet. Zu keinem Zeitpunkt zweifelt man daran, dass die fiktiven Geschehnisse genauso gut der Tagespresse entstammen könnten, zu sehr haben wir uns mittlerweile daran gewöhnt, das Unglaubliche als real existent zu akzeptieren.

Es dauert einige Zeit, bis man als Leser den Plan durchschaut und vor allem die Verbindung zwischen den einzelnen Handlungssträngen und den Figuren erkennt. Alles fügt sich jedoch nach und nach reibungslos ineinander und ergibt ein komplettes, wenn auch hochkomplexes Bild und eine stimmige Story. Neben dem Realitätsgehalt haben mich vor allem die Figuren überzeugen können. Obwohl sie extrem verschieden sind, ist jede einzelne auf ihre Art faszinierend und interessant: die ambitionierte Journalistin, die über Leichen geht; der zugewanderte Taxifahrer, der alles für seine Tochter tun würde und immer bemüht ist, möglichst unsichtbar in der Gesellschaft zu sein; der frustrierte Nazi, der seine eigenen Unzulänglichkeiten auf andere projiziert; der ehemalige Straftäter, der geläutert ist und sich nach geregelten Bahnen sehnt.

Die kurzen Kapitel erhöhen das Tempo der Handlung und treiben diese parallel verlaufend voran. Es gab zwar nicht die ganz großen Überraschungen, so dass man nicht von einem Nerven zerreißenden Thrill sprechen kann, es war mehr die Komplexität und auch die Gnadenlosigkeit der Figuren, die hier die Spannung am Anschlag hält und für überzeugende Unterhaltung sorgt.

Katharine Dion – Die Angehörigen

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Katharine Dion – Die Angehörigen

Maida ist gestorben. Fast fünf Jahrzehnte haben sie und Gene Ashe gemeinsam verbracht, die Tochter erzogen und mit den Freunden Ed und Gayle Freud und Leid geteilt. Jetzt steht Gene alleine da, vor einer völlig ungewohnten, neuen Situation. Es ist als wenn wirklich ein Teil von ihm fehlen würde, so sehr waren sie zusammengewachsen, eingespielt aufeinander, haben sie sich auch ohne große Worte verstanden. Doch was soll er nun hier auf Erden ohne Maida? Sein Umfeld ahnt, dass das Alleinsein eine Herausforderung wird und kümmert sich um Gene – mehr jedoch als ihm lieb ist, denn eigentlich genieß er es, seinen Erinnerungen an die gemeinsame Zeit nachzuhängen.

Katharine Dions Debütroman verspricht eine schmerzliche Introspektion nach dem unerwarteten Verlust des geliebten Partners zu werden. Wie kann man ein Leben weiterführen nach so vielen Jahren Zweisamkeit, wie mit der neuen Einsamkeit umgehen? Wie reagieren Freunde und Familie auf die veränderte Lage, wenn aus einem Paar plötzlich wieder ein Individuum wird? Was ein psychologisch interessanter Einblick hätte werden können, verliert sich in Banalitäten und Belanglosigkeiten und lässt das, was der plötzliche Tod mit den Hinterbliebenen macht, völlig außer Acht. Leider eine große Chance vertan.

Der Roman beginnt mit den Vorbereitungen für die Trauerfeier. Man hätte erwartet, dass dies ein besonders emotionaler Moment für Gene, Maidas Ehemann, und für Dary, ihre gemeinsame Tochter ist. Doch erstaunlicherweise bleiben sie ebenso wie alle anderen Figuren seltsam emotionslos, geradezu abgestumpft,  wo sie doch einen geliebten Menschen, der ihr Leben bis dato maßgeblich bestimmte, verabschieden. Für mich löst sich diese Diskrepanz nicht auf, sie wirkt umso verstörender als dass all die Erinnerungen an Maida geweckt werden und ihre großartige Art und Menschenzugewandtheit betont wird. Dies ist für mich letztlich auch der größte Kritikpunkt. Ja, man könnte vermuten, dass Gene in einer Art Schockstarre ist, diese überwindet er aber recht schnell mit seiner Haushälterin. Für mich bleibt offen, ob die Autorin die Figuren derart abgestumpft skizzieren wollte oder ob einfach bei mir nichts angekommen ist.

