Jo Walton – Among Others

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Jo Walton – Among Others

Nachdem ihr Großvater, bei dem sie zuletzt lebte, einen Schlaganfall hatte, wird die 15-jährige Morganna, genannt Mori, zu ihrem Vater Daniel geschickt, den sie bis dato gar nicht kannte. Er und seine drei Halbschwestern entscheiden schnell, dass das Mädchen auf das Internat geschickt werden soll, das auch schon die Schwestern besucht hatten. Dort hält sie in einem Tagebuch ihre Erlebnisse fest. Sie ist anders als die Töchter reicher Eltern, hatte sie doch bis dato im ländlichen Wales gelebt, auch ihre Liebe zu Büchern, insbesondere Science-Fiction Romanen, kann sie mit niemandem teilen. Ebenso wenig die Tatsache, dass Magie einen wichtigen Platz in ihrem Leben einnimmt, die war es nämlich, die sie vor der bösen Mutter gerettet hat und was zu dem Unfall führte, bei dem ihre Zwillingsschwester Morwenna, ebenfalls Mori genannt, ums Leben kam und sie selbst an Hüfte und Bein schwer verletzt wurde. Mori lebt in ihrer eigenen Welt und der der Bücher, die sie in die Schulbibliothek, aber auch jene des kleinen Örtchens führen und unerwartet doch noch Seelenverwandte finden lassen.

Jo Waltons Roman, deutscher Titel: „In einer anderen Welt“, gewannt 2012 den Nebula Award, den Hugo Award sowie den British Fantasy Award als bestes Buch des Jahres. Für mich persönlich eine etwas irritierende Einordnung, denn ich hätte den Roman keineswegs als Fantasyroman bezeichnet, denn die Welt, in der Mori lebt, ist das typische Großbritannien des Jahres 1979. Lediglich ihr Glaube an Magie und Feen, mit denen sie sich auch unterhält, hebt sie von den anderen Jugendlichen ab. So wie Walton dies darstellt, hätte ich das Buch eher als magischen Realismus eingeordnet, vor allem, da immer wieder die Grenze zwischen psychisch gesund und krank verschwimmt und das Mädchen gerade hochtraumatische Erlebnisse hinter sich gebracht hat und völlig aus dem bekannten Leben geworfen wurde.

There are some awful things in the world, it’s true, but there are also some great books. When I grow up I would like to write something that someone could read sitting on a bench on a day that isn’t all that warm and they could sit reading it and totally forget where they were or what time it was so that they were more inside the book than inside their own head.

Trauer, Verlust, Ängste unterschiedlicher Art, fieses Mobbing, Umgehen mit einer sichtbaren Behinderung – Mori hat ein ordentliches Päckchen zu tragen und offenbar niemand, dem sie sich anvertrauen kann. Es bleibt ihr nur die Flucht in die Welt der Bücher, die ihr Sicherheit gibt und das reale Leben vergessen lässt.

Reading it is like being there. It’s like finding a magic spring in a desert. It has everything. (…) It is an oasis for the soul. Even now I can always retreat into Middle Earth and be happy. How can you compare anything to that?

Durch das Lesen, die Menschen, die sie in ihrem Buchclub kennenlernt und die langsame Annäherung an ihren Vater und den Großvater, findet sie zurück ins Leben. Es gibt immer noch Momente, die sie emotional überfordern und in denen sie sich von magischen Kräften bedroht fühlt – durch die eigene Mutter, die drei seltsamen Tanten – zunehmend gelingt es ihr aber auch, die Kontrolle darüber zu gewinnen.

Durchaus ein recht typischer coming-of-age Roman, der jedoch vor allem dann große Freude bereitet, wenn Mori ihre Gedanken über Bücher teilt, die sie regelrecht verschlingt. Tatsächlich hätte ich mir am Ende eine Liste mit allen Bücher, die erwähnt werden, gewünscht. Wundervoll erzählt, mit ganz viel Liebe zur Protagonistin und der Literatur, so dass man wirklich einmal abtauchen und aus der Wirklichkeit verschwinden kann.

