Raffaella Romagnolo – Dieses ganze Leben

Raffaella Romagnolo – Dieses ganze Leben

Paola Di Giorgi ist ein typischer Teenager, sie findet sich hässlich, übergewichtig und mit einem Pferdegesicht. Mit ihrer Mutter liegt sie im Dauerclinch und mit den Mädchen aus der Schule kann sie auch nichts anfangen, weshalb sie einfach aufhört, mit ihnen zu reden. Nur ihr jüngerer Bruder, Riccardo genannt Richi, versteht sie, dabei versteht er eigentlich nicht so viel mit seiner Behinderung. Bei ihren täglichen Spaziergängen gehen sie auf die Suche nach dem wahren Leben, das sie in ihrer Villa nicht finden. So landen sie auch in der Margeriten-Siedlung, die Costa Costruzioni, die Firma ihrer Eltern, gebaut hat. Dort machen sie mit den Brüdern Antonio und Filippo nicht nur neue Bekanntschaften, sondern entdecken auch ungeahnte Geheimnisse ihrer Familie.

Raffaella Romagnolo hat einen coming-of-age Roman über ein wütendes Mädchen verfasst und greift dabei eine ganze Reihe für Jugendliche essentielle Themen auf: Schönheitsideale, Akzeptanz von sich selbst, Anderssein, Erwartungen der Eltern, aber auch gesellschaftlich relevante Fragen wie der Umgang mit Menschen mit Behinderungen. Paola ist nicht immer einfach auszuhalten, zugleich tut einem das Mädchen aber auch leid, unverstanden und unsicher wie sie ist.

Lakonisch und idiosynkratisch – so das Urteil eines Psychologen, zu welchem Mutter Di Giorgi ihre Tochter wegen ihres selbstgewählten Mutismus zwingt. Zwischen den Generationen herrscht Schweigen, zu verstockt sind beide Seiten, was der Teenager jedoch nicht sehen kann, ist, dass auch die Mutter Sorgen mit sich trägt, die auch durch ein wohlhabendes Leben in Villa und scheinbar ohne beruflichen Stress nicht verschwinden, sondern schon seit Jahrzehnten belasten.

Richi ist nicht der Junge, den die Eltern sich gewünscht hatten, mit seiner Behinderung erfüllt er nicht die Erwartungen. In Filippo findet er unerwartet einen Freund, der in ihm schlicht den Jungen sieht, der er ist und ihn nicht über Äußerlichkeiten definiert. Die Eltern, insbesondere die Mutter, erscheinen grausam in ihrer Haltung, Paolas Unverständnis ist mehr als nachvollziehbar. Im Laufe der Handlung entwickelt sich jedoch ein differenzierteres Bild, denn so simples wie es zunächst scheint ist die Lage nicht.

Ein ganzes Leben – wann ist es vollständig, wann ist es wertvoll, wie geht man mit dem um, was einem in die Wiege gelegt wurde und mit der Familie, in die man hineingeboren worden ist? Ein Roman über das Erwachsenwerden, aber auch über die Fähigkeit Empathie zu zeigen und über den eigenen Schatten zu springen. Nicht immer leicht zu lesen, aber man entwickelt immer mehr Sympathien für das wütende Mädchen, das lange Zeit nicht aus seiner Haut kann und eigentlich doch nur ein wenig Zuneigung bräuchte.

Ein herzlicher Dank geht an den Diogenes Verlag für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zu Buch und Autorin finden sich auf der Verlagsseite.

