Linn Strømsborg – Nie, nie, nie


Linn Strømsborg – Nie, nie, nie

Schon seit acht Jahren ist sie mit Philip in einer glücklichen Beziehung, kein Wunder, dass ihre Familien und Freunde die unausweichliche Frage nach Hochzeit und Kindern Mantra artig wiederholen. Doch sie will keine Kinder, sie ist glücklich mit ihrem Leben und ihrer Beziehung, es fehlt nichts. Der Freundeskreis wird mit Anfang 30 langsam kleiner, immer mehr beginnen ein Nest zu bauen, draußen, auf dem Land und in den Vorstädten, um dem Lärm der Großstadt zu entfliehen, um es sich mit der Kleinfamilie im neuen Kokon einzurichten. Da geht man abends nicht mehr spontan weg, alles muss nun gut geplant sein. Als ihre beste Freundin Anneken und deren Mann Alex dann plötzlich auch die Schwangerschaft verkünden, ist auch die letzte Verbündete schwach geworden. Sie wollten doch zusammen alt werden, ohne Kinder.

Linn Strømsborgs Erzählerin erzählt genau jene Geschichte, die ziemlich allen Frauen ab Mitte/Ende 20 bekannt vorkommen dürfte. Sobald sich eine feste Partnerschaft abzeichnet, wartet das Umfeld nur noch darauf, endlich die Ankunft eines neuen Erdenbürgers feiern zu dürfen. Als gäbe es kein anderes Konzept, keinen gegensätzlichen Lebensentwurf, wird bei aller Modernität und erreichten Bildungsabschlüssen von Frauen immer noch erwartet, dass sie irgendwann zurückkehren zu Kind und Küche. „Nie, nie, nie“ wollte die Erzählerin genau das und sieht sich mit einer Welt konfrontiert, in der ihre Vorstellung scheinbar keinen Platz hat.

Sie mag Kinder, beschäftigt sich auch mit ihnen, trägt und beruhigt sie – aber deshalb will sie noch lange keine eigenen haben. Auch ihre Partnerschaft ist ihr genug, sie ist glücklich mit Philip und kann ihr Leben nach ihren Wünschen und Vorstellungen gestalten. Ihr ist völlig bewusst, dass dies eine hedonistische Sichtweise ist – aber im Ernst: welche Frau bekommt Kinder für die Rentenkasse? Sie kann sich dem Thema nicht entziehen: in der Familie, am Arbeitsplatz, mit Freunden, immer wieder kommt es auf und seit Jahren schon hat sie ausweichende Sätze parat, um das Gespräch rasch auf etwas anderes zu lenken. Von Beginn ihrer Beziehung an hat sie keinen Hehl daraus gemacht, dass sie ihre Meinung nicht ändern wird, doch bei Philip ändert sich die Lage und so wird auch das gemeinsame Fundament brüchig, auf dem sie stehen.

Soll man sich dem Druck irgendwann einfach beugen? Nur damit es aufhört? Auch das zieht sie in Betracht, als sie jedoch auch sieht, was die Elternschaft mit ihren besten Freunden macht, ist diese Option schnell wieder vom Tisch. Ein Baby zu haben ist nicht immer eitel Sonnenschein, es strengt an, zermürbt, raubt die letzten Kräfte und Anneken erkennt sich selbst bald nicht mehr wieder – und doch ist ihre Tochter für sie das Beste, was in ihrem Leben jemals geschehen ist.

„Kannst du glücklich sein, wenn dich alle für unglücklich halten? Wenn ich mich gegen Kinder entscheide, wird man mir dann immer mit Mitleid und Bedauern begegnen, von der Häme und den Egoismus-Vorwürfen mal ganz abgesehen?“

Linn Strømsborg beschönigt weder die eine noch die andere Sicht, sondern lässt authentisch miterleben, wie sich Freundschaften, Beziehungen und auch das eigene Leben im Laufe der Zeit verändert. Es ist weder ein feministisches Manifest der selbstbestimmten Frau, noch ein Urteil über den einen oder den anderen Weg. Im Gegenteil, an den Frauenfiguren werden ganz unterschiedliche Haltungen zum Thema Mutterschaft deutlich und auch was dies mit jenen Frauen tut, die sich dem gesellschaftlichen Diktat beugen und nicht ihrem Bauchgefühl folgen. Wunderbar unaufgeregt erzählt, ein heikles Thema mal nicht vom Extrem her betrachtet, sondern mit all seinen Facetten und widersprüchlichen Emotionen mitten aus dem Leben heraus.

