Erin Bartels – The Girl Who Could Breathe Under Water

Erin Bartels – The Girl Who Could Breathe Under Water

Novelist Kendra Bennan’s first book That Summer, which was based on her childhood experiences at her grandfather’s cabin on Hidden Lake, was a great success. Yet, the writing for the second does not really advance. The reason is an anonymous letter she got accusing her of not having told the truth in her first novel. Yet, she did write what and how she remembered it all. She returns to the cabin in order to find the necessary calm. However, her plan does not really work, her thoughts centre around the anonymous writer and of course around her childhood friend Cami who has been missing for some time. Only Cami’s brother and their parents are there and Andreas, her German translator, who unexpectedly turned up and moves in with her. Weeks full of tension, of things unsaid that now come to the surface and change Kendra’s view on much more than just that summer.

It is the first book that I read by Erin Bartels, an award winning novelist whom, regrettably, I haven’t noticed before. “The Girl Who Could Breathe Under Water” is a kind of coming-of-age story, it is a mystery and it is a reflection on the connection between fact and fiction, on how much of a writer’s experiences can be found in his writing and to what extent they are allowed to exploit their real life for their work – and the people around them who might recognise themselves or be recognised by others.

“I was lying to myself about why I decided to finally return to Hidden Lake. Which makes perfect sense in hindsight. After all, novelists are liars.”

After the disturbing letter which she simply cannot ignore, Kendra returns to the cabin where she spent her summers, the only time she was carefree. Finishing the novel that is due plays a role but much more importantly for her is finding out what happened that summer of which she has disturbing memories she hasn’t ever been able to overcome. By confronting Cami’s brother, she hopes to elucidate the events. Soon, she has to comprehend that reality is a lot more complex and people have much more complicated and contradictory feelings than she had anticipated. That a lot of secrets are also connected to that place does not make it easier to untangle it all.

“ ’Writing is about making sense of the human condition,’ he said. ‘It’s about communicating truth, which is useful and helpful to people on a far more elemental level than a lot of stuff we think of as necessary to life.’ ”

Apart from the questions of what happened that summer, of how different characters remember the events and of what has brought this strange character of the translator – of whose intentions I was suspicious all the time – to that place, the novel is strongest when it comes to the relationship between fact and fiction. I think it is quite natural that creativity avails itself of experiences, yet, to what extent should a writer actively make use of his or her real life? Changing names and places does not always alter people beyond recognition, so don’t they have the right of their own story? Slowly, this issue becomes more and more crucial to the plot.

Wonderfully written, suspenseful not to the extent of a mystery novel but surely to keep you reading, a great read that I thoroughly enjoyed, first and foremost because it made me ponder a lot even after closing it.

Sandra Cisneros – Das Haus in der Mango Street

Sandra Cisneros – Das Haus in der Mango Street

Esperanza wohnt in der Mango Street in Chicago. Es ist nicht das, was sie als ihr „Zuhause“ betrachten würde, aber das Haus, in dem sie wohnt, befindet sich nun einmal dort. Die Mango Street ist ein wildes Sammelsurium an Menschen, die dort alle gestrandet sind und auf bessere Zeiten hoffen. Esperanza wächst zwischen ihnen und den unterschiedlichen Lebensentwürfen auf, schon früh mit der Absicht, irgendwann einmal als Schriftstellerin mit ihrem eigenen Haus erfolgreich zu sein.

Wie die mexikanisch-amerikanische Autorin Sandra Cisneros bereits im Vorwort ankündigt, handelt es sich nicht um einen Roman im eigentlichen Sinne. Zur Entstehungszeit Anfang der 80er Jahre waren kurze Texte angesagt und so finden sich in „Das Haus in der Mango Street“ 44 kurze Episoden aus dem Lebensalltag Esperanzas, die den realen Erfahrungen der Autorin entlehnt sind. Sie ermöglicht durch ihre Augen einen kurzen Blick in die Leben der Bewohner der Straße, wirft durchaus auch brisante Fragen auf, führt die Geschichten jedoch nie so ganz zu einem Ende.

