Agatha Christie – Der Tod wartet

Agatha Christie – Der Tod wartet

Eigentlich will Hercule Poirot nur das Fenster seines Hotelzimmers schließen, als er einen kurzen Dialog mitanhört, bei dem es ganz offenkundig darum geht, eine Frau zu töten. Genau das ist auch einige Tage später unweit der alten Ruinenstätte Petra der Fall: die alte Mrs Boynton, die ihre Familie tyrannisierte und für die Reisegesellschaft eine Qual darstellte, wird tot aufgefunden. Dr. Gerard, der sich zufällig am selben Ort aufhält, kommen Zweifel am natürlichen Tod, weshalb Poirot hinzugebeten wird. Dieser kündigt an, innerhalb von nur 24 Stunden das Mysterium lösen und den Mörder präsentieren zu können.

„Der Tod wartet“ ist bereits der 18. Fall für den belgischen Meisterdetektiv, den Agatha Christie dieses Mal lange Zeit nur am Rand der Handlung erscheinen lässt. Im Vordergrund steht Familie Boynton, die jedoch immer nur durch die Augen von Sarah King, einer jungen britischen Ärztin, und dem französischen Psychologen Dr. Gerard beschrieben werden, die sich zufällig in demselben Hotel in Jerusalem und später in dem Beduinenlager bei Petra aufhalten. Poirot löst den Fall, in dem er akribisch alle Beteiligten befragt und in gewohnter Manier Unstimmigkeiten offenlegt und die richtigen Schlüsse zieht.

Die Schilderungen der tyrannischen Matriarchin im Hotel und auf der Reise bieten quasi allen Figuren ein Mordmotiv. Die drei Stiefkinder Raymond, Carol und Lennox nebst seiner Frau Nadine werden systematisch unterdrückt und von Fremden ferngehalten. Die Mutter verfügt über das Geld der Familie und hat den Ton, den sie sich einst als Gefängniswärterin aneignete, auch bei der Erziehung der Stiefkinder beibehalten. Ihre eigene Tochter Ginevra ist inzwischen so weit der Realität entrückt, dass sie die Unterdrückung kaum mehr wahrnimmt. Sarah King und Dr. Gerard beunruhigt, was sie beobachten, auch dem Freund der Familie, Jefferson Cope, scheint nicht wohl bei dem zu sein, was seine alte Freundin den jungen Menschen antut. Die Lage spitzt sich in dem heißen Wüstenwetter immer weiter zu, so dass der Mord nicht weiter verwunderlich ist.

Auch wenn außer Frage steht, dass es hier zu einer heimtückischen Tötung kam, wird doch auch die Frage angerissen, ob man gemessen an dem, was die Kinder und potentiellen Täter erdulden mussten, von einer klassischen Schuld reden kann oder ob das Ableben nicht notwendig war, damit viele andere Personen leben konnten.

Eine gemeinschaftliche Tat kommt ebenso infrage wie der mutige Schritt eines einzelnen, man glaubt nur noch kleine Details von der Lösung entfernt zu sein, als Agatha Christie einmal mehr überrascht. Ein kurzes Vergnügen, auch wenn man einräumen muss, dass die Erzählweise mit zahlreichen Redundanzen und Wiederholungen etwas der Mode gekommen ist. Ein typischer Poirot, der vollends die Erwartungen bedient.

Matt Haig – Der fürsorgliche Mr Cave

Matt Haig – Der fürsorgliche Mr Cave

Der Antiquitätenhändler Terence Cave will nur seine Familie beschützen, was bislang nicht gut gelungen ist. Seine Mutter hat sich das Leben genommen und obwohl er damals noch ein Kleinkind war, suchte er die Schuld bei sich. Auch seine Frau kam ums Leben, weil er passiv war und sie nicht beschützt hat. Und nun Reuben, sein Sohn und Zwillingsbruder von Bryony, die einzige, die ihm noch geblieben ist. Doch aus dem wohlerzogenen Mädchen wird ein Teenager und ihr setzen die Verluste ebenfalls zu. Terence sieht rot, vor allem als sich seine Tochter sich mit Denny einlässt, einem Boxer, der dabei war, als eine ganze Gruppe von Jungs Reuben in den Tod betrieben haben. Die Lage spitzt sich zu zwischen Vater und Tochter, je mehr er beschützen will, desto stärker ihre Gegenwehr, bis es zu gänzlichen Eskalation kommt.

