Philip Teir – So also endet die Welt

So also endet die Welt von Philip Teir
Philip Teir – So also endet die Welt

Der Sommer steht bevor und nach Jahren soll endlich mal wieder in die Familienhütte, abgeschieden an einem See gehen. Erik will dort den Stress der Arbeit vergessen, vor allem, dass er keine Arbeit mehr hat, was er seiner Frau Julia noch nicht gebeichtet hat. Diese will die Einsamkeit nutzen, um endlich an ihrem zweiten Buch weiterzuarbeiten. Tochter Alice und Sohn Anton sind zwiegespalten, es gäbe attraktivere Ziele, aber die finnische Natur hat ja auch ihre Reize. Alle vier haben große Erwartungen und Pläne für die zwei Monate, doch kaum einer davon lässt sich in die Tat umsetzen, denn vor Ort warten nicht nur alte Bekannte, sondern Probleme, die man gerne verdrängt hätte, lassen sich nicht länger verstecken.

Philip Teir konnte mich bereits mit seinem Debüt Roman „Winterkrieg“ überzeugen, ebenso wie dort fängt er auch in „So also endet die Welt“ die Nuancen der zwischenmenschlichen Beziehungen ein, lässt diese langsam eskalieren, ohne dafür das ganz große unerwartete Ereignis zu benötigen, sondern getreu dem Motto „Steter Tropfen höhlt den Stein“ ist irgendwann das Maß voll.

In seinen Figuren spiegelt er eine beachtenswert große Bandbreite der typischen Empfindsamkeiten wider. Erik, der Ernährer der Familie, muss erkennen, dass er beruflich gescheitert ist. Als Student noch enthusiastisch und wagemutig, hat er seine eigene Firma schon früh gegen eine Festanstellung und einen eher langweiligen Job eingetauscht. Die gewonnene Sicherheit bedeutet aber auch, sich heute mit seinem ehemaligen Partner zu messen, der ein Vermögen mit der Firma gemacht hat. Nicht nur das: die direkt vor Urlaubsantritt ausgesprochene Kündigung bringt ihn an den absoluten Tiefpunkt, dem er nur durch Unmengen Alkohol zu begegnen weiß.

Julia ist zwar mit ihrem ersten Roman recht erfolgreich gewesen, trotzdem scheitert sie selbst ebenfalls im Vergleich. Bei ihr ist es die Kindheitsfreundin Marika, die sich mit ihrer Familie zufällig nebenan aufhält. Die entspannte und vor allem unkonventionelle Lebensweise beeindruckt Julia, die genau das geworden zu sein scheint, was sie nie sein wollte: die konventionelle, biedere Mutter, die nahezu hysterisch ihre Kinder begluckt. Diese wiederum erleben neue Seiten an sich selbst, Alice die erste Liebe und einen aufrechten Austausch über Eltern mit Marikas Sohn, der sich gerade die geordnete Welt von Alice‘ Familie wünscht und diese sofort gegen die Aussteigerphantasien seiner Eltern eintauschen würde.

Auf engstem Raum eskaliert Teir die Situation. Ein Entweichen gibt es quasi nicht, die Figuren müssen sich stellen – vor allem sich selbst stellen, denn die Erwartungen der anderen sind weitaus weniger drängend als die Erkenntnis, sich selbst enttäuscht zu haben. Was nun der beste Lebensentwurf ist, darauf gibt Teir keine Antwort. Aber dass man durchaus vor mir Familie und Mitmenschen weglaufen kann, jedoch nie vor sich selbst, das ist offenkundig. Und früher oder später müssen wir uns alle mit uns selbst auseinandersetzen.

Der Roman lebt nicht von der großen Spannung oder der actionreichen Handlung, es sind die Figuren, die kaum durchschnittlicher sein könnten, die ihn tragen und beweisen, dass der Autor ein Händchen dafür hat, das Besondere und Bemerkenswerte im Alltäglichen zu finden.