Mareike Krügel – Schwester

Mareike Krügel – Schwester

Es braucht einen solchen Unfall, wie jenen ihrer Schwester Lone, bei dem nicht klar ist, ob die Hebamme ihn überleben wird, um die Bankkauffrau Iulia aus dem Alltagstrott zu reißen. Alles hat seine Ordnung in ihrem Leben, daher auch die Entscheidung für den Job in der Bank, Zahlen sind eindeutig, sie lügen nicht, und Chaos hatte sie schon genug als Kind, als ihre Mutter sie einfach alleingelassen hat. Aber dann war Lone für sie da, hat die Rolle der Schwester übernommen und ihr jene Sicherheit gegeben, die sie brauchte. Wie konnten sie sich nur so weit voneinander entfernen? Als sie die schwangeren Frauen, die Lone zuletzt betreute, über den Unfall informiert, lernt sie eine ganz andere Lone kennen als die Frau, die sie für ihre Schwester hielt. Je mehr sie über sie hört, desto mehr hinterfragt Iulia auch sich und die Entscheidungen, die sie getroffen hat.

Es ist ein recht konventionelles Thema und auch in der Struktur nicht wirklich neu erzählt und dennoch hat Mareike Krügel mit „Schwester“ einen intensiven und nachdenklich stimmenden Roman geschaffen, der auch nach der letzten Seite noch nachwirkt. Ein dramatisches Ereignis, das das Leben anhält und die Figuren zum Nachdenken bringt. Die Erkenntnis schleicht sich langsam und unbemerkt an, dass die Sicherheiten und Wahrheiten gar nicht auf so festen Füßen stehen, wie zuvor geglaubt und dass sich daraus plötzlich auch ein Riss ergibt, der das Tor zu einer neuen Welt und einem anderen Leben werden kann.

Die Beziehung zwischen Iulia und Lone ist schwierig, aber die Familie, aus der sie stammen, ist von schwierigen Verhältnissen geprägt. Die Vorbilder, die bedingungslos zu ihnen gestanden hätten, fehlten schlichtweg, auch wenn sie in dem Patchwork-Arrangement nicht ungeliebt waren. Der Verlust, den sie beide früh erlebt haben, hat sie nachhaltig geprägt und unfähig gemacht, sich selbst bedingungslos der Liebe hinzugeben. Nur die Schwester blieb immer eine verlässliche Größe, bis sie es nicht mehr war.

Maren, Kristin, Nana, Vera – es sind die Frauen, die Lone vertrauten und in ihr jene strahlende Figur gesehen haben, die ihre Körper versteht und ihnen das Ur-Vertrauen zu sich selbst zurückgegeben hat, das ihnen abhandengekommen war. Durch ihre Augen gewinnt Iulia einen neuen Blick nicht nur auf Lone, sondern auch auf ihr eigenes Leben als Bankangestellte und Pastorenfrau. Je näher sie Lone wieder kommt, desto mehr entfernt sie sich von ihrem gewählten Dasein.

Es ist keine Überhöhung der aufopferungsvollen Hebamme, es ist ein anderer Blick auf das Dasein, den Mareike Krügel ihrer Protagonistin und dem Leser schenkt. Trotz des tragischen Unfalls, der die Geschehnisse in Gang setzt, findet sich auch viel Humor in dem Roman, die Wortspiele und ironischen Verweise auf den institutionalisierten Glauben laden durchaus auch zum Schmunzeln ein. Aber es ist der Gegenentwurf des Vertrauens in die Natur und die eigenen Stärken, der siegt und Iulia Mut schenkt, um das zu tun, was sie sich so einfach nie getraut hätte.

Ein Roman, der direkt aus dem Leben kommt, der keine Superhelden braucht, um zu zeigen, wer diejenigen sind, die Mut schenken und so Großes bewirken können.

Katharina Schaller – Unterwasserflimmern

Kann man sich einfach weigern, erwachsen zu werden? Die Ich-Erzählerin ist Anfang 30 und schon seit neun Jahren in einer festen Beziehung mit Emil. Der Architekt hat viel Geduld mit der jüngeren Partnerin gehabt, doch nun will er sesshaft werden, ein Haus bauen, Kinder bekommen, genauso wie die Freunde auch. Der Erzählerin macht das Angst, sie berichtet ihrer Affäre Leo davon, der seinerseits Familie und außerfamiliäre Beziehungen locker unter einen Hut bringt. Sie weiß nicht, was sie will und läuft daher davon. Steigt in den Zug und reist in die unbekannte Ferne. Dort warten lockere Flirts und unbedeutende Bekanntschaften. Einer Antwort auf die Frage, was sie in ihrem Leben möchte, findet sie jedoch auch nicht und so zieht sie immer weiter.

Katharina Schallers Debütroman reizt immer noch vorhandene gesellschaftliche Grenzen aus. Muss man dem gängigen Bild von Beziehung und Familie entsprechen, zu einem bestimmten Punkt im Leben sesshaft werden und das Leben in einer vorbestimmten Weise absolvieren? Was spannende Fragen sind und vor allem Frauen um die 30 auch real beschäftigt, konnte mich leider nicht wirklich erreichen. Die Protagonistin nähert sich den Fragen für meinen Geschmack infantil ohne jegliche Versuche, zu einer ernsthaften Antwort zu kommen. Wegzulaufen und sich dem Nächstbesten in die Arme zu werfen erscheint mir als wenig nützliches Konzept bei der Lösungsfindung.

