Sharon Dodua Otoo – Adas Raum

Sharon Dodua Otoo – Adas Raum

Ist das Leben nur auf ein einziges Dasein beschränkt oder lebt von einem selbst auch immer etwas in den nachfolgenden Generationen weiter? Ist mit dem Tod der ersten Ada im 15. Jahrhundert schon alles besiegelt? Mitnichten, es folgen weitere Adas, die als mutige Frauen ihren Weg gehen und von Afrika über das viktorianische England bis in ein KZ und das Berlin der Gegenwart kommen und dort auch immer etwas von dem finden, was einst in ihnen angelegt wurde. All ihnen ist gemein, dass sie für ihre Unabhängigkeit kämpfen, sich nicht von Männern einfach unterwerfen lassen und auch als Opfer brutaler Gewalt noch eine gewisse Haltung zu bewahren vermögen.

Sharon Dodua Otoos Debütroman war nach dem Gewinn den Ingeborg-Bachmann-Preises mit hohen Erwartungen versehen. Als Autorin, die nicht in Deutschland bzw. mit der deutschen Sprache aufgewachsen ist, war dies ein viel beachtetes Novum. Seit nunmehr 15 Jahren lebt sie in Berlin und engagiert sich auch politisch, insbesondere für Themen wie Feminismus und Rassismus, die beide auch eine ganz wesentliche Rolle in ihrem Roman „Adas Raum“ spielen. In der Konstruktion gewagt, überschreitet sie nicht nur Raum- und Zeitgrenzen, sondern erweckt auch die dingliche Welt zum Leben und diese darf von dem berichten, was sie beobachtet und die Menschen nicht auszusprechen wagen.

Im Zentrum stehen jedoch die vier Frauen, die erste wird als Sklavin in Afrika zum Opfer des weißen Kolonialismus. Ada Lovelace wiederum erlebt den verachtenden Blick ihres Liebhabers, der ihre mathematischen Gedanken nicht zu würdigen weiß. Die Prostituierte Jüdin Ada kämpft im KZ ums Überleben und erlebt so aufgrund ihrer Religion die Einordnung als Mensch zweiter (oder dritter oder eher vierter) Klasse. Auch das Berlin der Gegenwart hält für die schwangere Ada zweifelhafte Blicke und wenig verschleierten Rassismus bereit. Verschiedene Formen von Diskriminierung ziehen sich durch den Roman und die Geschichten der Frauen.

In Schleifen werden die Ereignisse erzählt, was literarisch anspruchsvoll und durchaus herausfordernd ist. Ein ambitioniertes Konzept, das zwar insgesamt aufgeht, aber gepaart mit erzählendem Besen und KZ-Zimmer war mir das Ganze etwas zu gekünstelt und eigenwillig. Das fraglos relevante Thema verliert sich so in der Form, was schade ist, denn dafür ist es zu aktuell und bedeutsam.

Harriet Walker – Die Neue

Eigentlich könnte Margot den kommenden Monaten freudig entgegensehen. Statt des stressigen Redakteurinnenjobs bei einer Modezeitschrift kann sie sich ganz auf ihre Schwangerschaft und die erste Zeit mit ihrem Baby konzentrieren. Mit Maggie hat sie ihrer Chefin auch eine kompetente Vertreterin präsentieren können, so dass sie sich keine Sorgen zu machen braucht. Doch bald schon tauchen die alten Zweifel wieder auf und beginnen an ihr zu nagen. Ist die Neue besser als sie? Beliebter? Schlanker? Trotz der wundervollen Lila kann sie nicht aufhören, sich zu vergleichen und die Social Media Kanäle, auf denen Maggie sich erfolgreich präsentiert, befeuern Margots gedankliche Abwärtsspirale. Da ist es nicht hilfreich, dass sich auch ihre beste Freundin Winnie von ihr abwendet, die selbst gerade nach dem Verlust eines Kindes in einem tiefen Loch steckt. Ihre eigenen Gedanken nagen schon genug an Margot, als jedoch ein Internettroll systematisch seinen Feldzug gegen sie startet, droht die Lage zu eskalieren.

