Katharina Mevissen – Ich kann dich hören

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Katharina Mevissen – Ich kann dich hören

Seit sein Bruder Willi in Kanada lebt, ist einiges aus dem Gleichgewicht geraten und als Osmans Vater, Musiker wie er, sich die Hand bricht und auf seine Schwester Elide und den Sohn angewiesen ist, muss der Student sich Fragen stellen, denen er jahrelang ausgewichen war. Warum spielt er überhaupt Cello und gibt ihm das Musizieren das, was er eigentlich möchte? Warum hat er den Absprung nicht geschafft, wie so viele andere? Als er auf der Straße ein Aufnahmegerät findet mit Aufnahmen einer jungen Frau, hat er plötzlich Zugang zu den Gedanken eines anderen Menschen, der ebenso wie er auf eine ganz eigene Weise isoliert ist und auf der Suche nach dem ist, was im Leben fehlt.

„Andere Leute wissen, was zu tun ist bei so was, die können das, gute Sätze sagen und ihre Tanten in den Arm nehmen. Ich wollte die ganze Zeit bloß weg. Wer soll das aushalten, wenn Tante Elide heult. Sie, die Einzige von uns, die alle Tassen im Schrank hat.”

Osman hat die ungewöhnliche Familiensituation nie hinterfragt. Mutter Doris hat sie als kleine Kinder verlassen und Tante Elide hat ihren Platz als weibliches Familienoberhaupt übernommen. Was sie dafür aufgegeben hat, war nie Thema, so ist das nun einmal, eine Familie hält zusammen und man tut, was getan werden muss. Träume der Frauen, Wünsche und Motive für ihr Handeln werden nicht hinterfragt, erst als alles aus den Fugen gerät, kommen auch ihre Geschichten ans Licht, ebenso wie Familiengeheimnisse, von denen die Jungs nicht einmal ahnten, dass es sie geben könnte.

Dieser schweigsamen Familie wird eine andere gegenübergestellt, zu der nur über die Aufnahmen des Bandes eine Verbindung besteht. Zwei Schwestern, eine davon gehörlos und nur über Gebärdensprache in Kontakt mit der Welt. Soll sie eine Operation wagen, die ihr das Hören ermöglicht? Was würde das bedeuten, die Menschen plötzlich anders wahrzunehmen?

Katharina Mevissen spielt in ihrem Debutroman „Ich kann dich hören“ mit den Sinnen und einer Sprache, die das transportiert, was sonst nur mitschwingt und direkt unter die Haut geht. Das Sprechen und Hören, das Schweigen und Nichthören – auf ganz unterschiedliche Weise nutzen die Figuren die Kommunikation oder verweigern sie. Viel Ungesagtes bahnt sich seinen Weg und manches kann nur Ausdruck in anderer als der verbalen Weise finden, weil die Worte fehlen oder nicht passen, um das auszudrücken, was gesagt werden soll.

Ein ungewöhnliches Buch, das berührt wie ein perfektes Musikstück und noch nachhallt, wenn man es beendet hat.

Grégoire Delacourt – Das Leuchten in mir

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Grégoire Delacourt – Das Leuchten in mir

Eine zufällige Begegnung in einer Brasserie und Emmas Leben gerät aus den Fugen. Sie sieht ihn dort und wird ihn nun täglich sehen, immer zur Mittagszeit werden sich ihre Blicke kreuzen, doch es werden Wochen vergehen, bis sie das erste Wort wechseln. Schmetterlinge kehren zurück zu der Ehefrau und Mutter, deren Leben von außen scheinbar perfekt ist mit dem liebenden Gatten und den drei wohlgeratenen Kindern. Aber es fehlt etwas, genau dieses Gefühl wieder lebendig zu sein, die Emotionen und aufsteigende Hitze, wenn sie nur an ihn denkt. Sie stellen sich vor, Alexandre heißt er, Journalist, verheiratet. Doch das spielt alles keine Rolle, denn genau für diesen Moment werden sie alles aufgeben, ihr bisheriges Leben hinter sich lassen und gemeinsam in die Zukunft gehen. Doch es gibt keine Zukunft für sie und so steht Emma plötzlich vor dem Trümmerhaufen, der mal ihr Leben war.

