Harriet Walker – Die Neue

Eigentlich könnte Margot den kommenden Monaten freudig entgegensehen. Statt des stressigen Redakteurinnenjobs bei einer Modezeitschrift kann sie sich ganz auf ihre Schwangerschaft und die erste Zeit mit ihrem Baby konzentrieren. Mit Maggie hat sie ihrer Chefin auch eine kompetente Vertreterin präsentieren können, so dass sie sich keine Sorgen zu machen braucht. Doch bald schon tauchen die alten Zweifel wieder auf und beginnen an ihr zu nagen. Ist die Neue besser als sie? Beliebter? Schlanker? Trotz der wundervollen Lila kann sie nicht aufhören, sich zu vergleichen und die Social Media Kanäle, auf denen Maggie sich erfolgreich präsentiert, befeuern Margots gedankliche Abwärtsspirale. Da ist es nicht hilfreich, dass sich auch ihre beste Freundin Winnie von ihr abwendet, die selbst gerade nach dem Verlust eines Kindes in einem tiefen Loch steckt. Ihre eigenen Gedanken nagen schon genug an Margot, als jedoch ein Internettroll systematisch seinen Feldzug gegen sie startet, droht die Lage zu eskalieren.

Harriet Walker weiß genau, wovon sie schreibt, als Fashion Editor der New York Times ist ihr das Modebusiness mit all seinen Facetten bestens bekannt. Auch als Normalo kann man sich vorstellen, dass dort mit harten Bandagen gekämpft wird und jedes Outfit, jedes Kilo zu viel auf der Waage genüsslich beäugt und verächtlich kommentiert wird. Es erfordert schon sehr viel Selbstbewusstsein und ein gefestigtes Selbstkonzept, um dies tagtäglich zu ertragen und drüberzustehen. Genau darüber verfügen ihre Figuren nicht, ebenso wenige über die Fähigkeit, offen ihre Schwächen zuzugeben und sich dadurch statt Feinden Verbündete zu schaffen.

Margot hat eigentlich einen festen Platz in der Modewelt, ist anerkannt und aufgrund ihrer Kompetenz geschätzt, dies hindert sie jedoch nicht daran, in jugendliche Selbstzweifel zurück zu verfallen. Mit dem Rollenwechsel von der erfolgreichen Karrierefrau zur Mutter reißt all dies wieder auf und sie stellt alles infrage, was sie erreicht hat. Die Figur zeigt, wie fragil die Menschen bisweilen hinter den erfolgreichen und selbstsicheren Fassaden sind und dass niemand vor negativen Gedanken gefeit ist. Nicht viel anders ergeht es da Maggie, die sich einerseits über die Chance, die sich durch die Vertretung für sie eröffnet, freut, andererseits aber auch im permanenten Vergleich mit der Vorgängerin steht, sich genötigt sieht immer noch mehr leisten zu müssen und einen Konkurrenzkampf wahrnimmt, der gar nicht vorhanden ist.

Wie schnell gerade online Postings falsch gedeutet werden können, wie gefährlich der Gedankenstrudel werden kann, wenn man erst einmal in ihm gefangen ist, zeigt der Roman ganz drastisch. Jedes Wort wird in einem paranoide zusammenstrickten Weltbild so zurechtgerückt, dass es zum Narrativ passt. Sich daraus wieder zu befreien, ist in einer Zeit, in der das Leben gleichermaßen online wie offline stattfindet, schlicht unmöglich geworden. Die fatalen Folgen negativer Gedanken, die ich sehr gut nachvollziehen konnte, wurden von Harriet Walker überzeugend und glaubwürdig in der Geschichte umgesetzt. Einziger Abzug die Nebengeschichte um Margots und Winnies Jugend, die es meines Erachtens nicht gebraucht hätte und die auch für mich nur begrenzt stimmig war.

Carole Fives – Kleine Fluchten

Carole Fives – Kleine Fluchten

Wenn man sie sieht, mit ihrem kleinen Sohn, kann man nur neidisch werden, so hübsch das Kind, sicherlich ein Wunschkind, das die Eltern glücklich macht. Doch hinter der verschlossenen Wohnungstür ist gar nichts glücklich. Der Kindsvater schon seit über einem Jahr spurlos verschwunden und die Mutter am Ende ihrer Kräfte. Alles muss sie alleine managen, keine freie Minute bleibt ihr, der Junge tyrannisiert sie rund um die Uhr. Ihren Job als freiberufliche Grafikerin kann sie schon lange nicht mehr ausüben, keine Zeit, denn immer will das Kind etwas, fordert ihre Aufmerksamkeit ein. Das Geld wird knapp, die Sorgen größer, noch nicht einmal in der Anonymität des Internets kann sie Trost finden. Einzig kleine Fluchten, die sie sich zunehmend erlaubt, schenken ihr die Illusion von einer anderen Möglichkeit, einem anderen Leben als dem ihren.