„Der fürsorgliche Mr Cave“ ist Matt Haigs dritter Roman, der im Original schon 2008 erschien, jetzt jedoch erst ins Deutsche übersetzt wurde. Haben seine hier bekannten und erfolgreichen Romane häufig spekulative und magische Elemente, wirkt dieser geradezu ernsthaft, wobei auch der Protagonist unter Halluzinationen und realistischen Träumen leidet, die sich jedoch durch seine Traumatisierung durch die Verluste, die er nicht verarbeitet hat, erklären lassen. Der Roman ist das Vermächtnis eines verzweifelten Menschen, der das Beste wollte und das Schlimmste angerichtet hat.

Zunächst weiß man nicht genau, an wen sich Terence Cave in seinem langen Brief richtet, bald schon wird jedoch klar, dass es seine Tochter sein muss, der er sich und seine Sicht erklären will. Es ist offenkundig, dass etwas Schlimmes geschehen sein muss, dass es zu dieser für den Erzähler schmerzhaften Reflexion seines eigenen Handelns gekommen ist. Er hat Fehler gemacht, viele, mit schwerwiegenden Folgen, die er nun nicht mehr leugnet. Seine Intentionen waren gut, aber ach, die Mittel, die Borniertheit, der Tunnelblick, all das hat ihn daran gehindert auf seine Schwiegermutter zu hören und anders mit Bryony umzugehen.

Immer mehr steigert sich Mr Cave in etwas hinein, obsessiv versucht er Bryony das kleine Mädchen sein zu lassen, dass Cello und Hockey spielt und auf den Vater hört. Das Mädchen, das nicht aufbegehrt und keine Probleme macht, ganz anders wie ihr Bruder. Im Unterschied der Geschwister lag der Ausgang allen Unglücks.

Mr Cave ist ein klassischer tragischer Held, der in einem Alptraum gefangen ist, aus dem er sich und seine Tochter nicht befreien kann. Eine Tragödie durch und durch, wobei man sich – bei allen nachvollziehbaren Argumenten – nicht mit Cave identifiziert und somit trotz der gewählten Perspektive immer eine Distanz zwischen Leser und Text bleibt.

Camille Kouchner – La familia grande [dt. Die große Familie]

Camille Kouchner – La familia grande

Manchmal reicht ja der Autorenname, dass man neugierig auf ein Buch wird. Camille Kouchner, klar, Tochter berühmter Eltern, die über ihre Familie schreibt. Ein wenig Sensationslust und schon öffnet man ein Buch, ohne zu ahnen, dass man die Büchse der Pandora in Händen hält. Daher eine Warnung vorweg – der deutsche Klappentext beinhaltet dies, im französische nicht einmal eine winzige Andeutung – das Buch ist die Schilderung dessen, was ein verheimlichter Missbrauchsfall in der Familie anrichtet.

Camille Kouchner ist die Tochter von Bernard Kouchner, Gründer der Médecins sans Frontières und ehemaliger Außenminister, und Évelyne Pisier, ehemalige Geliebte von Fidel Castro, erste Professorin für Öffentliches Recht an der Sorbonne und hohe Beamtin im Kulturministerium. Ihre Tante, Marie-France Pisier war eine bekannte und vielfach ausgezeichnete Schauspielerin und immer präsent in ihrem Leben, da die beiden Schwestern unzertrennbar waren. Nach der Trennung der Eltern heiratet ihre Mutter Olivier Duhamel, ebenfalls angesehener Jura-Professor aus einer bekannten Intellektuellenfamilie.

Die Autorin wächst mit ihrem Zwillingsbruder Victor und dem 4 Jahre ältere Colin unbeschwert auf, der Vater war zwar überwiegend abwesend und die Mutter und Großmutter hatten sehr eigene Ansichten von Freiheit und Erziehung, doch ihre Erinnerungen sind positiv. Auch als Duhanel zu der Familie stößt, erweitert dies nur den illustren Kreis und vor allem im Sommerhaus in Südfrankreich kommen unzählige Freunde der Eltern zusammen und die Sommermonate werden von der „großen Familie“ mit viel Alkohol exzessiv ausgelebt, Kinder sind dabei immer ein natürlicher Teil des Geschehens.

Was dort auch geschah, beichtet Victor seiner Schwester erst Jahre später als sie beide 14 sind. Diese ist entsetzt, hat den Stiefvater immer vergöttert. Victor bittet sie zu schweigen, denn sie wissen, dass ihre Mutter damit nicht umgehen könnte. Nach dem Selbstmord ihrer Eltern war sie in ein tiefes Loch gefallen, aus dem sie sich nur schwer befreien konnte. Der Vater ist ebenso wenig als Ansprechpartner geeignet und so tragen die beiden ein Geheimnis mit sich, das sie zerstört.