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Emelie Schepp – Weißer Schlaf

Weisser Schlaf von Emelie Schepp
Emelie Schepp – Weißer Schlaf

Es ist ihre einzige Chance etwas Geld zu verdienen und man hat ihnen versichert, dass sie in wenigen Tagen wieder zurück sein werden. Also schlucken die beiden thailändischen Mädchen die Pillen und steigen in den Flieger nach Europa. Doch noch bevor sie ihr eigentliches Ziel erreichen, ist eine von ihnen durch die Drogen gestorben und liegt nun tot in einem Zugabteil im Bahnhof von Norrköping, die andere kann sich davonschleichen und die Kontaktperson treffen. Was nach einem Fall von internationalem Drogenhandel aussieht, wird die schwedische Polizei noch vor weitere Rätsel stellen, denn bald darauf wird ein junger Mann ermordet in seiner Wohnung gefunden, er hatte offenbar ebenfalls Kontakt ins Milieu und weitere Spuren weisen nicht nur auf eine neue Macht in der Drogenszene hin, sondern auch auf eine mysteriöse Frau, die so gar nicht in das Bild passen will. Die Staatsanwältin Jana Berzelius weiß, wer die Unbekannte ist: sie selbst. Denn sie verfolgt neben den offiziellen Fällen auch noch eine ganz persönliche Agenda.

Emelie Schepps Thriller „Weißer Schlaf“ ist der zweite in der Reihe um die Staatsanwältin Jana Berzelius; drei Bände sind bislang in deutscher Übersetzung erschienen, der vierte ist für Herbst 2018 angekündigt. Die Autorin hat für ihre Romane den renommierten schwedischen Crime Time Specsaves Reader’s Choice Award gleich zweimal hintereinander gewonnen, 2016 und 2017 wurde sie zur beliebtesten Krimiautorin Schwedens gewählt, eine hohe Auszeichnung bedenkt man die Konkurrenz im eigenen Land.

Der Thriller erfüllt alle Erwartungen: eine komplexe Geschichte, die zunehmend weitere Facetten bekommt und vom Leser höchste Konzentration erfordert, um keines der unzähligen Details zu übersehen. Dazu das passende Setting im schwedischen Winter, der schnell die Sonne untergehen und mit Massen an Schnee und klirrender Kälte den Aufenthalt im Freien rasch zur Gefahr werden lässt.

Am entscheidendsten ist jedoch in der Reihe die Protagonistin Jana Berzelius, die gleichermaßen intelligent und souverän in ihrer Funktion als Staatsanwältin erscheint, andererseits aber auch mysteriös und undurchschaubar bezogen auf ihr Privatleben und ihre Vorgeschichte. Im zweiten Band erhellt sich einiges um ihre Kindheit, doch immer noch bleibt die Frage offen, wer sie eigentlich ist. Die Rolle ihres Mentors und Stiefvaters wird geklärt, aber welches Trauma sie erlitten an, an das sie sich auch nicht erinnern kann, liegt weiterhin im Dunkeln. Die Figur überrascht immer wieder, vereint sie die klassisch gute wie auch die böse Seite miteinander, zeigt sich gesetzestreu und entschlossen die Recht der Schwachen zu verteidigen, um im nächsten Moment nach eigenen Regeln zu spielen. Eine ungewöhnliche Konstruktion, die jedoch keineswegs unglaubwürdig erscheint, sondern einen eigenen Reiz hat.

Alles in allem eine Story, die überzeugend konstruiert wurde, mit immer neuen Fakten unerwartete Richtungen aufnimmt und im Laufe der Handlung auch immer mehr den notwendigen Thrill aufweist. Ich bin kein Freund von Cliffhangern, in Anbetracht der Tatsache, dass es sich um eine Reihe handelt, die stark an die Protagonistin geknüpft ihr, sei dies verziehen.

Sophie Daull – Adieu, mein Kind

Adieu mein Kind von Sophie Daull
Sophie Daull – Adieu, mein Kind

Am 9. Januar 2014 beginnt Sophie Daull zu schreiben. Eine Woche nachdem sie ihre Tochter mit nur 16 Jahren begraben musste. Sie will die letzten Tage nachzeichnen, die vier Tage im Kampf gegen den Tod und die Tage danach bis zur Beerdigung. Sie wird vier Monate brauchen alle Erinnerungen niederzuschreiben. Von der Annahme einer belanglosen Grippe, ärgerlich so kurz vor Weihnachten, über die zunehmenden Schmerzen, die Abweisung der Ärzte im Krankenhaus bis hin zum dem unvermeidlichen Tod, den Vorbereitungen auf die Beisetzung und das Loch, das folgt, wenn man einen geliebten Menschen verliert.