„Kleine Fluchten“ ist Carole Fives vierter Roman, der zweite, der in deutscher Übersetzung erschienen ist. Die Autorin thematisiert in diesem ein gesellschaftliches Tabu, mit dem ihre Protagonistin allein gelassen wird und das sie an den Rand ihrer Kräfte bringt. Die alleinerziehende Mutter, die sich ausgelaugt und erschöpft fühlt und keineswegs mehr die große Freude über die Mutterschaft empfinden kann, die man von ihr erwartet. Tapfer bemüht sie sich die Rolle der aufopferungsvollen Versorgerin zu spielen, die sich nicht beklagt. Dass sie selbst dabei auf der Strecke bleibt, schein irrelevant.

Die namenlose Protagonistin, die erst am Ende als Madame Leroy einmal identifiziert wird, ist unsichtbar für die Außenwelt. Sie wird über ihre Funktion als Mutter wahrgenommen und hat irgendwann selbst schon den Eindruck, dass der Buggy fast zu ihrem Körper gehört. Sie beugt sich dem gesellschaftlichen Druck, will die Erwartungen erfüllen, um nicht als Problemfall zu gelten, obwohl sie im Hausflur deutlich zu spüren bekommt, dass man mit ihr nichts zu tun haben möchte. Die ausstehenden Mieten, das unerzogene Kind – wer sonst hat dies zu verantworten als die Mutter?

Nachts, wenn der Junge endlich schläft, schleicht sie sich aus der Wohnung, geht zum Fluss, um sich wieder als Mensch zu fühlen, der sie einmal war. Nur wenige Minuten erlaubt sie sich. Dann etwas mehr, es kann ja eigentlich nichts geschehen, wenn der Junge schlafend im Bett liegt. Doch immer schmerzlicher wird ihr dabei auch bewusst, was sie alles nicht mehr ist. Sie hat keine Freunde, keine Kollegen, denn in ihrem Beruf kann man keine Rücksicht auf ihr Muttersein nehmen, warum kann sie sich aber auch nicht besser organisieren?

Nach dem Vater fragt niemand. Auch in den anonymen Foren, die sie immer wieder aufsucht, erleben Frauen, die von ihren Sorgen berichten, Ablehnung und Hass. Statt Solidarität treffen sie auf jene Supermütter, denen scheinbar alles locker gelingt und die sie noch tiefer in den Abgrund stürzen, in den sie eh schon fallen. Immer müssen sie sich rechtfertigen, im Job, auf den Ämtern, man schreibt ihnen allein die Schuld für ihre prekäre Situation zu und für jede Trotzreaktion des Kindes in der Öffentlichkeit ernten sie missbilligende Blicke.

Man spürt, wie sich die Protagonistin einem kritischen Punkt nähert. Bang antizipiert man, wozu sie bereit sein könnte, um diesem Leben, das sie zu erdrücken droht, ein Ende zu setzen. Carole Fives schildert die unschönen Seiten der Elternschaft, schonungslos legt sie offen, wie es zunehmend schwerer wird, den tagtäglichen Kampf zu gewinnen und zu überleben. Die Verzweiflung und Erschöpfung springen einem aus jeder Zeile an und machen den Roman zu einem emotional intensiven Leseerlebnis. Zwei ganz essentielle Fragen resultieren aus der Geschichte: wo sind die Väter? Und warum sind wir nicht ehrlich und reden darüber, dass Kinder und deren Erziehung nicht immer nur eitler Sonnenschein sind.

Ein herzlicher Dank geht an den Zsolnay Verlag für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zu Autorin und Buch finden sich auf der Verlagsseite.

Gina Mayer – Die Schwimmerin

Gina Mayer – Die Schwimmerin

Nachdem die Bomben im zweiten Weltkrieg ihr Haus zerstört haben, werden Elisabeth und ihre Mutter aus Düsseldorf in die schwäbische Provinz nach Weilerbach evakuiert. Zunehmend zieht sich die Mutter in das kleine Zimmerchen zurück, nach Anfangsschwierigkeiten findet Elisabeth jedoch Freunde und bald schon fällt auf, dass das Mädchen in der Dorfschule fehl am Platz ist. Der Pfarrer ermöglicht ihr den Besuch eines Gymnasiums zusammen mit seiner Tochter. Nach Zeiten der Ruhe jedoch erreicht das Grauen auch die kleinen Ortschaften und die Leben der Menschen werden aus den bekannten Bahnen geworfen. Anfang der 1960er Jahre ist Betty, wie sie sich nun nennt, mit einem wohlhabenden Mann verheiratet und erwartet bald das erste Kind. Doch dann holen sie die turbulenten Jahre, die sie am liebsten vergessen hätte, plötzlich wieder ein.