Meg Wolitzer – Das ist dein Leben

Meg Wolitzer – Das ist dein Leben

Dottie Engels ist in den 1980ern alleinerziehende Mutter zweier Töchter und ein Star am Comedy Himmel. Überall erkennt man sie sofort, extrovertiert wie sie ist, wird sie sofort zum Zentrum jeder Gesellschaft. Erica und Opal müssen häufig auf sie verzichten, während Dottie in Los Angeles auf der Bühne steht, werden sie von Babysittern, die sich jedoch kaum um sie kümmern, in New York betreut. Was Dottie zu ihrem Markenzeichen gemacht hat – der selbstironische Umgang mit ihrem Übergewicht und dem offenkundig weit entfernten Schönheitsideal – wird für die 16-jährige Erica zunehmend zum Problem. Sie kann mit ihrem Körper nicht so entspannt umgehen wie die Mutter, mehr und mehr zieht sie sich zurück, bis irgendwann der völlige Bruch kommt. Auch für Opal und Dottie beginnen schwere Zeiten, als der Publikumsgeschmack sich ändert und der Stern der Mutter langsam sinkt.

Meg Wolitzer ist erst in den letzten Jahren in Deutschland als Autorin der Durchbruch gelungen, „Das ist dein Leben“ hat sie im Original schon 1988 veröffentlicht und man merkt dem Roman an, dass er noch nicht über die sprachliche Raffinesse und die überzeugende Figurenzeichnung verfügt, mit denen ihre späteren Romane „The Interestings“, „Belzhar“, „Die Ehefrau“ oder „The Female Persuasion“ mich restlos begeistern konnten.

Im Zentrum steht die Beziehung zwischen Mutter und den Töchtern. Dottie liebt diese über alles, trotz ihrer häufigen Abwesenheit wird sie ihrer Rolle als schützende Mutter gerecht, allerdings kann sie auf die zunehmenden Depressionen Ericas nicht wirklich reagieren. Opal, die 5 Jahre jünger ist, vergöttert die Mutter, was auch zu dem Auseinanderdriften der Schwestern führt. In Opal und Erica werden zwei gänzlich verschiedene Seiten von femininer Jugend aufgezeigt, die sich jedoch um die zentralen Aspekte des Umgangs mit dem eigenen Körper und auch den innerfamiliären Beziehungen drehen.

Es ist ein Roman seiner Zeit, das Kabelfernsehen mit seinen eigenen Regeln gibt es in der Form heute nicht mehr, auch die später gerade in New York zentrale Drogenproblematik, die ebenfalls aufgegriffen wird und vor allem der Lebensstil mit Fast Food und ohne die geringste Rücksichtnahme auf Körper und Gesundheit sind heute für Personen des Showbiz und öffentlichen Lebens kaum mehr vorstellbar.

Thematisch hat der Roman vieles zu bieten, nichtsdestotrotz konnte er mich leider nicht im erwarteten Maße für sich gewinnen. Es liegt eine Schwermut über der Handlung, die bisweilen erdrückend wirkt, so manche Länge forderte auch die Geduld heraus.  Auch die Figuren blieben mir oft zu eindimensional und reduziert auf wenige Aspekte, um überzeugend zu wirken.

Amélie Nothomb – Les Aérostats

Amélie Nothomb – Les aérostats

Jeder kann zum Leser werden, oder? Die Literaturstudentin Ange Daulnoy wird als Nachhilfelehrerin für den 16-jährigen Pie engagiert, der nach Auskunft des Vaters nicht lesen kann. Das kann dieser sehr wohl, er hat nur keine Lust darauf; doch die nur unwesentlich ältere Tutorin bringt ihn dazu, die Pflichtlektüre Le rouge et le noir zu lesen – ein Mädchenbuch wie er spöttisch bemerkt. Sein Interesse gilt den Waffen, weshalb er kurzerhand als nächstes zur Ilias verdonnert wird, die er mit Begeisterung verschlingt und sich auch eine fundierte Meinung bilden kann. Nach und nach arbeiten sie sich durch den Kanon und eine immer tiefere Freundschaft bildet sich zwischen den beiden Außenseitern. Pie hat den Eindruck gar nicht zu leben und wie seine Eltern lebendig tot zu sein, Ange leidet darunter, an der Uni quasi unsichtbar zu sein und nicht wahrgenommen zu werden. Mit jedem Buch verändern sie sich und entwickeln sich weg von den Figuren, die sie zu Beginn waren.