Der mit bereits zahlreichen Literaturpreisen geehrte Autor Grégoire Delacourt unterstreicht in seinem aktuellen Roman einmal mehr seinen Platz unter den zeitgenössischen französischen Autoren. Ihm gelingt es unvergleichlich die Emotionen seiner Figuren einzufangen und zu transportieren ohne deren Last auf den Leser zu legen. Es ist etwas bedauerlich, dass man sich für die deutsche Ausgabe für einen anderen Titel entschieden hat, denn der Originaltitel „Danser au bord de l’abîme“ drückt perfekt das aus, worüber Delacourt in seiner Geschichte schreibt: die Figuren tanzen ausgelassen am Rande des Abgrunds und drohen zu jedem Zeitpunkt abzustürzen.

„Meine künftigen Tage versprachen stürmisch zu werden. Und einer von ihnen erschütternd.“

Emmanuelle ist eine durchaus attraktive Frau Ende dreißig, ihr Mann Olivier Leiter eines großen Autohauses und die beiden Töchter Manon, 16, und Léa, 12, sowie der 14-jährige Sohn Louis sind ebenfalls eine Freude für die Eltern. Doch sie spürt, dass etwas in ihrem Leben verloren gegangen ist, etwas fehlt. Alexandre gelingt es, wieder etwas in ihr zu entzünden, das so stark leuchtet, dass sie bereit ist, dafür alles zu riskieren, alles aufzugeben. Sie macht sich die Entscheidung nicht leicht, man folgt ihren Gedanken und kann sie verstehen. Die Vorwürfe, die sie sich selbst macht, die Kinder zu verlassen, ihr Leben zu zerstören, das Hadern und Zaudern und doch zu wissen, dass sie nicht anders handeln kann, denn ihre Liebe zu Olivier findet nicht mehr in der Gegenwart statt.

Doch dann kurz bevor das Glück kaum größer sein könnte, lässt Delacourt seine Protagonistin fallen, tief fallen. Plötzlich sieht sie sich alleine auf einem Campingplatz mit anderen vergessenen Figuren. Der Frühling geht in den Sommer und den Herbst über und erst nach dem Winter findet sie zurück zu ihrer Familie, die nicht mehr dieselbe ist. Der Autor folgt mit seiner Sprache der Emotionen der Figur, wurden im ersten Teil noch überschäumend die Emotionen ausgelebt, werden die Sätze kürzer und schlichter in der Zeit der Trauer. Dabei umschifft er jede Gefahr von Kitsch, dem eine solche tragische Liebesgeschichte erliegen könnte. Viel mehr zeigt er, dass nur dadurch, dass Emma wieder aufgelebt ist, sie sich wieder lebendig fühlte, sie auch so hart vom Schicksal getroffen werden konnte und der Fall so tief war. Delacourt hat den entscheidenden Moment im Leben seiner Figur überzeugend und ausdrucksstark umgesetzt.

Dana von Suffrin – Otto

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Dana von Suffrin – Otto

Der Vater liegt im Krankenhaus, einmal wieder, wechselt zwischen Intensivstation und anderen Abteilungen hin und her. Seine Töchter Timna und Babi besuchen ihn täglich, auch wenn es nicht immer etwas Neues gibt, aber so ist das nun einmal in jüdischen Familien und der Vater weiß, wie er moralischen Druck auf seine Kinder ausüben kann. Einfach war er ohnehin nie, aber sein Leben war auch nicht leicht. In Rumänien geboren, den Holocaust überlebt, nach Israel umgesiedelt nachdem die Kommunisten das Land übernommen haben. Dort vier Mal das junge Land verteidigt, bevor er in die Heimat der Verbrecher zog, um eine Familie zu gründen. Alt geworden benötigt er seit Jahren Unterstützung im Alltag, um die sich eine Ungarin kümmert, die immer noch kein Wort Deutsch versteht. Doch was bleibt von ihm, wenn er einmal nicht mehr ist, wer erinnert sich noch an seine Geschichte?