Harriet Walker weiß genau, wovon sie schreibt, als Fashion Editor der New York Times ist ihr das Modebusiness mit all seinen Facetten bestens bekannt. Auch als Normalo kann man sich vorstellen, dass dort mit harten Bandagen gekämpft wird und jedes Outfit, jedes Kilo zu viel auf der Waage genüsslich beäugt und verächtlich kommentiert wird. Es erfordert schon sehr viel Selbstbewusstsein und ein gefestigtes Selbstkonzept, um dies tagtäglich zu ertragen und drüberzustehen. Genau darüber verfügen ihre Figuren nicht, ebenso wenige über die Fähigkeit, offen ihre Schwächen zuzugeben und sich dadurch statt Feinden Verbündete zu schaffen.

Margot hat eigentlich einen festen Platz in der Modewelt, ist anerkannt und aufgrund ihrer Kompetenz geschätzt, dies hindert sie jedoch nicht daran, in jugendliche Selbstzweifel zurück zu verfallen. Mit dem Rollenwechsel von der erfolgreichen Karrierefrau zur Mutter reißt all dies wieder auf und sie stellt alles infrage, was sie erreicht hat. Die Figur zeigt, wie fragil die Menschen bisweilen hinter den erfolgreichen und selbstsicheren Fassaden sind und dass niemand vor negativen Gedanken gefeit ist. Nicht viel anders ergeht es da Maggie, die sich einerseits über die Chance, die sich durch die Vertretung für sie eröffnet, freut, andererseits aber auch im permanenten Vergleich mit der Vorgängerin steht, sich genötigt sieht immer noch mehr leisten zu müssen und einen Konkurrenzkampf wahrnimmt, der gar nicht vorhanden ist.

Wie schnell gerade online Postings falsch gedeutet werden können, wie gefährlich der Gedankenstrudel werden kann, wenn man erst einmal in ihm gefangen ist, zeigt der Roman ganz drastisch. Jedes Wort wird in einem paranoide zusammenstrickten Weltbild so zurechtgerückt, dass es zum Narrativ passt. Sich daraus wieder zu befreien, ist in einer Zeit, in der das Leben gleichermaßen online wie offline stattfindet, schlicht unmöglich geworden. Die fatalen Folgen negativer Gedanken, die ich sehr gut nachvollziehen konnte, wurden von Harriet Walker überzeugend und glaubwürdig in der Geschichte umgesetzt. Einziger Abzug die Nebengeschichte um Margots und Winnies Jugend, die es meines Erachtens nicht gebraucht hätte und die auch für mich nur begrenzt stimmig war.

Polly Samson – Sommer der Träumer

Polly Samson – Sommer der Träumer

Nach dem Tod der Mutter flüchtet die junge Erica mit ihrem Bruder Bobby vor den Wutausbrüchen des Vaters aus London auf die griechische Insel Hydra. Dort hofft sie auch mehr über ihre Mutter zu erfahren, denn deren ehemals beste Freundin Charmian lebt dort und hatte sie eingeladen. Sie ist es auch, die das Mädchen in die Gemeinschaft von Schriftstellern, Malern und Musikern einführt, die dort ein unbeschwertes Leben der Bohemians führen und alle hoffen, dass sie von der Muse geküsst werden und das nächste große Meisterwerk verfassen.

Polly Samson ist mit dem Pink Floyd Sänger David Gilmour verheiratet und hat für die Band an unzähligen Liedtexten mitgearbeitet. In „Sommer der Träumer“ lässt sie eine Reihe von bekannten Künstlern erscheinen, unter anderem Leonard Cohen und seine norwegische Muse Marianne Ihlen. die Insel ist nicht nur klein, sondern 1960 auch noch ohne Strom, was das Leben reduziert und unweigerlich auch die zwischenmenschlichen Emotionen in den Fokus rückt.