Amélie Nothombs 29. Roman wurde von den französischen Literaturpreisen 2020 durchgängig ignoriert, dabei huldigt er der Literatur wie kaum ein anderer. Es geht ums Lesen, ums Reden über das Lesen und um die Welt im Buch und draußen vor der Tür. Es ist eine eigene Welt, in die Ange Pie einführt und um nicht nur eine Tür zu seiner Phantasie, sondern auch aus seinem Leben öffnet – viel mehr als sie erwartete und beabsichtigte. Aber es ist auch eine Geschichte von der Liebe und vom Erwachsenwerden und von einsamen Seelen, die sich dank der Welt der Bücher begegnen. Ein typisch Nothomb’sches Ende sorgt erwartungsgemäß dafür, dass nicht zu viel Glückseligkeit herrscht und holt einem auf den nackten Boden der Tatsachen zurück.

Elena Ferrante – Das lügenhafte Leben der Erwachsenen

Elena Ferrante – Das lügenhafte Leben der Erwachsenen /The Lying Life of Adults

Giovanna ist entsetzt, als sie ihre Eltern belauscht und hört, wie ihr geliebter Vater über sie sagt, dass sie hässlich sei und immer mehr ihrer Tante Vittoria gleiche. Die 13-jährige ist verstört, ja, sie hat zuletzt nicht mehr so fleißig gelernt wie früher und gerät zunehmend mit den Eltern in Streit. Bis dato glaubte sie jedoch, dass sie hübsch sei. Ihre Tante ist eine persona non grata, wie eigentlich die gesamte Verwandtschaft väterlicherseits, die in einem Stadtteil Neapels lebt, den die Familie nie aufsucht. Nach dem Eklat jedoch will Giovanna wissen, wer diese Tante ist, von der sie nur Schlechtes gehört hat. Obwohl sie zunächst von der ungewöhnlichen, lauten Frau verschreckt ist, übt diese doch auch eine ungewöhnliche Anziehungskraft auf das Mädchen aus und setzt so die schlimmsten Befürchtungen der Eltern in Gang.

Nachdem Elena Ferrante mit ihrer neapolitanischen Saga weltweit für Furore gesorgt hat, hängt die Messlatte natürlich hoch. Schon „Lästige Liebe“ konnte mich leider nicht so begeistern wie die Tetralogie um die beiden Freundinnen. In „Das lügenhafte Leben der Erwachsenen“ erkennt man die einzigartige Erzählstimme der Autorin gleich wieder, dies ist einerseits natürlich toll, weil man sich direkt wieder zu Hause fühlt und ein wenig jenes Flair aufkommt, das einem bereits begeistern konnte. Andererseits ist das aber für mich auch ein klarer negativer Punkt, denn man hat den Eindruck das alles schon einmal gelesen zu haben. Zu vieles erinnert in Giovanna und Vittoria an Elena und Lila.

Der Roman ist routiniert erzählt, der Spannungsbogen ist perfekt aufgezogen, die Entwicklung des Mädchens vom aufmüpfigen Teenager zur selbstbestimmten jungen Frau mit eigenem Kopf ist wunderbar orchestriert. Der Kontrast zwischen den konservativen Eltern und der unkonventionellen Tante, der dann doch mit Entdeckung der Lügen in Wanken gerät, ist durchaus auch überzeugend gelungen. Nichtsdestotrotz fehlte mir das Neue, Unbekannte, die unerwartete Wendung, der verblüffende Charakterzug. Mein Urteil wäre ohne die anderen fünf Bücher der Autorin vermutlich deutlich positiver ausgefallen, so bleibt ein durchaus unterhaltsamer, aber wenig innovativer Roman.

