John Green – An Abundance of Katherines

Colin Singleton war ein Wunderkind und meistens ein Außenseiter. Leicht autistische Züge machten es nicht einfach und früh schon zeigt sich eine besondere Vorliebe: Mädchen mit dem Namen Katherine. Nummer 19 hat ihn gerade verlassen, was sich gut trifft, denn auch sein Freund Hassan braucht eine Auszeit, also gehen sie gemeinsam auf einen Roadtrip. Während der Fahrt will Colin an seiner Theorie über Verlassende und Verlassene – mit einem speziellen Blick auf Katherines – weiterarbeiten, Hassan will nur die Zeit mit Nichtstun totschlagen. Ihre Reise führt sie im kleinen Dorf Gutshot, wo sie auf Lindsay und deren Mutter Hollie treffen und prompt mit Unterkunft und einem Sommerjob versorgt werden. Die Ferien nehmen eine ungeahnte Richtung an.
Das Buch ist vom Plot her eher dünn, nimmt der Roadtrip schnell eine klare Richtung an und passiert dann nur noch wenig – mit unvermeidlichem Happyend. Dafür sind die Figuren vielschichtig und überzeugend gezeichnet, vor allem Colin kann durch seine wirklich seltsame Art überzeugen. Auch der Antagonist Hassan macht viel Freude als Sidekick, der Colin immer mal wieder auf Spur bringt. Das das Buch durchziehende Motiv der Katherines ist überaus komisch und die mathematische Formel, die Colin hierzu entwickelt hat sich mir zwar nicht erschlossen, scheint aber durchaus ihren Sinn zu haben.

Fazit: durchaus nett zu lesen, aber weit hinter den Erwartungen zurückbleibend.
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Denis Gastmann – Geschlossene Gesellschaft

Ein Blick hinter die den meisten von uns verschlossenen Türen der oberen 10.000 verspricht Dennis Gastmann in seinem Buch. Ein Einblick in deren Alltag und ihr glitzerndes Leben an den schönsten Orten der Welt. Er trifft sich mit erfolgreichen Mittelständlern wie Reinhold Würth und Wolfgang Grupp, ukrainischen Oligarchen, Immobilienspekulanten in Katar, dem Haus und Hof Chirurg Mang oder dem etwas ältlichen Adel bzw. den eingeheirateten Neuadligen.

Das Buch verspricht viel und hält wenig. Zum einen scheitert der Autor daran, dass er zu den wirklich Großen und Reichen nicht durchdringen kann, sondern bestenfalls höfliche Absagen auf seine Anfragen kassiert. Der Rest tingelt seit Jahren durch drittklassische Privatfernsehsendungen, so dass deren Lebensstil weithin bekannt ist und wenig Interessantes zu bieten hat.

Was besonders unangenehm ins Auge fällt ist hierbei die Selbstdarstellung des Autors, der zum einen damit kokettiert, nicht mit den Gepflogenheiten in Cannes oder bei großen Events vertraut zu sein und sich furchtbar lustig findet, wenn er überall negativ auffällt. Zum anderen klingt aus jeder Zeile der pure Neid auf den Erfolg und noch viel mehr auf das Geld seiner Gesprächspartner. Abfällig zieht er über all diejenigen her, die ihn hereingelassen haben und ihm Zeit einräumen. Er macht sich über sie lustig und findet es scheinbar auch noch besonders gelungen, Versprechen über Veröffentlichungen zu brechen. An vielen Stellen ist hier Fremdschämen schlimmster Sorte angesagt und man weiß nach der Lektüre, warum viele Berühmtheiten sich nicht mit Journalisten abgeben wollen.

