Ocean Vuong – Auf Erden sind wir kurz grandios

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Ocean Vuong – Auf Erden sind wir kurz grandios

Ein Sohn schreibt an seine Mutter, berichtet ihr all das, wofür immer die Worte gefehlt haben. Geboren in Vietnam kommt er als kleiner Junge mit seiner Mutter Rose und Großmutter Lan in die USA. Den Gedanken an die Realisierung des American Dream geben sie bald auf und fügen sich dem Schicksal der Landsleute: seine Mutter schuftet in einem Nagelstudio und unterwirft sich tagein tagaus den herrschaftlichen weißen Damen. Der Junge erlebt in der Schule Diskriminierung und Hass, als er sich seiner homosexuellen Tendenzen Gewahr wird, wird dies nicht einfacher. Doch in Trevor findet er seinen ersten richtigen Freund, erlebt Liebe und Sexualität und all das immer in einer Zwischenwelt zwischen dem verlassenen Heimatland und der neuen Heimat, wo die Familie jedoch nie gänzlich ankommt. Es wird viele Jahre dauern, bis der schüchterne Junge die Worte findet, um sein Inneres nach außen zu tragen und sich mitzuteilen.

Immer wenn ein Roman überbordend bejubelt wird, weckt das zwei gegensätzliche Gefühle: Neugier und Abwehr. Warum stürzen sich alle Kritiker und Leser mit Begeisterung auf das Werk und erheben den Autor zum neuen Stern am Literaturhimmel?  Um so vielen zu gefallen, wird womöglich doch wieder mit Versatzstücken und einem gefälligen Schema gearbeitet, will man das dann wirklich lesen? Im Falle von Ocean Vuongs Debut ist mein Urteil eindeutig: ich reihe mich ein in die Schar der Jubelrufer, denn jede Minute des Lesens war ein Genuss wie auch ein Gewinn, denn nicht nur hat der Autor sehr eindrucksvolle Worte gefunden, die noch nach dem Ende nachhallen, obendrein ermöglicht er auch einen kurzen Blick hinter weitgehend verschlossene Türen asiatischer Einwanderer.

Vuong beschreibt eine schwierige coming-of-age Geschichte eines jungen Vietnamesen. Vieles basiert auf seinen eigenen Erfahrungen, auch wenn die Figuren, wie er in einem Interview sagt, aus vielerlei Menschen aus seiner Kindheit und Jugend zusammengesetzt sind. Es ist eine typische Einwanderergeschichte mit großen Träumen, die zerplatzen, vom plötzlichen Entdecken der eigenen Hautfarbe, die vorher weder wahrgenommen noch eine Rolle gespielt hat und jetzt zum entscheidenden Distinktionsmerkmal wird. Es sind Geheimnisse in der Familie, Lebensläufe, die über Jahrzehnte aus blinden Flecken bestehen, weil die Zeiten zu unsagbarem Handeln zwangen.

Gewalt spielt gleich in mehreren Facetten eine Rolle, die psychische, die der Junge in der Schule durch Mobbing, aber auch durch heftige Übergriffe erlebt, genauso aber kommt sie auch im Elternhaus vor; bis er sich als Teenager mutig gegen die Mutter stellt, sind Schläge von ihr ein normaler Teil des Familienlebens und der Erziehung. Liebe drückt sich in der Familie nicht durch Worte aus, die fehlen immer, ihm die vietnamesischen, der Mutter die englischen, es sind die Gesten, die die Verbundenheit verdeutlichen. Ähnlich auch mit Trevor, mit dem er intensive Zeiten erlebt, im guten wie im schlechten Sinne.

Das Geschichtenerzählen nimmt in seiner Familie und im Roman einen wesentlichen Raum ein. Vor allem die Großmutter verbringt Stunden damit, ihm die alten Sagen und ihre eigenen Erlebnisse zu schildern. So entsteht eine Liebe für das Wort und das Erzählen, in einem Umfeld von Analphabeten in einem Land mit einer fremden Sprache. Doch gerade deshalb findet Vuong zu seiner Sprache, der man die Poesie des Vietnamesischen, das so anders funktioniert wie die indoeuropäischen Sprachen, anmerkt. Wo die Worte fehlen, dominieren andere Sinneseindrücke und die finden nun den Weg in die Sprache – Farbe, Gerüche, alles schildert der junge Autor mit einer ganz eigenen Intensität, für die er den Platz am literarischen Sternenhimmel ganz ohne Frage verdient hat.

