Stefan Ferdinand Etgeton – Das Glück meines Bruders

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Stefan Ferdinand Etgeton – Das Glück meines Bruders

Ein letztes Mal wollen die Brüder Botho und Arno van Dijk in das belgische Dörfchen Doel fahren, wo einst ihre Großeltern lebten. Das Dorf wird bald nicht mehr sein, der Hafen wird ausgebaut und die Bewohner mussten weichen. Doch die Jungen haben noch ihre Kindheitserinnerungen dort, jeden Sommer haben sie an der Küste verbracht. Angekommen müssen sie jedoch feststellen, dass von ihrer Kindheit nicht mehr viel geblieben ist. Die Menschen sind weggezogen oder gestorben und auch ansonsten erkennen sie nicht mehr viel wieder. Doch dann werden Botho und Arno eingeholt, der eine spricht zum ersten Mal über das, was nie gesagt wurde und doch sein ganzes Leben bestimmt hat. Der andere macht sich auf das Mädchen nochmals zu treffen, die vielleicht seine Partnerin fürs Leben hätte werden können. Der Schritt nach vorne im Leben beginnt zunächst für beiden mit vielen Schritten zurück in die Vergangenheit.

Stefan Ferdinand Etgeton hat keinen leichten Roman geschrieben. Die beiden Brüder tragen ein schweres Erbe, das jedoch völlig verschieden ist, sie aber jeweils daran hindert, das Leben zu leben, das sie leben wollen. Mit Anfang 30 sind sie eigentlich erwachsen und doch verharren sie noch in der Jugend. Der Zeitpunkt, sich den Dämonen zu stellen, scheint gekommen und damit werden sie recht typische Vertreter ihrer Generation: immer geht es automatisch weiter und das Leben findet in einem so hohen Tempo statt, dass für Innehalten keine Zeit bleibt. Bis der Tag gekommen ist, an dem die essentiellen Fragen gestellt werden: wer bin ich? Wo komme ich her? Wer will ich sein?

Viele Themen werden fast nebenbei angerissen, sind aber für die zentrale Frage dessen, was die Persönlichkeit bestimmt, von wesentlichem Belang. Missbrauchserfahrungen aus der Kindheit, die nie verarbeitet wurden und nicht zwangsweise aber doch häufig in Suchtverhalten und einer gewissen Lebensunfähigkeit enden. Das Verhältnis von Eltern und Kindern, das dann problematisch wird, die Erwartungen der einen Seite und die Träume der anderen auseinanderklaffen. Das Verharren im was-hätte-sein-können, das lähmt und einem daran hindert das zu tun, was man eigentlich tun möchte.

„Das Glück meines Bruders“ – man fragt sich am Ende, wer von den beiden das Glück gefunden hat und worin es besteht. Es scheint als würde die Ausgangskonstellation umgekehrt und der geerdete Botho mit dem bürgerlichen Job als Lehrer gerät in die Rolle des Verlorenen, des Suchenden, dem alle Bezüge zur Realität fehlen, während Arno sich in einer funktionierenden Beziehung mit geregelter Arbeit und einem offenbar hohen Maß an Zufriedenheit wiederfindet.

Wie fragil ist das Glück, das wir empfinden, wenn es durch einen Besuch an einem Ort der Vergangenheit zerbrechen kann? Und wie stabil ist unser Selbstbild – oder ist es doch nur eine gesellschaftliche Rolle, die wir annehmen und die uns gerade passt, vielleicht aber irgendwann zu eng wird? In einer Zeit, die von schnellem Wandel geprägt ist, in der von uns allen erwartet wird, dass wir flexibel und mobil sind, unsere Zelte hier ab und anderer Stelle wieder aufbauen und uns immer wieder auf Neues einstellen sollen, wird die Frage der Identität möglicherweise viele Menschen in einen ähnlichen Strudel stürzen wie Etgetons Protagonisten. Dies könnte tatsächlich eine der Hauptfragen unserer Gesellschaft werden. Bemerkenswert, wie man ein solches Thema doch in einem lockeren und oftmals unterhaltsamen Ton umsetzen kann.

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Laleh Khadivi – A Good Country

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Laleh Khadivi – A Good Country

Reza Courdee is living the typical teenage life in California. He has got his friends with whom he likes to spend time surfing in the ocean and haging around at the beach and he also has his first crush and makes first sexual experiences. He plays soccer and he is highly achieving in school. Yet, with his new bunch of friends, he neglects his former interests and spends more time consuming drugs and doing nothing which does not really agree with his parents’ – immigrants from Iran – expectations for their son. However, one day, his life starts to change: Reza, born in the USA, is suddenly the immigrant, a terrorist and his friends start to question their friendship. He becomes more and more isolated and thus joins a group of Muslims who find relief and support in the local mosque. Most of all Fatima is attracted by the strong believers and the hip American girl, who easily shared her bed with Reza, starts not only wearing a hijab but also following the strict rules of Koran.

I really liked how Laleh Khadivi elaborates the topic of finding your identity on different levels. In the beginning, we seem to encounter the average teenager who does not share his parents’ beliefs and finds his ideas much more mirrored in his peer group. A slight disdain for the elder generation is not uncommon at this age. The fact that his Americanizes his name “Reza” into “Rez” also shows that it is this culture and not his familial background that he identifies with. I also found quite remarkable how the parents cope with their own immigration history and their culture. They eat in the old Iranian style, but try to integrate into the American culture since they are grateful for the lives they can lead there. They do not seem to convey that much of their past to their son. This only happens after Rez is identified as an immigrant, which he apparently is not since he was born in California. His interest in his family life is only born at the moment when he is excluded from the culture he always considered to be his own. His drifting away from the parents now leads to a new rapprochement in order to create the new self and to identify who he is and where he comes from. The most thought-provoking step in this development is definitely the encounter with Islam. As a reader you can effortlessly understand why this is attractive and how and why radicals do not have any problems winning over second or third generation immigrants for their ideas. It is absolutely convincing why Fatima and the others are magnetized and easy comply with the codes.

Yet, it is not only the immigrants’ perspective which is worth scrutinizing in this novel, it is also the behaviour of the “native” population which should be taken into account. When did we start seeing our friends and acquaintances not anymore as whom they are but as “Muslims” or “immigrants”? Which effects do global and local acts of terrorism have on our own life? And to what extent to be transfer personal pain due to the loss of a beloved person onto others who are not at all connected with the incident which caused our grief?

If you are open, as a reader, to question yourself, you will surely find food for thought in this novel.