John Marrs – Ich kenne deine Lügen

john-marrs-ich-kenne-deine-lügen
John Marrs – Ich kenne deine Lügen

Ein ganz gewöhnlicher Morgen im Haus der Familie Nicholson, doch dieser 4. Juni wird ihrer aller Leben verändern. Schon lange leidet Vater Simon unter Schlafstörungen und häufig nutzt er das frühe Erwachen für eine Joggingrunde. Auch an diesem Morgen verlässt er das Haus, jedoch ohne Joggingschuhe und ohne zurückzukehren. Er geht einfach weg und lässt seine Frau Catherine mit den drei kleinen Kindern James, Robbie und Emily zurück. Keine Spuren gibt es von ihm und niemand weiß, ob ihm etwas zugestoßen ist, ob er überhaupt noch am Leben ist. Catherine wird Monate brauchen, bis sie wieder zu sich kommt und die Verantwortung für ihre Familie übernehmen kann. Simon begibt sich derweil auf eine Reise durch die Welt, es wird ihn nach Frankreich, Kanada, die USA und weitere Länder ziehen, bis er fünfundzwanzig Jahre später wieder vor seinem Haus und seiner Ehefrau stehen wird.

Mir ist John Marrs als Autor von nervenzerreißenden und psychologisch perfekt abgestimmten Krimis bekannt, die die Figuren an den Rand dessen treiben, was sie aushalten können. „Ich kenne deine Lügen“ funktioniert jedoch ganz anders, es beginnt mit dem Wiedersehen und langsam wird dann die Geschichte des Verschwindens aufgerollt. Lange Zeit kommt der Roman wie eine toll erzählte Geschichte von Verlust und Flucht daher, doch das Blatt wendet sich und wie aus dem nichts taucht genau das auf, was man von Marrs erwartet: ein geschicktes Spiel zweier ebenbürtiger Gegner, die sich psychologisch versiert nichts schenken.

Simons unerwarteter und scheinbar unmotivierter Weggang verwundert zunächst, kann ein Mensch nur aus Langeweile und familiärem Frust einfach so alles hinter sich lassen? Wohl kaum, aber es dauert ein wenig, bis seine wahren Beweggründe sich offenbaren und wenn man gerade denkt, ihn verstanden zu haben und womöglich sogar Verständnis für sein Handeln aufbringt, kommt der Schlag mit dem Holzhammer. Nein, die Handlung bietet keine dramatische Spannung von Beginn an, aber wenn man sich dem Ende nähert, wird man umso mehr belohnt von den Überraschungen, die der Autor vorbereitet hat und die einem aus dem Nichts treffen.

Hatte mich der Roman rein schon durch die Erzählung der 25 Jahre zwischen Weggang und Wiedersehen begeistern können – interessant entwickelt er die beiden Figuren und stellt sie unablässig vor neue Herausforderungen, hier ganz sicher eine deutliche Steigerung zu früheren Romanen, die mehr auf Action und Spannung setzen – sucht der finale Paukenschlag wirklich seinesgleichen. Immer und immer wieder wird plötzlich innerhalb kürzester Zeit alles infrage gestellt und man muss sein Konzept von dem, was wirklich geschah und die Figuren zu ihrem Handeln motivierte, überdenken.

Ein Thriller der etwas anderen Art, der sicherlich nicht jedermanns Sache ist, für mich aber gerade wegen der sehr ausgefeilten Figurenzeichnung und dem brillanten Schluss ganz klar aus der Masse herausragt.

Elizabeth Harrower – Die Träume der anderen

elizabeth-harrower-die-träume-der-anderen
Elizabeth Harrower – Die Träume der anderen

Als der Vater von Laura und Clare unerwartet stirbt, steht die Mutter mit den beiden Mädchen alleine da. Sie konnte noch nie viel mit ihnen anfangen und beabsichtigt auch jetzt nicht, sich um sie zu kümmern. Laura, die Ältere, soll auf eine Hauswirtschaftsschule, der Traum vom Medizinstudium oder als Opernsängerin ihren Lebensunterhalt zu verdienen, soll sie halt aufgeben. Die Jüngere hat noch keine Träume und als sie in das Alter kommt, welche zu entwickeln, wird auch ihr die Entscheidung abgenommen. Die Mutter beschließt Australien trotz des wütenden 2. Weltkrieges gen England zu verlassen und da Lauras Chef ohnehin noch Bedarf an einer Gattin hat, kann er das Mädchen ja heiraten und sich auch gleich um Clare kümmern. So kommen die beiden aufgeweckten und neugierigen Frauen von einem Haushalt, in dem sie von jung an auf sich alleine gestellt waren in die Fänge eines kontrollsüchtigen und jähzornigen Eigenbrötlers.