Sophie Daulls Geschichte ist tatsächlich kein Roman, sondern ein Tatsachenbericht über die letzten Tage mit ihrer Tochter Camille und die ersten Wochen ohne sie. Fassungslos liest man von der Hilflosigkeit der Eltern, die den Kampf der Tochter zu Hause mitansehen müssen und die keinerlei Unterstützung erfahren, sondern mit einem Paracetamol Rezept in der Hand regelrecht aus der Klinik geworfen werden. Die Todesursache bleibt auch nach der Obduktion diffus, vermutlich Bakterien, aber das spielt eigentlich schon keine Rolle mehr.

Sie muss feststellen: „Für uns gibt es keine Bezeichnung. Wir sind weder Verwitwete noch Waisen. Es gibt kein Wort für Eltern, die ihr Kind verloren haben.“ Im Internet findet sie den Vorschlag „Lebender Toter“, der die Leere, die die Eltern empfinden, das geradezu Zombie-hafte Dasein, recht treffend beschreibt, die Tage ganz ohne Erinnerung.

Sophie Daull hat sich all ihre Trauer von der Seele geschrieben. Bemerkenswert daran ist, dass sie schon vorher einmal vom Schicksal schwer getroffen wurde, im Buch wird dies in einem Nebensatz erwähnt: im Februar 1985, als sie 20 Jahre alt war, fand sie ihre Mutter vergewaltigt und mit unzähligen Messerstichen ermordet von ihrem damaligen Lebensgefährten. Diese Erfahrung, sagt die Autorin in einem Interview, habe sie überhaupt nur in die Lage versetzt, den Tod ihrer Tochter zu ertragen. Das Schreiben half ihr nicht nur loszulassen, sondern auch die Erinnerung davor zu bewahren, damit sich nicht alles im Vergessen auflöst.

Ein ungewöhnlicher Bericht einer starken Frau, die diesen ihrer Mutter widmete. Beide Male war es das Theater, das die Schauspielerin rettete und das ihr wieder neuen Mut gab, um weiterzuleben.

E.C. Osondu – Dieses Haus ist nicht zu verkaufen

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E.C. Osondu – Dieses Haus ist nicht zu verkaufen

Weil er einem König das Leben rettete, überlässt dieser dem Großvater ein Stück Land, auf dem er ein Haus baut, ein Haus, das die ganze Familie beherbergen kann. Jeder der Bewohner hat seine eigene Geschichte, wie der Onkel, der keine Musik mehr hören will, Baby, die einst in der Nacht vor der Hochzeit verschwand und nur verschwommen darüber Auskunft geben kann, wo sie war und was sie erlebte. Oder der Soldat Soja, der wegen seines Verhaltens einen bösen Fluch auf sich zog. Ähnlich wie Ndozo, die für den Diebstahl schwer bestraft wurde und ihren Sohn nie mehr im Leben wird sehen dürfen. Onkel und Tanten, ganze Familien, aber auch Witwen versammeln sich in dem Haus und spiegeln so die ganze Gesellschaft es unbekannten afrikanischen Dorfes wieder.

Epaphras Chukwuenweniwe Osondu lebt seit 2004 in den USA und lehr dort kreatives Schreiben. Für seine Kurzgeschichte „Waiting“ erhielt er 2009 den „Caine Prize for African Writing“. Seine nigerianischen Wurzeln treten unverkennbar in seinem ersten Roman zu Tage, wo sonst könnte die Handlung um das wundersame Haus sich abspielen als im Herzen Afrikas?