Patricia Highsmith – Carol oder Salz und sein Preis

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Patricia Highsmith – Carol oder Salz und sein Preis

Die 22-jährige Therese Belivet ist nach New York gezogen, um dort als Bühnenbildnerin zu arbeiten. Ohne die richtigen Kontakte ist das jedoch nicht so einfach und so nimmt sie einen Job in einem Kaufhaus an. In der Puppenabteilung trifft sie kurz vor Weihnachten auf Carol Aird, die für ihre Tochter nach einem Geschenk sucht. Sofort ist Therese von dieser Frau fasziniert und auch bei Carol hinterlässt diese flüchtige und zufällige Begegnung Spuren. Was folgt ist eine Liebesgeschichte, die nicht sein darf. In den USA der ausgehenden 1940er Jahre können zwei Frauen sich nicht lieben, schon gar nicht, wenn eine verheiratet ist und der gehobenen Gesellschaft angehört.

Patricia Highsmith kannte ich bislang nur als Autorin von psychologisch interessanten Krimis (The Two Faces of January, The Tremor of Forgery, The Cry of The Owl, Der talentierte Mr Ripley), eine Liebesgeschichte und vor allem in dieser Konstellation war nun doch eher unerwartet. Die Autorin ahnte sicherlich auch die Reaktionen des zeitgenössischen Publikums voraus, weshalb der Roman 1952 unter dem Pseudonym Claire Morgan erschien und erst fast 40 Jahre später Patricia Highsmith zugeordnet wurde. Interessanterweise verarbeitet Highsmith in dem Roman gleich zwei autobiografische Aspekte: sie selbst arbeitete ebenfalls als Puppenverkäuferin und hatte bei Bloomingdale’s eine ähnlich beeindruckende Begegnung wie ihre Protagonistin und ihre Beziehung mit Kathryn Cohen konnte sie ebenfalls nur im Geheimen leben.

Der Leser begleitet Therese in der Geschichte, erlebt ihre Faszination und Verliebtheit, die auch mit einiger Verwirrung einhergeht. Besonders die Annäherung der beiden Frauen ist Highsmith sehr gut gelungen, es ist nicht die überbordende Leidenschaft, sondern ein langsames Herantasten an die andere. Durch Carols Scheidung und der Kampf mit ihrem Noch-Gatten Harge um das Sorgerecht für die gemeinsame Tochter wird die Liebe verkompliziert und Therese findet sich häufig in der Situation wieder, durch das Verhalten der älteren Frau verunsichert zu werden und nicht zu wissen, ob ihre Empfindungen von Carol gleichermaßen geteilt werden und ob sie nicht nur ein temporärer Zeitvertreib ist.

Eine Liebesgeschichte mit vielen Facetten, die ferner von Kitsch kaum sein könnte und ein sehr lesenswertes Zeugnis seiner Zeit – Patricia Highsmith für mich einmal ganz anders.

Felicity McLean – The Van Apfel Girls Are Gone

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Felicity McLean – The Van Apfel Girls Are Gone

It’s been twenty years that Tikka Molloy fled her Australian home. Now that her sister is seriously ill, she returns not only to her family but also to a secret that the girls have kept for two decades. They have always been friends with the three van Apfel girls who just lived across the street, Cordelia, Hannah and Ruth were their closest friends that they confided in. And so did the Molloy girls. This is why they shared their plan of running away. But something went totally wrong. Tikka’s older sister Lauren was to go with them, but somehow they miss each other at their agreed meeting point and a few days after they ran away, only 8-year-old Ruth turned up again. Dead. Returning home brings back all the memories of the weeks before the van Apfel girls’ disappearance.

