Petros Markaris – Drei Grazien

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Petros Markaris – Drei Grazien

September in Athen, endlich Urlaubszeit für Kostas Charitos und seine Frau Adriani. In Epirus lernen sie im Hotel drei Rentnerinnen kennen, die sie die „Drei Grazien“ taufen und mit denen sie sich prächtig verstehen. Zurück Zuhause halten sie Kontakt mit den Damen und treffen sich regelmäßig zum gemeinsamen Essen, auch weil Kostas an einem aufsehenerregenden Fall arbeitet und sie wie das ganze Land neugierig sind, was dahintersteckt. Zuerst wird der Minister Klearchos Rapsanis mit einer vergifteten Torte getötet, kurz danach der Staatssekretär Archontidis beim Joggen überfallen und erschlagen und zuletzt wird Professor Stelios Kostopoulos tödliche Blausäure injiziert. Nach allen drei Morden gehen Bekennerschreiben ein, die eine eindeutige Verbindung schaffen: all drei waren politisch aktiv und haben dafür ihre Posten an der Universität ruhen lassen. Leidtragend waren einzig die Studenten, denen die Lehrer fehlten, wohingegen die Herren bequem nach Ende des Ausflugs ins politische Haifischbecken zurückkehren konnten. Für den Mangel an Anstand und Rücksicht auf die nachfolgende Generation sollten sie bezahlen. Dass dahinter keine Einzelperson stecken kann, ist offenkundig, aber welche Organisation ist zu gleich drei Morden fähig?

Bereits seit 1995 lässt Petros Markaris seinen charismatischen Kommissar Charitos in Athen ermitteln, die „Drei Grazien“ sind sein nunmehr 12. Fall, der wie gewohnt aktuelle politisch-soziale Entwicklungen in Griechenland thematisiert und dabei auch das Privatleben des Ermittlers, der erfreulicherweise so gar nicht den gängigen Klischees entspricht, weiterverfolgt. Im aktuellen Roman greift er die prekäre Situation der Universitäten auf, die wie alle öffentlichen Institutionen wegen der anhaltenden Krise unter Geldmangel leiden, was sich bei ihnen dadurch verschärft, dass zahlreiche Dozenten sich als Politiker versuchen und dafür ihre universitären Aufgaben ruhen lassen ohne dass es für sie einen Ersatz gäbe. Scheitern ihre politischen Ambitionen, kehren sie zurück in den Schoß der Alma Mater und machen weiter, als wenn nichts geschehen wäre.

Der aktuelle Fall lässt den Kommissar lange Zeit im Dunkeln tappen, da sein Vorgesetzter sich gerade in den Ruhestand verabschiedet hat, lastet eine zusätzliche Bürde auf Charitos, da er direkt dem Polizeipräsidenten und Minister berichten muss. Viele Ermittlungsrichtungen und zugleich keine wirklich heiße Spur bei höchstem politischem Druck erhöhen sie Spannung. Diese ist jedoch einmal mehr nicht das, was die Kriminalromane von Petros Markaris auszeichnen. Für mich liegt seine Stärke in der impliziten Gesellschaftskritik, die auch deutlich macht, wie sehr er seine Heimat liebt und wie es ihn offenkundig schmerzt, die Entwicklungen der vergangenen Jahre mitanzusehen.

Auch wenn in Deutschland die Vermischung von Hochschule und Politik nicht im gleichen Maße vorhanden ist wie in Griechenland, hat mich doch eine Aussage einer Figur aufhorchen lassen. Als Charitos den emeritierten Professor Seferoglou zu den universitären Strukturen befragt, erläutert dieser:

 

„Heutzutage gibt es aber gar keine Gelehrten mehr, sondern nur noch Intellektuelle, Herr Kommissar.“

„Und worin liegt der Unterschied?“, frage ich verblüfft.

„Gelehrte sind Menschen, die ihr Leben in Bibliotheken, mit Studien und wissenschaftlicher Arbeit verbringen. Intellektuelle sind Spezialisten für alles und jedes. Gelehrte verfügen über Wissen, Intellektuelle über eine Meinung, die sie gerne und bei jeder sich bietenden Gelegenheit kundtun. (…) Die Hochschullehrer sind zu Universitätspersonal verkommen, und die Gelehrten zu Intellektuellen.“ (S. 205f).

