Sayed Kashua – Lügenleben

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Sayed Kashua – Lügenleben

Sein Vater liegt im Sterben. Eilig hastet der Ich-Erzähler aus Illinois zurück nach Israel, um ihn noch einmal zu sehen, vielleicht sogar endlich die Dinge auszusprechen, über die sie seit vierzehn Jahren geschwiegen haben. Die Mutter gibt ihm den Schlüssel zum elterlichen Haus, damit er in seinem alten Zimmer übernachten kann, doch er kann nicht zurück in das Dorf, aus dem man ihn verstoßen hat. Erst musste er mit seiner Frau Falestin nach Jerusalem fliehen, dann sind sie nach Amerika ausgewandert, wo man ihr eine Dozentenstelle angeboten hat. Mit der Rückkehr kommen auch die Erinnerungen wieder auf, an seine Zeit als arabischer Journalist für eine hebräische Zeitung, als Ghostwriter für Autobiografien und als Schriftsteller, der eine Kurzgeschichte in einer Studentenzeitung veröffentlichte. Und das Unheil, das es damit nahm.

Sayed Kashua lebt heute in den USA, nachdem er als Kolumnist für die „Haaretz“ gearbeitete hatte und sich einen Namen als Drehbuchautor und Filmkritiker gemacht hatte. „Lügenleben“ ist das fünfte Buch des arabischstämmigen Israelis und zugleich das letzte Übersetzungswerk von Mirjam Pressler, das sie kurz vor ihrem Tod im Januar 2019 noch beendete.

Wie auch andere seiner Romane trägt auch der aktuelle Roman autobiografische Züge und thematisiert nicht nur das schwierige Verhältnis von jüdischen und arabischen Israelis miteinander, sondern auch die Familienzwänge und Traditionen, aus denen es vor allem in ländlichen Gebieten kein Entkommen zu geben scheint. Die Kinder haben sich dem Diktat der Eltern, Dorfältesten und Scheichs zu fügen – egal, ob die Urteile gerecht und richtig sind oder nicht.

Die Erinnerungen des Erzählers folgen keiner chronologischen Struktur und so bleibt lange offen, was es genau war, das zu seiner Vertreibung geführt hat. Auch das seltsame Verhältnis zu seiner Frau Falestin ist eher mysteriös denn nachvollziehbar. Sie leben in zwei Wohnungen, ein echtes Familienleben scheint es nicht zu geben. Auch die drei Kinder erhalten keine Antworten auf ihre Fragen – alles, was die Familie und die Zeit vor der Flucht aus dem Dorf betrifft, bleibt nebulös. Dabei liebt er, bewundert Falestin, aber diese weist ihn ab, akzeptiert ihn jedoch als ihren Mann. Erst nach und nach fügt sich das Bild zusammen und offenbart ein trauriges Schicksal, das man so in der Gegenwart kaum mehr glauben mag.

Ein vielschichtiger Roman, der persönliches Leid, Familie und Tradition, die politische Lage in Israel und auch Emigration und Flucht thematisiert und vor allem die innere Zerrissenheit einer ganzen Generation offenbart, die doch nur glücklich und in Sicherheit leben möchte und auf der Suche hiernach getrieben ist und weder eine klare Vergangenheit noch eine Zukunft zu haben scheint. Und es ist vor allem die Frage danach, was Wahrheit ist und was sie ausmacht und inwieweit wir uns unsere eigene Wahrheit gestalten, um uns in unserem Leben zurechtzufinden. Ein großartiger Roman, ganz sicherlich auch wegen der hervorragenden Übersetzerin.

Ein herzlicher Dank geht an den Piper Verlag für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zu Autor und Titel finden sich auf der Verlagsseite.

Judith W. Taschler – Das Geburtstagsfest

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Judith W. Taschler – Das Geburtstagsfest

Eine große Überraschung haben Jonas, Simon und Lea für den 50. Geburtstag ihres Vaters geplant. Über viele Wochen haben sie Stillschweigen vereinbart und auch die Mutter nicht eingeweiht und dann ist der 17. Juni da und ebenso der unerwartete Gast: in Amerika haben sie Tevi Gardiner ausfindig gemacht, die Frau, der ihr Vater Kim Mey einst in Kambodscha das Leben gerettet hat. Mutter Ines traut ihren Augen kaum, das Mädchen, das ihre Mutter damals mit ihrem heutigen Mann als Flüchtlingskinder aufgenommen hat, steht plötzlich vor ihr. Und Kim ahnt, dass ihn die schlimmsten Heimsuchungen nun ereilen. Jahrzehntelang hat er erfolgreich verdrängt, was war, doch nun muss er sich seiner Vergangenheit stellen.