Elizabeth Gilbert – City of Girls

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Elizabeth Gilbert – City of Girls

Mit den langweiligen Kommilitoninnen in Vassar konnte Vivian nicht viel anfangen, mit dem Studium ebenso, weshalb sie nach nur einem Jahr hochkant rausfliegt. Ende der 1930er Jahre wissen die bürgerlich-konservativen Eltern nicht viel mit ihr anzufangen, weshalb sie das Landei zur Tante nach New York schicken. Peg unterhält dort ein Theater und schnell schon taucht Vivian in die Welt der Revue-Mädchen und vor allem das Nachtleben der Großstadt ein. Sie lernt einen ganz anderen Lebensstil kennen, von dem ihre Eltern entsetzt wären, hätten sie auch nur den geringsten Schimmer. Mit ihrem ausgesprochenen Nähtalent kann sie sich auch schnell einen wichtigen Platz erobern und als sich die berühmte britische Bühnenschauspielerin und Freundin Pegs, Edna Watson, wegen des Kriegs ankündigt, verspricht nochmals eine neue Zeit anzubrechen – mit allen schönen und nicht so schönen Seiten.

Elizabeth Gilbert hat keinen Roman verfasst, sondern eine Hommage an das wilde Manhattan der 1940er Jahre, wo man das Kriegstreiben in Europa noch ignorieren konnte und das Leben in vollen Zügen genoss. Das zwielichtige Schauspielhaus, das statt großer Tragödien leichte Revuen mit noch leichter bekleideten Mädchen bot, die regelmäßig den Tag zur Nacht machten und die nach Prohibition und Weltwirtschaftskrise Anfang des Jahrzehnts scheinbar alles nachholen mussten, ist eine ganz eigene kleine Welt innerhalb des Großstadttrubels. Was außerhalb dieser kleinen Familien geschieht, spielt keine Rolle, denn innerhalb der Wände des Theaters findet sich schon das pralle Leben mit all seinen komischen und tragischen Momenten.

Genaugenommen erzählt Gilbert eine klassische coming-of-age Geschichte eines Landeis, das völlig naiv und unbedarft in die Großstadt gerät und dort auch prompt noch in ein Milieu, wo man es mit bürgerlichen Konventionen besonders locker nahm. In Pegs Theater findet sich noch der letzte Rest der längst vergangenen schillernden 20er Jahre, die Zeit scheint fast stehengeblieben. Erwartungsgemäß tappt Vivian in so manche Großstadtfalle, bevor schließlich der unweigerliche Skandal kommt, der sie zurück zur Familie treibt, wenn auch nur kurz. Dann wird aus der Geschichte des Erwachsenwerdens jene einer unabhängigen Frau, deren Denken wie auch Kleidung nicht den gängigen Erwartungen entspricht und die ihren eigenen Weg wählt und so lebt, wie sie es sich wünscht, egal, was die Menschen um sie herum darüber denken. Sie brauchte die Erfahrungen aus den jungen Jahren, um zu jener Grande Dame zu werden, die sie am Ende ihres Lebens ist.

Ohne Frage ist Elizabeth Gilbert eine wundervolle Erzählerin, die einem sogleich in die Glitzerwelt des Lily Playhouse eintauchen lässt. Man begleitet Vivian auf dem bisweilen steinigen Weg vom Mädchen zur Frau und verzeiht ihre Naivität gerne, denn letztlich hat sie ein gutes Herz. Viele herrlich komische Situationen und wundervoll pointierte Formulierungen lassen einem immer wieder schmunzeln. Einzig die Rahmenhandlung wirkt doch etwas bemüht und ist eigentlich völlig überflüssig. Darauf hätte ich gut verzichten können, denn diese hat kaum mehr zur Figur von Vivian beigetragen und für mich das Ende auch unnötig hinausgeschoben.

So wild das Treiben im Theater, so lebendig wird auch der Roma erzählt. Die Begeisterung des jungen Mädchens für diese schillernde Welt kann einem auch als Leser direkt packen und fesseln.

Frances Macken – You Have to Make Your Own Fun Around Here

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Frances Macken – You Have to Make Your Own Fun Around Here

Since their childhood, Katie, Maeve and Evelyn have been friends and it was never a question who was the leader of their gang. Admired by the other two girls, Evelyn decided on what and who to like or dislike. When a new girl moves to their small Irish community, she immediately knows that Pamela is arrogant and stupid. Due to her mother’s interference, Katie is prone to become Pamela’s friend, but before they could really get to know each other, the girl vanishes and is never to be seen again. Rumours go from her being killed by one of the trio’s friends, over being abducted to her having run away. When school is over, Katie and Evelyn plan to move to Dublin together, but when her friend is not accepted at university, Katie for the first time is on her own and cannot rely on her friend anymore.