„Ich lächle ihn an. Er lächelt zurück. Man kann sich attackieren mit einem Lächeln, denke ich. Man kann damit die eigene Überlegenheit ausdrücken, und das hier ist so eines. Nicht nur seines, auch meines.“

Gesunde Beziehungen führt die Erzählerin nicht. Auf der emotionalen Ebene scheint sie völlig abgeklärt und die Männer austauschbar. Einzig der Sex interessiert sie, wobei auch da kaum eine Rolle zu spielen scheint, mit wem sie gerade das Bett teilt. In immer wieder ausufernden Beschreibungen lässt die Autorin den Leser daran teilhaben. Mag manchen gefallen, im Genre Literatur muss es für mich nicht auf Porno-Niveau zugehen – schon gar nicht verbal – weshalb ich auch immer wieder Seitenweise überblättert habe.

Um emotional mit einem Text in Kontakt zu treten, muss es einen Anker geben oder eine Verbindung, die mir leider gänzlich fehlte. Das naive Verhalten hat mich genervt, an irgendwie sinnvollen Gedanken kam für ich auch nichts wirklich rum. Mit 17 hätte ich den Mut der Frau einfach auszubrechen vielleicht noch bewundert. Naja, mit 17 halt. Gesellschaftliche Grenzen so auszuloten funktioniert nicht wirklich, da man die Protagonistin kaum ernstnehmen kann, narzisstisch bewegt sie sich durch ihr Leben und eigentlich ist ja schon längst egal, was die Menschen um sie herum denken und tun.

So schnell es sich liest, so wenig nachhaltig wirkt es und relevant ist es. Leider die Erwartungen enttäuscht.

Ewald Arenz – Der große Sommer

Ewald Arenz – Der große Sommer

Nicht versetzt. In Mathe und Latein mangelhaft, damit ist für Friedrich der Sommer gelaufen. Nicht nur dass er für die Nachprüfungen lernen muss, er darf auch nicht mit der Familie in Urlaub fahren, sondern muss zu Nana und dem unnahbaren Großvater ziehen. Der Professor wird sich persönlich um seinen Lernerfolg kümmern. Der schlimmste Sommer überhaupt steht ihm bevor. Doch dann wird alles ganz anders. Erst lernt er Beate kennen, dann stellt sich der Großvater als ganz anders raus als gedacht und auch von Nana erfährt Friedrich vieles, was er nicht wusste und was die Oma zu einer bewundernswerten und weisen Frau macht. Und dann sind da noch sein Freund Johann und seine Schwester Alma, die ebenfalls in der Stadt geblieben ist, die dafür sorgen, dass es doch noch der vielleicht nicht beste, aber bestimmt erinnerungswürdigste Sommer seines Lebens wird.

„Manchmal weiß ich nicht, was mir wirklich verloren gegangen ist, worum ich wirklich trauere, wenn ich das Grab suche. (…) Es war dieser eine Sommer, wie es ihn wahrscheinlich nur einmal im Leben gibt. Dieser Sommer, den hoffentlich jeder hatte; dieser eine Sommer, in dem sich alles ändert.“

Ewald Arenz‘ Roman ist eine Hommage an die Jugend, die unbeschwerte Zeit des sich-unbesiegbar-Fühlens und der kleinen und großen Fehler, die sich mit intensiven Emotionen abwechseln. Nur kurze sechs Wochen, die den Protagonisten reifen lassen, in denen er erwachsener wird und vieles von der Welt versteht, von dem er nicht einmal ahnte, dass er es noch nicht versteht. Der Autor ist sehr nah bei seinen Figuren, leicht empfindet man Sympathie für Friedrich und durchlebt mit ihm diese Zeit der großen Umbrüche.

Nichts wirklich Außergewöhnliches durchleben die Figuren, erste Liebe, Freunde treffen, kleine und große Dummheiten. Anfang der 1980er noch ohne die heute so einflussreichen Medien verabreden sie sich draußen, im Schwimmbad, am Kastell und das, was Jugendliche schon immer getan haben. Die vier jugendlichen Figuren sind lebendig und wirken authentisch, weshalb man locker mit ihnen durch die Geschichte gleitet.

„Aber“, sagte er im Hineingehen wie zu sich selbst, „Freundschaft beweist sich nicht in den guten Zeiten. Gute Nacht.“

Dies steht in starkem Kontrast zu den Erwachsenen, die man zunehmend ebenfalls liebgewinnt, je besser man sie und ihre Geschichte kennenlernt. Der Großvater ist dabei sicherlich die interessanteste Figur, unnahbar und doch voller Liebe für seine angeheiratete Familie. Nicht der harte Knochen, der er nach außen scheint. Vor allem sein ungewöhnlicher Weg, um aus Friedrich einen gebildeten und aufrechten jungen Menschen zu machen, ließ mich ein ums andere Mal schmunzeln. Er doziert nicht, er lässt den Jungen erfahren, die Welt mit offenen Augen betrachten und so die essentiellen Fragen stellen. Und wenn Friedrich ihn braucht, ist er für ihn da.