Die Glauser Preisträgerin Judith W. Taschler schafft es immer wieder mit schweren Stoffen zu begeistern. In „Das Geburtstagsfest“ schildert sie nicht nur eine tragische unerfüllte Liebe, sondern auch die Wohl schlimmste Zeit in dem südasiatischen Land: die Schreckensherrschaft der Roten Khmer und wie auch Kinder unweigerlich in den Konflikt gezogen wurden und Erfahrungen machen mussten, die sie auch Jahrzehnte später noch in ihren Alpträumen verfolgen.

So wie die Gedanken nach und nach aus den Untiefen des Gehirns plötzlich wieder ins Bewusstsein treten, erzählt die Autorin ihren Roman. Einerseits verlaufen die Tage um das Jubiläumsfest, immer wieder werden diese aber durch die Erinnerungen an die Zeit der 70er Jahre in Kambodscha unterbrochen. Sie schenkt ihren Charakteren nichts und scheut auch nicht davor zurück, größte Gräueltaten ungeschönt zu beschreiben. Was hätte es auch für einen Sinn die Realität zu verfremden? Kim Mey muss sich dem stellen, was er getan hat und ebenso wie Tausende andere auch, war er bereit zum Äußersten zu gehen, um sein eigenes Leben zu retten. Aber Taschler wird nicht plakativ schwarz-weiß in ihrer Darstellung, gerade die Zerrissenheit des jungen Kim ist ihr hervorragend gelungen. Der Junge, der Unrecht erkennt und versucht, sich zwischen den Fronten zu bewegen und denen, die ihm zuvor geholfen haben, nun auch entgegenzukommen, obwohl dies bei Tode verboten ist, muss damit leben, Entscheidungen getroffen zu haben, die falsch waren.

Ein gelungener Roman, der ein langsam aus dem Bewusstsein verschwundenes Grauensregime nochmals aufleben lässt und die private Seite von Terror beleuchtet. Kein leichter Stoff, aber unbedingt lesenswert.

Isabelle Autissier – Oublier Klara

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Isabelle Autissier – Oublier Klara

Ça fait plusieurs années que Iouri a quitté son pays natal, la Russie. À l’improviste, il reçoit un e-mail qui l’informe que son père n’a que peu de semaines à vivre et voudrait bien le voir. Retourner à Mourmansk – une chose que Iouri ne voulait plus jamais comme cela évoque de mauvais mémoires d’un temps qu’il voulait absolument laisser derrière soi. Quand-même, il fait le voyage et là, il n’est non seulement confronté à son enfance abominable, mais aussi à l’histoire de sa famille et avant tout à l’histoire de Klara, sa grand-mère de laquelle il ne fallait jamais parler.

C’est le deuxième roman d’Isabelle Autissier que j’ai lu et encore une fois, l’histoire m’a vite convaincue. C’est non seulement le secret familial qui était à découvrir, mais avant tout la structure du roman et ses caractères qui en font un roman à ne pas rater.

Le point le plus fort est certainement la nature et sa cruauté envers les êtres humains. Mourmansk se trouve au nord du cercle polaire et se montre plutôt hostile, néanmoins, l’homme a décidé d’y vivre et de domestiquer les forces de la nature, où au moins de l’essayer. Mais aussi le portrait de la famille est remarquable. Il y a un fil rouge de non-communication, de violence physique et psychique qui empêche les membres de devenir heureux. C’est seulement Iouri après de longues années dures qui arrive à finalement à couper le fil d’humiliation et de devenir maître de sa vie. Le secret de la grand-mère est étroitement lié au système soviétique et cruellement montre comment cet état a mis en première place le collectif et était prêt à sacrifier le destin et le bonheur de l’individu.