Psychisch und physisch hinterlässt der Missbrauch Spuren bei beiden, erst als sie selbst Eltern werden, drängt Camille darauf zu handeln, um ihre eigenen Kinder zu schützen. Es geschieht das, was Victor immer befürchtet hat: die Tat wird nicht bestritten, aber die Schuld wird den Kindern zugeschoben. Camille, weil sie geschwiegen hat, beiden, weil sie jetzt alles zerstören und so eine Ungeheuerlichkeit ausbreiten. Die große Familie wendet sich ab, nicht aber, um den Täter zu ächten, sondern weil Camille und Victor nicht geschwiegen haben. Nur ihre Tante hält zu ihnen, nimmt den Bruch mit ihrer geliebten Schwester in Kauf, kann mit der Situation in der Familie jedoch auch nicht leben.

Seit einiger Zeit gibt es auffällig viele Berichte von französischen Frauen um die 40, die ihre Kindheitserlebnisse schildern. Gemeinsam haben sie, dass sie im Umfeld von gefeierten Persönlichkeiten aufgewachsen und oftmals durch die Hölle gegangen sind. Vanessa Springora, die ähnlich wie Victor Kouchner missbraucht wurde und man ihr jedoch einredete, dass das alles so richtig sei. Sarah Biasini, die als Tochter von Romy Schneider nach deren Tod zwar familiär behütet aufwuchs, aber von klein auf von der Presse verfolgt wurde. Das jahrelange Schweigen gehörte offenbar in den 70er bis 90er Jahren dazu, wurde von früh auf gelernt, ebenso wie das „stell dich nicht so an“ und eine Umkehr der Schuld. Jedes einzelne Buch erschreckend zu lesen und doch wichtig, für die Autorinnen, die sich damit befreien können, aber auch um eine andere Zukunft für ihre Kinder zu gestalten.

Chibundu Onuzo – Sankofa

Chibundu Onuzo – Sankofa

Seit einem halben Jahr ist Annas Mutter inzwischen tot. Sie hat bislang immer noch nicht alle ihre Sachen durchgesehen, doch nun, wo ihre Tochter auch längerer Geschäftsreise ist und sie vor der Scheidung steht, macht sich Anna an den Nachlass. Sie stößt auf ein Tagebuch, das offenbar zu ihrem Vater gehörte. Ihr Leben lang hat sich ihre Mutter geweigert, Fragen zu ihm zu beantworten. Anna weiß nur, dass der Student aus Bamana einige Zeit in London verbrachte und als Untermieter bei ihren Großeltern lebte. Von der Schwangerschaft hat er nie etwas erfahren und Anna hat früh gemerkt, dass er ein Tabu-Thema ist. Sie hat ihn nie wirklich vermisst, doch nun wächst die Neugier und schnell findet sie heraus, wessen Tochter sie ist: die eines brutalen, mittlerweile offenbar superreichen Diktators. Dieses Bild passt so gar nicht zu jenem, dass sie sich von dem Mann, dessen Tagebuch sie gelesen hat, gemacht hat. Es bleibt wohl nur hinzufahren und sich einen realen Eindruck zu verschaffen.

Chibundu Onuzo ist in Nigeria geboren und als Teenager nach England gekommen. Mit nur 19 hatte sie ihren ersten Vertrag bei Faber and Faber und enttäuschte mit ihrem vielfach ausgezeichneten Debüt auch nicht. „Sankofa“ ist ihr dritter Roman, der die Frage nach Identität und Zugehörigkeit auf eine ungewöhnliche Weise angeht. Das fiktive Land Bamana an der westafrikanischen Diamantenküste bietet den Hintergrund für eine hochinteressante Begegnung und Auseinandersetzung der Kulturen, in der der europäische Blick gnadenlos und dennoch annehmbar vorgeführt wird.

Die Handlung beginnt in London, wo Anna auf die Erinnerungen ihres Vaters stößt, der sich Ende der 60er Jahre als afrikanischer Student offenem Rassismus gegenüber sieht. Er wollte die Engländer kennenlernen, merkt aber schnell, dass er nie zu ihnen eingeladen wird und seine einzigen Kontakte die anderen ausländischen Studenten sind, die sich auch zunehmend ob der politischen Lage und der gesellschaftlichen Ausgrenzung radikalisieren. Seine Affäre mit Annas Mutter muss geheim bleiben, er kann sich auch nie des Gefühls der Unterlegenheit erwehren.