Es genügten wenige Seiten, um gänzlich in der Geschichte zu versinken. Sprachlich auf den Punkt hat Arenz dieses Lebensgefühl eingefangen und aufs Papier gebracht. Gerade wenn die Jugendjahre schon etwas zurückliegen, eine wundervolle Reise zurück in diese Zeit.

Katixa Agirre – Die lustlosen Touristen

Katixa Agirre – Die Lustlosen Touristen

Eigentlich ist es nur eine Reise durch ihre Heimatregion, die Ulia ihrem Mann Gustavo zeigen möchte. Zufällig hatten sie sich nach den Madrider Attentaten von 2004 kennen und später auch lieben gelernt. Begleitet werden sie jedoch von einem Geheimnis, das Ulia selbst erst als erwachsene Frau von ihrer Mutter erfuhr und zu dessen Enthüllung es gegenüber Gustavo nie den richtigen Zeitpunkt gab. Das Baskenland zu bereisen geht nicht ohne politische Diskussion und bald schon merkt Ulia, dass hier die Perspektiven zwischen ihr als geborener Baskin und ihrem Mann, dem Spanier, kaum vereinbar sind. Während sie auf den Straßen von Ort zu Ort fahren, drängt auch ihre Doktorarbeit um Benjamin Britten und dessen Pazifismus immer wieder in ihre Gedanken – wie soll sie als Kind einer Region, die seit je her auch mit Terror um Unabhängigkeit kämpft, dies in sich vereinen?

„Ich sehe ganz klar, dass das eine Reaktion auf die negative Überrepräsentation ist, die ihr in den Medien bekommen habt. Von klein auf zu sehen, wie Eurer Scheiß jeden Tag auf Neue die Nachrichten eröffnet, das muss unauslöschliche Spuren hinterlassen.“

Die ETA, vermutlich das, was man als erstes mit dem Baskenland verbindet, wenn man in den letzten Jahrzehnten die Nachrichten verfolgt hat. Unweigerlich muss dies zum Streitpunkt werden und die Autorin Katixa Agirre bindet die politische Diskussion geschickt in ihre Geschichte um „Die lustlosen Touristen“ ein. Auch wenn Ulia dies nicht möchte, sie kann sich nicht von der Geschichte lösen, die auch die ihre ist. So entwickelt sich die Handlung von einem fröhlichen Urlaubtrip zu einer Beziehungsprobe und zu einer neuen Positionsbestimmung, die im Alltag in der Hauptstadt immer verdrängt werden konnte.

Der Roman weigert sich, in irgendeine vorgefertigte Schublade zu passen. Die Einschübe über Benjamin Britten, über den die Musikwissenschaftlerin Ulia promoviert, genauso wie die Zeitungsartikel der englischen Journalistin, der sie auf ihrer Reise wiederholt begegnen, unterbrechen die Handlung immer wieder. Sie retardieren die Detonation, die sich anbahnt, die kommen muss, die Enthüllung dessen, was Ulia mit sich trägt und bislang verschwiegen hat. Dabei ist sie selbst zerrissen zwischen der Heimat, in der sich aufgewachsen ist, deren Geschichten sie kennt und dem aufgeklärten Friedenswillen, den sie selbstverständlich als Akademikerin befürwortet. So wird die Reise nicht nur eine Entdeckung für ihren Mann, sondern auch für sie selbst, denn in die Ecke bedrängt, entdeckt sie auch in sich unbekannte Flecken.

Kein leichter Roman, sondern eine Geschichte, die man sich erlesen muss – was sich aber ohne Frage lohnt.

Hengameh Yaghoobifarah – Ministerium der Träume

Hengameh Yaghoobifarah – Ministerium der Träume

Der Tod ihrer Schwester und engsten Vertrauten trifft Nasrin unerwartet. Ein Unfall sagt die Polizei, aber war es vielleicht doch eher ein Suizid? Immer wieder ging es Nushin nicht sonderlich gut. Nushins Tochter Parvin hingegen vermutet einen Anschlag hinter der ganzen Sache, wie auch immer sie darauf kommen mag. Die queere Türsteherin sieht sich plötzlich als Ersatzmutter einer Teenagerin und gleichzeitig mit der Trauer konfrontiert, die jedoch immer mehr Fragen aufzuwerfen scheint. In Rückblenden wird klar, dass diese nicht von der Hand zu weisen sind. Die beiden Schwestern sind einst mit der Mutter vor dem Terrorregime des Iran, das auch den Mord am Vater veranlasste, nach Deutschland geflüchtet, haben in den 90er den aufkeimenden Hass gegenüber Ausländern live erlebt und gleichzeitig mit ihren eigenen Dämonen kämpfen müssen. Je weiter sich Nasrin von ihrer Nichte entfernt, desto näher rückt sie jedoch der Wahrheit, deren Ursprung genau dort liegt, wo sie nie mehr hin zurückkehren wollte.