Dana von Suffrins Debut erzählt die Geschichte eines Lebens, einer Familie, mal komisch, mal traurig, nicht entlang chronologischer Linien, sondern eher wie ein Familienalbum, aus dem die Bilder herausgefallen sind, die nun einzeln aufgelesen und betrachtet werden und dabei Erinnerungen wecken. So setzt sich langsam das Bild eines Lebens zusammen, das ebenfalls von Diskontinuität geprägt war und fraglos seine Spuren in der Persönlichkeit hinterlassen hat.

Ottos älteste Tochter aus zweiter Ehe erzählt die Geschichte aus ihrer Perspektive. Auch wenn der Vater kein leichter Charakter ist, spürt man doch auch unabhängig von dem offenkundigen Druck, den er auf sie ausübt, wie sehr sie an ihm und seinen Geschichten hängt. Trotz seines verqueren und bisweilen hochgradig bedenklichen Verhaltens lässt sie nichts auf ihn kommen, vor allem nicht, wenn ihr Freund Tann die unzähligen Besuche kritisiert. Blut ist dann dicker als Wasser und jüdische Familien funktionieren nun einmal anders als christliche, auch wenn das Jüdischsein sich im Laufe der Jahrzehnte mehr als verflüchtigt hat. Otto ist wohl das, was man mit Fug und Recht ein original nennen kann. Mal bedient er alle jüdischen Klischees – Geiz! Der sogar so weit geht, nicht Mitglied der jüdischen Gemeinde zu werden, um den Beitrag zu sparen – mal merkt man, wie ihm die Tatsache zusetzt, dass sich sein Leben dem Ende nähert und ihn die Frage, was von ihm bleibt, umtreibt.

Der Autorin ist ein heiter-melancholischer Ton gelungen, der hervorragend zur Erzählung passt. So kommt das Spannungsverhältnis zwischen familiären Verpflichtungen, die man bisweilen nur widerwillig erledigt, und Zuneigung hervorragend zum Ausdruck. Eine berührende Geschichte, die jedoch nicht bedrückt.

Stina Jackson – Dunkelsommer

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Stina Jackson – Dunkelsommer

Norrland, weit oben im schwedischen Norden. Zwei Menschen sind auf der Suche. Lehrer Lelle such Lina, seine Tochter, die vor drei Jahren spurlos von der Bushaltestelle verschwunden ist, an der er sie morgens abgesetzt hatte. Die 17-jährige Meja sucht nur nach einem normalen Leben. Mehr als 30 Mal ist sie mit ihrer Mutter Silje bereits umgezogen, von einem Liebhaber zum nächsten, jetzt also in den Norden zu Torbjörn. Die dunklen Wälder machen dem Mädchen aus dem Süden Angst, auch Torbjörn kann sie nur schwer einschätzen, doch bald schon findet sie in den Brüdern Carl-Johan, Göran und Pär Freunde, mit denen sie die langen Sommertage verbringt. Sie sind anders, ihre Eltern leben abgeschieden auf einem Hof und versorgen sich selbst, meiden die Gesellschaft. Als von einem Campingplatz ein Mädchen verschwindet, wird Meja zum ersten Mal mit der dunklen Seite der Gegend konfrontiert. Wieder ein 17-jähriges Mädchen, wieder gibt es keine Spuren, ist sie auch in Gefahr?

Das Debut der gebürtigen Schwedin Stina Jackson, die seit zehn Jahren jedoch bereits in den USA lebt, ist geprägt von der düsteren Stimmung des wenig besiedelten schwedischen Nordens. Entweder die Figuren leben völlig im Einklang mit der Natur oder diese breitet ihre Düsterheit und ihren Schrecken über ihnen aus. Atmosphärisch überzeugend hat die Autorin ihre Story in die wenig idyllische Umgebung eingebaut und erzeugt selbst in friedlichen Situationen ein gewisses Unbehagen.