Valerie Fritsch – Herzklappen von Johnson & Johnson

Valerie Fritsch – Herzklappen von Johnson & Johnson

Alma wächst in einer Familie des Schweigens auf. Das Leben der Eltern scheint nur hinter verschlossenen Türen vorzukommen, das Zuhause insgesamt erweckte mehr den Anschein einer Kulisse, vor der Leben eher simuliert wurde als dass es tatsächlich stattfindet. Die verrückte Mutter, die mondsüchtig des nächtens aus dem kontrollierten Alltag ausbricht, fasziniert das Mädchen, bringt dies wenigstens ein wenig Bewegung in den ansonsten stillen und nüchternen Alltag. Dieser wird auch von den Großeltern bestimmt, denen die Kriegserfahrung nicht nur in den Knochen steckt, sondern die diese regelrecht auf die Enkelin übertragen, die die Erfahrungen der älteren Generation in Alpträumen nacherlebt. Mit Friedrich erlebt sie schließlich die alles aufzehrende Liebe, Emotionen, die sie zuvor nicht kannte. Die Geburt des gemeinsamen Sohnes Emil jedoch stürzt sie zurück in eine abgeriegelte Welt, deren Grauen vor allem in ihrem Kopf stattfindet. Doch auch mit Emil stimmt etwas nicht, es dauert einige Jahre, bis das Ergebnis der Ärzte feststeht: Emil kann keinen Schmerz empfinden.

Valerie Fritsch wurde für ihren Roman mit einer Nominierung auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis 2020 honoriert. Es ist die Geschichte vierer Generationen, die durch Alma verbunden und im Schmerz vereint sind. Die Großeltern, die die schmerzlichen Kriegserfahrungen nicht überwinden konnten und versuchten, durch eigenes Schweigen die Stimmen und Bilder im Kopf mundtot zu machen. Die Eltern, die nur hinter Türen reden, aber nicht mit dem Kind. Alma selbst, für die Schweigen und Schmerz identisch werden und die beides überwinden möchte bis zu Emil, der laut, geradezu vorlaut ist und durch das fehlende Schmerzempfinden das gegenteilige Extrem darstellt.

Die grausamen Kriegserlebnisse haben den Großvater gebrochen, so sehr, dass sein Herz es nicht mehr ertragen konnte und nur noch von metallenen Klappen der Firma Johnson&Johnson am Laufen gehalten wird. So wie er innerlich beschädigt wurde, trägt sein Urenkel permanent äußerliche Bandagen als Zeichen der unzähligen Verletzungen, die dem Körper schaden, von ihm aber nicht wahrgenommen werden. Immer wieder spiegelt die Autorin die Figuren an den zentralen Elementen Schmerz und körperlicher Verletzung. Und gerade in den Sprachbildern wird der Roman herausragend, so schreibt sie etwa Alma

„wünschte sich eine Ersatzpsyche, die die Welt besser ertrug, eine Identitätsprothese, die ihr einen sicheren Schritt durch die Tage ermöglichte.“

Die unterschiedlichen Traumata schreiben sich in die Körper ein, bleiben dort als sichtbare Wunden, die sich nicht einfach kosmetisch übertünchen lassen.

Ein bildgewaltiger Roman, der dicht auf wenigen Seiten doch unheimlich viel und dies noch dazu sehr intensiv transportiert. Kein Roman, der mich emotional völlig mitgerissen hätte, sondern eher einer der Sorte, die durch Konstruktion und Sprache am Ende nachwirken und einen bleibenden Eindruck hinterlassen.

Helena Adler – Die Infantin trägt den Scheitel links

Helena Adler – Die Infantin trägt den Scheitel links

Sie ist das jüngste Kind auf dem Bauernhof, was jedoch nicht bedeutet, dass sie alles hinnimmt, was die Zwillingsschwestern und Eltern von ihr erwarten. Sie hat ihren eigenen Kopf und widersetzt sich schon als Kleinkind. Im Dorf hat sie schnell ihren Ruf weg und auch die Großmutter warnte eindringlich davor, sie aus dem Auge zu lassen. Brutal und bösartig ist das Leben am Rande eines Berges, wo statt Idyll viel mehr mit Bigotterie und Aufrechterhaltung des schönen Scheins versucht wird, die Wahrheit zu verschleiern.