Erica kommt als naive junge Frau zu der bunten Community, sie ist nicht nur unerfahren, sondern auch bezogen auf ihr Leben und ihre Zukunft planlos und zudem durch den Verlust der Mutter schwer getroffen. Sie beobachtet und bewundert das unbeschwerte Leben das voller Drogen und Sex, das aber auch von Gewalt geprägt ist und in dem insbesondere die Frauen weniger als eigenständige Künstlerinnen wahrgenommen werden, denn als willfährige Partnerinnen, die den Launen der leidenden Künstler ausgesetzt sind.

Leider hat mich der Roman nicht wirklich erreicht. Ich fand Ericas Verzweiflung in London nach dem Verlust der Mutter noch gut greifbar und berührend, auf der Insel jedoch dominieren andere Charaktere und sie wird zunehmend in die Rolle der Beobachterin gedrängt. Das Mysterium um ihre Mutter trägt auch nur bedingt zum Spannungsaufbau. An dem Titel reizte mich vor allem die Atmosphäre der kleinen Insel, auf der kreative Menschen sich ganz dem künstlerischen Schaffen widmen – leider sind es aber eher Beziehungsprobleme und Gewaltausbrüche, die die Tage prägen. Insgesamt durchaus leicht zu lesen, aber leider weit hinter den Erwartungen geblieben.

Orkun Ertener – Was bisher geschah (und was niemals geschehen darf)

Orkun Ertener – Was bisher geschah (und was niemals geschehen darf)

Sie wollen nur ausgelassen das Abitur feiern, so wie alle Jahrgänge vor ihnen, doch dann geschieht das Unfassbare: Paul wird angefahren und schwer verletzt. Zwar überlebt er, aber fortan wacht er jeden Morgen auf und hat vergessen, was seit dem Unfall geschehen ist. Sein bester Freund seit Kindheitstagen, Finn, kann nicht mit den Schuldgefühlen umgehen und zieht sich zurück. Monate vergehen, bis Finn Paul in der Reha besucht und dort Unglaubliches erfährt: offenbar plant ihr ehemaliger Mitschüler Khalil einen Terroranschlag. Paul überredet Finn, ihm zu helfen und Khalil zu finden. So beginnt ein aberwitziger Roadtrip nach Berlin und London, der schließlich in Hamburg endet und die beiden Freunde innerhalb weniger Tage erwachsener werden lässt als all die Jahre zuvor.

„Paul war in einem Alptraum erwacht, den er jeden Tag aufs Neue ertrug, ohne ihn je zu verstehen, schlimmer noch, ohne sich jemals an ihn zu erinnern.“

Es ist ein Unfall, wie er tagtäglich auf deutschen Straßen geschieht, der das Leben der drei Freunde völlig aus der Spur wirft. Paul lebt in seiner eigenen Welt, die er sich tagtäglich neu erarbeiten muss. Finn hat jeglichen Halt verloren und vegetiert tatenlos in seinem Kinderzimmer vor sich dahin. Khalil versucht lange Zeit noch retten, was vor dem Unfall war, bevor er aufgibt und sich scheinbar radikalisiert ob der Ungerechtigkeit der Welt. Es ist kein klassisches coming-of-age-Setting, das Orkun Ertener gewählt hat, ums Erwachsenwerden geht es eher in zweiter Linie. Es ist ein Roman über Schuld, Schulgefühle und den Umgang mit ihnen, und ebenso ein Roman darüber sich und seine Freunde zu erkennen und so anzunehmen wie sie sind.

Ein Brief Khalils mit der Ankündigung eines Anschlags setzt die Handlung letztlich nach einer Phase der Schockstarre, die durch den Unfall ausgelöst wird, in Gang. Die Suche nach dem Freund treibt Paul und Finn an, gibt ihnen dabei die Gelegenheit das zu erzählen, was sie voreinander geheim gehalten haben. Obwohl sie beste Freunde waren, gab es Ungesagtes, nicht Sagbares, aus unterschiedlichsten Gründen Verschwiegenes. Zwar muss sich Paul täglich die Welt wieder erarbeiten, gleichzeitig hat er jedoch auch erkannt, dass er vergessen kann, eine Gabe, die Gesunden nicht gegeben ist, die unweigerlich allen Ballast mit sich tragen müssen.