Felicity McLean’s novel mixes different topics and genres. On the one hand, it is a coming-of-age novel, the girls all have to face the fact that adults can be evil and that sometimes are not to be trusted. On the other hand, it is also a mystery novel, you don’t know what really happened, if the girls might still be alive. And it is a study in how to live with the knowledge that behaving in a different way in a certain situation might have made a big difference.

As other reviewers have pointed out before, yes, while reading you have the impression of having read it before. There are certain parallels to other novels such as “The Suicide Sisters” and much of the plot has been treated in similar ways before. Yet, I liked to read it anyway especially because McLean manages to convincingly get the tone of eleven-year-old Tikka who is at times naive but always good-hearted and well-meaning. A perfect beach read that I thoroughly enjoyed.

Juliet Escoria – Juliet the Maniac

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Juliet Escoria – Juliet the Maniac

When Juliet finally comes to High School, she has high expectations. Since she is assigned to many honours classes, her talents sure will soon be seen by her teachers. However, instead of concentrating on her educational goals, Juliet is completely preoccupied with what others think of her, why she does not fit in and why she even lost the only friend she had in middle school. She struggles more and more and enters a spiral of drugs and self-harm until she, at last, cries for help and is brought to a hospital. With changing school, she hopes to find back to her old self, but the mental illness she has to recognize as a part of her personality, keeps her at the edge between life and death.

I have read several novels about teenagers developing mental illnesses and struggling to come back to something like a normal life. Thus, I was keen on reading Juliet Escoria’s novel which comes with high praise and was highly anticipated. Sadly, the protagonist didn’t really convince me and I hardly could relate with her and her fate.

The biggest problem for me was that throughout the novel I had the impression that the medicine to treat bipolar disorder or depression is somehow glorified and paralleled with “ordinary” drugs that are consumed by teenagers, such as alcohol, marihuana or any type of pills. Also the fact that having sex while being completely out of your mind was repeatedly portrayed as something you should go for left me a bit wondering. Since Juliet does not really seem to be willing to overcome her addictions or to find a way of living with her diagnosis and the side effects that come with it, I also did not find the novel helpful in any way.

Well, there were some entertaining parts in it, it was even funny at times. And surely it shows that absolutely anybody might end up with mental struggles and that you cannot really do something about it. The tone was adequate for a teenager, even though she often sounded a bit older than just the 14 she was at the beginning.

Maria Kuznetsova – Oksana, Behave!

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Maria Kuznetsova – OKsana, Behave!

Ukraine is not what it was anymore and therefore, Oksana’s family decides to leave the country for America. Yet, life is not easy there. The father, a former physicist, does not find an adequate job and therefore delivers pizza; the mother is depressed after having lost another child early in her pregnancy; for the eccentric grandmother things are even worse. And Oksana? She is the strange kid in school. Due to her frequent misunderstandings, she gets herself constantly in trouble and behaves in a very bizarre way in her classmates’ opinion. However, while growing up, life in this strange country gets easier for her, but there is a Ukrainian part in Oksana that still lings for another side of per personality and in Roman, also of Russian decent, she finds a man with whom she can share the undefined longing.

Maria Kuznetsova herself knows what Oksana goes through when being moved from an eastern European country to the US, since she herself had to leave Kiev as a child to emigrate. Her debut is hard to sum up in just a couple of words: it is hilariously funny at the beginning when the family arrives in Florida, throughout the plot, however, they superficial amusement turns into a more thoughtful narrative that focuses on the sincerer aspects of migration and its impact on the development of a young person.

Oksana surely is a very unique character, very naive and trusting at first, she quite naturally falls prey to masses of misunderstandings and is bullied by the other children. Throughout the novel, it is not the relationships with the outside world that are interesting, but first and foremost, those within the family. Especially between Oksana and her father who is fighting hard to succeed and offer the best to his family. As a young girl, Oksana cannot really understand her mother, it takes some years until she finally realises what makes her depressed and cry so much. However, it is especially the grandmother who has a big impact on her, even though the full extent of their love and commitment will only show at the very end.

