Rebecca Makkai – Die Optimisten

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Rebecca Makkai – Die Optimisten

„Sie hatte so viele Schuldgefühle, wenn sie an ihre Freunde zurückdachte – sie wünschte, sie hätte einige von ihnen überredet, sich früher testen zu lassen, wünschte, sie könnte die Zeit zurückdrehen (…)“

 2015, Fiona sucht nach ihrer Tochter, schon seit Jahren hatte sie keinen Kontakt mehr zu ihr, jetzt gibt es Hinweise darauf, dass sie sich in Paris aufhalten könnte. Während der Suche quartiert sie sich bei ihren alten Freunden ein, die sie schon in den 80er Jahren kannte, als es in Chicago eine Gruppe von jungen Künstlern gab, vorwiegend Männer und schwul, die nicht nur die Liebe zur Kunst teilten, sondern auch die Angst vor dem noch unbekannten, todbringenden Virus, der nach und nach den Kreis der Freunde dezimierte, unter anderem auch Fionas Bruder Nico und ihren guten Freund Yale. Zwischen Erinnerungen an die damalige Zeit und der Nachforschungen nach Claire muss sich Fiona der Frage stellen, was sie in ihrem Leben richtig und falsch gemacht hat und vor allem, wie sie die Verbindung zu ihrer eigenen Tochter verlieren konnte.

Rebecca Makkais dritter Roman gehörte 2018 zu einem der erfolgreichsten Bücher des Jahres und war unter anderem Finalist für den Pulitzer Prize in der Kategorie Fiction. Es ist eine berauschende Geschichte, die voller Leben und voller Leben in Angst vor dem Tod ist. Viele Figuren existieren nur noch in der Erinnerung und gleichzeitig fällt es jenen, die zeitgleich leben schwer, zueinander zu finden. Auf mehreren Ebenen angesiedelt – 2015 sucht Fiona nach ihrer Tochter in Paris, 1985 lebt die Kunst-Clique in Chicago, Nora erinnert sich an die Zeit der 1920er in Paris im Kreis der großen Maler und Autoren – zeigen sich wiederkehrende Verhaltensweisen und das Leben in Angst wird gespiegelt. Das verbindende Element ist fraglos die Kunst, denn diese überdauert und kann gestern wie heute Emotionen auslösen, Momente konservieren und vergessene Episoden wieder aus den Tiefen des Gedächtnisses hervorbringen.

Sowohl die Nachwehen des 1. Weltkrieges wie auch die Anschläge auf das Bataclan 2015 sind nur die Leinwand, auf der die Handlung und das Lebensgefühl gezeichnet werden. Sie verschwinden unter dem Leben der Figuren, verblassen und bilden nur mehr einen Schatten. Ganz anders sieht die Bedrohung durch das noch unbekannte und damit unkontrollierbare AIDS Virus der 1980er Jahre aus.  Dieses lässt sich nicht verdrängen oder übermalen, geradezu übermächtig bestimmt es immer wieder die Gedankenwelt der Figuren und lässt sich nur kurz vergessen, um zu leben.

Eine ausdrucksstarke Erzählung, die mich stark an Donna Tartt oder auch Paul Auster erinnert. „Die Optimisten“ steht durch und durch in der Tradition der Great American Novel, denn Makkai fängt überzeugend den Geist und das Lebensgefühl der 80er Jahre Kunstszene ein. Zwischen einerseits großer Begeisterung für die Malerei oder auch Fotografie und Film und andererseits der lähmenden Angst vor der unheilbaren Immunschwäche, liefern sich Leben und Sterben einen Wettkampf, der jedoch das irdische Dasein überdauert und sowohl in den Werken, der Erinnerung wie auch in den Nachkommen letztlich fortbesteht.

Vielschichtig und komplex, dabei wunderbar erzählt – ein Buch, das tief bewegt.

Cathrine McKenzie – The Good Liar

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Catherine McKenzie – The Good Liar

Later, the incident would be called “Triple Ten” – on 10th October at 10 o’clock a Chicago office building is ripped apart by an explosion killing more than 500 people. Cecily becomes the picture of the tragedy because a photograph of her staring at the building in disbelieve was taken as the most striking image to visualize the people’s feeling. She lost her husband in the tragedy, and now she and her two kids are alone. But why was she there, at all, at her husband’s work place, at that time of the day? Another woman’s life is also altered by the event, but Kate has seen it as a chance – and seized it to escape her old life and to leave the country. Now, she is in Canada, observing from across the border what happens at her former home, the place where her husband and her children mourn her death. But a couple of months after the events, things take a different turn and this brings both of them back to the day of the tragedy – and back to the lies they told.

“The Good Liar” is a cleverly constructed mystery novel centred around three women. At the first glance, they seem to be the average wife with an ordinary life. But as soon as you get to look under the surface, you stare into an abyss of lies, of fraud and betrayal. None of them is the pitiable victim, they all contributed to their fate – but who of them is really evil and who just acted out of desperation?

The many twists and turns make you assess the situation anew over and over again. It takes some time to understand the links between the three and then you eagerly start to develop your theories about what had happened before. For some of the characters, this is a bit foreseeable, for others it isn’t and that’s what I liked best.

Catherine McKenzie is a brilliant writer who knows exactly how to pace her story which keeps you read on and on and on to find out what happened actually. And at the same time, you are always asking yourself: what would I have done in her place? A perfect psychological thriller which does not offer any easy black-and-white explanations but points out the different shades of grey.