Finn, Paul und Khalil waren für mich keine sympathischen Figuren, nicht nur, weil sich ihre Melancholie auch auf einem als Leser legt. Dennoch erscheinen sie authentisch im Umgang mit den Erlebnissen und der Welt, in der sie leben. Sie haben keine guten Strategien und die schlechten versagen dann auch noch, aber das ist nun einmal ein Teil des Erwachsenwerdens: manchmal scheitert man kläglich.

Claudia Durastanti – Die Fremde

Claudia Durastanti – Die Fremde

Eine junge Frau zwischen den Welten. Ihre Eltern sind beide gehörlos, haben ihre eigene Sprache aber keine, die sie mit der Tochter teilen. In Brooklyn geboren wächst sie in einem süditalienischen Dorf auf, wo sie jedoch nie wirklich dazugehört. Sie weiß nicht, welcher Schicht sie angehört, verbringt die Sommer in den USA, wo sie bei den Cousinen ebenfalls eine Fremde bleibt. Auch an der Universität und später in England kann sie das Gefühl nicht ablegen, zwischen allen zu schweben und ihren Platz nicht zu finden. Sie kommt sich fast wie eine Betrügerin vor, als sie in die akademischen Kreise eindringt und verarbeitet ihre Erlebnisse und Emotionen nun literarisch, die einzige Form, die nicht in der Realwelt festgelegt ist und so auch ihr einen Heimatort liefert.

„Meine Mutter fehlte mir, wenn sie verschwand, aber sie war nebelhaft und mein Vater eine tiefschwarze Galaxie, die jede physikalische Theorie widerlegte.“

„Die Fremde“ ist Claudia Durastantis vierter Roman und scheinbar der erste, der in deutscher Übersetzung erschienen ist, obwohl die Autorin bereits mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet wurde und sie sich als Mitbegründerin des Italian Festival of Literature in London und Beraterin der Mailänder Buchmesse einen Namen gemacht hat. Der autobiografische Roman gibt Einblicke in eine außergewöhnliche Familie und einer großen Einsamkeit, die sie als Kind und Jugendliche empfunden hat.

„ich fürchtete, jemand könnte mich als das erkennen, was ich war: eine, die sich eingeschlichen hatte. Ich trug die richtigen Kleider, besaß das gleiche Telefon wie die anderen, aber ich hatte arbeiten müssen, um es mir zu beschaffen, (…)“

Wie soll man sich in der Welt zurechtfinden, wenn die Eltern in ihrer ganz eigenen leben? Claudia Durastanti schildert die Begegnung der Eltern und den Freigeist ihrer Mutter, die – als Gehörlose außerhalb aller gesellschaftlichen Normen stehen – genau das auslebt, was sie möchte, keine Grenzen und Konventionen kennt und daher frei ist von allen Zwängen, die ihre Tochter umso stärker wahrnimmt. Diese nähert sich über Familie, Orte, Gesundheit, Arbeit und Liebe immer wieder der Mutter an, die jedoch für sie wie auch für den Rest der Familie eine Fremde bleibt.

Die große Verunsicherung und Einsamkeit des Mädchens und der jungen Frau sind in jeder Zeile zu spüren, ebenso wie die Bewunderung für die Eltern, die sich scheinbar unbeschwert finden konnten, weil sie sich finden mussten. Die Autorin findet eine poetische Sprache, um die Emotionen zum Ausdruck zu bringen und die Höhenflüge der Mutter ebenso wie die Tiefen von Verwirrung und Depression akzentuiert wiederzugeben.

Obwohl stark autobiografisch schon jetzt für mich einer der vor allem sprachlich stärksten Romane des Jahres 2021.

Ein herzlicher Dank geht an den Zsolnay Verlag für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zu Buch und Autorin finden sich auf der Verlagsseite.