“Oksana, Behave!” is an exceptional novel in several respects. What I appreciated most is the comical tone with which the story is told and the way in which Maria Kuznetsova showed the girl’s growing up as a process which does not go without trouble but is also heart-warming.

Adib Khorram – Darius the Great is not Okay

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Adib Khorram – Darius the Great is not Okay

Darius Kellner has never really fit in into Chapel Hill High-School, not just because he is half-Persian but also because of his depression which makes it hard for him to make friends. When is grandfather gets seriously ill, his whole family is flying to Yazd for the first time: his father, whom he considers an “Übermensch” because he is perfect in every respect, his beloved mother and his 8-year-old sister Laleh. Even though Iran is much less different from his home than expected, Darius, or Darioush as he is called there, makes masses of new experiences. He finds a good friend in Sohrab, plays football successfully and with fun, he tries out great Persian food and the family relationships somehow shift and allow him another look at how things are between himself and the rest of his family. When he returns, he is not the Darius he was before anymore, a bit of Darioush the Great has come with him to the US and he accepts that at times it is ok just not to be okay.

Adib Khoram’s novel presents a very different perspective on many things we know from novels. First of all, it is not an immigrant who comes to the US and has to adjust, but vice versa, an American boy, who even though he has a Persian mother is not speaking any Farsi, who discovers a country and its people of the Middle East. Khoram doesn’t play on clichés here, luckily, Darius does not come with too many ideas about his mother’s native country and enters it rather open-mindedly. Additionally, Darius is at the age where he could have his first girl-friend, but it is not a girl he meets and falls for, but a boy with whom he makes friends. And thirdly, the novel does not present a happy-end where everything is cured and everyone is fine. Darius still suffers from depression and has to fight for every little step in his life. Just travelling to Iran and back does not change everything.

I really enjoyed reading to book. Most of all because it gave a lot of interesting insight in the life in Iran, but also because it doesn’t pretend that life is easy and that everything can be fixed. None of the characters is perfect, they all make mistakes and they all feel awkward at times. In this respect, it is very authentic and convincing. I think it is great for teenagers who struggle with fitting in since the main message for me was that we all at times feel like outsiders and it is absolutely ok, not to fit in and to feel sad at times.

Ariel Kaplan – We Regret to Inform You

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Ariel Kaplan – We Regret to Inform You

Mischa Abramavicious is the perfect student: she has all the grades it needs to get into the best colleges, her list of extracurricular activities is impressive and her single-parent mom will be proud of her. But on Admission Day, she only gets rejections. None of the schools has admitted her, not even the local safety college. But how come? Mischa doesn’t dare to tell her mother but starts investigating instead. Together of the Ophelia Club, a bunch of tech-wise girls of her school, and her friend Nate, they discover that marks and letter of recommendation have been changed – but why, and especially: be whom?

“We Regret to Inform You” is a well-written novel about today’s teenagers and the pressure they are under. Only when the whole world falls apart for Mischa does she realize that she actually has no hobbies, not even an interest but that she has spent the last for years only working for her résumé and to fulfil her mother’s expectations. The later, too, also put much in her daughter’s future, invested money she didn’t have to get her into an expensive private school which promised the best starting point for an Ivy League University.

I really liked Ariel Kaplan’s style of writing. Even though a major catastrophe is happening to the protagonist, the novel is not really depressing but quite entertaining since there are many comic situations and ironic dialogues. The novel concentrates on the positive side which I liked a lot, Mischa doesn’t give up, but her focus shifts and she finally gets to understand herself better. She makes the best of it and fights for her rights – but not at the expense of everything else. So, it still is a young adult novel even though there are some underlying very serious issues.

Dale Peck – Night Soil

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Dale Peck — Night Soil

Judas Stammers lives a peaceful life with his mother. He does not know anything about his father; only when he dies and leaves him masses of books and money does he actually notice this person. His mother is a potter and to their astonishment, her pots sell for an unbelievable amount of money that they actually do not need since their ancestors were coal magnates and founders of the Academy, a private school that also Judas attends. His mother often leaves him alone and the fact of being an outsider makes Judas ruminate a lot about life, his personality and also the history of the place he lives in.