Mark Watson – Hotel Alpha

Ein Londoner Hotel – ein Mikrokosmos einer kleinen Welt. Graham, der Concierge, der den Job vor 30 Jahren bekam, weil er Mut zeigte und seinem Chef Howard York immer zur Seite stehen würde. In gute Zeiten, wenn das Hotel florierte, wie in schlechten Zeiten, bei einem Brand, als alles in Flammen aufzugehen drohte. Alles hat Graham im Hotel miterlebt und erzählt nun aus dieser Zeit, die viel mehr sein Leben war als das andere Leben zu Hause mit Pattie, das quasi gar nicht stattfindet. Im Wechsel dazu berichtet Chas, erblindeter Adoptivsohn Howards, dessen Leben tatsächlich nur im Hotel Alpha stattfindet und wo sich erst mit der Entwicklung der Computer ein Fenster nach draußen öffnet. Aber die Welt im Hotel Alpha kennt genauso ihre Dramen wie auch die Welt außerhalb der Hotelmauern und ein gut gehütetes Geheimnis droht jeder Zeit alles zum Einstürzen zu bringen.
Auch wenn der Handlungsort ein Hotel ist, spielt weniger das Geschehen dort eine Rolle als die zentralen Figuren mit ihren die Zeit überdauernden Konflikten und Geheimnissen. Der Protagonist Graham verkörpert die absolute Loyalität, die man einem sehr guten Concierge zuschreiben würde und die mit der Zeit dieser Art Personal ausgestorben zu sein scheint. Howard als der große Träumer, der seine Ideen umsetzen kann und mit seinen Visionen neue Welten schafft. Gegenpol dazu Chas, der die Welt nicht sehen kann und in dieser Scheinwelt des Hotels aufwächst. Ich hätte mir ein wenig mehr Hotel gewünscht, Besucher mit ihren Problemchen, aber die gibt es erst im Nachwort und dann auch eher lose additiv.

Insgesamt durchaus interessant, die Entwicklung von Chas auch gelungen und glaubwürdig, aber letztlich nicht das Buch, das ich erwartet hatte.

Britta Bolt – Das Büro der einsamen Toten

Im „Büro der einsamen Toten“ – genaugenommen das Amt für Katstrophenschutz und Bestattungen ist der Arbeitsplatz von Pieter Posthumus, der sich um nicht identifizierte oder vergessene Tote kümmert, die auf Kosten der Stadt Amsterdam bestattet werden. Ihm sind sie nicht egal und so forscht er stets ein wenig mehr nach als erforderlich wäre. So stößt er auf den Fall eines Marokkaners, der scheinbar ertrunken ist. Nur entfernte Angehörige hat er in der niederländischen Hauptstadt und seine zahlreichen Reisen nach Brüssel werfen Fragen auf. Auch die Tatsache, dass Posthumus bei der Wohnungsbesichtigung des Toten mit einem Taser überfallen wird, schreckt ihn nicht von weiteren Nachforschungen ab, sondern beflügelt seine Neugier. Doch er ahnt nicht, auf welche Abgründe er hier trifft und wie schnell er in einen hochaktuellen Fall gerät.
Der Auftakt einer interessanten Krimireihe, die etwas aus dem Rahmen fällt. Amsterdam als Handlungsort wirkt erfrischend neu bei all den Büchermarkt überflutenden Skandinavien- und Regionalkrimis bzw. den Klassikern aus London und den USA. Vor allem der Ton fällt hier besonders positiv auf, denn es fehlt die künstliche Hochspannung, dramatische Cliffhanger am Kapitelende und drastische Beschreibungen wüster Tatorte. Stattdessen herrscht eine leicht gediegene, aber sehr angenehme Erzählstimme, die einem Vergessen lässt, dass man im Krimi ist und stattdessen die Figuren nicht nur als Krimierfüller, sondern als Charaktere erscheinen lässt.
Der Protagonist Pieter Posthumus kann den Roman tragen. Sympathisch, nicht übermächtig, menschlich und mitfühlend nähert er sich dem Fall – tatsächlich ohne ihn klassisch aufzudecken. Die Nebenfiguren – seine Nichte Merele wie auch die Kollegen und privaten Freunde – bilden eine schöne Ergänzung und erscheinen ebenfalls glaubwürdig und authentisch. Der Fall selbst nähert sich in verschiedenen Handlungssträngen, die erst langsam ihren Zusammenhang entschleiern und zunehmend an Brisanz aufbauen. Für mich realitätsnah, aktuell und glaubwürdig.

Fazit: eine angenehme Abwechslung im Krimigenre, die auf weitere Bände hoffen lässt.