J.D. Barker – The Fourth Monkey

The Fourth MonkeyGeboren um zu toeten von JD Barker
J.D. Barker – The Fourth Monkey

Immer dasselbe Muster: erst das Ohr des Opfers, dann die Zunge, dann die Leiche. Und immer soll ein naher Verwandter damit betraft werden, denn dieser hat etwas Böses getan. Seit Jahren jagt Sam Porter den sogenannten Four Monkey Killer, der Chicago in Angst und Schrecken versetzt. Doch nun scheint das Schicksal auf Seiten der Ermittler zu sein, denn beim Ausliefern des Ohres eines vermissten Mädchens wird der Bote überfahren; bei sich hat er auch das Tagebuch des Killers. Doch schnell müssen Porter und sein Team feststellen, dass der Tote nicht der gesuchte Serientäter sein kann. Sie ahnen jedoch nicht, dass dieser ein perfides Spiel für seine Jäger vorbereitet hat, sie sind zu sehr mit dem Fall beschäftigt, um diese Option in Betracht zu ziehen und bringen sich damit selbst in höchste Gefahr.

J.D. Barkers Thriller „The Fourth Monkey“ lässt keine Wünsche offen, die man an einen spannenden und nervenzehrenden Fall stellen könnte: Eine komplexe Story, deren Einzelteile sich erst langsam zusammenfügen und schließlich einen clever konstruierten Plot ergeben. Ein zunehmend hohes Tempo der Handlung. Teilweise grenzwertig brutale Szenen, die jedoch sehr deutlich schildern, wie weit der menschliche Abgrund reicht und wozu Psychopaten fähig sind. Dies lässt einem nur umso mehr Sorge um das bedauernswerte Opfer haben. Dazu ein vielschichtiger Ermittler, der mit seinem Privatleben zu kämpfen hat und dadurch weitere Facetten jenseits der Ermittlungsarbeit erhält.

Bereits sein erster Roman wurde begeistert aufgenommen und für den Bram Stoker Award nominiert. Der Thriller um den Four Monkey Killer ist J.D. Barkers zweiter Wurf, der den Leser sofort packt und der geschickt sie Spannung so platziert – zahlreiche Cliffhanger nicht nur zwischen den Kapiteln, sondern auch am Ende des Buchs, was geradezu nach einer Fortsetzung schreit – dass man den Roman schlichtweg nicht weglegen kann. Dass die Filmrechte bereits verkauft sind, wundert dabei auch nur wenig.

 

Ein Dank geht an das Bloggerportal für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zu Titel und Autor finden sich auf der Verlagsseite von Random House.

Mary Kubica – Don’t you cry

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Mary Kubica – Don’t you cry

Als Quinn eines morgens in das Zimmer ihrer Mitbewohnerin Esther kommt, findet sie den Raum verwaist, das Fenster aber weit geöffnet. Sie wundert sich, ist jedoch noch nicht direkt beunruhigt. Als sie dann jedoch einen seltsamen Brief findet, aus Esthers Unterlagen entnehmen kann, dass diese ihren Namen ändern wollte und offenbar eine Anzeige für eine neue Mitbewohnerin geschaltet hat, fragt Quinn sich jedoch schon, wie gut sie Esther tatsächlich kannte. Sie beginnt tiefer zu forschen und mit jeder neuen Entdeckung steigert sich Quinns Angst, dass Esther etwas Schlimmes zugestoßen sein könnte oder diese selbst etwas Schlimmes plant. Aber nicht nur Ester ist in Gefahr, mit ihren Fragen gefährdet Quinn sich selbst ebenfalls.

Mary Kubicas neuester Thriller spielt mit der Frage, was wir vor anderen verheimlichen und wieviel wir bereit sind, über uns selbst preiszugeben, was unwillkürlich irgendwann zu notwendigen Offenbarungen führen muss. Die Hauptgeschichte um Quinn, die versucht die Geheimnisse ihrer Mitbewohnerin zu ergründen dient hierbei als geschicktes Mittel, um immer wieder Verunsicherung zu schaffen und die Protagonistin nackter Angst auszusetzen. Parallel dazu verläuft ein zweiter Handlungsstrang, dessen Funktion sich jedoch erst spät erschließt. Zunächst scheinen die beiden völlig unverbunden und auch im Ansatz völlig verschieden, denn im ländlichen Michigan hadert ein junger Mann mit dem Schicksal seiner Familienkonstellation, was eher traurige denn spannende Momente bietet.

Interessanterweise wird das Buch in Deutschland unter dem Label „Thriller“ vermarktet, im englischsprachigen Raum jedoch als „novel“ klassifiziert. Die Ausgangsfrage um das Schicksal Esthers und die Erklärung für all die Mosaiksteinchen ihres Lebens bieten durchaus eine gewisse Spannung und können das Buch tragen, ein besonders hoher Psychothrill war für mich jedoch nicht zu erkennen. Das qualifiziert das Buch in keiner Weise ab, es ist unterhaltsam zu lesen und man fiebert schon mit der Protagonistin mit, jedoch werden hier gegebenenfalls durch die Zuordnung Erwartungen geweckt, die der Roman für mein Empfinden nicht halten kann.

Alles in allem, für mich ein kurzweiliger Roman, der eher auf Spannung als auf tiefere Charakterstudien setzt und damit auch durchaus fesseln kann.