Wie sieht es also aus um unsere geistige Elite? Nur noch Menschen mit Meinungen, aber keine belesenen und gebildeten Gelehrten mehr? Sicherlich überspitzt formuliert, aber in einer immer schnelllebigeren Welt, in der Fakten von heute morgen schon veraltet sind, wo nicht das Wissen selbst, sondern nur noch die Kenntnis, wo man es nachlesen kann, zählt, erfährt der Mensch mit klassischer Bildung und umfangreichem Wissen im besten Fall gefälliges Lächeln, im schlechtesten Ignoranz und Verachtung. Und dabei hat man noch nicht die Frage gestreift, was man der nächsten Generation mitgibt und welches Vorbild man ist.

Ein Krimi, der über die Mordermittlung hinaus wie erwartet große Fragen aufwirft und dem Leser nicht nur einen Blick in das aktuelle Griechenland gewährt, sondern auch so manche Denkanstöße mitgibt.

 

Ein herzlicher Dank geht an den Diogenes Verlag für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zu Autor und Roman finden sich auf der Verlagsseite.

Lucy Fricke – Töchter

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Lucy Fricke – Töchter

Martha und Betty sind seit 20 Jahren befreundet, so lange teilen sie bereits Kummer und Leid, aber auch Freude und daher ist es auch nicht verwunderlich, dass Martha Betty bittet sie zu begleiten und den letzten Wunsch ihres Vaters Kurt zu erfüllen: er möchte in die Schweiz fahren, um dort seinem Leben ein Ende zu setzen. Es beginnt ein bizarrer Road Trip, der die beiden Frauen über Glück und Unglück, über ihre Familien, aber auch ihre eigenen Ziele sinnieren lässt. Die Reise, die mit einem ganz klaren Ziel begannt, verändert ihre Route und auch die Absichten, mit denen die beiden Frauen in Norddeutschland das Auto bestiegen hatten. Plötzlich ist nicht mehr das Ende, sondern ein möglicher Neuanfang das, das sie quer durch Europa führt.

Lucy Fricke gelingt etwas, das in der deutschen Literatur eher ungewöhnlich ist: sie greift gleich mehrere ernsthafte Themen auf, die auch durchaus von den Figuren diskutiert werden, sie lässt diese aber auch Humor haben und das Leben manchmal einfach leicht sehen oder, da sie ohnehin nicht zu beseitigen sind, die Sorgen einfach vergessen trinken. So wie man die ernsthaften Momente nachdenklich verfolgt, kann man sich mit „Töchter“ auch schlichtweg auf sehr hohem Niveau amüsieren.

Ist man zu Beginn noch schockiert und verunsichert, da man nicht weiß, wie die Autorin mit dem Thema Sterbehilfe bzw. geplanter Selbstmord umgehen wird, nimmt sie einem diese Angst recht schnell. Es geht nicht ums Sterben, sondern ums Leben und vor allem die Frage, wie man lebt. Martha und Betty erfüllen beide nicht die Erwartungen ihrer Eltern und nehmen den Druck war, der auf ihrer Generation lastet:

 

„Ich ging davon aus, dass wir die erste Generation von Frauen waren, die machen konnte, was sie wollte. Das hieß aber auch, dass wir machen mussten, was wir wollten, und das wiederum bedeutete, dass wir etwas wollen mussten. Dafür hatten unsere Mütter gekämpft. Wir sollten unsere Träume verwirklichen, wir mussten welche haben, das Scheitern wurde uns zugestanden, aber erst nachdem alles, wirklich alles versucht worden war auf dem Weg zum Glück, Psychoanalyse eingeschlossen.“

 

Aber haben die Mütter und Väter die Erwartungen erfüllt? Martha kann die Entscheidungen ihres Vaters nicht nachvollziehen, Betty hingegen hatte nur temporäre Väter, die jeweils aktuellen Partner ihrer Mutter eben, die sie immer wieder auch verlassen haben. Vor allem Ernesto vermisst sie auch nach Jahrzehnten noch, weshalb sie sich auf die abenteuerliche Suche nach ihm begibt. Ist es da ein Wunder, dass beide keine Kinder haben? Ob gewollt oder ungewollt ist dabei fast egal.