Die einzelnen Kapitel erzählen jeweils die Lebensgeschichte eines der Hausbewohner. Sie alle hadern mit dem Glück und Unglück, sind verflucht oder wehren sich auf ebensolche Weise gegen ihre Feinde. Das Vorgehen ist wenig subtil, offen werden die vergehen angesprochen, von Betrug und Bestechung über Ehebruch bis hin zu Kindesmord wird die ganze Bandbreite der menschlichen Tragödien nacheinander aufgefahren. Bemerkenswert ist das Vertrauen in Götter, in Heilpflanzen und in Verwünschungen. Einer der harmlosesten Flüche ist noch der gegen einen Konkurrenten:

„wenn du willst, dass dein Feind durch die Prüfung fällt, kannst du sein Gehirn verriegeln. Das geht so: Kauf ein Schloss von Yeti oder Tokoz, schließ es auf und flüstere sieben Mal den Namen deines Feindes und die magische Formel, lesen – vergessen, lesen – vergessen, während du das Schloss abschließt und den Schlüssel wegwirfst. Wenn dein Feind den Prüfungssaal betritt, ist alles Gelesene verschwunden, weil du sein Gehirn erfolgreich verriegelt hast.“

So erleben die Bewohner quasi täglich eine neue Herausforderung, der sie sich jedoch stellen, in dem Wissen, dass der Großvater und das Haus hinter ihnen stehen und dort immer ein Platz für sie sein wird. Doch das Haus, das so vieles gesehen hat und ertragen musste, erleidet schließlich dasselbe Schicksal wie so viele andere in Lagos. Die ehemalige Hauptstadt, eine der jetzt schon größten Städte Afrikas, der man das Potenzial bis 2100 zur größten Stadt der Welt anzuwachsen zuschreibt, platzt aus allen Nähten und erlebt seit der Jahrtausendwende einen ungeheuren Bauboom. Es wird sich zeigen, wie lange dort noch Platz für solche Häuser und deren Bewohner bleibt.

„Dieses Haus ist nicht zu verkaufen“ gibt einen Einblick in eine fremde Welt, fern unserer westlichen Zivilisation. Die Laster und Untaten der Menschen sind dieselben, doch die Reaktionen und der Umgang gänzlich anders. Eine lohnenswerte Lektüre, die einem auch so manches Mal schmunzeln lässt.

Elif Şafak – The Bastard of Istanbul (Der Bastard von Istanbul)

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In Amerika aufgewachsen bleiben für Armanoush, genannt Amy, ihre armenischen Wurzeln immer etwas fremd. Über das Essen hinaus hat sie nur wenig Bezug zum Herkunftsland ihrer Eltern. Durch den zweiten Ehemann ihrer Mutter ergibt sich die Möglichkeit, bei Bekannten in Istanbul unterzukommen. Da ihre Eltern dieser Reise niemals zustimmen würden, fliegt sie heimlich nach Europa und quartiert sich bei der unbekannten Familie ein. In Asya findet sie schnell eine gleichaltrige Freundin. Der reine Frauenhaushalt folgt seinen eigenen Gesetzen und je besser sich die Mädchen kennenlernen, desto mehr Fragen um Familiengeheimnisse reißen sie auf. Als Amys Mutter erfährt, wo die Tochter ist, reist sie mit ihrem Mann unversehens in die Türkei, nicht ahnend, dass so eine böse Prophezeiung ausgelöst wird.

Die türkischstämmige Autorin Elif Şafak, die in verschiedenen Ländern gelebt hat und daher eine eher kosmopolitische Sicht pflegt, gilt als eine der wichtigsten weiblichen Stimmen der Türkei. Sie schreibt gleichermaßen in der Muttersprache wie auch in Englisch und viele ihrer Werke waren für die großen Literaturpreise nominiert. So auch „Der Bastard von Istanbul“, der 2008 auf der Longlist des Orange Prize for Fiction (heute: Bailey’s Women’s Prize for Fiction) stand. Dieser Roman brachte ihr jedoch auch eine Anzeige in der Türkei einbrachte, weil das Werk das Türkischsein beleidige.

Hintergrund der Anklage ist der nach wie vor von türkischer Seite aus geleugnete Genozid an den Armeniern 1915, dem große Teile von Amys Familie zum Opfer fielen. Ihre Gastgeber haben von dieser systematischen Verfolgung und Auslöschung offenbar noch nie etwas gehört, einige von Asyas Freund bezeichnen Amy im Buch daher auch als Lügnerin und beschimpfen sie übel – dies dürfte eine weitgehend realistische Sicht auf dieses Faktum sein.