Pete Smith – Endspiel

Kurz vor Ende seiner Dissertation in Geschichte stehend übernimmt Lionel in einem Altenheim die Aufgabe, den Bewohnern Computer und das Internet näher zu bringen. So lernt er Elena Morgenstern kennen, die schon bald mit einer Bitte an ihn herantritt: ob er ihre Lebensgeschichte aufschreiben könne, als Historiker sei er prädestiniert. Er zögert noch, doch bald schon verlieren sich Lionel und seine Freundin Uli in dem schicksalhaften Leben der alten Dame. Als Kind der ostpreußischen Oberschicht im Nazi-Sinne erzogen erlebt sie Flucht, Vertreibung und Kasernierung. Und lernt dann den Mann ihres Lebens kennen – einen Juden – durch dessen Schicksal sie erst zu begreifen beginnt, was sich nach 1939 wirklich in ihrer Heimat abgespielt hat. Die Frankfurter Auschwitz Prozesse machen sie zwar sprachlos, doch dadurch entwickelt sie sich zu einer Sprecherin – wissend, dass nicht alles wieder gut zu machen ist.
Das Buch steigert sich mehr und mehr in die deutsche Geschichte. Der Titel – „Endspiel“ – deutet auf den das Buch durchziehende roten Faden der Fußballweltmeisterschaft 2010 in Südafrika, zu dessen Zeit die Handlung spielt. Wobei der Fußball auch an anderer Stelle eine Rolle spielt, ohne jedoch überbordend zu sein. Als Leitmotiv sehr gut gelungen. Das Cover hingegen, der verlassene Koffer auf den Gleisen, weist auf das andere, schwerwiegendere Thema des Buches, Auschwitz, hin. Eine zunächst verwunderliche Kombination, die jedoch schlichtweg gelingt. Die Leichtigkeit der Weltmeisterschaft und die Schwere der historischen Last sind gelungen verwoben worden.
Die Figuren sind mit den Protagonisten Lionel und Elena stark besetzt. Die Nebenfiguren treten hinter sie, insbesondere hinter Elena, zurück, deren lange Entwicklung nach und nach aufgefächert wird. Ein Beispiel deutscher Geschichte unter vielen, das jedoch facettenreich ist und Brüche aufweist, Fragen nach Schuld und Verziehen aufwirft. Auch die Schilderung des Prozesses – bedrückend und weder trocken noch distanziert.
Fazit: es gibt unzählige Romane, die sich mit dieser schwärzesten Zeit der deutschen Geschichte befassen. Dieser gehört erzählerisch wie auch aufgrund der erzählten Geschichte ganz sicher zu den besten und interessantesten.

Sudhir Venkatesh – Floating City

Sudhir Venkatesh hat als Soziologe die Unterschicht und Unterwelt Chicagos erforscht, bevor er sich in die Metropole New York wagt. Ziel war es die Mechanismen der Dealer, Prostituierten und diverser Verbrecher am Big Apple zu beobachten und zu charakterisieren und mit der legalen Ökonomie zu vergleichen. Bald schon merkt er jedoch, dass sein Vorhaben sich in dieser Weise nicht realisieren lässt, weil ihm schlichtweg der Zugang fehlt. Was am Ende rauskommt ist weniger eine wissenschaftliche Abhandlung über die Schattenwirtschaft als persönliche Porträts und Schicksale, die vermutlich durchaus exemplarisch stehen können. Der Dealer Shine, der ihm berichtet, wie schwer der Zugang zur weißen Oberschicht ist, weil er die Codes nicht beherrscht und die Kommunikation nicht funktioniert. Das Callgirl Carla, die den Aufstieg schaffen könnte, aber ihr soziales Umfeld nicht verlassen möchte. So genannte „Managerinnen“, die betuchte New Yorkerinnen als Escort vermitteln – rein aus Spaß oder aus Unlust klassischen Jobs nachzugehen. Sudhir Venkatesh gleitet durch die Stadt und trifft sie alle und erlaubt dem Leser so ungewöhnliche Einblicke in die Unterwelt.

Das Buch lässt sich schwer einordnen. Ein erzählerisches Sachbuch, das nicht ganz stringent dem Thema folgt, sondern sich windet, im Kreis dreht, plötzliche Verknüpfungen schafft und episodenhaft das Thema darstellt. Die Menschen stehen im Mittelpunkt; viele Verhaltensweisen sind einem aus bürgerlich-deutscher Perspektive schwer nachvollziehbar, vieles ist jedoch auch gerade weil es so fremd ist sehr interessant und informativ zu lesen. Für mich am aufschlussreichsten waren die persönlichen Beziehungen, ohne die im Untergrund nichts läuft. Die Einzelschicksale berühren, aber hier blieb vieles zu vage, um wirklich hinter die Fassade der Menschen blicken zu können.