Es sind Ironie und Heiterkeit, die über die Nachdenklichkeit hinwegtrösten, aber dafür auch keine Antworten liefern, die muss man als Leser schon selbst finden. Eine Welt, in der einem alles offen steht, in der es keine vorgefertigten Muster mehr gibt, die man einfach kopieren könnte, muss man sich selbst und seine Beziehungen erfinden und gestalten – und mit dem Ergebnis leben.

Deborah Levy – Heiße Milch

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Deborah Levy – Heiße Milch

Sofia fliegt mit ihrer Mutter nach Spanien, um dort in einer Spezialklinik endlich die richtige Therapie für sie zu erhalten. Immer wieder kann die Mutter ihre Beine nicht spüren, benötigt permanent Hilfe und erwartet von Sofia, genau diese zu liefern. Dr. Gomez‘ Klinik scheint allerdings unkonventionelle Behandlungsmethoden zu haben, was auch ein junger Mann bestätigt, den Sofia beim Schwimmen am Strand kennenlernt. Dieser lebt, ebenso wie die Deutsche Ingrid, sein Leben nach eigenen Maßstäben und lässt sich nichts vorschreiben. In Sofia beginnen die Gedanken sich zu drehen, ist die Krankheit ihrer Mutter nur eine Reaktion auf den Vater, der sie schon vor vielen Jahren verlassen hat? Bindet die Mutter sie so an sich und verhindert, dass sie endlich ihr Leben beginnt?

Ich hatte große Erwartungen an Deborah Levys neuesten Roman. Zum einen konnten mich ihre vorherigen Romane „Was ich nicht wissen will“ und „Heim schwimmen“ vollends überzeugen, zum anderen war „Heiße Milch“ 2016 auf der Shortlist des Man Booker Prize, wo ich normalerweise immer mich ansprechende Literatur finde. Dieses Mal jedoch empfand ich die Geschichte etwas zäh und langatmig.

Aus psychologischer Siecht hat der Roman einiges zu bieten, was interessante Figuren und Konflikte verspricht: die Erkrankung der Mutter, die offenkundig nicht rein physischer Natur ist und maßgeblich die Mutter-Tochter-Beziehung bestimmt. Die junge Frau, die planlos durch ihr Leben irrt und trotz Hochschulabschluss ihren eigenen Weg nicht findet, sich schnell zu extremen hingezogen fühlt, aber doch weitgehend passiv verharrt. Ihr Vater, zu dem sie seit über 10 Jahren keinen Kontakt mehr hat, der ihr als Grieche in England die zweite Sprache verwehrt hat so dass sie zwar einen griechischen Namen trägt, aber offenbar keine Verbindung zu diesem Land hat. Dann noch die Randfigur Ingrid, die Sofia fasziniert, die selbst jedoch auch eine Vorgeschichte hat, die wiederum ihr eigenes Leben maßgeblich prägte.

Die Atmosphäre des Romans ist dauergespannt. Die Figuren haben keine angemessene und lockere Art gefunden, um miteinander umzugehen. Sie beobachten sich, ja taxieren sich geradezu. Dieses Spannungsverhältnis wird zu einem beängstigenden Höhepunkt geführt, der jedoch endlich alles löst. Das Setting – einerseits im krisengeplagten Andalusien, wo die Gebäude wegen der Krise halbfertig verlassen wurden, später bei einem kurzen Intermezzo in Griechenland, wo die Lage sich noch schlimmer darstellt – ist passend gewählt zur Stimmung der Figuren.

Ohne Frage ist vieles in diesem Roman sehr stimmig und interessant, aber der Funke ist bei mir nicht übergesprungen. Ob es allein an der Form als Hörbuch lag, vermag ich nicht zu sagen. Svenja Pages hatte ich bislang nicht als Sprecherin gehört, sie war ein bisschen zu wenig moduliert, aber nicht in dem Maße, dass es sich beim Hören als störend gezeigt hätte.