Elizabeth Harrower wurde 1928 in Sydney geboren und hat bis Ende der 1960er vier Romane verfasst, von denen jedoch bislang nur einer in deutscher Sprache verfügbar war. „Die Träume der anderen“ ist die zweite Übersetzung, die mehr als 50 Jahre nach der Veröffentlichung entstand. Bemerkenswert – und auch erschreckend – daran ist, dass die Autorin den Zeitgeist damals ebenso wie heute eingefangen hat und das Buch quasi keinerlei Aktualität eingebüßt hat.

„‘Aber gibt es nicht irgendetwas, was du gern sein möchtest?‘ Das Mädchen betrachtete sie. Laura zwang sie unglücklich zu sein. Aber das wollte sie nicht sein. Und wenn doch, dann in ihrem eigenen Tempo und aus ihren eigenen gründen.“

Die Schwestern und ihre Träume bilden den Dreh- und Angelpunkt der Geschichte. Interessanterweise beginnt das Buch mit der Präsentation einer recht unabhängigen Frau. Die Mutter der beiden ist hochgradig selbstbestimmt, dies geht sogar so weit, dass sie die Mutterrolle einfach ablegt und sich nicht verantwortlich erklärt. Sie verlässt ihre Töchter, um ihren eigenen Ideen nachzujagen und taucht auch später nicht mehr auf. Die vermeintlichen Freiheiten der Töchter werden jedoch durch die finanzielle Situation massiv eingeschränkt und so müssen sie sich dem Schicksal letztlich fügen.

Musste Laura früh schon die Last für ihre kleine Schwester mittragen nachdem die Eltern ausgefallen waren, drängt sie ihrerseits die Jüngere nun in die Zwangsgemeinschaft und fordert von ihr, das Leid im neuen Haushalt des Chefs mitzutragen. Es ist weniger Böswilligkeit aus dem Gedanken, dass die anderen nicht haben soll, was sie nicht bekommen konnte, als das Wissen, alleine das Leben an der Seite von Felix Shaw nicht ertragen zu können. Doch Clare kann und will sich nicht einfach einfügen und beginnt ihre Rebellion.

Der Roman leidet für meinen Geschmack unter etlichen Längen und dreht sich wiederholt im Kreis. So mühsam das Lesen an diesen Stellen wird, so beschwerlich gestaltet sich auch das Leben der Mädchen. In dieser Hinsicht ist die Passung sehr gut, überzeugt mich jedoch nicht wirklich. Auch fand ich es etwas schade, wie die Figur von Laura, die mir im ersten Teil sehr gut gefallen hat, so viel an Persönlichkeit verliert und immer mehr zur Puppe verkommt, die von Schwester und Ehemann nur noch benutzt und hin und her geschubst wird. Sicherlich war Emanzipation und völlige Entscheidungsfreiheit 1966 für junge Frauen eher im Bereich der Utopie angesiedelt, aber wäre es nicht gerade da wünschenswert gewesen, wenn die Literatur Ideen geliefert hätte und Modelle zur Orientierung hätte bieten können? Ein toller Anfang, den jedoch dann der Mut verlässt und mich am Ende etwas unglücklich mit der Geschichte zurücklässt.

Dana von Suffrin – Otto

dana-von-suffrin-otto
Dana von Suffrin – Otto

Der Vater liegt im Krankenhaus, einmal wieder, wechselt zwischen Intensivstation und anderen Abteilungen hin und her. Seine Töchter Timna und Babi besuchen ihn täglich, auch wenn es nicht immer etwas Neues gibt, aber so ist das nun einmal in jüdischen Familien und der Vater weiß, wie er moralischen Druck auf seine Kinder ausüben kann. Einfach war er ohnehin nie, aber sein Leben war auch nicht leicht. In Rumänien geboren, den Holocaust überlebt, nach Israel umgesiedelt nachdem die Kommunisten das Land übernommen haben. Dort vier Mal das junge Land verteidigt, bevor er in die Heimat der Verbrecher zog, um eine Familie zu gründen. Alt geworden benötigt er seit Jahren Unterstützung im Alltag, um die sich eine Ungarin kümmert, die immer noch kein Wort Deutsch versteht. Doch was bleibt von ihm, wenn er einmal nicht mehr ist, wer erinnert sich noch an seine Geschichte?