Luiza Sauma – Luana

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Luiza Sauma – Luana

Ein Brief holt all die Erinnerungen wieder hervor, die André Cabral über Jahrzehnte tief in seinem Gedächtnis vergraben hat. Er musste weg aus Rio, nur fernab von Brasilien konnte er sich ein Leben aufbauen und das, was geschehen war, verdrängen. Doch nun schreibt ihm Luana und alles ist, als wenn es erst gestern gewesen wäre. Das Leben mit seinem Vater und seinem kleinen Bruder Thiago und ihrer Haushälterin Rita und deren Tochter Luana. Aufgewachsen sind sie zusammen, doch dann verliebt sich André in die Angestellte. Eine Liebe, die nicht sein darf, die geheim bleiben muss. Doch es sind nicht nur die Standesunterschiede, die die beiden trennen, es ist noch mehr, doch von den Geheimnissen ihrer Eltern ahnen sie nichts und stürzen sich ins Verderben.

Schon das bunte Cover des Romans lässt erahnen, dass Luiza Sauma eine lebendige und intensive Geschichte geschrieben hat. Sie entführt den Leser nach Ipanema ins Jahr 1985 und öffnet die Türen zu einer unbekannten Welt. Die Ordnung Brasiliens ins klar getrennte Klassen, die je nach Zugehörigkeit Freiheiten und Möglichkeiten eröffnen oder eben klare Wege vorgeben, die hart und steinig sein werden. Der Versuch, die Grenzen zu überwinden, ist zum Scheitern verurteilt und führt zwangsweise alle ins Unglück.

Der Roman wechselt so locker zwischen unbeschwerter Jugend und der ersten Liebe und einer tiefen Traurigkeit, die durch den Verlust der Mutter ausgelöst wurde, wie es von der lässigen und fröhlichen Copacabana nicht weit in die ärmlichen Favelas ist. Die Figuren bewegen sich zwischen der hart erkämpften Normalität nach dem Unfalltod und der Freude auf ein selbstbestimmtes Leben nach der Schule. André hat alles vor sich, alle Türen stehen ihm bei seiner Herkunft offen und er kann seinen Träumen freien Lauf lassen. Für Luana ist die Schule bereits beendet und die Zukunft vorbestimmt: wie ihre Mutter wird sie als Dienstmädchen arbeiten. Schon in jungen Jahren hat sie die Regeln verinnerlicht: in der Küche essen, nicht aufs Sofa der Herrschaften setzen, Zähne zusammenbeißen und freundliche bleiben. Obwohl sie sich lange wehrt, kann auch sie den Gefühlen letztlich wenig entgegensetzen.

Dieser unbeschwerten Liebe der Jugend, die scheinbar alle Regeln außer Kraft setzen kann, setzen die Erwachsenen ihre eigenen Lebensregeln entgegen, die den Status quo erhalten und dafür großes Leid produzieren. Sie haben Geheimnisse, die verborgen bleiben müssen und mit denen sie sich arrangiert haben. Die Klarheit, die sie ihren Kindern vorleben, ist jedoch auch für sie keineswegs so eindeutig.

So locker der Schreibstil in Luisa Saumas Debüt die augenscheinliche brasilianische Lebensfreude wiederspiegelt, so stark trifft einem das Buch, wenn man hinter die Fassade blickt und den Preis erkennt, den die Figuren zahlen müssen für ein Leben im Schein. Die überraschenden Wendungen unterstreichen nur, wir wenig wir über das Leben auf der anderen Seite des Kontinents wissen und wie sehr ein sonnenverwöhnter Strand den Blick vom Wesentlichen abzulenken vermag. Ein rundum überzeugender Roman, der einen bleibenden Eindruck hinterlässt.

Leïla Slimani – All das zu verlieren

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Leïla Slimani – All das zu verlieren

Adèle hat eigentlich alles, was man sich wünschen kann. Verheiratet mit ihrem erfolgreichen Arzt lebt sie in Paris, hat einen bezaubernden kleinen Sohn und arbeitet mehr zum Zeitvertreib als Journalistin. Nach außen ist das Familienleben perfekt, aber in Adèle tobt ein Krieg, sie lebt ein Leben, das sie nicht will. Geheiratet hat sie nur, weil es günstig war, um aus den bescheidenen Familienverhältnissen zu entfliehen, aber ihr Mann kann ihr nicht geben, was sie braucht. Schon lange ist ihr Liebesleben nicht mehr existent und sie such tagtäglich den Kick. Mal mit fremden Männern, mal mit Bekannten. Sie will begehrt werden, sonst hat sie den Eindruck nicht zu existieren. Ihren Alltag bekommt sie immer weniger in den Griff und zu ihrem Sohn konnte sie nie eine Verbindung aufbauen, denn ihr ganzes Denken dreht sich nur um eines: den nächsten Mann finden, der ihr verfällt.