Anna selbst wächst mit dunkler Hautfarbe in einem weißen Mittelschichtenmilieu auf. Ihre Mutter kann – oder will – die Anfeindungen nicht sehen, denen sie immer wieder ausgesetzt ist, sie leugnet jeden Rassismus kategorisch. Doch schon kleine Dinge wie ihre Haare, die mit europäischen Shampoos nicht zu bändigen sind, führen Anna immer wieder ihre Andersartigkeit vor.

Nachdem sie mittels eines schottischen Professors und Studienkollegen ihres Vaters herausgefunden hat, dass Francis Aggrey inzwischen charismatischer Führer eines kleinen Landes ist, ist sie gleichermaßen neugierig wie verschreckt. In Bamana ist sie ganz eindeutig eine obroni, eine Weiße, und wird so behandelt. Die erste Begegnung mit ihrem Vater endet im Desaster, doch dieser lädt sie ein, länger zu bleiben. In ihren weiteren Treffen stößt Anna dann aber immer wieder an die Grenzen ihrer Überzeugung und ihrer Vorurteile, hin und her gerissen zwischen dem Vater mit seinen zugewandten und auch liebenswerten Seiten und dem rücksichtslosen Diktator, der weiß, wie sein Land funktioniert und auch nicht davor zurückschreckt, seiner eigenen Tochter eine Lektion in Rassismus zu erteilen.

Die Stärke des Romans liegt fraglos in der zweiten Hälfte der Handlung. Anna ist als Protagonistin einerseits mit den typisch westeuropäischen Attributen ausgestattet –  Mittelschicht, Studienabschluss, viele Jahre Hausfrau und Mutter – andererseits kennt sie auch Rassismus. Sie geht mit einer großen Portion Naivität an ihre Reise, was sie sogleich teuer bezahlt. Viele ihrer Vorstellungen sind einem nicht fremd, man identifiziert sich leicht mit ihr und doch trägt sie in sich den Zwiespalt zwischen der vermeintlich objektiven Betrachtung des Landes von außen und jenes Blicks der Tochter, die um die Erfahrungen des Vaters in England und seine ursprünglichen Ideale weiß. Das Spannungsfeld lässt sich nicht auflösen, bietet daher immer wieder interessante Konfrontationen, die einem als Leser nachdenklich stimmen. Für mich eines der spannendsten und aufschlussreichsten Bücher einer BIPoC Autorin, das ich uneingeschränkt empfehlen würde.

Annie Ernaux – La honte [dt. Die Scham]

Annie Ernaux – La honte

An einem Sonntagnachmittag im Juni 1952 wollte der Vater der 12-jährigen Annie ihre Mutter umbringen. Damit eröffnet die französische Autorin ihren Roman, der mehr einem Tagebuch der Erinnerungen gleicht. Das Ereignis hat Spuren bei dem Mädchen hinterlassen, zwei Bilder aus dem fraglichen Jahr belegen dies, es gibt ein Davor und ein Danach. Detailliert schildert sie die Situation in der heimischen Küche, dem Durchgangszimmer zwischen dem Café der Eltern und der Wohnung der Familie, der Raum, der Einblick in das Leben erlaubt, das eigentlich verborgen sein sollte, denn alles Private ist auch mit Scham besetzt. Das erlebt das Mädchen immer wieder, so wird sie erzogen. Das kleine Dörfchen der Normandie, in dem sie aufwächst, hat in den 1950ern klare Regeln, ebenso ihre katholische Privatschule, beides prägt die Autorin so stark, dass es sich auch 40 Jahre später nicht loslässt.

Die meisten Romane Annie Ernaux sind autobiografisch geprägt, sie öffnet damit die Tür und gibt Einblick in ein Leben, das bis dato weitgehend verborgen war. Sie gilt als Chronistin des einfachen Lebens in Frankreich, sie schreibt über fast banale Alltagsthemen, die jedoch für die Figuren (oft sie selbst) essentielle Momente darstellen. In dem Roman, der bereits Mitte der 1990er Jahren veröffentlicht wurde, ist es der Gewaltausbruch des Vaters, der außer in ihrem Gedächtnis nirgendwo dokumentiert ist.

Scham kommt als Thema immer wieder in ihren Büchern vor, vor allem bezogen auf ihre Herkunft. Die Eltern schon haben einen kleinen Aufstieg erreicht, indem sie von Fabrikarbeitern zu Selbstständigen wurden. Die Regeln für die Tochter sind streng, unter keinen Umständen darf sie den äußeren Schein gefährden. Dazu zählen auch die Frömmigkeit der Mutter und der Besuch der katholischen Schule, wo sie eine Außenseiterin bleibt, denn aus ihrem Viertel gehen alle Kinder in die staatliche Schule und mit ihren Mitschülerinnen aus gutbürgerlichen Elternhäusern hat sie nur wenig gemein. Dennoch will sie gefallen, vor allem den Lehrerinnen und den bewunderten älteren Schülerinnen. Doch nie ist sie genug, zumindest so ihr Empfinden, es bleiben immer Makel, derer sie sich nicht entledigen kann und die ein tiefes Gefühl von Scham bei ihr hinterlassen, das sie ihr Leben lang begleiten wird.