What a great beginning of a novel. I totally adored to careless and adventurous kids who then developed into typical teenagers. Unfortunately, the novel lost a bit of its spirit when the three separate. Even though this is necessary for Katie’s development, from this point on I struggled a bit with the reading, first and foremost because I found it hard to endure Katie’s naivety and her inability to become an independent person, to develop her own ideas and tastes, she is totally dependent on others and their opinion, thus just bounces somehow in her life without goal. Her return to her small hometown is a logic consequence which even makes things worse for her.

In my opinion, the protagonist is well developed and throughout her life, the decisions made are well motivated by her personality and point of view, yet, she is certainly not a character to sympathise with or to take as a role model. In spite of that, I found it quite realistic to see how she struggles with her future, not having really developed but play but only a mere vague dream, she cannot succeed and must end up being totally disappointed. Similarly, her blindness when it comes to her friend Evelyn is well portrayed, she ignores all warnings and other views and is thus left to learn it the hard way.

A wonderful first part and some great aspects, nevertheless, I was a bit disappointed in the end, as I think the author could have made more of her plot and character.

Rosanna Amaka – The Book of Echoes

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Rosanna Amaka – The Book of Echoes

The new decade has just begun when life as he knows it ends for 16-year-old Michael Watson: his mother is murdered in their home and he and his little sisters find themselves alone in Brixton. The person who always told him that people of Jamaican descend have to work two times as hard as others and should keep their head down is gone and it does not take too long until his mother’s concerns are proven right. Thousands of kilometres south in a small Nigerian village, Ngozi has to say goodbye to her mother and younger sisters, she is sent to town to work as a maid and earn money for the family. Two kids who hardly have anything in common except for the very poor and hard start in life. Yet, they are born fighters and in them, they carry the echo of decades of people who had to face a similar situation and also fought for their future.

Rosanna Amaka tells the two very different stories alternatingly, you switch from Thatcher London to chaotic Nigeria and even though the surrounds could hardly differ more, there are some parallels between Michael and Ngozi. It is obvious that their lives have to collide at one point, yet, much less obvious to answer is the question if they will succeed and escape the poor life they are born in.

I totally adored the story around Ngozi even though there is not much to adore in her life. The hardship of her family who does not know how to make ends meet, a father who ignores his kids and later the families who employ and exploit her. Born and raised in Europe, one cannot really imagine the life of a girl of her background:

“’Ngozi, as a woman there are some things we have no choice in,’ she says and gets up from her chair. (…) She goes to sleep and to cry over the innocence her daughter will lose.”

Young girls are the most vulnerable and those who can just take advantage of it. Her employer, the employer’s wife, white men coming to Africa who believe to be superior and to have the right to treat people there like goods – it is not just what they have to endure but also how they seem to accept this as a fact of life, just as Ngozi’s mother put it.

For me, it took a bit too long to bring the two parts together, admittedly, the end was also a bit too foreseeable and sweet. Each on its own works perfectly well and could have done without the other actually. Nevertheless, the novel is beautifully written and I totally enjoyed reading it.

Lily King – Writers & Lovers

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Lily King – Writers & Lovers

Casey Peabody has always wanted to be a writer. At 31, she finds herself waiting tables, living in a run-down garage and with several debt collectors on her heels. For six years she has worked on her novel but somehow it does not work out, too high the pressure from real life. When her mother died a couple of months before, she not only lost her confidant, but constantly feels the big hole this loss left behind in her. Then she meets Oscar, a successful writer and widowed father of two, who seems to be the way out of her misery: a lovely home, stable relationship, two adorable boys, a life without worries. But it does not feel right, especially since there is Silas, too, quite the opposite of Oscar. When Casey is fired from the restaurant and her landlord tells her that the house is to be sold, the anxiety that has accompanied her for years becomes unbearable.

Raise your hand is you never dreamt of writing a novel. Isn’t that what we as avid readers long for? To intrigue others with what is lurking within ourselves and, of course, to be praised and complimented for our artistic capacities. Well, that’s just one side of being a writer, many more authors will actually have to face a life just like Casey: never to know if you can make the ends meet, frustrated because the writing does not move on, the words do not come, taking on any job just to survive and organising the writing around working hours. Lily King has painted quite a realistic picture of a novelist’s situation in “Writers & Lovers”. Yet, that’s by far not all the novel has to offer.