Hengameh Yaghoobifarah wurde als taz-Kolumnistin bekannt, „Ministerium der Träume“ ist ihr Debütroman. Geschickt verbindet sie dabei die ganz persönlichen Probleme der beiden Schwestern mit politischen Entwicklungen, die wir überwunden glaubten – die Realität der vergangenen Jahre hat uns jedoch wieder eingeholt. Sie reißt auch die Frage auf, wie gut man einen Menschen wirklich kennen und wie nah man sich tatsächlich stehen kann.

Nasrin und Nushin wachsen in Lübeck auf, die Mutter ist durch den Verlust des Partners und den nicht leichten Start im fremden Land kaum in der Lage, sich um die beiden Mädchen zu kümmern. Je klarer diesen die Distanz zwischen sich und ihnen deutschen Mitschüler:innen wird, desto näher rücken sie und ihr enger Zirkel an Freunden mit ähnlichem Schicksal zusammen. Erlebnisse, die man keinem Kind wünschen würde, müssen sie durchleiden, Hilfe von Erwachsenen ist Fehlanzeige und so flüchten sie schließlich nach Berlin, um ein Leben nach ihren Vorstellungen in der Großstadtanonymität zu führen. Es ist die queere Szene und jene der Prostitution, in der die beiden Frauen sich zum ersten Mal angenommen fühlen.

Der Erzählton ist oft ruppig und rau, passt jedoch ehrvorragend zur Protagonistin, die verzweifelt nach Antworten sucht. Ihre teenagerhafte Rebellion hat sie noch nicht ganz überwunden, obwohl schon die nächste Generation mit identischem Verhalten parat steht. Die junge Nasrin kennt nur zwei Kategorien: wir und die anderen. Auch als Erwachsene kann sie dies nicht ganz ablegen, auch wenn nun die Grenzen an anderer Stelle – bürgerlich vs. queere Lebensweise – verlaufen. Immer wiederkehrende Alpträume zeugen von nicht verarbeiteten Traumata, wirkliche Träume hegt jedoch kaum jemand im Roman. Erfrischend anders einerseits, unbarmherzig und hart andererseits, auf jeden Fall aber bemerkenswert.

Yishai Sarid – Siegerin

Yishai Sarid – Siegerin

Schon als kleines Mädchen war Abigail nicht nur zielstrebig, sondern intellektuell ihren Altersgenossen weit voraus. Als Tochter eines der renommiertesten Psychologen des Landes, zu dem sie stets bewundern aufgeschaut hat, führt ihr Weg sie unweigerlich in dieselbe Richtung. Anders jedoch als der Vater, der geplagte Seelen therapiert, findet Abigail ihre berufliche Heimat bei der israelischen Armee und berät dort die Befehlshaber, wie sie ihre Untergebenen am besten motivieren können, wie sie erkennen, wer den Biss hat, alles für sein Land zu geben, und wer mental stark genug ist, die anspruchsvollsten Aufgaben im Nahkampf zu erfüllen. Ihr Vater hat für diese militärische Nutzung seiner Profession nur Verachtung übrig, doch Abigail geht ganz in ihrer Arbeit auf. Bis ihr Sohn Schauli einberufen wird und sie plötzlich die Armee auch aus dem Blick einer Mutter betrachten muss.

Wie immer in Yishai Sarids Romanen herrscht eine thematische Vielschichtigkeit und Multiperspektivität, die zeigt, dass es in der Realität, in der wir leben und die der Autor literarisch einfängt, keine einfachen Lösungen für komplexe Fragen gibt. Bewusst führt er seine Figuren in den emotionalen Ausnahmezustand, der es ihnen kaum mehr erlaubt, einen klaren Kopf zu behalten und die gut zurechtgelegten Argumentationsstrategien anzuwenden, die kurz zuvor noch funktionierten. Ähnlich wie auch in „Limassol“ stehen wieder die Armee und ihr Verteidigungsauftrag im Zentrum der Handlung, eine Institution, die schon historisch bedingt und tief im Bewusstsein der Bewohner verwurzelt – durch den obligatorischen Wehrdienst für alle zudem für jeden persönlich erfahrbar – eine besondere Stellung im Land innehat und per se nicht infrage gestellt werden darf, auch wenn dies aus rein menschlicher Sicht mehr als gerechtfertigt wäre.