Frankreich mangelte es nun wahrlich nie an Philosophen und Soziologen, die uns die Gesellschaft versuchten zu erklären. Annie Ernaux macht dies allerdings auf eine viel greifbarere Weise, die einem als Leser unmittelbar trifft. Auch viele Jahrzehnte später kann sie sich noch in das junge Mädchen und sein damaliges Empfinden hineinversetzen und ihr eine Stimme verleihen, die sie damals noch nicht hatte. Im Suhrkamp Verlag sind in den vergangenen Jahren einige Neuübersetzungen von Annie Ernaux erschienen, so auch „Die Scham“. Sicherlich kein Roman für die Massen und für mich auch nicht ganz so stark wie „Erinnerung eines Mädchens“, aber auf jeden Fall empfehlenswert, wenn man unsere Nachbarn etwas besser verstehen möchte, denn gerade auch dieser Roman erklärt, weshalb Annie Ernaux eine leidenschaftliche Unterstützerin der „Gilets Jaune“ (Gelbwesten) war.

Ragnar Jónasson – Insel

Ragnar Jónasson – Insel

Hulda Hermannsdóttir muss von der isländischen Hauptstadt auf die zerklüftete Insel Elliðaey reisen, denn dort wirft der Tod einer jungen Frau Fragen auf. Gemeinsam mit drei Freunden verbrachte sie einige Tage in einem Sommerhaus. Nachts scheint Klara alleine die Hütte verlassen zu haben und an einem steilen Felsen abgestürzt zu sein. Doch die Obduktion legt anderes nahe. Bei der Befragung der Freunde zeigt sich auch schnell, dass Alexandra, Benedikt und Dagur etwas verheimlichen und dass sie schon einmal mit einem Todesfall verbunden wurden: Katla, Dagurs ältere Schwester und ebenfalls mit der Clique befreundet, wurde genau 10 Jahre zuvor ermordet aufgefunden. Ihr Vater wurde der Tat beschuldigt und beging im Gefängnis Selbstmord, ein klares Schuldeingeständnis wie Huldas Vorgesetzter erkannte. Je näher die Kommissarin der Wahrheit kommt, desto offenkundiger wird ihr auch, dass es auch in dem alten Fall noch Fragen gibt. Doch diese zu stellen wird dramatische Folgen haben.

„Insel“ ist der zweite Band von Ragnar Jónassons Hulda Trilogie, die chronologisch rückwärts erzählt wird und nun die Kommissarin auf den Höhepunkt ihrer Karriere zeigt. Der Autor arbeitet auch wieder mit der Überlagerung verschiedener Zeitebenen und konstruiert so eine spannende und undurchschaubare Geschichte, in der alle Figuren ihre Geheimnisse und Motive haben. Besonders stark wirkt wieder einmal die Natur, die einerseits als geradezu berauschend schön dargestellt wird, aber auch ihre rauen und abweisenden Seiten hat. Wie schon in „Dunkel“ herrscht eine düstere Atmosphäre, die perfekt zu dem Fall und den gleich bei mehreren Personen vorhandenen Schuldgefühlen passt.

Eigentlich wollen die vier Freunde sich nur nach vielen Jahren wiedersehen und gemeinsam der verstorbenen Katla gedenken. Doch die Stimmung ist von Beginn an vergiftet, es hängt etwas in der Luft und Karlas Alpträume in der Hütte führen auch nicht unbedingt zu einer Verbesserung. Man wundert sich, weshalb sie den Anlass ihres Aufenthalts nicht preisgeben wollen, als Leser hat man aber jedoch recht schnell einen Wissensvorsprung und beobachtet gebannt, ob es Hulda gelingen wird, hinter die Fassade zu blicken und für Gerechtigkeit zu sorgen.

Ein überzeugender Krimi, der jedoch nicht ganz an den ersten Band heranreicht, der mit ungeahnten Wendungen und noch stärkerem Fokus auf Hulda wirklich überraschen konnte.