Gina Mayers Roman spielt auf zwei Zeitebenen, was unweigerlich Fragen aufreißt, die sich im Laufe der Handlung jedoch nach und nach beantworten. Sie hat eine interessante Protagonistin geschaffen, die im Leben vor einige herausfordernde Aufgaben gestellt wird, die sie immer wieder auch zu erdrücken drohen, aus denen sie letztlich jedoch stärker erwächst. Konstant bleibt immer nur das Schwimmen, das ihr den Ausbruch aus dem Alltag erlaubt und wo sie nicht nur im wörtlichen, sondern auch im übertragenen Sinne abtauchen kann.

Auch wenn ein Großteil der Handlung während der Kriegszeit nur an der historischen Oberfläche kratzt, werden doch die Gefühle deutlich, mit dem die Menschen leben mussten. Die Vertreibung, das Ankommen in der Fremde, die Nazis und Judenverfolgung, die Frage, wer auf welcher Seite steht und wem man vertrauen kann – vieles wird nebenbei erzählt, die junge Elisabeth kann zwar noch nicht alles begreifen, aber doch zumindest erahnen, was gerade geschieht. Das Mädchen war für mich immer deutlich greifbarer auch authentischer als die erwachsene Frau.

Betty ist nicht nur gegenüber ihrem Mann und den Nachbarn reserviert, auch mir als Leserin erschien sie unnahbar. Sie schämt sich der Dinge, die sie erlebt hat, versteckt diese, was sicherlich eine Erklärung dafür ist, dass die Figur nicht so zugänglich ist wie ihr jüngeres Ich. Es bleibt auch immer ein fader Beigeschmack, dass sie nicht wirklich aus Liebe, sondern aus Versorgungsgründen geheiratet hat. Man sollte es ihr wohl aber nicht zum Vorwurf machen, die Erlebnisse rechtfertigen den Wunsch nach Sicherheit für emotionaler Erfüllung.

Ein ansprechender Roman, der seine Zeit überzeugend widerspiegelt und ein Schicksal wie viele heraushebt.

Valerie Fritsch – Herzklappen von Johnson & Johnson

Valerie Fritsch – Herzklappen von Johnson & Johnson

Alma wächst in einer Familie des Schweigens auf. Das Leben der Eltern scheint nur hinter verschlossenen Türen vorzukommen, das Zuhause insgesamt erweckte mehr den Anschein einer Kulisse, vor der Leben eher simuliert wurde als dass es tatsächlich stattfindet. Die verrückte Mutter, die mondsüchtig des nächtens aus dem kontrollierten Alltag ausbricht, fasziniert das Mädchen, bringt dies wenigstens ein wenig Bewegung in den ansonsten stillen und nüchternen Alltag. Dieser wird auch von den Großeltern bestimmt, denen die Kriegserfahrung nicht nur in den Knochen steckt, sondern die diese regelrecht auf die Enkelin übertragen, die die Erfahrungen der älteren Generation in Alpträumen nacherlebt. Mit Friedrich erlebt sie schließlich die alles aufzehrende Liebe, Emotionen, die sie zuvor nicht kannte. Die Geburt des gemeinsamen Sohnes Emil jedoch stürzt sie zurück in eine abgeriegelte Welt, deren Grauen vor allem in ihrem Kopf stattfindet. Doch auch mit Emil stimmt etwas nicht, es dauert einige Jahre, bis das Ergebnis der Ärzte feststeht: Emil kann keinen Schmerz empfinden.

Valerie Fritsch wurde für ihren Roman mit einer Nominierung auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis 2020 honoriert. Es ist die Geschichte vierer Generationen, die durch Alma verbunden und im Schmerz vereint sind. Die Großeltern, die die schmerzlichen Kriegserfahrungen nicht überwinden konnten und versuchten, durch eigenes Schweigen die Stimmen und Bilder im Kopf mundtot zu machen. Die Eltern, die nur hinter Türen reden, aber nicht mit dem Kind. Alma selbst, für die Schweigen und Schmerz identisch werden und die beides überwinden möchte bis zu Emil, der laut, geradezu vorlaut ist und durch das fehlende Schmerzempfinden das gegenteilige Extrem darstellt.