Lawrence Osborne – Beautiful Animals

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Lawrence Osborne – Beautiful Animals

Summertime, best to spend on the Greek island of Hydra where the Codringtons possess a villa up on the hill. Yet, while the art collector Jimmy and his second wife Phaine are relaxed, Jimmy’s daughter Naomi seems to have fled London where she just lost her job under mysterious circumstances. First timers on the island are the American family Haldane who enjoy themselves among other compatriots. Their daughter Samantha, slightly younger than Naomi, is soon impressed by the English young woman who not only knows every corner of the island, but who is also self-confident and slightly intimidating. One day, they meet a young man, obviously one of the refugees from the Middle East. Sam would prefer to retreat and not to make contact whereas Naomi’s interest is aroused. For days, they meet him repeatedly until Naomi, out of ennui, draws up a plan of how to support the poor refugee: her family is super-rich, so getting rid of a couple of things in their house does not harm anybody. With the help of the housekeeper, the Arab is to break in and rob the Codringtons. Yet, the scheme does not work out as planned and the girls suddenly have to think of what to do with two bodies.

Lawrence Osborne’s novel starts like the perfect summer read. He depicts the atmosphere of the island in a colourful and authentic way. How the people move around, how relaxed everybody seems to be, but also the way in which the local people slightly stay away from the holidaymakers. The girls spend their days in the water, enjoying the sun – it’s almost too perfect. With the appearance of the refugee, the tone changes and we get to see another side of Naomi. This is where the novel starts to become really interesting.

It is especially this character that is fascinating to observe. She can be the loving daughter – she plays this role perfectly for her father who is aware of it, but on vacation he can ignore negative thoughts and he can still see his wife in the girl. Her stepmother Phaine is less easy to impress, but here, Naomi chooses the open confrontation. Towards the islanders, she is rather cold-shouldered and arrogant. She makes use of the people just as her needs demand it, she openly exploits the housekeeper and forces her to become an accomplice. In contrast, Sam has an innocent air, she is a bit naive and quickly impressed. Thus, she easily becomes Naomi’s victim and is blackmailed by her. Only when it is too late, Sam learns that people on the island consider Naomi possessed, even demonized. Naomi herself knows exactly what she is doing and why she treats people in the way she does:

“It was just an attraction. It was a matter of gravity. It was her influence over them that was attractive too, their reluctant malleability. She couldn’t understand why people were like that.“

She makes use of them simply because she can. When the situation gets out of hand, she keeps calm and manages everything. There is no regret, not even a tear – considering the fact that she has lost her father, she seems to be really cold-blooded here. As a gifted liar, she does not mean to much effort for her to set up a story. Just like the mythological Hydra, Naomi is some kind of poisonous serpent and no loss is a real defeat. Sam, on the contrary, will be haunted her whole life.

The story around Naomi is really enthralling and her behaviour and manipulation repellent at the same time. When the focus shifted away from her to the refugee fleeing from Hydra, it therefore became a bit uninteresting for me. Even though this part is important and definitely full of suspense, it was more centred around the action and less around the character.

It is often said that the initial sentence of a novel is most decisive. Here, however, in my opinion, it’s the opposite. Lawrence Osborne find a remarkable closing of the novel which concentrates much of the story in just three sentences:

“Life was full of such people. One didn’t know anything about them, even though they occupied a position of utmost importance in one’s life for a time. They were like shooting starts, flaring up for a brilliant moment, lighting up the sky even for a few lingering seconds, then disappearing forever.“

 

Patrick Besson – Cap Kalafatis

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Patrick Besson – Cap Kalafatis

Un homme se promène sur une plage du Cap Kalafatis, sur l’île de Mykonos. Il se souvient des événements 25 ans avant. Lui, Nicolas, jeune étudiant qui rencontre Barbara qui se bronze quasiment nue.  Elle semble être seule et ne s’intéresse pas aux hommes, mais quand José, un quinquagénaire un peu en surpoids, arrive, Nicolas comprend qu’ils sont un couple amoureux quoique José ait trente ans de plus qu’elle. Un ménage à trois bizarre commence sur l’île grecque et Nicolas ne peut jamais être sûr de ce que Barbara et José lui racontent. José, a-t-il vraiment une assurance-vie qui garantit trois millions à Barbara après sa mort ? Est-il véritablement malade ? Et pourquoi est-ce qu’ils lui forcent à passer la nuit avec Barbara ? C’est quel jeu qu’ils jouent avec l’étudiant ?