So absurd der Titel und kurios das Cover, so grotesk ist auch die Geschichte des Heranwachsens, die Helena Adler erzählt. Es ist die Umkehrung des seit Jahren anhaltenden Trends zum Idyllisieren des Landlebens, wie es in Zeitschriften wie „Landlust“ und unzähligen DIY und Koch- bzw. Gemüse-Anbau-Sendungen angepriesen wird. Es ist die realisierte Hölle auf Erden mit einem starken Mädchen als Hausherrin.

Der Roman, der auf der Longlist des diesjährigen Deutschen Buchpreises steht, versetzt einem im steten Wechsel mal in puren Zorn, um sogleich wieder in abstruse Komik überzugehen. Bei der jungen Erzählerin steht zunächst noch das ewig dauernde Kampf mit den Schwestern im Vordergrund:

„Ein anderes Mal erzählen sie mir davon, dass ich als Baby wochenlang von der Muttersau gestillt wurde, weil man ohne Muttermilch nicht überlebt und die Mutter auf Kur war, um sich von meiner Höllengeburt zu erholen.“

Familie ist alles, egal wie sehr man einander verabscheut. Und zu den entsprechenden Gelegenheiten wird getan, was getan werden muss. Glücklich scheint niemand zu sein, das wurde aber auch nie versprochen. Mit herrlich pointierter Sprache setzt die Autorin dies in Szene:

„Als ich den Leichnam der Urgroßmutter noch einmal sehe, ist sie schon aufgebahrt und der gesamte genetische Rattenschwanz hat sich um ihr Totenbett versammelt.“

Mit zunehmendem Alter löst sie sich mehr und mehr von der Familie, nur um in ein fragwürdiges Milieu, in dem Diebstähle und Drogenkonsum angesagt sind, überzusiedeln. Sie versucht zu ergründen, weshalb ihre Familie so werden konnte, wie sie nun einmal ist, stößt aber auch da an die Grenzen dessen, was der gute Ton erlaubt:

„Die Tante hat mir unlängst anvertraut, die Mutter habe ihrem Vater vom Missbrauch durch einen Verwandten erzählt, da war sie noch jünger als ich. »Der Klassiker«, sage ich und frage: »Wer?« Doch die Tante will es nicht verraten. Nur so viel: Die Mutter bekam eine Tracht für dieses Geständnis, eine Tracht Prügel für ihre Milchmädchenrechnung, für ihre Fehleinschätzung von dem, was wirklich war.“

Es ist weniger die Handlung als mehr die Art des Erzählens, die diesen Roman aus der Masse der jährlichen Veröffentlichungen hervorhebt. Zwischen Skurrilität und bitterböser Abrechnung schafft sie einen Gegenentwurf zu dem harmlos beschönigenden Heimatroman, der selbst im Krimigenre kaum etwas von seiner kitschigen heilen Welt einbüßt. Ein köstlicher Spaß nicht nur für all jene, die der Dorfwelt den Rücken gekehrt und sich in die Anonymität der Großstadt geflüchtet haben.  

Anders Roslund – Geburtstagskind

Anders Roslund – Geburtstagskind

Siebzehn Jahre ist es her, dass ein unglaublicher Mord an einer Familie Kommissar Ewert Grens beschäftigte. Alle außer der kleinen Zana wurden hingerichtet und diese saß drei Tage neben den Leichen und der Torte zu ihrem 5. Geburtstag. Jetzt kommt es in Stockholm wieder zu Morden nach demselben Muster, sind die Täter etwa zurückgekehrt? Grens muss Zana schützen, die inzwischen unter einer neuen Identität lebt. Auch der Undercover Agent Piet Hoffmann ist besorgt, nach Jahren der Ruhe muss er mit seiner Familie wieder untertauchen, wenn er überleben will. Die beiden Männer kämpfen gegen einen unbekannten Feind, der sowohl das Milieu wie auch die Polizei unterwandert zu haben scheint.