John Dryden – Pandemic

Pandemic ist Drydens dreiteiliger Audiothriller rund um einen Angriff mit einem hochgradig tödlichen Virus. Teil 1 spielt in der Gegenwart. Der Mikrobiologe Jan Roldano soll in Thailand einen Vortrag halten. Das Rahmenprogramm ist wenig erquickend, er wird an unzählige Orte geführt, nur um später doch bitte zu bestätigen, dass das Land in hervorragendem Zustand ist und die Labore auf internationalem Niveau arbeiten. In seinem Hotel kommt es zu einer sonderbaren Begegnung mit einem anderen Gast, der er jedoch keine weitere Bedeutung zuschreibt. Als man ihn um seine Meinung zu einem mutierten Virus bittet, ist es schon zu spät: das Vogelgrippe Virus ist in neuer aggressiver Form aufgetreten und nur wenige Stunden nach der Infektion kommt es zum Tod. Nicht nur aus Bangkok, sondern weltweit werden innerhalb weniger Stunden unzählige Todesfälle gemeldet.
Der zweite Teil springt fünf Jahre in die Zukunft. Die Weltbevölkerung ist drastisch gesunken, England wurde dank der Insellage nicht so stark in Mitleidenschaft gezogen, wie viele Entwicklungsländer. Als die Polizistin Diane Harper jedoch den Selbstmord eines Wissenschaftlers untersuchen soll, kommt ihr schnell ein böser Verdacht: war die Epidemie gar kein zufälliges Produkt der Natur, sondern geplant und wusste ihre Regierung davon?
Ein Sprung in die Zeit vor der Epidemie fügt die Puzzelsteinchen zusammen und schildert wie eine Gruppe von Umweltaktivisten immer drastischer Maßnahmen wählen, um ihre Interessen durchzusetzen.

Ein clever inszenierter Thriller, der mit den Ängsten der Hörer spielt und eines der erschreckendsten Szenarien fiktiv entstehen lässt. Jeder Teil ist eine in sich abgeschlossene Episode mit unterschiedlichen Figuren, so dass es eine Zeit dauert, bis das Gesamtbild der Dramatik entsteht. Dies macht aber den Unterhaltungswert der Geschichte aus, die Relevanz so mancher zunächst unbedeutender Nebensätze kommt er später zum Tragen. Insgesamt ein düsteres Bild von Menschen, die rücksichtslos ihre eigenen Interessen verfolgen und denen das Leben der anderen reichlich egal ist. Als Szenario insgesamt erschreckend glaubwürdig und vorstellbar. Man kann nur hoffen, dass diese Fiktion im Land der Imagination bleibt.

Louis Begley – Killer, Come Hither

Jack Dana, kriegserfahrener Soldat und erfolgreicher Autor, kehrt nach einer Südamerikareise zurück in die USA und wird von schlechten Nachrichten regelrecht erschlagen. Sein geliebter Onkel hat sich scheinbar das Leben genommen und dessen Sekretärin verunglückte tödlich. Jack hat Zweifel an den Berichten und dass das Testament seines Onkels andere Vorkehrungen vorgesehen hat, die aber von dem Nachlassverwalter ignoriert werden, macht ihn ebenfalls stutzig. Er beginnt zu forschen und trifft auf mehr und mehr Ungereimtheiten bis er schließlich erkennt, dass er es mit zwei perfiden Morden zu tun hat. Er will den Mörder selbst stellen, um Rache zu üben und baut langsam eine Falle für den Mörder auf.

Ein Krimi nach klassischem Muster. Ein zweifelhafter Mord, verdächtige Spuren, der relativ einsame private Ermittler, der sich rächen möchte. Der Plot ist zwar weitgehend glaubwürdig, im Detail vielleicht zu stimmig, wie die Figuren miteinander agieren, aber es fehlen die großen Überraschungen. Der Krimi braucht auch lange, bis er Fahrt aufnimmt und zur eigentlichen Geschichte kommt, die dann aber stringent und zielstrebig verfolgt wird. Insgesamt gute, solide Unterhaltung.