Arianna Farinelli – Aufbrüche

Arianna Farinelli – Aufbrüche

Bruna, Professorin für Globalisation Studies in New York, ist erschüttert, als sie mit ansehen muss, wie ihre amerikanische Wahlheimat 2016 ins Chaos taumelt und der unsäglich und ungenannte Immobilienhai zum Präsident gewählt wird. Sie kennt als Expertin die Strukturen von Hass, weiß, wie Menschen reagieren, wenn sie unzufrieden sind mit ihren Regierungen und welche Folgen das haben kann, droht das nun auch den USA? Doch nicht nur die politische Lage ist prekär, auch ihr Familienleben liegt in Trümmern: seit einigen Wochen schon hat sie eine Affäre mit Yunus, einem ihrer Studenten. Nun steht die Polizei in ihrem Büro und fragt nach dessen Verbleib, denn es scheint, als hätte sich der junge Mann radikalisiert und dem IS angeschlossen. Dass sie von ihm schwanger ist, macht die Lage mit ihrem erzkonservativen Mann und den beiden Kindern nicht leichter.

Arianna Farinelli ist selbst, genauso wie ihre Protagonistin, italienischer Abstammung und lehrt Politikwissenschaften in New York. „Aufbrüche“ ist ihr vielbeachtetes Debüt, das im Originaltitel „Gotico Americano“ auf ein Bild von Grant Wood anspielt („American Gothic“), einem Nationalheiligtum, das den amerikanischen Pioniergeist und das ländliche Leben preist. Genau jene ländliche Bevölkerung war es auch, die mit ihrem rückwärtsgewandten Blick, den das Bild illustriert, den politischen Erdrutsch verursachte. Die politische Ebene wird durch jene der Familie gespiegelt, in der die beiden Ehepartner ebenfalls auseinandertriften: Tom aus konservativer Familie mit ebensolchen Ansichten, der den progressiven Ansichten seiner Frau kaum mehr folgen kann.

Der Roman wird in vielen Rückblenden erzählt und kommt immer wieder in die Gegenwart, die sich bereits in einem desaströsen Zustand befindet, zurück. Dabei wechseln sich die großen Blickwinkel der weltpolitischen Lage und ihrer wissenschaftlichen Analyse zunächst mit den Disruptionen im Nukleus der Familie ab. Besonders interessant hier, wie differenziert es der Autorin gelingt, die Situation der italienischen Einwanderer, die je nach Einwanderungszeitpunkt gänzlich unterschiedlich in die amerikanische Gesellschaft aufgenommen wurden, mit zu integrieren. Bruna bleibt formal genauso ein „Alien“ wie sie sich Toms Familie immer fremd fühlt.

Einen Nebenkriegsschauplatz ist die Situation ihres Sohnes, der schon als kleines Kind lieber mit Puppen spielt und Kleider tragen will als den gesellschaftlichen Vorstellungen eines Jungen zu entsprechen und mit den anderen wilde Spiele zu verfolgen. Mario benötigt zunächst keine Bezeichnung für das, was er ist oder wie er sich fühlt, nur wäre er lieber eigentlich Maria als Mario – dass er damit für seinen Vater und dessen Familie Enttäuschung darstellt, ist keine Frage. Der Großvater hat auch keine Hemmungen, den noch kleinen Jungen übel abzuqualifizieren. Mit einer unsichtbaren Freundin und seiner cleveren und mental starken Schwester jedoch kann er seinen Platz finden.

Ein vielschichtiger Roman, der gleich mehrere große Themen anreißt, alles zentriert um eine interessante und ebenso vielschichtige Protagonistin, deren Leben an einem Scheidepunkt steht, bei dem nicht klar ist, welcher Weg für sie am Ende wartet.

Édouard Louis – Die Freiheit einer Frau

Édouard Louis – Die Freiheit einer Frau

Der junge französische Autor Édouard Louis setzt die Erzählung seiner Familie fort. Nachdem er in „En finir avec Eddy Belleguele“ (dt. „Das Ende von Eddy“) seine eigene Geschichte erzählte, in „Histoire de la violence“ (dt. „Im Herzen der Gewalt“) eine nahezu unerträgliche Gewalteskapade ausführte, näherte er sich in „Wer hat meinen Vater umgebracht“ seinem Vater. Jetzt ist seine Mutter, die auch das Cover ziert, in „Die Freiheit einer Frau“ im Fokus. Genau jenes Bild, das er zufällig entdeckte, war auch der Auslöser für das Buch, das einmal mehr in seiner ganz eigenen literarischen Form zwischen Erzählung, Memoiren und Biografie verfasst wurde.