Leïla Slimanis erster Roman erscheint jetzt erst in Deutschland, interessanterweise nach „Sex und Lügen“, das als direkte Reaktion darauf entstanden ist, denn in ihrer marokkanischen Heimat hat man nur wenig begeistert auf das Buch reagiert, das ein Verhalten einer Frau beschreibt, das gegen alle Konventionen ist und scharf verurteilt wurde.

Die Geschichte ist eigentlich nur eine Momentaufnahme aus Adèles Leben, denn die Handlung ist recht reduziert. Es reiht sich ein Abenteuer an das nächste, ohne dass es hier eine tatsächliche Entwicklung gäbe. Zwar ahnt man, dass sich der Konflikt zwischen den Ehepartnern zuspitzen muss, was auch geschieht, vor allem nachdem Adèles Mann hinter das Doppelleben kommt und sich gezwungen sieht, darauf zu reagieren, was ihn zunächst einigermaßen überfordert.

Die Figur der Adèle ist leider etwas begrenzt in ihrer Komplexität. Ihre Sexsucht steht im Zentrum der Handlung und ihrer Persönlichkeit und alles andere wird diesem untergeordnet. Woher dies kommt, bleibt offen, auch scheint sie wenig reflektiert in Bezug darauf, was die Sucht mit ihr und ihrer Familie macht. Sie wird beherrscht durch das Verlangen und schaltet dabei alle anderen Gedanken aus, was unweigerlich in der Katastrophe enden muss. Psychologisch jedoch in sich stimmig und nachvollziehbar, wie ein Leben durch eine Abhängigkeit egal welcher Art völlig dominiert wird und sich nur noch darum dreht.

Kamila Shamsie – Home Fire [dt. Titel: Hausbrand]

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Kamila Shamsie – Home Fire 

Isma kann sich endlich ihren Traum erfüllen und in den USA ihren Doktortitel erwerben. Viele Jahre hat sie sich nach dem Tod der alleinerziehenden Mutter um ihre beiden jüngeren Geschwister Aneeka und Parvaiz gekümmert, doch diese haben nun die Schule beendet und stehen auf eigenen Beinen. Isma hat Sorge, dass man sie als Muslimin am Flughafen aufhalten könnte, doch alles geht glatt. In Massachusetts lernt sie den Briten Eamonn Lone kennen, der ihr anbietet, ein Geschenk für ihre Tante mit zurück nach London zu nehmen. Dort macht er Bekanntschaft mit Aneeka und verliebt sich sogleich in die junge Frau. Dies scheint auf Gegenseitigkeit zu beruhen, doch er weiß nicht, dass Aneeka ihn missbraucht, denn Eamonns Vater ist der Innenminister und dessen Hilfe braucht Aneeka, um ihren Bruder zu befreien. Dieser sitzt in Rakka unter Islamisten und will einfach nur zurück nach England.

Kamila Shamsies Roman stand auf der Longlist für den Man Booker Prize 2017 und gewann im folgenden Jahr den Women’s Prize for Fiction. Die Thematik könnte kaum aktueller und kontroverser sein: wie umgehen mit Muslimen bei der andauernden Bedrohung durch den IS und seine Handlanger? Was tun mit den Landsleuten, die sich der Terrororganisation angeschlossen haben? Wie den unbescholtenen Bürger vom potentiellen Attentäter unterscheiden? Gleichzeitig wird aber auch die ganz private und individuelle Problematik der Identität, wenn man zwischen zwei Kulturen aufgewachsen ist, angesprochen und ebenso das Aufeinandertreffen von öffentlichen und privaten Interessen, die nicht zu vereinen sind. Viel food for thought und zugleich eine elegante und doch reduzierte Sprache, die auf unnötig blumige Metaphorik verzichtet.