Die grausamen Kriegserlebnisse haben den Großvater gebrochen, so sehr, dass sein Herz es nicht mehr ertragen konnte und nur noch von metallenen Klappen der Firma Johnson&Johnson am Laufen gehalten wird. So wie er innerlich beschädigt wurde, trägt sein Urenkel permanent äußerliche Bandagen als Zeichen der unzähligen Verletzungen, die dem Körper schaden, von ihm aber nicht wahrgenommen werden. Immer wieder spiegelt die Autorin die Figuren an den zentralen Elementen Schmerz und körperlicher Verletzung. Und gerade in den Sprachbildern wird der Roman herausragend, so schreibt sie etwa Alma

„wünschte sich eine Ersatzpsyche, die die Welt besser ertrug, eine Identitätsprothese, die ihr einen sicheren Schritt durch die Tage ermöglichte.“

Die unterschiedlichen Traumata schreiben sich in die Körper ein, bleiben dort als sichtbare Wunden, die sich nicht einfach kosmetisch übertünchen lassen.

Ein bildgewaltiger Roman, der dicht auf wenigen Seiten doch unheimlich viel und dies noch dazu sehr intensiv transportiert. Kein Roman, der mich emotional völlig mitgerissen hätte, sondern eher einer der Sorte, die durch Konstruktion und Sprache am Ende nachwirken und einen bleibenden Eindruck hinterlassen.

Hubert Achleitner – flüchtig

hubert achleitner flüchtig
Hubert Achleitner – flüchtig

Nach über dreißig Jahren Ehe ist Maria einfach verschwunden, doch nun meldet sich eine junge Frau, die einen Brief von ihr für Herwig hat. Er lädt sie ein in der Hoffnung zu erfahren, was geschehen war und wo Maria sich aufhält, offenbar lebt sie noch. Doch bevor aufgelöst wird, wo sich die flüchtige Gattin aufhält, folgt zunächst der Blick zurück auf ihr Leben, das schon turbulent begann mit der Geburt in der Seilbahn. Zwischen österreichischen Bergen hat sie gemeinsam mit Herwig ein Leben aufgebaut, das jedoch nach einer Fehlgeburt eine jähe Zäsur erlebte, die sich nicht mehr kitten ließ. Auf unterschiedliche Weise versuchten beide mit der Trauer umzugehen, flüchteten sich in allerlei Ersatzhandlungen, die jedoch die Wunde nicht heilen konnte, die der Verlust verursacht hatte. So flüchtig dieses kurze Glück war, so flüchtig ist letztlich auch das Leben, das einem jederzeit genommen werden kann und in dem jede flüchtige Begegnung zu einer Wegänderung und einem ganz anderen Verlauf führen kann, wie das Beispiel von Maria und Herwig zeigt.

Hubert Achleitner ist ein unter dem Namen „Hubert von Goisern“ bekannter Liedermacher und Komponist, der auch als Erfinder des Alpenrock gilt und dessen Musik und künstlerisches und sonstiges Engagement oft auch politisch ist. „flüchtig“ ist sein erster Roman, der sich kaum in wenigen Worten fassen lässt. Man merkt in jeder Zeile, wie stark die Natur mit all ihrer Gewalt auf ihn gewirkt haben muss, denn nicht wirklich die Figuren, sondern andere Kräfte treiben die Handlung, die mit einer ungemein poetischen Sprache wiedergegeben wird.

Zufälle treiben scheinbar die Handlung an und doch ist nichts zufällig in diesem Roman. Es beginnt bei den Namen: Eva Maria Magdalena – alle traditionellen Vorstellungen von Frauen vereinigt Maria in sich und diese zeigt sie auch. Herwig – die Verbindung von Heer und Kampf, der einerseits um seine Frau kämpft und doch zur Eroberung anderer Frauen zieht. Spiralförmig werden ihre Leben, auch jene der Eltern, sowie die Ereignisse der vergangenen Monate skizziert, die überkreuzen sich immer wieder, schneiden sich sogar ganz scharf und bewegen sich alle wie in einem Strudel auf ein Ziel hin.  Immer wieder kommen ihnen Naturgewalten dabei in die Quere und treffen Entscheidungen, die Außenwelt wird oftmals zur Gefahr, sei es in den Bergen oder auf dem Wasser.

Maria ist auf der Flucht vor sich selbst und ihrem Leben, doch die Reise kann keine Antworten liefern, diese findet sie nur in der inneren Einkehr. Flüchtige Begegnungen sind es dabei, die die entscheidenden Akzente setzen und die Gedanken ins Rollen bringen. Vieles, was die Figuren umtreibt, lässt sich leicht nachvollziehen und nimmt einem so mit auf die Reise, die dem Autor vor allem sprachlich überzeugend gelungen ist.