„Leute, die keine Ahnung haben, kommen ganz verschreckt in unser Viertel. Sie glauben, wir sind gefährlich. Sie glauben, wir gehen mit blitzenden Messern auf sie los. Sie sind Dummköpfe, die sich verirrt haben und nur versehentlich hier gelandet sind. Wir aber haben keine Angst.“

„Das Haus in der Mango Street“ wird vielfach als wichtiges Werk sowohl der Chicano-Literatur wie auch aus feministischer Sicht interpretiert. Cisneros schildert vor allem das Leben der mexikanischen Einwanderer bzw. ihrer Nachfahren, so werden Ehefrauen aus Mexico importiert, die kein Englisch sprechen und dadurch ans Haus gebunden sind, andere hoffen mit dem Umzug in die reichen USA auf ein besseres Leben. Alte Familienstrukturen und vor allem das Verhältnis von Männern und Frauen zueinander wird nicht an die neuen, offeneren gesellschaftlichen Lebensrealitäten angepasst, sondern so wie schon immer fortgesetzt. Man kennt sich im Viertel und weiß, wann etwas zu kommentieren ist und wann auch einfach nicht.

Esperanza ist am Beginn der Pubertät, interessiert sich zunehmend für das Verhältnis zwischen Mädchen und Jungs, sucht selbst aber noch keinen Kontakt. Es steht jedoch außer Frage, dass sie irgendwann einen Freund und dann auch Mann braucht, wenn das nicht einfach so klappt, kann man immer noch zur Zauberhexe gehen, die dann Abhilfe weiß.

Die kurzen Episoden lassen durchscheinen, dass das Leben in der Mango Street nicht einfach, vielfach auch von Gewalt geprägt ist und doch alle ihre Träume von einem besseren Leben hegen – oder sie hoffen dies zumindest für ihre Kinder. Insbesondere für die Frauen wird es aber beim Traum bleiben, denn ihre Lebenswege sind vorgezeichnet und sehr begrenzt. So sehr sich auch Esperanza wünscht ausbrechen zu können, ist ihr schon als Mädchen bewusst, dass sie nicht alles einfach wird hinter sich lassen können, sondern dass sie auch davon geprägt wird, in dem, wie sie die Welt sieht.

Durch die Stimme des jungen Mädchens kann Cisneros die sozialkritischen Themen etwas abmildern, da sie mit einer gewissen Naivität und Unwissenheit präsentiert werden. Präsent sind sie dennoch und machen den Roman dadurch durchaus auch zu einer Anklage. Dies wird allein dadurch deutlich, dass er zu den Jugendromanen zählt, die regelmäßig auf den Verbannungslisten erscheinen, die Mitglieder der weißen Oberschicht an die US-amerikanischen Schulen und Bibliotheken herantragen.

Kacen Callender – Felix Ever After

Kacen Callender – Felix Ever After

Schon als kleiner Junge wusste Felix Love, dass irgendetwas sich komisch anfühlt. Er wollte nicht mit den Mädchen spielen, keine Kleider tragen, sondern lieber mit den Jungs toben. Als er sich in einem Buch wiedererkennt, versteht er, dass er transgender ist. Sein Vater, mit dem er alleine in Harlem lebt, nachdem seine Mutter sie verlassen hat, ermöglicht ihm die Transition und dank des Umzugs ist ein Neuanfang als Junge möglich. In seiner Schule geht er offen damit um, was für die Mitschüler kein Problem zu sein scheint, bis er transphobe Nachrichten bekommt und sein Deadname zusammen mit einem alten Bild von ihm veröffentlicht wird. Eigentlich will der 17-Jährige sich doch nur verlieben und seine Kunstmappe für die Bewerbung an der Uni vorbereiten, doch jetzt muss er herausfinden, wer ihn in immer stärkerem Maße mobbt und keineswegs so aufgeschlossen ist, wie Felix es von allen dachte.