Dana von Suffrins Debut erzählt die Geschichte eines Lebens, einer Familie, mal komisch, mal traurig, nicht entlang chronologischer Linien, sondern eher wie ein Familienalbum, aus dem die Bilder herausgefallen sind, die nun einzeln aufgelesen und betrachtet werden und dabei Erinnerungen wecken. So setzt sich langsam das Bild eines Lebens zusammen, das ebenfalls von Diskontinuität geprägt war und fraglos seine Spuren in der Persönlichkeit hinterlassen hat.

Ottos älteste Tochter aus zweiter Ehe erzählt die Geschichte aus ihrer Perspektive. Auch wenn der Vater kein leichter Charakter ist, spürt man doch auch unabhängig von dem offenkundigen Druck, den er auf sie ausübt, wie sehr sie an ihm und seinen Geschichten hängt. Trotz seines verqueren und bisweilen hochgradig bedenklichen Verhaltens lässt sie nichts auf ihn kommen, vor allem nicht, wenn ihr Freund Tann die unzähligen Besuche kritisiert. Blut ist dann dicker als Wasser und jüdische Familien funktionieren nun einmal anders als christliche, auch wenn das Jüdischsein sich im Laufe der Jahrzehnte mehr als verflüchtigt hat. Otto ist wohl das, was man mit Fug und Recht ein original nennen kann. Mal bedient er alle jüdischen Klischees – Geiz! Der sogar so weit geht, nicht Mitglied der jüdischen Gemeinde zu werden, um den Beitrag zu sparen – mal merkt man, wie ihm die Tatsache zusetzt, dass sich sein Leben dem Ende nähert und ihn die Frage, was von ihm bleibt, umtreibt.

Der Autorin ist ein heiter-melancholischer Ton gelungen, der hervorragend zur Erzählung passt. So kommt das Spannungsverhältnis zwischen familiären Verpflichtungen, die man bisweilen nur widerwillig erledigt, und Zuneigung hervorragend zum Ausdruck. Eine berührende Geschichte, die jedoch nicht bedrückt.

Alex Michaelides – Die stumme Patientin

alex-michaelides-die-stumme-patientin
Alex Michaelides – Die stumme Patientin

Es war ein aufsehenerregender Mord: die Künstlerin Alicia Berenson erschießt ihren Mann in ihrem Atelier und zeichnet dann ein verstörendes Bild über die Tat, bevor sie für immer schweigt. Seit Jahren sitzt sie schon in einer psychiatrischen Einrichtung und der Therapeut Theo Faber hat nun endlich die Chance, sich ihr professionell zu widmen. Der Fall fasziniert ihn, vor allem im Zusammenhang mit dem Gemälde, auf welchem sich nur der Begriff „Alkestis“ fand, der der Schlüssel zu Alicias Schweigen sein muss. Die ersten Sitzungen verlaufen schlecht, doch dann scheint es Theo zu gelingen, zu Alicia vorzudringen und ihr wieder eine Stimme zu geben. Doch nicht nur bei der geheimnissenvollen Frau liegen Mysterien verborgen, akribisch beleuchtet Theo auch ihr Umfeld und das bietet so manche interessante Figur, die mehr zu wissen scheint, als sie zugibt und über Alicias Schweigen ganz froh ist.

Alex Michaelides Debutroman merkt man an, dass der Autor in der Materie bewandert ist; bevor er zum Drehbuchschreiber wurde, hat er als Psychiater in einer geschlossenen Klinik gearbeitet. Die psychologischen Aspekte sind es auch, die im Vordergrund der Handlung stehen, die Auswirkungen der Erlebnisse und Beziehungen, die die Menschen haben, auf ihr Seelenleben und vor allem ihr Seelenheil. Daher weniger ein Psychothriller, der den Leser in Angst und Schrecken versetzt, als ein Roman, der die Grenzsituationen zwischen psychisch gesund und krank beleuchtet und damit gekonnt spielt.