Emily Houghton – Before I Saw You

Emily Houghton – Before I Saw You

After a fire at her work place seriously injured her, Alice finds herself in St Francis’s Hospital in a very poor state. She does not even want to look in the mirror for fear of what she might see, and she definitely does not want others to see the monster she has become. Thus, the patients in her ward have to live with the voice coming from behind the drawn curtains. At first, she refuses contact but over the time she realises that old Mr Petersen and especially Alfie Mack next to her are likable people who make staying in hospital a lot more acceptable. Alfie is the good soul of their small community, always funny and entertaining, spreading warmth and hope. At night, however, he is haunted by the accident which made him lose his leg and all the negative emotions he pushes back during daylight. Slowly, the two of them bond, yet, without ever seeing each other.

Emily Houghton tells the story of two people who have to go through a very hard time: the lives they had have ceased to exist from one second to the next and now, they find themselves in a kind of void between before and after. Quite naturally, sharing the similar experiences makes them bond easily, on the other hand, how can you open up to another person and make new friends or even more when you haven’t come to grips with your own situation, yet? The author gives her characters the time they need to adjust and to stretch out a hand.

I thoroughly enjoyed reading this book. Even though there is a lot of sadness due to the accidents the characters had to go through and the hardship they have to endure while healing, the plot is full of love and care which makes you believe in the good in mankind and – of course – in love. Beautifully narrated by highlighting the anxieties and thoughts Alice and Alfie go through which again and again keep them from doing what should be done but which is simply a hurdle too high to take at that moment. What I liked most was the fact that Alice and Alfie fell in love other without seeing each other, they can surely say that it is the character that counts and which attracted them.

A heart-warming story providing hope and confidence when life seems to be too hard to endure.

Thomas Reverdy – Ein englischer Winter

Thomas Reverdy – Ein englischer Winter

Der Londoner Winter des Jahres 1978-79 ist nicht nur aufgrund der niedrigsten Temperaturen seit Jahrzehnten hart. Das Land versinkt im Streik und droht an der miserablen Wirtschaftslage zu zerbrechen. Er wird als „Winter of Discontent“ in die Geschichtsbücher eingehen und den Weg für die Eiserne Lady Margaret Thatcher ebnen, die mehr als ein Jahrzehnt die Geschehnisse im Land lenken wird. Doch so weit ist es noch nicht und die Fahrradkuririn Candice, die eigentlich Schauspielerin werden möchte, bereitet sich auf ihre Rolle als Richard III in Shakespeares Königstragödie vor. Auf ihren Touren durch die Stadt sieht sie, wie sich London entwickelt, wie die Streiks immer mehr Spuren hinterlassen. Bei Besuchen bei ihrer Familie erlebt sie live die Haltung der enttäuschten, ausgebeuteten Arbeiterklasse. „Crisis? What Crisis“ – die berühmte Doppelfrage des Premierministers wird zum Symbol des Bruches zwischen der politischen Klasse und der Bevölkerung.

Thomas Reverdys Roman, der 2018 Finalist um den Prix Goncourt und Sieger des Prix Interallié war, ist in 34 kurze Kapitel gegliedert, die jeweils mit einem Songtitel aus der Punk-Ära überschrieben sind. Die Musik, die als Untergrundbewegung begann und sich gegen das Establishment richtete, passt als kultureller Ausdruck der Unzufriedenheit und des Aufstands gegen autoritäre Ideologien hervorragend zu dem, was sich im Winter der Unzufriedenheit auf gesamtgesellschaftlicher Ebene abspielte. Es ist bereits Reverdys dritter Roman, der literarisch reale Ereignisse verarbeitet und diese durch seine Figuren greifbar macht.

„1978 stand ganz England vor so etwas wie einem Abgrund. Man war sich nicht einig darüber, was zu tun sei, um aus dieser Situation herauszukommen, die eine Schande für das Land war und eine Bedrohung für einen selbst. Aber man musste etwas tun. Man kann nicht allzu lange am Rand eines Abgrunds stehen und mit den Armen rudern. Die allgemeine Ansicht war, dass man springen müsste.“