Eines der großen Themen des Romans ist das Verhältnis der Generationen. Der Vater als überhöhte Figur, die bewundert wird und der sich das Familienleben unterordnet, vor allem auch Abigails Mutter, die scheinbar ein bedeutungsloses Dasein führt. Zu spät erkennt Abigail, dass sie deren Lebenskonzept grundlegend nicht verstanden und ihr tiefes Unrecht getan hat. Für ihren Sohn entscheidet sie sich ebenfalls für einen starken Vater, der jedoch fern und geheim bleiben muss, als Ergebnis einer Affäre wächst Schauli ohne männliches Vorbild auf; die Mutter mit ihrer Nähe zu den Kampfeinheiten und zahlreichen Einsätzen auch an der Front, liefert ihm jedoch ein klares Bild davon, wie ein israelischer Soldat zu sein hat. Nur dass Schauli das nicht ist. Er ist zu jung, um dies zu erkennen, die Mutter mit zu verstelltem Blick, um ihn retten zu können. Projektionen und hohe Erwartungen prägen die Entscheidungen, die die Kinder treffen – die schlechtesten aller Motivationen.

Nicht wenige Leser werden mit der Geschichte hadern, bietet sie statt Handlung über weite Strecken Exkurse in die komplexen psychologischen Auswirkungen des Kampfeinsatzes. Dies ist Abigails Thema, ihr ganzes berufliches Dasein dreht sich um gezieltes Töten und den Umgang damit, getötet zu haben. Dies ist erforderlich, um ihre Faszination nachvollziehen zu können und auch um die Nebenfiguren besser einordnen zu können. Keine Materie, der ich üblicherweise viel Interesse entgegenbringe, die jedoch in dem Roman-Setting und vor dem Hintergrund von Israels real gegebener Bedrohungslage, durchaus einen Blick wert ist und ungeahnte Sichtweisen ermöglicht.

So wird auch das unlösbare Dilemma aufgebaut, mit dem sich Abigail schließlich konfrontiert sieht: die Expertin mit der klaren Vorstellung davon, wie man mit jungen Männern und Frauen sprechen muss, um diese von der Sinnhaftigkeit ihres Tuns in der Armee zu überzeugen, soll selbiges bei ihrem eigenen Sohn tun. Doch die Gewissheit, dass er dabei Sterben kann und womöglich das, was er erlebt, nicht so erfolgreich verarbeitet wie erforderlich, lassen plötzlich ungeahnte Zweifel wachsen.

Der Autor kann die hohen Erwartungen einmal mehr vollends erfüllen. Geschickt verbindet er Realwelt mit Fiktion und lässt es zur Eskalation kommen, der man sich auch als Leser stellen muss.

Ein herzlicher Dank geht an den Kein & Aber Verlag für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zu Buch und Autor finden sich auf der Verlagsseite.

Claudia Durastanti – Die Fremde

Claudia Durastanti – Die Fremde

Eine junge Frau zwischen den Welten. Ihre Eltern sind beide gehörlos, haben ihre eigene Sprache aber keine, die sie mit der Tochter teilen. In Brooklyn geboren wächst sie in einem süditalienischen Dorf auf, wo sie jedoch nie wirklich dazugehört. Sie weiß nicht, welcher Schicht sie angehört, verbringt die Sommer in den USA, wo sie bei den Cousinen ebenfalls eine Fremde bleibt. Auch an der Universität und später in England kann sie das Gefühl nicht ablegen, zwischen allen zu schweben und ihren Platz nicht zu finden. Sie kommt sich fast wie eine Betrügerin vor, als sie in die akademischen Kreise eindringt und verarbeitet ihre Erlebnisse und Emotionen nun literarisch, die einzige Form, die nicht in der Realwelt festgelegt ist und so auch ihr einen Heimatort liefert.

„Meine Mutter fehlte mir, wenn sie verschwand, aber sie war nebelhaft und mein Vater eine tiefschwarze Galaxie, die jede physikalische Theorie widerlegte.“

„Die Fremde“ ist Claudia Durastantis vierter Roman und scheinbar der erste, der in deutscher Übersetzung erschienen ist, obwohl die Autorin bereits mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet wurde und sie sich als Mitbegründerin des Italian Festival of Literature in London und Beraterin der Mailänder Buchmesse einen Namen gemacht hat. Der autobiografische Roman gibt Einblicke in eine außergewöhnliche Familie und einer großen Einsamkeit, die sie als Kind und Jugendliche empfunden hat.

„ich fürchtete, jemand könnte mich als das erkennen, was ich war: eine, die sich eingeschlichen hatte. Ich trug die richtigen Kleider, besaß das gleiche Telefon wie die anderen, aber ich hatte arbeiten müssen, um es mir zu beschaffen, (…)“

Wie soll man sich in der Welt zurechtfinden, wenn die Eltern in ihrer ganz eigenen leben? Claudia Durastanti schildert die Begegnung der Eltern und den Freigeist ihrer Mutter, die – als Gehörlose außerhalb aller gesellschaftlichen Normen stehen – genau das auslebt, was sie möchte, keine Grenzen und Konventionen kennt und daher frei ist von allen Zwängen, die ihre Tochter umso stärker wahrnimmt. Diese nähert sich über Familie, Orte, Gesundheit, Arbeit und Liebe immer wieder der Mutter an, die jedoch für sie wie auch für den Rest der Familie eine Fremde bleibt.