Die Handlung bewegt sich stringent auf den Höhepunkt zu, hat aber zunächst ein eher gemächliches Tempo, das nur wenig Spannung bietet. Die Schilderungen der unterschiedlichen psychologischen und psychiatrischen Ansätze und die gegensätzlichen Meinungen der Disziplinen fand ich trotzdem unterhaltsam und für einen Roman perfekt dosiert. Etwas verwunderlich Theo Fabers akribische Nachforschung in Alicias Leben vor der Tat, hier wirkt der Psychologe eher wie ein Detektiv, der den Fall nochmals aufrollt, was aber der Therapiesituation eine spannende zweite Handlungsebene an die Seite stellt und durch die unerwarteten Enthüllungen nun auch deutlich mehr Richtung Thriller geht, denn langsam formen sich Bilder, die große Fragen in Bezug auf Alicia aufwerfen.

Der Autor wartet mit clever platzierten Wendungen auf, die vor allem die bestehenden Annahmen davon, wem man trauen kann und wem nicht, wer phantasiert und wer lügt, immer wieder auf die Probe stellen. Das Ende für mich ein wenig zu viel des Guten, aber in sich stimmig motiviert. Insgesamt ein nicht übermäßig spannender, aber ohne Frage lesenswerter und überzeugender Roman.

Claire Douglas – Still Alive

claire-douglas-still-alive
Claire Douglas – Still Alive

Nach einer Fehlgeburt und einem Brand in ihrer Schule ist Libby ziemlich ausgelaugt. Auch ihrem Mann Jamie geht es seit dem Schritt in die Selbstständigkeit nicht viel anders. Da kommt das Flugblatt mit dem Angebot eines Haustauschs gerade recht. Ein paar Tage in Cornwall an der See werden ihnen guttun. Als sie das Haus sehen, fehlen ihnen die Worte: es ist eine regelrechte Villa mit direktem Zugang zum Meer. Doch bald schon häufen sich unerklärliche Vorfälle und Libby wird das Gefühl nicht los, beobachtet zu werden. Nach einer Lebensmittelvergiftung entscheiden sie sich vorzeitig zurück nach Bath zu kehren, doch auch dort tragen sich immer mehr komische Dinge zu und zunehmend verlieren Jamie und Libby das Vertrauen zueinander. Als man eine Leiche in ihrem Garten findet, sieht Libby ein, dass sie nicht mehr länger schweigen kann: sie muss ihrem Mann von ihrer Vergangenheit erzählen, denn dort liegt offenbar der Schlüssel zu den aktuellen Ereignissen.

Inzwischen mein vierter Roman von Claire Douglas, der weitgehend auch die Erwartungen erfüllen konnte. Einmal mehr gelingt es der Autorin, die Angst der Figuren auf den Leser zu übertragen und das Unwohlsein und drängende Gefühl, von jemandem beobachtet zu werden, setzt sich aus dem Buch heraus fort. Eine Geschichte, die einem direkt packt, sodass man den Roman am liebsten in einem Zug durchlesen möchte.

Die Handlung ist in drei Abschnitte gegliedert: Gegenwart, Libbys Vergangenheit in Thailand und zurück zu den eigentlichen Geschehnissen. Der erste Teil ist hierbei mit Abstand am besten gelungen, das außergewöhnliche Haus und mit den verdächtigen Menschen und unerklärlichen Begebenheiten ist Claire Douglas hervorragend gelungen. Als Leser weiß man die Situation überhaupt nicht einzuschätzen und fühlt das Unbehagen der Figuren unmittelbar mit. Deutlich schwächer fand ich den mittleren Teil, was vermutlich auch daran lag, dass er mich sehr stark an Fiona Bartons Roman „The Suspect“ erinnerte, wo ebenfalls zwei befreundete junge Engländerinnen und ein Hostelbrand in Thailand eine wesentliche Rolle spielen. Im abschließenden Teil klären sich schließlich alle offenen Fragen, allzu viel Überraschendes kommt hierbei leider nicht rum; zwar baut die Autorin noch zwei recht gute Wendungen ein, aber Spannung oder gar Thrill kommen hier nicht mehr auf.