Immer wieder spielt Reverdy mit den Parallelen zwischen Kunst bzw. Kultur und der Realität. In ihrer Vorbereitung auf das Shakespeare Stück analysiert Candice die Figur Richard III, der alles andere als zufällig gewählt wurde. Er war der letzte des Hause Plantagenet und besiegelte mit seinem Tod dessen Untergang. Ähnliches steht der Labour Party für lange Zeit bevor, was deren Vorsitzender jedoch nicht wahrzunehmen scheint. Alte Allianzen zwischen Arbeitern, Labour und dem Boulevard werden aufgekündigt, der Anbruch einer neuen Zeit ist unausweichlich. Das Ende eines skrupellosen Machtmenschen, der völlig die Bodenhaftung und den Bezug zu den Untergebenen verloren hat: „Crisis? What Crisis?“ – man könnte es nicht besser auf den Punkt bringen.

Candice scheitert mich dem Versuch ihre Fahrradkurir-Kollegen zur Teilnahme am Streik zu motivieren, stattdessen werden ihr von ihrem Chef eindeutig die Machtverhältnisse in der Arbeitswelt aufgezeigt. Es brennt in England, das Land steckt in einer Schockstarre, aus der nur ein starker Leitwolf führen kann. Oder eine Wölfin.

Ein sozialpolitisches Buch, das sich jedoch gar nicht politisch liest. Reverdy gelingt die Verbindung von individueller und kollektiver Perspektive, die Mechanismen und Dynamiken aufzeigt und dabei auch noch unterhaltsam zu verfolgen ist.

Cristina Alger – Das Kartenhaus

Cristina Alger – Das Kartenhaus

Annabel ist am Boden zerstört als sie erfährt, dass ihr Mann Matthew bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kam. Aber wie kann das sein? Er sollte bei einem Kunden in Zürich sein und nicht in London und wer war die ominöse Schönheit, der der Privatjet gehörte? Dies sind nur die ersten Fragen, die sich der ehemaligen Galeristin stellen. Bald schon wird für sie offenkundig, dass die Genfer Privatbank, bei der ihr Mann beschäftigt war, auch zweifelhafte Kunden hofierte und ihnen dabei half, Geld zu verstecken. Aber dies ist nur die moralisch verwerfliche Seite, die brutale lernt sie bald ebenso kennen und muss feststellen, dass auch sie selbst in Gefahr schwebt, wie auch Matthews Assistentin Zoe und die Journalistin Marina, deren Chef gerade ermordet wurde, da er offenbar eine undichte Stelle bei der Bank ausmachen konnte.

Cristina Algers Thriller erweckt zunächst den Anschein, sich vorrangig um die Trauer der jungen Witwe und die Aufklärung des Flugzeugabsturzes ihres Gatten zu drehen. Die parallel erzählte Geschichte um Marina, einer investigativen Journalistin, die sich jedoch auf die Hochzeit und dann die Aufgaben als repräsentative Gattin eines Spross einer New Yorker Superreichenfamilien vorbereitet, schafft lange nur lose Verbindungen. Über die beiden Frauenfiguren war ich zugegebenermaßen etwas entsetzt, erfolgreiche und clevere Frauen, die mir nichts dir nichts ihre Karriere für die Ehe hinschmeißen und im braven Hausweibchen-Dasein die Erfüllung finden, können mich leider nur wenig begeistern. Glücklicherweise hat die Autorin diesbezüglich jedoch den Dreh gefunden und weiblichen Figuren nicht ins Dummchen-aber-hübsch-Kabinett verfrachtet.

Die Geschichte wird zunehmend komplexer als man mehr über die dubiosen Machenschaften und die internationalen Verstrickungen der Finanzwelt erfährt. Geld, Macht und Skrupellosigkeit scheinen Hand in Hand zu gehen und jede Form von Respekt gegenüber Menschen vermissen zu lassen. Der Roman greift geschickt das auf, was man in den letzten Jahren wiederholt erleben durfte: Whistle-Blower, die ihr Leben riskieren, um unmoralische und illegale Geschäfte an die Öffentlichkeit zu bringen. Die Figuren werden dabei ganz persönlich gefordert sich zu positionieren und ihre Ideale dem schönen Leben im Reichtum gegenüber abzuwägen. Gut und Böse bleiben lange diffus, was die Geschichte recht authentisch macht.