„Sie war gedemütigt, aber sie hatte keine andere Wahl, oder sie dachte, sie hätte keine, die Grenze dazwischen ist schwer zu bestimmen, (…)“

Moniques Leben gerät früh schon auf die schiefe Bahn. Während der Ausbildung wird sie als Teenager schwanger, bekommt bald schon das zweite Kind. Sie verlässt den Vater der Kinder für einen anderen Mann, der jedoch ebenso gewalttätig und unterdrückend ist. Mit ihm folgen weitere Kinder, darunter auch Édouard. Ihr bleibt das Leben als Hausfrau und Mutter auf dem nordfranzösischen Dorf. Dass sie einmal eine lebenslustige Frau mit Träumen war, davon ist nichts mehr zu spüren. Stoisch erträgt sie das Schicksal, das ihr scheinbar zugewiesen wurde. Sie braucht Jahrzehnte, um sich zu erinnern, dass sie schon einmal geflüchtet ist und dass sie sie diese Möglichkeit wieder hätte.

„Sie war sich ganz sicher, dass sie ein anderes Leben verdiente, dass es dieses Leben irgendwo gab, abstrakt gesehen, in einer virtuellen Welt, so gut wie in Reichweite, und dass ihr Leben in der wirklichen Welt eigentlich wegen eines Versehens so aussah wie es war.“

Was die Erzählungen Édouard Louis‘ auszeichnet, ist die gnadenlose Beschreibung einer unschönen Realität. Er kommt aus einem prekären Milieu, das von Gewalt und Hoffnungslosigkeit geprägt ist und eröffnet mit seinen Büchern einen Blick in diese Welt, vor der man lieber die Augen verschließen möchte. Ihm selbst ist nicht nur der soziale Aufstieg geglückt, er kann mit dem Abstand von Zeit und Raum auch das reflektieren, was er als Kind und Jugendlicher erlebt und gesehen hat und schreibt dies nieder.

Auch wenn die schon bekannte endlose Spirale, die sich von Generation zu Generation wiederholt –  geboren in Gewalt und Armut, den Ausweg nicht finden, den Weg der Eltern reproduzieren, selbst gewalttätig werden und mit prekären Jobs gerade so überleben – auch hier geschildert wird, erlaubt der Blick auf die Mutter doch auch einen Funken von Hoffnung. Und Versöhnung, denn der Sohn ist älter und reifer, erkennt seine eigenen Fehler gegenüber der Mutter, seine Fehleinschätzungen, die blinden Flecken, die er in jungen Jahren nicht sehen oder richtig deuten konnte. Somit wird der Bericht auf eine Reflektion über das eigene Denken und das Eingeständnis von selbst ausgeübter Gewalt, die in seinem Fall eher psychologisch denn physisch war.

Eine Hommage an eine letztlich starke Frau, keine schöne Lebensgeschichte, aber eine aus dem echten Leben, das nun einmal nicht immer rosarot ist.

Marianne Cedervall – Schwedische Familienbande

Marianne Cedervall – Schwedische Familienbande

Samuel Williams muss die Großstadt verlassen, um in dem Dörfchen Klockarvik seine neue Stelle als Pfarrer anzutreten. Doch kaum ist er angekommen, ist es mit der beschaulichen Dorfruhe auch schon vorbei als er auf dem Friedhof die grausam zugerichtete Leiche von Finn Mats Hansson findet. Der Hotelbesitzer war gut bekannt und hat sich mit seinen Geschäften nicht wenige Feinde gemacht. Aber auch seine Ex-Frau, gerade durch eine Jüngere ersetzt, hätte durchaus ein Motiv, sich ihres Mannes zu erledigen. Ebenso sein Sohn, der um das Erbe fürchten muss. Statt sich auf das Seelenheil seiner neuen Schäfchen zu konzentrieren beginnt Samuel zu ermitteln, sehr zum Missfallen von Maja-Sofia Rantatalo, der zuständigen Kommissarin.

Marianne Cedervall hat ihren cosy crime Fall zu Beginn der Adventszeit angesiedelt, in der die Menschen eigentlich in besinnlicher Stimmung sein sollten, das schwedische Dorf jedoch durch den Mord aufgerüttelt wird. „Schwedische Familienbande“ greift mit dem in Eigenregie ermittelnden Geistlichen ein bekanntes Thema auf und unterscheidet sich damit stark von den typischen schwedischen Psychothrillern, die in nervenzerreißender Weise grausame Brutalität schildern. Hier geht es eher beschaulich und gemächlich zu, in guter Tradition eines Father Brown oder Brother Cadfael.