Durch die Rückblicke entsteht ein Bild von Maida, das jedoch keinerlei Überraschungen bietet. Eine nette, höfliche Frau. Es gab keine wirklichen Ausreißer, keine gut gehüteten Geheimnisse werden gelüftet. Und genauso wie das Portrait der Verstorbenen eine gewisse Durchschnittlichkeit und Mittelmäßigkeit beschreibt, bleibt für mich der ganze Roman irgendwie belang- und bedeutungslos. Nett erzählt zwar, aber ohne mich zu berühren, ohne aufzurütteln, ohne zum Denken anzuregen. Leider eine Geschichte, die sobald man das Buch am Ende zugeschlagen hat schon beginnt im Vergessen zu versinken.

Katrine Engberg – Blutmond

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Ktrine Engberg – Blutmond

„(…) die Sonne soll in Finsternis und der Mond in Blut verwandelt werden, ehe denn der große und schreckliche Tag des HERRN kommt.“ [Joel 2:31]

Unheil kündigt der Blutmond an und Unheil kommt über die Kopenhagener Modeszene. Es beginnt mit dem Mord an dem Designer Alpha Bartholdy, der bei einer Veranstaltung im Rahmen der Fashion Week eine giftige Substanz getrunken hat, die seinen Körper verätzte und zu einem raschen Tod führte. Nur zwei Tage später geschieht ein weiterer Mord auf dieselbe Weise. Die Mordkommission hat allerhand zu tun und Jeppe Kørner beschleicht ein komisches Gefühl. Sein Freund Johannes hatte als letzter Kontakt zu Bartholdy, schnell stellt sich auch raus, dass beide eine Affäre hatten und sich am fraglichen Abend öffentlich gestritten hatten. Jetzt ist Johannes unauffindbar. Hat er etwas mit den Morden zu tun? Jeppes Nerven sind bis zum Reißen angespannt, da bietet auch seine neue Freundin kaum Entspannung, noch dazu da immer offenkundiger wird, dass sie im Alltag nicht so gut harmonieren wie im Urlaub. Jeppes Kollegin Anette hat derweil wenig Sinn für die Sorgen des Kollegen, ihr Gesundheitszustand macht ihr zunehmend zu schaffen und sie freundet sich fast mit dem Gedanken an, direkt auf einen Herzinfarkt zuzurasen. Aber jetzt ist nicht der richtige Moment für eine Auszeit, sie muss wohl oder übel durchhalten.

Fall zwei für das dänische Ermittlerteam, das einmal mehr von dem sympathischen Rentnerpaar Esther de Laurenti und Greger unterstützt wird, die sie im Fall des „Krokodilwächters“ kennengelernt haben. Ähnlich wie im Vorgängerband wählt Katrine Engberg einen ganz besonderen Handlungsort ihrer Heimatstadt Kopenhagen: dieses Mal wird das Geologische Museum zum Schauplatz eines hinterhältigen Mordes.

Stärker als im ersten Band der Serie steht dieses Mal das Ermittlerteam im Fokus der Geschichte, was mir gut gefallen hat, da sie vorher noch etwas zu blass blieben und jetzt ein deutlicheres Profil zeigen. Besonders Jeppe Kørner wird gefordert, ist er doch direkt mit dem Fall verbunden, da einer seiner ältesten Freunde unter Mordverdacht gerät. Diese nicht auflösbare Zwickmühle wird für ihn zur Zerreißprobe und drängt ihn immer mehr, andere Spuren zu verfolgen, so abstrus diese auch zu sein scheinen. Der Kommissar hat sich offenbar verrannt, da er die unverkennbare Erklärung nicht sehen mag. Die Lösung des Falls basiert auf einer in sich stimmigen, aber doch sehr wenig naheliegenden Verbindung, die mir ein wenig zu konstruiert erschien. Dies hat aber weder der Spannung noch dem Lesegenuss geschadet, denn einmal mehr konnte mich Katrine Engberg restlos überzeugen und die Erwartungen voll erfüllen.

Ein sauber konstruierter Fall mit einer ungewöhnlichen Mordwaffe, keine Nerven zerreißende Spannung, dafür überzeugende und authentisch wirkende Figuren, die der Handlung Leben einhauchen.

Ein herzlicher Dank geht an den Diogenes Verlag für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zu Buch und Autorin finden sich auf der Verlagsseite.