Insgesamt ein stimmiger Plot, der keine Fragen offen lässt und clever angelegt ist. Nach Hochspannung lässt der Roman aber der Mitte aber etwas nach und arbeitet im Wesentlichen die Geschichte ab.

Patricia Highsmith – A Suspension of Mercy

patricia-highsmith-a-suspension-of-mercy
Patricia Highsmith – A Suspension of Mercy

Natürlich hat er schon darüber nachgedacht seine Frau zu ermorden, mehrfach sogar, auf vielfältige Weise, aber letztlich ist das ja sein Job. Sydney Bartleby ist Drehbuchautor für Mystery Serien und muss sich daher schon von Beruf wegen mit dem Ableben der Menschen beschäftigen. Als Alicia sich entschließt, kurzfristig auf eine längere Reise zu gehen, nutzt er die Chance, den perfekten Mord zu inszenieren und seine Schreibblockade zu lösen. Am Tag nach dem Verschwinden Alicias beseitigt er frühmorgens unter genauer Beobachtung seiner Nachbarin einen Teppich und auch ansonsten bemüht er sich möglichst auffällig unauffällig zu sein, was die Polizei, Freunde und seine Schwiegereltern auf den Plan ruft und ihn zum Verdächtigen Nummer 1 macht.

Patricia Highsmith ist ohne Frage eine der begnadetsten Krimiautorinnen des 20. Jahrhunderts – und das funktioniert sogar gänzlich ohne Mord. Leider ist sie über ihren Ripley Roman hinaus dem breiten Publikum nur wenig bekannt, dabei schafft sie es immer wieder hochinteressante Figuren zu konstruieren, die über das Spannungsmoment hinaus ihre Romane bereichern, wie sie eindrucksvoll in „Carol oder Salz und sein Preis“ oder auch in „Der Schrei der Eule“ beweist. Auch Sydney Bartleby ist faszinierend in seinem Spiel mit den Mitmenschen zu beobachten.

Die gescheiterte Ehe der beiden Künstler ist der Ausgangspunkt des fatalen Treibens. Bartlebys Manipulationen zeigen wahrlich, dass er das Zeug zum Krimiautor hat, nicht nur ist er kreativ im Erfinden möglicher Tode, nein, jeder Schritt ist geplant, das vergessene Manuskript, das leichtfertig als Tagebuch gedeutet werden könnte, ebenso wie die Besuche bei der neugierigen Nachbarin oder die falschen und widersprüchlichen Aussagen zu Alicias Verbleib. Das Katz-und-Maus-Spiel steigert sich immer weiter, bis es zu dem unweigerlichen Unglück kommen muss – das jedoch völlig anders ausgeht als erwartet. Hier zeigt sich die Patricia Highsmith’s wahres Talent, wenn sie auch mit ihrem Leser spielt.

Heute vermutlich eher als cosy crime klassifiziert, hat der inzwischen über 40 Jahre alte Text jedoch nichts an Unterhaltungswert verloren.

Libby Page – Im Freibad

libby-page-im-freibad
Libby Page – Im Freibad

Irgendwie hatte sie sich das aufregende Leben in London anders vorgestellt als sie zum Studium in die Metropole kam. Nun arbeitet Kate als Journalistin beim Brixton Chronicle und schreibt über unbedeutende Nachbarschaftsthemen, bevor sie sich abends allein in ihrer Wohnung einschließt. Doch alles ändert sich mit einem Bericht über das örtliche Freibad, das Eigentumswohnungen weichen soll. Bei ihrer Recherche trifft sie auf die 86-jährige Rosemary, die zusammen mit ihren inzwischen verstorbenen Ehemann George ihr ganzes Leben im Freibad verbracht hat. Für Rosemary ist es nicht nur ein Ort zum Schwimmen, es ist ihr Leben und es bricht ihr das Herz, dass dies nun bald nicht mehr sein soll. Gemeinsam machen sich die beiden Frauen daran, den Kampf aufzunehmen und ahnen nicht, dass sie dabei nicht nur ein Freibad, sondern auch sich selbst retten wollen.