Sarah Elise Bischof – Panthertage

Das Leben gerät aus den Fugen und nichts ist mehr wie es war. Die Diagnose Epilepsie trifft Sarah kurz nach dem Abitur als sie eigentlich frohen Mutes voll ins Leben starten wollte. Ist man nicht unmittelbar mit dieser Krankheit konfrontiert, kann man sich nur ein vages Bild davon machen, was sie bedeutet. Sarah Elise Bischof gewährt uns mit ihrem Buch „Panthertage“ einen Blick hinein in ihr ganz persönliches Reich und öffnet eine Tür zu dem, was aus Scham oder diffusen Ängsten oft ungesagt und verborgen bleibt. Wie verändern sich Beziehungen und Freundschaften, kann man mit dieser Diagnose überhaupt einen Partner finden oder schreckt sie zu sehr ab? Wie stark wirkt ein Anfall nach und wie geht es einem danach, an einem wie die Autorin sie nennt, „Panthertag“? Welches Netz von Unterstützung ist überlebensnotwendig und welche absurden Begegnungen schafft diese Krankheit, wenn man beispielsweise trotz abgeschlossenen Studiums gefragt wird, ob man des Lesens und Schreibens mächtig ist. Sehr persönliche Dinge, unliebsame und beschämende Begegnungen bringt sie zu Papier ohne dabei um Mitleid zu werben. Im Gegenteil, sie nennt Sorgen und Probleme beim Namen, so dass sie dem Leser schlichtweg bewusst werden und ein reales Bild der Epilepsie und ihrer Auswirkungen entsteht.
Man muss der Autorin als Leser danken. Es erfordert viel Courage, so viele sehr persönliche Aspekte von sich preiszugeben, die eher ein Tabu in unserer Gesellschaft sind und über die man nur mit den allerengsten Freunden sprechen würde. Ihr gelingt der Spagat zwischen unterhaltsamer, bisweilen auch humorvollen Erzählung und gleichzeitig der nackten Wahrheit über die Epilepsie, die oft einfach grausam ist. Mehrfach habe ich den Kopf geschüttelt ob der Erlebnisse, bisweilen auch die Luft angehalten, geht es einem doch sehr nahe. Der offene, vertrauensvolle Ton gibt einem das Gefühl als wenn eine gute Freundin erzählen, einem in ihre intimsten Geheimnisse einweihen würde. Möchte man sie zum Trösten manchmal in den Arm nehmen, will man ihr an anderer Stelle bewundernd applaudieren, weil sie sich gegen Widerstände durchsetzt und sich nicht über die Krankheit und die Ignoranz der Umwelt definieren lässt.
Man kann dem Buch wie allen Betroffenen dieser oder auch ähnlicher Erkrankungen nur wünschen, dass es viele Leser findet, die sich emotional darauf einlassen und ihre geglaubte Toleranz nochmals überprüfen. Echte Teilhabe am „normalen“ Leben ist mehr als das Nichtaufbauen von besonderen Hürden.

Fazit: 5 Sterne sind keine Bewertung, die diesem Buch gerecht werden könnte. Ein herzlicher Dank an die Autorin für den Mut, ihr Leben mit uns zu teilen.

Milan Kundera – Das Fest der Bedeutungslosigkeit

Ein philosophisches Buch ohne Handlung. Vier Männer, Freunde, in Paris. Ramon versucht seit Tagen, eine Ausstellung von Chagall zu besuchen, aber immer ist ihm die Schlage vor dem Eingang zu lang, sie scheint sogar von Tag zu Tag noch länger zu werden. Trotzdem kommt er immer wieder. Caliban wartet auf seine nächste Rolle als Schauspieler. Bei kleinen Gelegenheitsjobs, um sich über Wasser zu halten, erfindet er sich neu und übt sich in unterschiedlichen Figuren. Bei einer Feier, wo er im Service arbeitet, begegnet ihm eine interessante Portugiesin. Leider sieht sein Rolle an diesem Abend vor, dass er als Pakistaner nur seine Muttersprache – faktisch ein erfundenes Kauderwelsch – versteht. Charles unterdessen scheint besessen von Stalin und dessen Witzen und seine Welt dreht sich nur um die Hinterlassenschaft des großen Führers – die Welt von Alain hingegen dreht sich um die Bedeutung des Bauchnabels als vierte erogene Zone einer Frau.
Mir hat sich der Roman nicht erschlossen. Nicht so sehr, dass ich die fehlende Handlung vermisst hätte, nein, die Figuren bleiben mir in ihren wundersamen Eigenarten schlichtweg fremd und packen mich in keiner Weise. Ihre Themen bleiben mir ebenfalls fremd und die Faszination, die diese auf sie ausüben, kann ich kaum nachvollziehen; am ehesten vielleicht noch das Bauchnabelproblem, wobei sich das heute eigentlich schon wieder überholt hat. Sehnsüchtig hatte ich etwas Neues von Kundera erwartet, doch er enttäuscht mich. Konnte ich mich in seinen früheren Büchern verlieren, bleibt er mir hier zu distanziert. Den vielgepriesenen Humor konnte ich nicht finden, vielleicht sollte man doch den Titel ernst nehmen und dieses Werk als „bedeutungslos“ betrachten.

Fazit: ganz große Enttäuschung.