Kacen Callenders Roman ist stark von den persönlichen Erfahrungen der Autorin geprägt. Sie identifiziert sich als trans und queer und bevorzugt im Englischen die Pronomen they/them. Der Roman wurde mit dem „Stonewall Children’s and Young Adult Literature“ ausgezeichnet, der herausragende Bücher ehrt, die LGBTIQ+ Erfahrungen literarisch umsetzen. „Felix Ever After“ beschreibt sehr eingängig, wie Felix seine Identität sucht und gleichzeitig, welche Erlebnisse der Jugendliche in einer vermeintlich offenen Gesellschaft macht, in der Pride Parades als Happening gefeiert werden, wo aber im Alltag genauso rassistische wie LGBTIQ+ feindliche Aussagen und Handlungen an der Tagesordnung sind.

Was mir besonders gefallen hat, war, dass die Geschichte verdeutlicht, dass der Protagonist ein völlig normaler Jugendlicher ist, der sich verlieben möchte, den typischen Schulalltag erlebt und sich Sorgen um seine Zukunft macht. Er unterscheidet sich in dieser Hinsicht in keiner Weise von allen anderen Gleichaltrigen, was häufig vergessen wird, wenn diese Gruppe auf das Geschlecht bzw. die Geschlechtsidentität reduziert wird. Er ist sich unsicher, was seine Gefühle angeht, wünscht sich nichts mehr als den emotionalen Rausch und die großen Gefühle, die er bei anderen beobachtet.

Dennoch ist er anders, denn nicht jeder wird mit solchen Angriffen konfrontiert und Kacen Callender zeigt auch gut nachvollziehbar, dass trotz der Transition die Suche nach der Identität, nach einem passenden Label – gibt es das überhaupt? – nicht abgeschlossen ist, sondern weiterhin Fragen und Unsicherheiten bleiben. Felix geht offen mit seiner Situation um, was ihn angreifbar macht. Im Inneren ist er aber nicht der laute, selbstbewusste Junge, sondern voller Zweifel, die er schließlich schafft künstlerisch umzusetzen und nach außen zu kehren.

Ein gelungener Roman für Leser, die sich der Thematik annähern und diese besser verstehen lernen wollen, aber genauso sicherlich auch für junge Leser, die womöglich auf der Suche nach Vorbildern sind oder hier eine Antwort auf das finden können, was sie womöglich fühlen, aber nicht einordnen können.

Juno Dawson – Meat Market

Juno Dawson – Meat Market

Die 16-jährige Jana Novak wird in einem Londoner Park von einem Modelscout angesprochen. Sie kann erst gar nicht glauben, dass das sein Ernst sein soll, ist sie doch ihr Leben lang schon aufgrund ihrer Größe dem Spott der Mitschüler ausgesetzt. Über Nacht wird das Mädchen zum Superstar der Modelszene, alle reißen sich um das außergewöhnliche neue Gesicht. Sie fliegt um die Welt, lernt berühmte Schauspieler und Models kennen und begegnet sich selbst auf Werbeplakaten auf den meistbesuchten Plätzen der Metropolen. Doch bald wird ihr auch die Schattenseite der Branche bewusst, sie ist kaum mehr zu Hause, der Kontakt zu ihren Freunden wird immer schwieriger und die Erschöpfung von viel Arbeit, viel Party und kaum ordentlicher Nahrung hinterlässt auch ihre Spuren. Glücklicherweise haben ihre Kolleginnen Mittel und Wege gefunden, damit umzugehen und versorgen auch Jana mit den kleinen Glückspillen. Doch der wirkliche Tiefpunkt steht ihr erst noch bevor…

Die Jugendbuchautorin Juno Dawson greift in ihren Geschichten genau jene Themen auf, die die Zielgruppe bewegen und denen sie oftmals eher leichtgläubig begegnen. Ihr gelingt dabei der schmale Grat zwischen erhobenem Zeigefinger und Unterhaltung und auch mit „Meat Market“ schafft sie es, den Mythos des schönen Scheins der Modewelt kräftig anzukratzen, ohne dabei wie die meckernde, besserwissende Mutti daherzukommen. Ihre Protagonistin wirkt authentisch in ihren Gedanken und auch wenn das Ende für meinen Geschmack übers Ziel hinausschießt, kann der Roman mit seiner Message doch überzeugen.