Die beiden Handlungsstränge um Lelle und Meja werden parallel erzählt. Jede Nacht macht sich der trauernde Vater auf, um die Gegend nach Spuren von Lina abzusuchen, jede Nacht aufs Neue begegnet er potenziellen Tätern, jede Nacht kehrt er mit leeren Händen zurück. Seine Trauer ist überwältigend, fordert ihn völlig bis zur absoluten Belastungsgrenze, doch er gibt nicht auf. Man fühlt sein Leid und wünscht ihm so sehr, dass er endlich Frieden findet. Meja bemitleidet man gleichermaßen, ihre familiäre Situation ist mehr als prekär und man erhofft für das Mädchen, endlich entfliehen zu können. Mit der Begegnung mit den drei Jungs scheint zum ersten Mal so etwas wie Normalität in ihr Leben zu treten, auch wenn der Familie sehr seltsame Prepper zu sein scheinen und sich täglich mit Verschwörungstheorien beschäftigen.

Beide Figuren sind authentisch gezeichnet, vor allem ihr Schmerz bzw. die Einsamkeit der beidem wird deutlich. Dass sich ihre Wege kreuzen müssen, liegt auf der Hand. Die Auflösung des Falles wird ebenfalls überzeugend angebahnt und zu einem sauberen Schluss gebracht. Die Geschichte lebt nicht von nervenzerreißender Hochspannung, sondern wird von den Emotionen der Figuren getragen und besticht durch die düstere Atmosphäre, die sich mit Eintritt des Herbstes noch deutlich verstärkt. Eine rundherum stimmige Erzählung, die die Erwartungen an weitere Romane der Autorin hochschraubt.

Ein herzlicher Dank geht an das Bloggerportal für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zu Autorin und Buch finden sich auf der Seite der Verlagsgruppe Random House.

Caroline Mitchell – Silent Victim

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Caroline Mitchell – Silent Victim

Eigentlich ist das Leben von Emma und Alex perfekt, beide sind in ihrem Job erfolgreich und mit Jamie haben sie einen bezaubernden Sohn. Als Alex die Chance erhält beruflich aufzusteigen und dafür in seine Heimatstadt Leeds zurückzukehren, können sie auch endlich Emmas gruseliges Haus loswerden. Doch bevor sie das Anwesen verkaufen können, muss Emma im wahrsten Sinne des Wortes noch eine Leiche ausgraben, denn vor Jahren hat sie ihren Stalker erschlagen und heimlich begraben. Doch als sie jetzt zur Stelle zurückkehrt, ist kein Leichnam zu finden – wie auch, Luke ist ausgesprochen lebendig und sinnt auf Rache.

Caroline Mitchell erzählt die Geschichte auf mehreren Zeitebenen, so dass sich dem Leser erst langsam enthüllt, was geschehen ist. Die Spannung liegt jedoch hauptsächlich darin, inwieweit die Figuren sich gegenseitig täuschen und wem sie Glauben schenken wollen, vor allem Emmas Ehemann gerät in die Mühle von Lügen und Geheimnissenund weiß bald nicht mehr, wem er noch trauen kann.

Der Spannungsaufbau hat mir gut gefallen, die Handlung löuft stetig auf einen Höhepunkt zu, der die finale Entscheidung herbeiführen wird. Am meisten hat mich Emmas Geschichte als Schülerin, die von ihrem Lehrer heimtückisch verführt wird, gefallen, leider erscheint mir auch sehr glaubwürdig, wie ihr als Opfer nicht geglaubt wird und sie dadurch gleich doppelt gestraft wird und ihr Peiniger sie in der Hand hat. Auch Lukes Rückkehr ist insgesamt überzeugend gestaltet.