Patrick Besson nous non seulement mène à des lieux déserts mais aussi au bord de notre bonne foie. Comme Nicolas, le lecteur ne sait jamais ce qui se passe effectivement, si on peut avoir confiance en Barbara et José où s’ils sont un peu fous – ce n’est pas pour rien que Barbara nomme André Breton comme son auteur préféré. On a un amour bien étrange, ce n’est ni l’amour fou de ceux récemment tombés amoureux, ni celui du vieux couple qui se connaît depuis toujours et s’entend sans parler. Quand-même, il y a une communication entre José et Barbara qui échappe à Nicolas. Mais c’est avant tout la séduisante jeune femme qu’il ne comprend pas, elle semble être trop flottante.

Le roman profite des dialogues vivants et authentiques, des nuances et du jeu que le couple joue. Au moment où on croit avoir compris, tout s’écroule et on commence à nouveau – mais à vrai dire, il y restent même après le dernier mot, des incertitudes et doutes. Patrick Besson sait vraiment jouer avec ses lecteurs.

Dagny Gioulami – Alle Geschichten, die ich kenne

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Dagny Gioulami – Alle Geschichten, die ich kenne

Zürich. Wie immer will die Erzählerin ihre Kleidung zur chemischen Reinigung bringen, doch diese existiert nicht mehr. Eine Schneiderei hat den Laden übernommen. Sie kommt mit der Besitzerin ins Gespräch, diese verspricht trotzdem zu versuchen, die Kleidung zu reinigen. Im Gespräch mit der Eigentümerin wird auch deren aktuelle Pechsträhne Thema, sie ist verzweifelt, ist doch das Kleid, das sie zu einer Hochzeit tragen wollte ruiniert. Die Erzählerin hat eine Idee: ihre Tante Irini ist eine meisterliche Schneiderin und kann sicherlich aus Stoff ein vergleichbares Kleid nähen. Zusammen mit ihrem Kollegen macht sie sich auf die Reise nach Griechenland. Vieles hat sich dort verändert, die Krise ist nicht zu übersehen. Aber die Familie ist noch genauso, wie sie sie in Erinnerung hatte und nimmt die Frau samt Kollegen direkt für allerlei Dinge in Beschlag.

Der Titel des Buchs, „Alle Geschichten, die ich kenne“, ist während der Griechenlandreise Programm. Zur Einstimmung auf das Land und in Erinnerung an ihre Kindheit erzählt die Protagonistin Geschichten, die in der Familie weitergetragen wurden, Sagen aus der griechischen Heimat, die nicht nur für Kinder gedacht sind. So entsteht im Buch quasi eine zweite Handlung, ein Sammelsurium an Weisheiten und alten Erzählungen. Besonders gelungen sind die Konfrontation der Frau mit der lange nicht mehr besuchten Heimat. Die aktuelle wirtschaftliche und politische Lage hat Spuren hinterlassen, viele Geschäfte sind verschwunden und der Verfall ist allgegenwärtig. Die Menschen sind jedoch dieselben und sie leben weiter, müssen weiterleben, trotz allem.

Zugegebenermaßen fiel meine Wahl für diesen Roman aus einem banalen Grund aus: für eine Challenge suchte ich ein Buch, das in Griechenland spielte. So ganz sicher bin ich mir noch nicht, was ich von ihm halten soll. Einerseits fand ich die Geschichten interessant, ebenso die Familienstrukturen und –beziehungen, die Namensgebung wie auch die Berichte über die nicht vorhandenen Freiheiten der Frauen noch Mitte des 20. Jahrhunderts. Andererseits ist natürlich schon der Anlass für die Reise völlig absurd und unglaubwürdig und dass ein Kollege sich diese lange Reise antut, gleichzeitig nie einen Namen erhält und auch kein Leben zu haben scheint, fand ich auch etwas befremdlich und unstimmig.