Anders Roslund ist zusammen mit Börge Hellström und ihrer Serie um Grens und Hoffmann („3 Sekunden“, „3 Minuten“ und „3 Stunden“) bekannt und inzwischen mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet worden. Sein erster Solo-Titel setzt die Reihe fort und überzeugt durch eine rasante Handlung und eine komplexe Geschichte, die den Leser lange rätseln lässt, wer hinter den Kulissen die Fäden zieht.

Die beiden Handlungsstränge um die Kriminalpolizei einerseits und den mehr oder weniger einsamen V-Man, der seine Familie beschützen will, verlaufen parallel. Dass sie zusammenhängen, wird schnell klar, die Frage bleibt jedoch: wie? Es entfaltet sich eine spannende Geschichte, die von zwei ungewöhnlichen Figuren dominiert werden, die einerseits typische Alleingänger sind und nur schwer Vertrauen fassen, andererseits aber auch wissen, dass sich manche Probleme eben nicht im Alleingang lösen lassen.

Ein routiniert erzählter Krimi mit viel Spannung und interessanten Verstrickungen, der aber vor allem durch die psychologischen Komponenten überzeugt.

Gilly Macmillan – Die Nanny

gilly macmillan die nanny
Gilly Macmillan – Die Nanny

Nach dem plötzlichen Unfalltod ihres Mannes kehrt Jo mit ihrer Tochter Ruby zurück nach England. Eigentlich wollte sie nie mehr einen Fuß in ihr Elternhaus Lake Hall setzen, nur schlechte Erinnerungen hat sie an die kaltherzige Mutter und den ebenso wenig empathischen Vater. Nur ihre ehemalige Nanny, die hat sie geliebt, doch Hannah verschwand eines Tages plötzlich und die Eltern sagten ihr, ihr schlechtes Benehmen sei der Grund dafür. Das Verhältnis zwischen Jo und ihrer Mutter Virginia ist angespannt, die Dame der Oberschicht scheint an allem etwas zu kritisieren zu haben und pflegt einen Lebensstil, wie man ihn nur noch auch Fernsehserien wie Downton Abbey kennt. Beim Spielen entdecken Jo und Ruby zufällig einen Schädel im Teich des Anwesens, Virginia ist entsetzt, kommt jetzt etwas ans Licht, das sie seit vielen Jahrzehnten sicher im Wasser versteckt dachte? Jo hat einen bösen Verdacht und dieser befeuert ihr Misstrauen gegenüber der eigenen Mutter noch mehr. Doch dann steht eine unerwartete Besucherin vor der Tür.

Gilly Macmillans Roman merkt man an, dass die Autorin Kunst studiert hat, denn diese spielt eine wichtige Rolle in der Geschichte auf dem herrschaftlichen Landsitz. Dieser schafft auch die passende Atmosphäre für einen Kriminalfall, der mit erstaunlichen Wendungen aufwartet. Das große alte Haus mit seinen vielen Zimmern und geheimen Gängen bietet die passende Kulisse für ein Familiendrama, in dem der äußerliche Schein wichtiger zu sein scheint, als echte Emotionen und Zuneigung, wo angemessenes Verhalten – gemessen an einer seit Jahrhunderten tradierten Etikette – über echtem Empfinden steht und somit die Figuren keine Bindung eingehen und schon gar kein Vertrauen zueinander aufbauen kann. Darin liegt der größte Reiz: keine der drei Frauen kann den anderen trauen und auch als Leser weiß man nicht, welcher Perspektive man folgen soll.

Zugegebenermaßen sind alle drei gleichermaßen unsympathisch. Virginia als grantige alte Hausdame, die auf den Pöbel herabschaut und dies auch offen zeigt; Jo, die ziemlich naiv nach dem Tod ihres Mannes hilf- und mittellos dasteht und ganz offenkundig mit eigenständiger Lebensführung und Kindererziehung maßlos überfordert ist und sich in ihrer grenzenlosen Vertrauensseligkeit wirklich jeden Bären an die Backe binden lässt; und zuletzt die Nanny Hannah, die lange in ihrer Motivation mysteriös bleibt. Unausgesprochene Vorbehalte, Erinnerungen, die mal richtig, bisweilen aber auch falsch sind, und ein grundlegendes Misstrauen befeuern den subtilen Kampf – ja, worum eigentlich? Auch das wird erst nach und nach klar und ist dann doch ganz anders als man vermutet hätte.