Edna O’Brien – Das Mädchen

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Edna O’Brien – Das Mädchen

Gerade noch ist die Welt der Schulmädchen in Ordnung, doch von einer Sekunde auf die nächste ist nichts mehr so wie es war. Die Milizionäre von Boko Haram überfallen sie und bringen die Schülerinnen in ein Camp im Dschungel. Dort erwarten sie Misshandlungen, Vergewaltigungen, Beschimpfungen und Verachtung. Sie sollen bekehrt werden, konvertieren zum rechten Glauben und Kindersoldaten produzieren für den Kampf der Gotteskrieger. Maryam und Buki sind zwei von ihnen, die die Qualen erdulden müssen, innerlich sterben, um das, was man ihnen äußerlich antut, aushalten zu können. Gemeinsam gelingt ihnen die Flucht und mit Maryams Tochter Babby begeben sie sich auf den langen und beschwerlichen Weg nach Hause. Die Mädchen sind nicht mehr, wer sie waren und auch die Überlebenden ihrer Dörfer sehen sie nicht mehr als die Töchter, die ihnen einst gestohlen wurden.

Edna O’Brien verarbeitet in ihrem Roman das Schicksal der 276 Chibok Mädchen, die im April 2014 von Boko Haram entführt wurden, was weltweit für Aufsehen gesorgt hatte. Sie schildert unverblümt das, was sie in der Gefangenschaft erleben, was sowohl die physischen Misshandlungen aber auch die psychologischen Indoktrinationen mit ihnen tun. Viele der Mädchen bleiben namenlos, beispielhaft für das Schicksal vieler folgt die Erzählung Maryam, die trotz aller Widrigkeiten einen Weg findet, die Situation auszuhalten, weiterzukämpfen und nicht aufzugeben, sondern auf den Morgen und einen besseren Tag zu hoffen.

„Es liegt nicht in unserer Macht, etwas zu ändern“, sagte sie (…).

„Warum nicht?“, fragte ich.

„Weil wir Frauen sind.“

Gerade wurde global der Weltfrauentag gefeiert, die Lebenswelt der nigerianischen Mädchen und Frauen ist weit davon entfernt, ihnen Rechte oder gar Gleichberechtigung einzuräumen. Die Grausamkeiten, die Maryam in Gefangenschaft erleidet, sind nur ein Teil der Erzählung. Nach ihrer beschwerlichen und gefährlichen Rückkehr muss sie erleben, dass sie auch in ihrem Heimatort, ja sogar in ihrer eigenen Familie nicht mehr wirklich willkommen ist. Man nimmt ihr ihr Kind weg, das das Blut des Teufels in sich trägt und macht Maryam selbst mitverantwortlich für das, was man ihr angetan hat. Die Umkehr des Opfers zum Täter ist fast noch perfider als die Gräueltaten der Entführer.

Bisweilen könnte man beim Lesen den Glauben an die Menschheit verlieren, so wie eine der Figuren resigniert feststellt, dass die menschliche Natur teuflisch geworden sei und die Welt nicht mehr die sei, die es mal gab. Aber Edna O’Brien liefert auch die Gegenbeispiele, Buki, die Maryam bei der Flucht nach Kräften unterstützt, der Hirtenstamm, der sie temporär aufnimmt und beschützt und letztlich die Nonnen, die sie und ihr Kind so annehmen, wie sie sind. Maryam fühl sich bisweilen innerlich tot, von jedem Lebenswillen verlassen und doch bleibt am Ende Hoffnung, dass sich alles zum Guten wenden kann. Auch wenn Maryams Mutter nicht an die Macht der Frauen glaubt, ist es aber vielleicht die nächste Generation, die vor dem Hintergrund ihrer eigenen und auch der kollektiven Erfahrungen die Welt zu einem besseren Ort verändern wird können.

Sasha Filipenko – Rote Kreuze

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Sasha Filipenko – Rote Kreuze

Alexander ist noch gar nicht in seine neue Minsker Wohnung eingezogen, als er auch schon die Bekanntschaft mit der scheinbar exzentrischen Nachbarin Tatjana Alexejewna macht, vor der ihn die Maklerin gewarnt hat. Eigentlich möchte er nicht auf einen Plausch zu ihr kommen, doch dann fesselt ihn die Lebensgeschichte der 91-Jährigen, die an Alzheimer erkrankt ist und oftmals heute schon vergessen hat, was gestern geschehen ist. An ihre Vergangenheit kann sie sich jedoch sehr gut erinnern. Den Zweiten Weltkrieg, ihre Arbeit im Außenministerium, ihren vermissten Mann Ljoscha und die Tochter Assja, die man ihr entrissen hat, als man sie wegen Volksverrat ins Lager schickte. Ein bewegtes Leben hat sie hinter sich, das exemplarisch für viele in der ehemaligen Sowjetunion steht. Mit dem Erzählen ihrer eigenen Geschichte, bewahrt sie diese nicht nur vor dem eigenen Vergessen, das der Krankheit geschuldet ist, sondern auch vor dem kollektiven Verdrängen der Straftaten, die die Kommunisten hinter dem Eisernen Vorhang über viele Jahre verübten.