Über diesen historischen Bezug hinaus, lebt der Roman jedoch von den ungewöhnlichen Familienstrukturen und Geheimnissen, die über Generationen weitergegeben werden und dennoch nie nach außen dringen. Die Figuren sind alle sehr authentisch und mit Charme gezeichnet, vor allem die ältliche Tante, die im Kaffeesatz liest und der ihre beiden Dschinns unentwegt ins Ohr flüstern.

Eine gelungene Mischung von modernen jungen Frauen, mythisch bis fantastischen Elementen und einer politisch brisanten Hintergrundthematik.

Deborah Levy – Heiße Milch

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Deborah Levy – Heiße Milch

Sofia fliegt mit ihrer Mutter nach Spanien, um dort in einer Spezialklinik endlich die richtige Therapie für sie zu erhalten. Immer wieder kann die Mutter ihre Beine nicht spüren, benötigt permanent Hilfe und erwartet von Sofia, genau diese zu liefern. Dr. Gomez‘ Klinik scheint allerdings unkonventionelle Behandlungsmethoden zu haben, was auch ein junger Mann bestätigt, den Sofia beim Schwimmen am Strand kennenlernt. Dieser lebt, ebenso wie die Deutsche Ingrid, sein Leben nach eigenen Maßstäben und lässt sich nichts vorschreiben. In Sofia beginnen die Gedanken sich zu drehen, ist die Krankheit ihrer Mutter nur eine Reaktion auf den Vater, der sie schon vor vielen Jahren verlassen hat? Bindet die Mutter sie so an sich und verhindert, dass sie endlich ihr Leben beginnt?

Ich hatte große Erwartungen an Deborah Levys neuesten Roman. Zum einen konnten mich ihre vorherigen Romane „Was ich nicht wissen will“ und „Heim schwimmen“ vollends überzeugen, zum anderen war „Heiße Milch“ 2016 auf der Shortlist des Man Booker Prize, wo ich normalerweise immer mich ansprechende Literatur finde. Dieses Mal jedoch empfand ich die Geschichte etwas zäh und langatmig.

Aus psychologischer Siecht hat der Roman einiges zu bieten, was interessante Figuren und Konflikte verspricht: die Erkrankung der Mutter, die offenkundig nicht rein physischer Natur ist und maßgeblich die Mutter-Tochter-Beziehung bestimmt. Die junge Frau, die planlos durch ihr Leben irrt und trotz Hochschulabschluss ihren eigenen Weg nicht findet, sich schnell zu extremen hingezogen fühlt, aber doch weitgehend passiv verharrt. Ihr Vater, zu dem sie seit über 10 Jahren keinen Kontakt mehr hat, der ihr als Grieche in England die zweite Sprache verwehrt hat so dass sie zwar einen griechischen Namen trägt, aber offenbar keine Verbindung zu diesem Land hat. Dann noch die Randfigur Ingrid, die Sofia fasziniert, die selbst jedoch auch eine Vorgeschichte hat, die wiederum ihr eigenes Leben maßgeblich prägte.

Die Atmosphäre des Romans ist dauergespannt. Die Figuren haben keine angemessene und lockere Art gefunden, um miteinander umzugehen. Sie beobachten sich, ja taxieren sich geradezu. Dieses Spannungsverhältnis wird zu einem beängstigenden Höhepunkt geführt, der jedoch endlich alles löst. Das Setting – einerseits im krisengeplagten Andalusien, wo die Gebäude wegen der Krise halbfertig verlassen wurden, später bei einem kurzen Intermezzo in Griechenland, wo die Lage sich noch schlimmer darstellt – ist passend gewählt zur Stimmung der Figuren.

Ohne Frage ist vieles in diesem Roman sehr stimmig und interessant, aber der Funke ist bei mir nicht übergesprungen. Ob es allein an der Form als Hörbuch lag, vermag ich nicht zu sagen. Svenja Pages hatte ich bislang nicht als Sprecherin gehört, sie war ein bisschen zu wenig moduliert, aber nicht in dem Maße, dass es sich beim Hören als störend gezeigt hätte.