Die große Verunsicherung und Einsamkeit des Mädchens und der jungen Frau sind in jeder Zeile zu spüren, ebenso wie die Bewunderung für die Eltern, die sich scheinbar unbeschwert finden konnten, weil sie sich finden mussten. Die Autorin findet eine poetische Sprache, um die Emotionen zum Ausdruck zu bringen und die Höhenflüge der Mutter ebenso wie die Tiefen von Verwirrung und Depression akzentuiert wiederzugeben.

Obwohl stark autobiografisch schon jetzt für mich einer der vor allem sprachlich stärksten Romane des Jahres 2021.

Ein herzlicher Dank geht an den Zsolnay Verlag für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zu Buch und Autorin finden sich auf der Verlagsseite.

Dmitrij Kapitelman – Eine Formalie in Kiew

Dmitrij Kapitelman – Eine Formalie in Kiew

Nach 25 Jahren in Deutschland und der Beobachtung der unsäglichen politischen Entwicklungen insbesondere im Osten beschließt der Autor sich nun endlich um die Staatsbürgerschaft des Landes zu bemühen, in dem er aufgewachsen ist und sich zu Hause fühlt. Mit der Ukraine verbindet ihn nicht mehr viel, dennoch muss er nach Kiew reisen, um dort eine neue Geburtsurkunde und eine Apostille zu besorgen. Schon seit vielen Jahren war er nicht mehr dort, manche Straßenzüge gleichen noch jenen seiner Kindheitserinnerungen, andere sind nicht wiederzuerkennen. Er sucht die alte Wohnung seiner Familie auf, in der tatsächlich im Kinderzimmer noch immer derselbe Teppichboden liegt. Auch alte Freunde und Verwandte trifft er wieder, immer auch mit der Sprache kämpfend, die ihm fremd geworden ist. Wundersamerweise sind seine Dokumente zügig fertig und er will schon die Rückreise antreten, doch dann kündigt sein Vater sein Kommen an und macht dabei einen völlig verwirrten Eindruck. Dies bestätigt sich rasch: offenbar die Folgen eines Schlaganfalls, also muss er sich erst einmal um die Gesundheit des alten Mannes kümmern.

Kapitelmans Reise nach Deutschland beginnt wie viele in den 1990er Jahren. Als jüdische Kontingentflüchtlinge konnte die Familie in den Westen kommen, wo sich jedoch die Hoffnungen und Erwartungen nur bedingt erfüllten. Bald schon verklären die Eltern die alte Heimat, was zu einem unweigerlichen Bruch zwischen den Generationen führt: die Kinder finden sich zügig ein, leben unauffällig wie ihre deutschen Freunde, doch die Eltern bleiben immer ein Stück weit noch in der Vergangenheit verhaftet. Die Reise in das Geburtsland wird dann zu einer Entdeckungsreise in die Fremde, nicht nur Sprache fehlt, sondern auch die Gepflogenheiten müssen die Kinder sich mühsam aneignen. Kapitelman schildert dieses Erlebnis mit einem lockeren Ton, der von feiner Ironie geprägt ist, die jedoch die Zwischentöne nicht verdeckt, sondern eher noch schärft.

Zunächst dominiert der Behördenirrsinn, der als Ausgangspunkt für die Handlung dient. Sowohl auf deutscher wie auch auf ukrainischer Seite verwundert so manche Paragrafenabsurdität, hierzulande geprägt von rigider Formalität, dort von „Entdankungen“, der zufälligen Beigabe von kleinen und größeren Geldgeschenken, die Vorgänge nicht nur beschleunigen, sondern überhaupt erst ermöglichen. Die Entfremdung von der Heimat, der Verlust der Sprache – wobei dies in einem zweisprachigen Land, das sich auch noch im Krieg befindet und wo die Verwendung der „falschen“ mit nicht wenigen Vorbehalte einhergeht – die unterschiedlichen Lebensbedingungen und Lebensentwürfe: Kapitelmans schildert seine Eindrücke und Begegnungen authentisch und lebhaft und lässt den Leser an seinen Gedanken teilhaben.

Mit dem Erscheinen des Vaters verschiebt sich der Schwerpunkt, weniger die Begegnung mit dem Fremden steht im Vordergrund als viel mehr der schwierige Umgang mit dem Vater, der nicht mehr der Mann ist, den er kannte. Einfachste Fragen werden zu großen Hürden, die Hände und Füße wollen nicht mehr wie gewohnt gehorchen und die bittere Wahrheit kann kaum mehr verleugnet werden. Der Autor muss nicht nur seine Geburtsstadt neu kennenlernen, sondern auch seine Eltern, denn diese sind ebenso nicht mehr diejenigen, die sie einmal waren.