„Rote Kreuze“ ist der erste Roman des weißrussischen Autors Sasha Filipenko, der ins Deutsche übersetzt wurde. Der Journalist und Drehbuchautor sagt im Nachwort zu seinem Roman, dass für ihn ein guter Roman nicht nur eine Geschichte erzählen soll, sondern Geschichte haben muss. Die Recherche um die Gräuel des Stalin-Regimes setzt er literarisch um und schafft es, auf nicht einmal 300 Seiten ein wichtiges Kapitel der russischen Geschichte wieder ins Bewusstsein zu rufen und den Opfern mit Tatjana Alexejewna eine Stimme zu verleihen.

Trotz ihrer Geburt in London und zahlreicher Reisen in Westeuropa, wird Tatjana Alexejewna schnell eine Anhängerin des Kommunismus als sie nach Moskau übersiedelt. Rückblickend fällt es ihr schwer nachzuvollziehen, wie sie so lange die Augen vor den untrüglichen Anzeichen des sich nähernden Krieges verschließen konnte. Sie dient ihrem Land und wird doch als Verräterin hart bestraft. Nicht die Prügel und die Entbehrungen des Straflagers sind es jedoch, die ihr zusetzen, sondern die Ungewissheit darüber, was mit ihrem Mann und ihrer Tochter geschah und vor allem das schlechte Gewissen wegen einer Kleinigkeit, einem minimalen Betrug, von dem sie hoffte, dass sie so dem Schicksal ein Schnippchen würde schlagen können. Am Ende ihres Lebens angekommen, kann sie nichts mehr beängstigen, nicht einmal mehr Gott, sollte es ihn denn geben:

 „Jetzt denkt sich Gott, dieser von mir erdachte Gott, für mich Alzheimer aus, weil er Angst hat! Er hat Angst mir in die Augen zu schauen! Er will, dass ich alles vergesse.“

Vergessen und Erinnern sind die zentralen Themen des Romans. Nicht nur die alte Dame, sondern auch der junge Nachbar kann und will vor der Erinnerung nicht davonlaufen. Alexanders Los ist zwar gänzlich anders gelagert, aber auch er hadert mit unabwendbaren Entscheidungen einer übermenschlichen Macht, denen er jedoch alles Menschenmögliche entgegensetzt.

Neben der historischen Relevanz des Themas begeisterte mich Filipenko mit unzähligen wundervollen, treffsicheren Formulierungen, die das Lesen zu einem Fest machen. Auch vermeintliche Nebensächlichkeiten wie die wiederholten Verbindungen von Handlung mit Musik – wie etwa Tschaikowskys 5. Symphonie, die nach Tatjana Alexejewnas Empfinden die ganze Dramatik der russischen Geschichte widerspiegelt – man mag sich die Stücke sofort anhören, um noch mehr in die Handlung einzutauchen als man das ohnehin schon tut.

Ein Roman, bei dem einfach alles stimmt – schon jetzt eins der Highlights 2020. Ein herzlicher Dank geht an den Diogenes Verlag für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zu Autor und Buch finden sich auf der Verlagsseite.

Kimberly Belle – Solange du noch lebst

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Kimberly Belle – Solange du noch lebst

Nach der schwierigen Trennung von ihrem gewalttätigen Mann finden Kat und ihr 8-jähriger Sohn Ethan gerade wieder in einen geregelten Alltag. Der hochbegabte Junge hat es nicht leicht an seiner Schule, häufig wird er das Opfer von Mobbing, nichtsdestotrotz will er an einem Zeltlager teilnehmen. Doch nur wenige Stunden nach der Abfahrt steht die Polizei vor Kats Haustür: Ethan ist aus dem Camp verschwunden. Ein Feuer war in der Nähe ausgebrochen und in dem Chaos haben die Betreuer die Übersicht verloren. Kat glaubt nicht, dass Ethan einfach weglaufen würde, zu viel Angst hat er vor dem Wald und vor Dunkelheit. Kann ihr Exmann dahinterstecken? Aber weshalb sollte er das tun, er hätte ihn auch einfach nach einem Besuchswochenende nicht zurückbringen können. Als Stef, die Frau des Bürgermeisters, einen Anruf erhält, wird klar, was geschehen ist: nicht Ethan, sondern Stefs Sohn Sammy sollte entführt werden. Doch wie werden die Entführer reagieren, wenn sie merken, dass sie den falschen Jungen haben?