Carol Rifka Brunt – Sag den Wölfen, ich bin zu Hause

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Carol Rifka Brunt – Sag den Wölfen, ich bin zu Hause

Er weiß, dass er nicht mehr lange leben wird; die Krankheit, die er hat, hat zwar inzwischen einen Namen, aber man ist noch weit davon entfernt, ihren tödlichen Verlauf abbremsen oder gar aufhalten zu können. Noch ein letztes Bild will der Maler Finn erschaffen, von seinen beiden geliebten Nichten Greta und June. New York Mitte der 80er Jahre. Dass ihr Onkel sich mit AIDS infiziert hat, weiß June lange Zeit nicht, es ist auch egal, sie liebt ihn abgöttisch. Und wenn sie nicht die Zeit bei ihm verbringt, streift sie durch die Wälder der Vorstadt. Doch mit dem Tod Finns ist da eine Leere, die sie mit nichts füllen kann. Bis sie Nachrichten erhält. Toby, Finns Lebensgefährte, den sie nie kennenlernen durfte, denn ihm geben ihre Eltern die Schuld an Finns Krankheit. Die gemeinsame Trauer verbindet sie und eine zarte Freundschaft im Verborgenen entsteht.

Carol Rifka Brunts Debutroman, der im den USA mit Lobeshymnen überschüttet wurde, ist ein leiser Roman, der die Nuancen der teils widersprüchlichen, teils harten Gefühle im Umgang mit Verlust und Trauer, aber auch mit AIDS in unglaublicher Weise umzusetzen vermag. Auch wenn das Thema Sterben im Vordergrund steht, haucht sie ihren Figuren so viel Leben ein, dass sie authentisch und glaubwürdig wirken und keinerlei Spuren von Stereotypen oder Klischees aufweisen.

Der Umgang mit AIDS war in den 1980ern, als man wenig darüber wusste und lediglich die Bedrohung wahrgenommen hat, alles andere als entspannt. Dies zeichnet die Autorin im Roman überzeugend nach, die Verzweiflung ob der Hilflosigkeit schlägt in Hass und Ablehnung um, was sich alles in der Figur Toby sammelt. Dieser hat gar keine Chance als Mensch wahrgenommen zu werden, zu stark ist die Projektion der Krankheit auf ihn. Erst durch die langsame Annäherung mit June entfaltet er sein Wesen, das von einer unheimlichen Zerbrechlichkeit ist und die Empathie für ihn nur noch verstärkt.

Aber es ist auch ein Coming-of-Age Roman, in dem ein junges Mädchen erwachsen werden, sich von den Eltern lösen muss und gezwungen wird, Position zu beziehen. Der Verlust eines geliebten und nahestehenden Menschen stößt diesen Prozess an, sie ist am Ende nicht mehr das Mädchen, das sich unbekümmert in den Wald in ihre Traumwelt flüchten kann. Innerhalb nur weniger Wochen werden alle Beziehungen auf eine Probe gestellt und sie müssen eine neue Basis finden, auf der sie weiterhin funktionieren können.

Die Autorin hat eine poetische Sprache gefunden, die sowohl zu den Gesprächen über Kunst wie auch zu den Empfindungen in der Natur passt und diese mit vielen Zwischentönen wiedergibt. Dieser leise und feinfühlige Ton gleitet durch die Handlung und unterstreicht die feinsinnige Figurenzeichnung.

Ein rundum gelungener Roman, den man nach dem Lesen nicht einfach weglegt, sondern der noch nachwirkt.

Torsten Schulz – Skandinavisches Viertel

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Torsten Schulz – Skandinavisches Viertel

Als Junge schon ist er durch das Skandinavische Viertel Berlins gestreift, hat auch diejenigen Straßen mit nordischen Namen versehen, die keinen solchen trugen. Zwischen der elterlichen Wohnung und jener der Großeltern hat er sich das Leben ausgemalt, da sein eigenes trist und ereignislos war. Wie die Leben seiner Eltern, das des Onkels, das der Großeltern. Haben sie überhaupt gelebt? Sie sind irgendwann alle gestorben, aber waren sie davor lebendig? Matthias lässt die Gedanken schweifen, denkt an die Geheimnisse, die es in seiner Familie gab und die meist erst kurz vor dem Tod erstmalig offen ausgesprochen wurden. Was bleibt ist die Erkenntnis, dass alle von einem anderen Leben geträumt haben, es aber nie leben konnten.