Auch wenn viele Themen eher trauriger Natur sind und nachdenklich stimmen, lebt der Roman doch von einem heiteren Ton, der insbesondere die alltäglichen Absurditäten pointiert wiedergibt. Immer wieder muss man schmunzeln, obwohl die Lage eigentlich ernst ist. Dmitrij Kapitelman gelingt so eine Liebeserklärung an Kiew und seine Bewohner und eine unterhaltsame literarische Spurensuche nach seinen Wurzeln, die er schon vertrocknet glaubte und die ihn unerwartet seinen Eltern wieder ganz nahe bringt.

Ein herzlicher Dank geht an die Hanser Literaturverlage für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zu Autor und Buch finden sich auf der Verlagsseite.

Tove Ditlevsen – Kindheit

Tove Ditlevsen – Kindheit

Tove wächst im Kopenhagen der 1920er Jahre in ärmlichen Verhältnissen auf. Der Vater ist arbeitslos, weshalb das Geld immer knapp ist und die Familie sehen muss, wie sie halbwegs über die Runden kommt. Schon früh merkt das Mädchen, dass sie irgendwie nicht in das Milieu passt, in das geboren wurde. Sie interessiert sich für Bücher und vor allem die Poesie hat es ihr angetan. Heimlich schreibt sie Gedichte und träumt davon, irgendwann einmal ihre Gedanken gedruckt zu sehen. Doch dies ist nicht sehr wahrscheinlich in einem von Gewalt und dem täglichen Kampf ums Überleben geprägten Umfeld. Ihre Kindheit, das weiß sie, ist klar begrenzt: bis zur Konfirmation und dem Abschluss der Sekundarschule, doch irgendwie lebt sie nicht jene glückliche Zeit, von der die Erwachsenen rückblickend immer berichten.

„Irgendwann möchte ich all die Wörter aufschreiben, die mich durchströmen. Irgendwann werden andere Menschen die in einem Buch lesen und sich darüber wundern, dass ein Mädchen doch Dichter werden konnte.“

„Kindheit“ ist der erste Band der Kopenhagener-Trilogie Tove Ditlevsens, einer der heute wichtigsten dänischen Autorinnen. Er entstand bereits 1967, im Aufbau Verlag erscheint nun die gesamte Reihe der Autorin, die sich mit nur 58 Jahren das Leben nahm und schon zu Lebzeiten eine Ikone vieler Frauen wurde. Sie beschreibt ihren Weg vom Arbeiterkind, das nicht einmal eine Zahnbürste hatte, bis hin zur Autorin. Im ersten Teil lernen wir das aufgeweckte Mädchen kennen, das zwar noch naiv nicht alles versteht, aber mit genauem Blick die Welt um sich bereits erfassen kann.

Dass Tove anders ist als die anderen Mädchen, zeigt sich früh. Schon vor der Einschulung kann sie lesen und schreiben. Mit dem Wechsel auf die Sekundarschule hat sei endlich auch Zugang zu einer Bibliothek, ein wahrer Traum all diese Bücher an einem Ort zu sehen, doch die altersgemäßen Werke langweilen sie, sie will das lesen, was für die Erwachsenen geschrieben wurde, denn nur dort findet sie auch die Sprache, die sie so begeistert.

„Alles, was ich tue, dient dazu, ihr zu gefallen, sie zum Lächeln zu bringen, ihren Zorn abzuwenden. Das ist eine mühsame Arbeit, weil ich gleichzeitig so viele Dinge vor ihr verbergen muss.“

Das Verhältnis zur Mutter ist schwierig, diese versteht sie nicht und kann nicht nachvollziehen, weshalb ihr Mädchen so seltsam und anders ist als die anderen. Sie gleicht viel mehr dem Vater, der ebenfalls liest und in der Literatur die Flucht aus dem tristen Alltag findet. Nichtsdestotrotz belächelt er den Wunsch des Kindes, einmal Schriftstellerin zu werden, für eine Frau zur damaligen Zeit schlichtweg unvorstellbar.

Das Leben auf engstem Raum mit den Nachbarn bietet keine Privatsphäre, jeder Streit, jede Affäre wird nicht nur von allen beäugt, sondern auch kommentiert. Schon früh werden Kinder mit Dingen konfrontiert, die eigentlich für ihre Augen und Ohren nicht bestimmt sind, aber das Konzept Kindheit hat ohnehin keinen Platz in dieser Welt der Entbehrungen, in der Lebenswege vorgezeichnet sind und Glücklichsein nur im Traum vorkommt.

Der kurze Auftakt der Biografie besticht nicht nur durch das schonungslose Offenlegen erbärmlicher Lebensumstände, sondern vor allem durch die Sprachversiertheit der Autorin, die die richtige Stimme für das Mädchen findet und ihre bedrückende Kindheit so eindrücklich schildert.