Her protagonist belongs to the generation who struggles to grow-up. They have been promised so much, they were full of energy in their twenties, but now, hitting 30, they have to make a decision: giving up their dreams for a conservative and boring but secure life just like the one their parents lead or going on with a precarious living that feels totally inadequate. No matter how they decide, it could be the wrong choice and the fear of not picking the right thing paralyses them, an overwhelming anxiety takes over control making them incapable of moving on or doing anything at all. They are stuck in a never-ending rat race which covers all areas of their life. Casey is the perfect example of her generation, highly educated, intelligent, good at dealing with people but nevertheless full of doubts about herself and frustrated by the constant setbacks.

I totally adored the novel, it is somehow a coming-of-age at a later age novel. The characters are authentically represented, the emotional states are wonderfully conveyed and thus easy to follow. Even though there is quite some melancholy in it, I did not feel saddened since it also provides a lot of hope just never to give up since all could turn out well in the end.

Matthias Brandt – Blackbird

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Matthias Brandt – Blackbird

Mit 15 ist das Leben nicht einfach. Erst trennen sich Mortons, genannt Motte, Eltern, dann wird sein bester Freund Bogi krank und zu guter Letzt fährt plötzlich auch noch Jacqueline, das hübscheste Mädchen überhaupt, mit wehendem Haar auf dem Fahrrad an ihm vorbei. Die Emotionen bewegen sich nur noch in den Extrembereichen, Normalität findet nicht mehr statt. Zwischen flatternden Schmetterlingen, erstem Rausch und ernüchternder Breitseite des Lebens geht ein schweres Jahr für Motte vorüber, das schonungslos zeigt, dass jung zu sein nicht immer erstrebenswert und schon gar nicht einfach ist.

Matthias Brandts erster Roman erzählt eine emotional berührende Coming-of-Age Geschichte einer längst vergangenen Zeit. Man kehrt zurück in die 70er Jahre der deutschen Kleinstadt, wo Jungs noch Liebesbriefe schrieben und die Lehrer echte Sadisten sein konnten. Die Freunde hatten die seltsamsten Spitznamen und Witze durften noch recht derbe sein. Brandt trifft für mein Empfinden den Ton und Seelenzustand seines Protagonisten überzeugend, vor allem seine schonungslose Schilderung des Umgangs mit dem Tod, der sowohl die Überforderung der jungen Freunde wie aber auch der Eltern zeigt, lässt seine Figuren ausgesprochen menschlich wirken.

Insgesamt eine vor allem unterhaltsame Angelegenheit. Motte ist weder der große Held noch der Dauerloser, er ist erfrischend normal und tut völlig normale Dinge. Das geht mal gut und mal daneben, ist aber locker geschildert und macht daher auch über weite Strecken einfach sehr viel Spaß. Die Erzählung von Freundschaft, erster Liebe und dem harten Alltag in einer Schule kommt so charmant daher, dass man auch die traurigen Momente gut verkraften kann. Besonderes Plus: kein belehrender Zeigefinger, kein Bildungsziel lugt hinter den Seiten hervor, sondern einfach nur die Erinnerung an eine vermeintlich sorgenfreie Zeit, die es so schon längst nicht mehr gibt.

David Nicholls – Sweet Sorrow

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David Nicholls – Sweet Sorrow

Ein Sommer, der alles ändert. Nachdem seine Mutter erklärt, dass sie sich trennen wird und auszieht, bleibt Charlie mit seinem arbeitslosen Vater allein zurück. Immer mehr verliert er die Lust auf Schule und nimmt nur widerwillig an den Abschlussprüfungen teil. Doch dann begegnet er zufällig Fran Fisher. Sie wiederzusehen hat jedoch einen Haken: er muss sich ihrer Schauspielgruppe Full Fathom Five anschließen und in Shakespeares „Romeo und Julia“ auftreten. Eigentlich nicht seine Welt, aber was tut man nicht alles für das Mädchen, das man liebt. Doch der Moment des Glücks sollte nur kurz währen, über ihm schwebt ein Damoklesschwert, das droht, alles zunichte zu machen. Und dann tritt die Katastrophe auch ein. Zwanzig Jahre später, kurz vor seiner Hochzeit, wird er wieder an diesen Sommer erinnert und muss sich der Frage stellen, ob er es wagen soll, Fran noch einmal zu treffen.