I admittedly did not really get into the novel. Somehow for me, the narration did not completely make sense. I guess this was due to the fact that Judas narrates the long history of his family with masses of enumerations which made me lose the red threat. I found his personality quite interesting, but whenever I had the impression that the novel gets more fascinating and focuses on his development, the plot turned to something different. The end of the novel what highly noteworthy, the philosophical treatise about the parable – but how does this connect to the rest? To finish with something positive: I found many parts hilarious, I liked Judas style of narration, the way he puts his words, the comparisons, but this unfortunately could not counterbalance the weaknesses of the plot that I perceived.

Holly Bourne – Am I Normal Yet?

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Holly Bourne – Am I Normal Yet

Alles, was Evelyn, genannt Evie, möchte, ist normal sein. Zur Schule gehen, Freunde haben und zum ersten Mal einen Jungen küssen. Einmal wöchentlich geht sie noch zu ihr Therapeutin Sarah, ansonsten hat sie ihr Leben wieder gut im Griff. Die Medikamente kann sie langsam reduzieren und in Amber und Lottie findet sie am neuen College auch schnell zwei gute Freundinnen. Sie hat sogar ihr erstes Date, das jedoch etwas anders verläuft als gedacht. Auch das zweite ist eher ein Reinfall. Alles macht den Anschein als wenn Evie eine völlig durchschnittliche 16-Jährige wäre. Doch in ihrem Kopf rasen die Gedanken: kann sie ihren Freunden sagen, dass sie an OCD leidet und regelmäßige Panikattacken erleidet aus Angst, sich mit irgendwelchen Keimen zu infizieren? Nein, sie würden sicher nicht verstehen, weshalb sie permanent Desinfektionsmittel mit sich herumträgt und sie nur Glück hat, wenn sie bestimmte Dinge sechs Mal wiederholt. Die Therapie schlägt gut an und Evie kann zunehmend die Dosis reduzieren, doch sie merkt, dass ihre Gedanken sich zunehmend wieder stärker um ihr obsessives Verhalten drehen und ihr ein Rückfall droht. Aber der darf nicht kommen, sie will nicht versagen, sie will normal sein, daher darf niemand merken, wie schlecht es ihr tatsächlich geht.

Holly Bournes Roman hat zahlreiche Preise gewonnen und es auch auf die Shortlist unzähliger weiterer geschafft, was sich sehr leicht nachvollziehen lässt, denn es ist ihr gelungen ein Jugendbuch über eine psychische Erkrankung zu schreiben, das weder die Krankheit verharmlost, noch einfache Antworten gibt und dabei auch viele lustige Seiten aus dem Leben der Mädchen zeigt. Ihre Geschichte wirkt durch und durch authentisch und glaubwürdig, was sie nicht nur wegen der Thematik aus der Masse der Coming-of-Age-Romane abhebt.

Es ist vor allem die junge Protagonistin und Erzählerin, die die Geschichte trägt. Evie ist einerseits völlig normal und ist mit den Dingen beschäftigt, die Gleichaltrige ebenso umtreiben: Freundschaften, erste Liebe, Schule und die Familie. Sie ist nicht nur ihre Krankheit, auch wenn diese regelmäßig in ihr Leben eingreift und es verkompliziert. Vor allem die Sorge, als „gestört“ abgestempelt zu werden, hält sie davon ab, offen mit ihrer Situation umzugehen. Ein Erlebnis mit einem Klassenkameraden, der ebenfalls an Angststörungen leidet, scheint auch zu unterstreichen, dass trotz aller Fortschritte der Gesellschaft in den letzten Jahren psychische Erkrankungen ein Stigma bleiben.