Torsten Schulz nähert sich in seinem Roman vielen Themen. Er beginnt in Ostberlin, unmittelbar an der Mauer, die jedoch unüberwindbar bleibt und nur zum Träumen taugt. Er skizziert die Zeit nach der Wende, als der Lebensraum im Osten rücksichtlos von Spekulanten erworben wird und seine Seele zu verlieren droht. Er spricht über Familien, die mehr Zweckgemeinschaften sind als Lebensgemeinschaften, wo Geheimnisse und Nichtgesagtes herrschen und zwischen den einzelnen Mitgliedern keine Vertrautheit und kein Vertrauen entsteht. Und er schickt den Protagonisten über mehrere Kontinente, wobei dieser doch nur erkennt, dass er flüchtet vor Beziehungen, vor Bindungen, vor Menschen und deren Nähe.

Der Roman zeichnet ein trauriges Bild von enttäuschten und unglücklichen Menschen. Selbst in Momenten der akuten Verliebtheit kommt kein positives Gefühl beim Leser auf. Die Sprachlosigkeit der Figuren, ihre Distanziertheit überträgt sich auch auf den Leser, was es sehr schwer macht, eine Beziehung zur Geschichte aufzubauen. Ich fand viele interessante Aspekte, gerade die Familienkonstellation und ihre Auswirkung auf die Figuren eröffnete unheimliche Spielräume, aber der Roman konnte mich nicht wirklich packen. Zu weit weg blieb der Protagonist. Vielleicht hat ihm der Ausbruch gefehlt, der ihn menschlicher hätte erscheinen lassen. So war er lebendig tot, wie auch der Rest seiner Familie. Einzig die Mutter hatte eine kurze Phase des Aufblühens, die das Schicksal dann jäh zunichtegemacht hat. Eine Seelenreinigung durch offenes Reden erkennen die Figuren auch nicht als probates Mittel der Flucht aus ihrer Schockstarre – zu machtlos fühlen sie sich, um ihrem Leben selbst eine Wendung zu geben.

Die Übertragung des emotionslosen, nüchternen Ertragens des Daseins von den Figuren auf den Leser ist geglückt. Das macht das Buch zu keinem emotionalen Highlight, sondern zu einer schweren Lektüre.

Jan Böttcher – Das Kaff

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Jan Böttcher – Das Kaff

Schon jung hat der Architekt Michael Schürtz sein Heimatdorf verlassen, um in Berlin die Karriere zu verfolgen. Ein Großauftrag bringt ihn nun zurück in den Ort, den er quasi seit 20 Jahren nicht mehr betreten hat und für den er nur Verachtung übrig hat. Die Kleingeister vom Lande entsprechen schlichtweg nicht seinen Erwartungen. Doch bald schon vermischen sich Erinnerungen mit neuen Begegnungen. Ein totkranker Freund, auch die eigenen Geschwister und natürlich der lokale Fußballverein, bei dem nicht ganz freiwillig, aber doch irgendwie stolz, plötzlich zum Trainer der C-Jugend ernannt wird. Was zieht ihn eigentlich noch zurück in die Großstadt? Der Karrieredruck, die oberflächlichen Gespräche der High Society? Oder kann er sich eine Zukunft inmitten der Dorfgemeinschaft vorstellen?

Jan Böttchers Protagonist ist zunächst ein wenig karikaturenhaft gezeichnet. Der großspurige Städter, der natürlich nicht in einem trauten Heim mit Ehefrau und Kind lebt, sondern freier Junggeselle ist, der das Leben und die Vorzüge der Hauptstadt in vollen Zügen genießt. Sein letzter Besuch liegt nur ein Jahr zurück, die Abifeier, dort trat er als „Überraschungsgast, Stargast“ auf – er ist nicht mehr nur einer, der auf diesem Dorf groß geworden ist, er hat es geschafft in der Großstadt. Voller Arroganz blickt er auf die lokale Zeitung hinab, die das berichtet, was die Menschen vor Ort bewegt, ihm aber banal und herabschauenswürdig vorkommt. Es dauert, bis Micha Schürtz erkennt, was die Menschen haben, was sie ihm als Großstädter voraushaben und vor allem, dass sie einander haben.