Wenn dem Autor eines hervorragend gelingt, dann das Lebensgefühl der Teenager einzufangen. Die Unsicherheiten, widersprüchliche Gefühle, das Schwanken zwischen cool sein oder seiner inneren Stimme folgen zu wollen, die typischen Probleme mit den Eltern und eine gewisse Plan- und Orientierungslosigkeit was die Zukunft angeht – all dies findet sich im Protagonisten Charlie Lewis, der dann durch das unerwartete Verlieben vollends ins Wanken gerät. Der erwachsene Charlie hätte sicher noch mehr sagen können und dürfen, bleibt jedoch eine Figur am Rande, die nur den Rahmen liefert.

„Sweet Sorrow“ war mein erster Roman von David Nicholls und er hat mich stark an die 90er Jahre Romane von Nick Hornby erinnert. Im Zentrum der Geschichte der sympathische Loser, dem nichts so richtig auf Anhieb gelingen will, der aber irgendwie liebenswert ist und ganz sicher das Herz am rechten Fleck hat. Das zeigt Charlie vor allem im Umgang mit seinem alkoholabhängig-depressiven Vater. Eigentlich hätte er selbst genügend Probleme, muss er sich auch noch um einen Erwachsenen Kümmern, der als Erzieher völlig ausfällt.

Was mich bei Hornby immer begeisterte, findet sich auch bei Nicholls: die musikalische Einbettung des Romans. Wer in den 90ern jung war und britische Musik liebte, wird seine große Freude an „Sweet Sorrow“ haben. Daneben überzeugt Nicholls damit, dass er die erste große Liebe nicht verklärt und überhöht und zu dieser bittersüßen Liebesgeschichte den Jugendlichen auch die Realität in Form der Eltern aufbürdet.

Die erste Liebe, präsentiert wie ein Popsong, den man einen Sommer lang in Dauerschleife hört und doch nicht überdrüssig wird und der einem Jahre später, wenn er zufällig wieder einmal im Radio läuft, an die Zeit erinnert und fröhlich mitträllern lässt.

Carmen Buttjer – Levi

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Carmen Buttjer – Levi

Ein Zelt auf dem Dach ist sein neues Zuhause. Und das seiner Mutter. In der Urne. Die er bei ihrer Beerdigung einfach mitgenommen hat, als er weglief. Nun sitzt Levi wenige Stockwerke über der Wohnung, in der nur noch sein Vater ist, der ihm schon immer fremd war, den er jetzt aber gar nicht mehr erkennt. Zum Glück hat er noch den Kioskbesitzer Kolja, der den 11-Jährigen mit seiner Trauer annimmt, denn davon versteht der ehemalige Fotojournalist und Kriegsberichterstatter viel. Auch in Vincent findet er einen Verbündeten, der mit ihm durch die Stadt zieht und ihn nicht wie ein Kind behandelt. Aber immer wieder kehrt die Angst zurück, vor dem, der ihm seine Mutter genommen hat. Es muss ein wildes Tier gewesen sein, ein Tiger vermutlich. Gesehen hat er ihn nicht, denn er schlief nur wenige Schritte entfernt unter dem Schreibtisch, aber er konnte ihn spüren und wird nun von ihm verfolgt.

Carmen Buttjers Debutroman ist eine lustig-traurige Geschichte, die das Schlimmste in Worte fasst, wofür Kinder keine Worte haben und was sie nicht begreifen können: den Tod eines Elternteils. Aber nicht nur den Kindern geht es so und das ist der Autorin sehr überzeugend gelungen zu verdeutlichen: auch der Vater und Ehemann kann mit der Situation nicht umgehen, ist überfordert, traurig, verzweifelt und kann nicht begreifen, was gerade geschieht. Diese beiden ebenso wie die Nachbarn Kolja und Vincent tragen den Roman, die Handlung wird nebensächlich, fast so wie die Zeit anhält, wenn einem ein solcher Schicksalsschlag widerfährt.