In seinem ersten Fall muss der Neuankömmling sich erst mit den Bewohnern und den Traditionen seines neuen Wirkkreises vertraut machen, womit auch dem Leser der Einstieg leicht gelingt. Das fehlende Wissen um Verbindungen und alte Fehden muss dich der Pfarrer erst mühsam erfragen, ist dabei aber erfolgreicher als die Polizei. Mit Maja-Sofia hat er eine würdige Gegenspielerin, die so gar nicht von seinem Tun begeistert ist, aber erkennen muss, dass der Kirchenmann durchaus clever kombiniert und seinen eigenen Zugang zu den Menschen findet.

Als Protagonist ist Samuel mit einigen Eigentümlichkeiten ausgestattet: geschieden mit Freundin passt er nur bedingt in das Bild des gottesfürchtigen braven Bürgers. Mit seinem Boss, also dem ganz oben, führt er Zwiegespräche, vor allem dann, wenn ihm die attraktive Kommissarin wieder einmal droht seine eigentliche Freundin vergessen zu lassen.

Leider funktioniert nicht alles in der Übersetzung. Der Running Gag bezüglich der Namen hat sich mir schlichtweg nicht erschlossen und wurde dadurch irgendwann etwas müßig, ebenso die Dialektfrage, die aber wohl scheinbar auf eine Erfindung der Autorin zurückgeht. Handlung und Figuren sind etwas schematisch und lassen leicht die bekannten Vorbilder erkennen, hier hätte etwa mehr Originalität gutgetan.

Arttu Tuominen – Was wir verschweigen

Arttu Tuominen – Was wir verschweigen

Gerade hat man Jari Paloviita zum kommissarischen Chef ernannt, als die Polizei von Pori auch schon mit einem Mordfall konfrontiert wird: in einem Sommerhaus kam es zu einem Gelage, das aus dem Ruder lief. Am Ende des Abends ist ein Mann tot, ein Verdächtiger wird jedoch blutverschmiert unweit im Wald aufgegriffen. Die Zeugen sind weitgehend nicht zu gebrauchen, zu viel Alkohol und anderes machen ihre Aussagen unbrauchbar. Jari überlässt den Fall seinen beiden Ermittlern Hendrik und Linda, es scheint nicht so schwierig zu sein, hier eine Anklage vorzubereiten. Doch als er die Namen von Opfer und Täter liest, bleibt Jari das Herz beinahe stehen. Er kennt beide. Schon sehr lange und er weiß auch, was im Sommer 1991 geschehen ist.

Der Ingenieur Arttu Tuominen stammt aus der mittelfinnischen Hafenstadt Pori und hat bereits vier Krimi veröffentlicht. „Was wir verschweigen“ ist der Auftakt der sogenannten DELTA Serie und wurde mit dem finnischen Krimipreis als bester Spannungsroman des Jahres 2020 ausgezeichnet. Geschickt verbindet er die aktuellen Ermittlungen mit der Kindheit des leitenden Kommissars und baut sowohl in der Vergangenheit wie auch der Gegenwart einen Spannungsbogen auf, der sich erst spät löst. Im Zentrum dabei die Frage, wo Jari steht: auf Seiten des Rechts oder einer lange zurückliegenden Verpflichtung.

„Freundschaft hat nichts mit Recht oder Schuld zu tun. Das wüssten Sie, wenn Sie auch nur einmal in Ihrem Leben jemanden gekannt hätten, dem Sie bedingungslos vertrauen konnten.“

Der Fall bringt Jari in eine moralische Zwickmühle, aus der er sich nicht lösen kann. Er vertritt das Recht, muss dafür sorgen, dass Gerechtigkeit geschieht, dass die Ermittlungen geregelte Wege gehen und dass vor dem Gesetz alle gleich behandelt werden. Doch es gibt noch eine alte Schuld, eine Verpflichtung, ein Versprechen, denen er sich ebenso verpflichtet sieht. Er ringt mit sich, hofft auf eine andere Lösung, die von irgendwoher kommt.

Es ist nicht die Frage, ob der vermeintliche Täter die Tat wirklich begangen hat. Was an dem fraglichen Abend geschah, rück in den Hintergrund. Es ist ein Kampf, der sich nur in Jari abspielt und es ist klar, dass auch nur er die Entscheidung treffen wird, in welche Richtung das Pendel ausschlägt, wofür er sich entscheidet, wozu er sich bekennt.

Ein Krimi, der ganz traditionell beginnt und dann zu einem Gewissenskonflikt wird, auf den man auch als Leser nicht leicht eine Antwort findet. Mit dem Protagonisten ist man in der Situation gefangen und kann nur für sich selbst überlegen, ob man seine Schritte genauso gehen würde oder man sich eher für ein anderes Handeln entscheiden würde.

Ein Krimi, der den Leser in vielerlei Hinsicht herausfordert und gedanklich einbindet mit der Frage: was würde man selbst tun?