Janas Aufstieg verläuft katapultartig, heute noch Schülerin, morgen schon begehrtes Supermodel. Gedanklich kommt das Vorstadtmädchen kaum hinterher, immer noch empfindet sie sich als nicht anders als ihre Freunde, mit denen sie gerade noch die Schulbank gedrückt hat. Sie wird von einem Tsunami erfasst und in eine fremde Welt geschleudert. Gerade die Darstellung dessen, wie sie versucht, noch an dem alten Leben festzuhalten und wie doch unübersehbare Risse entstehen und sie sich zunehmend entfremdet, ist der Autorin hervorragend gelungen.

Auch wenn ich die Darstellung der Modelwelt grundsätzlich glaubhaft finde – totale Überhöhung neuer Gesichter, permanenter Druck auf die jungen Mädchen abzunehmen, versiffte Modelwohnungen, unglaubliche Summen für Fotoshootings, leichtfertiger Drogen- und Tablettenkonsum um das hohe Tempo der Branche auszuhalten – war einiges doch auch eher klischeehaft überzeichnet. Die osteuropäischen Mädchen, die sich neben dem Modeln in der Oberschicht regelrecht prostituieren, um mehr Geld zu verdienen, die eine gute Freundin in der Branche, die am Ende alles rettet und zum dem großen Sieg gegen die dunklen Mächte der Branche verhilft – das war etwas zu einfach aus meiner Sicht und verleitet zum dem Irrglauben, dass jedes kleine und naive Mädchen selbstverständlich ganz Großes bewirken kann.

Trotz der Schwächen ein lesenswerter und unterhaltsamer Roman, der es auch schaffen wird, das eine oder andere etwas verrückte Bild der Topmodel-Welt wieder geradezurücken.

Vendela Vida – We Run the Tides

Vendela Vida – We Run the Tides

It’s the middle of the 80s and San Francisco hasn’t turned into the tech/IT hotspot it is today. Teenager Eulabee grows up in a more well-off part close to the beach and attends an expensive all-girls school with her best friends Maria Fabiola. The girls are still somewhere between being kids and becoming visibly female and with this transformation also come the problems. Maria Fabiola is the first to attract attention from the opposite sex, but her radiant appearance also charms women which is why she gets away with almost everything. Eulabee is far from being that self-confident and therefore sticks to the truth what leads to her being excluded from the girl circles of her school. When Maria Fabiola vanishes, the whole community is alarmed, but Eulabee from the start does not believe in a kidnapping, she has known Maria Fabiola for too long and is well aware of her former friend’s greed for attention.

Vendela Vida still isn’t as renowned as her husband Dave Eggers even though she has published several books by now and has won the Kate Chopin Award. I found her last novel “The Diver’s Clothes Lie Empty” quite exceptional in the choice of perspective and therefore was eager to read her latest novel “We Run the Tides”. This time, she goes back in time and has chosen teenage girls as protagonists. The story is told from Eulabee’s perspective and captures well the mixed emotions a girl goes through when becoming a woman. Also the ambiance of the 1980s is convincingly depicted.

The most central aspect of the novel is surely the friendship between Eulabee and Maria Fabiola and its shift when one of the girls develops a bit quicker than the other. Maria Fabiola is well aware of the effect she has on other people and uses this for her own advantage. Eulabee, in contrast, is still much more a girl, insecure in how to behave and what to do about the situation. She does not fight but accept what’s happening. Her first attempts of approaching boys seem to be successful but end up in total disappointment. She is a close observer and can well interpret the relationships she sees, between her parents, her mother and her sister and also the other girls and teachers at her school. Without any doubt she is a likeable character and treated highly unfairly. But that’s how kids behave at times.

I liked how the plot developed and how the vanishing of the girls turned out quite unexpectedly. Yet, I didn’t fully understand why the author has chosen to add another chapter set in the present. For me, the story was perfectly told at a certain point and admittedly, neither was I really interested in Eulabee’s later life nor in another encounter of the two women as grown-ups. Still, I do not really know what to make of Maria Fabiola when they meet for the first time decades later.

To sum up, wonderfully narrated, a great coming-of-age story with a strong protagonist.