Man weiß eigentlich nicht, wo man beginnen soll, bei all den begeisternden Facetten der Erzählung. Sie ist eine moderne Fassung von Sophokles „Antigone“ (wobei sie bei der Schwesternstruktur eher Anouilh folgt), eine junge Frau, die für ihren Bruder mit einem mächtigen Gegner kämpft und ihren innersten Überzeugungen folgt und dafür alle Konsequenzen in Kauf nimmt. Parvaiz‘ Anwerbung für den IS wird ebenfalls glaubwürdig und nachvollziehbar geschildert. Der homegrown oder domestic terrorism hat zunehmend Einzug in die Literatur gefunden, sowohl in Krimis und Thrillern (z.B. Joakim Zanders „Der Bruder“ oder Daniel Silvas „Die Attentäterin“) wie auch in Theaterstücken oder anspruchsvoller Literatur (Hanif Kureishis „Black Album“ etwa) wird ergründet, wie ein scheinbar gut integrierter junger Mensch sich plötzlich gegen sein Heimatland wendet. Parvaiz schliddert ahnungslos in sein Schicksal, doch der Hauptkonflikt verläuft letztlich zwischen Eamonn und seinem Vater.

Sicherlich mit eines der anspruchsvollsten Bücher der letzten Jahre, das geschickt eine sehr alte Grundsatzproblematik mit einem hochmodernen Thema verknüpft.

Tatiana de Rosnay – Fünf Tage in Paris

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Tatiana de Rosnay – Fünf Tage in Paris

Nur die Eltern und die beiden Kinder. So lautet die klare Ansage von Mutter Lauren Malegarde, als sie Linden und Tilia bittet nach Paris zu kommen, um den 70. Geburtstag von Vater Paul zu feiern. Ein ungewöhnlicher Ort, wohnen die Eltern doch im Département Drôme, aber dem Wunsch der Mutter ist Folge zu leisten. Allerdings empfängt die Hauptstadt die Familie nicht mit dem gewohnten Charme, ein Hochwasser historischen Ausmaßes droht die Stadt zu überschwemmen und es regnet unerlässlich. Das Programm wird angepasst, doch bald schon müssen sie noch mehr Planänderungen vornehmen, denn beim gemeinsamen Abendessen bricht Paul mit einem Schlaganfall zusammen und die Erkältung der Mutter stellt sich als schwere Lungenentzündung heraus. Während in ganz Paris der Ausnahmezustand herrscht, ereilt dieser ganz im Kleinen auch die Familie Malegarde.

Von Beginn der Geschichte an wählt die französisch-amerikanische Schriftstellerin, die in beiden Sprachen ihre Bücher verfasst, ein starkes Symbol: das Wasser der Seine steigt im gleichen Maße wie auch die Lage in der Familie sich zuspitzt, vor allem der Gesundheitszustand des Vaters läuft auf einen dramatischen Höhepunkt zu. Es wird einen Scheitelpunkt geben müssen, der entscheidet, in welche Richtung das Pendel ausschlägt.

Trotz der gerade einmal 300 Seiten bringt Tatiana de Rosnay unzählige Themen in ihrem Roman unter, die einem als Leser nachdenklich stimmen. Doch keineswegs wirkt die Handlung überladen, im Gegenteil, der Fokus auf die engste Familie und insbesondere auf Linden lässt sie nie den roten Faden verlieren. Es ist das Verhältnis der beiden Geschwister zu einander, jenes zwischen Eltern und Kindern, glückliche und gescheiterte Beziehungen und vor allem die hohe Sensibilität der Malegarde Männer, die immer wieder hervortreten. Paul Malegarde kam als „Treeman“ zu Weltruhm, nichts gibt es, das er nicht über Bäume zu wissen scheint, überall fragt man nach ihm, wenn die Natur übermächtig zu werden scheint. Er ist ein Baumflüsterer, doch wo seine enge Verbundenheit herführt, ist ein Geheimnis, das erst spät gelüftet wird. Lindens besonderes Gespür für Menschen äußert sich in seinem Talent als Fotograf. Er hat den Blick für den ultimativen Ausdruck, kann mit Bildern das ausdrücken, wozu ihm die Worte fehlen.