Libby Pages Debütroman ist die perfekte Sommerlektüre, nicht nur die Covergestaltung und der Titel, sondern die ganze Handlung, die sich erwartungsgemäß über weite Teile im Freibad abspielt, sind dafür prädestiniert. In lockerem Stil schafft die Autorin eine schnell vertraute Atmosphäre und fast ist es, als sei man selbst ein Teil dieser kleinen eingeschworenen Brixtoner Gemeinschaft, die sich da zusammenfindet.

Auch wenn der Roman als leichte Strandlektüre daherkommt, liefert die Autorin doch auch Denkanstöße, die über den oberflächlichen Genuss hinausgehen. Kates Panikattacken und Einsamkeit in London sind glaubwürdig gezeichnet und legen eine feine Melancholie über den Text. Dies wird durch Rosemarys wehmütige, aber doch auch freudigen Erinnerungen an ihre Zeit mit George gespiegelt – die eine Frau steht am Anfang, die andere am Ende des Lebens und plötzlich entdecken sie die Gemeinsamkeiten. Der Roman thematisiert aber auch die wirtschaftlichen Nöte der Städte, die sich den Investoren geschlagen geben – ebenso wie Kates Zeitung letztlich – um zu überleben und bisweilen Entscheidungen fällen müssen, die aus finanzieller Sicht richtig, aber menschlich kaum vertretbar sind. Beglückt liest man jedoch, wie es in der anonymen Großstadt aber dennoch möglich sein kann, eine Gemeinschaft zu finden von Gleichgesinnten und Freunden, die sich umeinander sorgen und Freud und Leid teilen wollen. Ein Buch, das man gerne liest und am Ende bezaubert beiseitelegt.

Sayed Kashua – Lügenleben

sayed-kashua-lügenleben
Sayed Kashua – Lügenleben

Sein Vater liegt im Sterben. Eilig hastet der Ich-Erzähler aus Illinois zurück nach Israel, um ihn noch einmal zu sehen, vielleicht sogar endlich die Dinge auszusprechen, über die sie seit vierzehn Jahren geschwiegen haben. Die Mutter gibt ihm den Schlüssel zum elterlichen Haus, damit er in seinem alten Zimmer übernachten kann, doch er kann nicht zurück in das Dorf, aus dem man ihn verstoßen hat. Erst musste er mit seiner Frau Falestin nach Jerusalem fliehen, dann sind sie nach Amerika ausgewandert, wo man ihr eine Dozentenstelle angeboten hat. Mit der Rückkehr kommen auch die Erinnerungen wieder auf, an seine Zeit als arabischer Journalist für eine hebräische Zeitung, als Ghostwriter für Autobiografien und als Schriftsteller, der eine Kurzgeschichte in einer Studentenzeitung veröffentlichte. Und das Unheil, das es damit nahm.

Sayed Kashua lebt heute in den USA, nachdem er als Kolumnist für die „Haaretz“ gearbeitete hatte und sich einen Namen als Drehbuchautor und Filmkritiker gemacht hatte. „Lügenleben“ ist das fünfte Buch des arabischstämmigen Israelis und zugleich das letzte Übersetzungswerk von Mirjam Pressler, das sie kurz vor ihrem Tod im Januar 2019 noch beendete.

Wie auch andere seiner Romane trägt auch der aktuelle Roman autobiografische Züge und thematisiert nicht nur das schwierige Verhältnis von jüdischen und arabischen Israelis miteinander, sondern auch die Familienzwänge und Traditionen, aus denen es vor allem in ländlichen Gebieten kein Entkommen zu geben scheint. Die Kinder haben sich dem Diktat der Eltern, Dorfältesten und Scheichs zu fügen – egal, ob die Urteile gerecht und richtig sind oder nicht.

Die Erinnerungen des Erzählers folgen keiner chronologischen Struktur und so bleibt lange offen, was es genau war, das zu seiner Vertreibung geführt hat. Auch das seltsame Verhältnis zu seiner Frau Falestin ist eher mysteriös denn nachvollziehbar. Sie leben in zwei Wohnungen, ein echtes Familienleben scheint es nicht zu geben. Auch die drei Kinder erhalten keine Antworten auf ihre Fragen – alles, was die Familie und die Zeit vor der Flucht aus dem Dorf betrifft, bleibt nebulös. Dabei liebt er, bewundert Falestin, aber diese weist ihn ab, akzeptiert ihn jedoch als ihren Mann. Erst nach und nach fügt sich das Bild zusammen und offenbart ein trauriges Schicksal, das man so in der Gegenwart kaum mehr glauben mag.