Mary Adkins – Privilege

Mary Adkins – Privilege

Carter University – Harvard des Südens. Dort treffen ganz unterschiedliche Menschen aufeinander. Annie Stoddard will dort endlich eine normale Studentin sein, nach einem Unfall waren ihre Beine durch Narben entstellt, was inzwischen durch eine OP optisch korrigiert werden konnte. Bea Powers will sich von den Fußspuren ihrer über-erfolgreichen Mutter lösen und hat daher Strafrecht als Fach gewählt, sie will die Welt besser machen und jene verteidigen, denen niemand beisteht. Stayja York würde auch gerne studieren, aber sie uns ihre kranke Mutter kommen kaum über die Runden, weshalb sie als Barista jobbt und nur einzelne Kurse belegen kann. Als Annie nach einer Verbindungsparty den angesehenen Studentensprecher Tyler der Vergewaltigung beschuldigt, kreuzen sich die Wege der jungen Frauen unerwartet. Und alle drei müssen lernen, dass nicht Gerechtigkeit und Wahrheit entscheiden, sondern die Summen, die Eltern bereit sind, für ihre Kinder in die Hand zu nehmen. Mit dem falschen Background kann man so schnell doppelt zum Opfer werden.

Mary Adkins hat einerseits eine recht typische Campus-Novel geschrieben, in der das Leben an der Universität im Fokus steht: die Orientierung in der neuen Welt, große und kleine Sorgen des Studentenalltags und letztlich auch das Erwachsenwerden durch die ersten Schritte ohne die Eltern. Viel mehr noch rückt jedoch bald die US-amerikanische Gesellschaft mit ganz aktuellen Problemen in den Fokus.

Stayja ist leistungswillig und intelligent, aber die fehlenden finanziellen Mittel verhindern, dass sie studieren und damit ihrem sozialen Milieu entfliehen kann. Immer wieder neue Steine werden ihr in den Weg gelegt, die sie an den Rand der Verzweiflung bringen. Ihre Jobsituation ist prekär und schnell droht der Rausschmiss bei kleinsten Fehlern. Die Studierenden, die sie bedient, sehen sie gar nicht oder sehen auf sie herab.

Bea ist behütet in teuren Privatschulen an der Ostküste aufgewachsen, muss aber in Carter erkennen, dass sie mit ihrer dunklen Hautfarbe schnell kriminalisiert wird. Zunehmend realisiert sie, wie sehr Vorurteile das Strafmaß entscheidend bestimmen und wie so junge Leben zerstört werden, während andere Verbrecher ungestraft davonkommen. Auch in ihrem Studienprogramm wird ihr schmerzlich bewusst, wie die Gunst des angesehenen Professors verteilt wird: nicht der scharfe Verstand, sondern das Aussehen und die Bereitschaft ihn auf Reisen (und mehr) zu begleiten, sind entscheidend.

Annie ist durch ihre Narben immer schon zum Opfer stilisiert worden und ihr Aussehen gerät direkt in den Mittelpunkt in der sehr auf die Optik ausgerichteten Gesellschaft. Es ist zwar nicht so, dass man ihr ihre Vergewaltigungsvorwürfe nicht glauben würde, aber sie richtet sie schlichtweg gegen den falschen. Tyler stammt aus einer Familie mit Macht, die ungewünschte Stimmen zum Verstummen bringen kann und so erlebt sie statt Unterstützung weitere Repressalien, was unweigerlich dazu führt, dass sie immer mehr in einer Depression versinkt.

Überzeugend ausgearbeitete Figuren, deren jeweilige Geschichten clever miteinander verbunden werden. Viele aktuelle gesellschaftliche Fragen werden aufgeworfen, die einem als Leser zum Nachdenken bringen und einem auch vor das Rätsel stellt, ob Ähnliches sich hierzulande in ähnlicher Weise zutragen könnte.

Courtney Summers – The Project

Courtney Summer – The Project

Lo Denham has lost her parents in a car accident in which she herself was also seriously injured and which marked her with a scar for life. Her sister Bea, six years her senior, is the last bit of family she has, but she has not been able to contact her for months. It must be The Unity Project’s fault, the sect Bea joined when she couldn’t make sense of the loss she experienced anymore. When a man claims that The Unity Project killed his son, Lo decides to take a closer look and to get nearer to the charismatic leader Lev Warren with the aim to expose the group’s doings in the magazine she works for. However, Lo is not prepared for the experiences she makes there.