Die Figurenzeichnung war jedoch nicht ganz stimmig für meinen Geschmack. Emma ist überzeugend, aber Alex war für mich nicht ganz glaubwürdig, zum einen scheint er ein knallharter Geschäftsmann, als Ehemann wirkt er aber schwächlich bis dümmlich und kann seine Position in keine Hinsicht vertreten. Mal sorgt er sich vorgeblich um seine Frau, dann handelt er aber völlig widersinnig. Auch Emmas Schwester hatte so manche Unstimmigkeit aufzuweisen. Hinzu kommt leider auch die manchmal unglückliche Übersetzung, die den Text etwas holpern lässt, weil die Wortwahl sich einfach undeutsch anhört. Insgesamt lesenswert und spannend, aber mit kleinen Schwächen.

Claire McGowan – Blackwater

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Zehn Jahre sind vergangen, seit Zoe tot aufgefunden wurde. Ihr Vater ist daran zerbrochen, ihre Mutter hat Blackwater verlassen und Paul hat seine Strafe für den Mord abgesessen. Doch jetzt taucht plötzlich eine junge Frau an Zoes Elternhaus auf und behauptet ebendiese Zoe zu sein. Wie kann das sein? Ihr Onkel und ehemaliger Polizist Phil hatte sie eindeutig identifiziert, ihr glitzerndes Partykleid, das sie zum Feiern an ihrem letzten Abend trug, war auch sehr ausgefallen, so dass eine Verwechslung ausgeschlossen war. Es dauert nicht lange, bis Zweifel an den damaligen Ermittlungen aufkommen, hatte man Paul zu schnell verurteilt und er unschuldig Jahre im Gefängnis gesessen? Stellt sich die Frage, wer die tote Frau dann war und wo Zoe in den letzten Jahren war.

Claire McGowan hat die Geschichte exklusiv für das Radioprogramm der BBC geschrieben, die bereits auch mehrere ihrer Romane für das Radio adaptiert hat. Die Handlung ist ausgesprochen kompakt und damit perfekt als Hörbuch, die Anzahl der Figuren bleibt überschaubar und auf Nebenhandlungen wird weitgehend verzichtet. Nichtsdestotrotz bietet die Story einiges an Spannung und kann durch eine clevere Konstruktion, die sauber aufgelöst wird, überzeugen.

Aktuell unter BBC Sounds noch zum Nachhören verfügbar.

Pascal Ruter – Monsieur Bonheur geht auf Reisen

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Pascal Ruter – Monsieur Bonheur geht auf Reisen

Nur weil er schon 85 ist, heißt das doch noch lange nicht, dass er keinen Neustart in seinem Leben mehr machen kann, oder? Kurzentschlossen lässt sich Napoléon von seiner Joséphine scheiden und fordert seinen Enkel Coco auf, gemeinsam mit ihm das Haus zu renovieren. Dies ist erst der Anfang für eine ganze Reihe von Abenteuern, die der 10-jährige seinem Freund Alexandre Rawcziik berichtet. Mal endet die Geschichte mit dem im Kofferraum eingeschlossenen Großvater, mal muss die Feuerwehr in letzter Sekunde eingreifen. Dazwischen erinnert sich Napoléon immer wieder an seine große Zeit als Boxer, die ein jähes Ende mit der Niederlage gegen Rocky nahm. So sehr er seinen Großvater liebt, zunehmend beunruhigen Coco die Erinnerungslücken und das seltsame Verhalten des alten Mannes, den er liebevoll „Kaiser“ nennt. Er ist zu seinem letzten Kampf angetreten:

„So fing die letzte Schlacht meines Kaisers an, was für eine ungleiche Schlacht! Der Feind war nicht zu fassen. Er kannte die Schwachstellen und traf zielsicher dorthin. Es ging gegen den Körper, den Kopf, das Herz. Er wusste, welche Schläge schmerzten, entmutigten oder demütigten; er beherrschte das gesamte Spektrum des Spiels bis zur Perfektion, konnte ebenso gut ausweichen wie antäuschen und genehmigte Napoléon keine Verschnaufpause. Tag und Nacht, beständig setzte er Napoléon zu.”