Kimberly Belles Thriller bietet genau das, was man von einer spannenden Geschichte erwartet: als Leser wird man quasi unmittelbar in die Handlung geworfen und die Schreckensnachrichten folgen in kurzen Abstand aufeinander. Besonders interessant wird der Roman an dem Punkt, als die Familie des Bürgermeisters in Spiel kommt und klar wird, dass auch dort ein Geheimnis zu suchen ist, eines, dass der Mann mit der scheinbar sauberen Weste bislang offenbar gut verstecken konnte. Beide Erzählstränge – die Suche nach dem verschwundenen Jungen wie auch die Machenschaften in der Politik – wechseln sich rasant ab, so dass man kaum zum Luft holen kommt.

Nachdem mich „So lange du lügst“ bereits überzeugen konnte, hat mich Kimberly Belle auch mit diesem Thriller vollends überzeugen können. Die Handlung ist spannend aufgebaut und nachvollziehbar konstruiert. Auch die Figurenzeichnung, allen voran die beiden Ehefrauen bzw. Mütter, die mit ihren Kindern bisweilen hadern und Zweifel an deren Vätern haben, agieren und wirken authentisch. Gut gefallen hat mir auch die Figur von Stefs Mutter, die mit ihren esoterischen Fähigkeiten versucht, die Energieströme zu messen. Einerseits völlig abstrus, bringt sie aber genau das gewisse Störfeuer herein, dass zusätzlichen Stress verursacht und die Figuren noch mehr unter Spannung stellt – genauso wie dies im echten Leben immer zum ungünstigsten Zeitpunkt vorkommt. Fazit: klare Leseempfehlung.

Andrea Grill – Cherubino

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Andrea Grill – Cherubino

Die Nachricht von der Schwangerschaft trifft die Opernsängerin Iris Schiffer unerwartet. Gerade in Richtung Höhepunkt ihrer Karriere und nun das. Soll sie das Kind überhaupt behalten? Und wer ist der Vater, der emotionsgeladene Sergio, ebenfalls Sänger, oder der eher kühle Geschäftsmann Ludwig? Ihre Rolle als „Cherubino“ an der New Yorker Met kann sie jedenfalls deshalb nicht riskieren und beschließt erst einmal, das Geheimnis für sich zu behalten. Doch bald schon verändert sich ihr Körper, fordert Ruhephasen und Schlaf, gleichzeitig aber auch steigt ihre Ausdrucksfähigkeit. Während man sie in New York bejubelt, hadert sie mit ihrer Rolle bei den Salzburger Festspielen: soll sie das Engagement gefährden und den Verantwortlichen beichten, dass sie ein Kind erwartet?

Mozarts „Le nozze di Figaro“ dient als Namensgeber für Andrea Grills Roman, der auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis 2019 steht. So wie Cherubino sich in der Oper verkleidet und vorgibt etwas zu sein, das er nicht ist, muss auch die Protagonistin eine Rolle spielen, da die Wahrheit ihr karrieretechnisch schaden würde. Cherubino spielt eine Frauenrolle, Iris schlüpft in die einer männlichen Figur und das in schwangerem Zustand – diese Absurdität wird nur von der Realität im Umgang mit Schwangerschaft und den damit einhergehenden vermeintlichen Schutzgesetzen übertrumpft, die nicht nur die Wünsche der Frauen nicht berücksichtigen, sondern wie im Falle von Iris, sogar richtig schaden können.

Andrea Grill bietet gleich mehrere diskussionswürdige Themen in ihrem Buch an. Die Liebesgeschichte – die mich zugegebenermaßen weniger begeistern konnte – einer Frau, die zwischen zwei Männern steht und sich nicht entscheiden kann und will, da beide eine Rolle in ihrem Leben spielen. Die gesellschaftlichen Versprechungen, dass für die moderne Frau alles möglich sein, was sich aber spätestens mit Eintritt der Schwangerschaft als bloßer Schein entpuppt. Das Verhältnis von Mann und Frau: Ludwig kann sich der Vaterschaft einfach entziehen, für Iris gibt es diese Option nicht. Die Unsicherheit in der Schwangerschaft, was ist normal, was darf man, was soll man besser lassen, ein eigentlich natürlicher Vorgang, der heute maximal medizinisch begleitet und überwacht wird und allein aus diesem Grund viel mehr Gefahr ausstrahlt, als dies in den unzähligen Generationen zuvor je der Fall gewesen war. Alles überschattet jedoch die Auswirkungen auf Iris‘ beruflichen Möglichkeiten:

„Der sogenannte gesetzliche Schutz, hatte Iris sich ereifert, erreicht bei mir das Gegenteil, nämlich, dass er mich zwingt, meine Karriere am Höhepunkt abzubrechen. Was würdest du sagen, wenn man dir gesetzlich verboten würde, in Bregenz aufzutreten, weil du ein Kind erwartest? Obwohl du dich fit genug fühlst und die Rolle aus eigenem Entschluss singen möchtest?“

Ob man in ähnlicher Situation wie Iris gehandelt hätte, muss jeder Leser für sich entscheiden. Eine Lösung kann es hier nicht geben. Unabhängig von der Inhaltsebene hat mich Andra Grills Schreibstil überzeugen können. Der Roman, komponiert wie eine Oper, gefällt mir auch dramaturgisch recht gut. Vielleicht ist es gerade das bisschen zu viel Gefühlsduselei, das die Emotionen der Protagonistin wiederspiegelt, das mir persönlich zu viel war, aber genauso auch die rationale Sängerin überrascht. Nicht der ganz große Kandidat für die Shortlist, aber durchaus ein Roman, der einiges zu bieten hat.