Courtney Summers narrates the story from different points of view at different points in time, thus we get both sisters’ perspective on the highly emotional events in their lives. This also creates a lot of suspense since from the beginning, there are gaps which need to be filled to make sense. It also underlines the different characters of Lo and Bea which, nevertheless, does not hinder them from being fascinated by the same man.

The crucial point is most definitely the psychological impact a major tragic event such as the loss of the parents can have on young persons. Coming to grips with such a stroke of fate which does not make sense and is hard to understand is not only very hard but also makes people fragile and prone to others who are eager to exploit their situation. The leader of the group is surely an interesting character, it is easy to see how he manages to win people for his project and how he can make them follow him blindly. In this way, the novel also cleverly portrays the mechanism which work behind sects and which make it difficult to immediately see through them and more importantly to leave them.

I thoroughly enjoyed the novel due to the multifaceted characters and the message beyond the suspenseful and entertaining plot.

Karen M. McManus – The Cousins

Karen M. McManus – The Cousins

Twenty-five years ago, their parents were disowned by their grandmother Mildred. The four Story children Adam, Allison, Archer and Anders only got a letter saying that they knew what they had done. Unfortunately, they didn’t and haven’t been in contact with their mother who still lives on the family estate Catmint House on Gull Cove Island off the coast of Massachusetts which has been turned into a successful vacation destination for the rich. Unexpectedly, Milly, Aubrey and Jonah, Mildred’s grandchildren who have not seen each other for years, are invited to spend the summer there and to get to know their granny. Has the old lady finally changed her mind? Not really, but this is only one of the many, well buried family secrets of the Storys.

I liked Karen McManus’ former young adult novels a lot since she knows how to create suspense without being actually violent and because her characters are often teenagers one can easily identify with since they show the same fears and insecurities every knows. “The Cousins” offers an interesting setting and much more twists and turns than expected and thus was an enjoyable read.

The story is told alternatingly from the three teenagers’ point of view thus giving insight not only in their thoughts but also in the secrets they hide from each other. It also adds to the fast pace and at times gives you an advance since you already know what’s coming when the characters in the novel are still in the dark.

There are also flashbacks in which we meet their parents when they were teenagers which is quite an interesting comparison and also provides the necessary background to understand the behaviour of the characters on the island.

Overall, I totally enjoyed the novel which had an unforeseeable ending and some fascinating characters.

Louise O’Neill – Asking for it [dt. Du wolltest es doch]

Louise O’Neill – Asking for it

Emma O’Donovan hat trotz ihrer erst 18 Jahre ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein. Sie weiß, dass sie die Hübscheste ist, auf jeden Fall hübscher und begehrenswerter als ihre Freundinnen. Dank des Einkommens des Vaters, einem angesehenen Bankdirektor, kann ihre Familie auch ein finanziell entspanntes Leben führen, auch wenn andere in der Kleinstadt noch etwas vermögender sind, aber damit können sich die Töchter auch nur begrenzt Aussehen und Bewunderung erkaufen. Nach einer Party wacht Emma eines Nachmittags auf der Veranda auf, völlig benebelt und ohne jede Erinnerung an das, was am Abend zuvor geschehen ist. Doch es dauert nicht lange, bis sie auf den Social-Media-Kanälen alles dokumentiert findet: offenbar hat sie sich gleich mit mehreren Männern eingelassen, die alles dokumentiert haben. Emmas Ruf ist ruiniert, doch bald steht auch die Frage im Raum, ob sie all dem überhaupt zugestimmt hat.

Louise O’Neill lässt erst gar keine Zweifel aufkommen: ihre Protagonistin ist eine furchtbare Figur, der man bald schon nur das Schlimmste wünscht. Aber gleich sowas? Geschickt spielt sie mit den Emotionen der Leser, es fällt einem schwer, Mitleid zu empfinden für jemand, der sich derart verlogen und rücksichtslos auch gegenüber vermeintlichen Freundinnen verhält. Ihr Charakter ist geprägt von einem ausufernden Egoismus und Egozentrik, liebenswert ist kaum etwas an ihr.