Sehr gut gelungen ist der Autorin auch, den Club der der Freundinnen zum einen sehr unterschiedlich zu gestalten und sie zum anderen mit essentiellen Fragen nach der Rolle von Frauen und Mädchen auseinandersetzen zu lassen: welche widersprüchlichen Erwartungen haben Jungs an sie und inwieweit wollen sie gefallen und sich selbst und ihre Ideale dafür hintenanstellen. Es kommt tatsächlich etwas unerwartet, die Feminismus-Debatte in einem Jugendbuch zu finden, aber es wirkt weder gezwungen noch wäre es unpassend, denn die Mädchen finden in ihrem Alltag bereits unzählige Beispiele für kritische Situationen, in denen junge Frauen offenkundig benachteiligt werden und dies zum Teil auch selbst fördern und aufrechterhalten. Auch diese Diskussionen werden völlig altersgemäß und aus dem Blick von 16-Jährigen geführt.

Der Originaltitel des Buches „Am I Normal Yet“ geht noch etwas offensiver an die Thematik als der deutsche „Spinster Girls- Was ist schon normal?“, was ich eigentlich besser finde. Ein rundherum gelungener Roman, der nicht nur jugendliche Leser überzeugen dürfte.

Lena Gorelik – Mehr Schwarz als Lila

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Lena Gorelik – Mehr Schwarz als Lila

Sie waren immer zu dritt, Alex, Paul und Nina genannt Ratte. Drei Freunde, die sich alles erzählten, den Kummer teilten und sich trösteten. Sie haben ihre eigenen Spiele, die niemand sonst versteht und die sie nicht teilen. Doch dann kommt der neue Referendar und plötzlich sind da vier. Alex freut sich auf jede Stunde bei ihm, Paul teilt mit ihm die Interessen für Kunst und Ratte verbringt mehr und mehr Zeit mit S. Immer mehr entfernen sie sich, aus dem festen Molekül der Freundschaft werden wieder Atome, andere Moleküle. Doch eine Klassenfahrt wird sie wieder zusammenschweißen, bis das Unglaubliche passiert, das Ungehörige, über das jeder sprechen wird und das die letzten Wochen und Monate in einem anderen Licht erscheinen lässt.

Lena Gorelik findet in „Mehr Schwarz als Lila“ ebenso die Stimme von Jugendlichen auf dem Weg zum Erwachsenen, wie ihr das auch schon in „Null bis unendlich“ überzeugend geglückt ist. Dieses Mal sind es die widersprüchlichen Emotionen, das Zueinanderfinden und sich verlieben, das die jugendlichen Protagonisten ehrausfordert. Die Erwachsenen taugen dabei auch nur bedingt als Vorbild: Alex‘ Vater trauert immer noch seiner Frau nach, die seit inzwischen fast zehn Jahren tot ist. Alex muss ohne Mutter groß werden, ohne jemandem, mit dem sie über das sprechen könnte, was sie verwirrt, ihr Papagei ist da nur ein schwacher Ersatz. Auch „Johnny“ wie sie den Referendar privat nennen, ist selbst noch mehr auf der Suche als dass er Hilfe bieten könnte.

Die Ich-Erzählerin Alex spricht nicht nur zum Leser, sondern sie spricht auch den Menschen an, den sie zu lieben glaubt. Es dauert etwas, bis man durschaut, dass sie ihren Lehrer damit meint. Auch das Zeitkonstrukt erschließt sich erst beim Lesen, beginnt sie doch damit, dass Paul verschwunden ist, warum dies geschah, muss jedoch erst rückblickend aufgelöst werden. Beides lenkt jedoch nicht von der emotionalen Achterbahn der 17-Jährigen ab, die ihre Gefühle nur schwer einordnen kann und so fokussiert auf sich ist, dass vieles um sie herum geschieht, ohne dass sie sich dessen bewusst wäre. Diese Blindheit für die Umwelt ist so typisch für das Alter und doch so singulär eingefangen in diesem Roman.

Klingt die Geschichte fast banal, hundertfach erzählt in immer wieder neuen Varianten desselben Stoffes, ist Lena Goreliks Roman doch viel mehr als ein durchschnittliches Jugendbuch über die erste Liebe. Es ist vor allem die sprachliche Versiertheit der Autorin, die den Roman aus der Masse der Coming-of-Age-Jugendbücher hervorhebt, denn ihre Protagonistin geht vorsichtig mit der Sprache um, analysiert sie beim Erzählen und drängt immer wie das Was hinter das Wie zurück.