Pascal Ruter unterrichtet als Französischlehrer an einem Collège in Paris und wurde in Frankreich vor allem durch seine Kinderbücher bekannt. „Monsieur Bonheur geht auf Reisen“ ist eine bittersüße Geschichte über den langsamen aber unaufhaltsamen Verfall des geliebten Großvaters, aus Sicht des Enkels beschrieben, was die grausame Realität, die Cocos Vater nicht entgeht, durch den naiven Blick deutlich abmildert. Vom Stil erinnerte mich das Buch ganz eindeutig an Fredrik Backmans Ove oder auch an die Bücher von Antoine Laurain.

Ist man zunächst noch amüsiert von den Eskapaden und Ansichten des alten Mannes – eine minutiös geplante Entführung, der Sohn, der offenkundig bei so vieler Lernerei auf die falsche Bahn geraten sein muss, das Aufmischen des Krankenhauspersonals nach dem Bruch eines Rückenwirbels – wird doch bald das Ausmaß ersichtlich und kann sich auch dem Enkel nicht mehr verbergen:

„Mein Kaiser war in Bestform. Doch schon bald bemerkte ich, dass der Arm, mit dem er sich auf der Lehne abstützte, kaum merklich zitterte. Sein Lächeln war leicht angespannt, und winzige Schweißperlen glänzten auf seiner Stirn. Ich hatte ein hübsches Bild meines Kaisers vor mir, wollte aber nicht, dass ebendieses Bild vor meinen Augen zerfiel.”

Doch bevor der alte Junge sich final geschlagen gibt, muss er noch die Geheimnisse loswerden, die er ein Leben lang mit sich herumgetragen hat, und er muss noch einmal an den Strand, an den ihn so viele Erinnerungen mit der geliebten Joséphine verbinden.

Auch wenn die Geschichte einer gewissen Melancholie nicht entbehrt, legt man sie am Ende doch beseelt und irgendwie glücklich beiseite.

Édouard Louis – Wer hat meinen Vater umgebracht

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Édouard Louis – Wer hat meinen Vater umgebracht

Wer die Bücher „En finir avec Eddy Belleguele“ (Das Ende von Eddy) oder „Histoire de la violence“ (Im Herzen der Gewalt) gelesen hat, weiß, dass Édouard Louis aus schwierigen Verhältnissen stammt und insbesondere die Beziehung zu seinem Vater nicht einfach war. In seinem kurzen Buch analysiert er nun genau jene von Verachtung und Ringen um Anerkennung und Liebe geprägte Beziehung.

Als Kind buhlt er um die Beachtung durch seinen Vater, will so sein, wie der Vater sich seinen Sohn wünscht, dessen Ideale und Werte erfüllen. Doch früh schon scheitert er. Eddy ist unverkennbar anders und kann dieses Anderssein nicht ablegen. Von den Eltern schlägt ihm dafür bestenfalls Verachtung und Ignoranz entgegen, bisweilen auch offener Hass:

 „(…) sie hatte das schon oft gesagt, aber noch nie so hart und so direkt, bislang noch nicht –, sie sagte: Warum bist du nur so? Warum führst du dich die ganze Zeit so auf, als ob du ein Mädchen wärst? Das ganze Dorf sagt schon, du bist eine Schwuchtel, was glaubst du, wie wir uns schämen, alle lachen über dich.”

So wenig die Eltern ihn verstehen, so schwer fällt ihm als Kind und Jugendlicher die Vorbilder, die für ihn keine sein können, zu verstehen. Erst als Erwachsener versteht er die Mechanismen, die in seinem Elternhaus griffen. Der Vater, der früh die Schule verlies und erwachsen sein musste, um Geld zu verdienen und der Gewalt im eigenen Elternhaus entfliehen zu können, der gar nicht erst die Chance bekam, Träume zu entwickeln.

„Du warst ebenso das Opfer der Gewalt, die du ausübtest, wie derjenigen, der du ausgesetzt warst.”

Die Gewaltspirale reproduziert sich in den Kindern und so kann der Vater gar nicht anders als das zu leben, was er selbst kennengelernt hat.