Ein clever konstruierter Plot, der geschickt mit Sein und Schein spielt. Ein paar Brüche in der Figurenzeichnung lassen diese für mich nicht ganz authentisch wirken, die unerwarteten Wendungen machen dies aber locker wieder wett.

Ein herzlicher Dank geht an das Bloggerportal für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zu Autorin und Buch finden sich auf der Internetseite der Verlagsgruppe Random House.

Adriana Altaras – Die jüdische Souffleuse

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Adriana Altaras – Die jüdische Souffleuse

Die Ich-Erzählerin Adriana inszeniert in einer Kleinstadt Mozarts „Entführung aus dem Serail“, wo sie auf die Souffleuse Susanne trifft. Diese erweist sich als größte Herausforderung des Projekts, glaubt sie in Adriana eine Seelenverwandte gefunden zu haben, die ihr bei der Suche nach ihrer Familie helfen kann. Sie weiß um Adrianas Familiengeschichte und der jüdische Glaube verbindet beide. Susanne, eigentlich Sissele, lässt Adriana auch nach Ende der Spielzeit zurück in Berlin nicht los, bis sie plötzlich vor ihrer Tür steht und ihre Unterstützung einfordert. Gemeinsam machen sie sich auf die Suche und dabei erfährt die Erzählerin auch mehr über die Lebensgeschichte der ungewöhnlichen Frau: ein typisch jüdischer Irrweg über mehrere Kontinente, so aberwitzig, dass es nur wahr sein kann. Aber können sie wirklich nach all den Jahren Kontakt zu weiteren verwandten herstellen?

Adriana Altaras hat auch in früheren Büchern schon eigene Erfahrungen verarbeitet und immer wieder auch das Jüdisch-Sein zum Thema gemacht. In „Die jüdische Souffleuse“ steht zunächst die Theaterwelt im Vordergrund, das chaotisch-neurotische Treiben wird herrlich und lebendig beschrieben, dass sich zwischen all den Exzentrikern auch eine kuriose Souffleuse versteckt, verwundert nicht weiter. Im zweiten Teil rückt Susanne/Sissele mehr in den Fokus und mit ihr eine wahrlich unfassbaren Lebensgeschichte.

„Auch von Susanne habe ich ihm kurz erzählt. Eine jüdische Souffleuse in der Provinz! Er hat gelacht: »Auffangbecken Theater, der Ort für alle übrig gebliebenen Meschuggenen, neben Israel, versteht sich.«“

 Der Roman verbindet geschickt beide Geschichten miteinander, jene kunterbunte Opernwelt, in der alles nur Schein ist, und jene dunkle Zeit der deutschen Geschichte, die Leid und Elend und lebenslange Wunden geschaffen hat. Obwohl in letzterem nichts beschönigt oder relativiert wird, gelingt Altaras insgesamt doch ein heiterer Ton, gelegentlich melancholisch überlagert, aber immer wieder auch mit herrlichen Wortspielen, die ganz bewusst den typisch jüdischen Humor hervorheben, der von bitterer Selbstironie lebt: Gestrandet in Island stellen die Figuren fest, dass dies ein gar unglaublich friedfertiges Völkchen ist:

„»Island ist eines der wenigen Länder, das keinen Genozid vorzuweisen hat, sie haben noch nicht einmal Militär hier«, doziert Robbi am nächsten Morgen beim Frühstück, er hat sich weiter informiert. »Kein Genozid? Nicht einmal ein klitzekleines Pogrom?«, witzele ich. »Na, was sollen wir dann hier?«“

Trotz der eigentlich ernsthaften Thematik eine lockere Erzählung, die einem immer wieder schmunzeln lässt und dennoch tief berührt.