Ein spannender Thriller mit letztlich interessanten Frauenfiguren, da es nebenbei auch gelingt, die vorherrschenden Schubladen, in die Frauen gepresst werden, kritisch zu betrachten.

Robert Harris – V2

After having been hit by a German V2 and her affair with a high rank staff member of the ministry almost exposed, Kay Caton-Walsh, officer in the WAAF, asks to be transferred to directly contribute to the fight against the new super weapon of the enemy. Her wish is granted and so she finds herself with dozen of women in Mechelen, Belgium, where they are trained to calculate the origin of the rockets. These are launched from the Netherlands under the surveillance of Dr Rudi Graf who once dreamt of sending rockets into space and was fascinated by his and his friend Wernher von Braun’s advances in science. But since the Nazis have taken over their skills and inventions, he not only feels increasingly uncomfortable but serious questions what he has done.

Altogether, the V2 killed more than 4,000 people, wounded more than 10,000 in London and Antwerp and destroyed thousands of houses in the British capital. Robert Harris has again chosen a historical topic for his novel which outlines the human character in a complicated world. One might expect the Second World War and the Nazi regime to become finally a bit boring, Harris, however, just as in other books before, turns it into a suspenseful story with interesting characters entangled in the contradictions of their time.

The author addresses several core questions while the novel is fast paced and gripping from the start. The German engineer who never intended his creations to be used to kill people but was fascinated by space travel and what by diligence and an inventive talent could be created. Seeing what has become of his dream, he has to make a lonely decision and to come to terms with his role in the war.

On the other hand, Kay is full of patriotism and ready to risk a lot to participate in the fight against the evil, terrorising missile.  Quite astonishingly, it is a group of women who do the complicated calculations when mathematics were considered the supreme discipline of men. Yet, their competences do not hinder their male colleague from looking down on them. She is also the one in contact with the local population who is torn between the fronts and after years of occupation not sure whom to trust anymore.

Even though the whole plot is centred around the missile, it is the human aspects which render it interesting and thought provoking. Just as in his other novels, a brilliant combination of fact and fiction which is a terrific read and informative, too.

Claire McGowan – The Push

Claire McGowan – The Push

What do good parents do before the baby arrives? They prepare. And what could be better than a prenatal baby group? This is how six very different couples meet. Monica and Ed are already a bit older, but obviously they have everything under control and quickly take over the lead. Kelly is by far the youngest, insecure while her boyfriend and the baby’s father, Ryan, is mainly absent. Anita and Jeremy cannot have a baby but have planned an adoption, whereas Hazel and Cathy opted for a donor. Aisha and Rahul keep mainly to themselves while Jax feels judged since she is more than ten years the senior of her partner Aaron. Nina is leading the group and preparing the future parents for the upcoming events. Yet, what they a not prepared for is a fatality at their baby welcoming barbecue.

I have been a huge fan of Claire McGowan’s novels for quite some time and also her latest mystery did not disappoint me. A very diverse set of characters who all have their secrets they try to hide from the others but who, ultimately, have to give up and face reality. Narrated alternatingly between the time of the prenatal course and the eventful barbecue, we get to know the characters at two different points of time which is especially interesting because so much happens in between and, as a reader, you have to put together the single bits and pieces. Plus, it takes some time just to figure out what exactly happened during the barbecue and who the victim actually is.

What I admired most was how the characters were created and how each becomes a lively and authentic individual. Even though the number is quite high, they all get some specific traits and secrets which make them not only interesting but add to the overall suspense. There is a murder case but much more interestingly is to figure out the characters‘ little white or big fat lies.

At the same time, the author shows all the fears and insecurities which come with becoming a parent for the first time. A constant feeling of not being good enough and not caring enough accompanies the future mothers. The group pressure in the supposedly help group also plays an important role, some just seem to always be at the head of the class while others always fail. Much more than supportive, the group becomes highly competitive.

I thoroughly enjoyed the read, a perfect page-turner for me which brilliantly combines suspense with sarcastic humour and also serious moments.