Lioba Werrelmann – Hinterhaus

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Lioba Werrelmann – Hinterhaus

Als sie vom Yoga nach Hause kommt, ist alles anders: die Wohnung ist leergeräumt, Freund Jens ist weg, nur noch sieben Kartons mit ihren Habseligkeiten sind übrig geblieben. Journalistin Carolin weiß nicht wie ihr geschieht und sucht zuerst einmal Trost bei ihrer Nachbarin und Freundin Henry. Doch dort kann sie auch nicht bleiben und weil sie so neben sich steht, ist sie tags darauf auch noch arbeitslos, denn sie hat ihre Radiosendung völlig versemmelt. Ausgerechnet die schräge Mandy aus der Erdgeschosswohnung im Hinterhaus nimmt sie auf. Doch schon die erste Nacht wird zum Desaster als Carolin beim Toilettengang im Zwischengeschoss auf die Leiche eines seit 20 Jahren vermissten Jungen stößt. Und das ist erst der Anfang für eine Reihe von unglaublichen Ereignisse.

Lioba Werrelmanns Roman spielt ein wenig mit den Genregrenzen. Es gibt eine Kriminalgeschichte, sogar eine richtig gut gestrickt, was sich aber erst spät in der Handlung wirklich offenbart; bis man dahin kommt, glaubt man sich eher in einer Räuberpistole mit Slapstickeinlagen oder gar einem parodierten Splatterroman. Wenn man sich die Rezensionen anschaut, könnten die Meinungen kaum weiter auseinanderliegen, was sich gut nachvollziehen lässt; an mancher Stelle habe ich auch gedacht, dass ein bisschen weniger gut gewesen wäre.

„Hinterhaus“ ist einer der wenigen Romane, die sich kaum als Ganzes beurteilen lassen, er zwingt zur Aufschlüsselung einzelner Aspekte. Die Krimihandlung ist vom Ende her gesehen wirklich sehr gut gestrickt und traurigerweise auch sehr glaubwürdig. Die Figuren sind – positiv formuliert – eigenwillig. Allen voran Carolin, die mehrfach als ausgesprochen weltfremd und doof bezeichnet wird und genau so auch rüberkommt. Ihr fehlt jede pragmatische Kompetenz und offenbar ist sie bislang gut damit gefahren, in ihrer eigenen Welt zu leben. So wirklich warm wird man mit ihr nicht, bisweilen haben mich ihre autistischen Züge fast wahnsinnig gemacht. Mandy ist nicht viel besser, sie ist die typische Cat-Lady, die jedoch im Gegensatz zu Carolin nur verschoben wirkt, aber offenkundig recht clever ist. Alle anderen Figuren sind ebenfalls speziell auf ihre jeweils ganz eigene Weise.

Was es bisweilen wirklich schwer machte, den Roman nicht beiseite zu legen, was die Sprache. Der Text ist gespickt mit Fäkalausdrücken und die Häufigkeit und Detailgetreue, mit der Carolins Verdauung thematisiert wird, hat meine Schmerzgrenze deutlich ausgereizt. Es mag der Versuch sein, die schnodderige Berliner Schnauze darzustellen, hat mich aber nicht erreicht und bei einer Protagonistin aus Bergisch Gladbach, die in ihrer neuen Heimat ohnehin nie angekommen ist, macht dies sowieso keinen wirklichen Sinn. So wirkt dies mehr nach sehr derber Gossensprache, die doch etwas verstört, aber kein Flair schafft.

Auch mag manche Leser das wahre Gesicht vieler Figuren eher verschrecken, als dies offenkundig wird. Es fehlt jeder Hinweis darauf, wobei hier wirklich die Gradwanderung zwischen Spoilern und Triggerwarnung schwer zu lösen ist. Auch wenn sich der Krimi über weite Strecken zum Teil fast eher humoristisch liest, ist er meines Erachtens letztlich sicher nichts für zart besaitete Gemüter.

Fazit: ein ausgesprochen eigenwilliger Roman, der jeder Erwartung trotzt und für den ich letztlich dennoch eine klare Leseempfehlung aussprechen würde.