Ein vielschichtiger Roman, der persönliches Leid, Familie und Tradition, die politische Lage in Israel und auch Emigration und Flucht thematisiert und vor allem die innere Zerrissenheit einer ganzen Generation offenbart, die doch nur glücklich und in Sicherheit leben möchte und auf der Suche hiernach getrieben ist und weder eine klare Vergangenheit noch eine Zukunft zu haben scheint. Und es ist vor allem die Frage danach, was Wahrheit ist und was sie ausmacht und inwieweit wir uns unsere eigene Wahrheit gestalten, um uns in unserem Leben zurechtzufinden. Ein großartiger Roman, ganz sicherlich auch wegen der hervorragenden Übersetzerin.

Ein herzlicher Dank geht an den Piper Verlag für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zu Autor und Titel finden sich auf der Verlagsseite.

Chris Cander – Das Gewicht eines Pianos

chris-cander-das-gewicht-eines-pianos
Chris Cander – Das Gewicht eines Pianos

Es ist das Klavier des deutschen Nachbarn, das die kleine Katya in ihrer russischen Heimat jede Nacht fasziniert. Sie lauscht den Sonaten und Préludes und der unendlichen Traurigkeit, die von der Musik ausgeht. Der Besitzer spürt die Verbindung des Mädchens zu dem Instrument und so erbt sie es nach seinem Tod. Die Musik wird ihre Leidenschaft, eine, die sogar größer ist als die Liebe zu ihrem Mann Mihail, für den sie ihre Heimat verlässt, um in den USA ein besseres Leben zu finden. Doch dort erwartet sie nichts. Das Piano musste sie zurücklassen und ohne Musik ist ihr Leben leer und kalt. Auch ihr Sohn Grisha kann das nicht ändern. Claras Leben ist ebenfalls von Traurigkeit bestimmt, früh schon hat sie ihre Eltern verloren, das einzige, was ihr als Erinnerung geblieben ist, ist ein Piano, das offenbar nicht nur die Töne, sondern die auch die Gefühle vieler Jahrzehnte und unzähliger Pianisten in sich trägt.

Die amerikanische Autorin Christ Cander, deren vorherige Werke bereits mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet wurden, hat viel Lob für ihren Roman erhalten, immer wieder wird die Intensität hervorgehoben, mit der sie die Rolle der Musik für ihre Figuren beschreibt. Dies war es auch, was mich am meisten begeistern konnte, obwohl mir jede Musikalität fehlt.

Die Geschichten von Katya und Clara laufen lange Zeit parallel. Es ist schnell klar, dass das Piano das verbindende Element zwischen den beiden ist, wie genau die Beziehung jedoch aussieht, löst sich erst spät auf. Unabhängig von der bildstarken Beschreibung des Klavierspiels und den Melodien vor allem der russischen Komponisten wie Alexander Skrjabin oder Peter Tschaikowksi, hat mich die Autorin mit ihren beiden Frauenfiguren gepackt. Einerseits das russische Mädchen, das ganz in der Musik aufgeht und später zur erwachsenen Frau heranreift, die nur wenig ihrem herrischen und brutalen Ehemann entgegenzusetzen hat. Metaphorisch lässt Cander ihren Sohn über sie sagen, dass Katya in Kalifornien zu Eis wurde, trotz der andauernden Hitze. Innerlich erstarrt ist die mächtige Naturgewalt im Death Valley und dem Coffin Peak die Nachaußenkehrung ihres Daseins.  Auf der anderen Seite Clara, die nicht nur keine Familie mehr hat, sondern auch ansonsten allein und planlos im Leben umherirrt. Für sie ist die Begegnung mit Greg der Moment des Loslösens von den Erinnerungen an die Zeit vor dem Tod ihrer Eltern und das Loslassen, das ihr letztlich erlaubt, ihr Leben zu beginnen.