Claire McGowan – The Lost (dt. Bittet nicht um Gnade)

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Claire McGowan – The Lost (dt. Bittet nicht um Gnade)

Nachdem sie in London bereits durch ihre Hilfe bei Vermisstenfällen aufgefallen ist, bietet man der Psychologin Paula Maguire die Mitarbeit in einer neuen Lost Case Gruppe an. Der Haken: diese sitzt in Ballyterrin, ihrer nordirischen Heimatstadt, in die sie eigentlich nie mehr zurückkehren wollte. Wegen ihres Vaters nimmt sie trotzdem an, doch statt an Altfällen zu arbeiten, muss die Gruppe sich mit aktuellen Vermisstenfällen beschäftigen. Gleich zwei Teenager sind verschwunden, eine Verbindung scheint es jedoch nicht zu geben, die eine aus reichem Elternhaus und Schülerin einer katholischen Mädchenschule, die andere gehört zu einer Gruppe von Travellers, die ihr Lager am Rand der Stadt aufgeschlagen haben. Bei Vermisstenfällen bleibt wenig Zeit, Paula weiß jedoch auch, dass manche Menschen einfach verschwinden und nicht gefunden werden wollen. Was das Team jedoch bald schon stutzig macht, ist die Tatsache, dass schon seit Jahrzehnten in der Umgebung eine ungewöhnlich hohe Zahl von jungen Frauen scheinbar spurlos vom Erdboden verschluckt wird.

Für mich ist Claire McGowan eine der Autorinnen, die mich im Krimigenre immer wieder begeistern können. „The Lost“ (dt. Bittet nicht um Gnade), der erste Band ihrer Reihe um die Psychologin Paula Maguire bietet auch genau das, was ich erwartet habe: einen spannenden Kriminalfall, interessante Figuren und die Handlung eingebettet in die Umgebung, die in diesem Fall an der Grenze zwischen der Republik Irland und Nordirland verläuft. Die Troubles sind zwar lange vergangen, aber die Figuren können die Geschichte, die sie unweigerlich in sich tragen, nicht völlig ausblenden.

Gerade diesen Aspekt hat die Autorin unaufdringlich, aber überzeugend mit der Handlung verwoben. Schon bei der Vorstellung des Teams sortiert Paula ihre Kollegen schon auf Basis der Namen unweigerlich in Katholik/Protestant, diese Seite oder die andere. Dass der Teamleiter ausgerechnet Engländer ist und ihm entsprechend so manch sensible Situation nicht bewusst ist, gestaltet die Zusammenarbeit auch nicht leichter. Immer wieder werden die Figuren mit dem Thema konfrontiert, wobei es nicht um politische Fragen geht, sondern um die eigene Familie und die Rolle, die diese einnahm, sowie die Verantwortung für das eigene Handeln, aber auch jener, die man eigentlich zu den engsten Vertrauten zählt.

Schon zu Beginn wird thematisiert, dass Paula nur zögerlich nach Nordirland zurückkehrt, ihre Vorgeschichte wird im Verlauf nach und nach aufgelöst und lässt so eine interessante und vielschichtige Figur, die oft weit von der Superheldin entfernt ist, entstehen. Die Vermisstenfälle scheinen zunächst einen klaren Bezug zu einem kirchlichen Jugendzentrum zu haben, das viele Mädchen regelmäßig besuchten. Hieraus entspinnt sich eine Geschichte, die ein tragisches und schändliches Thema der jüngeren irischen Vergangenheit aufgreift und in dessen Zentrum die katholische Kirche steht, die sich so gar nicht barmherzig und menschenfreundlich zeigt, wobei man dies vielleicht präzisieren muss: junge Frauen standen nicht unter besonderem Schutz, ganz im Gegenteil.

Kein Krimi, der von schnellem und actionreichem Tempo lebt, sondern eine bemerkenswerte und nachdenklich stimmende Geschichte auch jenseits der Spannung zu erzählen hat.