„Als ich neulich einem Freund von dir erzählte, sagte er: »Dein Vater wollte nicht von seiner Vergangenheit erzählen, weil diese Vergangenheit ihn daran erinnert, dass er jemand anderes hätte werden können und nicht geworden ist.« Vielleicht hat er recht.”

Mit dem Verständnis wächst aber auch die Wut, dies sich nun nicht gegen den Erzeuger, sondern gegen den französischen Staat richtet, der Menschen wie sein Vater im Stich lässt. Nach einem Arbeitsunfall nun sehr eingeschränkt, sieht er sich dem System gnadenlos ausgeliefert und muss sich als Sozialschmarotzer beschimpfen lassen.

Wieder sind es starke Emotionen, die den Text von Édouard Louis prägen, doch im Gegensatz zu seinen zwei belletristischen Büchern fällt es mir in diesem Essay deutlich schwerer, Mitgefühl zu empfinden. Zu plakativ erfolgt die Anklage am Ende. Es ist erfreulich zu sehen, dass es ihm gelingt, sich mit seinem Vater zu versöhnen, indem er erkennt, dass dieser nicht aus seiner Haut heraus kann und in einem Leben feststeckt, dass vielleicht auch nicht seins ist. Die Tirade auf der Herrschenden mag sachlich bezogen auf die Argumente richtig sein, aber Édouard Louis hat bessere Möglichkeiten, die bestehenden Verhältnisse zu kritisieren – und zu verändern! – als dieses fast reißerische Pamphlet.

Sayed Kashua – Lügenleben

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Sayed Kashua – Lügenleben

Sein Vater liegt im Sterben. Eilig hastet der Ich-Erzähler aus Illinois zurück nach Israel, um ihn noch einmal zu sehen, vielleicht sogar endlich die Dinge auszusprechen, über die sie seit vierzehn Jahren geschwiegen haben. Die Mutter gibt ihm den Schlüssel zum elterlichen Haus, damit er in seinem alten Zimmer übernachten kann, doch er kann nicht zurück in das Dorf, aus dem man ihn verstoßen hat. Erst musste er mit seiner Frau Falestin nach Jerusalem fliehen, dann sind sie nach Amerika ausgewandert, wo man ihr eine Dozentenstelle angeboten hat. Mit der Rückkehr kommen auch die Erinnerungen wieder auf, an seine Zeit als arabischer Journalist für eine hebräische Zeitung, als Ghostwriter für Autobiografien und als Schriftsteller, der eine Kurzgeschichte in einer Studentenzeitung veröffentlichte. Und das Unheil, das es damit nahm.

Sayed Kashua lebt heute in den USA, nachdem er als Kolumnist für die „Haaretz“ gearbeitete hatte und sich einen Namen als Drehbuchautor und Filmkritiker gemacht hatte. „Lügenleben“ ist das fünfte Buch des arabischstämmigen Israelis und zugleich das letzte Übersetzungswerk von Mirjam Pressler, das sie kurz vor ihrem Tod im Januar 2019 noch beendete.

Wie auch andere seiner Romane trägt auch der aktuelle Roman autobiografische Züge und thematisiert nicht nur das schwierige Verhältnis von jüdischen und arabischen Israelis miteinander, sondern auch die Familienzwänge und Traditionen, aus denen es vor allem in ländlichen Gebieten kein Entkommen zu geben scheint. Die Kinder haben sich dem Diktat der Eltern, Dorfältesten und Scheichs zu fügen – egal, ob die Urteile gerecht und richtig sind oder nicht.

Die Erinnerungen des Erzählers folgen keiner chronologischen Struktur und so bleibt lange offen, was es genau war, das zu seiner Vertreibung geführt hat. Auch das seltsame Verhältnis zu seiner Frau Falestin ist eher mysteriös denn nachvollziehbar. Sie leben in zwei Wohnungen, ein echtes Familienleben scheint es nicht zu geben. Auch die drei Kinder erhalten keine Antworten auf ihre Fragen – alles, was die Familie und die Zeit vor der Flucht aus dem Dorf betrifft, bleibt nebulös. Dabei liebt er, bewundert Falestin, aber diese weist ihn ab, akzeptiert ihn jedoch als ihren Mann. Erst nach und nach fügt sich das Bild zusammen und offenbart ein trauriges Schicksal, das man so in der Gegenwart kaum mehr glauben mag.