Auch an dem Abend, der zu dem entscheidenden Ereignis führt, verhält sie sich nach gewohnten Mustern und manövriert sich selbst leichtsinnigerweise in diese Situation. Doch ist sie schuld an dem, was man ihr antut? Und sind die darauffolgenden Reaktionen des Umfeldes gerechtfertigt? Die ganze Familie erfährt Verachtung und Ausgrenzung, beschuldigt sie doch angesehene Jungs der Gemeinschaft und Emmas Verhalten ist hinlänglich bekannt. Es folgt der psychische Niedergang aller, eine logische Konsequenz, die jedoch faktisch die Opfer doppelt bestraft.

Man kommt als Leser emotional nicht ganz aus der Zwickmühle heraus. Manche Aspekte sind klar, die „boys will be boys“ Kultur, das Wegsehen und Leugnen offenkundiger Gewalttaten, doch gerade die Tatsache, dass die Opferperspektive nicht so eindeutig den Unschuldstouch hat, macht es einem schwer, Emma als das zu sehen, was sie ist und das Ereignis von ihrem Charakter und der Vorgeschichte zu lösen. Ein aufwühlender, aber lesenswerter Roman mit zudem unerwarteten Ende.

Nina LaCour – We Are Okay [dt. Alles okay]

nin lacour we are okay
Nina LaCour – We Are Okay

Winterferien an ihrem College in New York, doch im Gegensatz zu allen anderen bleibt Marin auch über die freien Tage im Studentenwohnheim, auch wenn sie dort ganz alleine sein wird. Nur ihre Schulfreundin Mabel wird sie für wenige Tage besuchen kommen. Sie haben sich seit Marins überstürzter Flucht aus San Francisco im Sommer nicht mehr gesehen und offenbar möchte Mabel wissen, was damals geschah und weshalb ihre beste Freundin für Wochen völlig vom Erdboden verschwunden war. Die erste Begegnung fühlt sich komisch an, das vertraute Zusammensein stellt sich einfach nicht ein, bis Marin schließlich beginnt zu erzählen. Sie erinnern sich an ihre gemeinsamen letzten Monate in der Schule und den Sommer, der so vielversprechend begann, dann aber ein schreckliches Ende nahm, das Marin immer noch nicht verarbeitet hat.

Nina LaCour gelingt es, einem als Leser sofort in die Geschichte hineinzuziehen. Die Kälte des Wintersturms, die Einsamkeit im Wohnheim, es braucht nie viel, um eine ganz besondere, fragile Atmosphäre zu schaffen, die nur darauf wartet, sich durch das Aussprechen der Ereignisse des letzten Sommers entweder zu lösen oder die Protagonistinnen in den finalen Abgrund zu stürzen. Diese Spannung, nicht zu wissen, welches Ende die Erzählung nehmen wird, hält sich durch die Geschichte und lässt einem dieses wundervolle Gefühl von bitterer Süße empfinden, die sowohl anzieht wie auch abschreckt.

Das Setting bietet den perfekten Rahmen für ein emotionsgeladenes Buch, dass jedoch fernab von Kitsch oder übertriebener Gefühlsduselei ist. Zusammen mit Marin durchwandert man nochmals die unheilvollen Momente und kann die Einsamkeit, die sie empfunden haben muss, kaum von sich fernhalten. Ihren Vater kennt sie nicht, die Mutter starb als sie noch ein Kleinkind war und so blieb nur der Großvater, der sie bedingungslos liebte, aber auch seine dunklen, verborgenen Seiten hatte, die sich schlagartig öffnen und vieles in einem anderen Licht erscheinen lassen.

Ein Buch über Trauer, Zuneigung, Freundschaft und das erwachsen und unabhängig Werden, mit all seinen leichten Momenten und den schweren. Die melancholische Stimmung passt hervorragend zu den Protagonistinnen und den Ereignissen, die in ihren Köpfen Kreise drehen.