Die Familie birgt jedoch auch Konfliktpotenzial, das sich besonders gerne zu Feierlichkeiten entlädt. Auch bei den Malegardes ist dies nicht anders und so manches Geheimnis und bis dato Unausgesprochenes will nun trotz oder gerade wegen der Ausnahmesituation an die Oberfläche. Nicht immer war man nett zu einander, hat sich unterstützt; es gab Neid und Groll, man fühlte sich missverstanden und nicht anerkannt. All das erzählt Tatiana de Rosnay in einem fast poetisch anmutenden Ton, der außerordentlich die Empfindsamkeit und Emotionen der Figuren einfängt und wiedergibt. Trotz der tristen Szenerie und Dramatik des Settings, schlichtweg ein großartiger Roman.

Ein herzlicher Dank geht an das Bloggerportal für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zu Buch und Autorin finden sich auf der Seite des Random House Verlags. 

Marijke Schermer – Unwetter

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Marijke Schermer – Unwetter

Ein Leben, aufgebaut auf einem Geheimnis, das nach vielen Jahren wieder an die Oberfläche drängt. Emilia hat es sich mit ihrem Ehemann Bruck und den beiden Söhnen nahe Amsterdam gemütlich in einem alten Häuschen eingerichtet. Ihr Job erlaubt es ihr viel von zu Hause zu arbeiten und ihren Interessen nachzugehen, während Bruck als Arzt Schichten im Krankenhaus schiebt. Zwei Ereignisse bringen das fragile Gebilde jedoch plötzlich ins Wanken: ein Hochwasser ist angekündigt, das ihr geliebtes Häuschen hinterm Deich ebenfalls bedrohen könnte und Emilias Arbeitskollege wird von einer Praktikantin des Missbrauchs beschuldigt. Emilia wehrt sich gegen die Erinnerung, doch diese ist übermächtig und raubt ihr zunehmend die Kraft, den Alltag zu bewältigen. Soll sie nach zwölf Jahren doch noch offenbaren, was damals geschah?

Marijke Schermer widmet sich in ihrem kurzen Roman im Wesentlichen zwei ganz essentiellen Fragen: was geschieht mit einem Menschen, wenn die mühsam aufgebaute psychologische Stabilität plötzlich aus dem Gleichgewicht gerät und ein unaufhaltsamer Abwärtsstrudel beginnt? Wie viel Wahrheit und wie viel Geheimnis verträgt eine Beziehung? Beides stellt sie eindrücklich in „Unwetter“ dar.

Als Leser weiß man schon früh um Emilias Erlebnis: sie wurde in ihrer Wohnung überfallen, verprügelt und vergewaltigt. Dies war zu der Zeit als sie Bruck kennenlernte, dem sie das Geschehen jedoch nie berichtete, weil sie von ihm nicht als Opfer wahrgenommen werden wollte. Verschiedene Ereignisse rufen die Erinnerung jedoch wach und sie leidet nach all den Jahren plötzlich an etwas, das einem posttraumatischem Belastungssyndrom stark gleicht. Angst überfällt sie, sie hat gedankliche Aussetzer, Erinnerungslücken und stellt plötzlich ihr ganzes Leben in Frage. Ihr Mann kann in dieser Situation keine Stütze sein, denn er ist kein Vertrauter wie ihr Bruder. Man kann Emilias Entscheidung zu schweigen nachvollziehen, doch es war auch zu erwarten, dass dies sich irgendwann rächt – an ihr und an ihrer Beziehung.

Spiralförmig nähert sich Schermer dem Höhepunkt: das Wasser steigt und ebenso die Krise in der Familie. Die Ausgangssituation erlaubt keinen einfachen Ausweg; man weiß als Leser nicht, was man der Protagonistin wünschen oder raten sollte, dass es zu einer Entscheidung kommen muss, ist offenkundig. Auf der Inhaltsebene unerwartet spannend, in der Figurenzeichnung überragend und sprachlich rundum überzeugend. Emilias Gedankenwelt ist vielschichtig und differenziert, was es leicht macht, ihren Überlegungen zu folgen und die psychische Ausnahmesituation nachzuempfinden. Keine leichte Kost, aber gerade deshalb so lesenswert.