Der Roman besticht durch alltägliche Banalität. Jan Böttcher berichtet nicht von den großen, weltbewegenden Ereignissen, die global für Aufregung sorgen oder die das Leben der Figuren mit einem Schlag vollends ändern. Er fängt das Normale, Gewöhnliche ein und hält dem Leser dieses dann wie einen Spiegel vor: wie stehst Du denn dazu? Neigst Du etwa auch zu einer leichten Verachtung gegenüber den Menschen, die nicht das hippe Stadtleben gewählt haben? Genau diese Haltung verkehrt sich im Laufe der Handlung. Schleichend. Langsam. Ohne auslösendes Element. Man kann sich ändern, Meinungen überdenken und womöglich zur Erkenntnis kommen, dass man sich jahrelang getäuscht hat.

„Das Kaff“ ist einer der eher leisen Romane, die aber ein wunderbares Portrait unserer Zeit sind und vor allem der durchschnittlichen Menschen, die keine Superhelden sind, ihre kleinen Macken und Ecken und Kanten haben, manchmal auch einfach Fehler machen. Nein, das Leben ist nicht immer rosarot, aber es gibt gute Tage. Genau diese vermeintliche Trivialität einzufangen und lesenswert wiederzugeben, darin liegt die Stärke des Romans.

Esther Gerritsen – Der große Bruder

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Esther Gerritsen – Der große Bruder

Kurz bevor sie zu einem wichtigen Meeting muss, erhält Olivia einen verstörenden Anruf von ihrem Bruder Marcus, mit dem sie seit über einem Jahr nicht gesprochen hat. Er sei auf dem Weg in den OP und man wisse nicht, ob man sein Bein retten könne. Seit Jahren schon ist er Diabetiker und hat es nie so genau genommen mit dem, was die Ärzte empfohlen haben. Olivia kann sich nur noch kurz zusammenreißen, bevor sie ihren Arbeitsplatz verlässt und zum Krankenhaus eilt. Ihren Bruder erkennt sie kaum mehr wieder und die Amputation war tatsächlich nicht vermeidbar. Schuldgefühle überkommen sie und so bietet sie Marcus an, bei ihr und ihrer Familie vorläufig unterzukommen, nicht ahnend, dass dies ihre Balance völlig zum Wanken bringen und sie die Kontrolle über ihr Leben verlieren wird.

Esther Gerritsens Roman, aufgrund der Länge wohl eher Novelle, zeichnet nach, wie schnell das fragile Gebilde Alltag zum Wanken und Einstürzen kommen kann. Dank der Arbeit und den zahlreichen Aufgaben rund um die Familie kann die Protagonistin lange Zeit die Augen vor den tatsächlichen Problemen verschließen und immer weitermachen. Keine Zeit für die Beziehung und ihren Mann, keine Zeit für die Frage, was sie selbst eigentlich vom Leben erwartet, keine Zeit für ihren Bruder und dessen Sorgen. Erst durch die Durchbrechung des Alltags mit dem Einzug von Marcus werden all die verdeckten Konflikte zum Vorschein gebracht.

Besonders gelungen ist der Autorin zu zeigen, wie ein Mensch versucht, den Schein zu erhalten, hinter der äußerlich sichtbaren Fassade funktioniert und doch schon spürt, wie langsam alles einreißt und vom Zusammenbruch bedroht ist. Auch die säuberliche Trennung zwischen Beruf und Privatleben wird zwangsweise aufgehoben und plötzlich drohen die beiden Selbstbilder miteinander zu kollidieren. Authentisch wirken ihre Figuren allesamt, der nachlässige Bruder ebenso wie der Ehemann, der seine Sorgen und Nöte für sich behält, bis die Katastrophe sich nicht mehr aufhalten lässt. Allen voran jedoch Olivia, die zwischen den Erwartungen der Außenwelt und ihrer Gefühlswelt ins Chaos gerät und sich plötzlich mit essentiellen Fragen konfrontiert sieht.

Ein kleiner Denkanstoss, der einlädt, einen Blick auf das eigene Lebenskonstrukt zu werfen.