Sicherlich sind weite Teile der Handlung vorhersehbar und die Figuren recht reduziert auf wenige Charakterzüge. Aber dies wird durch die poetische Beschreibung, mit der Cander der Musik Leben einhaucht, locker aufgewogen.

Ein herzlicher Dank geht an HarperCollinsGermany für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zu Buch und Autorin finden sich auf der Verlagsseite.

Milena Michiko Flašar – Herr Katō spielt Familie

milena michiko flašar herr kato spielt familie
Milena Michiko Flašar – Herr Katō spielt Familie

„Er gibt sich den Anschein, ein Ziel zu haben. Mit großen Schritten geht er los, als ob dort, wohin er geht, jemand warten würde und es von höchster Dringlichkeit wäre, rechtzeitig hinzugelangen. Müßig spazieren zu gehen, einfach so, um des Gehens willen, hat er probiert – kann er nicht.“

Frisch im lange ersehnten Ruhestand wird er nicht mehr gebraucht, hat kein Ziel mehr, keine Eile mehr. Schmerzlich wird ihm auch bewusst, dass ihn nichts mehr mit seiner Frau verbindet, schon lange schlafen sie in getrennten Zimmern und Interesse am Alltag des anderen können sie auch kaum mehr aufbringen. Eine zufällige Begegnung auf dem Friedhof jedoch ändert die Leere der Tage: Mie, Chefin einer Agentur, die Schauspieler vermittelt, die im privaten Bereich Lücken füllen, wird auf ihn aufmerksam und verhilft ihm zu seinem ersten Job: er soll Herrn Katō spielen und seine vermeintliche Tochter und ihren Sohn besuchen. Er soll Familie spielen und die Personen ersetzen, die, warum auch immer, nicht da sind. Ein ganz neuer Blick auf Familie, vor allem auch seine eigene, eröffnet sich ihm.

Immer wieder ist mir im letzten Jahr Milena Michiko Flašars kurzer Roman begegnet. Die österreichische Autorin mit japanischer Mutter, die für ihren Debüt Roman „Ich nannte ihn Krawatte“ mehrfach ausgezeichnet wurde, schafft hier einen sehr typisch fernöstlichen Roman, der jedoch im Kern ein Thema hat, das auch hierzulande wichtig ist und nachdenklich macht. Was kommt nach der Arbeit, wenn man nicht mehr gebraucht wird; wie verändern sich unsere Beziehungen unbemerkt und was bleibt von einem Paar, wenn über Jahre Arbeit, Hausbau und Kinder die Zweierbeziehung immer mehr in den Hintergrund schieben?

Die Idee einer Agentur, die mietbare Familienmitglieder anbietet, klingt zunächst abstrus. Auch der Protagonist hat seine Zweifel, die sich jedoch schon mit dem ersten Auftrag und der Begegnung mit dem kleinen Jordan verflüchtigen. Er merkt, dass er nicht nur eine Lücke füllt, sondern tatsächlich ein emotionales Loch stopfen kann. Dies macht nicht nur etwas mit den Menschen, die er besucht, sondern auch mit ihm. Vor allem die Hochzeit, bei der alle Gäste gemietet sind, stimmt ihn nachdenklich. Kein Familienmitglied wollte die Feierlichkeit der todkranken Frau unterstützen.  Als unerwartet seine hochschwangere Tochter vor der Tür steht, ist das für Herrn Katō die Chance, auch in seinen realen Beziehungen etwas zu ändern. Doch so schnell kann er nicht aus seiner Haut, er würde gerne, aber noch ist er nicht so weit.

Ein leiser Roman, dessen Erzählstimme hervorragend mit dem Protagonisten harmoniert, der so gerne etwas sagen würde, aus sicher herausgehen würde. Aber der Schatten, über den er springen müsste, ist zu groß. ER traut sich nicht einmal, eine Grußkarte mit seinem Namen zu dem Blumenstrauß zu geben, den er seiner Frau zukommen lässt. Die Diskretion und Angepasstheit des Herrn Katō lässt ihn Schweigen, in sich zurückziehen und das Leben beobachten statt es zu leben. Erst in seinen Rollen kommt er aus seinen Haut heraus, die er liebend gerne abstreifen würde. Mit Schreckend erkennt man sich oftmals selbst und muss sich die Frage stellen: verharren im Ist oder mutig weitergehen?