T.C. Boyle – Das Licht

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T.C. Boyle – Das Licht

Was als Suche nach einem Medikament zur Stabilisation des Kreislaufs beginnt, wird zu einem unvergleichlichen gesellschaftlichen Problem: die Entwicklung von LSD. Der Psychologe Fitz Loney kommt Anfang der 1960er Jahre nach Harvard, um dort seine Dissertation zu verfassen. Er landet am Lehrstuhl von Timothy Leary, den er ehrfurchtsvoll bewundert. Zunächst arbeitet Fitz hart an seinem Vorhaben, bemerkt aber schnell, dass es um Leary einen inneren Kreis gibt, von dem er ausgeschlossen ist. Bald wünscht er sich nichts mehr, als ebenfalls dazuzugehören und an den Wochenendsessions des Professors ebenfalls teilhaben zu dürfen. Es dauert nicht lange, bis Fitz und ebenso seine Frau Joanie in den Bann des charismatischen Gurus gezogen werden – die regelmäßige Dreingabe von LSD tut ebenfalls ihren Teil. Was Leary als psychologisches Experiment deklariert, wird bald von außen angegriffen, was die Gruppe nur noch enger zusammenschweißt, unter der Führung Learys stellen sie sich gemeinsam gegen den Feind.

Wie auch schon in zahlreichen früheren Romane greif T.C. Boyle für seine Erzählung auf reale Personen und Ereignisse zurück: in der kurzen Eröffnungssequenz stellt er Albert Hofmann vor, den Vater des LSD, bevor er sich dann gänzlich der schillernden Figur Timothy Leary und dem Kult um selbigen widmet. Er schildert die Anfänge der Hippiebewegung und vor allem das Wirken Learys, was man heute als mustergültig für die Sektenbildung betrachten kann.

Viele Aspekte in dem Roman könnte man ansprechen: die Figur des Fitz Loney, der einerseits als Doktorand in Harvard durchaus erfolgreich ist, dessen Leben aber genaugenommen nur eine Abfolge von Scheitern darstellt und der wegen seines viel zu geringen Selbstbewusstseins ein gefundenes Opfer für Menschen wie Leary darstellt. Der angesehene Professor, der mit Leichtigkeit die Menschen manipuliert, sich selbst zum Guru eines Kultes macht und dem die Anhänger blind folgen. Es ist schier unglaublich, wie es ihm gelingt, intelligente, hoch gebildete und kritische Studenten und Doktoranden in seinen Bann zu ziehen und jede kritische Distanz verlieren zu lassen. Für mich besonders erschreckend war vor allem die Vernachlässigung der Kinder in der Kommune. Kümmert man sich anfangs noch halbherzig um sie, ist es bald schon egal, wo sie schlafen, wie sie ihre Zeit verbringen, ob sie überhaupt noch in die Schule gehen. Die Auflösung der klassischen Familie enthebt die Eltern jeder Verantwortung und man weiß aus der Geschichte, dass dies nicht allen Kindern bekommen ist.

Obwohl dies im Zentrum steht, bleiben die Drogentrips doch etwas vage und werden meist nur in den berichtend er Figuren als Rückschau rekapituliert. Auch Leary als Person, um die einerseits alles kreist, bleibt doch nur ein Randphänomen, Einblick in seine Gedankenwelt erhält man leider kaum. Dennoch ein souveräner und eingängiger Roman über die Zeit der versuchten Sinneserweiterung, die man heute rückblickend eher als Verirrung bezeichnen mag.

Anke Stelling – Schäfchen im Trockenen

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Anke Stelling – Schäfchen im Trockenen

„Ich will, dass es dir gut geht, will zumindest nicht schuld sein, wenn dein Leben oder das deiner Geschwister misslingt. Doch wie misst sich das Gelingen eines Lebens? Was braucht ihr, was soll ich euch geben, womit euch verschonen, was soll ich bloß tun?!”

Das ist es, was Resi antreibt. Ihre Mutter hat ihr vieles nicht gesagt, was sie hätte wissen müssen, was ihr geholfen hätte im Leben und so manche Enttäuschung auch erspart hätte. Resi will es besser machen und schreibt deshalb für ihre 14-jährige Tochter Bea auf, was diese wissen soll, was diese aus dem Leben ihrer Mutter und Großmutter lernen kann. Zum Beispiel, dass es bei aller Freundschaft unüberwindbare gesellschaftliche Grenzen gibt. Resi kommt nicht aus einer wohlhabenden Familie, hat kein Instrument oder Skifahren gelernt. Und mit vier Kindern und prekären Jobsituationen beider Elternteile, kann ihre eigene Familie auch nur bei Freunden zur Untermiete wohnen, nicht in Urlaub fahren und vor allem nicht in die schicke Wohngemeinschaft K23 ziehen. Aber will sie das überhaupt, oder machen sich die reichen Freunde nur was vor? Solche Gedanken darf Resi haben, aber dass sie diese in Zeitungsartikeln und Bücher äußert, finden die nun ehemaligen Freunde gar nicht gut.