Ein vielschichtiger Roman, der persönliches Leid, Familie und Tradition, die politische Lage in Israel und auch Emigration und Flucht thematisiert und vor allem die innere Zerrissenheit einer ganzen Generation offenbart, die doch nur glücklich und in Sicherheit leben möchte und auf der Suche hiernach getrieben ist und weder eine klare Vergangenheit noch eine Zukunft zu haben scheint. Und es ist vor allem die Frage danach, was Wahrheit ist und was sie ausmacht und inwieweit wir uns unsere eigene Wahrheit gestalten, um uns in unserem Leben zurechtzufinden. Ein großartiger Roman, ganz sicherlich auch wegen der hervorragenden Übersetzerin.

Ein herzlicher Dank geht an den Piper Verlag für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zu Autor und Titel finden sich auf der Verlagsseite.

Judith W. Taschler – Das Geburtstagsfest

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Judith W. Taschler – Das Geburtstagsfest

Eine große Überraschung haben Jonas, Simon und Lea für den 50. Geburtstag ihres Vaters geplant. Über viele Wochen haben sie Stillschweigen vereinbart und auch die Mutter nicht eingeweiht und dann ist der 17. Juni da und ebenso der unerwartete Gast: in Amerika haben sie Tevi Gardiner ausfindig gemacht, die Frau, der ihr Vater Kim Mey einst in Kambodscha das Leben gerettet hat. Mutter Ines traut ihren Augen kaum, das Mädchen, das ihre Mutter damals mit ihrem heutigen Mann als Flüchtlingskinder aufgenommen hat, steht plötzlich vor ihr. Und Kim ahnt, dass ihn die schlimmsten Heimsuchungen nun ereilen. Jahrzehntelang hat er erfolgreich verdrängt, was war, doch nun muss er sich seiner Vergangenheit stellen.

Die Glauser Preisträgerin Judith W. Taschler schafft es immer wieder mit schweren Stoffen zu begeistern. In „Das Geburtstagsfest“ schildert sie nicht nur eine tragische unerfüllte Liebe, sondern auch die Wohl schlimmste Zeit in dem südasiatischen Land: die Schreckensherrschaft der Roten Khmer und wie auch Kinder unweigerlich in den Konflikt gezogen wurden und Erfahrungen machen mussten, die sie auch Jahrzehnte später noch in ihren Alpträumen verfolgen.

So wie die Gedanken nach und nach aus den Untiefen des Gehirns plötzlich wieder ins Bewusstsein treten, erzählt die Autorin ihren Roman. Einerseits verlaufen die Tage um das Jubiläumsfest, immer wieder werden diese aber durch die Erinnerungen an die Zeit der 70er Jahre in Kambodscha unterbrochen. Sie schenkt ihren Charakteren nichts und scheut auch nicht davor zurück, größte Gräueltaten ungeschönt zu beschreiben. Was hätte es auch für einen Sinn die Realität zu verfremden? Kim Mey muss sich dem stellen, was er getan hat und ebenso wie Tausende andere auch, war er bereit zum Äußersten zu gehen, um sein eigenes Leben zu retten. Aber Taschler wird nicht plakativ schwarz-weiß in ihrer Darstellung, gerade die Zerrissenheit des jungen Kim ist ihr hervorragend gelungen. Der Junge, der Unrecht erkennt und versucht, sich zwischen den Fronten zu bewegen und denen, die ihm zuvor geholfen haben, nun auch entgegenzukommen, obwohl dies bei Tode verboten ist, muss damit leben, Entscheidungen getroffen zu haben, die falsch waren.

Ein gelungener Roman, der ein langsam aus dem Bewusstsein verschwundenes Grauensregime nochmals aufleben lässt und die private Seite von Terror beleuchtet. Kein leichter Stoff, aber unbedingt lesenswert.