Die Geschichte spielt sich immer wieder zwischen den konstanten Fixpunkten Wohnung – Zeltlager – Kiosk und dem Herumstreunen in der Großstadt ab. Zu oft ist Levi bereits umgezogen als dass es seine Stadt wäre, sie ist ihm sogar erschreckend fremd. Dies mag auch die Absenz aller Gleichaltrigen erklären. Rastlosigkeit wechselt sich mit erschöpftem Zusammensinken ab, Levis Seelenzustand wird durch sein Handeln gespiegelt. Die Erwachsenen können keinen Trost spenden, sie kommen selbst mit ihren eigenen Emotionen und dem Tod nicht klar. Die Flucht in die Fantasiewelt ist da der einzige Ausweg, die Vorstellung von bösen Tieren macht es leichter, das Unglück zu ertragen.

So traurig Anlass und Seelenzustand der Figuren sind, so leicht wirkt der Roman oft, lässt einem immer mal auch Schmunzeln und an das Gute im Menschen glauben. Levis typisch kindlicher Umgang mit der Situation hat ebenso Charme wie es einen berührt zu sehen, wie er versucht die Situation zu begreifen. Der Blick durch die Augen des 11-Jährigen ist Carmen Buttjer hervorragend gelungen, wie sich vor allem auch an dessen Erinnerungen zeigt, die eindeutig demonstrieren, dass Erwachsene sich noch so sehr bemühen können, Dinge von den Kindern fernzuhalten, dies gelingt selten und sie bekommen viel mehr mit (und ab) als man möchte.

„Levi“ ist vieles, Großstadtroman, Coming-of-Age, vor allem aber eine gelungene Umsetzung eines ausgesprochen schwierigen Themas.

Ocean Vuong – Auf Erden sind wir kurz grandios

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Ocean Vuong – Auf Erden sind wir kurz grandios

Ein Sohn schreibt an seine Mutter, berichtet ihr all das, wofür immer die Worte gefehlt haben. Geboren in Vietnam kommt er als kleiner Junge mit seiner Mutter Rose und Großmutter Lan in die USA. Den Gedanken an die Realisierung des American Dream geben sie bald auf und fügen sich dem Schicksal der Landsleute: seine Mutter schuftet in einem Nagelstudio und unterwirft sich tagein tagaus den herrschaftlichen weißen Damen. Der Junge erlebt in der Schule Diskriminierung und Hass, als er sich seiner homosexuellen Tendenzen Gewahr wird, wird dies nicht einfacher. Doch in Trevor findet er seinen ersten richtigen Freund, erlebt Liebe und Sexualität und all das immer in einer Zwischenwelt zwischen dem verlassenen Heimatland und der neuen Heimat, wo die Familie jedoch nie gänzlich ankommt. Es wird viele Jahre dauern, bis der schüchterne Junge die Worte findet, um sein Inneres nach außen zu tragen und sich mitzuteilen.

Immer wenn ein Roman überbordend bejubelt wird, weckt das zwei gegensätzliche Gefühle: Neugier und Abwehr. Warum stürzen sich alle Kritiker und Leser mit Begeisterung auf das Werk und erheben den Autor zum neuen Stern am Literaturhimmel?  Um so vielen zu gefallen, wird womöglich doch wieder mit Versatzstücken und einem gefälligen Schema gearbeitet, will man das dann wirklich lesen? Im Falle von Ocean Vuongs Debut ist mein Urteil eindeutig: ich reihe mich ein in die Schar der Jubelrufer, denn jede Minute des Lesens war ein Genuss wie auch ein Gewinn, denn nicht nur hat der Autor sehr eindrucksvolle Worte gefunden, die noch nach dem Ende nachhallen, obendrein ermöglicht er auch einen kurzen Blick hinter weitgehend verschlossene Türen asiatischer Einwanderer.

Vuong beschreibt eine schwierige coming-of-age Geschichte eines jungen Vietnamesen. Vieles basiert auf seinen eigenen Erfahrungen, auch wenn die Figuren, wie er in einem Interview sagt, aus vielerlei Menschen aus seiner Kindheit und Jugend zusammengesetzt sind. Es ist eine typische Einwanderergeschichte mit großen Träumen, die zerplatzen, vom plötzlichen Entdecken der eigenen Hautfarbe, die vorher weder wahrgenommen noch eine Rolle gespielt hat und jetzt zum entscheidenden Distinktionsmerkmal wird. Es sind Geheimnisse in der Familie, Lebensläufe, die über Jahrzehnte aus blinden Flecken bestehen, weil die Zeiten zu unsagbarem Handeln zwangen.