Anke Stelling hat für ihren Roman „Schäfchen im Trockenen“ den Preis der Leipziger Buchmesse erhalten. Die Jury begründet die Wahl damit, dass der Text wehtun will und muss und das, was sicher scheint, in Frage stellt. Ganz ähnlich empfand ich dies schon bei „Bodentiefe Fenster“, nicht umsonst auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis 2015. Sie ist sicherlich eine derjenigen Autorinnen, die besonders kritisch gesellschaftliche Entwicklungen beobachtet und diese überzeugend in Literatur umzusetzen vermag.

Die Erzählerin Resi, die eigentlich zu ihrer Tochter Bea spricht, ist eine vielschichtige Figur, die jedoch so viel Durchschnittlichkeit in sich trägt, dass es nicht schwerfällt, sich mit ihr zu identifizieren. Einerseits lebt sie ihre Überzeugungen, dazu gehört ebenso die Ablehnung eines monetär einträglichen Jura-Studiums wie die Tatsache Mutter von gleich vier Kindern zu sein. Mit der finanziell prekären Lage hat sie sich arrangiert, letztlich kennt sie dies aus ihrer Kindheit, was jedoch kein Hinderungsgrund für gute Schulbildung und Freundschaften mit Kindern und Jugendlichen aus anderen sozialen Schichten war. Die Kluft, die zwischen ihr und den anderen herrscht, scheint überwindbar, hält unterschiedliche Schulen, das Studium und auch die Familiengründungsphase aus. Doch dieses vermeintlich egalitäre Verhältnis kommt irgendwann an seine Grenzen und Resi erkennt, dass es ihr ebenso ergeht wie ihrer Mutter Anfang der 60er Jahre, als diese nicht standesgemäß führ ihren damaligen Freund Werner war.

Als Journalistin und Autorin hinterfragt Resi kritisch das Verhalten und den Reichtum ihrer Freunde, was unweigerlich zum Bruch führt. Sie fühlen sich von ihr verraten, vorgeführt, das Vertrauen wurde missbraucht, da Resi intime Ereignisse öffentlich preisgibt. Man kann die Verärgerung verstehen, aber zugleich zeigt sich auch, dass Resi einen wunden Punkt getroffen hat, die Fassade Risse bekommt und der Schein der arrivierten Mittelschicht an Glanz verliert. Es ist nicht unbedingt der Neid, den man Resi unterstellt, dafür hat sie zu wenig Selbstbewusstsein und ist zu sehr vom Alltag überfahren. Es ist viel tiefgreifender der Frage, ob nicht manches in ihrem Leben anders gelaufen wäre, wenn sie andere Entscheidungen getroffen hätte: ein anderes Studium, einen anderen Partner gewählt, weniger Kinder bekommen. Aber hätte sie das nicht vorher wissen können? Ist sie nicht selbst schuld an ihrer Misere?

„Wenn das hier ein Roman wäre, wäre das wohl die Schlüsselszene. Diese Ohnmacht verlangt nach Befreiung; gottlob hat die Heldin die Chance, ihre eigene Tochter vor einem ähnlichen Schicksal zu bewahren: indem sie ihr die Wahrheit zumutet, die Wahrheit, dass es sinnlos ist, andere vor der Wahrheit bewahren zu wollen.”

Resi befreit sich durch das Schreiben und so ermutigt sie auch den Leser zur Ehrlichkeit gegenüber sich selbst. Wer hätte sich nicht schon einmal ein anderes Leben gewünscht und hat so manche Entscheidung im Nachhinein bedauert? Doch trotz aller Widrigkeiten, Resi scheint glücklich mit dem, was sie hat. Und vielleicht liegt darin der Schlüssel zum Glück: weniger dem nachtrauern, was man nicht hat und viel mehr auf das zu fokussieren, was man erreicht hat und was einem stolz macht.