Gewalt spielt gleich in mehreren Facetten eine Rolle, die psychische, die der Junge in der Schule durch Mobbing, aber auch durch heftige Übergriffe erlebt, genauso aber kommt sie auch im Elternhaus vor; bis er sich als Teenager mutig gegen die Mutter stellt, sind Schläge von ihr ein normaler Teil des Familienlebens und der Erziehung. Liebe drückt sich in der Familie nicht durch Worte aus, die fehlen immer, ihm die vietnamesischen, der Mutter die englischen, es sind die Gesten, die die Verbundenheit verdeutlichen. Ähnlich auch mit Trevor, mit dem er intensive Zeiten erlebt, im guten wie im schlechten Sinne.

Das Geschichtenerzählen nimmt in seiner Familie und im Roman einen wesentlichen Raum ein. Vor allem die Großmutter verbringt Stunden damit, ihm die alten Sagen und ihre eigenen Erlebnisse zu schildern. So entsteht eine Liebe für das Wort und das Erzählen, in einem Umfeld von Analphabeten in einem Land mit einer fremden Sprache. Doch gerade deshalb findet Vuong zu seiner Sprache, der man die Poesie des Vietnamesischen, das so anders funktioniert wie die indoeuropäischen Sprachen, anmerkt. Wo die Worte fehlen, dominieren andere Sinneseindrücke und die finden nun den Weg in die Sprache – Farbe, Gerüche, alles schildert der junge Autor mit einer ganz eigenen Intensität, für die er den Platz am literarischen Sternenhimmel ganz ohne Frage verdient hat.

Patricia Highsmith – Carol oder Salz und sein Preis

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Patricia Highsmith – Carol oder Salz und sein Preis

Die 22-jährige Therese Belivet ist nach New York gezogen, um dort als Bühnenbildnerin zu arbeiten. Ohne die richtigen Kontakte ist das jedoch nicht so einfach und so nimmt sie einen Job in einem Kaufhaus an. In der Puppenabteilung trifft sie kurz vor Weihnachten auf Carol Aird, die für ihre Tochter nach einem Geschenk sucht. Sofort ist Therese von dieser Frau fasziniert und auch bei Carol hinterlässt diese flüchtige und zufällige Begegnung Spuren. Was folgt ist eine Liebesgeschichte, die nicht sein darf. In den USA der ausgehenden 1940er Jahre können zwei Frauen sich nicht lieben, schon gar nicht, wenn eine verheiratet ist und der gehobenen Gesellschaft angehört.

Patricia Highsmith kannte ich bislang nur als Autorin von psychologisch interessanten Krimis (The Two Faces of January, The Tremor of Forgery, The Cry of The Owl, Der talentierte Mr Ripley), eine Liebesgeschichte und vor allem in dieser Konstellation war nun doch eher unerwartet. Die Autorin ahnte sicherlich auch die Reaktionen des zeitgenössischen Publikums voraus, weshalb der Roman 1952 unter dem Pseudonym Claire Morgan erschien und erst fast 40 Jahre später Patricia Highsmith zugeordnet wurde. Interessanterweise verarbeitet Highsmith in dem Roman gleich zwei autobiografische Aspekte: sie selbst arbeitete ebenfalls als Puppenverkäuferin und hatte bei Bloomingdale’s eine ähnlich beeindruckende Begegnung wie ihre Protagonistin und ihre Beziehung mit Kathryn Cohen konnte sie ebenfalls nur im Geheimen leben.

Der Leser begleitet Therese in der Geschichte, erlebt ihre Faszination und Verliebtheit, die auch mit einiger Verwirrung einhergeht. Besonders die Annäherung der beiden Frauen ist Highsmith sehr gut gelungen, es ist nicht die überbordende Leidenschaft, sondern ein langsames Herantasten an die andere. Durch Carols Scheidung und der Kampf mit ihrem Noch-Gatten Harge um das Sorgerecht für die gemeinsame Tochter wird die Liebe verkompliziert und Therese findet sich häufig in der Situation wieder, durch das Verhalten der älteren Frau verunsichert zu werden und nicht zu wissen, ob ihre Empfindungen von Carol gleichermaßen geteilt werden und ob sie nicht nur ein temporärer Zeitvertreib ist.

Eine Liebesgeschichte mit vielen Facetten, die ferner von Kitsch kaum sein könnte und ein sehr lesenswertes Zeugnis seiner Zeit – Patricia Highsmith für mich einmal ganz anders.